Zur Genese der revolutionären Helden. Eine vergleichende Analyse der Kulte um Friedrich Hecker und Che Guevara


Diplomarbeit, 2000
122 Seiten, Note: 1,0

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Inhalt

1. Einleitung

2. Der Kult um Friedrich Hecker
2.1 Friedrich Hecker. Biographischer Umriß
2.2 Friedrich Hecker in der deutschen Revolution von 1848/49
2.3 Der zeitgenössische Kult um Friedrich Hecker
2.3.1 Dimensionen des zeitgenössischen Hecker-Kults
2.3.2 Phänomene des zeitgenössischen Hecker-Kults
2.4 Ursachen des Kults um Friedrich Hecker
2.4.1 Analyse der Kultphänomene
2.4.2 Analyse zeitgenössischer Urteileüber Friedrich Hecker
2.4.3 Weitere Überlegungen zu den Ursachen des Hecker-Kults
2.4.4 Zusammenfassung der konstituierenden Faktoren des Hecker-Kults
2.5 Entwicklungstendenzen des Kults um Friedrich Hecker

3. Der Kult um Che Guevara
3.1 Che Guevara. Biographischer Umriß
3.2 Che Guevara in der Kubanischen Revolution und den weltweiten revolutionären Aufbrüchen der sechziger Jahre
3.3 Der zeitgenössische Kult um Che Guevara
3.3.1 Dimensionen des zeitgenössischen Che-Kults
3.3.2 Phänomene des zeitgenössischen Che-Kults
3.4 Ursachen des Kults um Che Guevara
3.4.1 Analyse der Kultphänomene
3.4.2 Analyse zeitgenössischer Urteileüber Che Guevara
3.4.3 Weitere Überlegungen zu den Ursachen des Che- Kults
3.4.4 Zusammenfassung der konstituierenden Faktoren des Che-Kults
3.5 Entwicklungstendenzen des Kults um Che Guevara

4. Vergleichende Analyse der Kulte um Friedrich Hecker und Che Guevara
4.1 Dimensionen und Phänomene des Hecker- und Che-Kults im Vergleich
4.2 Konstituierende Faktoren des Hecker- und Che-Kults im Vergleich
4.3 Zur Genese des revolutionären Helden
4.4 Entwicklungstendenzen des Hecker- und Che-Kults im Vergleich

5. Ausblick

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

,,Wir haben es unternommen, hierüber große Männer zu sprechen,über die Art ihrer Erscheinung in unserem Weltgetriebe, wie sie sich selbst in der Weltgeschichte zeigten, welche Vorstellungen sich die Menschen von ihnen machten, undüber die Thätigkeit, die sie ausübten; -über Helden also und die Aufnahme, die sie fanden, und ihre Leistungen: was ich Heldenverehrung und das Heldentümliche im menschlichen Handeln nenne." 1 Thomas Carlyle, der berühmte englische Historiker des 19. Jahrhunderts, begann so sein 1841 erschienenes Buch ,,On Heroes, Hero-Worship and the Heroic in History". Große Männer, Helden, so Carlyles zentrale These, sind die Motoren der Geschichte, sie allein sind es, die den historischen Prozeß voranbringen, die Welt in ihrer ganzen Ausgestaltung ist die Verkörperung ihrer Gedanken. Das Buch wurde zum Bestseller und blieb bis heute in der Diskussion.2

Auch die vorliegende Arbeit befaßt sich mit Helden, mit großen Männern, wenn man so will. Doch die Motivation hierfür könnte zu Carlyles verschiedener nicht sein. Wenn dieser den Helden zur Bedingung der Geschichte machte, so wird hier versucht, dessen geschichtliche Bedingtheit zu ergründen. Wenn Carlyle einen Heldenhimmel geschaffen hat, so wird es hier darum gehen, den Helden zurückzuholen auf die Erde. Die ,,Entzauberung des Helden" ist der Antrieb dieses Versuchs.

Doch die Studie wird sich noch in anderer Hinsicht von Carlyles grundsätzlich unterscheiden. Dieser skizziert ein Spektrum an Helden, wie es breiter nicht sein könnte: Von den mythischen Heroen der nordischen Dichtung, über den Religionsstifter Mohammed, die Dichter Dante und Shakespeare, den Reformator Luther und Schriftsteller wie Rousseau schlägt er den Bogen bis Cromwell und Napoleon. Hier wird der Kreis jedoch wesentlich eingeschränkt, von Interesse sind ausschließlich Revolutionäre, im Kontext also ,,revolutionäre Helden". Unter ,,revolutionären Helden" sollen historische Personen verstanden werden, die in einer Weise wirkten und Ziele verfolgten, die zu ihrer Zeit als politisch revolutionär galten, und um die ein Kult entstand, der nicht in irgendeiner Weise ,,von oben" (also z. B. staatlicherseits) gelenkt, inszeniert oder institutionalisiert war, sondern Ausdruck spontaner Verehrung, wie sie in volkstümlichen Erzählungen, populärer Kunst oder Bräuchen im weitesten Sinne zum Ausdruck kommt.3 Durch die Festlegung auf historische Personen sind mythische Helden ausgegrenzt, über die spezifische Fixierung auf die politische Sphäre unterscheiden sich revolutionäre Helden von Kultpersonen anderer Bereiche, wie Künstlern, Feldherrn oder Heiligen, aber auch von konservativen oder anderen nicht-revolutionären politischen Helden. Schließlich sei in der Definition des revolutionären Helden als ,,Volksheld" vom Typus des Führers abgesehen.4

Die Fragestellung der Arbeit soll lauten:

Welche sind die Faktoren, die revolutionäre Helden konstituieren? Anders gesagt: Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit historische Personen zu revolutionären Helden werden? Warum werden bestimmte historische Personen zu revolutionären Helden und andere nicht?5 Hinter dieser Fragestellung steht die Beobachtung, daß das Auftreten revolutionärer Helden im geschichtlichen Prozeß kein einmaliges, sondern ein wiederkehrendes Phänomen darstellt, und des weiteren die Hypothese, daß die jeweiligen Ursachen dieses Auftretens ebenfalls nicht einmalig sind, sondern eine Struktur ausprägen, die über den Einzelfall hinaus weist. Ein Faktorenraster zur Genese des revolutionären Helden zu entwerfen, ist das Hauptanliegen dieser Arbeit.

Eine Annäherung an die Fragestellung wird versucht in der Analyse und darauf aufbauend im Vergleich der Kulte zweier revolutionärer Helden: Friedrich Hecker und Ernesto Che Guevara. ,,Kult" wird dabei definiert als Gesamtheit individueller und kollektiver Verehrung, die auf eine Person gerichtet ist und sich auf verschiedene Art und Weise öffentlich artikuliert. Die spezifischen Formen, in denen sich die Verehrung ausdrückt, also z. B. Bilder, Lieder oder Wallfahrten, sollen ,,Kultphänomene" heißen.6 Das zentrale Kriterium für die Auswahl der Einzelfälle Friedrich Hecker und Che Guevara war, daß sie nicht demselben historischen und kulturellen Kontext entstammen. Die Konzentration auf eine kurze Zeitspanne, wie die Revolution von 1848, oder auf einen engen kulturellen Rahmen, wie Deutschland, hätte eine weitere, nicht beabsichtigte Einschränkung des Untersuchungsgegenstandes ,,Genese des revolutionären Helden" bedeutet. Indem die beiden ausgewählten revolutionären Helden in dieser Hinsicht keine Überschneidung aufweisen, ist die Voraussetzung geschaffen, um weitestgehend vom Einzelfall abstrahieren und sich einer grundlegenderen Struktur nähern zu können.

Ein weiteres Kriterium der Auswahl war der in beiden Fällen relativ gute Stand der

Forschung. Für Friedrich Hecker ist exemplarisch die neuere Biographie von Sabine Freitag zu erwähnen, daneben vor allem zwei Aufsätze von Peter Assion, die sich speziell mit dem Phänomen des Hecker-Kults auseinandersetzen.7 Eine gründliche wissenschaftliche Aufarbeitung des Kultes um Che Guevara wurde trotz dessen Intensität bislang zwar nicht geleistet, die Literatur zu seinem Leben und Wirken ist jedoch sehr umfangreich.8 Im Zuge seines 30. Todestages und der Umbettung seiner Gebeine im Jahr 1997 wurde der Kult um seine Person vor allem in Zeitungen und Zeitschriften verschiedentlich thematisiert.

Gegliedert ist die Arbeit in drei Teile. Die ersten beiden behandeln die Einzelfälle, also den Kult um Friedrich Hecker bzw. den Kult um Che Guevara. Sie sind in ihrem Aufbau und in der Vorgehensweise parallel gehalten, inhaltlich jedoch völlig separat. Die Reihenfolge ihrer Darstellung ist im Grunde beliebig.

Am Beginn jedes Teils steht, gewissermaßen einführend und rein deskriptiv, eine Kurzbiographie des jeweiligen Revolutionärs. Dem folgt ein weiteres Kapitel, das sich mit dem Protagonisten befaßt, allerdings wird hier versucht, dessen zeitgenössische gesellschaftliche Bezüge herauszuarbeiten und die historische Situation zu skizzieren, in der sich die Held-Werdung der historischen Person vollzog. Dabei konzentriere ich mich auf die Zeit des öffentlichen Wirkens der Protagonisten vor ihrer Heroisierung, im Falle Friedrich Heckers also im wesentlichen auf die Zeit ab 1845 und verstärkt der Revolution von 1848, im Falle Che Guevaras auf die Phase seit dem Sieg der Kubanischen Revolution im Jahre 1959. Mit dem jeweils dritten Kapitel wende ich mich den Kulten um die revolutionären Helden zu, zunächst jedoch nur in ihrer zeitgenössischen Ausprägung. Die zeitliche, die regionale und die soziale Dimension der Kulte werden betrachtet, um in einem weiteren Schritt die Bandbreite der Kultphänomene darzustellen und typische Elemente festzuhalten. Zweifellos wird hier keine Vollständigkeit erreicht werden können. Wenn für den Hecker-Kult zumindest ein Querschnitt der Kultphänomene möglich sein dürfte, so muß für den Che-Kult aufgrund dessen wesentlich größerer Verbreitung ein Ausschnitt genügen.

Im vierten Kapitel schließlich wird versucht, die konstituierenden Faktoren des jeweiligen Kultes zu eruieren, also die Faktoren herauszuarbeiten, die Friedrich Hecker bzw. Ernesto Che Guevara zu revolutionären Helden werden ließen. Dies geschieht in drei Schritten:

Zunächst werden die Kultphänomene untersucht. Es wird analysiert, worauf diese besonderen Bezug nehmen, und versucht, darüber auf Ursachen der Kultentstehung rückzuschließen. Mit zeitgenössischen Urteilen über Friedrich Hecker bzw. Che Guevara wird in einem zweiten Schritt analog verfahren. Schließlich wird die historische Situation der Kultentstehung als Ganze analysiert, um weitere konstituierende Faktoren zu entdecken. Zwei Aspekte sind diesen drei Schritten gemeinsam: Zum einen fokussieren sie alle auf unterschiedliche Weise die ,,Schwelle der Transformation" der historischen Person zum revolutionären Helden. In der Konzentration darauf wird die beste Möglichkeit gesehen, zu den tatsächlich konstituierenden Faktoren des Kultes durchzustoßen. Zum zweiten kann das Kriterium für die Auswahl eines Faktors in allen drei Schritten letztlich jedoch nicht die Gewißheit der Kausalität sein, sondern einzig die Plausibilität ihres Einflusses. Wenn in 2.4.4

bzw. 3.4.4 die konstituierenden Faktoren des Hecker- bzw. Che-Kultes zusammengefaßt werden, kann es sich dabei also nur um eine Sammlung plausibler Faktoren handeln. Der Vergleich dieser plausiblen Faktoren zur Konstituierung der Kulte um die beiden Revolutionäre - und damit letztlich zur Konstituierung der revolutionären Helden selbst - führt im dritten Teil der Arbeit zum eigentlichen Ergebnis. Nach einem Vergleich der Dimensionen und der Kultphänomene werden in 4.2 die Ergebnisse der beiden ersten Teile systematisch einander gegenübergestellt. Ausgehend von den beiden Einzelfällen, jedoch in zunehmender Abstraktion von ihnen, wird so gleichsam induktiv ein Faktorenraster zur Genese des revolutionären Helden entworfen. Die Problematik dieser Vorgehensweise, in der Debatte um historische Kausalität und ,,Erklären" in der Geschichtswissenschaft vielfach erörtert9, ist mir bewußt. Insofern ist neben der bereits erwähnten Auswahl der Faktoren unter Plausibilitätskriterien und besonders in Hinblick darauf, daß nur zwei Einzelfälle analysiert wurden, die grundsätzliche Vorläufigkeit und der Vorschlagscharakter des Ergebnisses zu betonen. Nicht das Suchen oder Finden von ,,Wahrheiten" kann der Anspruch dieser Studie sein, sondern die Konstruktion eines vorläufig schlüssigen Interpretationsrahmens.

Im Gefolge der Beschäftigung mit dem zentralen Anliegen, dem Eruieren von Faktoren, die den revolutionären Helden konstituieren, wird noch ein anderer Aspekt in den Blick genommen: die Entwicklungstendenzen der Kulte. Sowohl bei der Hecker-Verehrung als auch bei der Verehrung Che Guevaras konnten im Laufe der Zeit Verschiebungen in den Implikationen festgestellt werden. Diese werden in den Kapiteln 2.5 bzw. 3.5 beschrieben. Ein knapper Vergleich dieser Beobachtungen, der nicht mehr sein will als die Fixierung einiger erster Gedanken, beschließt den Hauptteil der vorliegenden Arbeit.

Die Beschäftigung mit Volkshelden, zu denen revolutionäre Helden zu zählen sind, hat wissenschaftliche Tradition. Ausgehend vom eingangs zitierten Thomas Carlyle entwickelte sich vor allem im angelsächsischen Raum eine immer wieder aufflammende Diskussion um ,,popular heroes". Anders als bei Carlyle, dessen idealistischer Entwurf in keinster Weise einen volkstümlichen Personenkult reflektierte, suchten die folgenden Autoren verstärkt eine Anbindung an die empirische Basis der Volksheldenverehrung, analysierten Bräuche, Erzählungen und Kultgegenstände. So näherte sich die Debatte zunehmend der wissenschaftlichen Disziplin Volkskunde.10

Daß die Ergebnisse dieser Debatte in der vorliegenden Studie, die selbst an der Peripherie der Geschichtswissenschaft angesiedelt ist, nicht einbezogen werden, hat jedoch einen anderen Grund: Die Fragestellung an das Untersuchungsobjekt ,,Volksheld" ist eine andere. Die übliche Vorgehensweise der ,,popular-hero"-Forschung ist, Kulte in ihrer verschiedenartigen Ausprägung zu untersuchen und davon ausgehend, eine Typologie verschiedener Helden, sogenannte ,,hero-patterns", zu entwerfen. So findet sich in Joseph Campbells viel diskutierter Abhandlung ,,Der Heros in tausend Gestalten" eine Einteilung in fünf Kategorien (Krieger, Liebender, Herrscher und Tyrann, Welterlöser, Heiliger), andere erstellten jedoch Schemata mit weit mehr Typen.11 Eine wie auch immer geartete Verortung des revolutionären Helden im ,,Helden-Pantheon" soll hier jedoch nicht interessieren, sondern einzig die Bedingungen seiner Aufnahme in diesen Kreis.

Neben den skizzierten Typologieversuchen gibt es einige Arbeiten, die sich, wie die vorliegende, auf einen Typus des Volkshelden konzentrieren.12 Eine dezidierte Beschäftigung mit revolutionären Helden und ihrer Genese wurde mir jedoch nicht bekannt. So bleiben die Erträge der ,,popular-hero"-Forschung mangels Kompatibilität mit der zentralen Fragestellung und dem Erkenntnisinteresse hier weitestgehend unberücksichtigt, der Gang der Argumentation stützt sich allein auf die vergleichende Analyse der Kulte um Friedrich Hecker und Che Guevara. Dennoch sieht sich diese Studie zur Genese des revolutionären Helden als Beitrag zur Diskussion um Volkshelden in der Geschichte.

2. Der Kult um Friedrich Hecker

2.1 Friedrich Hecker. Biographischer Umriß

Friedrich Karl Franz Hecker wurde am 28. September 1811 in Eichtersheim, Großherzogtum Baden, geboren. Sein Vater Joseph war Verwalter eines ehemals reichsritterschaftlichen Gutes, die Mutter Wilhelmine versorgte die fünf Kinder, von denen Friedrich das älteste war. Ein oppositioneller Geist scheint das Elternhaus geprägt zu haben, denn dem Vater wird eine Beschwerdeschrift an den Großherzog aus dem Jahre 1815 zugeschrieben, in der er sich über ungerechte Steuern und die Verschwendungssucht des Hofes beklagt. Friedrich besuchte ab seinem neunten Lebensjahr das Lyzeum in Mannheim, in seinem Abschlußzeugnis wurden insbesondere die außergewöhnlichen rhetorischen Fähigkeiten positiv vermerkt. 1830 begann er das Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Heidelberg, das er mit der Promotion summa cum laude im Mai 1834 abschloß. Nach dem Referendariat in Karlsruhe erwarb er 1838 die Zulassung zum freien Advokaten am Großherzoglichen Oberhofgericht in Mannheim. Schnell fand er Zugang zu den gebildeten bürgerlichen Kreisen der ,,politisch lebendigsten Stadt Süddeutschlands"13 und heiratete dort im Oktober 1839 Marie Josefine Eisenhardt, die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns.14

1842 begann seine politische Karriere. Zunächst wurde er in den Mannheimer Gemeinderat gewählt, im selben Jahr auch in die Zweite Badische Kammer. Dort schloß er sich der liberalen Opposition an und stand insbesondere in engstem Kontakt mit dem angesehenen Demokraten und späteren Paulskirchen-Abgeordneten Johann Adam von Itzstein. Das Verhältnis zu Itzstein beschrieb Hecker selbst mehrfach als Vater-Sohn-Beziehung.15 Durch seine häufig stürmischen Auftritte in der Kammer erlangte er in Baden bald den Ruf und die Popularität eines Oppositionsführers. Die Ausweisung aus Preußen im Jahre 1845 während einer politischen Reise mit Itzstein, steigerte seine Bekanntheit weit über Baden hinaus und ließ ihm Solidaritätsadressen aus verschiedenen Teilen Deutschlands zukommen.16 Nach Jahren der gescheiterten Reformbemühungen in der Kammer, Ansätzen von Resignation und zunehmender Radikalisierung erweckte die Pariser Februarrevolution auch in Hecker wieder die Hoffnung auf Veränderungen in Deutschland. Er trat auf verschiedenen öffentlichen Versammlungen auf und wurde ins Frankfurter Vorparlament gewählt, wo er sich mit seinem Antrag auf Tagung ,,in Permanenz" allerdings nicht durchsetzen konnte. Nach Baden zurückgekehrt, rief er am 12. April 1848 in Konstanz die Republik aus. Der folgende ,,Heckerzug", der in der Absetzung des badischen Großherzogs in Karlsruhe gipfeln sollte, scheiterte jedoch bereits nach wenigen Tagen. Hecker floh zunächst in die Schweiz, von wo aus er im September 1848 in die USA emigrierte. Im Frühjahr 1849 kehrte er auf Drängen der badischen Revolutionsregierung noch einmal nach Europa zurück, konnte jedoch von Straßburg aus nur noch den endgültigen Zusammenbruch des badischen Aufstands beobachten.

In den USA widmete er sich zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern zunächst ganz dem Aufbau seiner Farm in Belleville, Illinois. Bald beschäftigte er sich jedoch wieder aktiv mit Politik. Im Kontakt mit emigrierten deutschen Demokraten beteiligte er sich 1856 und 1860 am Wahlkampf der Republikanischen Partei und trat schließlich 1861 als Oberst auf Seiten der Union in den amerikanischen Bürgerkrieg ein. 1864 schied er enttäuscht, über eine ausbleibende Beförderung, aus der Armee aus.17

Öffentlich in Erscheinung trat Hecker in der Folge allerdings weiterhin. Zentrale Themen seiner vielfältigen Reden und Veröffentlichungen, die ihn in den USA zu einem der bekanntesten deutschen Emigranten werden ließen, waren die Förderung der freien Wirtschaft, die Reform des Beamtenwesens, die Beschneidung des Einflusses der katholischen Kirche18, aber auch eine scharfe Polemik gegen die Emanzipationsbestrebungen der amerikanischen Frauenbewegung.19 Auch die Entwicklungen in Deutschland verfolgte und kommentierte er von Übersee aus.20 So nahm er die Gründung des deutschen Reiches 1871 zunächst ausgesprochen positiv auf, sah sich jedoch bald in seiner Hoffnung auf eine freiheitliche Entwicklung des geeinten Deutschland getäuscht. Zur großen Freude und Erleichterung der deutschen Demokraten machte er aus seiner ablehnenden Haltung des Bismarck-Staates auch kein Hehl, als er im Jahre 1873 noch einmal Deutschland besuchte. Gegen die versuchte Vereinnahmung durch die Nationalliberalen setzte Hecker sein unbedingtes Bekenntnis zur Republik und die Demokraten triumphierten: ,,er ist der Alte geblieben!" 21

Am 24. März 1881 starb Hecker auf seiner Farm in Illinois.

2.2. Friedrich Hecker in der deutschen Revolution von 1848/49

Der historische Auftritt Friedrich Heckers ist eingebunden in den großen Kontext der deutschen Revolution von 1848/49.22 Als Rahmen erscheint dabei in unserem Zusammenhang zudem wesentlich, daß im Prozeß der industriellen und politischen "Doppelrevolution" (Wehler) nicht nur die sozioökonomischen und politischen Grundlagen der damaligen Gesellschaftsordnung ihre Legitimation verloren und ins Wanken gerieten, sondern daß damit auch eine ,,kulturelle Orientierungskrise"23 verbunden war. Diese fand ihren Ausdruck einerseits in der Gründung neuer kultureller und religiöser Gemeinschaften, wie z. B. der Deutschkatholiken, beförderte andererseits aber auch ein weniger deutlich artikuliertes Bedürfnis nach neuen Werten und Leitbildern.24

Der aktive politische Wirkungskreis Friedrich Heckers beschränkte sich im wesentlichen auf Baden, wo er als Abgeordneter der Zweiten Badischen Kammer bereits vor 1848 beträchtliche regionale Bekanntheit erlangen konnte. Dazu trugen zweifellos seine stürmischen, teils derben Auftritte bei, die einen konservativen Kollegen einmal dazu veranlaßten, den Kammer- präsidenten zu ersuchen, ,,dem Abgeordneten Hecker künftig ein Kissen unterzulegen, damit seine Faustschläge auf dem Pult nicht gehört werden" 25. Andererseits wird eine Ursache der Popularität wohl auch in seiner politischen Programmatik zu suchen sein. Hecker konzentrierte sich verhältnismäßig stark auf Probleme und Themen, die nahe an den Bedürfnissen der Bevölkerung lagen und soziale Brisanz hatten. So forderte er die Trennung von Staat und Kirche, die Förderung von Genossenschaften von Handwerkern und Arbeitern und eine relativ breites aktives und passives Wahlrecht26, im Offenburger Programm vom 12. September 1847 schließlich eine ,,progressive Einkommenssteuer", das Recht auf Bildung und eine ,,Ausgleichung des Mißverhältnisses zwischen Arbeit und Capital".27 Reinhard Rürup stellt zur Charakterisierung dieser politischen Richtung fest: ,,Man kann für diese Jahre zwei Formen des Radikalismus in Deutschland unterscheiden: einen intellektuellen Radikalismus, wie ihn die hegelsche Linke bis hin zum jungen Marx repräsentierte, und einen volkstümlichen Radikalismus, als dessen Sprecher Männer wie Friedrich Hecker in Baden, Robert Blum in Sachsen und Johann Jacoby in Ostpreußen anerkannt waren."28 Ergänzt werden könnte, daß der Hecker`sche Radikalismus ,,volkstümlich" war in doppeltem Sinne, nämlich in Form und Inhalt, durch Heckers Auftreten einerseits und seine politischen Forderungen andererseits.

Überregionale Bekanntheit erlangte Hecker 1845 im Zusammenhang mit einer als Erholungsurlaub getarnten politischen Reise nach Sachsen und Preußen. Die preußischen Behörden hatten den wahren Grund der Reise - Kontakt und Vernetzung zwischen verschiedenen Demokraten - entdeckt und Hecker zusammen mit Itzstein ohne Angabe von Gründen ausgewiesen. In der liberalen Öffentlichkeit wurde dieser Vorgang als ,,Verletzung der persönlichen und bürgerlichen Freiheit der Deutschen, als ein Angriff, der in den Einzelnen dem ganzen Volke widerfahren ist" 29, gedeutet. Die Affäre sei ,,eine Thatsache, die uns andeutet, wie es mit uns in Deutschland steht" 30. Hecker und Itzstein wurden ungeachtet ihrer politisch radikalen Positionen zu übergreifenden Symbolfiguren des oppositionellen Liberalismus.

Bei Ausbruch der Revolution in Deutschland im März 1848 wurde Hecker auf verschiedenen Handlungsebenen aktiv.31 Seine Arbeit als Abgeordneter der Zweiten Badischen Kammer setzte er fort und zwar zunächst ohne das bestehende System grundsätzlich in Frage zu stellen, also öffentlich die Republik zu fordern. Er brachte verschiedene Forderungen in die Kammer ein, arbeitete ein Gesetz über die neu entstandenen Bürgerwehren aus und setzte sich mit anderen südwestdeutschen Demokraten und Liberalen vehement für die Errichtung des Frankfurter Vorparlaments ein. Daneben trat er vielfach auf Volksversammlungen auf, wo er regelmäßig stürmisch begrüßt wurde und einen ungeheuren Einfluß hatte. Der badische Liberale Friedrich Bassermann bemerkte später, daß in diesen Wochen ,,niemand in und außer Badens mächtiger und sicherer war als Hecker" 32. Schließlich setzte er sich an die Spitze des sich entwickelnden politischen Vereinswesens. Mitte März wurde er zum Oberst der Mannheimer Bürgerwehr ernannt und auf der zweiten Offenburger Versammlung am 19. März 1848 zum Obmann des neuen badischen Landesvereins, dem alle Ortsvereine unterstehen sollten, die sich mit der Volksbewaffnung und der politischen Bildung beschäftigten.33

Die Wende in Heckers politischer Strategie brachten die Vorgänge im Frankfurter Vorparlament (31. März -3. April 1848) und die hier offen zu Tage tretende Entfremdung und Isolierung der radikal-demokratischen, republikanischen Minderheit von der Mehrheit der Liberalen und gemäßigten Demokraten. Hecker, Gustav Struve und ihre Partei scheiterten mit dem für sie zentralen Antrag auf ,,Tagung in Permanenz", mit dem die Absicht verbunden war, in der Hochphase der Volksbewegung mit einer starken Nationalversammlung quasi putschartig die Entwicklung hin zur Republik einzuleiten. Auch alle anderen Anträge wurden im wesentlichen abgelehnt und die Niederlage wurde offensichtlich, als keiner der Republikaner in den Fünfzigerausschuß gewählt wurde, der die Wahlen zur Nationalversammlung vorbereiten sollte. Hecker erreichte Platz 51.34 Nach dieser denkbar knappen Entscheidung verließ Hecker Frankfurt und damit auch die hoch institutionalisierte Handlungsebene des Parlaments. Die Verhaftung des badischen Republikaners Joseph Fickler durch den Liberalen Karl Mathy am 8. April war der Auslöser für Heckers endgültige Entscheidung auf die Ebene der ,,Basisrevolution" (Wolfrum) zu wechseln, den bewaffneten Aufstand zu wagen35: ,,Jetzt war es Zeit, an die Stelle nutzloser Reden die That zu setzen." 36 Der Dualismus in dieser rückblickenden Beschreibung Heckers steht stellvertretend für die spätestens jetzt deutlich werdenden alternativen Aktionsformen und Inhalte: ,,nutzlose Reden" - revolutionäre ,,That", Frankfurt - Baden, konstitutionelle Monarchie - Republik, Reform - Revolution.

Der Verlauf des Heckerzuges, an dem sich Heckers Bekanntheit im wesentlichen bis heute festmacht, soll hier nur kurz dargestellt werden. Am 12. April 1848 rief Hecker in Konstanz die Republik aus. Geplant war in der Folge ein mächtiger Zug durch den Schwarzwald, dem sich immer mehr Menschen anschließen würden, um nach Überlaufen der regulären Soldaten schließlich in Karlsruhe kampflos die Regierungsgewalt zu übernehmen. Die tatsächliche Bereitschaft zur Teilnahme war in der Bevölkerung jedoch weit geringer als erhofft. In Konstanz schlossen sich zunächst nur 60 Männer an, schließlich zogen etwa 6000 Mann in drei Kolonnen mit. Das soziale Spektrum reichte ,,von Intellektuellen und wohlhabenden Gemeindebürgern bis in die Unterschicht der verarmten Handwerker, der Handwerksgesellen und der Taglöhner als besonders ansprechbarer Sozialgruppe [...] Zudem scheint der ländlich- bäuerliche Anteil groß gewesen zu sein, während die städtische Bevölkerung sich eher zurückhielt."37 Am 20. April wurde die Hecker`sche Kolonne bei Kandern von hessischen und badischen Truppen geschlagen38, das Unternehmen war damit bereits nach acht Tagen völlig erfolglos beendet.39 Eine Ursache für die geringe Teilnahme und letztlich das Scheitern mag in der mangelhaften Vorbereitung und Durchführung des Aufstandes zu suchen sein.

