Alltagsrassismus in Deutschland. Institutioneller und Struktureller Rassismus als Hindernis für Integration?


Hausarbeit, 2020

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Rassismus
2.1 Definition und Bedeutung von Rassismus
2.2 Entstehung von Rassismus in Deutschland

3 Alltagsrassismus
3.1 Mikroaggressionen als Erklärungsversuch von Alltagsrassismus
3.2 Institutioneller und struktureller Rassismus in Deutschland
3.2.1 Institutioneller Rassismus in Polizeibehörden
3.2.2 Institutioneller Rassismus in Bildungseinrichtungen
3.2.3 Struktureller Rassismus bei der Wohnungssuche
3.3 Die Macht der Sprache

4 Rassismusforschung in der Sozialen Arbeit

5 Integration

6 Integration und Rassismus

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Trotz gesetzlicher Regelungen der Gleichbehandlung im deutschen Grundgesetz (vgl. Art.3 Abs. 3 GG) ist der Rassismus für Schwarze1 und People of Color ein alltägliches Geschehen, welches von Vorurteilen belastet ist (vgl. WDR 2018).

Zuletzt sorgte der Mord an den Schwarzen Amerikaner George Floyd am 25.05.2020 in Minneapolis in den USA zu einer Rassismusdebatte, die auch in Deutschland geführt wird. Unter dem Hashtag #blacklivesmatter fanden am 06.06.2020 Demonstrationen in ganz Deutschland statt. Diese sollten neben Solidaritätsbekundungen für People of Color und Schwarze in den USA auch auf den Alltagsrassismus in Deutschland aufmerksam machen. Der Vorsitzende der „Initiative Schwarzer Menschen Deutschland e.V.“, Tahir Della, benennt polizeiliche Kontrollen als ein Beispiel für den alltäglichen Rassismus und kritisiert fehlende Studien (vgl. WDR 2020). Um Alltagsrassismus als Form von Diskriminierung in den polizeilichen Strukturen Deutschlands zu erforschen, plante die Bundesregierung in Folge der Proteste eine Untersuchung zu Rassismus in den Polizeibehörden (vgl. Tagesschau 2020), die jedoch von dem Innenminister Horst Seehofer abgelehnt wurde. Laut Seehofer und der Bundesregierung bestünde zu diesem Zeitpunkt kein Bedarf (vgl. Leitlein 2020).

Diese Arbeit untersucht, was Rassismus bedeutet und wo der Ursprung von Rassismus in Deutschland liegt. Außerdem soll die Frage beantwortet werden, ob Alltagsrassismus in Deutschland ein Hindernis für gelungene Integration ist.

Der erste Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Definition von Rassismus. Anschließend wird die Entstehungsgeschichte des Rassismus in Deutschland beschrieben.

Der zweite Teil bezieht sich auf den Alltagsrassismus. Neben dem Konzept der Mikroaggressionen, wird anhand verschiedener Beispiele der strukturelle und institutionelle Rassismus in Deutschland untersucht. Zusätzlich wird auf den Alltagsrassismus im Sprachgebrauch eingegangen.

Als Beispiel für den alltäglichen Rassismus im Fachbereich Soziale Arbeit, wird eine Studie über Rassismus im Jugendamt vorgestellt.

Im letzten Teil wird die Bedeutung von Integration analysiert.

Anhand der dargestellten Sachverhalte von Alltagsrassismus und Integration wird die dritte Arbeitsfrage, ob Alltagsrassismus ein Hindernis für gelungene Integration ist, analysiert, bevor im Fazit die Arbeitsergebnisse zusammengefasst werden.

2 Rassismus

Ein Blick in die Geschichte Deutschlands bestätigt die Beteiligung an rassistischen Handlungen. Auch heute ist der Alltag vieler People of Color und Schwarzer von Diskriminierung in Form von Rassismus geprägt. Die Beratungsanfragen bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes bezogen auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz aufgrund ethnischer Herkunft und rassistischer Zuschreibungen ist von 2015 bis 2019 um 631 Beratungsanfragen gestiegen. Im Jahr 2019 lag die Zahl der Anfragen bei 1.176 (vgl. Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2020: S.13).

In den folgenden beiden Kapiteln wird der Begriff „Rassismus“ und die Geschichte des Rassismus in Deutschland erklärt.

2.1 Definition und Bedeutung von Rassismus

Der Begriff Rasse stammt aus dem Arabischen und wird mit „Kopf“, „Haut“ und „Herkunft“ übersetzt. Die Existenz verschiedener Rassen ist eine ideologische Wirklichkeit und hat einen biologischen und kulturellen Ursprung (vgl. Arndt 2017: S.41f.).

Im Jahr 1940 unternahm Ruth Benedict eine der ersten Definitionsversuche von Rassismus: „Rassismus behauptet, dass die eine Gruppe Stigmata der Überlegenheit trägt, die andere hingegen die der Minderwertigkeit.“ (Benedict in Bühl 2016: S.56f.).

