Wandel der innerfamiliären Geschlechterverhältnisse in der Nachkriegszeit


Essay, 2012

5 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Nach dem Zweiten Weltkrieg zog über Deutschland eine Trümmerlandschaft. Es war ein mühsamer Prozess, die Familie aus den Ruinen zu holen und wieder ein Stück Normalität in den Alltag zu bringen. Dabei spielten die Frauen eine essentielle Rolle nach der Niederlage im Jahre 1945. Sie waren es, die die Trümmer beseitigten, die Kinder durch Angst und Sorgen bringen mussten, die kriegsversehrten Männer vor Depressionen, Elend und Krankheit schützten. Der Einsatz dieser Frauen hat dazu beigetragen, dass die Familie in der Nachkriegszeit überleben konnte.

Mit dieser Beteiligung der Frauen am Wiederaufbau der zerbombten Städte in den Jahren unmittelbar nach Kriegsende, geht ein ständiger Anstieg der weiblichen Erwerbstätigkeit einher. Besonders die sogenannten „Trümmerfrauen“ und die Frauen im Baugewerbe haben die Wirtschaft und Industrieproduktion angekurbelt, somit wesentlich zum „Wirtschaftswunder“ beigetragen. Allerdings wurde die steigende Beschäftigung der Frauen, besonders in typische Männerberufe, nicht in der Gesellschaft akzeptiert. Es herrschte immer noch die stark konservative Vorstellung, dass die Frau traditionsgemäß in erster Linie Ehefrau und Mutter zu sein hat sowie die damit verbundenen Pflichten zum Beispiel im Haushalt wie Kochen, Saubermachen, Waschen, Nähen und so weiter zu erfüllen hat. Im Gegensatz zu einer langfristig andauernden Berufstätigkeit der Frau, wurde jedoch eine hauswirtschaftliche Berufsausbildung der Mädchen nach ihrer Schulzeit bevorzugt, die idealerweise auf Ehe und Mutterschaft vorbereiten sollte und demzufolge nach der Heirat aufzugeben war. Die Frau nahm also laut konservativ-katholischer Sicht in der hierarchischen Struktur der Ehe eine eher untergeordnete Position ein. Ihr Arbeitsraum sollte sich auf die Familie beschränken, denn ihre natürliche reproduktive Aufgabe war es Kinder zu gebären, diese zu erziehen und somit den Staat Nachwuchs zu sichern sowie einen Ausgleich zwischen den Eheleuten zu schaffen. Viele Frauen waren allerdings nicht bereit in diese Rolle als Hausfrau zurückzutreten nachdem ihre Ehemänner aus der Kriegsgefangenschaft kamen. Schließlich konnten sie jahrelang beweisen, dass sie in der Lage waren die Tätigkeiten der Männer zu übernehmen und die lebensbedrohliche Ausnahmesituation der ersten Nachkriegsjahre zu überwinden und damit typische männliche Eigenschaften wie Tapferkeit oder Einsatzbereitschaft gewachsen zu sein.

In den unmittelbaren Nachkriegsjahren, war es schlicht und ergreifend nicht möglich die „Doppelrolle“ der Frau als Mutter und Erzieherin gleichzeitig zu bewältigen, besonders wenn die Familie nicht mehr vollständig bestand, sondern die Frau aufgrund von Scheidung oder Verwitwung erwerbstätig werden musste. Zusätzlich, nach der „Verordnung über die Leistung von Pflichtarbeit“ vom 31. Juli 1945 mussten nicht nur Männer arbeiten, sondern ebenso wurden Frauen zwischen 16 und 45 Jahren mobilisiert unter der Prämisse, dass sie keine Kinder unter 14 Jahren zu betreuen oder hilfsbedürftige Angehörige zu versorgen haben. Wenn sie sich nicht der Arbeit gestellt hatten, wurde ihnen die Lebensmittelzuteilung verweigert, aber wer über die notwendigen Ressourcen verfügte, konnte sich von einer normalen Berufstätigkeit zum Beispiel durch das organisierte Schwarzmarktgeschäft entziehen. Allerdings betraf das nur wenige Frauen, denn vor allem waren die Jüngeren auf einen Verdienst angewiesen, weil sie entweder kein Geld gespart hatten oder keine Eltern beziehungsweise Verwandten allgemein hatten, die sie durch Not und Elend unterstützen konnten, oder mit keinem Besatzungssoldat bekannt waren, der sie mit Lebensmittel versorgte. Diese Frauen waren letztendlich mit der Situation konfrontiert Lohnarbeit aufzunehmen. Da nicht genügend traditionell weibliche Arbeitsplätze zur Verfügung standen, mussten die Frauen auf Männerarbeitsplätze, zum Beispiel die Trümmerbeseitigung sowie das Bau- und das Baunebengewerbe, ausweichen. Diese Arbeitsbereiche baten sogar den Vorteil Schwer- bzw. Schwerstarbeiterzulagen zu bekommen, welche sich positiv auf die finanzielle Notlage der Familie auswirkte. Andere stark vertretende Arbeitsbereiche waren später im Handel oder in der Landwirtschaft. Das Hauptmotiv der Frau eine Berufstätigkeit aufzusuchen war also die Existenzsicherung. Oft konnten Hamsterfahrten nicht umgangen werden, denn meistens deckte der Lohn allein den täglichen Lebensbedarf nicht. In dieser Zeit wurde die Frau zum Haupternährer der Familie.