Entscheidend war jedoch die auch in Baden fehlende Bereitschaft der breiten Masse an einem bewaffneten Revolutionszug aktiv teilzunehmen.40

Friedrich Hecker flüchtete in die Schweiz und spielte ab diesem Zeitpunkt keine aktive Rolle mehr in der deutschen Politik. Allerdings blieb er präsent. Wie bei seiner Ausweisung aus Preußen im Jahre 1845 avancierte er in Abwesenheit zum Kristallisationspunkt innerhalb des revolutionären Prozesses, wurde vom Politiker zum Politikum. Man könnte dieses Phänomen einen ,,historischen Auftritt zweiten Grades" nennen. Von der Auseinandersetzung um den Heckerzug ausgehend, wurde diese Entwicklung vor allem durch ein Ereignis befördert: Am 4. Juni 1848 wurde Hecker im badischen Wahlbezirk Tiengen ordnungsgemäß mit absoluter Mehrheit zum Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Die politische Brisanz ergab sich daraus, daß er zu dieser Zeit offiziell als steckbrieflich gesuchter Hochverräter galt. In der Paulskirche entspann sich, angeheizt durch verschiedene Petitionen aus Baden, eine hitzige Debatte über politische Amnestie und die Zulassung Heckers, die sich jedoch bald zu einer prinzipiellen Frage nach Revolutionsrecht und Volkssouveränität ausweitete: Befand man sich noch in der Revolution, dann war Heckers Aufstand als gegen den badischen Großherzog gerichtet legitim und der Wille der Tiengener Wähler zu akzeptieren. Nach Meinung der liberalen Mehrheit hatte jedoch das ,,Recht der Revolution auf[gehört] und die Pflicht der Reform" 41 begonnen. Hecker war in diesem Sinne ein Hochverräter und keinesfalls in den eigenen Reihen zu akzeptieren. Ein eigens für dieses Problem eingesetzter Ausschuß schlug schließlich Neuwahlen im Tiengener Wahlkreis vor, was von der Mehrheit angenommen wurde. Unbeirrt und voller Trotz gegen das Parlament wählten die Tiengener am 26. Oktober 1848 erneut Friedrich Hecker, als dieser schon in die USA emigriert war. Doch auch dieses Mal wurde ihm der Eintritt in die Paulskirche verweigert. Die Nationalversammlung hatte damit öffentlich jeder weitergehenden revolutionären Umgestaltung in Deutschland eine Absage erteilt. Die Polarisierung zwischen der liberal-konstitutionellen Mehrheit und der demokratischen und republikanischen Minderheit in der Paulskirche einerseits, aber auch die Polarisierung und Entfremdung zwischen einem Teil der Bevölkerung in Baden und ,,ihrem" Parlament andererseits, war gleichsam in der Person Friedrich Heckers zugespitzt greifbar geworden.42

Die Dynamik der Revolution ließ bereits im Sommer 1848 merklich nach, die Reaktion bekam die Situation immer besser unter Kontrolle. Im Parlament zogen sich die Diskussionen um die Grundrechte und die Verfassung lange hin, die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wuchs angesichts der fortgesetzten Ergebnislosigkeit.43 Der Niedergang der Revolution konnte weder durch die im Dezember endlich erfolgte Proklamation der Grundrechte aufgehalten werden, noch durch Aufstände in Baden (unter Gustav Struve), Frankfurt und Wien, die bereits im September und Oktober militärisch niedergeschlagen worden waren. Das Ende der Revolution wurde schließlich im Frühjahr und Sommer 1849 besiegelt. Die Frankfurter Nationalversammlung löste sich nach der Ablehnung der Reichsverfassung durch die maßgeblichen Staaten Deutschlands im Mai 1849 auf und auch das Rumpfparlament in Stuttgart konnte keine Wende mehr erreichen. Die Aufstände zur Durchsetzung der Verfassung in Baden, Sachsen und der Pfalz blieben ebenfalls erfolglos. Die Kapitulation der badischen Festung Rastatt am 23. Juli 1849 setzte den Schlußpunkt unter die deutsche Revolution von 1848/49. Dem stürmischen und teils erfolgreichen Beginn der Revolution im Frühjahr 1848 war ein stetiger Niedergang gefolgt, der letztlich in ihrem Scheitern endete.

2.3 Der zeitgenössische Kult um Friedrich Hecker

2.3.1 Dimensionen des zeitgenössischen Hecker-Kults

Zunächst ist festzuhalten, daß Friedrich Hecker von allen Akteuren der deutschen Revolution von 1848/49 die größte Verehrung zuteil wurde. Der Hecker-Kult ist in seinem Ausmaß nur erreicht vom Kult um Robert Blum, einem der führenden Politiker der Linken in der Paulskirche, der wegen seiner Teilnahme am Wiener Oktober-Aufstand standrechtlich erschossen wurde.44

Wie in den vorangegangenen Kapiteln gesehen, war Friedrich Hecker schon vor dem März 1848 in Baden, in geringerem Maße auch in weiteren Teilen Deutschlands populär.45 Die Steigerung der Popularität zum Kult erfolgte jedoch erst nach seinem gescheiterten Aufstand im April 1848.46 Die Verbreitung vollzog sich schnell. Bereits im Juni 1848 konnte Karl Heinrich Schnauffer in seiner Sammlung ,,Neue Lieder für das teutsche Volk" eine stattliche Anzahl von Hecker-Liedern veröffentlichen47 und die Berichte über Versammlungen, auf denen ,,Hecker hoch!" und ähnliches gerufen wurde, mehrten sich.48 Am 14. Juni 1848 teilte der Beobachter mit, daß ,,Friedrich Hecker in unserem Lande so zu sagen umgeht, daüberall, wo die Bahnzüge und Omnibus sich hin verbreiten, bald da bald dort ein ,Hecker` erscheint und, wie wir in den Pfingsttagen wahrzunehmen Gelegenheit hatten, selbst schwarze Bärte, wenn sie nur ungefähr den Schnitt haben wie der ganz blonde desächten Hecker, bedeutend ,ziehen`" 49. Die Begeisterung für Hecker blieb bis in den Sommer 1849 auf hohem Niveau, konnte dann jedoch wegen der drohenden Repression nur noch in der ,,Halböffentlichkeit informeller Kreise mit altliberaler Einstellung"50 fortgeführt werden.

Zur regionalen Dimension des Hecker-Kults läßt sich sagen, daß Baden hier den Kern ausmachte. Daneben ist jedoch festzustellen, ,,[d]aß man auf den badischen Freiheitskämpfer alsbald auch in Württemberg auf jeder Versammlung Hochrufe ausbrachte, ihm in der Pfalz und in Hessen huldigte und seine Lieder bis hin nach Sachsen sang"51. Neben dieser Verbreitung des Hecker-Kultes in Deutschland mit dem regionalen Schwerpunkt Baden, prägte sich bereits 1848 auch in den USA eine überschwengliche Verehrung Friedrich Heckers aus. Davon zeugt beispielsweise der Empfang Heckers in New York am 5. Oktober 1848. Dort ,,erschienen viele 100 Personen am Hermann [dem Schiff, mit dem Hecker ankam, J.B.] und brachten laute Hurrahs für Hecker. [...] Die Straßen waren dicht voll Menschen, unter Hochs, Hurrahs, Schwingen der Hüte und Tücher, Reichen der Hände in den Wagen, gieng es vorwärts." 52

Die soziale Dimension des Hecker-Kultes ist schwerer zu erfassen. Die Angehörigen welcher Klassen und Schichten sich Hecker-Bilder aufhängten, Hecker-Lieder sangen oder in anderer Form den Kult beförderten, läßt sich kaum direkt belegen, sondern, wenn überhaupt, nur aus Kultphänomenen und -verbreitungsgebieten erschließen. Andreas Lück spricht von ,,Kleinbürgern und ländlicher Bevölkerung" als Träger des Hecker-Kults, und einer Verlängerung desselben in ,,Bereiche wie Universität, Kirche und Armee".53 Peter Assion verweist weitestgehend übereinstimmend darauf, ,,daß der Hecker-Anhang ein breites bäuerliches Sympathisantentum einschloß", daneben aber auch ,,Handwerksgesellen und Arbeiter" umfaßte. Schließlich seien auch ,,bildungsbürgerliche Zutaten zur Hecker- Verkultung"54 nicht zu verkennen.

2.3.2 Phänomene des zeitgenössischen Hecker-Kults

In einer Darstellung der Phänomene des zeitgenössischen Hecker-Kults sind zunächst Bilder, meist Lithographien, mit Friedrich Hecker als Motiv zu erwähnen.55 Dabei lassen sich vier Motivtypen unterscheiden. Bereits vor der Revolution waren Exemplare angefertigt worden, die Hecker als Abgeordneten oder Anwalt in bürgerlicher Kleidung in der klassischen Form des Brustbilds zeigen (Abb. 1 56 ). Dieser Typus wurde auch nach Heckers Aprilaufstand fortgesetzt und verbreitet. Nach dem Heckerzug traten neben diesen jedoch Bilder mit einer vollkommen anderen Motivsprache: Hecker als Freischärler. Mit hohen Stiefeln, weiter Bluse und charakteristischem Hut, die Pistolen im Gürtel, Säbel und Gewehr zur Seite, posiert er wie ein Räuberhauptmann; die rechte Hand zeigt entschlossen nach vorn (Abb. 2). Ein anderes Exemplar dieses Typs zeigt ihn mit der Bildunterschrift ,,Dr. HECKER. Guerilla-Chef" sogar mit erhobenem Säbel, während im Hintergrund seine Freischaren schwer bewaffnet vorwärts drängen (Abb. 3).

Ein dritter Bildtyp, im letzten Beispiel bereits angedeutet, stellt Hecker in Verbindung mit wichtigen Ereignissen dar. Im Bild ,,Gefecht bei Kandern"(Abb. 4) erscheint er dabei genauso zentral, wie bei seinem ,,Abschied in Straßburg auf seiner Reise nach Amerika"(Abb. 5a) und bei seiner ,,Ankunft in Nordamerika"(Abb. 5b). Daß die dargestellten Ereignisse auch fiktiv sein konnten, zeigt das Bild ,,Hecker, Kossuth, Garibaldi"(Abb. 6).

Eine Zusammenkunft der drei ,,Freischärler-Revolutionäre" oder gar ein Bruderschwur hat nie stattgefunden. Und ebenso fiktiv ist die Darstellung Heckers und Struves, die noch im Schlaf den siegreichen Kampf für Freiheit und Gleicheit vor Augen haben (Abb. 7). Ein vierter Bildtyp schließlich weckt religiöse Assoziationen und rückt Hecker in die Nähe populärer Christus-Darstellungen.57 In einem zunächst klassisch erscheinenden Brustbild Heckers fallen erst auf den zweiten Blick die gen Himmel gerichteten Augen und der angedeutete Heiligenschein auf (Abb. 8).58 In einem anderen Bild trifft Hecker in Freischärler- Kluft auf eine obdachlose Familie. Die eine Hand und den Blick zum Himmel erhoben und von Sonnenstrahlen votivbildartig beleuchtet, hält er die andere Hand schützend über die verzweifelte Familie. Das Kind hat den Blick vom nahen Bildstock abgewendet und blickt mit gefalteten Händen auf Hecker (Abb. 10). Die kunstgewerbliche Umsetzung des Motivs auf einem Edelholzkästchen läßt Hecker dazu noch sagen: ,,So wahr Gott lebt, ihr sollt alle glücklich werden!" 59

Die Hecker-Bilder dienten, wie im Fall des beschriebenen Edelholzkästchens, häufig auch als Vorlagen für eine andere Ausprägung des Hecker-Kults: der Verehrung in Form von Zier- und Gebrauchsgegenständen. Zu nennen sind hier Abbildungen auf Ziertellern, Kacheln und Seidenschals, aber auch plastische Darstellungen wie die als Zizenhausener Figur (Abb. 11).60 Daneben traten recht kuriose Kultobjekte: Hecker als Pfeifenkopf (Abb. 12) 61, als Knauf eines Spazierstocks und als ,,Augenwender", einer Schwarzwalduhr, bei der sich die Augen der abgebildeten Person im Takt des Pendels bewegten (Abb. 13). Großer Beliebtheit erfreuten sich die Anstecknadeln in Form von Hecker-Figuren und -Porträts, die auch in Zeitungen annonciert wurden.62 Die ambivalente Motivation der Produzenten dieser Kultgegenstände - zwischen politischer Propaganda und ökonomischem Profit - läßt sich am besten an zwei Medaillen auf Friedrich Hecker zeigen. Die kommerzielle Medaillenwerkstatt Drentwett in Augsburg, die auch den reaktionären Grafen von Radetzky verewigte, versah ihre professionelle Medaille mit einem klassischen Brustbild Heckers und den Parolen

,,FRIEDRICH HECKER DER MANN DES VOLCKS" und ,,F ÜR FREIHEIT / GLEICHHEIT / UND / BRUDERLIEBE". Eine zweite Medaille, weitaus einfacher in der Ausführung, zeigt neben der Inschrift ,,FRIEDRICH / HECKER" auf der Vorderseite, auf der Rückseite Symbole aus der französischen Revolution, Fasces und Jakobinermütze. Während die erste Medaille einen größeren Markt zu bedienen suchte und deshalb in der Ausführung professionell, inhaltlich gemäßigt erscheint, zielte die zweite Medaille in ihrer radikaleren Symbolik auf politische Mobilisierung.63

Direkt politischer Bezug wurde innerhalb des Hecker-Kults durch eine bestimmte Kleidung, ja Mode, genommen. Hohe Stiefel, weite Blusen, der Demokratenbart und allem voran der ,,Hecker-Hut" drückten Sympathie zum badischen Aprilaufstand und zur republikanischen Sache allgemein aus. So konstituierte sich ,,nach dem Sansculottentum der Französischen Revolution das zweite Beispiel der Moderne für eine politische Demonstrationstracht"64.

Einen weiteren wichtigen Komplex der Kultphänomene stellen Lieder auf Friedrich Hecker dar.65 An die zwanzig verschiedene sind überliefert, darunter allerdings einige, die nicht zur Verehrung, sondern zur Verspottung oder Beschimpfung Heckers gedichtet und gesungen wurden.66 Als in vielerlei Hinsicht typisch kann das ,,Heckerlied" von Ludwig Schanz aus dem Jahr 1848 gelten (Abb. 14). Hecker wird als ,,Mann der Tat" (Z. 10) verehrt, der ,,kühn" (Z. 11) und ,,mit Mut" (Z. 17) der Bewegung vorangeht. Dem gegenüber werden die ,,feigen Lumpen" (Z. 19) verachtet, die, obwohl zunächst scheinbar auf seiner Seite, ihn bei seinem Aufstand nicht unterstützten. Gemeint sind hiermit wohl Liberale und gemäßigte Demokraten, in erweitertem Sinn könnte der ganze parlamentarische Weg damit gemeint sein (,,Wir wurden lang genug beraten / Hinweg mit jedem feigen Rat!", Z. 7/8). ,,Die Losung bleibt: Tod oder Sieg!" (Z. 16) - dieser radikale Dualismus verträgt sich nicht mit gemäßigten Kräften und ihrer Handlungsebene, dem Parlament. Er kristallisiert sich vielmehr in Friedrich Hecker und der ihm zugedachten Kompromißlosigkeit.

,,Das neue Heckerlied"(1849, Abb. 15) appelliert ebenfalls an Heckers Entschlossenheit67, rückt allerdings noch einen weiteren Aspekt in den Blick. Das eindringliche ,,Hecker komm" zu Beginn jeder Strophe (bzw. ,,Hecker kommt!" in der letzten Strophe) bezieht sich vordergründig auf dessen gewünschte Rückkehr aus dem amerikanischen Exil. Darüber hinaus werden aber auch hier, verstärkt durch Metaphern wie ,,Du Hort" (Z. 4) und ,,unser Schild" (Z. 11), religiöse Assoziationen geweckt. Hecker wird zum Erlöser stilisiert, zum Messias.

Von den weit verbreiteten ,,Hecker hoch!"-Rufen bei Aufläufen oder politischen

Versammlungen war bereits im Kapitel über die Dimensionen des Hecker-Kults die Rede.68 Hier treten die Verehrung der Person Friedrich Heckers und ihre politische Implikation am augenscheinlichsten in Verbindung. Sehr häufig wird berichtet, daß neben ,,Hecker!" auch ,,Republik!" gerufen wurde, so daß davon auszugehen ist, daß diese beiden Parolen von den Rufenden praktisch synonym gebraucht wurden. Das politische Programm ,,Republik" wurde mit der Person Hecker in eins gesetzt.69 Diesen Sachverhalt, der mit einer weitestgehenden Abstraktion von der realen Person einherging, reflektiert bereits ein zeitgenössischer Bericht:

,,In unsern Wirthshäusern hört man nichts als raisonniren und Schimpfenüber [...] die deutsche Zeitung und die Reaktion,über einen fürstlichen Reichsverweser [...]; dann aber jedesmal lassen wir den Hecker hoch leben. Glauben Sieübrigens ja nicht, wenn ich sage, wir lassen den Hecker leben, daßich damit den wirklichen, veritablen Hecker aus Baden, ehemaligen Abgeordneten und Freischärler, meine: bewahre Gott! es ist dießblos ein schwäbischer Provinzialismus, der auf deutsch heißt: unzufrieden sein mit Etwas. [...] Hecker ist bloßer Begriff geworden, und zwar ein so abstrakter, daßer, um in die concrete Wirklichkeit zu treten, keinen anderen Anhaltspunkt bedarf, als einen Bartwuchs." 70

Volkstümliche Erzählungen über Friedrich Hecker stellen einen weiteres Kultphänomen dar. So berichtet Veit Valentin von der damals unter Bauern verbreiteten Sage, Hecker ,,sei der aus dem Kyffhäuser gekommene Kaiser Rotbart - eines Tages werde er wieder erscheinen, wie ein Messias, [...] und jedem so viel Geld geben als er gebrauche"71. Dieser Verknüpfung zwischen der Barbarossa-Sage und Friedrich Hecker wurde gar eine eigene Veröffentlichung gewidmet. Darin wird erzählt, wie der Kaiser einem verzweifelten Wanderer erscheint und ihm prophezeit, daß ein neuer Friedrich Rotbart käme, um Deutschland aus seiner Knechtschaft zu befreien. Abschließend verkündet Barbarossa: ,,Schon jetzt schwärmt das deutsche Volk für einen Kaiser und seine Herrlichkeit, dunkel liegt der Gedanke in seiner Brust, aber es schwärmt nicht um des Kaisers selbst willen, ihm ist der Kaiser die Macht des deutschen Volkes, seine Herrlichkeit die Herrlichkeit des Volkes, jene Herrlichkeit (Souveränität), die der Zeitgeist mit sich bringt, sie wird und ist theilweise schon zum Menschen geworden, in einem Manne, welcher wie ich durch Felsengrüfte, so jener durch weite Fernen, dem Volke noch verschlossen ist, in einem Manne, welcher bei einem großen Theile des Volkes jetzt schon als großer und ehrwürdiger Charakter verehrt wird, das ganze Volk kennt ihn und nennt ihn als seinen zukünftigen Heiland, es ist Friedrich Hecker!" 72 Weiterhin wurde das in Baden kursierende Gerücht überliefert, ,,Friedrich Hecker sei der Bruder Kaspar Hausers und eigentlich der echte Erbe des Landes"73. In Witzen wurde schließlich der Hecker-Kult selbst aufgegriffen, indem z. B. erzählt wurde, daß alle Hähne aus Angst um ihre Federn die Flucht ergreifen würden, wenn der Ruf ,,Der Hecker soll leben!" erschallt.74

Gemeinsam ist der Hecker-Verehrung in Form von Bildern, Zier- und Gebrauchsgegenständen, Liedern, Parolen und Erzählungen eine gewisse Distanz zu Friedrich Hecker selbst. Er wurde in Abbildungen, gleichsam in Abstraktion von der realen Person, verehrt. Direkter, persönlicher Kontakt war hierbei nicht gegeben. Dieser direkte Kontakt konnte allerdings auch stattfinden, schließlich lebte Hecker zunächst nur unweit der badischen Grenze im schweizerischen Exil.

Unter den vielen Besuchern waren Bekannte und Verwandte, Abgeordnete der Frankfurter Nationalversammlung und politisch verfolgte Flüchtlinge, es kamen aber auch Delegationen aus verschiedenen Städten.75 Während Bekannte und Verwandte wegen des privaten, die Abgeordneten wegen des politischen Austauschs kamen und die Flüchtlinge sich vielfach konkrete Hilfe erhofften - alles Motivationen, bei denen der ,,Mensch Friedrich Hecker" im Mittelpunkt stand -, lassen sich die Besuche der unbekannten ,,Wallfahrer"76 in die Kategorie der Kultphänomene einreihen. Auch hier ging es um das ,,Idol Hecker", dem neben Geld entsprechend auch Gaben wie eine ,,poetische Liebeserklärung"77 überbracht wurden.

2.4 Ursachen des Kults um Friedrich Hecker

2.4.1 Analyse der Kultphänomene

Eine erste Annäherung an die Ursachen des Hecker-Kults soll in der Analyse der

Kultphänomene erreicht werden, in der Frage, worauf besonders Bezug genommen wurde und welche Basis für die verschiedenen Bezüge angenommen werden kann. Es lassen sich hierbei vier Komplexe abgrenzen, die teilweise eng miteinander verbunden sind: erstens Hecker zugeschriebene Persönlichkeitsmerkmale, zweitens seine Eignung und Indienstnahme als Identifikationsfigur, drittens Hecker als Kontrast zur Paulskirche und viertens seine Wahrnehmung als Heilsbringer.

In vielen Bildern und Liedern wird Hecker als ,,Mann der Tat" bezeichnet oder dargestellt. Entschlossen, mutig und allzeit bereit - man denke nur an das Bild des schlafenden Hecker - geht er der Bewegung voran, ohne Rücksicht auf persönliche Risiken. Sein Stärke liegt in der Aktion, Diskutieren und Taktieren ist seine Sache nicht, so wird suggeriert. Als zweites Persönlichkeitsmerkmal wird seine Gerechtigkeit und sein Eintreten für die gesellschaftlich

Benachteiligten herausgestellt. ,,So wahr Gott lebt, ihr sollt alle glücklich werden!" wird ihm in den Mund gelegt, und in der aktualisierten Kyffhäuser-Sage schenkt er jedem Geld nach seinen Bedürfnissen. Das Eintreten für die Armen, für das Volk, ist auch schon in seiner vielfachen Darstellung in Freischärler-Kluft angelegt. Er erscheint zum ,,edlen Räuber" stilisiert, in der Tradition eines Robin Hood und Schinderhannes.78 Zu Gerechtigkeit und Entschlossenheit kommt als drittes Persönlichkeitsmerkmal schließlich ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit. Während seine Widersacher als ,,feige" bezeichnet werden, ist er der ,,edle[n] Mann" 79, dessen ,,Treue" 80 besungen wird.

Die Frage, ob Hecker nun tatsächlich entschlossen, gerecht und glaubwürdig war, ist an dieser Stelle sekundär. Er wurde offensichtlich so wahrgenommen, und dieses Bild wurde in der Folge weiter transportiert. Die Basis dieser Wahrnehmung dürfte einerseits in Heckers Wirken vor dem Aprilaufstand liegen, als er sowohl auf Volksversammlungen als auch in der Zweiten Badischen Kammer und im Vorparlament ausgesprochen energisch aufgetreten war und in Abgrenzung zu vielen anderen Politikern verstärkt soziale Forderungen aufgestellt hatte. Andererseits liegt ein Anknüpfungspunkt sicherlich im Heckerzug selbst, der für den deutschen Südwesten eine neue Stufe der Radikalität in der politischen Auseinandersetzung darstellte. Daß Hecker diesen riskanten Weg wählte, erschien nach seinem Scheitern im Vorparlament konsequent und er dadurch glaubwürdig.

In verschiedenen Kultphänomenen wird deutlich, daß Hecker als Identifikationsfigur diente. Man könnte dabei von Identifikation in zwei Richtungen sprechen. Zunächst wurde Hecker, wie bei den ,,Hecker hoch!"-Parolen gesehen, ganz mit revolutionären Forderungen, wie z. B. nach Einführung der Republik, identifiziert. Er erschien seinen revolutionären Anhängern in diesem Sinne sogar als ,,Menschwerdung des Zeitgeistes" 81. Daneben fand die Identifikation von anderen Menschen mit Hecker statt, was sich am augenscheinlichsten in der Verbreitung der ,,Hecker-Mode" ausdrückte. Eine politische Orientierung konnte so über die Person Heckers hergestellt werden.

Die Identifikation Heckers mit revolutionären Zielen fiel nicht schwer. Wenn er die Forderung nach Einführung der Republik auch erst im Vorparlament öffentlich vertrat, so war er in Baden doch schon lange zuvor als führender Vertreter der radikalen Linken bekannt. Zur persönlichen Identifikation eignete er sich, weil er darüber hinaus - ausgehend von den ihm zugeschriebenen Persönlichkeitsmerkmalen - ein Sympathieträger war. Die besondere und unverwechselbare Form seiner Kleidung beim Aprilaufstand dürfte den Prozeß der Identifikation zusätzlich erleichtert haben. In dieser ,,Äußerlichkeit" stand ein Symbol zur Verfügung, durch dessen Übernahme eine Identifikation mit revolutionären Zielen mühelos auch öffentlich angezeigt werden konnte.

Hecker als ,,Mann der Tat" wurde als Gegenpol zu den Politikern im ,,Parla-, Parla-, Parlament" - so eine populäre Karikatur der unproduktiv erscheinenden Nationalversammlung aus einem Gedicht Georg Herweghs82 - aufgefaßt. Dies kommt zum einen in Liedtexten zum Ausdruck, zum anderen in den bekannten Darstellungen Heckers als Freischärler, die ihn schon äußerlich von den Parlamentspolitikern absetzen. Hecker war hier ,,der bürgerliche Antityp par excellence, der Widersacher verzagten Spießbürgertums"83. Der Kontrast Hecker - Paulskirche speist sich im Wesentlichen aus den Entwicklungen des März und April 1848. Während Hecker zuvor selbst vorrangig auf der Handlungsebene des Parlaments agierte, verließ er diese nach seinem Scheitern im Vorparlament und beschritt schließlich mit dem Heckerzug eine alternativen bzw. konträren Weg. Besonders deutlich wurde der Gegensatz in der Nichtzulassung Heckers zur Nationalversammlung trotz seiner ordnungsgemäßen Wahl in Tiengen. Die Voraussetzung dafür, daß der beschriebene Kontrast zum Anknüpfungspunkt für den Hecker-Kult werden konnte, lag in der wachsenden Unzufriedenheit von Teilen der Bevölkerung mit der Arbeit der Nationalversammlung und ihrem Wunsch nach einer Radikalisierung der Revolution. Je mehr die Bevölkerung von den Abgeordneten der Paulskirche enttäuscht wurde und je mehr sie sich dem parlamentarischen Weg entfremdete, desto attraktiver erschien Hecker, der mit eben diesen Parlamentariern gebrochen hatte bzw. von diesen verstoßen worden war.

Die Stilisierung Heckers zum Erlöser, vielfach mit religiösen Konnotationen versehen, scheint in verschiedenen Kultphänomenen auf. Am deutlichsten wird dieser Aspekt in den beschriebenen Bildern, aber auch die Kyffhäuser-Erzählung oder das Lied ,,Hecker, komm, die Völker rufen" beinhalten das ,,messianische Moment" des Hecker-Kultes. Eine notwendige Bedingung für die Entstehung dieses Komplexes war das Ausscheiden Heckers aus dem revolutionären Prozeß nach dem Scheitern des Aprilaufstandes. Nur aufgrund seiner Abwesenheit konnte er herbeigesehnt, nur aufgrund der Tatsache, daß er gegenwärtig nicht aktiv Politik gestaltete, konnte er zum zukünftigen Erlöser werden. Die seltsam anmutenden Rückgriffe auf religiöse Metaphorik sind dabei - Peter Assion und Eric Hobsbawm folgend - ,,nicht schlichtweg ideologische Verirrungen, sondern Bezeugungen dafür, daß ,in den frühen Phasen sozialer und politischer Bewegungen, die ganz natürlich weltlich sind, oft eine Art Heimweh nach dem alten Glauben` wirkt, bestimmt durch festliegende mentale Prägungen und - in engeren Erfahrungshorizonten - die Suche nach traditioneller Geborgenheit."84 Es vermittelt sich darin also ein Hinweis auf den Einfluß der

,,kulturellen Orientierungskrise", wie sie zu Beginn von Kapitel 2.2 angedeutet wurde, zur Konstituierung des Hecker-Kults.

2.4.2 Analyse zeitgenössischer Urteileüber Friedrich Hecker

,,Ein beneidenswerther Mann, dem selbst das Fehlschlagen seiner Plane Ruhm und Ansehen steigert!" 85, schrieb Gustav Pfizer im Sommer 1848 über Friedrich Hecker. Dessen Zeitgenossen standen zunächst erstaunt und ratlos vor dem Phänomen des Hecker-Kults, begannen aber bald nach Erklärungen zu suchen. Ganz überwiegend setzten diese an den Persönlichkeitsmerkmalen Heckers an, angefangen bei dessen Aussehen, über sein Auftreten, bis hin zu seinem Charakter. Es wurden allerdings auch weitere Erklärungsansätze eingebracht. Eine Analyse dieser Vorschläge soll eine zweite Annäherung an die Ursachen des Hecker-Kults erbringen.