Eine weitere Definition wurde von der UNESCO formuliert: „Rassismus ist der Glaube, dass menschliche Populationen sich in genetisch bedingten Merkmalen von sozialem Wert unterscheiden, sodass bestimmte Gruppen gegenüber anderen höherwertig oder minderwertig sind.“ (UNESCO in Sow 2018: S.84). In diesen Definitionen unterstreicht die Bürgerrechtlerin Noah Sow die Beschreibung der „white supremacy“, die Überlegenheit der Weißen (vgl. Sow 2018: S.84f.).

Sow ist jedoch der Meinung, dass „der Glaube, dass Menschen aufgrund ihrer genetisch bedingten und als ethnisch interpretierbaren Merkmale bestimmte Prädispositionen [Veranlagungen] jedweder Art haben“ (Sow 2018: S.84), bereits Rassismus ist. Zusammenfassend drückt dies aus, dass der Glaube an die Existenz verschiedener Rassen rassistisch ist. Ob eine subjektive Intention hinter diesem Glauben steckt oder nicht, ist hierbei irrelevant (vgl. Brunson-Phillip & Derman-Sparks 1997: S.2).

Die Annahme, dass Rassismus politisch und ökonomisch durch Über- und Unterordnungsverhältnisse entstanden ist, betont der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss. Er formulierte hierzu vier konkrete Merkmale von Rassismus (vgl. Scherr 2018: S.275).

1. Die Annahme, dass zwischen genetischem Erbteil und intellektuellen Fähigkeiten eine Korrelation besteht, ist ein Zeichen für Rassismus.
2. Die einzelnen Rassen lassen sich nach der Qualität ihres genetischen Erbteils hierarchisch gliedern.
3. Das genetische Erbteil ist bei allen Mitgliedern2 einer Gruppierung vertreten.
4. Die Hierarchie erlaubt es den überlegenen Rassen die anderen Rassen zu befehligen und auszubeuten (vgl. Lévi-Strauss 1989: S.218ff.).

2.2 Entstehung von Rassismus in Deutschland

Der Ursprung des deutschen Rassismus findet sich in der Kolonialzeit. Deutschland hat in den Jahren 1884 bis 1908 Kolonien in Afrika errichtet, die Rassentrennung eingeführt und Schwarze unterdrückt (vgl. bpb 2014).

In den Jahren 1884/1885 wurde die ersten deutschen Kolonien unter anderem in Togo, Kamerun und dem heutigen Namibia errichtet (vgl. Lenzen 2015).

Im Jahre 1896 wurden in Berlin die erste deutsche Kolonialausstellung ausgerichtet. Dort wurden ungefähr 100 Kontraktarbeiter aus den afrikanischen Kolonien ausgestellt (vgl. Reed-Anderson 2004).

Von 1904 bis 1906 fanden Widerstandskämpfe der Khoikhoi, Hereo und Hama in Deutsch-Südafrika statt. Insgesamt wurden 75.000 Herero bei den Widerstandskämpfen ermordet. Die Folge waren ein Verbot von sogenannten Mischehen und die Verabschiedung von Gesetzen für die Unterdrückung von Afrodeutschen (vgl. Sow 2018: S.95). Nach den Reichstagswahlen 1907, bei der die Befürworter der deutschen Kolonialpolitik siegten, wurde das Reichskolonialamt im Auswärtigen Amt errichtet (vgl. Reed-Anderson 2004).

Weitere Widerstandskämpfe fanden von 1905 bis 1908 in Deutsch-Ostafrika statt. Während des „Maji-Maji-Aufstandes“ wurden insgesamt 200.000 Menschen ermordet (vgl. Reed-Anderson 2004).

Zu Beginn des ersten Weltkrieges 1914 wurden weitere 200 Widerstandskämpfer in den deutschen Kolonien hingerichtet (vgl. Sow 2018: S.96). Nach dem Ende des ersten Weltkriegs wurde in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus die Unterdrückung von Schwarzen fortgeführt (vgl. Sow 2018: S.102f.).

3 Alltagsrassismus

Rassistische Diskriminierungen werden im Art. 3 Abs. 3 GG, im Art. 14 der Menschenrechtskonvention (EMRK), im Art. 2 Abs. 1 und Art. 26 des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte (IPbpR) und im Übereinkommen gegen rassistische Diskriminierung (ICERD) verboten (vgl. Cremer 2017: S.406f.).

Trotz dieser Verbote findet Alltagrassismus statt. Eine der ersten Untersuchungen zum Thema Alltagsrassismus führte Philomena Essed im Jahr 1990 durch. Sie definiert Alltagsrassismus wie folgt: “Everyday racism is the integration of racism into everyday situations through practices (cognitive and behavioral) that activate underlying power relations” (Essed 1991: S.50). Sie drückt aus, dass der alltägliche Rassismus durch kognitive und verhaltensbezogene Praktiken, die zugrunde liegenden Machtverhältnisse aktiviert.