Als Folge des Lebensmittel- und Verbrauchsgütermangels stieg die Jugendkriminalität an. Nicht selten mussten männliche Jugendliche Eigentumsdelikte begehen, um an Geldmittel zu gelangen oder weibliche Jugendliche sich der Prostitution widmen. Daraus resultierte eine Zunahme an unehelichen Kindern. In diesen Entwicklungsjahren herrschte ein wahrscheinlich unvermeidbarer Sitten-und Werteverfall.

In dem Bild der erwerbstätigen verheirateten Frau sah die katholische Kirche dementsprechend eine Bedrohung für die gesellschaftliche Funktion der Familie, indem die Frau aufgrund ihrer Berufstätigkeit die Pflichten als Mutter vernachlässigt. Mit Herstellung der alten Sitten und christlicher Werte versuchte die katholische Kirche die durch Nachkriegszeit in Krise geratene Familie zu stabilisieren und vor einem Verfall der Institution Familie aufgrund von weiblicher Berufstätigkeit zu bewahren. Die Unternehmen hingegen nutzten die Arbeitskraft der Frau in Zeiten des Männermangels zu ihrem Vorteil aus.

Besonders Frauen als „dirigierbare Arbeitskraftreserven“ wurden gern angeworben, weil sie geringere Qualifikationen aufwiesen und deshalb weniger Lohn beanspruchen konnten. Es wurden nicht nur Tariflöhne gedrückt, sondern auch Arbeitsschutzmaßnahmen nicht vorschriftmäßig ausgeführt unter dem Leid der Frauen, die aus Angst vor Entlassung sich nicht gegen den Willkürhandlungen wehren konnten. Die Gewerkschaften setzten sich allerdings ein, die traditionellen Barrieren gegenüber Frauenarbeit zum Erliegen zu bringen. Sie erkämpften sich das Recht auf einen Arbeitsplatz und anhand bestimmter Forderungen, wie zum Beispiel die Einführung von Gewerbeinspektorinnen, ermöglichten sie verbesserte Arbeitsbedingungen der berufstätigen Frauen.

Die Bereitschaft von Frauen berufstätig zu werden wurde immer größer vor allem in den 50er Jahren nach der Währungsreform. Einerseits, um den Haushalt weiteraufzubauen und der Bedeutung materiellen Wohlstandes gerecht zu werden. Andererseits, durch die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit eine gewisse Selbstverwirklichung zu erfahren. Die Lage der erwerbstätigen Frau wird also von mehreren Aspekten beeinflusst. Auf der einen Seite sicherlich die Wirtschaftsentwicklung, die entweder Frauenerwerbstätigkeit förderte oder behinderte und auf der anderen Seite die konservativ-katholische Familienideologie, die gegen eine Frauenerwerbstätigkeit warb. Genau diese polarisierende Standpunkte bestimmte die öffentliche Familiendiskussion um die berufstätige Frau in den 50er Jahre sowie auch heute diskutieren Pädagogen, ob die Auswirkungen der außerhäuslichen erwerbstätigen Mütter auf die Betreuung der Kinder, Ehe und Familie gesellschaftlich tolerierbar sind.

Schlussendlich, blieb den erwerbstätigen Frauen die Anerkennung in der Gesellschaft vorenthalten, da die Veränderung der familiären Geschlechterrollen nicht die Definition der Frau als Ehefrau und Mutter entsprach. Deshalb wurde die Berufsarbeit der Frau weiterhin gering geschätzt und somit blieben die Frauen in nachgeordneten Positionen beziehungsweise hatten fast keine beruflichen Aufstiegschancen. Erst später in den 60er Jahren fingen die Frauen an ihre Arbeitsleistung sowie- fähigkeit zu würdigen und schließlich respektierte auch die Gesellschaft den Stellenwert der Frauenerwerbstätigkeit.

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Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Wandel der innerfamiliären Geschlechterverhältnisse in der Nachkriegszeit
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
5
Katalognummer
V992501
ISBN (eBook)
9783346356000
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wandel, geschlechterverhältnisse, nachkriegszeit
Arbeit zitieren
Master of Arts Rosanna Meier (Autor), 2012, Wandel der innerfamiliären Geschlechterverhältnisse in der Nachkriegszeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/992501

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