Zunächst einige Urteile zu Heckers Aussehen, das von Anhängern wie auch Gegnern als angenehm beschrieben wurde. Dabei ist eine gewisse Stereotypisierung nicht zu verkennen: ,,Hecker [ist] ein stattlicher schöner Mann. [...] In seinen etwas hervortretenden blauen Augen liest man guten Willen, Offenheit und jenen Edelmuth Achills, in dessen Zelt selbst sein Feind ruhig schläft. In dem wohlgeformten und gesund gefärbten Antlitz mit entgegenkommendem sinnlichen Munde, umgeben von dem reichen Haar mit lichtbraunem Schein um Haupt und Kinn liegt jenes Einnehmende, welches uns hübsche Personen, je länger wir sie betrachten, immer hübscher und liebenswürdiger vorkommen l äß t. Fügen wir noch dazu eine freie angemessene Bewegung der Arme bei'm Vortrag undüberhaupt eine freie unbekümmerte Haltung im Ganzen und eine dem Ohr wohltuende Stimme, so haben wir in Hecker das Bild eines Volksmannes, Volksredner und Volksführers, wie wir es uns kaum passender denken können." 86 Ein weiterer Beobachter urteilte: ,,Er ist eine gedrungene, dabei schlanke Gestalt, zierlich in allen seinen Bewegungen und höchst gewinnend im persönlichen Umgange. Blond ist sein Haar und sein Bart, beide lang gewachsen, und wenn nicht der Schnurrbart, stets durch und durch mit Schnupftabak verunreinigt, an moderne Zeiten erinnerte, so könnte man an diesem ausdrucksvollen, lebendigen, leidenschaftlichen Kopfe ohne alle Täuschung den Typus alter Heroenzeiten finden." 87 In Abgrenzung zu Gustav Struve (und mit Bezug auf dessen Vegetarismus) schrieb schließlich Heinrich Laube: ,,Ganz anders ist Hecker dem Volk, dem sinnlichen, näher. Das ist ein Fleischesser und ein vollsaftiger, gesunder Mensch. Hier ist Unmittelbarkeit, wenn er auftritt und sein langes braunes Haar aus dem Gesicht schüttelt und mit kräftiger Baritonstimme zu reden beginnt." 88

Dieses Auftreten in der Badischen Kammer und besonders bei Volksversammlungen wurde vielfach positiv gewürdigt. So wurde Hecker eine ,,gewandte, unermüdliche, allzeit schlagfertige Advocatenberedtsamkeit, eine frische, lebhafte, oft stürmische Art des Kämpfens, unterstützt durch die Energie und Unerschrockenheit einer jugendlichen und gewinnenden Individualität" 89 attestiert oder schlicht festgestellt: ,,Hinreißend,überwältigend ist seine Rede" 90. Die rhetorische Begabung, verbunden mit Heckers Charakter, wurde als wichtiger Ansatzpunkt für Heckers Verehrung begriffen: ,,Wenn ein Redner aus der Tiefe seiner Seele, aus der Fülle seiner Erkenntnißund inniginnersten Ueberzeugung eine solche Reihe erhabener Gedanken hervorgehen l äß t und aneinander kettet, wenn er mit geistiger Kraft den Augenblick beherrscht und aus der für alles Schöne, Edle und Große glühenden Brust die Gefühle wie sie eben geboren werden, heraufführt und ausspricht, wenn er mit Herrschergewalt die Sprache zwingt, mit deutlicher Färbung, mit entsprechendem Ausdruck was er denkt und fühlt, was er begehrt und verabscheut durch die Ohren in die Herzen der Hörer trägt: wo sollte dann noch im deutschen Volke ein redliches Herz sein, das nicht bekennen würde: ,Du bist der Mann des Volkes!`" 91

Was die Charaktereigenschaften angeht, so finden sich im wesentlichen die Zuschreibungen, die bereits in den Kultphänomenen zum Ausdruck kamen: Entschlossenheit, Geradlinigkeit, Ehrlichkeit. So schrieb ein Anhänger Heckers: ,,Hecker wurde der Mann des Volkes, weil er in seiner Laufbahn sich stets gezeigt, wie er sich im Beginn derselben angekündigt hatte. Unter den schwierigsten Verhältnissen zeigte er sich gleich muthig für das Gute, seinen eigenen Vortheil dem allgemeinen Besten opfernd, als ein warmer Vertheidiger der Unschuld und Gerechtigkeit" 92. Aber auch Hecker-Kritiker gestanden zu: ,,Er hatte seine vielen guten Seiten, war unermüdlich und stets bei der Hand, war aufrichtig und trug immer das Herz auf der Zunge, und seine Freunde rühmten an ihm auch die gutmüthige offene Hingebung." 93 Allerdings wurden von dieser Seite auch negative Eigenschaften Heckers angeführt: wenig politischer Weitblick, Eigensinn, Eitelkeit.94 Für die Anhänger Heckers, für diejenigen, die den Kult mittrugen, scheinen diese jedoch unerheblich gewesen zu sein: ,,[S]elbst wenn der Vorwurf der Mittelm äß igkeit festgehalten würde, so würde derselbe durchaus nichts gegen Hecker beweisen, er bliebe trotz desselben ein Mann des Volkes, ein Mann der Bewegung [...] Robespierre z. B. wurde nicht auf den Adlerschwingen einesübermächtigen Geistes an Frankreichs Spitze gebracht; dennoch unterlagen ihm die weit geistreicheren Girondisten,

weil er den Vortheil für sich hatte, den man in Zeiten der Revolution haben soll, eine einzige Leidenschaft, den verdienten Ruf der Unbestechlichkeit und, was in damaligen Umständen fast nothwendig war, keinen Widerwillen gegen Blut." 95 Gewisse Persönlichkeitsmerkmale Heckers, die Gustav Pfizer abwertend und die soziale Dimension verkürzend als zentrale Ursache des Hecker-Kults sieht, können als Faktor wohl nicht außer Acht gelassen werden: ,,Es sind dießzum Theil junge, unbesonnene Leute, welche das Kecke, das Abenteuerliche und Schwärmerische in Heckers Persönlichkeit und Treiben besticht und sieüber das Törichte und Verbrecherische leicht wegsehen l äß t" 96. Und an anderer Stelle mit weitsichtigem Hinweis auf die Mechanismen von Identifikation: ,,Hecker ist jetzt ein Name, der zieht; manche, theilweise zufällige Umstände, eine vortheilhafte und gewinnende Persönlichkeit, haben eine Art Mode-Reiz mit dem Parteiinteresse vermählt; die Bestrebungen und Verheißungen eines politischen Systems fassen sich anschaulicher in einer halbromantischen Gestalt zusammen" 97.

Bevor die Diskussion der zeitgenössischen Urteile über Heckers Persönlichkeit abgeschlossen wird, sei noch ein Aspekt erwähnt, der damit unmittelbar zusammenhängt. Er entdeckt sich in einer Aussage Wilhelm Zimmermanns: ,,Ein Heckerkultus kam auf, besonders bei Frauen und Jungfrauen der höheren Stände, seltsam schwärmerisch, wie einst der Kultus des schönen Geschlechts für Ludwig Sand war" 98. Der explizite Bezug auf Frauen als Hecker- Verehrerinnen, versehen mit dem unentschiedenen Attribut ,,seltsam schwärmerisch", läßt die erotische Komponente des Kults erahnen.99 Sie setzte sicherlich am Aussehen und Auftreten Heckers an, mit der Stilisierung Heckers zum markant-männlich Idealbild in Bildern, Liedern und Schriften wurde die Basis hierfür jedoch wesentlich erweitert.

Die weiteren Erklärungsansätze für den Hecker-Kult beschränken sich in den zeitgenössischen Schriften auf knappe Andeutungen. Pfizer, der die Verehrung Heckers sonst als ,,wahnsinnige[n] Taumel" oder gar als ,,ansteckende Seuche" 100 betrachtete, vermutete, daß dessen große Popularität quasi erkauft sei. Man habe die Bevölkerung erst ,,durch Austheilungen von Geld, oder durch freiwillige Bewirthungen, durch reichliches Einschenken, welche Mittel an vielen Orten von wirklichen oder angeblichen Aussendlingen Heckers mit nicht unbedeutendem Erfolg versucht wurden" 101, gewonnen.

Ernstzunehmender dürfte sein Hinweis auf die Bedeutung der sozialen Forderungen Heckers sein: ,,Wie es durch ihn besser werden solle? Das suchen sich freilich die Wenigsten zu beantworten, ja das fragen Viele gar nicht; aber hingeworfene Aeußerungen von Abschaffung der Steuern, Tilgung der Schulden, Einziehung fürstlicher Einkünfte und Vermögen wirken auf Vieler Ohren wie Zauberworte" 102. Daß diese populären Forderungen, zu denen auch in verschiedenen Kultgegenständen ein Bezug zu erkennen war, zur Hecker-Verehrung beigetragen haben, erscheint plausibel.

Bestätigung erhält auch der Befund eines für Heckers Popularität positiv zu Buche schlagenden Kontrasts zwischen ihm und den Politikern der Paulskirche. Theodor Mögling, ein Mitstreiter Heckers beim Aprilaufstand, bekannte: ,,Es war [...] ein Glück für Hecker und unsere Partei, daßer nicht in die Versammlung kam, denn Ehre war da wenig zu holen, und noch weniger zu wirken" 103. Daneben wird auf eine Differenz in der Wertung zwischen Teilen des Volkes und den Politikern verwiesen. Die Hecker-Verehrung stünde ,,im grellsten Contrast gegen das Urtheil der Politiker, selbst unter der republikanischen Partei" 104, so Wilhelm Zimmermann.

Eine letzte Andeutung zu den Bedingungen des Hecker-Kultes bezieht sich auf das Verhältnis zwischen persönlichen Eigenschaften Heckers und der spezifischen historischen Situation:

,,Er brachte alle Gaben eines feurigen demagogischen Sprechers mit sich, und sein Einflußmußte da beginnen, wo die Wirkung der besonnenen,überlegten Ruhe aufhörte." 105 Der revolutionäre Prozeß insgesamt, insbesondere in seiner ,,enthusiastischen Phase" des Frühjahrs 1848, muß demgemäß als Faktor zur Konstituierung des Hecker-Kultes mitbedacht werden.

2.4.3 Weitere Überlegungen zu den Ursachen des Hecker-Kults

In den Analysen der Kultphänomene und der zeitgenössischen Urteile über Hecker konnten bereits einige Erklärungsansätze für den Hecker-Kult gefunden werden. Kurz zusammengefaßt waren dies zum einen die vielfach angeführten Persönlichkeitsmerkmale Heckers, wie ein angenehmes Äußeres und eine große rhetorische Begabung, gepaart mit den ihm zugeschriebenen Charaktereigenschaften Entschlossenheit, Glaubwürdigkeit und Gerechtigkeit, die ihm den Ruf eines ,,Mannes der Tat" einbrachten. Darüber hinaus konnte festgehalten werden, daß er als Sympathieträger und klarer Exponent einer politischen Richtung, nämlich der Republikaner, zur Identifikation einlud und hierfür in Kleidung und Aussehen auch konkrete Ansatzpunkte gegeben waren. An verschiedenen Stellen schien zudem auf, daß sein frühes Ausscheiden aus dem revolutionären Prozeß ein Rolle spielen dürfte, ebenso seine Differenz zu den Politikern der Paulskirche. Schließlich wurde auf die revolutionäre Situation insgesamt hingewiesen und insbesondere die ,,kulturelle Orientierungskrise" als Faktor hervorgehoben. Aus der Analyse der historischen Situation und der Dimensionen des Hecker-Kults lassen sich jedoch noch weitere Faktoren erschließen bzw. die genannten in ihrer Relevanz präzisieren. Auf viele der genannten Faktoren bezieht sich auch Peter Assion, der die bisher einzige umfassendere Untersuchung zu den Ursachen des Hecker-Kults vorgelegt hat.106 Die politischen Forderungen Friedrich Heckers nehmen in seiner Analyse eine zentrale Stellung. Indem dieser sich in besonderem Maße sozialen Fragen widmete, habe er sich von den Liberalen abgesetzt, ein eigenes Profil entwickelt und so bereits in den Jahren vor 1848 die Bedürfnisse von Teilen der Bevölkerung Badens, das sich zu der Zeit in einer schweren Wirtschaftskrise befand, getroffen. Hinzu komme, daß die Konvergenz zwischen Heckers Politik und den Anliegen der Bevölkerung nicht nur inhaltlich bestand, sondern auch der Form nach. Sein entschiedenes Auftreten, sei es in der Badischen Kammer oder auf Volksversammlungen, sein Nimbus als Tat-Mensch, habe ein Gegenbild zum Immobilismus des ausgehenden Biedermeier und zur Hinhaltetaktik der Regierenden dargestellt.107 Assions Analyse berücksichtigt als Faktoren also individuelle Eigenschaften Heckers, wie seine politischen Forderungen und sein entschiedenes Auftreten, und setzt sie in Bezug zu gesellschaftlichen Bedingungen, wie dem Bedürfnis von Teilen der Bevölkerung nach sozialer Verbesserung und der Ablehnung stagnierender Politik. Notwendig zu betonen ist dabei, daß sich die Bedürfnisse der Bevölkerung bei Ausbruch der Revolution als Ausdruck eines kollektiven Akts der Politisierung verstärkt zu artikulieren suchten und sich in dieser Bewegung - Gustav Pfizer spricht zeitgenössisch vom ,,Parteiinteresse" 108 - die Trägerschaft des entstehenden Hecker-Kults formierte.

Im Auge zu behalten ist, daß Friedrich Hecker bereits vor 1848 als einer der maßgeblichen Männer der Opposition in der Kammer in Baden, durch seine viel beachtete Ausweisung aus Preußen 1845 in geringerem Maße auch überregional, eine gewisse Bekanntheit und Popularität erreicht hatte. Der Ausbruch der Revolution im Frühjahr 1848 stellte das Forum bereit, auf dem Hecker diese Popularität steigern konnte. ,,In diesen Zusammenhang sind Heckers nicht bezweifelbare Sonderbegabungen zu rücken: sein Gespür für Stimmungslagen, seine rhetorischen Fähigkeiten, sein Sinn auch für Theatralik. Zusammen mit seiner politischen Intelligenz zeichneten ihn diese Qualitäten vor anderen ,Volksmännern` aus, ließen ihn als den ,Mann der Stunde` erscheinen und eine Führungsautorität gewinnen, die vor dem Hintergrund politischen Handlungsbedarfs charismatische Züge annahm. Sie erhoben ihn über Struve und andere, die seine Programmatik mitentwickelt hatten."109 Als Sonderbegabungen im Sinne Assions lassen sich auch weitere der in den Kultphänomenen und zeitgenössischen Urteile vielfach angeführten Persönlichkeitsmerkmale Heckers deuten, wie sein Aussehen, seine innere Überzeugung und Glaubwürdigkeit. Die zahlreichen Faktoren, die die Basis des Hecker-Kults ausmachen - die spezifische historische Situation am Umbruch vom Immobilismus des Biedermeier zur explosiven Dynamik der 1848er- Revolution, die Konvergenz von Heckers Forderungen mit denen einer wachsenden Bewegung und Heckers ,,Sonderbegabungen" - faßt Assion eindrücklich in einem Bild zusammen: ,,Hecker gab dem Volk des Vormärz die Stimme - einem in Bewegung geratenen, sich politisierenden, aber nach langen Untertanenjahren in der freien und befreienden Rede noch kaum geübten Volk."110

Der Freischarenzug im April 1848 muß bei der Frage nach den konstituierenden Faktoren des Hecker-Kults einbezogen werden, insbesondere auf dem Hintergrund, daß die Steigerung von Heckers Popularität zur kultischen Verehrung erst in dessen Gefolge eintrat (vgl. Kap. 2.3.1). In ihm vereinigen sich drei wesentliche Aspekte. Zum einen stellte Hecker darin seine Glaubwürdigkeit unter Beweis und festigte das Image eines Mannes der Tat, wie es in den vielen Kultphänomenen zum Ausdruck kommt. Zum anderen setzte er sich irreversibel von den Parlamentspolitikern ab, deren Arbeit zunehmend skeptisch beurteilt wurde. Je tiefer deren Ansehen sank, um so heller strahlte in der Folge das Gegenbild Hecker. Schließlich muß der Zeitpunkt des Aufstands in Betracht gezogen werden: In der Frühphase der Revolution verband sich sein Scheitern nicht mit dem endgültigen Niedergang, sondern hatte vielmehr den Charakter einer ,,verlorenen Schlacht" in einem noch zu gewinnenden Krieg. Darüber hinaus war in dieser Phase die Bewegung noch stark und motiviert genug, Hecker als revolutionären Helden zu verehren.

Das Scheitern und die folgende Auswanderung Heckers werden verschiedentlich zur zentralen Ursache des Hecker-Kults erklärt. Rudolf Muhs schreibt: ,,Daß die Popularität des Vormärzpolitikers Friedrich Hecker 1848 überhaupt Züge kultischer Verehrung annahm, ist zweifelsohne zunächst auf sein frühzeitiges Ausscheiden aus dem revolutionären Prozeß zurückzuführen. Nur deshalb konnte er zum Mythos werden, weil ihm der Zusammenbruch bei Kandern später keine Chance mehr ließ, sich in der Praxis nachhaltig zu diskreditieren, was andernfalls unvermeidlich gewesen wäre."111 Hecker äußerte sich nach der gescheiterten Reichsverfassungskampagne und der endgültigen Niederlage der Revolution im Bewußtsein seiner anhaltenden Popularität selbst in diesem Sinne: ,,Das Geschick hat es wohlwollend mit mir gemeint. Wäre ich in dieser abermals verunglückten Bewegung einer der Leiter gewesen, wäre mein Name jetzt ebenso tief in den Pfuhl getreten. Denn keine Epoche der Weltgeschichte weist in einer so gewaltig bewegten Zeit einen so offenbaren Bankrott an Genies oder großen Charakteren auf als die jetzige." 112 Heckers Ausscheiden aus dem revolutionären Prozeß dürfte den Kult so befördert und vor allem seinen Fortbestand gesichert haben.

Im Obigen wurden nochmals Faktoren angeführt, die bereits bei der Analyse der Kultphänomene und der zeitgenössischen Urteile über Hecker herausgearbeitet werden konnten. Es lassen sich aber noch mögliche Faktoren eruieren, die bisher ungenannt blieben. Der Hecker-Kult wurde von verschiedenen sozialen Schichten getragen (vgl. Kap. 2.3.1). Hintergrund der relativ breiten sozialen Ausdehnung des Hecker-Kults könnte sein, daß Hecker trotz dezidierter Forderungen ,,keine eindeutige Ideologie, keine Theorie anzubieten [hatte], hinter der sich klar abgrenzbare gesellschaftliche Gruppierungen hätten zusammenschließen können. Er war weder Bauern- noch Arbeiterführer, noch ganz Kleinbürger."113 Als bürgerlicher Anwalt einerseits und Freischärler andererseits, mit sozialen Forderungen, die keine soziale Schicht eindeutig bevorteilten, konnte er ein verbindendes Element zwischen verschiedenen sozialen Schichten verkörpern.

Die Form des Aprilaufstands mag einen weiteren begünstigenden Faktor des Kults um Friedrich Hecker darstellen. Obwohl auch andere mehr oder minder prominente Republikaner wie Gustav Struve, Franz Sigel oder Theodor Mögling daran teilnahmen, wurde die Revolte als ,,Heckerzug" ganz mit seiner Person assoziiert, was einerseits Ausdruck seiner überragenden Popularität war, andererseits diese noch steigerte. Daß der ,,Wanderputsch im Räuberlook"114 einer gewissen Romantik nicht entbehrte, nicht zuletzt weil er nahezu unblutig verlief, gab dem Hecker-Kult zusätzliche Substanz.

Heckers zweimalige Wahl zur Paulskirche im Wahlkreis Tiengen und vor allem seine zweimalige Ablehnung durch die Mehrheit der Nationalversammlung beförderte ebenso den Kult um seine Person. Nicht nur, daß Hecker durch diese Affäre in Zeitungen und Debatten weiterhin öffentlich präsent blieb, obwohl er schon längst ohne aktiven Zugang zur Politik im Exil war, es schärfte sich darin auch sein Ruf als Gegenbild zur fruchtlosen Paulskirchen- Versammlung. Als sich die Debatte um seine Amnestie in der Nationalversammlung zu einem Streit über deren Positionierung zwischen Reform und Revolution entwickelte, personalisierte sich in ihm die Position des entschlossenen Weitertreibens der Revolution, was der Verehrung durch seine Anhänger einen weiteren Schub gab.115

Schließlich sei als Faktor das eigene Zutun Heckers zu seiner Verkultung erwähnt. Schon bei der ersten Offenburger Volksversammlung am 12. September 1847 hing sein Porträt neben dem anderer Oppositionspolitiker im Saal und bot so einen Ansatz für Personenkult.116 Die Kleidung, die später zur Revolutionstracht wurde, suchte Hecker vor seinem Aufstand gezielt aus, den Schlapphut mit der Hahnenfeder zur ,,Betonung seiner Kampfbereitschaft" und den blauen Arbeitskittel als ein ,,demonstratives Zeichen der Volksverbundenheit"117. Der Briefbogen, den er im Schweizer Exil drucken ließ, zeigte ihn selbst mit der Flinte in der Hand vor der Dorfstraße von Muttenz, umrahmt von der Devise ,,Freiheit, Gleichheit, Verbrüderung".118 Solcherart Selbststilisierung verlor seine Bedeutung auch nicht durch Heckers explizite Distanzierung vom Personenkult in seiner Abschiedsrede vor der Überfahrt nach Amerika: ,,[I]ch kann nicht zehren und glücklich sein in der Feier meines Namens, ich bin von jeher ein Feind von Personalhuldigungen gewesen, das Volk soll sich nicht an Namen hängen, es soll sich begeistern, erglühen für die That der Befreiung, es soll handeln, handeln" 119. Vielmehr kann auch diese Rede als implizite Selbststilisierung gelesen werden: Das unbedingte Handeln, das Hecker dem Volk abverlangt, hat er ja bereits vorgelebt. Indem er sich solcherart in Kontrast zum Volk setzt - er handelnd, das Volk nur huldigend - , indem er seine Ansprechpartner auf eine rein passive, defizitäre Rolle reduziert, also gerade nicht eine gleichrangige Ebene sucht, sondern von einer abgesonderten Position aus, Forderungen an das Volk stellt, schafft er selbst gleichsam das Podest für seine Verehrung.

2.4.4 Zusammenfassung der konstituierenden Faktoren des Hecker-Kults

Als Essenz der vorhergehenden Kapitel seien nun die teilweise eng miteinander verknüpften Faktoren, deren Einfluß auf die Entstehung des Hecker-Kults plausibel erscheinen, stichwortartig zusammengefaßt. Als solche sollen gelten:

1. Die revolutionäre politische Situation im Frühjahr 1848 mit verstärkter Politisierung der Bevölkerung bei gleichzeitiger Ausdifferenzierung der oppositionellen Bewegung in Liberale einerseits und Demokraten und Republikaner andererseits.
2. Die ,,kulturelle Orientierungskrise" und damit einhergehend das Bedürfnis nach erneuerter bzw. modernisierter Sinnstiftung.
3. Die bereits vor Ausbruch der Revolution relativ große Bekanntheit Friedrich Heckers, vor allem in Baden, in geringerem Maß überregional.
4. Die verstärkte Berücksichtigung sozialer Forderungen im politischen Programm Heckers; seine Position als Exponent der republikanischen Fraktion der Bewegung.
5. Persönlichkeitsmerkmale wie Glaubwürdigkeit und entschlossenes Auftreten, die ihn als ,,Mann der Tat" erscheinen lassen.
6. Weitere ,,Sonderbegabungen" Heckers wie gute Rhetorik und attraktives Aussehen.
7. Der Heckerzug als Beweis seiner Entschlossenheit und Glaubwürdigkeit, spektakuläre Profilierung als ,,Mann der Tat" und Gegenbild zum biedermeierlichen Immobilismus.
8. Der Kontrast zu den Vertretern des parlamentarischen Weges (vor allem durch den konsequenten Bruch mit diesen im Aprilaufstand) als Verstärkung des ,,Tatmensch"-Nimbus; das stetige Absinken deren Popularität im Zuge langwieriger Debatten als Popularitätsschub für das ,,Gegenbild" Hecker.
9. Der günstiger Zeitpunkt des Heckerzuges in der Frühphase der Revolution.
10. Der ,,romantische" Verlauf des Aprilaufstandes und dessen völlige Assoziation mit der Person Heckers.
11. Das Ausscheiden Heckers aus dem revolutionären Prozeß vor dessen Niedergang.
12. Die Kristallisation der Debatte über Reform oder Revolution an Heckers Wahl zur Nationalversammlung und in Zusammenhang damit die Personalisierung der revolutionären Position in ihm.
13. Hecker als verbindendes Element verschiedener sozialer Schichten.
14. Die Selbststilisierung Heckers. Aus der Strukturierung der Faktoren ergibt sich folgendes Raster zu den Ursachen des Hecker-Kults:

1. Die historische Situation ist geprägt durch Krisenerscheinungen.

a) Auf längere Sicht fallen darunter die kulturelle Orientierungskrise (mit der Bereitschaft pseudo-religiöse Sinnstiftung zu akzeptieren) und die Erfahrungen des biedermeierlichen Immobilismus.
b) Kurzfristig beschreibt dies den revolutionären Prozeß mit einer sich ausdifferenzierenden Bewegung.

2. Hecker vertritt Positionen, hat politische Forderungen, die sich mit den Bedürfnissen großer Teile der Bevölkerung decken. Mit diesen Forderungen ist er auch als Exponent einer Bewegungsfraktion, der Republikaner, bekannt.

Zudem verfügt er in seiner Persönlichkeit über bestimmte ,,Sonderbegabungen". Dazu gehören

a) hohe Glaubwürdigkeit, Geradlinigkeit, Entschlossenheit,
b) gute Rhetorik und sonstiges Auftreten,
c) attraktives Aussehen.

Während der erste Faktorenkomplex die gesellschaftlichen Bedingungen des Kultes

beschreibt, bezieht sich der zweite auf den individuellen Beitrag Friedrich Heckers. In ihrem Zusammentreffen und Zusammenpassen, der ,,Menschwerdung des Zeitgeistes" 120 in Friedrich Hecker, bilden sie die Basis des Hecker-Kultes.

3. Der Aprilaufstand fungiert als Auslöser des Kultes. Hecker beweist darin seine Entschlossenheit und Glaubwürdigkeit und kann sich spektakulär als ,,Mann der Tat" profilieren. Wegen des frühen Zeitpunkts in der Gesamtrevolution setzt er trotz seines Scheitern Hoffnungen frei. Das ,,Mann der Tat"-Bild wird noch verstärkt durch den Kontrast zu den zögerlichen Politikern der Paulskirche, mit denen er konsequent gebrochen hat.

4. Heckers Ausscheiden aus dem revolutionären Prozeß bewahrt dieses Bild vor einer Revision und garantiert so die nicht nur kurzfristige, sondern (auch nach der Revolution) anhaltende Faszination seiner Person und den Kult. Der kontinuierliche Niedergang der Revolution, maßgeblich getragen von seinen politischen Gegenbildern in der Paulskirche, und ihr letztliches Scheitern wird nicht mit ihm assoziiert, läßt ihn vielmehr als Idol um so heller strahlen.

Die übrigen Faktoren erscheinen demgegenüber als sekundär. Sie dürften, wenn auch nicht konstitutiv, so an verschiedenen Stellen verstärkend gewirkt haben. Der ,,romantische" Verlauf des Aprilaufstandes mag seine Akzeptanz erhöht haben, die Debatte in der Paulskirche nach der Wahl in Tiengen schärfte den Kontrast zwischen Hecker und den Parlamentspolitikern und bestätigte seinen Nimbus als der Mann der Revolution. Die Charakteristik Heckers als verbindendes Element verschiedener Schichten dürfte die soziale Basis des Kultes ausgedehnt haben und in seiner Selbststilisierung wurde das populäre Bild vom ,,Mann der Tat" gefestigt.

2.5 Entwicklungstendenzen des Kults um Friedrich Hecker

Während die deutsche Revolution im Sommer 1849 zu Ende ging, lebte der Hecker-Kult fort. Trotz des Verbots der Hecker-Verehrung in der Reaktionszeit121, konnten ,,noch im Anfang der sechsziger [sic] Jahre bei den Schwarzwälder Bauern in der Umgegend von Freiburg zahlreiche Heckerbüsten und Heckerbilder"122 gesehen werden. Die Hecker-Lieder wurden gar bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs hinein gesungen.123 Interessant ist dabei eine teilweise Umwertung der Person Friedrich Heckers und seiner politischen Positionen. Im Kaiserreich galt er als ,,Musterdeutscher", herausgestellt wurden seine Ehrlichkeit,

Entschlossenheit und ,,sein echt deutsches Ä ußere[s]" 124. Politische Fähigkeiten wurden ihm

hingegen abgesprochen, seine politischen Forderungen und Ziele wurden verschwiegen.125

Eine Abtrennung der Inhalte Heckers von seiner Person setzte sich ab den 1880er Jahren auch in den USA durch. Dorthin war im Gefolge der vielen politischen Flüchtlinge auch die Hecker-Verehrung gekommen, die sich fortan in den Vereinen der ,,Forty-Eighters" artikulierte. Zu voller Blüte kam sie jedoch erst mit einem Generationswechsel in diesen Organisationen und dem Aussterben der Revolution von 1848 als eigener Erfahrung. Gleichzeitig begann eine Umwertung der Hecker-Verehrung. Sie wurde im veränderten Kontext zunehmend zum Ausdruck eines eigenständigen und selbstbewußten Deutsch- Amerikanertums. ,,Abgrenzung von den Anglo-Amerikanern, Ethnozentrik mit ideologischer Aufladung, zum Teil auch nationalistische Offensive"126 wurden nun zu Implikationen eines von sozialrevolutionären Aspekten freigehaltenen Hecker-Kults. 1882 bzw. 1883 wurden in St. Louis127 und Cincinnatti Hecker-Denkmäler errichtet und um die Jahrhundertwende selbst ein kleiner, von deutschen Einwanderern gegründeter Ort ,,Hecker" benannt128.

Spätestens mit dem Ersten Weltkrieg verlor die Hecker-Verehrung in den USA jedoch ihre Bedeutung und Hecker geriet zunehmend in Vergessenheit. In Deutschland war die Entwicklung eine andere. Zwar gibt es für die Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus keine Hinweise auf eine nennenswerte Verehrung des badischen 1848er- Revolutionärs129 - andere Idole waren wohl zu beherrschend - doch nach 1945 wurde Friedrich Hecker wieder verstärkt gewürdigt. Das Jubiläum der Revolution im Jahre 1948 bot die Möglichkeit, gegen das Bild von den Deutschen als Nazis das ,,andere Deutschland" und seine demokratischen Traditionen hervorzuheben. Friedrich Hecker eignete sich gerade wegen seiner Verbindung zu den USA als Symbolfigur. Die Stadt Eichtersheim widmete ihrem berühmten Sohn nun eine Gedenktafel, die ihn konsensfähig als ,,Vorkämpfer[s] für die Menschenrechte" auswies (Abb. 16).

Die siebziger Jahre brachten schließlich, nicht zuletzt durch die Errichtung der Erinnerungsstätte in Rastatt auf Initiative Gustav Heinemanns 1974, ein wahre Renaissance des Andenkens an die Revolution von 1848/49. Im Zuge dieser Popularisierung wurde der Hecker-Kult nun von ganz unterschiedlichen politischen Strömungen wieder aufgenommen und jeweils verschieden besetzt. Die Ausläufer der Studentenbewegung ehrten Hecker als Revolutionär, dessen Forderungen nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit weiterhin aktuell seien.130 Der radikal-demokratische badische Liedermacher Walter Mossmann zeigte so auf dem Cover seiner Schallplatte ,,Flugblattlieder", neben Protesten gegen das Berufsverbot, Kritik an starker Polizeipräsenz und an der bornierten, bigotten oder ignoranten Haltung der ,,Spießer", einen ,,Hecker" mit dem charakteristischen Hut, der gegen Atomkraftwerke protestiert (Abb. 17). Als 1976 in Baden-Württemberg die Verfaßte Studierendenschaft gesetzlich abgeschafft wurde, benannte der spontane Zusammenschluß der Fachschaften an der Universität Konstanz die Hochschule aus Protest in ,,Friedrich-Hecker-Universität Konstanz" um - ein Name der bis heute inoffiziell fortlebt (Abb. 18). 1978 feierte die alternative Szene Freiburgs ein ,,Volksfest zur vergessenen badischen Revolution 1848/49", im Zuge dessen nicht nur ,,Spottlieder auf die Obrigkeit"131 gesungen wurden, sondern auch die Hauptstraßen Leopold- und Friedrichring symbolisch in ,,Hecker-Struve-Ring" umbenannt wurden. Auch eine DKP-nahe Buchhandlung in Freiburg soll zu dieser Zeit mit Hecker geworben haben.132

Diese politische Besetzung des Andenkens an Friedrich Hecker hinderte die CDU Baden- Württembergs nicht daran, sich in ihrem Landtagswahlkampf 1976 (Motto: ,,Freiheit statt Sozialismus") ebenfalls positiv auf diesen zu beziehen (Abb. 20). Und auch die F.D.P. der sozialliberalen Ära nahm sich Friedrich Hecker zum Vorbild. ,,In der aktuellen Diskussion um den Radikalenerlaß, die Verschärfung der Polizeigesetze und der Strafprozeßordnung ermahne der Kampf der badischen Revolutionäre von 1848 für Presse-, Gewissens- und Meinungsfreiheit zu einer kompromißlosen Verteidigung dieser demokratischen Grundrechte" 133, formulierten die Freiburger Liberalen in der Diskussion um die Benennung von Straßen nach Hecker und Struve. Auch das Plakat einer Wanderausstellung der F.D.P.- nahen Reinhold-Maier-Stiftung von 1978 mit dem für 1848/49 paradoxen Titel ,,Die liberale Revolution" zeigte Friedrich Hecker. Um ihm jedoch F.D.P.-kompatibel die Radikalität zu nehmen, wurden Säbel und Gewehr des Freischärlers Hecker wegretuschiert (Abb. 19).