In den folgenden Kapiteln werden die verschiedenen Arten von Alltagsrassismus vorgestellt.

3.1 Mikroaggressionen als Erklärungsversuch von Alltagsrassismus

Das Konzept der Mikroaggressionen wurde von Professor Derald Wing Sue entwickelt. In seinem Konzept stellen Mikroaggressionen alltägliche rassistische Äußerungen oder Handlungen gegenüber Schwarzen oder People of Color dar. Wing Sue beschreibt Mikroaggressionen als erniedrigende Botschaften, die weißen Menschen oftmals nicht erkennen. Mikroaggressionen sind aufgrund ihrer Häufigkeit ein strukturelles Phänomen (vgl. Alexopoulou 2018). Wie in Abbildung 1 zu sehen ist, unterscheidet Wing Sue drei verschiedene Typen von Mikroaggressionen (vgl. Ogette 2020: S. 54f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Konzept der Mikroaggressionen (eigene Darstellung)

Mikro-Angriffe werden bewusst und vorsätzlich getätigt. Sie finden Ausdruck bei der Verwendung rassistischer Begriffe oder von Symbolen. Die aktive Bevorzugung weißer Gäste im Restaurant ist beispielsweise ein Ausdruck eines Mikro-Angriffes (vgl. Ogette 2020: S.55).

Mikro-Beleidigungen bestehen aus nonverbaler und verbaler Kommunikation, die sich subtil gegen Schwarze oder People of Color richtet. Ladendetektive, die ihren Fokus besonders auf Schwarze Einkäufer richten oder Polizisten, die verstärkt People of Color und Schwarze kontrollieren, sind Beispiele aus dem Alltag (vgl. Ogette 2020: S.56).

Der letzte Typ beschreibt Mikro-Ausgrenzungen. Hiermit sind Sprach- und Kommunikationsmuster gemeint, die gegenüber Schwarzen oder People of Color ausgrenzend sind. Die Frage „Woher kommst du?“ ist ein Beispiel für eine Mikro-Ausgrenzung. Es wird indirekt impliziert, dass die Person nicht aus Deutschland kommt (vgl. Ogette 2020: S.56).

3.2 Institutioneller und struktureller Rassismus in Deutschland

Die Wissenschaftlerin Vanessa Eileen Thompson der Europa-Universität Frankfurt betont, dass Rassismus in der Gesellschaft manifestiert ist: „Rassismus wird in dieser Betrachtungsweise [von Strukturen und Institutionen] nicht als rein individuelles Fehlverhalten verstanden, sondern als durch gesellschaftliche Strukturen re-produziertes Phänomen der Ausgrenzung, Dehumanisierung, systematischen Benachteiligung und Gewalt sowie der ungleichen Ressourcenverteilung.“ (Thompson 2020).

Im folgenden Kapitel wird institutioneller und struktureller Rassismus anhand der Polizeibehörden, Bildungseinrichtungen und dem Wohnungsmarkt dargestellt.

3.2.1 Institutioneller Rassismus in Polizeibehörden

Eine wesentliche rassistische Handlung innerhalb der Polizei beruht auf dem „Racial Profiling“. Mit „Racial Profiling“ werden polizeiliche Maßnahmen und Kontrollen beschrieben, die aufgrund eines unveränderlichen Merkmals des menschlichen Erscheinungsbildes durchgeführt werden (vgl. Cremer 2017: S.405).

Politisch wird dies dadurch begründet, dass unrechtmäßige Einreisen verhindert werden sollen. Es werden Schwarze und People of Color kontrolliert, die den Polizisten als Ausländer erscheinen. Die deutsche Gesetzgebung legitimiert die Bundespolizei an bestimmten Orten, besonders an Flughäfen, Bahnhöfen und in Zügen, solche Personenkontrollen durchzuführen (vgl. Cremer 2017: S.405).

[...]


1 In dieser Arbeit wird „Schwarz“ als politische Selbstbezeichnung betrachtet und deswegen großgeschrieben (vgl. Sow 2018: S.32).

2 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung personenspezifischer Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für jedes Geschlecht.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Alltagsrassismus in Deutschland. Institutioneller und Struktureller Rassismus als Hindernis für Integration?
Hochschule
Fachhochschule des Mittelstands
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
23
Katalognummer
V992699
ISBN (eBook)
9783346360588
ISBN (Buch)
9783346360595
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rassismus, Alltagsrassismus, integration, soziale Arbeit, Sozialarbeit, deutschland
Arbeit zitieren
Lea Hölkemann (Autor), 2020, Alltagsrassismus in Deutschland. Institutioneller und Struktureller Rassismus als Hindernis für Integration?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/992699

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