Was in den siebziger Jahren seinen Anfang nahm, eine Verehrung Heckers quer durch das politische Spektrum und politische Werbung durch Bezug auf ihn bei gleichzeitiger Ablösung bzw. freier Interpretation von Heckers tatsächlichen politischen Positionen, erreichte in den 150-Jahr-Feiern zur Revolution 1998/99 seinen vorläufigen Höhepunkt. ,,Fraglos gefeiert"134 wurde die Revolution von 1848/49 gerade im deutschen Südwesten, wo Friedrich Hecker vielfach zur Symbolfigur der ganzen Bewegung stilisiert wurde, ungeachtet seiner radikalen Minderheitenposition in den damaligen Ereignissen, seiner unüberbrückbaren Differenzen mit den Liberalen in der Paulskirche und seines frühen Ausscheidens aus dem revolutionären Prozeß. Auf Volksfesten und Messen gab es Hecker-Hüte, Hecker-Wein und Hecker- Anstecknadeln zu kaufen.135,,Revolutionsbegeisterte" konnten eine ,,Große Volksversammlung unter Mitwirkung der Hecker-Gruppe Singen"136 miterleben, unter dem Motto ,,Lebt der Hecker noch? 1848 goes Rock"137 bzw. ,,Hecker - ein Revoluzzical"138 musikalisch am Revolutionsgedenken teilhaben oder mit dem Wanderführer ,,Weg der Revolutionäre"139 den Heckerzug nachempfinden. Schließlich stand auch ein ,,Großer ,Revolutionswettbewerb`" im Zeichen des Hecker-Huts (Abb. 21).

Aktuell zeigen sich auf diesem Hintergrund zwei Tendenzen des Hecker-Kults. Zum einen wird weiterhin versucht, ein politisches Erbe Friedrich Heckers auszumachen und diese politischen Inhalte in der Folge durch Identifikation mit Hecker bzw. Setzung dessen als Leitfigur zu propagieren. Welche Inhalte dabei transportiert werden, hängt jedoch, wie in den siebziger Jahren und bereits früher, weniger vom ,,realen Hecker" als vom Standpunkt des Betrachters ab. Hecker kann so zum Vorkämpfer der ,,sozialen Demokratie" 140, wie auch des ,,demokratischen Sozialismus" 141 gemacht werden, zum Gewährsmann gegen einen ,,neuen Marktradikalismus und eine[r] neue[n] Weltmarkt-,Globalisierung`" 142 wie zum ,,Gegenbild zur heute beobachtbaren Politiker-Typik" 143, die mit ihrer Job-Mentalität und Eigennutz- Orientierung Politikverdrossenheit erzeuge.

Zum anderen zeigt sich jedoch eine neue Tendenz, die aus der Übersteigerung der ersteren resultiert. In der totalen Popularisierung der Revolution von 1848/49 verbunden mit einem ,,marktwirtschaftlich locker-gelöste[n] Umgang, mit Symbolen der 48er Revolution zu werben"144, werden die politischen Inhalte so weit reduziert, daß sie vollkommen zu verschwinden drohen. Die Hecker-Hüte und anderen Kultgegenstände dienen hier nicht mehr der Identifikation mit politischen Inhalten, sondern stellen nur noch ,,Kostüme"145 dar, die austauschbar sind, je nach Konjunktur der Helden und Idole. Die ,,große Wurstmaschine kollektiver Beliebigkeit"146 macht Friedrich Hecker zum Popstar.

3. Der Kult um Che Guevara

3.1 Che Guevara. Biographischer Umriß

,,El Che"147 kam am 14. Juni 1928 in Rosario, der drittgrößten Stadt Argentiniens, als Ernesto Guevara de la Serna zur Welt.148 Die Eltern, Ernesto Guevara Lynch und Celia de la Serna y Llosa, entstammten der alten argentinischen Landbesitzer-Oligarchie, hatten sich jedoch dem fortschrittlichen Bürgertum angeschlossen und Celia, die wichtigste emotionale und intellektuelle Bezugsperson im Leben des jungen Ernesto, galt als ,,antiklerikale Sozialistin und Feministin"149. Die verschiedenartigen Geschäfte des Vaters waren meist wenig erfolgreich, und so lebte die Familie, in der Ernesto das älteste von fünf Kindern war, mehr von der mütterlichen Erbschaft und Pachteinkünften. Im Alter von knapp zwei Jahren erlitt Ernesto seinen ersten Asthma-Anfall, und diese Krankheit verfolgte und prägte ihn sein ganzes weiteres Leben. Sein ,,Zauberberg" hieß Alta Gracia, wo sich die Familie 1933 wegen des heilsamen Klimas niederließ. Persönliche Kontakte der Familie mit prominenten spanischen Republikanern, die angesichts der Niederlage im Spanischen Bürgerkrieg nach Argentinien geflohen waren, führten zu ersten Auseinandersetzungen Ernestos mit Politik.150 Nach dem Abitur begann er 1947 das Studium der Medizin in Buenos Aires, das er mit mäßigem Interesse verfolgte und im Sommer 1953 abschloß.

Doch statt einer Anstellung als Arzt suchte er das Abenteuer. Er reiste durch Bolivien, Peru, Ecuador und Costa Rica und ließ sich schließlich für neun Monate in Guatemala nieder. Prekäre wirtschaftliche Verhältnisse und Kontakte mit verschiedenen politischen Gruppen prägten seinen Aufenthalt. Der von der CIA unterstützte Putsch gegen den demokratischen Präsidenten Guatemalas Jacobo Arbenz 1954 verfestigte seine Haltung gegen die koloniale und imperialistische Ausbeutung Lateinamerikas, insbesondere durch die USA, die er zuvor bereits durch Studien des Marxismus gewonnen hatte. Als Sympathisant des abgesetzten Präsidenten floh er nach Mexiko, wo er Mitte 1955 die entscheidende Bekanntschaft mit Fidel Castro machte. Castro, Anführer der exil-kubanischen Oppositon gegen den Diktator Fulgencio Batista, gewann Guevara für seine geplante Invasion in Kuba. Che, der Revolutionär, war geboren.151 Nach einer militärischen Ausbildung, einem kurzen Gefängnisaufenthalt, seiner Heirat mit Hilda Gadea Acosta und der Geburt einer Tochter152 schiffte er sich am 25. November 1956 mit 81 Genossen auf der Jacht ,,Granma" nach Kuba ein.

Nach zwei Jahren wechselvoller Kämpfe in der Sierra Maestra gelang den Guerilleros unter Comandante Che Guevara der entscheidende Sieg bei Santa Clara. Anfang Januar 1959 zogen sie in Havanna ein und übernahmen die Regierung. Guevara wurde ehrenhalber die kubanische Staatsbürgerschaft verliehen, und er bekleidete in den folgenden Jahren zentrale Positionen in der revolutionären Regierung Fidel Castros: Leiter der Industrieabteilung des Nationalen Instituts für Agrarreform, Präsident der Nationalbank, Industrieminister. Er unternahm als Leiter kubanischer Delegationen etliche Reisen, insbesondere in sozialistische Staaten wie die Sowjetunion, China, Jugoslawien und Algerien (unter Ahmed Ben Bella), aber auch in lateinamerikanische und afrikanische Staaten, immer auf der Suche nach wirtschaftlicher und politischer Unterstützung des revolutionären Kuba. Daneben veröffent- lichte er zahlreiche Schriften zur Theorie des Guerillakrieges, zu Internationalismus, Öko- nomie und Erziehung153, worauf sich sein internationaler Ruf als ,,Hirn der Revolution"154 gründete.

1965 legte er alle seine politischen Ämter nieder und verschwand auf mysteriöse Art und Weise ohne Angabe konkreter Gründe vollkommen von der Bühne der Öffentlichkeit, was vielfältige Spekulationen über seinen Aufenthaltsort auslöste.155 Sein Weg führte ihn in den Kongo, wo er erfolglos versuchte eine Guerillabewegung zu formieren. Im Juli 1966 kehrte er nach Kuba zurück, um sein letztes Projekt vorzubereiten: die Entfachung eines Guerilla- Krieges in Bolivien als Beginn einer Revolution in ganz Lateinamerika. Unbemerkt konnte er im November 1966 in Bolivien einreisen, doch das Unternehmen entwickelte sich zur Katastrophe. Die wenigen, in erster Linie kubanischen Guerilleros erhielten praktisch keine Unterstützung, weder von der Landbevölkerung noch von der bolivianischen KP. Seit ihrer Entdeckung im Frühjahr 1967 wurden sie vom bolivianischen Militär mit Unterstützung der CIA gejagt. Am 8. Oktober schließlich wurde die dezimierte und demoralisierte Guerilla- Truppe in ein Gefecht verwickelt, in dessen Verlauf ihr Anführer gefangengenommen wurde. Am nächsten Tag wurde Che Guevara auf Anweisung der bolivianischen Regierung in dem kleinen Dorf La Higuera erschossen. Sein Leichnam verschwand - wiederum Anlaß für Spekulationen, anfangs sogar über die Frage, ob überhaupt er der Erschossene gewesen sei - und wurde erst 1997 unter großer medialer Beachtung in Bolivien wiedergefunden.156

3.2 Che Guevara in der Kubanischen Revolution und den weltweiten revolutionären Aufbrüchen der sechziger Jahre

Der historische Auftritt Che Guevaras verbindet sich zunächst und unmittelbar mit dem Guerillakampf in der Sierra Maestra und der Kubanischen Revolution von 1959. Doch er beschränkt sich nicht auf diesen Kontext. Die weltweiten Aufbrüche der sechziger Jahre - vom antikolonialen und antiimperialistischen Kampf in Lateinamerika, Afrika und Asien, nicht zuletzt in Vietnam, über die Spaltungen und Reformversuche im sozialistischen Lager, bis hin zu den Studentenrevolten in Westeuropa und den USA, um nur einige Brennpunkte zu nennen - stellen den größeren historischen Rahmen dar, in dem Guevaras Aktivitäten und Ideen ihren Platz finden.

Erste Bekanntheit erlangte Che Guevara aufgrund seiner maßgeblichen Stellung in der Guerilla gegen den kubanischen Diktator Batista. ,,In der vereinfachenden Sprache des Journalismus könnte man sagen, daß er die ,Nummer 2` unter den Führern nach Fidel Castro war. [...] Neben Fidel war kein anderer Comandante mit der Erledigung so wichtiger Aufträge in allen Hauptphasen der Revolution betraut"157. Er führt eine eigene Kolonne der Guerilla, mit der es ihm gelang, am 31. Dezember 1958 die Stadt Santa Clara im Zentrum Kubas einzunehmen und damit den Sturz des Batista-Regimes zu besiegeln. Die Übernahme der Regierung durch die Aufständischen rückte Guevara stärker ins Licht einer nun auch internationalen Öffentlichkeit, und es gelang ihm, wie keinem anderen Guerillero neben Fidel Castro, eigene Konturen zu gewinnen. Verschiedene Faktoren erscheinen dafür maßgeblich: Die Tatsache zunächst, daß er sich als gebürtiger Argentinier in den Dienst der Kubanischen Revolution gestellt hatte, verlieh ihm eine gewisse Sonderstellung unter den Guerilleros, einen Hauch von revolutionärer Exotik, und seinem Internationalismus ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit. Darüber hinaus setzte er einige richtungsweisende Akzente bei der Formulierung der neuen Politik. In der Auseinandersetzung um die ideologische Ausgestaltung der Kubanischen Revolution, deren sozialistischer Charakter keineswegs von Beginn an feststand, repräsentierte er gemeinsam mit Fidels Bruder Raúl Castro den linkesten Flügel.158 Insbesondere in der zentralen Frage der Agrarreform vertrat Che die radikale und bei der Landbevölkerung populäre Position einer entschädigungslosen Enteignung des Großgrundbesitzes.159 So trug er wesentlich zum Ausscheiden gemäßigter Kräfte aus der siegreichen Anti-Batista-Koalition und einer Radikalisierung der Revolution bei, die in der Konsequenz zu einer Anlehnung Kubas an die Sowjetunion führte. In der Anfangsphase war Che also, wie der russische Diplomat Alexander Alexejew bezeugte, ,,der Hauptarchitekt der sowjetisch-kubanischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit"160.

Ihn pauschal als ,,Zögling der UdSSR"161 zu bezeichnen, bedeutete jedoch eine Verkennung seiner teilweise massiven Differenzen mit der sowjetischen Politik. So äußerte er vielfach Kritik am ,,Revisionismus" der Ära Chruschtschow und neigte im Gefolge des sowjetisch- chinesischen Konflikts zunehmend den Pekinger Positionen zu.162 Darüber hinaus vertrat Che Guevara einen Sozialismus, der auch in der Theorie in wesentlichen Teilen vom sowjetischen abwich. Er bekämpfte den Einfluß der Bürokratie163 und betonte sowohl in seiner Theorie der permanenten Revolution164 als auch in seinen Überlegungen zur Ökonomie unter Relativierung ,,objektiver Notwendigkeiten" die große Bedeutung des revolutionären Willens, der in einem zu schaffenden ,,Neuen Menschen" realisiert sei. Nicht auf materiellem, sondern auf moralischem Anreiz sollte die kubanische Wirtschaft basieren.165 Auf diesem Hintergrund rief er zur ,,freiwilligen Arbeit" auf, also zu Mehrarbeit außerhalb der normalen Arbeitszeit, die durch besondere Auszeichnungen gewürdigt wurde.166 Persönlich beteiligte er sich selbst als Minister leidenschaftlich daran, insbesondere beim Zuckerrohrschneiden167, was ihm große Popularität verlieh.

Sowohl in Kuba als auch international zeichnete sich Che Guevara also durch ein hohes Maß an Eigenständigkeit aus: ,,Che Guevara galt als das Symbol einer Revolution ohne diplomatische und taktische Rücksichten - kein Repräsentant des Gulaschkommunismus, sondern ein Heros des Voluntarismus."168

Eine maßgeblicher Faktor für die steigende internationale Bekanntheit Che Guevaras waren zahlreiche Reisen und Auftritte auf internationalen Konferenzen, so vor der UN- Vollversammlung im Dezember 1964. Che fungierte als ,,einziger wirklicher Botschafter im Ausland in den ersten Jahren der Regierung Castro"169, gleichsam als Botschafter der Revolution. Besondere Aufmerksamkeit erregte dabei nicht zuletzt seine unkonventionelle Erscheinung. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete z. B. im Oktober 1965: ,,Wir sahen Guevara im Frühjahr vergangenen Jahres, als er auf dem Pariser Flughafen Orly den Flug nach Algier antrat, um als Beobachter an einem Parteikongreßteilzunehmen: in weiter Kampfjacke, den Kragen des olivgrünen Hemdes geöffnet, auf dem langmähnigen Kopf die Baskenmütze mit dem fünfzackigen Stern. Die Hand voll korrekt gekleideter Algerier, die ihn begleiteten, wirkten im Vergleich zu diesem Dschungelkämpfer wie die saturierte Revolution in Person." 170 Che hob sich also schon äußerlich von den Diplomaten sowohl des Westens als auch des Ostblocks ab und unterstrich damit seine revolutionäre Gesinnung. Und ebenfalls mit Bezug auf sein Auftreten resümierte die Illustrierte Stern kurz nach seinem Tod: ,,Che Guevara, immer im Kampfanzug, immer die Zigarre in der Hand, immer bärtig - und immer ein Frauenmagnet 171 - wurde ein Star auf der politischen Bühne." 172

Um so mysteriöser erschien auf diesem Hintergrund sein plötzliches Verschwinden aus Kuba und von der internationalen Bühne im April 1965. In der öffentlichen Debatte verschaffte ihm gerade diese Abwesenheit Präsenz. Sein Verbleib war ungeklärt, war Anlaß für Spekulationen, Untersuchungen und Verdächtigungen, war ein Politikum.173 Die FAZ sprach vom ,,Rätsel Che Guevara" und offenbarte: ,,[W]ir fragen uns, ob er uns in diesem Augenblick bekämpft oder ob er von seinesgleichen ebenso zum Schweigen gebracht worden ist wie einst ein anderer Kommunist: Trgtzki [sic]." 174 Che hatte seine konkrete, begrenzte und berechenbare Position verlassen und war zum ,,Gespenst der Weltrevolution"175 geworden.

Tatsächlich hielt er sich im Kongo auf, befaßt mit dem Projekt, eine Guerillabewegung gegen die vom Westen, insbesondere der USA und Belgien, gestützte Regierung zu formieren. Die Motivation hierfür hatte er bereits im Februar 1965 auf einer Konferenz in Algier mitgeteilt:

,,Auf den unheilvollen Angriff des nordamerikanischen Imperialismus gegen Vietnam oder den Kongo mußgeantwortet werden, indem diesen Bruderländern alle Mittel zur Verfügung gestellt werden, die sie zu ihrer Verteidigung benötigen, und indem wir ihnen unsere bedingungslose Solidarität beweisen." 176 Das Unternehmen war ein vollkommener Fehlschlag. Da aber sowohl das Projekt als solches als auch sein Scheitern erst wesentlich später bekannt wurden, also (von den oben angesprochenen Spekulationen abgesehen) auf die zeitgenössische Popularität Ches keinen Einfluß haben konnten, soll es hier nicht weiter diskutiert werden.

Die Unsicherheit der Informationen ließ auch bei Ches nächstem internationalem ,,Auftritt", der Bekanntgabe seines Todes im bolivianischen Dschungel, zunächst Spekulationen und eine öffentliche Debatte entstehen. ,,Am Tod Guevaras kommen Zweifel auf" 177 titelte die Welt vier Tage nach der Verlautbarung, und im Berliner Tagesspiegel wurden noch am 22. Oktober unter Bezugnahme auf allerlei Gerüchte und frühere Mysteriositäten, Zweifel an der offiziellen Version angemeldet: ,,Damit steht die Legende erneut an ihrem Ausgangspunkt: wieder einmal ist Ernesto Guevara gestorben und wieder einmal ist er wieder lebendig geworden." 178

Nach und nach setzte sich jedoch trotz verschiedener Ungereimtheiten, z. B. dem Verschwinden der Leiche, die Einschätzung durch, daß es sich bei dem Toten aus Bolivien um Che Guevara handle. Das ließ Rückschlüsse zu, die ganz erheblich zu seiner Popularität beitrugen: Che hatte also seine sichere Stellung in Kuba verlassen, um an andere Stelle die Revolution zu machen. Seine Revolutionstheorie, wonach es möglich und nötig sei, an vielen verschiedenen Punkten der Welt antiimperialistische Guerillaherde zu entfachen, ,,zwei, drei, viele Vietnam", hatte er selbst umzusetzen versucht.

In diesem Weitertreiben der Revolution unterschied er sich von Fidel Castro, wie er selbst in seinem Abschiedsbrief an diesen 1965 analysierte: ,,Andere Völker der Welt verlangen nach meinen bescheidenen Bemühungen. Ich kann das tun, was Dir verwehrt ist, weil Du als Führer der Revolution in Cuba Verantwortung trägst." 179 Die Verantwortung des Staatsmanns und Realpolitikers, die möglicherweise Zurückweichen, Kompromisse und unpopuläre Entscheidungen verlangt hätte, hatte er eingetauscht gegen die permanente Revolution.

Ches Tod in Bolivien offenbarte jedoch auch sein vollkommenes Scheitern. Abgesehen von der Revolution in Kuba waren alle Versuche, eine Guerilla aufzubauen, erfolglos geblieben und hatten schließlich sogar zu seinem Tod geführt, einen Tod, den er in seiner berühmten Schrift ,,Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam!" vom Frühjahr 1967 fast ankündigte, gleichzeitig aber positiv wendete: ,,Unsere ganze Aktion ist eine Kriegsansage gegen den Imperialismus und ein Ruf nach der Einheit der Völker gegen den großen Feind des Menschengeschlechts: die Vereinigten Staaten von Nordamerika. An jedem beliebigen Ort, wo uns der Todüberraschen könnte, sei er willkommen, wenn unser Kriegsruf gut aufgenommen würde und eine andere Hand nach unseren Waffen greifen würde und andere Menschen bereit wären, die Totenlieder mit Maschinengewehrgeknatter und neuen Kriegsund Siegesrufen anzustimmen." 180

Der historische Auftritt Che Guevaras stand am Vorabend der weltweiten Revolten des Jahres 1968, dem ,,letzte[n] Hurra der alten Weltrevolution"181. ,,Wenn es je einen Moment in den Goldenen Jahren seit 1945 gegeben hat, der einen Anklang an jene simultane Weltrevolution hatte, von der die Revolutionäre nach 1917 träumten, so war es doch das Jahr 1968, in dem die Studenten vom Westen der USA über Mexiko bis hin zum sozialistischen Polen, der Tschechoslowakei und Jugoslawien rebellierten, ermutigt vom gewaltigen Aufruhr durch den Pariser Mai im Jahr 1968, dem Epizentrum des weltweiten Studentenaufstands."182 Dabei war die Revolte nicht nur global in ihrer räumlichen Ausdehnung, sondern auch globalistisch in ihrer ideologischen Dimension. Eine ,,Globalisierung der revolutionären Opposition" 183 forderte Herbert Marcuse, der einflußreichste Denker der ,,Neuen Linken", und ganz in diesem Sinne stellte Rudi Dutschke als Exponent der Protestbewegung in Deutschland fest:

,,Jede radikale Opposition gegen das bestehende System mußheute notwendigerweise global sein." 184 Der ,,Kampf gegen den US-Imperialismus" stellte dabei vielfach die Klammer um differierende Bewegungen dar. Ausdruck der globalistischen Denkweise der ,,Neuen Linken" war, auf der Suche nach linken Alternativen zum realexistierenden Sozialismus, auch die verstärkte Rezeption von theoretischen Ansätzen aus der ,,Dritten Welt". ,,Karl Marx ist verjüngt heimgekehrt nach einer Reise um die Welt" 185, schrieb die Times im Mai 1968. In diesen Komplex gehörte zweifellos die Guerilla-Theorie Che Guevaras.186 Schließlich sei darauf hingewiesen, daß die Proteste gerade der Studenten in den westlichen Industrieländern nicht zuletzt Ausdruck einer kulturellen Orientierungskrise waren. Sie beinhalteten ,,eine Kulturrevolution, eine Ablehnung all dessen, was die elterlichen Werte der ,Mittelklasse` in der Gesellschaft verkörperte"187.

Im kulturellen Sektor waren die Revolten der sechziger Jahre teilweise erfolgreich: überkommene Strukturen, z. B. im Geschlechter- und ,,Rassen"-Verhältnis, in Erziehung, Mode und Kunst, wurden nachhaltig in Frage gestellt.188 Mit im engeren Sinne politischen Anliegen scheiterten sie jedoch. Regierungs- geschweige denn Systemwechsel konnten nicht erreicht werden, und die Bewegung ebbte nach und nach ab, bzw. faserte in verschiedene Strömungen aus.

3.3 Der zeitgenössische Kult um Che Guevara

3.3.1 Dimensionen des zeitgenössischen Che-Kults

Che Guevara war 189 zweifellos der berühmteste Revolutionär der sechziger Jahre, um keinen Guerillero entspann sich ein Kult, der in den Ausmaßen mit dem um seine Person vergleichbar wäre. ,,Kein Name (außer dem des Philosophen Herbert Marcuse) wurde 1968 in einer gut informierten Untersuchung über die globale ,Neue Linke` öfter genannt als seiner, auch wenn der Name des vietnamesischen Führers Ho Chi Minh bei den Demonstrationen der Linken in der Ersten Welt letztlich häufiger skandiert wurde (,Ho-Ho-Ho-Chi-Minh`)."190

Zu welchem Zeitpunkt der Kult um Che einsetzte, ist strittig. In Kuba sei es bereits am 4. Januar 1959 gewesen, ,,als er an der Spitze seiner siegreichen Kolonne in Havanna einzog, gepriesen als der Held, dem der endgültige Sieg der Revolution zu danken war."191 Doch diese Darstellung ist wohl kaum haltbar. Neuere Untersuchungen belegen, daß Che an diesem Tag nahezu unbemerkt und ohne große Begleitung in die Hauptstadt kam, daß Fidel Castro der unumstrittene Volksheld war und Che allenfalls an seiner Seite triumphierte, ansonsten aber zunächst ins zweite Glied rückte.192

Nach seinem Verschwinden aus Kuba 1965 scheinen sich erste Anzeichen von Verkultung zu zeigen: ,,Nach Guevaras Abreise trieb Castro auf seinen Massenversammlungen in den Sportstadien Havanas [sic] einen eigentlichen Kult mit seinem bisherigen Kampfgefährten: die Massen pflegten bei der Enthüllung des Riesenporträts des bärtigen Revolutionärs in Ekstase zu geraten."193 So wird auch von der offiziellen 1.Mai-Feier 1967 in Havanna berichtet, daß Tausende der an der Kundgebung Teilnehmenden große Fotos Ches zeigten.194 Im großen Maßstab entwickelte sich der Che-Kult, ungeachtet einer, wie gesehen, schon früher bestehenden großen Popularität, erst nach dessen Hinrichtung am 9. Oktober 1967, dann jedoch explosiv und international.195 Auf einer Demonstration in Mailand am 15. Oktober 1967 wurden Che-Poster, vom linken Verleger Feltrinelli in einer Auflage von 100.000 Stück gedruckt, mitgeführt.196 In West-Berlin waren sie auf einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg am 20. Oktober zu sehen.197 ,,Seine Bilder werden bei Demonstrationen in Berlin und Paris, in Sofia und New York, in Belgrad und Santo Domingo durch die Straßen getragen" 198, hieß es im Juni 1968, vom Oktober 1968 gibt es auch Belege aus Mexico-City199.

Der Che-Kult wurde ein globales Phänomen, mit Schwerpunkten in Lateinamerika und den westlichen Industrieländern.200 Dabei läßt sich differenzieren zwischen der Verehrung in Kuba einerseits und den anderen Ländern Lateinamerikas und des Westens andererseits. In Kuba wurde der Kult staatlicherseits gestützt, in weiten Teilen sogar offiziell installiert und inszeniert. Am 18. Oktober 1967 wurde eine gigantische Trauerfeier auf dem Platz der Revolution in Havanna abgehalten, am selben Ort ziert seitdem ein stilisiertes Che-Porträt, in der Nacht leuchtend, die Fassade des Innenministeriums.201 1968 wurde zum ,,Jahr des heldenhaften Guerillero" ernannt, Che-Bilder hielten Einzug in die Schulen. Noch heute singen die Kinder der vierten bis siebten Klasse: ,,Pioniere für den Kommunismus / wir werden wie Che sein." In Santa Clara steht eine sieben Meter hohe Che-Statue, kleinere Che- Devotionalien gibt es in Kuba an jeder Ecke. Die offizielle und offiziell geförderte Verehrung des revolutionären Helden Che Guevara in Kuba stellt eine spezielle Dimension des Che- Kults dar, die im Folgenden weitestgehend ausgeblendet bleibt.202

,,Spontaner", nicht von offizieller Seite unterstützt war die Verehrung Ches in den anderen Ländern Lateinamerikas und den westlichen Industrieländern. Auf letztere, insbesondere auf West-Deutschland, konzentriert sich die folgende Darstellung.203

Zur sozialen Dimension des Che-Kults können nur Vermutungen geäußert bzw. Rückschlüsse aus den Kultphänomenen und -verbreitungsgebieten gezogen werden. Exemplarisch zutreffend, wenn auch polemisch, skizziert Holthusen die Hauptverbreitungsgebiete 1969:

,,Diese Ché-Plakate in ungezählten Studentenbuden, Redaktions- und Theaterbüros, in Beatschuppen und Hippiehöhlen der sogenannten freien oder spätkapitalistischen Welt!" 204 Aufgrund des verstärkten Auftretens von Kultphänomenen im Kontext der politischen und kulturellen Protestbewegungen der späten sechziger Jahre und der starken Prägung dieser durch die Gruppe der Studenten, läßt sich wohl (zumindest für die westlichen Industriestaaten) eine Basis des Che-Kults im studentischen Milieu annehmen.

3.3.2 Phänomene des zeitgenössischen Che-Kults

Die Phänomene des Kults um Che Guevara bieten sich in einer Fülle dar, die hier auch aufgrund der internationalen Verbreitung in ihrer Gesamtheit nicht annähernd abgebildet werden kann. Im Folgenden sollen einige Phänomene vorgestellt und gruppiert werden, die teils als typisch gelten können, teils als zufällige Funde einen zufälligen, was nicht heißt bedeutungslosen, Ausschnitt des Kultes repräsentieren.

Der erste Komplex der Kultphänomene umfaßt Bilder von Che Guevara, und dabei insbeson- dere fotografische Abbildungen. Viele verschiedene Fotos sind bekannt geworden205, doch sie werden alle überragt von einem Motiv: dem Che-Porträt von Alberto Korda (Abb. 22). Vielfach wird es als eines der am häufigsten reproduzierten Fotografien der Welt bezeichnet.206 Es zeigt Che mit leicht wehenden, langen Haaren und Bart, das Barett mit dem Stern des Comandante auf dem Kopf. Der Mund ist geschlossen, der Blick geht am Betrachter vorbei, scheinbar ohne konkretes Ziel, in die Weite, in die Ferne. Das Gesicht ist ruhig, ernst, entschlossen, ,,ein ikonengleiches Abbild"207. Obwohl bereits wesentlich früher entstanden208, erlangte das Bild erst unmittelbar nach Ches Tod seine Bekanntheit, als der italienische Verleger Giangiacomo Feltrinelli es veröffentlichen und massenhaft verbreiten ließ. Neben dem Korda-Foto, das als Motiv für sich alleine steht und mit Abstand die größte Popularität gewann, fanden zwei weitere Motivtypen eine gewisse Verbreitung. Zum einen wurde Che als Guerillero im Kampf gezeigt, bewaffnet und ungepflegt.209 Zum anderen finden sich verschiedentlich Bilder von Che, die ihn als eine Art Bohemien erscheinen lassen, charakteristisch mit dicker Zigarre (Abb.23).

Zu Kultgegenständen wurden die Bilder in unterschiedlichen Verwendungszusammenhängen. Als Poster zierten sie private und öffentliche Räume, als Plakate wurden sie auf Demonstrationen gezeigt, teils ergänzt um Sprüche wie ,,Che lebt!" 210 oder ,,Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam!" 211 (Abb. 24). Darüber hinaus tauchten sie vielfach in linken Zeitschriften auf, in der Regel im Kontext zu politischen Artikeln (Abb. 25), daneben aber auch als Poster-Beilage zum Heraustrennen.212 Neben die Che-Fotografien traten andere Bilder. So erschien 1972 ein Plakat, das den 8. Oktober in vier Sprachen als ,,Tag des heldenhaften Guerilleros" preist (Abb. 26). Es zeigt ein stilisiertes Che-Porträt, umgeben von anonymen, schwer bewaffneten Guerilleros verschiedener Länder und abstrakten Formen. In Ches Augen lassen sich Gesichter erkennen, die möglicherweise von Kindern stammen. Internationalismus, bewaffneter Kampf und revolutionäre Hoffnung sind dem Che-Porträt so eingeschrieben.

Zur Karikatur wurde Che hingegen auf dem Titelbild der linksradikalen Berliner Zeitschrift Agit 883 (Abb. 27). Die Attribute Uniform, Barett und Patronengürtel weisen ihn als Guerillero aus und auch die Zigarren fehlen nicht. Der Blick zeugt von Entschlossenheit - und dabei tanzt er Cancan, in einer Reihe mit den Ahnherrn der kommunistischen Bewegung Engels, Marx, Lenin und Mao. Die Karikatur spiegelt einerseits den respektlosen Umgang der ,,undogmatischen Linken" mit Symbolen und Darstellungsformen des Parteikommunismus wider, andererseits verdeutlicht sie den Stellenwert Guevaras als einen Bezugspunkt der ,,Neuen Linken".

Schließlich finden sich schon 1968 Bilder, die den Kult um Che Guevara und seine Implikation kritisch beleuchten. Das Satiremagazin Pardon zeigte im Januar unter dem Titel ,,Machen Sie doch mal Revolution! Leitfaden für Protestaktionen", daß neben roten Fahnen, Sternen und Karl Marx ein Che-Guevara-Poster unerläßlich ist (Abb. 29). Und der Spiegel ernannte ihn im Juli zum ,,Erlöser aus dem Dschungel", sein ,,schwebendes" Porträt zur Ikone stilisiert (Abb. 28).

Neben die Bilder trat mit den Liedern auf Che Guevara ein zweiter Komplex von Kultphänomenen. Über zwanzig zeitgenössische Titel aus Lateinamerika sind bekannt, wobei der bekannteste, ,,Hasta siempre" des Kubaners Carlos Puebla, bereits 1965 entstand.213 Darin wird an Guevara die ,,Sonne [s]einer Tapferkeit", seine ,,ruhmreiche und starke Hand" und das ,,Licht [s]eines Lächelns" verehrt. Schließlich heißt es, an ihn gerichtet: ,,Deine revolutionäre Liebe / Führt Dich neuen Eroberungen entgegen / Wo man die Entschlossenheit / Deines befreienden Armes erwartet." 214 Entschlossenheit, Mut und Unbeirrbarkeit, sind Eigenschaften, die auch in anderen Liedern betont werden. Die mitschwingende Heilserwartung des Volkes tritt ebenfalls verschiedentlich zu Tage. Nach Ches Tod erhalten die Lieder häufig eine weitere Komponente, beispielhaft im Lied ,,Lo eterno": ,,Das Volk sagt: Che Guevara, es ist nicht wahr, Du bist nicht tot." Und weiter: ,,Menschen wie Du sterben nicht [...] Wie könnten die Menschen sterben, die ewig sind!" 215 Die Trennung zwischen dem verstorbenen Körper und den weiter lebenden Ideen, verschaffte Che ,,Unsterblichkeit" und verpflichtete in dieser überdauernden Präsenz des Beispielgebenden zur Nachfolge.216

Aus Europa oder den USA sind weniger Lieder bekannt. Der französische Sänger Francois Deguelt verfaßte eine Pop-Hymne mit dem Titel ,,Ché"217 und Wolf Biermann dichtete Anfang der siebziger Jahre den Titel ,,Hasta siempre" auf deutsch nach (Abb. 30). Darin tauchen die bereits entdeckten Bezugspunkte wieder auf: Entschlossenheit, Furchtlosigkeit und eine den Tod überdauernde Präsenz Ches (Z. 8: ,,Nun bist du weg - und doch geblieben"). Neben der äußerlichen Erscheinung (Z. 17/18: ,,Der rote Stern an der Jacke / Im schwarzen Bart die Zigarre") wird das hohe Maß an Glaubwürdigkeit und Prinzipientreue hervorgehoben (Z. 2: ,,Daßman bei Dir immer durchsah" und mit besonderer Anerkennung: ,,Und bist kein Bonze geworden..."( Z. 9ff)). Schließlich wird in der Charakterisierung als ,,Jesus Christus mit der Knarre" (Z. 19) selbst der religiöse, messianische Aspekt eingebracht.

Als dritte Gruppe von Kultphänomenen sollen Gedichte auf Che Guevara gelten, wobei auch hier die Mehrzahl aus Lateinamerika stammt.218 An dieser Stelle sollen jedoch zwei andere vorgestellt werden. Der amerikanische Che-Biograph Andrew Sinclair dichtete 1968:

After Zapata

Lumumba GUEVARA Viva la tierra

Verwiesen wird darin auf die internationale Tradition revolutionärer Märtyrer, in der Che steht, die aber gleichzeitig in ihm als größtem und letztem Revolutionär zur Vollendung treibt.219

Das Gedicht ,,Elegie auf Che Guevara" von Allen Ginsberg hebt dagegen auf die Jugendlichkeit und Erotik Ches ab220:

Liegend lächelst du ruhig als ob die Lippen einer Frau unsichtbare Teile deines Körpers küssen würden [...] Dein Hals ist sexy, mehr als die alten traurigen Hälse von Johnson von De Gaulle von Kosygin oder der zerschossene Hals von John Kennedy

Bühnenstücke stellen ein weiteres Phänomen des Che-Kultes dar. Mario Frattis Theaterstück ,,Che Guevara" (uraufgeführt 1968 in Toronto) konstruiert in der Darstellung der letzten Stunden des Guerilleros bewußt eine Parallele zwischen Che Guevara und Jesus Christus. Che wird in Versuchung geführt, die Revolution zu verraten. Durch das Eingeständnis seiner Niederlage soll er dem sicheren Tod entgehen. Doch Che bleibt standhaft und triumphiert somit noch im Tod über seine Unterdrücker. Das Stück endet mit dem programmatischen Ausruf ,,Che lebt!" 221

Eine Parallele ganz anderer Art liegt der Oper ,,Reconstruction" (uraufgeführt 1969 in Amsterdam), einer Neufassung des Don Juan-Stoffes, zugrunde. Don Juan, die Verkörperung des amerikanischen Imperialismus, vergewaltigt darin Frauen, die die armen und abhängigen Staaten repräsentieren. Als Che, in der Gestalt des Vaters, zur Rettung seiner Tochter Bolivien schreitet, wird er von Don Juan erschossen. Zum Finale erscheint dennoch eine riesige Che-Statue. Unversöhnliche Feindschaft zu den USA, bedingungsloser Einsatz für ,,das Gute" und schließlicher Triumph trotz seiner Ermordung sind die zentralen Elemente dieser Sicht auf Che.222

Eine noch eigenwilligere künstlerische Umsetzung erfuhr das Verhältnis zwischen Guevara und dem US-Imperialismus im New Yorker Theaterstück ,,Che!". Es gipfelt darin, daß Che vom amerikanischen Präsidenten mit einem Maschinengewehr niedergeschossen wird, weil sein Akt der Fellatio diesem nicht die erwünschte Befriedigung verschafft.223 Als weiterer Ausdruck des Che-Kults in der Bühnenkunst kann gelten, daß der deutsche Komponist Hans Werner Henze sein Oratorium ,,Das Floß der Medusa" Che Guevara widmete. Die Hamburger Uraufführung im Dezember 1968 geriet allerdings zum Eklat als SDS-Angehörige mit der Forderung ,,Enteignet die Kulturindustrie!" die Bühne stürmten.224

Schließlich sei darauf hingewiesen, daß in Frankreich eine ,,Ché-Guevara-Woche für den Frieden in Vietnam" stattfand, organisiert von Bohemiens und linken Intellektuellen. Deren Nähe zum Che-Kult zeigt sich abschließend am Beispiel von Rudi Dutschke: In einem Akt der symbolische Identifizierung gab er seinem Sohn den Namen Hosea Che.225

3.4 Ursachen des Kults um Che Guevara

3.4.1 Analyse der Kultphänomene

In der Analyse der Phänomene des Che-Kults lassen sich drei Komplexe isolieren, die Hinweise geben könnten, welche Faktoren Che zum Helden prädestinierten. Dies sind erstens Bezugnahmen auf Che zugeschriebene persönliche Eigenschaften, zweitens seine Darstellung als Prototyp des Guerilleros und Internationalisten und drittens die Stilisierung Ches zum Heilsbringer mit religiöser Konnotation.

Auf Persönlichkeitsmerkmale Ches wird in den meisten Kultphänomenen Bezug genommen. Entschlossenheit und Tapferkeit sind Eigenschaften, die im Lied ,,Hasta siempre" explizit gerühmt werden.226 In vielen anderen Beispielen kommen sie implizit zum Ausdruck, so z. B. im energischen Blick des tanzenden Che auf dem Titel der Zeitschrift Agit 883 oder in seinem bedingungslosem Einsatz zur Rettung der ,,Tochter" Bolivien in der Oper ,,Reconstruction". Nicht zuletzt zeugt das berühmte Foto von Alberto Korda davon. Als weitere persönliche Eigenschaft wird, insbesondere im Biermann-Song, seine Glaubwürdigkeit hervorgehoben. Hinzu kommt schließlich ein Rekurs auf Ches Aussehen, Jugendlichkeit und erotische Ausstrahlung, explizit im Ginsberg-Gedicht, implizit jedoch auch in den ,,Bohemien"- Darstellungen.

Während die letzteren Eigenschaften sich im wesentlichen auf Äußeres beziehen und somit z.B. in Fotos allseitig sichtbar waren, ließen sich die angeblichen Charaktereigenschaften Ches - in der Annahme, daß die wenigsten ihn persönlich kannten - nur vermittelt durch seine öffentlich bekannten Handlungen wahrnehmen. Zweifellos ist in diesem Zusammenhang Ches führende Rolle in der kubanischen Guerilla von Bedeutung. Hinzu kommt in bezug auf die Glaubwürdigkeit sein Engagement nach dem Sieg der Revolution, beispielsweise seine persönliche Teilnahme am freiwilligen Arbeitseinsatz. Einen zentralen Faktor dürfte schließlich sein Weggehen aus Kuba 1965 darstellen. Die Entscheidung, die Revolution weiter zu treiben, die sichere Position in Kuba gegen die höchst riskante des Guerilleros einzutauschen, stellten seine Entschlossenheit und Glaubwürdigkeit eindrücklich unter Beweis.

Che Guevara erscheint in den Kultphänomenen als Prototyp des Guerilleros, als einer, der die Uniform und den wilden Bart des Dschungelkämpfers nie ablegt. Konstituierend hierfür sind zum einen Bilder, die Che tatsächlich im Guerilla-Kampf zeigen, entscheidender sind jedoch solche, die ihn von der konkreten Kampfsituation losgelöst im Stil des Guerilleros zeigen. Hier entfallen Zweckmäßigkeitsanforderungen; wenn einer seine Kleidung dennoch nicht wechselt, so hat er die Guerilla verinnerlicht und repräsentiert ihr Wesen. Beispiele sind das Korda-Bild, das Bild des tanzenden Che (in schönem Kontrast zu den Bürgerlichen Marx und Engels und dem verbürgerlichten Lenin) und die Anspielungen im Biermann-Lied (der ,,rote Stern an der Jacke", der ,,schwarze[n] Bart", die ,,Knarre", im Kontrast zu den Bonzen am Schreibtisch ,,in feiner Kluft mit alten Orden" 227 ). Besonders deutlich wird die völlige Identifizierung Ches mit der Guerilla - und der Guerilla mit Che! - in Abb. 26, in der sein Porträt fließend in Darstellungen internationaler Kämpfer übergeht und von diesen teilweise gebildet wird. Darin wird auch die internationalistische Implikation des prototypischen Guerilleros anschaulich, die ebenso im Gedicht von Andrew Sinclair und der Oper Reconstruction zum Ausdruck kommt.

Grundlage für die Auffassung Ches als Prototyp des Guerilleros und Internationalisten war wiederum seine maßgebliche und bekannte Rolle in den Guerillas von Kuba und Bolivien und sein Verschwinden 1965/66, in dem ihm (wie sich mit der Entdeckung der Kongo-Operation später feststellen ließ zurecht) ebenfalls Guerilla-Aktivitäten zugeschrieben wurden. Daneben dürfte sein unkonventionelles Auftreten als Minister und Botschafter Kubas von Bedeutung gewesen sein. Einen zusätzlichen Effekt bei der Identifizierung mögen auch seine theoretischen Schriften über Guerillakrieg und Internationalismus gehabt haben.

In den Charakterisierungen ,,Jesus Christus mit der Knarre", ,,Erlöser aus dem Dschungel" oder in seiner Parallelisierung mit Jesus Christus im Theaterstück ,,Che Guevara" wurde Che zum Heilsbringer und Messias stilisiert. Ähnliche Implikationen verbinden sich mit der Beschwörung seiner Unsterblichkeit, beispielhaft im Lied ,,Lo eterno". Voraussetzung für diese Darstellung war sein gewaltsamer Tod in Bolivien. Nur durch dieses ,,Martyrium" erhielt die Parallele seine Schlüssigkeit. Angelegt war eine solche Interpretation jedoch bereits in Ches mysteriösem Verschwinden 1965 bzw. in der Unkenntnis seines Aufenthaltsorts: er existierte, war aber nicht sichtbar, es gab keine Gewißheit, ob er überhaupt noch für die Revolution kämpfe, aber bei seinen Anhängern hehren Glauben.

3.4.2 Analyse zeitgenössischer Urteileüber Che Guevara

,,Ich halte dafür, daßdieser Mann nicht nur ein Intellektueller, sondern der vollkommenste Mensch unserer Zeit war." 228 Der Ausspruch Jean-Paul Sartres steht in einer Reihe unzähliger zeitgenössischer Urteile über Che Guevara. Nach der Analyse der Kultphänomene soll nun in der Analyse einiger dieser Urteile eine zweite Annäherung an die Ursachen des Che-Kults stattfinden.

Zu Lebzeiten und vor Einsetzen des Kultes erschien er den Zeitgenossen als ,,zäh, intelligent, hart arbeitend und auf brutale Weise ehrlich. Er kann ebensoüberzeugend und schmeichlerisch sein." 229 Und eine andere Quelle, der Glorifizierung ebenso unverdächtig, beschrieb ihn im August 1964 folgendermaßen: ,,Als trockener, berechnender Mensch, der eine Vorliebe für die Erhabenheit der alten Welt hat, ist Guevara mehr als nur flüchtig mit westlicher Kultur vertraut. Während der Tage in der Sierra Maestra las er seinen Truppen dem Vernehmen nach aus den Werken von Charles Dickens, des französischen Autors Alphonse Daudet, des kubanischen Dichters und Revolutionärs Jose Marti und des chilenischen kommunistischen Dichters Pablo Neruda vor. Er hält sich selbst für so etwas wie einen Bonvivant mit dem Sinn des Kenners für gutes Essen, Brandys und Zigarren. Er legt häufig eine kultivierte, angenehm ruhige Art an den Tag. Trotz dieser Aura von Kultur hat Guevara eine ausgeprägte Abneigung gegen das Baden und stellt eine ungepflegte und vernachlässigte Erscheinung dar." 230 Als einen ,,sehr besonnenen Mann, einen kühlen Rechner", beschrieb ihn im Februar 1967 auch sein Bekannter Ricardo Rojo del Rio und ergänzte (mit Blick auf die Zeit der Kubanischen Revolution): ,,Er war eine sehr starke Persönlichkeit und viele standen in seinem Bann." 231

Nach Ches Tod und mit dem Einsetzen des Kultes häuften sich Veröffentlichungen über seine Person, in denen bereits nach den Ursachen für die Verehrung gefragt wurde. Häufig setzten die Überlegungen an Persönlichkeitsmerkmalen, am Aussehen oder Charakter, an. Hans Egon Holthusen charakterisierte ihn als ,,glutäugige Ö ldruckschönheit, in den Augen unserer Söhne und Töchter so schön wie einst Ludwig II. von Bayern in den Augen der europäischen Décadence." 232 Und auch der sowjetische Politiker Anastas Mikojan beginnt seine Erklärung der Faszination Ches mit dessen Aussehen: ,,Che Guevara zog allein schon durch sein Ä ußeres die Aufmerksamkeit auf sich. Er war wohlgebaut, feingliedrig auf seine Art, obwohl doch recht kräftig. Sein Gesicht war von kühnen und zugleich edlen Zügen geprägt. Bezaubernd war sein Lächeln. Wenn man sich mit ihm unterhielt, gewann man den Eindruck eines allseitig gebildeten, kulturvollen und belesenen Menschen." Er fährt jedoch fort: ,,Aber alle diese Eigenschaften zusammengenommen machten Che Guevara noch nicht zu einer hervorragenden Persönlichkeit. Die Hauptsache war natürlich nicht sein Ä ußeres und sein umfangreiches Wissen, sondern der Umstand, daßer ein Revolutionär mit eiserner, ich möchte sagen, unbeugsamer Überzeugung von der Richtigkeit seiner Auffassungen war." 233 Übereinstimmend urteilte der südamerikanische Schriftsteller Gustavo Navarro, der als Liberaler ansonsten wohl wenig Auffassungen mit Mikojan geteilt haben dürfte, in der ZEIT: ,,Guevara war ein tapferer und entschlossener Mann. [...] In diesem kubanischen Milieu der Jünger von Marx und der Guerilleros, von denen die meisten reine Abenteurernaturen waren, mußGuevara der Ernsthafteste gewesen sein, ein Mann, der immer nur an eins dachte: an den Sieg." 234 Und auch in der Neuen Zürcher Zeitung wird zugestanden, daß Che eine ,,Persönlichkeit von einigem Charisma" 235 gewesen sei.

An Persönlichkeitsmerkmale wie Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit knüpft Heinz Rudolf Sonntag an, spitzt das Urteil über Che jedoch zu, indem er seine Faszination als Identifikationsfigur hervorhebt: ,,Es ist leicht zu diesem Mann eine Beziehung herzustellen, selbst wenn man ihn persönlich gar nicht gekannt hat oder kennen konnte. Es ist deshalb leicht, weil seine Schriften unmittelbar sind [...], weil sie ansprechen, weil man sein zutiefst humanes Engagement darin spürt, seinen Freiheitswillen, seine Tapferkeit und seine Reinheit. [...] Aber nicht nur wegen dieser in seinen Schriften und Taten zum Ausdruck kommenden Eigenschaften ist Guevara zum Symbol geworden. Mehr noch wegen der Gr öß e und der Kraft seiner Vision vom neuen Menschen in einer neuen Gesellschaft, die beide erst entstehen können, wenn die alte ,Ordnung` an den Wurzeln ausgerottet ist." Entscheidend schließlich sei, ,,daßGuevara seine Vision als Mensch total lebte, nämlich als Guerillero, dann als Erbauer einer neuen Gesellschaft, später wieder als Guerillero, kurz: als Revolutionär." 236 Die besondere Eignung als Identifikationsfigur kommt auch in der Charakterisierung Sven Papckes zum Ausdruck: ,,Che war Stellvertreter des Elends in der Dritten Welt und Propagator historischer Alternativen." 237 In Che waren also zwei zentrale Anliegen der Protestbewegung der sechziger Jahre repräsentiert. Er kam aus der Dritten Welt und verwies in dieser Herkunft auf deren Elend, Ausbeutung und Unterdrückung. Gleichzeitig zeigte er in seinen Schriften und seinen Aktionen Wege auf, den Zustand des Elends zu überwinden, verkündete historische Alternativen sowohl zum westlichen Imperialismus als auch zur Politik der Sowjetunion.

Schließlich gibt es etliche Zeugnisse, die auf Guevaras Tod im Kampf eingehen und darin explizit oder implizit die zentrale Ursache seiner Verehrung erkennen. So sah der guatemaltekische Literatur-Nobelpreisträger Miguel Angel Asturias in Che ,,ein Beispiel authentischen Romantizismus und heroischen Opfermutes, der natürlich bei allen Klassen Sympathien weckt" 238, der frühere argentinische Präsident Arturo Illia nannte ihn den ,,Märtyrer der Amerikas" 239. Aufs engste verknüpft mit der Bezugnahme auf den Tod Che Guevaras sind, wie schon bei den Kultphänomenen gesehen, religiöse Deutungsmuster. Die argentinischen Peronisten erklärten Ches Tod explizit zum ,,Opfer des Christus unserer Zeit" 240, doch auch dezidiert antiklerikale europäische Intellektuelle wie Michel Bosquet, besser bekannt unter dem Pseudonym André Gorz, zogen die Parallele zu Jesus Christus:

,,Wenn die lateinamerikanischen Obristen und ihre nordamerikanischen Lehrmeister heute glauben, daß- wie das Nachrichtenmagazin Time schrieb - ,das Verschwinden Ches der Subversion viel von ihrem Geheimnis und ihrer Romantik raubt`, begehen sie ohne Zweifel denselben Irrtum, den die Römer begingen, als sie vor einigen 1930 Jahren zusammen mit zwei Banditen einen jüdischen Agitator hinrichteten, dessen Ideen schließlichüber das gr öß te Imperium der Geschichte triumphiert haben." 241 Auch der Nachruf von Peter Weiss vom November 1967 offenbart exemplarisch trotz expliziter Distanzierung die pseudo-religiöse Disposition der Che-Anhänger: ,,Wir wollen keine Heiligen. Den Mystizismus, der einen Glorienschein um den Opfertod legt, lehnen wir ab. Das Bild des vom Kreuz genommenen Christus, wartend auf den Tag der Auferstehung, lehnen wir ab. Und doch: Che tot, verraten in einem Hinterhalt, ein eingesargter Körper. Sind wir schuldig an seinem Tod? Verrieten wir ihn? Oder waren wir nur alltäglich gleichgültig, nur alltäglich vertrauensvoll, nur träge zuversichtlichüber diese abgelegene Revolution? [...] Da gab er uns eine Lehre mit seinem Tod. Er, der nötiger war als irgend ein anderer, zeigte, was er als das einzige richtige ansah. Er zeigte: wenn ihr anderen es nicht tut, so tue ich es." 242 Die implizite Übernahme der christlich-religiösen Kategorien von Schuld, des Leidens des einzelnen für die anderen und der Vorstellung einer Lehre aus diesem Leiden und Tod verweist auf die mentale Tiefenstruktur und Verfaßtheit der Protestbewegung der sechziger Jahre und ihren Beitrag zur Entstehung des Che-Kultes.

3.4.3 Weitere Überlegungen zu den Ursachen des Che-Kults

Die Analyse der Kultphänomene und der zeitgenössischen Urteile über Che Guevara konnte bereits einige Hinweise auf plausible Faktoren bei der Konstituierung des Che-Kults erbringen. Als solche können zum jetzigen Zeitpunkt folgende gelten: Persönlichkeitsmerkmale wie Entschlossenheit, Tapferkeit und Glaubwürdigkeit, daneben gutes Aussehen, eine jugendliche und erotische Ausstrahlung. Ebenso müssen seine politischen Inhalte, Internationalismus, Antiimperialismus und die Vision vom ,,Neuen Menschen", die er in seinen Schriften darlegte und in seinen Aktionen umsetzte, berücksichtigt werden. Weiterhin scheint der mysteriöse Aufbruch aus Kuba 1965 und das versuchte Weitertreiben der Revolution von Bedeutung zu sein, als Beleg für seine Glaubwürdigkeit, aber auch als Verfestigung seines Images als prototypischer Guerillero, das bereits - so zwei weitere Faktoren - auf seinem bekannten Engagement in der kubanischen Guerilla und seinem unkonventionellen Auftreten als kubanischer Minister gründete. Der Tod im bolivianischen Guerilla-Kampf muß ebenfalls als Faktor einbezogen werden. Die verschiedentliche religiöse Interpretation des ,,Märtyrer-Todes" verweist schließlich auf den Einfluß der mentalen Verfaßtheit der Anhängerschaft Guevaras und in Zusammenhang damit auf die Eignung Ches als Identifikationsfigur. Die in den Analysen der Kultphänomene und zeitgenössischen Urteile isolierten Faktoren sollen in der Folge, nicht zuletzt unter Einbeziehung des historischen Kontextes präzisiert, spezifiziert und komplettiert werden.

Zunächst sei in der Fassungslosigkeit des Zeitgenossen noch einmal auf eine bemerkenswerte Grundtatsache des Che-Kults reflektiert: ,,Dieseüber alle bisherige Aufklärung hinaus aufklärungswütige, diese extrem autoritätsfeindliche und ehrfurchtslose Jugend: hier erlebt sie, wie zum ersten Male, die Epiphanie des Heldischen. War nicht der Held, wenn irgend einer, im Bewußtsein der Epoche zur unmöglichen Figur geworden? [...] Und nun hier, unter Blumenkindern und Underground-Rebellen, die Wiedereinsetzung des ,positiven' Helden im Zeichen der Revolution!" 243 Heldenkult in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, mit seinen einschlägigen Erfahrungen von Faschismus und Stalinismus, mutet in der Tat anachronistisch an.

Doch jenseits des Erstaunens entdecken sich in dem Befund drei konstituierende Faktoren des Che-Kults. Als erstes wird in der Rede von einer bestimmten ,,Jugend", von ,,Blumenkindern und Underground-Rebellen", auf die Existenz einer Bewegung verwiesen. ,,Bewegung" bedeutet dabei eben nicht eine institutionalisierte Partei oder Organisation, sondern eine Gruppe von Menschen, die in bestimmten Vorstellungen, Zielen und Haltungen übereinstimmen und sich diffus zusammengehörig fühlen. Die Betonung der Existenz der globalen ,,Bewegung von 1968", wie sie auch in Kapitel 3.2 beschrieben wurde, mag banal oder überflüssig erscheinen, tatsächlich besteht darin jedoch ein bedeutender Faktor für die Konstituierung des Che-Kults. Denn sie stellte die potentiellen Kultträger bereit, ohne die es keinen Kult hätte geben können.244

Als zweiter Faktor muß beachtet werden, daß die beschriebene Bewegung trotz ihres anti- autoritären Impetus eine prinzipielle Offenheit gegenüber Leitbildern hatte, sich nach der Abkehr von überlieferten Vorstellungen sogar auf einer ,,verzweifelten und vergeblichen Suche nach positiven Werten und Leitbildern befand"245. ,,Wie soll man ihn [Che, J.B.] und seine Legende verstehen?", fragte Hans Egon Holthusen und hob, sich selbst in rhetorischen Fragen antwortend, auf die kulturelle Orientierungskrise ab: ,,Als die moralische Quittung auf die schändliche ,Perspektivelosigkeit` (Habermas) der Konsumgesellschaft? Als die politische Phantasmagorie einer vom ,Prinzip Hoffnung` bis zur Weltblindheit besessenen Generation? Als Phantasieprodukt einer ins Exotisch-Anarchische ausschweifenden Abenteuerlust bürgerlicher Wohlstandskinder?"246 Schließlich verweisen die vielfach zitierten religiösen oder pseudo-religiösen Deutungsmuster des Todes von Che Guevara auf das gesteigerte Bedürfnis nach erneuerter Sinnstiftung in der 68er-Bewegung. Ihr deutscher Protagonist Rudi Dutschke apologetisierte und favorisierte in diesem Zusammenhang explizit die kubanische Praxis der Heldenverehrung: ,,Die Darstellung der ersten Opfer, die Glorifizierung der schon gefallenen Märtyrer der Befreiungsbewegung soll die zu Integrationsmechanismen erstarrten Führer der Unabhängigkeitskriege des 19. Jahrhunderts durch revolutionäre Gestalten der jetzigen Phase ersetzen, eine neue historische Kontinuität der amerikanischen Geschichte begründen. Die darin enthaltenen Momente an Irrationalität müssen als Vorurteile der Aufklärung gegen die von den Massen verinnerlichten Schemata des Chauvinismus aufgefaßt werden. Die Erinnerung an die ersten neuen Führer hat für die Guerilleros, für die in den Kampf eintretende junge Generation eine befreiende und vorwärtstreibende Kraft, hilft mit, den Prozeßder Schaffung nationaler Identität und eines revolutionären Bewußtseins zu forcieren." 247

Drittens wird gesagt, daß die Wiedereinsetzung des Helden ,,im Zeichen der Revolution" stehe, womit das Augenmerk auf die politische Ausrichtung der Bewegung gelenkt wird, deren Beachtung in die Erklärung des Che-Kults einfließen muß. Skizzenhaft und stark vergröbert lassen sich die Vorstellungen mit folgenden Schlagwörtern umreißen: Internationalismus mit besonderer Konzentration auf die Dritte Welt, Antiimperialismus mit dem Hauptfeind USA, permanente Revolution, was die politische Sphäre im engeren Sinne betrifft, daneben Vorstellungen von Entprivilegierung und Antibürgerlichkeit, exemplarisch in Mode und Zusammenleben.

Seine Bedeutung erhält dieser Faktor erst, wenn man den Blick von den Kultträgern, der Bewegung, abwendet und sich wieder auf die Charakteristika der Kultperson Che konzentriert. Seine politischen Inhalte, Internationalismus, Antiimperialismus, die Vision vom ,,Neuen Menschen" und die permanente Revolution, waren eingangs des Kapitels schon als relevante Faktoren beschrieben worden. Nun läßt sich die weitestgehende Konvergenz dieser Ziele mit Vorstellungen der Bewegung feststellen. Die gemeinsame Feindschaft gegenüber dem US-Imperialismus schuf Nähe248, ebenso wie die linke Frontstellung gegen die Ideologie der Sowjetunion, die die Times analysierte: ,,Im Allgemeinen sind die neuen jungen Radikalen unzufrieden mit Organisation, Disziplin und doktrinären Obsessionen des traditionellen Kommunismus. Wenn sie sich an Ché Guevara orientieren, ist es, weil er Improvisation, Aufregung, permanente Revolution und die automatische Zerstörung beginnender Organisation zu bedeuten scheint."249 Che Guevara war insofern Exponent einer politischen Richtung, die Ende der sechziger Jahre verstärkten Zulauf erfuhr. Er repräsentierte jedoch nicht nur eine politische Richtung, sondern auch einen bestimmten Lebensstil oder ein Lebensgefühl, das sich mit den Vorstellungen von Teilen der Bewegung deckte. Sein Ausbruch aus dem gesicherten und privilegierten bürgerlichen Leben, die Aufgabe seines Arztberufs, um statt dessen Südamerika zu durchreisen und schließlich Revolutionär zu werden - ,,Irgendwo in der Psyche der sechziger Jahre wurde Guevaras Geschichte zum Reisebuch oder Reisefilm: Jack Kerouac auf dem Amazonas, Easy Rider in den Anden."250 Und selbst nach dem Sieg der Kubanischen Revolution blieb er rastlos, unkonventionell in seinem Auftreten und in der Ablehnung jeglicher Privilegien, ließ sich nicht in vorgegebene Schemata pressen, ein enfant terrible, mit Begabung zum Bohemien, das weniger Wert auf Körperpflege als auf Literatur legte - ganz nach dem Geschmack und eigenen Bemühen der Verehrer.

Die weitgehende Konvergenz der Ziele, Ideen und des Lebens Che Guevaras mit den Zielen, Ideen und dem Lebensgefühl der globalen Bewegung der sechziger Jahre prädestinierten ihn zum Identifikationsobjekt. ,,Ernesto Guevara füllte die sozialen Utopien und Träume einer ganzen Generation mit Leben, er verkörperte, auf eine fast mystische Weise, den Geist seiner Epoche. Ein anderer hätte in den sanften und doch zornigen Sechzigern wohl kaum eine Spur hinterlassen. Und in einer weniger idealistischen und turbulenten Zeit wäre Che unbeachtet geblieben. Che Guevara hat hauptsächlich dank der Generation, die er inspirierte, als einmalige und denkwürdige Gestalt überlebt. Seine Bedeutung ist keine Folge seiner Taten oder Ideen, sondern seiner fast vollkommenen Verschmelzung mit einer historischen Epoche."251 Ches Biograph Jorge Castaneda bringt den Sachverhalt so prägnant auf den Punkt. Zu widersprechen ist ihm allerdings in der Einschätzung, daß die Konstellation in irgendeiner Weise ,,mystisch" sei und daß sie nichts mit Guevaras Taten oder Ideen zu tun habe. Ganz im Gegenteil: Die Taten und Ideen Che Guevaras sind, wie gesehen, die notwendige Basis für seine ,,Verschmelzung" mit der Generation und der Epoche der Sechziger.

Notwendig bei der Konstituierung Ches als Identifikations- und in der Folge Kultfigur sind darüber hinaus persönliche Eigenschaften, die ihn, jenseits seiner politischen Übereinstimmung mit der Bewegung, quasi ,,menschlich" zum Sympathieträger werden ließen. Wie bereits verschiedentlich angesprochen, können als solche Entschlossenheit und Tapferkeit gelten, eine überragende Glaubwürdigkeit in der ,,Einheit von Denken und Tun"252, und nicht zuletzt fließt an dieser Stelle wohl auch sein attraktives Aussehen ein - ,,seine bärtigen und zweifellos männlichen Gesichtszüge unter dem Barett ließen selbst die unpolitischen Herzen in der Gegenkultur schneller schlagen."253

Schließlich ist ein weiterer Faktor von Bedeutung, der vielleicht banal erscheinen mag, nichtsdestoweniger notwendig und nicht zu vergessen ist. Um in diesen Ausmaßen zu einer Kultperson werden zu können, mußte Che einer breiten internationalen Öffentlichkeit überhaupt bekannt sein. Zu dieser Bekanntheit beigetragen haben seine Aktivitäten in der kubanischen Guerilla und in der revolutionären Regierung, seine Schriften, verstärkt aber seine diplomatischen Reisen und Auftritte auf internationalen Konferenzen.

Die Aufgabe der gesicherten Position in Kuba mit dem Versuch, die Revolution andernorts zu entfachen, und die Unklarheit über seinen Aufenthaltsort, verbunden mit mannigfaltigen öffentlichen Spekulationen über die Gründe seines Verschwindens, sind relevante Faktoren, die bereits hinlänglich diskutiert wurden. Erwähnt sei ergänzend, daß für Ches Vorhaben die globale politische Situation selbstverständlich als Voraussetzung diente. Die weltweiten Aufbrüche der sechziger Jahre (vgl. Kap. 3.2) brachten nicht nur, wie oben beschrieben, die Bewegung hervor, die fürderhin als Kultträgerschaft fungierte, sondern stellten auch das Forum bereit, auf dem Che, das Forum seinerseits erweiternd, agieren konnte bzw. in deren Kontext sein Agieren vermutet wurde. Daß nach 1965 nur noch Vermutungen über seinen Verbleib und seine Projekte geäußert werden konnten, war die Bedingung dafür, daß er - überall und nirgends, seiner konkreten Gestalt gleichsam entrückt - zum universalen Guerillero und Revolutionär werden konnte.254

Als Faktor zur Konstituierung des Kultes vielfach erwähnt wurde Ches Tod im bolivianischen Guerilla-Kampf am 9. Oktober 1967. Genauer betrachtet sind es drei verschiedene Aspekte dieses Todes, die den Kult beförderten.255 Zunächst wurde Ches Tod begriffen als Ausdruck der finalen Glaubwürdigkeit und Konsequenz des Revolutionärs. Der Tod im Kampf, als Märtyrer für die Revolution, übte als bloße Tatsache eine ungeheure Faszination auf seine Anhänger aus.

Hinzu kommt in doppelter Hinsicht der besondere Zeitpunkt seines Todes. ,,Als er erschossen wurde, im Oktober 1967, war er 39 Jahre alt und der Revolutionsrausch dieses Jahrzehnts auf dem ersten, noch euphorischen Höhepunkt. Das timing für seine Aufnahme in den Kreis der Unsterblichen hätte nicht präziser sein können"0. Im Oktober 1967 traf die Nachricht vom Tod Ches also auf eine Bewegung, die gerade im Aufbruch war, die noch voller Motivation bereit und in der Lage war, den toten Revolutionär in ihren mannigfaltigen Aktionen zu ehren. Daneben bewahrte ihn sein Tod am Vorabend der Revolte davor, mit deren Niedergang in Verbindung gebracht zu werden. Sein frühzeitiges Ausscheiden aus dem revolutionären Prozeß garantierte seine ungetrübte Präsenz.

Als dritter Aspekt dürften schließlich die Umstände des Todes von einiger Relevanz sein. Che Guevara wurde von Angehörigen des bolivianischen Militärs ohne Skrupel und Gerichtsverfahren hingerichtet. ,,Guevaras Tod ist kein Ruhmesblatt für Boliviens Armee. Sie knallte ihren großen Gegner ab wie einen tollen Hund. Gegen ihren Willen hat sie ihm damit einen letzten Dienst erwiesen. [...] Ein Mann, der auf diese Weise endet, wird nicht so schnell vergessen"1, vermutete die Zeitschrift Stern bereits wenige Wochen nach Ches Tod. Die bedenkenlose Hinrichtung des berühmten Guerillero rief Empörung bis weit ins bürgerliche Lager hervor2 und war für Ches Anhänger ein weiterer Beweis für die Legitimität ihres Kampfes. Zudem umgab den Tod Guevaras von Anfang an etwas Geheimnisvolles: Zunächst war einige Tage lang unklar, ob es sich bei dem toten Guerillero von La Higuera tatsächlich um Che Guevara handelte, dann wurde über die Art des Todes und eine etwaige Beteiligung der CIA gerätselt3, schließlich verschwand die Leiche. Alles was als Beweis blieb waren die zur Identifizierung abgetrennten Hände des Toten, die später ihrerseits auf mysteriöse Art und Weise verschwanden4, und ein Foto des aufgebahrten Guerilleros, ,,in den Christus von Vallegrande verwandelt, in dessen klaren geöffneten Augen sich der zärtliche Gleichmut seines freiwilligen Opfers spiegelte"5.

Abschließend sollen drei potentielle Faktoren diskutiert werden, die bisher nicht in Betracht gezogen wurden. Bei der Frage nach den Ursachen von Che Guevaras Verehrung und Ruhm bietet Gisela Elsner in der Berliner tageszeitung eine höchst eigenwillige Erklärung an: ,,[D]ieser Ruhm hatte einen mächtigen Schirmherrn. Als ein willkommenes Ablenkungsmanöver der ohnehin sattsam desorientierten Linken wurde Che Guevaras Ruhm vom Imperialismus produziert. Gestützt auf das Fundament dieses Imperialismus, das er auszumerzen trachtete, blieb Guevara als Revolutionär über Jahre hinweg ein Spitzenreiter für die professionell Suchenden, die sich vor nichts mehr als vor Funden fürchteten, für die heimatlosen Linken, für die antimarxistischen Marxisten, das heißt mit einem Wort: für die Sippschaft der irregeleiteten Söhnchen und Töchterlein der Bourgeoisie, für die im Ernstfall der Status quo seit eh und je schon Revolution genug war."6 Die Vorstellung einer globalen Steuerung des Che-Kultes durch den Imperialismus, womöglich unter maßgeblicher Beteiligung der CIA, um die Linke ruhig und von der Verfolgung wirklich revolutionärer Politik abzuhalten, erscheint abwegig. Viel zu differenziert sind die Kultphänomene und viel zu viel geistige Autonomie kann den Kultträgern, exemplarisch Jean-Paul Sartre, Rudi Dutschke, dem Verleger Feltrinelli oder auch unbekannten Demonstranten, zugestanden werden, als daß sie massenhaft einem solchen ,,Ablenkungsmanöver" aufgesessen wären. Unbestritten ist, daß der Che-Kult in den bürgerlichen Medien aufgegriffen und dadurch wohl auch weiter verbreitet wurde, aber selbst darin kann kein ursächlicher Faktor und erst recht keine politische Taktik gesehen werden.

Ernstzunehmender ist der Hinweis eines möglichen Einflusses des kubanischen Staatskults um Che Guevara auf die Ausprägung des Kultes in den anderen lateinamerikanischen Staaten und den westlichen Industrieländern. In Kuba wurde Kult um Che in den ersten Jahren nach dessen Tod ein zentrales Element interner Propaganda. Che sollte an die Errungenschaften der Revolution erinnern und als Beispiel zu gesteigertem Einsatz motivieren. ,,Castro poliert eifrig und andauernd Ches Heiligenschein in der Hoffnung, daß dessen Glanz auf ihn zurückfällt und daß der Mythos von Che mithilft, den eigenen, den kubanischen Mythos am Leben zu erhalten."7 Diese Tendenz zeigte sich bereits in der gigantischen Trauerfeier in Havanna am 18. Oktober 1967, in der Fidel Castro seinen ehemaligen Kampfgefährten zum heroischen Revolutionär und menschlichen Vorbild stilisierte.8 In Deutschland beispielsweise wurde diese Rede verschiedentlich übersetzt und nachgedruckt und dürfte nicht ohne Einfluß auf das Bild von Che geblieben sein.9 Darüber hinaus ist denkbar, daß Kultobjekte wie Lieder oder Bilder von ,,Revolutionstouristen" aus Kuba in ihre Heimat gebracht wurden und so zu einer weiteren Verbreitung des Che-Kults beitrugen.

Schließlich schlägt Andreas Zielcke in einem bemerkenswerten Essay als zentrale Ursache des Che-Kults das Motiv des Scheiterns vor: ,,Che Guevara war, im Unterschied zu jenen klugen, strategisch besonnenen und erfolgreichen Gesinnungsgenossen wie etwa Ho Chi Minh oder General Giap, ein ausgesprochener loser, ein Held des Zurückweichens, des Scheiterns und der Hilflosigkeit. Und genau hierin lag wahrscheinlich seine - unterschwellige - Attraktivität. Nicht nur weil das Verlieren und Scheitern auf der modernen Gefühlsskala des Abendlandes und Hollywoods seinen ganz eigenen Charme besitzt. Vielmehr vor allem deshalb, weil Che im Grunde die ganze großartig-klägliche Paradoxie des damaligen ,anti- imperialistischen` Kreuzzuges verkörperte. [...] Zum einen konnten die notorischen Mißerfolge des Vorbilds die Passivität bekräftigen, die die meisten Protestierenden gegen ihre eigenen militanten Parolen beibehielten. [...] Und noch tiefer unten im Unterbewußtsein hat der Hedonismus, der den Protest bei uns im Norden stets wie ein bunter Schatten begleitete und am Ende schließlich obsiegte, sowieso das Mißlingen des harten Kampfes gewollt."10 Der Gedankengang ist ebenso attraktiv wie ungesichert. Den Wunsch und den Willen zum Scheitern als Leitmotiv der ganzen 68er-Bewegung zu unterstellen, geht meines Erachtens zu weit. Zweifellos fließt das Scheitern Che Guevaras, in besonderer Weise in seinem Tod repräsentiert, in die Konstituierung des Che-Kults ein. Allerdings stellt es keinen eigenständigen Faktor dar, ist nicht wesentlich von Bedeutung, sondern Ergebnis der notwendigen Verknüpfung von kompromißloser Konsequenz im versuchten Weitertreiben der Revolution und dem rechtzeitigen Ausscheiden aus dem revolutionären Prozeß vor dessen Niedergang. Eine Vernachlässigung des einen Faktors, etwa im freiwilligen Rückzug nach einem Erfolg, hätte ebensowenig zum Helden prädestiniert wie die Vernachlässigung des andern durch andauernde Aktivität bei niedergehender Bewegung. Das Scheitern im ungebrochenen revolutionären Kampf bildet in diesem Sinne den einzigen Ausweg.

3.4.4 Zusammenfassung der konstituierenden Faktoren des Che-Kults

Das komplettierte Tableau plausibler Faktoren mit Einfluß auf die Entstehung des Kultes um Che Guevara stellt sich nach der vorliegenden Untersuchung in Stichworten folgendermaßen dar:

1. Die globale politische Situation der sechziger Jahre mit weltweiten revolutionären Aufbrüchen; Existenz der ,,68er-Bewegung" mit ihren spezifischen politischen Vorstellungen von Antiimperialismus, Internationalismus mit Konzentration auf die Dritte Welt und einer zum Sowjetmodell alternativen Konzeption von Sozialismus.
2. Die Offenheit der Bewegung für neue Leitfiguren auf der Grundlage der Ablehnung traditioneller Werte und Leitbilder, latent pseudo-religiöse Disposition.
3. Die internationale Bekanntheit Che Guevaras durch seine Beteiligung an der kubanischen Guerilla, die hervorgehobene Position in der revolutionären Regierung und die Botschaftertätigkeit für Kuba.
4. Politische Vorstellungen und Ziele Che Guevaras, die mit den politischen Zielen der Bewegung weitestgehend konvergierten und die er in Schriften, Reden und Handlungen in exponierter Weise vertrat.
5. Charaktereigenschaften Che Guevaras wie Entschlossenheit, Tapferkeit und ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit im augenscheinlichen Leben seiner Visionen.
6. Aussehen, Auftreten und Stil Che Guevaras; Jugendlichkeit, Erotik und Aura des Abenteurers, konvergierend mit dem Lebensgefühl der Bewegung.
7. Das tatsächliche Weitertreiben der Revolution unter Aufgabe der etablierten Stellung in Kuba als Beweis seiner Glaubwürdigkeit und Konsequenz.
8. Das Mysterium seines Aufenthaltsortes mit vielfachen Spekulationen; Che als Politikum jenseits seiner konkreten und bekannten Aktivitäten, Grundlage für seine virtuelle Omnipräsenz.
9. Der Tod Che Guevaras im bolivianischen Guerilla-Kampf als finaler Beweis seiner Konsequenz und Grundlage für die Darstellung als Märtyrer.
10. Der Zeitpunkt seines Todes in der enthusiastischen Anfangsphase der globalen Bewegung, optimale Bedingung für die Rezeption durch die Bewegung.
11. Die Art des Todes (Hinrichtung durch die bolivianische Armee), Steigerung der Empörung und Verfestigung des Gut-Böse-Schemas; mysteriöse Umstände (z. B. Verschwinden der Leiche) als Beförderung der Legendenbildung.
12. Der Tod als Ausscheiden aus dem revolutionären Prozeß vor dem Niedergang der Bewegung.
13. Der kubanische Staatskult als Verstärkung des internationalen Kults, z. B. durch ,,Export" von Kultphänomenen.

Abschließend soll ansatzweise versucht werden, die einzelnen Faktoren durch Gruppierung, Gewichtung und Zuweisung von Funktionen im Verlauf der Entstehung des Che-Kultes in eine strukturiertes Faktorenraster zu überführen. Dabei sollen analytisch drei Phasen unterschieden werden: die Basis des Kultes, sein Auslöser und der Garant seines längerfristigen Bestandes.

Zur Basis des Kultes gehören die folgenden zwei Faktorenkomplexe:

1. die spezifische historische Situation Ende der sechziger Jahre (Faktor 1 und 2),

2. die exponierte und mit der Bewegung konvergierende politische Ausrichtung (Faktor 3 und 4) und spezifische Persönlichkeitsmerkmale Guevaras (Faktor 5 und 6) als individueller Beitrag.

Das Zusammentreffen dieser Faktoren, die eindrucksvolle Kompatibilität von Individuum und Zeit, prädestinierte Che Guevara zur Identifikationsfigur.

3. Als Auslöser des Kultes kann (unter Berücksichtigung des Zeitpunkts des Einsetzens im großen Maßstab, wie unter 3.3.1 beschrieben) der Tod Che Guevaras und sein ,,timing" begriffen werden (Faktor 9 und 10). Der Aufbruch aus Kuba 1965 und die Unkenntnis seines Aufenthalts und seiner Aktivitäten (Faktor 7 und 8) bereiteten diesen Kult vor, indem sie die Vorstellung von Che als universalem Guerillero entstehen ließen.11

4. Der Tod Guevaras löste den Kult nicht nur aus, sondern garantierte auch seinen Bestand. Indem der Held auf diese Weise und zu dem frühen Zeitpunkt aus dem revolutionären Prozeß ausschied, bewahrte er sein Bild vor einer Revision, beispielsweise durch eine Assoziation mit dem Niedergang der Bewegung (Faktor 12).

Die Art des Todes (Faktor 11) und der Einfluß des kubanischen Staatskults (Faktor 13) werden für sekundäre Faktoren gehalten. Sie wirkten wohl verstärkend, der eine für die Explosivität, mit der der Kult ausbrach, der andere für die Palette der Kultphänomene und damit der Breite des Kults, erscheinen jedoch nicht konstitutiv.

3.5 Entwicklungstendenzen des Kults um Che Guevara

Der Kult um Che Guevara überlebte den allmählichen Zerfall der Bewegung von 1968. Als Vorbild des unbeugsamen Guerilleros blieb er besonders in den Trikont- Befreiungsbewegungen der siebziger und achtziger Jahre präsent. Die nicaraguanischen Sandinistas schworen ihren Eid auf ihn, die palästinensische PFLP entführte ein Flugzeug unter dem Namen ,,Kommando Che Guevara", die Entführer der Lufthansa-Maschine ,,Landshut" trugen T-Shirts mit seinem Konterfei. Die argentinische ERP kämpfte ebenso in seinem Namen wie der peruanische ,,Sendero Luminoso".12 Lange nach seinem Tod galt, ,,daß Che auf den Schlachtfeldern Birmas, El Salvadors, der Westsahara und sogar im islamischen Afghanistan immer noch die Verehrung von Guerillakämpfern verschiedenster Couleur genoß."13 Die ungebrochene Tradition der Verehrung Che Guevaras in den Befreiungsbewegungen dokumentiert die zapatistische EZLN, die seit 1994 im mexikanischen Bundesstaat Chiapas im Aufstand ist. Ihr Vordenker Subcomandante Marcos zitiert immer wieder Che oder würdigt ihn, beispielsweise so: ,,Che erinnert uns an das, was wir schon seit Spartakus wissen und doch manchmal vergessen: die Menschheit findet im Kampf gegen die Ungerechtigkeit die erste Stufe, die sie erhebt, die sie besser macht, die sie menschlicher macht." 14

Doch auch in den westlichen Industrieländer hält der Kult um Che Guevara bis heute an. Erst 1999 wurde ein Theaterstück über sein Leben in Bremen uraufgeführt.15 Im Internet finden sich weit über 100 Websites aus praktisch allen Ländern Europas und Amerikas, die sich mit Che Guevara beschäftigen.16 Che-Poster markieren weiterhin ,,das befreite Gebiet im Zimmer des Jugendlichen"17, T-Shirts mit seinem Porträt werden auf Märkten oder Festivals verkauft und erfreuen sich großer Beliebtheit (Abb. 31). Von Postkarten verkündet er unerschüttert seine längst klassisch gewordenen Parolen (Abb. 32) und auf einer Unzahl von Plakaten der letzten 30 Jahre ist sein Bild zu sehen, mal als Foto, mal in Öl, graphisch verfremdet oder hyperrealistisch gemalt. Teilweise bleibt hierbei ein politischer Bezug explizit gewahrt, auch wenn die verschiedenen Kultobjekte keine stringente Auseinandersetzung mit Guevaras Ideen und politischen Konzepten erkennen lassen. Che Guevara als der Revolutionär wird so zum Gewährsmann unterschiedlichster Fraktionen der Linken, unabhängig von der realen Übereinstimmung seiner Vorstellungen mit denen der entsprechenden Gruppen und Parteien. "Einer von uns!" proklamierte die DKP 1998 schlicht auf einem Plakat mit dem Che-Bild von Alberto Korda18, ,,CHE gegen Faschismus und Kapitalismus" setzten Berliner Autonome auf einem Aufkleber dagegen (Abb. 33) und auch die trotzkistische Partei SAV warb mit seinem Konterfei (Abb. 34). Wo Linke in irgendeiner Form öffentlich in Erscheinung treten, ist auch heute noch Che Guevara meist nicht weit.19

Teilweise spiegelt seine Verehrung nicht mehr als diffusen Protest. Wenn die engagierte amerikanische Crossover-Band Rage Against The Machine ihre Single ,,Bombtrack" mit dem Porträt Ches ziert, wenn sich eine Stuttgarter Musik-Kneipe nach ihrem Idol ,,Che" nennt oder wenn an der Tür des Zentralen Fachschaftsbüros der Universität Stuttgart allein drei Che- Aufkleber hängen (Abb. 39), ist, wie bei vielen der oben beschriebenen Phänomene, natürlich noch ein Bezug zu Ernesto Guevara erkenntlich. Doch die politische Dimension der Leitfigur - Che als revolutionärer Theoretiker, als Antiimperialist, als Kommunist - ist hier weitestgehend ausgeblendet. Es bleibt ein Bild von Che als einem der irgendwie anders war, irgendwie entschlossen und für eine bessere Welt und über den sich manch ,,Spießbürger" noch heute erregt. ,,Seine nicht nachlassende Anziehungskraft ist Ausdruck des letzten Rufes nach einem modernen Utopia."20, resümiert sein Biograph Castaneda, doch es ist zu ergänzen, daß das ,,Utopia" Ches weit von dem der meisten seiner Verehrer entfernt sein dürfte. Denn: ,,Mit Ché ist passiert, was mit allen Kultfiguren passiert: Sie werden ausgehöhlt, damit sie aufgefüllt werden können mit den Träumen, Sehnsüchten und Gelüsten derer, die sie bewundern."21

Der Prozeß der ,,Aushöhlung" ist dabei so alt wie der Che-Kult selbst. In seiner explosiven Entwicklung war die rasante Popularisierung - also: Verbreitung und Vereinfachung - des Helden Che eingeschrieben. So ist nicht verwunderlich, daß sich bereits Ende der sechziger Jahre eine Tendenz entwickelte, die den neuen Helden vollständig aus dem Kontext von Politik oder Protest herauslöste und sich allein für dessen kommerzielle Verwertbarkeit interessierte. Che Guevara wurde in dieser Hinsicht ,,ein unfreiwilliger Zeuge für den Zynismus unserer ,Kultur`-Industrie, die mit linksradikalem Sprengstoff ihre Bombengeschäfte macht, ohne auch nur daran zu denken, sich selber beim Wort zu nehmen"22.

Bei der Vermarktung der neuen Kultfigur am schnellsten war Hollywood.23 Bereits 1968 erschien der Film ,,Che" (Regie: Richard Fleischer) mit Omar Sharif in der Hauptrolle. Der Film hatte keinerlei politische Ambitionen, anstelle einer Analyse von Zielen und Aktionen Ches zeichnete er im Stile eines Italo-Western das Klischeebild eines sozialromantischen Revolutionärs, der in erster Linie schön und männlich ist. Der Film, der in der Verbindung des Che-Kults und des populären Schauspielers Omar Sharif zum Kassenschlager werden sollte, fiel jedoch bei Publikum und Kritik durch. Ähnlich erging es dem italienischen Film ,,El ,Che` Guevara" (Regie: Paolo Heusch mit Franisco Rabal in der Hauptrolle) aus dem Jahr 1973.24

Den bislang letzten und anhaltenden Höhepunkt erreichte die Vermarktung des Che-Kults 1997 im Zusammenhang mit seinem dreißigsten Todestag und der Entdeckung seines Leichnams. Die Schweizer Uhrenfirma Swatch befand, daß Che Guevara zur Zeit ,,very trendy" 25 sei und entwickelte prompt ein Modell ,,Ché" mit dem Porträt des Revolutionärs als Zifferblatt und einem Armband in den kubanischen Nationalfarben. Die neu auf den Markt geworfene englische Biersorte ,,Che" wurde mit dem Slogan beworben ,,Verkauf in den USA verboten. Es mußgut sein..." 26. Die Firma Leica warb hingegen mit dem berühmten Foto von Alberto Korda und fragte ,,Wie revolutionär darf ihre Kamera sein?" (Abb. 40). ,,Revolutionär der 60er. Kapitalisten sofort entmachten", proklamierte die Autovermietung Sixt über einem Foto Ches - und kontrastierte es mit der Werbung für einen Mercedes C 180 unter der Parole ,,Revolutionär der 90er. Kapitalisten sofort verfrachten" (Abb. 41).

Mit dem kommunistischen Revolutionär Che Guevara als Gipfel der Vermarktung für eines der kapitalistischen Statussymbole zu werben, wirkt nur auf den ersten Blick widersinnig. In Zeiten, in denen nichts weiter entfernt scheint als eine politische Revolution in Europa oder anderen westlichen Industriestaaten, hat der Begriff ,,Revolution" längst seinen Schrecken verloren. Er steht vielmehr für ein Konglomerat an höchst akzeptierten post-materialistischen Werten und Einstellungen wie Individualität, Innovation, Freiheit und Abenteuer, ist zum Modewort geworden, sein Gebrauch ist ubiquitär27 Und kaum ein Bild symbolisiert ,,Revolution", auch in seiner gewandelten Implikation, besser als die ewig junge ,,männliche Marilyn" 28, die ,,Kultur-Ikone" 29 Che Guevara.

Che ist also, wie es die verschiedenartigen Tendenzen zeigen, in fortschreitender Abstraktion von seinem tatsächlichen Leben, seinen Schriften und Handlungen ein vieldeutiges Zeichen geworden. Als ernsthafter politischer Bezugspunkt, wenn auch frei und widersprüchlich interpretiert, als Symbol für diffusen Protest, schließlich als Marketingartikel oder Werbeträger erscheint er je nach Kontext nahezu universell einsetzbar.

4. Vergleichende Analyse der Kulte um Friedrich Hecker und Che Guevara

Die Genese des revolutionären Helden steht im Mittelpunkt des Interesses der vorliegenden Studie. Im Vergleich der Faktoren, die für die Entstehung des Hecker- bzw. Che-Kults relevant erscheinen, wird in der Folge eine Annäherung an die Ursachen dieser Genese versucht. Zunächst seien jedoch summarisch die Dimensionen und Phänomene der beiden Kulte in ihrer zeitgenössischen Ausprägung miteinander verglichen.

4.1 Dimensionen und Phänomene des Hecker- und Che-Kults im Vergleich

Was beim Vergleich der Dimensionen der beiden Kulte sofort auffällt, ist die große Differenz in der Verbreitung. Der Che-Kult war ein globales Phänomen, der Hecker-Kult blieb hingegen regional auf Baden, bestenfalls Deutschland beschränkt. Auch seine schnelle Ausbreitung in die USA ändert grundsätzlich nichts an dieser Feststellung, schließlich ging die Hecker-Verehrung kaum über die engen Kreise der Deutschamerikaner hinaus. Eine Ursache für diesen Unterschied, der trotz seiner Evidenz kein prinzipieller, sondern nur gradueller ist, liegt im unterschiedlichen Ausmaß und Charakter der Bewegungen, aus denen heraus die Kulte entstanden und von denen sie getragen wurden. Während die 68er-Bewegung global auftrat und auch in ihrer Ausrichtung internationalistisch war, blieb die deutsche republikanische Bewegung 1848 im wesentlichen auf Deutschland fixiert, auch wenn sie im Kontext einer europäische Erhebung stand. Daneben ist zweifellos der ungleiche Stand der Massenkommunikation von Bedeutung. Für die Entstehung eines Kultes ist notwendig, daß Erzählungen, Bilder und Vorstellungen vom potentiellen Helden bekannt sind. Je weiter deren Verbreitung reicht, desto größer und weiter verbreitet ist die potentielle Kultträgerschaft.30 Auch was das schwierige Feld der sozialen Dimension der Kulte angeht, lassen sich Differenzen feststellen, die mit dem Charakter der sie tragenden Bewegungen übereinzustimmen scheinen, genauer mit deren differierender sozialer Zusammensetzung. Während der Che-Kult in den westlichen Industriestaaten im wesentlichen aus einer studentischen Monokultur zu erwachsen schien, war im Hecker-Kult der umfassenderen Bewegung von 1848 gemäß eine breitere soziale Schichtung repräsentiert. In der zeitlichen Entwicklung der Kulte sind jedoch Parallelen erkennbar. Sowohl Friedrich Hecker als auch Che Guevara waren bereits bekannt und populär, lange bevor der Kult um ihre Person ausbrach. Und am Übergang von Popularität zu kultischer Verehrung steht bei beiden ein spektakuläres Ereignis: der Aprilaufstand Heckers bzw. Ches Märtyrertod in Bolivien. Im Fortgang des Kultes zeigen sich jedoch wiederum Differenzen. Anders als beim Hecker-Kult in der Phase der Reaktion ab 1849 ist von einer Repression gegen die Verehrung des revolutionären Helden im Falle Che Guevaras nichts bekannt, wenn man von dem kurz angeschnittenen Beispiel Chiles nach dem Pinochet-Putsch absieht31. Die Gründe hierfür dürften im je nach Kontext unterschiedlichen Umgang mit politischer Opposition liegen. Während in autoritären Systemen, zu denen sich sowohl die deutschen Monarchien des 19. Jahrhunderts als auch die chilenische Militärdiktatur von 1973 zählen lassen, Verbot und Zwang die beherrschenden Mittel darstellen, zeichnen sich liberal-demokratische Systeme, wie sie für die westlichen Industriestaaten des späten 20. Jahrhunderts charakteristisch sind, durch ein hohes Maß an Integrationsfähigkeit aus. Diese Analyse läßt sich wiederum auf die spezifische Ausprägung der Kulte rückbeziehen: Während die Implikationen des zeitgenössische Hecker-Kults nahezu ausschließlich politischer Natur waren, gab es beim Che-Kult bereits in seiner Entstehung Momente, die durch Verfremdung oder Vermarktung einen Teil der politischen Sprengkraft absorbierten.32

Im erschlossenen Repertoire der Kultphänomene ergibt sich weitgehende Übereinstimmung. Bilder und Lieder dominieren, beim Che-Kult kommen Bühnenstücke hinzu. Zier- und Gebrauchsgegenstände sind im Hecker-Kult stark vertreten, im Che-Kult scheinen diese sich im wesentlichen auf Kuba zu konzentrieren.33 Die verbreiteten ,,Hecker hoch!"-Rufe bei Aufläufen oder politischen Veranstaltungen korrespondieren mit den Che-Plakaten auf Demonstrationen. Von einem spezifischen ,,Che-Look", vergleichbar der ,,Heckermode", ist hingegen nichts bekannt.34 Ebenso wenig finden sich in der zeitgenössischen Che-Verehrung die vom Hecker-Kult bekannten Wallfahrten, wohl schlicht aus dem Grund, daß es nach dem Verschwinden von Ches Leiche hierfür keinen geeigneten Wallfahrtsort gab. Eine auffällige Differenz ist jedoch die überragende Bedeutung des Fotos von Alberto Korda im Che-Kult. Im Hecker-Kult läßt sich eine solche Dominanz eines Motivs nicht feststellen. Möglicherweise liegt die Ursache hierfür ebenfalls in der technischen Entwicklung. Die Möglichkeiten zur Vervielfältigung und damit massenhaften Verbreitung eines Motivs standen den Hecker-Verehrern in weit geringerem Maße zur Verfügung als ein gutes Jahrhundert später den Trägern des Che-Kults. Darüber hinaus mag die massenmediale Begleitung des Kultes zu einer gewissen Uniformierung in den Formen der Verehrung beigetragen haben.

Schließlich weist Gottfried Korff (eigentlich in Abgrenzung zur Arbeiterbewegung der 1920er Jahre) auf das ,,Ludisch-Ironische" im Personenkult der 68er-Bewegung hin. Die überlebensgroßen Plakate der Idole wie Che Guevara seien mit Blick auf die Poster der Popstars subversive Entwendungen populärer Ästhetik gewesen und mitunter ironische Zitate linker Tradition.35 Das Beispiel des Cancan-tanzenden Che Guevara untermauert diese Interpretation ebenso wie das beschriebene Titelbild der Zeitschrift Pardon. Wenn man Korff folgend den Einfluß der Pop-Kultur für diese Entwicklung geltend macht, verwundert es nicht, daß sich vergleichbare Phänomene im zeitgenössischen Hecker-Kult nicht finden lassen.

4.2 Konstituierende Faktoren des Hecker- und Che-Kults im Vergleich

Im folgenden sollen im systematischen Vergleich der je plausiblen Faktoren Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Konstituierung des Hecker- bzw. Che-Kults herausgearbeitet werden. Aus Gründen der Übersichtlichkeit werden die in Kapitel 2.4.4 bzw.

3.4.4 zusammengefaßten Faktoren hier noch einmal in Zusammenschau dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Gruppierung der Faktoren veranschaulicht bereits mögliche Parallelen und Unterschiede, in der Folge sollen diese genauer betrachtet werden. Dabei wird es notwendig, in zunehmendem Maße vom historisch Konkreten zu abstrahieren und die Grundstruktur der einzelnen Faktoren zu entdecken.

Zunächst seien die Faktoren betrachtet, die sich auf die gesellschaftlichen Bedingungen der jeweiligen historischen Situation beziehen (A und B). Beide Fälle können pauschal als Umbruchs- und Krisenzeiten charakterisiert werden. Dies impliziert die Verunsicherung alter Wertsysteme, die Infragestellung traditioneller Orientierungen und basierend darauf die prinzipielle Offenheit gegenüber neuen Leitfiguren (B). Daneben läßt sich jeweils die Herausbildung einer Bewegung mit spezifischen politischen Vorstellungen konstatieren. Die konkreten Inhalte variieren dabei - im Falle des Hecker-Kults waren es, grob gesagt, demokratische und republikanische Ziele, beim Che-Kult sozialistische und antiimperialistische - doch handelt es sich beiderseits in ihrer Zeit um revolutionäre Bewegungen (A). Beide historische Situationen sind also durch einen erhöhten kollektiven ,,Identifikationsbedarf" geprägt.36 Analytisch läßt sich dieser Identifikationsbedarf (gemäß den Faktoren B und A) differenzieren in eine gleichsam formale Dimension einerseits, die auf neue Leitbilder schlechthin gerichtet ist, und eine inhaltliche andererseits, die sich in der Bindung an das politische Projekt Revolution ausdrückt.37

Mit den Faktoren C - F rücken diejenigen Faktoren in den Blick, die sich auf die Charakteristika des ,,Heldenkandidaten"38 beziehen. Hier lassen sich vielfältige Parallelen zwischen Friedrich Hecker und Che Guevara feststellen. Ihre Bekanntheit, die bereits vor der ,,Held-Werdung" bestand, ist trotz der unterschiedlichen Größenordnung eine davon (C ). Daß Bekanntheit einen Faktor in der Genese des (revolutionären) Helden darstellt, leuchtet unmittelbar ein: Verehrung kann sich nur auf Wahrnehmbares richten, auf Personen, die in irgendeiner Form aus der Menge herausragen.

Des weiteren läßt sich feststellen, daß beide in exponierter Weise spezifische politische Forderungen und Ziele vertraten (D). Abgesehen von deren zeitgenössischer Charakterisierung als revolutionär, lassen diese sich in ihrer konkreten Ausgestaltung nicht vergleichen. Eine wichtige Parallele besteht dagegen in grundsätzlicherer Hinsicht, in der weitestgehenden Konvergenz des politischen Programms der ,,Heldenkandidaten" mit den Vorstellungen der jeweiligen Bewegung.

Mit Eigenschaften wie Entschlossenheit, Tapferkeit und Glaubwürdigkeit (,,Mann der Tat") kommen bei beiden zu den historisch variablen inhaltlichen Bestimmungen typische Merkmale des Revolutionärs schlechthin hinzu (E). Durch diese Verbindung verkörperten sowohl Hecker als auch Che den typischen Revolutionär in zeitgemäßer Form. Schließlich zeichneten sich beide durch ein Repertoire an ,,Sonderbegabungen" aus (F). Attraktives Aussehen (verschiedentlich erotisch konnotiert) spielte bei beiden eine Rolle. Bei Che gründete darauf, angereichert um eine Aura des Abenteurers und Bohemiens, eine starke ,,stilmäßige" Konvergenz mit dem Lebensgefühl ,,seiner" Bewegung, ein Umstand, der bei Friedrich Hecker so nicht festgestellt werden konnte. In seinem Fall wurde hingegen - möglicherweise in Abhängigkeit von seinen zentralen Foren Parlament und Volksversammlung - vielfach zusätzlich die gute Rhetorik betont. Trotz je eigener Nuancierung läßt sich sagen, daß beide unter Einfluß dieser Sonderbegabungen in hohem Maße als Sympathieträger fungierten.39

Im Zusammentreffen dieser vier Faktoren ist das ,,Identifikationsangebot" verkörpert, das den Revolutionär zum ,,Heldenkandidaten" prädestiniert. Die Faktoren ,,Bekanntheit" und ,,Sympathieträger" beziehen sich in der analytischen Differenzierung dabei auf den Identifikationsbedarf mit einem neuen Leitbild überhaupt, wohingegen die Faktoren ,,politische Konvergenz" und ,,Mann der Tat" ihre Relevanz vom Identifikationsbedarf mit ,,Revolution" ableiten.

Nach den ersten sechs Faktoren, die in den Einzeluntersuchungen als Basis der Verehrung definiert wurden und bei deren Vergleich sich auf abstrakter Ebene relativ große Übereinstimmung feststellen ließ, ergeben sich bei der Betrachtung der folgenden zunächst größere Disparitäten. Sie ergeben sich aus zwei Umständen: Erstens verlief der Prozeß der letztlichen ,,Verwandlung zum Helden" bei Hecker wesentlich schneller und kompakter als bei Che. Während sich der Prozeß bei diesem über zwei Jahre entwickelte bis er im Tod in Bolivien seinen Gipfel fand, läßt sich bei jenem die entscheidende Phase auf die wenigen Tage des Heckerzugs begrenzen. Zweitens wurde Che Guevara ermordet, während Friedrich Hecker ,,nur" ins Exil gehen mußte.

Ungeachtet dieser wichtigen Differenzen sollen zunächst die Parallelen herausgestellt werden. Auffällig ist, daß am Übergang von Popularität zu kultischer Verehrung bei beiden ein spektakuläres Ereignis stand. Bei Hecker war dies der Aprilaufstand, bei Che sein Aufbruch aus Kuba und mehr noch sein Tod in Bolivien (vgl. G bzw. J). Jenseits des ,,Paukenschlag- Charakters" teilen beide Ereignisse den Grundgehalt: sowohl Hecker als auch Che bewiesen auf eindrückliche Art und Weise ihre Entschlossenheit und Glaubwürdigkeit. Was bis dato vielfach ihr Ruf war, ,,Mann der Tat" zu sein und kompromißloser Revolutionär, wurde nun gleichsam Gewißheit. Und nicht zuletzt sei die Übereinstimmung im ,,timing" erwähnt. In beiden Fällen war der aufsehenerregende Auftritt in der enthusiastischen Frühphase des revolutionären Prozesses verortet (K). Auf eine kurze abstrakte Formel gebracht: In der spektakulären Bewährung zum richtigen Zeitpunkt wird der Heldenkandidat zum Held.

Hieran läßt sich anknüpfen, wenn die oben genannten Differenzen untersucht werden sollen. Zumindest die zweite, der ,,Märtyrertod" Che Guevaras, der vielfach als die Ursache seines Kultes beschrieben wird, läßt sich mühelos mit dieser Formel in Übereinstimmung bringen. Der Tod im Kampf stellt zweifellos ein eindrucksvolles Zeugnis von Konsequenz dar, er vereinigt die Komponenten ,,Bewährung" und ,,Paukenschlag" auf hervorragende Weise. Allerdings läßt er sich nicht auf diese Komponenten reduzieren, sondern geht, nicht zuletzt eingedenk der Tradition von Märtyrern und der Tradition ihrer (pseudo-)religiösen Konnotierung, als Zeichen über dies hinaus und stellt insofern einen besonders effektvollen Faktor in der Kultauslösung dar.40

Das Mysterium von Ches Aufenthaltsort nach seiner Abreise aus Kuba, ein Faktor, der für die Konstituierung des Che-Kults bedeutend erschien (I), findet im Hecker-Kult keine direkte Entsprechung. Ähnlich steht es umgekehrt mit Faktor H, dem Kontrast Heckers zu den Politikern der Paulskirche, einem Faktor auf den im Hecker-Kult vielfach Bezug genommen wurde und dem einige Relevanz zugesprochen wurde. Der abstrakte Gehalt dieses Faktors liegt in der Funktion, die positiven Eigenschaften des Heldenkandidaten, in besonderem Maße dessen Entschlossenheit und Glaubwürdigkeit, durch den Vergleich mit einem negativen Gegentyp zu schärfen. Im Che-Kult wäre Fidel Castro für eine solche Rolle prädestiniert, schließlich blieb er im bereits gesicherten Kuba und betrieb eine - nicht immer erfolgreiche und populäre - Realpolitik, während Che sich für das Risiko der permanenten Revolution entschied. Tatsächlich konnte eine solche Gegenüberstellung jedoch nicht entdeckt werden.

Die letzte bemerkenswerte Parallele in den konstituierenden Faktoren des Hecker- und Che- Kults ist beider Ausscheiden aus dem revolutionären Prozeß vor dessen Niedergang (N).41 Die Bedeutung dieses Faktors ist bereits in der Betrachtung der Einzelfälle diskutiert worden: Der Held bewahrt in diesem Ausscheiden sein Bild vor einer Revision und garantiert so den Fortbestand der Verehrung. Zudem bietet er darin den Anknüpfungspunkt für das - vielfach religiös konnotierte - Herbeisehnen des Helden als Retter, einen zentralen Aspekt der Kulte. Es ist die kontinuierliche Distanz zu den Verehrern, die den Helden letztlich verewigt.42

Schließlich bleiben einige Faktoren (L,M und O - R), die zwar für die Konstituierung des einen Kults plausibel erscheinen, im anderen jedoch keine Parallelen finden. Es lassen sich allenfalls vage Entsprechungen feststellen. So könnte sowohl die Selbststilisierung Heckers (Q) als auch der kubanische Staatskult um Che (R ) als eine bewußte und gezielte Förderung des jeweiligen Kultes beschrieben werden. Die Debatte um Heckers Wahl in die Paulskirche (O) könnte in Beziehung gesetzt werden zu den Spekulationen um Ches Aufenthaltsort (I). In beiden Fällen handelte es sich um einen ,,Auftritt zweiten Grades", d.h. der Protagonist war Gegenstand einer Debatte, ohne selbst einzugreifen oder auch nur anwesend zu sein, was seine Bekanntheit und Bedeutung nicht unwesentlich steigerte. Allerdings können diese Differenzen, nicht zuletzt im Hinblick darauf, daß es sich um Faktoren handelt, denen nur sekundäre Bedeutung zugeschrieben wurde, auch als punktuelle Unterschiedlichkeiten bestehen bleiben, ohne die Ergebnisse des Vergleichs prinzipiell in Frage zu stellen.

4.3 Zur Genese des revolutionären Helden

Es sind also einige abstrakte Faktoren, die aus dem Vergleich der konstituierenden Faktoren der Kulte um Friedrich Hecker und Che Guevara gewonnen werden konnten. Aus ihrem Zusammenwirken soll die Transformation des Revolutionärs zum revolutionären Helden erklärt werden.

Das Faktorenraster zur Genese des revolutionären Helden stellt sich also folgendermaßen dar:43

1. In der betrachteten historischen Situation muß ein gesellschaftlich relevanter Identifikationsbedarf bestehen.

a) Dieser muß sich auf neue Leitfiguren richten. Das impliziert eine Krise traditioneller Werte und Orientierungen, die Herausbildung einer Bewegung und deren grundsätzliche Offenheit gegenüber Leitfiguren.
b) Er muß sich auf das politische Projekt Revolution richten. Das impliziert das Bestehen einer revolutionären Bewegung.

2. Der Heldenkandidat muß ein damit konvergierendes Identifikationsangebot verkörpern.

a) Er muß bekannt sein, sich aus der Masse abheben.
b) Er muß ein Sympathieträger sein, was vielfach von Aussehen, Auftreten und anderen persönlichen Eigenschaften abhängt.
c) Er muß ein Revolutionär sein, dessen politisches Programm mit dem der Bewegung weitestgehend übereinstimmt.
d) Er muß durch Entschlossenheit und Glaubwürdigkeit als ,,Mann der Tat" erscheinen und so den ,,Typ" des Revolutionärs verkörpern.

3. Der Heldenkandidat muß sich zum richtigen Zeitpunkt, in der enthusiastischen Phase der Bewegung, auf überzeugende Art und Weise als entschlossener Revolutionär bewähren.

4. Nach der Bewährung muß sich der Held dauerhaft von der Sphäre seiner Verehrer distanzieren, also z. B. aus dem revolutionären Prozeß ausscheiden.

Grafische Veranschaulichung des Faktorenrasters zur Genese des revolutionären Helden:

<wegen technischer Schwierigkeiten (anderes Programm) in der Online-Version nicht verfügbar. Auf Nachfrage beim Autor erhältlich.>

Auch wenn in der Darstellung die Faktoren 1 und 2 überproportional viel Raum einnehmen, soll damit keine Schwerpunktsetzung verbunden werden. Vielmehr sind die einzelnen Faktoren als gleichrangig und jeder für sich notwendig zu betrachten. Ebensowenig impliziert die analytische Differenzierung in Basis, Auslöser und Garant des Fortbestands notwendig eine streng chronologische Abfolge. So können der Auslöser des Kultes und der Garant seines Fortbestands zusammenfallen, wie im Falle des Todes von Che Guevara.

Das hier vorgestellte Faktorenraster entstand aus der Analyse der Kulte zweier exemplarischer revolutionärer Helden. Es wurde von Einzelfällen ausgegangen und versucht, aus den greifbaren Kultphänomenen Rückschlüsse zu ziehen auf die Faktoren ihres Entstehens. In der Konzentration auf die ,,Schwelle der Transformation", an der die historische Persönlichkeit zum Helden wird, wurden die Bedingungen dieses Prozesses eruiert, im Vergleich schließlich die Abstraktion vom Einzelfall und die Überführung in ein allgemeines Raster versucht. In dieser induktiven Vorgehensweise wurde bewußt auf die Einbeziehung bestehender ,,hero- pattern" verzichtet, zumal, wie einleitend beschrieben, deren Fragestellung vielfach anders gelagert ist.

Abschließend soll jedoch in knapper Form die Anbindung an Diskussionen der ,,popular- hero"-Forschung gesucht werden. ,,Is the hero born or made?", war eine der zentralen Fragen bei einer einschlägigen Tagung der britischen Folklore Society.44 Sie zielte ab auf das Verhältnis zwischen individuellen und gesellschaftlichen Aspekten in der Herausbildung von Helden. Hierzu wurde im skizzierten Raster mit der Einbindung von Faktoren, die historisch- gesellschaftliche Bedingungen reflektieren, solchen, die sich auf individuelle Anforderungen an die historische Persönlichkeit beziehen, und weiteren, die historische Ereignissen betreffen, eine differenzierte Antwort gefunden.

Die Fragestellung thematisierte aber auch - und damit ist ihr eigentlicher Kern erst getroffen - das Verhältnis zwischen der historischen Person und den Bildern von ihr, gleichsam der Geschichte des Helden und der Geschichte vom Helden. In der vorliegenden Arbeit interessierte in erster Linie die historische Person, deren ,,Auswahl" und Heroisierung, wie gesehen, kein zufälliger, beliebiger oder mystischer Vorgang ist, sondern historisch bedingt: Der revolutionäre Held entsteht in und aus seiner Zeit. Doch - und hier setzt die ,,popular- hero"-Forschung an - in seiner Held-Werdung geschieht der Abgleich seiner Person, seines Lebens, seiner Taten mit der überzeitlichen, tradierten, internalisierten ,,Erzählung vom Helden". Indem historische Fakten mit Heldenhaftem assoziiert werden und die Vorstellung vom Helden den Blick auf die Fakten prägt, indem Geschichte und Geschichten, sich gegenseitig bedingend, durchdringen, löst sich der revolutionäre Held von seinen historischen Wurzeln, transzendiert seine Zeit und wird ewig, Mythos.45

4.4 Entwicklungstendenzen des Hecker- und Che-Kults im Vergleich

Die Kulte um Friedrich Hecker und Che Guevara lebten, wie in den Kapiteln 2.5 und 3.5 festgestellt werden konnte, von ihrer Entstehungszeit bis heute fort. Doch in dieser Gemeinsamkeit entdeckt sich ein ganzes Bündel an Unterschieden. Zunächst ist festzuhalten, daß die Hecker-Verehrung schon 150 Jahre andauert, während der Che-Kult erst dreißig Jahre besteht. In der Entwicklung des Hecker-Kults konnten so Höhen und Tiefen festgestellt werden, Zeiten der verstärkten Verehrung und Zeiten des fast vollkommenen Vergessens. Der Che-Kult hingegen wahrte in der kürzeren Zeit seines Bestehens seine Intensität im Großen und Ganzen; bis dato geriet Che Guevara nie in Gefahr, vergessen zu werden. Die größere zeitliche Distanz, aber auch die bereits in ihrer Entstehung unterschiedlichen Dimensionen der Kulte führten dazu, daß Che Guevara als revolutionärer Held heute weitaus präsenter ist als Friedrich Hecker.

Wenn man die unterschiedlichen Dimensionen der Kulte außer Acht läßt und vielmehr die Entwicklung der Implikationen in den Blick nimmt, ergeben sich wiederum bemerkenswerte Parallelen. In beiden Fällen erfuhren die Kulte verschiedene Bedeutungswandlungen. Der eine revolutionäre Held wurde zu verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Inhalten assoziiert bzw. sogar zur selben Zeit für höchst unterschiedliche Projekte in Dienst genommen. Grundlegend ist bei beiden die fortschreitende Ablösung des Kultes von der historischen Person, die Entfernung von deren politischen Inhalten oder die komplette Herauslösung aus der Sphäre der Politik.

Friedrich Hecker wurde in diesem Prozeß erst zur Verkörperung des typischen Demokraten, dann zur Verkörperung des typischen Deutschen, zum Symbol der nationalen Identität der Deutsch-Amerikaner wie zum Symbol deutsch-amerikanischer Freundschaft, zum Kämpfer gegen Atomkraftwerke, Polizeistaat und Entdemokratisierung der Hochschule wie zum Gewährsmann für deren eifrigste Verfechter. Auch wenn Hecker in neuester Zeit zum nahezu sinnentleerten Merchandising-Artikel mutierte, blieb seine Verehrung weitestgehend im politischen Feld. Die Motive der Kultträger variierten jedoch, wie gesehen, beträchtlich. Bei Che Guevara nahm derselbe Prozeß der Entfremdung von der historischen Person eine etwas andere Wendung. Die politischen Bezugnahmen auf ihn - sei es in den Befreiungsbewegungen oder in Teilen der radikalen Linken - blieben trotz massiver Differenzen näher an der historischen Person als bei Hecker. Für eine weitere politische Umdeutung mag die Erfahrung der revolutionären Aufbrüche der sechziger Jahre noch zu frisch und das Beispiel des sozialistischen Kuba zu real sein. Che Guevara ist politisch noch nicht, wie Hecker aufgrund der historischen Entwicklung, Konsens geworden, weshalb er sich noch immer als Symbol des Protests eignet. Daneben zeigt sich die ,,Verzerrung" des Kultes in weit größerem Maße als bei Hecker: Als Werbeträger ist Che Guevara jeglicher politischer Implikation entkleidet, die Bekanntheit seines Bildes verdrängt die Bekanntheit seiner Person vollkommen.46

Die Ursache für diesen Prozeß des Bedeutungswandels im Kult liegt, wie bei der Basis der Kultkonstituierung, im Verhältnis von gesellschaftlichem Identifikationsbedarf und im Helden verkörpertem Identifikationsangebot. Der Identifikationsbedarf mit dem politischen Projekt ,,Revolution" war ein zentraler Faktor in der Genese des revolutionären Helden. Es zeigt sich nun, daß bei verändertem Identifikationsbedarf der inzwischen etablierte revolutionäre Held seine Stellung nicht notwendig verliert, sondern daß unter Umständen nur seine starke Verbindung mit ,,Revolution" aufgelöst bzw. umgewertet wird. Im einen Fall wird er mit veränderten politischen Inhalten assoziiert (z. B. Friedrich Hecker als Vorkämpfer gegen Atomkraftwerke oder mit der CDU für ,,Freiheit statt Sozialismus").47 Im anderen Falle wird er über eine Umwertung des Begriffs ,,Revolution" ganz aus der politischen Sphäre genommen (z. B. Che Guevara als Werbeträger für revolutionäre Kameratechnik).

Abschließend sei betont, daß der Bedeutungswandel, der in den Entwicklungstendenzen des Hecker- und Che-Kults festgestellt werden konnte, nicht als rein äußerlicher Akt, gleichsam als böswillige Vergewaltigung, zu begreifen ist. Vielmehr basiert er auf dem Mechanismus, der der Verehrung des revolutionären Helden, und wohl der Verehrung des Helden insgesamt, immanent und wesentlich ist: der Abstraktion. Im Ignorieren einzelner Charakteristika und der Konzentration auf andere, die in der Folge für die zentralen genommen werden, wird die historische Person zu der, die sie sein muß, um Held zu werden. Welche Aspekte hervorgehoben werden und welche verschwinden ist wesentlich: Kein Friedrich Hecker wäre zum Helden geworden, hätte man seine militärische Unfähigkeit und nicht seine Entschlossenheit betont, kein Ernesto Che Guevara, wenn statt seiner Vision vom neuen Menschen seine rücksichtslose Liquidierung von Oppositionellen hervorgetreten wäre. Die Abstraktion von Aspekten ist aber nicht nur wesentlich, sondern auch wandelbar, der Held einer beständigen Stilisierung und Stereotypisierung unterworfen. So wurde Hecker zum Idealbild des aufrichtigen Deutschen. Und Che ist nur noch schön.

5. Ausblick

Friedrich Hecker und Che Guevara, zwei Revolutionäre aus zwei verschiedenen Zeiten und zwei verschiedenen Kulturen, verbunden in der Verehrung als Kultpersonen - als Einzelfälle stehen sie für das wiederkehrende Auftreten revolutionärer Helden in der Geschichte. Die vorliegende Arbeit versuchte sich der Frage zu nähern, durch welche Faktoren sich diese revolutionären Helden konstituieren, was die Bedingungen ihres historischen Auftretens sind.

Zunächst wurden dazu die Kulte um die beiden ausgewählten Helden betrachtet. In der Analyse der mannigfaltigen Kultphänomene, der zeitgenössischen Urteile und der spezifischen historisch-gesellschaftlichen Situation, in der Konzentration auf die ,,Schwelle der Transformation" der historischen Person zum revolutionären Helden also, wurde versucht, Faktoren zu eruieren, die erklären sollten, warum gerade Friedrich Hecker oder Che Guevara zu revolutionären Helden wurden. Teilweise fiel es in der Analyse nicht leicht, zu entscheiden, wo ursächliche Faktoren des Kultes aufscheinen und wo Stilisierung in Folge des Kultes vorherrscht - zwischen historischer Person und mythischer Gestalt sind die Übergänge fließend. Schließlich konnte jedoch zu beiden revolutionären Helden ein Tableau plausibler konstituierender Faktoren erstellt werden.

Diese beiden Faktorensammlungen bildeten die Basis des zentralen Vergleichs. Wie beim Vergleich der Dimensionen und der Kultphänomene konnten verschiedene Differenzen festgestellt werden - erinnert sei an dieser Stelle nur an die wesentlich größere Verbreitung des Kultes um Che Guevara und an dessen Märtyrer-Rolle - doch zahlreiche Parallelen ließen die Überführung der Vergleichsergebnisse in ein vom Einzelfall abstrahierendes Faktorenraster zur Genese des revolutionären Helden gerechtfertigt erscheinen. In ihm konnten acht zentrale Gesichtspunkte vereinigt werden, die zum einen historisch- gesellschaftliche Bedingungen reflektieren, sich zum andern auf individuelle Anforderungen an die historische Persönlichkeit beziehen und zum dritten historische Ereignisse betreffen. Mit der Differenzierung in Basis des Kults, Auslöser und Garant des Fortbestands wurde schließlich eine Strukturierung des erstellten Faktorenrasters vorgenommen.

Bereits einleitend wurde darauf hingewiesen, daß das Ergebnis dieser Studie nur ein vorläufiges sein kann. Dies ergibt sich einerseits daraus, daß bei der Analyse der beiden Kulte jeweils nur ein Teil der vorhandenen Quellen einbezogen werden konnte, andererseits aus der gewählten Methode der vergleichenden Analyse und dem Bestreben, Aussagen zu treffen, die über den Einzelfall hinausweisen. Diese Vorläufigkeit erfordert notwendig eine weitere Beschäftigung mit der aufgeworfenen Problemstellung. Angezeigt wäre es, weitere Quellen zu den Kulten um Friedrich Hecker und Che Guevara heranzuziehen, weitere Kultphänomene und zeitgenössische Urteile zu analysieren, um die hier exponierten konstituierenden Faktoren zu überprüfen und zu schärfen. Im Hinblick auf die Konstruktion eines über den Einzelfall hinausweisenden Faktorenrasters zur Genese des revolutionären Helden fruchtbarer wäre es m. E. allerdings, weitere Einzelfälle zu untersuchen und anhand der Ergebnisse das hier erstellte Raster einer Revision zu unterziehen.

Fallbeispiele weiterer revolutionärer Helden stellt die Geschichte in großer Zahl zur Verfügung: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht könnten sich für eine Untersuchung ebenso eignen wie Karl Ludwig Sand.48 Der Kult um Robert Blum könnte betrachtet werden49 oder der um Ferdinand Lasalle.50 Der Kämpfer für die polnische Unabhängigkeit, Józef Pilsudski, käme in Betracht51 oder Malcolm X, einer der Protagonisten der Schwarzenbewegung in den USA.52 Vielleicht wäre es auch lohnend, sich mit einem so exotischen Vertreter revolutionären Heldentums auseinanderzusetzen wie Thomas Sankara, dem 1987 ermordeten Präsidenten von Burkina Faso, dem noch heute in Westafrika Verehrung zuteil wird.53 Auf jeden Fall aufschlußreich dürfte eine Beschäftigung mit Subcomandante Insurgente Marcos sein, dem Vordenker der Befreiungsbewegung EZLN, dessen Popularität bereits kurz nach Beginn des zapatistischen Aufstands im mexikanischen Bundesstaat Chiapas 1994 Züge kultischer Verehrung annahm. In Form von handgefertigten Stoffpüppchen und anderen Devotionalien hat der Kult längst sein Ursprungsland verlassen und wird auch in Westeuropa, zumindest in Zirkeln der internationalistischen radikalen Linken, gepflegt.54 Die Liste lohnender Untersuchungsobjekte ließe sich fortsetzen. Im Zuge einer vertieften Beschäftigung wäre es allerdings nicht nur geboten, das hier entworfene Faktorenraster zu überprüfen, sondern auch die Grenzen einer möglichen Gültigkeit auszuloten. So erwähnt Gottfried Korff mit Bezug auf eine Studie von Maurice Agulhon, daß die konsequente und systematische Entstehung eines ,,profanen Heiligenhimmels" erst mit der Französischen Revolution einsetzte.55 Dezidiert zu fragen wäre ebenfalls, weshalb es wesentlich weniger revolutionäre Heldinnen als revolutionäre Helden gibt.56

Als Motivation am Anfang dieser Arbeit stand (in Anlehnung an Max Weber) die ,,Entzauberung des Helden" - ein hoffnungslos modernes Projekt. Durch die Analyse seiner Genese, durch seine komplette Bindung an benennbare Faktoren, durch die in der Historie verankerte Erklärbarkeit seines Auftretens, dürfte der Erscheinung des revolutionären Helden ein Teil seines ,,Zaubers" genommen sein. Doch die historische Person, die so in den Mittelpunkt gerückt und sichtbar gemacht wurde, ist, wie bereits angedeutet, nur die eine Seite des Helden. Auf der anderen Seite steht, mit der historischen Person in der Held- Werdung aufs Engste verzahnt, die ,,Erzählung vom Helden", der Mythos. Er bezeichnet die ,,narrative Seite der rituellen Praxis"57, durch die Sinnstrukturen konstruiert und Deutungen von Geschichte und Gesellschaft vorgenommen werden, um bestehende Zustände zu verstehen oder zu rechtfertigen. Der Mythos ist, um es mit Roland Barthes zu sagen, kein Objekt und keine Idee, sondern ein Mitteilungssystem, eine Aussage. Er stellt ferner keine falsche, sondern eine deformierte Aussage dar, die ,,Umwandlung eines Sinnes in Form"58. Im Bemühen, diesen Komplex zu erfassen, dürfte es nun nicht mehr möglich sein - wie im Verlauf der vorliegenden Arbeit in Bezug auf die Genese des revolutionären Helden praktiziert - einen Standpunkt außerhalb einzunehmen, das Zeichensystem gleichsam von oben zu betrachten, um in aufklärerischer Absicht, das ,,Wahre" vom ,,Falschen" zu trennen. Dies mag unter Umständen dazu dienen, Mythen zu zerstören, nicht aber, den Mythos als Mythos zu verstehen. Ansätze, wie sie beispielsweise Roland Barthes vorgeschlagen hat, dürften hierfür hilfreicher sein und nicht zuletzt zur Flankierung der vorliegenden Untersuchung beitragen. Einer poststrukturalistisch inspirierten Studie sei es in diesem Sinne überlassen, die semiotische Dimension des revolutionären Helden zu ergründen.59

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen und Literatur lassen sich in dieser Studie vielfach nur schwer differenzieren. Die Biographien der Revolutionäre beispielsweise können je nach Fragestellung wechselnden Gattungen zugerechnet werden: Für die Darstellung des Lebens und Wirkens der Revolutionäre werden sie als Sekundärliteratur herangezogen, für die Analyse des Kultes können sie als Quellen fungieren. Wenn sie den Kult zudem reflektieren, lassen sie sich wiederum der Sekundärliteratur zuordnen. Eingedenk dieser Problematik wird im Folgenden keine gattungsmäßige, sondern eine thematische Differenzierung vorgenommen.

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Neue Freiburger Zeitung Schwäbische Kronik Tübinger Chronik

Der Volksfreund (Rheinfelden)

Wochenblatt für die Amtsbezirke Offenburg, Oberkirch u.a.

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Guevara, Ernesto Che, Der Guerillakrieg, in: ders., Ausgewählte Werke in Einzelausgaben, hg. v. Horst-Eckart Gross, 6 Bde., Dortmund/Köln/Bonn 1986-1997, Bd. 1, S. 49-208.

Ders., Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam. Brief an das Exekutivsekretariat von OSPAAL.

Eingeleitet und übersetzt von Gaston Salvatore und Rudi Dutschke, Berlin 1967.

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Hamm, Harry, Moskau verurteilt ,,Ché" Guevara. Das ,,Bolivianische Tagebuch" des

legendären Revolutionärs in der Sowjetunion mit einem kritischen Vorwort herausgebracht, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.11.1968, S. 2.

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Benutzte Zeitungen und Zeitschriften:

Agit 883

Hochschulkampf. Kampfblatt der Roten Zellen des Initiativkomitees in West-Berlin Pinx

Radikalinski Der Spiegel Stern

Süddeutsche Zeitung

Benutzte URLs:

http://come.to/Guevara

http://members.xoom.com/guevaralynch/canciones.htm http://members.xoom.com/guevaralynch/poemas.htm http://www.cheguevara.com

http://www.che-lives.com

http://www.geocities.com/Hollywood/8702/cia.html

c) Literatur zu weiteren Aspekten

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Wienker-Piepho, Sabine, Frauen als Volkshelden. Geschichtlichkeit, Legendenbildung und Typologie, Frankfurt/Main 1988.

[...]


1 Carlyle, Thomas, Über Helden, Heldenverehrung und das Heldentümliche in der Geschichte, Halle 1898, S. 1. Quellenzitate werden in der Folge kursiv gesetzt.

2 Vgl. zuletzt Momm, Karina, Der Begriff des Helden in Thomas Carlyles ,,On Heroes, HeroWorship and the Heroic in History", Freiburg 1986.

3 Es soll also von ,,Volkshelden" oder ,,popular heroes", wie es im vorherrschenden angelsächsischen Diskurs heißt, die Rede sein; vgl. weiter unten die Einordnung in diese v.a. volkskundliche Debatte.

4 Vgl. dazu exemplarisch Kershaw, Ian, Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung, Stuttgart 1999.

5 Im Doppelschema Personenkult - Kultpersonen (vgl. Korff, Gottfried, Personenkult und Kultpersonen. Bemerkungen zur profanen ,,Heiligenverehrung" im 20. Jahrhundert, in: Kerber, Walter (Hg.), Personenkult und Heiligenverehrung, München 1997, S. 157-183, S. 157ff.) konzentriere ich mich also auf die Untersuchung der Kultpersonen. Die Frage, warum es überhaupt Personenkult gibt oder welche Funktionen er erfüllt, bleibt hier weitestgehend ausgeklammert.

6 Neben dem Begriff ,,Kult" begegnet in der Literatur zu Friedrich Hecker und Che Guevara vielfach der Begriff ,,Mythos". Im Verlauf der vorliegenden Studie soll dieser jedoch aus zwei Gründen nicht verwendet werden: Zum einen hat der Begriff ,,Mythos" durch eine Ausweitung seines Gebrauchs und nicht zuletzt durch Eingang in die Umgangssprache weithin an Schärfe verloren und wird je nach Kontext mit differierenden oder konkurrierenden Inhalten gefüllt (vgl. den kurzen Versuch einer Strukturierung der alternativen Mythosbegriffe bei Röhrich, Lutz, Märchen - Mythos - Sage, in: Siegmund, Wolfdietrich (Hg.), Antiker Mythos in unseren Märchen, Kassel 1984, S. 11-35). Zum anderen - und dies ist der entscheidendere Faktor - verbindet sich der Terminus ,,Mythos" im Gefolge des wissenschaftlichen Paradigmenwechsels des ,,linguistic turn" als Konzeptionsbegriff verstärkt mit strukturalistischen und poststrukturalistischen Theorieansätzen (vgl. Saldern, Adelheid von, Mythen, Legenden, Stereotypen, in: dies (Hg.) Mythen in Geschichte und Geschichtsschreibung aus polnischer und deutscher Sicht, Münster 1996, S. 13-26, S. 14ff.). Hier wird jedoch auf eine Einbeziehung dieser Ansätze verzichtet, weshalb es ratsam erschien, auch nicht mit einem ihrer zentralen Begriffe zu operieren. Davon ausgenommen sind das Ende der Arbeit, wo eine mögliche Anbindung angedeutet wird, und, wo es sich nicht vermeiden ließ, Zitate anderer Autoren.

7 Vgl. Freitag, Sabine, Friedrich Hecker. Biographie eines Republikaners, Stuttgart 1998; Assion, Peter, Der Heckerkult. Ein Volksheld von 1848 im Wandel seiner geschichtlichen Präsenz, in: Zeitschrift für Volkskunde 87 (1991), S. 53-76; ders., ,,Es lebe Hecker! Stoßet an!". Die Popularität und Verehrung Friedrich Heckers von 1848/49 bis zur Gegenwart, in: Frei, Alfred G. (Hg.), Friedrich Hecker in den USA. Eine deutsch-amerikanische Spurensicherung, Konstanz 1993, S. 117-134.

8 Vgl. insbesondere Castaneda, Jorge, Che Guevara. Biographie, Frankfurt/Main 1999; Taibo II, Paco Ignacio, Che. Die Biographie des Ernesto Guevara, Hamburg 1997; Anderson, Jon Lee, Che. Die Biographie, München 1997.

9 Vgl. Goertz, Hans-Jürgen, Umgang mit Geschichte. Eine Einführung in die Geschichtstheorie, Reinbek 1995, S. 118-129.

10 Eine breite Diskussion der Entwicklung der ,,popular-hero"-Forschung vgl. Wienker- Piepho, Sabine, Frauen als Volkshelden. Geschichtlichkeit, Legendenbildung und Typologie, Frankfurt/Main 1988, S. 163-193.

11 Vgl. Campbell, Joseph, Der Heros in tausend Gestalten, 6. Aufl., Frankfurt/Main 1995, S. 319-340. Der Freiburger Volkskundler Lutz Röhrich findet z. B. 15 verschiedene HeldenPrototypen (vgl. Wienker-Piepho, Frauen als Volkshelden, S. 190f.).

12 Vgl. Hobsbawm, Eric J., Die Banditen, Frankfurt/Main 1972; Hugger, Paul, Sozialrebellen und Rechtsbrecher in der Schweiz. Eine historisch-volkskundliche Studie, Zürich 1976; Leonardy, Heribert J., Der Mythos vom ,,edlen" Räuber. Untersuchungen narrativer Tendenzen und Bearbeitungsformen bei den Legenden der vier Räuberfiguren Robin Hood, Schinderhannes, Jesse James und Ned Kelly, Saarbrücken 1997.

13 Lahnstein, Peter, Die unvollendete Revolution 1848/49. Badener und Württemberger in der Paulskirche, Stuttgart/Berlin/Köln 1982, S. 170.

14 Vgl. Freitag, Sabine, Friedrich Hecker. Der republikanische Souverän, in: dies. (Hg.), Die Achtundvierziger. Lebensbilder aus der deutschen Revolution 1848/49, München 1998, S. 45- 62, S. 47ff.

15 Vgl. Freitag, Biographie, S. 58.

16 Vgl. Ein freies Wort über die Ausweisung der badischen Abgeordneten v. Itzstein und Hecker aus Preußen, Leipzig 1845; Öffentliche Dankadresse deutscher Patrioten an die Herren v. Itzstein und Hecker, Coblenz 1845. Daneben verfaßte Hecker in dieser Zeit selbst zwei Schriften, von denen vor allem die über die neu entstandene deutschkatholische Bewegung einige Aufmerksamkeit erlangte: Hecker, Friedrich, Ideen und Vorschläge zu einer Reform des Gerichtswesens, Mannheim 1844; ders., Die staatsrechtlichen Verhältnisse der Deutschkatholiken mit besonderem Hinblick auf Baden, Heidelberg 1845.

17 Sabine Freitag kommt dabei zu der Einschätzung, daß Heckers Engagement gegen die Sklaverei im wesentlichen den Interessen eines freien aufstrebenden Bürgertums gegen die ,,Sklavenaristokratie der Großgrundbesitzer des Südens" verpflichtet gewesen sei. Solidarität mit den um ihre persönliche Freiheit kämpfenden schwarzen Sklaven erscheint als Motivation allenfalls zweitrangig (vgl. Freitag, Achtundvierziger, S. 58).

18 Vgl. Freitag, Achtundvierziger, S. 59.

19 Vgl. Hecker, Friedrich, Weiblichkeit und Weiberrechtelei, in: ders., Reden und Vorlesungen, St.Louis/Neustadt a. d. Haardt 1872, S. 78-95; Asche, Susanne, Einheit und Freiheit auch für die Frauen?, in: Frei, Alfred G. (Hg.), Friedrich Hecker in den USA. Eine deutsch-amerikanische Spurensicherung, Konstanz 1993, S. 107-115.

20 Hervorzuheben in diesem Zusammenhang: Hecker, Friedrich, Gepfefferte Briefe über Kleinstaatlerei und Kleinstaatler. Geschrieben im Frühling 1867, St. Joseph o.J.1867.

21 Der Beobachter 155/1873 (6.7.1873), S. 3. Am Rande sei erwähnt, daß an der Berichterstattung über dieses Ereignis in geradezu idealer Weise die politischen Differenzen zwischen dem demokratischen Beobachter und dem (national-)liberalen Schwäbischen Merkur sichtbar werden: Während der Beobachter über Heckers kritische Haltung zum Kaiserreich und sein Lob der (amerikanischen) Republik überschwenglich berichtete (vgl. die Berichte in den Ausgaben vom 6., 8., 9. und 11.7.1873), blieb der Schwäbische Merkur distanziert bzw. kommentierte Heckers Auftritt abfällig (vgl. Schwäbische Kronik 161/1873 (9.7.1873), S. 1609).

22 Die Literatur zu diesem Komplex, dem an dieser Stelle sicher nicht einmal ansatzweise gerecht werden kann, ist in den letzten Jahren zu einer nicht mehr überschaubaren Fülle angewachsen. Zentrale neuere Darstellungen, die jetzt in der Regel verstärkt die europäische Dimension betonen, finden sich bei Dowe, Dieter/Haupt, Heinz-Gerhardt/Langewiesche, Dieter (Hg.), Europa 1848. Revolution und Reform, Bonn 1998; Botzenhardt, Manfred, 1848/49. Europa im Umbruch, Paderborn/München/Wien/Zürich 1998; Dipper, Christof/Speck, Ulrich, 1848. Revolution in Deutschland, Frankfurt/Main 1998; daneben steht noch immer die Gesamtdartsellung von Siemann, Wolfram, Die deutsche Revolution von 1848/49, Frankfurt/Main 1984. Auch wenn die Diskussion um den Charakter der Ereignisse von 1848/49 unter den Stichworten ,,Revolution oder Reform?" (vgl. beispielhaft Hettling, Manfred, Reform ohne Revolution. Bürgertum, Bürokratie und kommunale Selbstverwaltung in Württemberg von 1800 bis 1850, Göttingen 1990), ,,europäische Dimension" und ,,soziale und regionale Fragmentierung" (vgl. Jansen, Christian/Mergel, Thomas, Von ,,der Revolution" zu ,,den Revolutionen". Probleme einer Interpretation von 1848/49, in: dies. (Hg.), Die Revolutionen von 1848/49. Erfahrung - Verarbeitung - Deutung, Göttingen 1998, S. 7-13) eine einheitliche Etikettierung problematisiert hat, verwende ich hier, im Bewußtsein der Differenziertheit des Komplexes, die Bezeichnung ,,deutsche Revolution von 1848/49".

23 Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2: Von der Reformära bis zur industriellen und politischen "Deutschen Doppelrevolution" 1815 - 1845/49, München 1987, S. 665.

24 Ebd., S. 674ff.

25 Protokoll der Sitzung vom 19.1.1844, zit. n. Freitag, Achtundvierziger, S. 51.

26 Vgl. Freitag, Biographie, S. 63-88. Heckers dezidierte Charakterisierung als ,,Anwalt der Unterschichten" (Botzenhart, 1848/49, S. 89) scheint mir dabei etwas verengt zu sein.

27 Vgl. Schimpf, Rainer, Ein demokratisches Ereignis. Die Bedeutung der Versammlung im ,,Salmen", in: Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hg.), Des Volkes Freiheit. Die Revolutionäre von Offenburg 1847-49, Stuttgart 1997, S. 20-25, S. 23. Schimpf betont zwar, daß die zugespitzte Formulierung nicht sozialrevolutionär gemeint war, in ihrem Aufgreifen der sozialen Frage ist sie jedoch durchaus bemerkenswert.

28 Rürup, Reinhard, Deutschland im 19. Jahrhundert. 1815-1871, in: ders./Wehler, HansUlrich/Schulz, Gerhard, Deutsche Geschichte, Bd. 3: 19. und 20. Jahrhundert. 1815-1945, Göttingen 1985, S. 1-200, S. 143; vgl. dazu mit zusätzlichen Differenzierungen Wehler, Gesellschaftsgeschichte, S. 432f.

29 Ein freies Wort, S. 7.

30 Ebd., S. 6.

31,,In der neueren Forschung hat es sich durchgesetzt, fünf verschiedene Handlungsebenen der Revolution zu unterscheiden, die jeweils von verschiedenen Handlungsformen der Beteiligten geprägt waren: die organisierte Öffentlichkeit in Form des Presse- und Vereinswesens, die Parlamente, die Ministerien, das Militär und schließlich die Basisrevolution." (Wolfrum, Edgar, Bundesrepublik Deutschland und DDR, in: Dipper/Speck, 1848, S. 35-49, S. 48).

32 Bassermann, Friedrich Daniel, Denkwürdigkeiten, hg. von Friedrich Bassermann-Jordan, Frankfurt/Main 1926, S. 64, zit. n. Freitag, Biographie, S. 104 40.

33 Vgl. Freitag, Biographie, S. 104-110. Einer tatsächlichen Amtsausübung kam jedoch die weitere politische Entwicklung zuvor (vgl. Lück, Andreas, Friedrich Hecker. Rolle, Programm und politische Möglichkeiten eines Führers der radikal-demokratischen Bewegung von 1847/48 in Baden, Berlin 1979, S. 198).

34 Vgl. Hippel, Wolfgang von, Revolution im deutschen Südwesten. Das Großherzogtum Baden 1848/49, Stuttgart/Berlin/Köln 1998, S. 138-145.

35,,Ficklers Verhaftung entwand den radikalen Führern das Gesetz des Handelns und zwang sie, falls sie nicht aufgeben wollte, zur Flucht nach vorn." (ebd., S. 152). Als Motivation dazu kam die Angst Heckers, selbst verhaftet zu werden (vgl. Freitag, Biographie, S. 118).

36 Hecker, Friedrich, Die Erhebung des Volkes in Baden für die deutsche Republik im Frühjahr 1848, Karlsruhe 1997 (Basel 1848), S. 25.

37 Hippel, Revolution, S. 163; vgl. auch Reith, Reinhold, Der Aprilaufstand von 1848 in Konstanz. Zur biographischen Dimension von ,,Hochverrath und Aufruhr", Sigmaringen 1982.

38 14 Menschen kamen im Gefecht bei Kandern ums Leben, darunter der Befehlshaber der hessischen Truppen, Friedrich von Gagern, ein Bruder des führenden Liberalen und späteren Präsidenten der Frankfurter Nationalversammlung Heinrich von Gagern. Konservative und Liberale lancierten in der Folge das Gerücht, der angesehene General sei beim Verhandeln hinterrücks erschossen worden. Obwohl sich diese Darstellung als haltlos erwies, half sie, die republikanische Bewegung nachhaltig zu diskreditieren (vgl. Klingelschmitt, Klaus-Peter, Vivat! Hoch! - Die freie Republik! Friedrich Hecker - Ein deutscher Mythos, Stuttgart 1982; Hippel, Revolution, S. 157).

39 Daran konnten auch die zwei anderen Kolonnen des Heckerzuges nichts mehr ändern. Am 24.4. wurde Franz Sigel mit seinen Leuten vor Freiburg geschlagen, die aus Frankreich zu Hilfe geeilte (von Hecker zunächst zurückgewiesene) ,,Deutsche Demokratische Legion" unter Georg Herwegh erlitt am 27.4. bei Dossenbach eine blutige Niederlage (vgl. Hippel, Revolution, S. 157-162).

40 Vgl. Freitag, Biographie, S. 120ff. Auch wenn der Verlauf und das Ende des ersten republikanischen Aufstandes in Baden im Nachhinein kläglich erscheinen, verkennt die Charakterisierung als ,,eine Art Karnevalszug" (Lothar Gall, in: Badische Zeitung, 6.3.1998, S.3) die Brisanz des historischen Kontextes und die Ernsthaftigkeit der Mitziehenden.

41 Stenographischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen constituierenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main, hg. von Franz Wigard, Frankfurt/Main 1848- 1850, S. 1431, zit. n. Freitag, Biographie, S. 126.

42 Vgl. Freitag, Biographie, S. 124-135. Die Auseinandersetzung fand große Beachtung in der deutschen Öffentlichkeit, was sich in vielfältigen Zeitungsberichten, Schriften (vgl. Die Wahl von Thiengen und die deutsche Nationalversammlung. Den unerschrockenen Wahlmännern von Thiengen gewidmet von einem Abgeordneten der deutschen Nationalversammlung in Frankfurt am Main, Frankfurt/Main 1848) und Karikaturen (vgl. Reiter, Annette, Die Sammlung A. W. Heil. Politische Druckgraphik des Vormärz und der Revolution 1848/49, Stuttgart 1994, S. 256 u. 259f.) ausdrückte.

43 Diese Entwicklung läßt sich gerade im deutschen Südwesten feststellen. Für Baden vgl. Nolte, Paul, Baden, in: Dipper/Speck, 1848, S. 53-68, S. 66; für Württemberg vgl. Schimpf, Rainer, Volksversammlung. ,,Es lebe die Republik!", in: Haus der Geschichte Baden- Württemberg (Hg.), Freiheit oder Tod. Die Reutlinger Pfingstversammlung und die Revolution von 1848/49, Stuttgart 1998, S. 88-91, S. 89f.

44 Blum kann insofern als klassischer Märtyrer der Revolution gelten. Vgl. insbesondere zu den Totenfeiern für ihn Hettling, Manfred, Totenkult statt Revolution. 1848 und seine Opfer, Frankfurt/Main 1998, S. 52-75. Zur Politisierung der Volkskultur im Zuge der Revolution von 1848 allgemein vgl. Kaschuba, Wolfgang/Lipp, Carola, Revolutionskultur 1848. Einige (volkskundliche) Anmerkungen zu den Erfahrungsräumen und Aktionsformen antifeudaler Volksbewegungen in Württemberg, in: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte 39 (1980), S. 141-164.

45 Hecker-Bildnisse soll es mindestens seit 1847 gegeben haben (vgl. Assion, Heckerkult, S. 66).

46 Vgl. Hippel, Revolution, S. 253.

47 Vgl. Schnauffer, Karl Heinrich, Neue Lieder für das Teutsche Volk, Rheinfelden 1848.

48 Vgl. z. B. Assion, Heckerkult, S. 65f. für Weinheim; Der Volksfreund (Rheinfelden) 7/1848 (18.6.1848), S. 28 für Stuttgart; Kaschuba, Wolfgang/Lipp, Carola, 1848 - Provinz und Revolution. Kultureller Wandel und soziale Bewegung im Königreich Württemberg, Tübingen 1979, S. 185 für Esslingen und S. 205 für Heilbronn.

49 Der Beobachter 99/1848 (14.6.1848), S. 396. Ein Indiz für die schnelle Verbreitung und hohe Brisanz des Hecker-Kults ist auch die Schrift ,,Die Glorie Heckers", in der sich der württembergische Liberale Gustav Pfizer anonym heftig gegen die Verehrung Heckers wendet. Das Pamphlet erschien bereits im August 1848, bis zum Jahresende wurden vier Auflagen abgesetzt (vgl. Muhs, Rudolf, Heckermythos und Revolutionsforschung, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 134 (1986), S. 422-441, S. 423).

50 Assion, ,,Es lebe Hecker! Stoßet an!", S. 127. Ein Beispiel für die drohende Repression (und implizit für die weite Verbreitung und politische Brisanz des Hecker-Kults) schildert die Landshuter Zeitung vom 6. September 1849: ,,In Mannheim hat die Stadt-Kommandantschaft einen kleinen Krieg gegen die Republikaner eröffnet, indem sie Heckerliedsänger, Freischärlerhutträger, fliegende Buchhändler mit aufregenden Handelsartikeln, Tabakspfeifenhändler, welche Pfeifen mit Hecker- und Struveporträts ausstellen, zu zwei-, drei- und vierwöchentlichem Gefängnißverurteilt." (zit. n. Belting, Isabella, Mode und Revolution. Deutschland 1848/49, Hildesheim 1997, S. 76). Zum Verbot des Tragens der Hecker-Hüte vgl. Neue Freiburger Zeitung 179/1849 (29.7.1849), S. 881; Wochenblatt für die Amtsbezirke Offenburg, Oberkirch u.a. 66/1849 (31.8.1849), S. 572.

51 Assion, Heckerkult, S. 66.

52 Friedrich Hecker an seine Familie, in: Der Volksfreund (Rheinfelden) 49/1848 (16.12.1848), S. 194; weitere Belege bei Freitag, Biographie, S. 147ff.

53 Lück, Friedrich Hecker, S. 14.

54 Assion, ,,Es lebe Hecker! Stoßet an!", S. 127.

55 Ich beschränke mich in der Folge auf die Diskussion der Motive und lasse die Frage der jeweiligen künstlerischen Umsetzung und Materialen außen vor.

56 Die ausführliche Anhang mit den Abbildungen konnte in der Online-Version leider nicht aufgenommen werden. Die Abbildungen sind auf Nachfrage beim Autor erhältlich.

57 Vgl. Assion, Heckerkult, S. 69.

58 In ähnlicher Bildsprache, aber noch markanter, zeigt sich eine Darstellung von Giuseppe Garibaldi (Abb. 9).

59 Vgl. Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hg.), 1848/49. Revolution der deutschen Demokraten in Baden, Baden-Baden 1998, S. 356.

60 Die Figuren aus Zizenhausen bei Stockach spiegeln in der Regel das Alltagsleben des 19. Jahrhunderts wider. Aus der politischen Landschaft Deutschlands existieren neben Hecker nur noch Darstellungen von Struve und Robert Blum (vgl. Haus der Geschichte, Des Volkes Freiheit, S. 61).

61 Assion (Heckerkult, S. 70) verweist auf einen abseitigen, aber interessanten Aspekt: ,,Die ,Heckerpfeifen` bezogen dabei ihre Beliebtheit noch speziell aus der Tatsache, daß bis 1848 das Rauchen immer wieder unterdrückt worden war und man mit dem Bilde Heckers (wie auch Blums usw.) akzentuiert für ein bürgerliches Genußrecht einzutreten vermochte, rauchend im Vorgeschmack auf noch größere Genüsse nach vollendeter Revolution."

62 So bewarb ein Silberschmied aus Heilbronn ,,Hecker`s trefflich gelungenes Abbild, [...] als demokratisches Abzeichen auf Hüten oder Mützen zu tragen". Weiter heißt es in der Annonce: ,,Zur Erinnerung an den Mann, dessen Name von allen Lippen geht, dessen Name elektrisch alle Herzen durchzuckt, zur Erinnerung an den großen Volksfreund, Dr. Fr. Hecker, welcher der heimathlichen Scholle die Ferse zuzuwenden im Begriffe steht, aber auch zur Einigung der Gleichgesinnten solle obiges Bildnis dienen, möge daher allwärts für die Verbreitung desselben Sorge getragen werden." (Beobachter 194/1848 (30.9.1848), S. 776). Ein Indiz für die große Verbreitung und gleichzeitig die Abhängigkeit der Abzeichen von der politischen ,,Konjunktur" liefert ein Bericht aus Schwäbisch Gmünd: ,,Die hiesige Industrie hat seit dem Frühling, in kluger Beachtung der politischen Zeitläufe kleine Vorstecknadeln mit dem farbigen Bilde Heckers in ganzer Figur fabricirt. Die Industrie ist bekanntlich unpartheiisch und kann sich, wie die Kirche in Frankreich, jeder Staatsform anbequemen. Daher fabricierte sie auch, als die Zeit erfüllet war,ähnliche Nadeln mit dem Bilde des Reichsverwesers, und auch diese gingen an die Detailverkäufer hinaus. Nun kommen aber die letzteren vonüberall her mit Protest zurück, unter dem gleichm äß igen Beifügen: Die Reichsverweserlen ziehen nicht, man möchte doch umgehend eine gleiche Anzahl Heckerlen dafür schicken, denn diese gehen reißend ab." (Beobachter 245/1848 (29.11.1848), S. 979).

63 Vgl. Badisches Landesmuseum Karlsruhe, 1848/49, S. 353.

64 Assion, ,,Es lebe Hecker! Stoßet an!", S. 125. Assion weist an gleicher Stelle darauf hin, daß die ,,Heckermode" anders als die ,,Sansculottenmode" ,,strikt personengebunden blieb, in Nachahmung dem Vorbild Heckers verhaftet". Zur Heckermode vgl. besonders Belting, Mode und Revolution, S. 71 - 88.

65 Sammlungen dieser Lieder finden sich bei Meier, John, Volksliedstudien, Straßburg 1917, S. 214-246; Bilger, Christine, Die Heckerlieder im Umfeld der 48er Revolution (unveröffentlichte Zulassungsarbeit, geschrieben an der Universität Stuttgart), Stuttgart 1998, Anhang (o. S.); Haaß, Wolfgang, Friedrich Hecker. Leben und Wirken in Dokumenten und Wertungen der Mit- und Nachwelt, Angelbachtal 1981, S. 97-106. Bemerkenswert ist, daß sich Hecker im Vorwort der bereits erwähnten Liedsammlung von Karl Heinrich Schnauffer selbst zur Bedeutung des politischen Liedes äußerte. Er schreibt - in Anbetracht seiner Kenntnis der vielen aktuellen Lieder auf ihn keineswegs zurückhaltend: ,,Die gr öß ten Wahrheiten, die tiefsten Gedanken der Staatsweisheit werden durch das politische Lied, wie durch einen Scheideprozeß, zur schlackenlosen Klarheit, zum reinsten Golde der Menschenbrust und das unzerstörbare Eigenthum des Individuums. (...) Freiheit, Recht, Vaterland, Menschenwürde, alles Große und Erhabene birgt zauberisch sein Schoos." (Hecker, Friedrich, Das politische Lied, in: Schnauffer, Neue Lieder, S. 3-6, S. 5f.).

66 Eine ablehnenden Haltung gegenüber Hecker drückte sich nicht nur in Liedern aus, sondern sie wurde auch in den anderen beschriebenen Formen, in denen sich die Hecker- Verehrung manifestierte, zum Ausdruck gebracht. Die Notwendigkeit einer solchen ,,Gegenpropaganda" bestätigt ex negativo die Popularität Heckers und die Verbreitung des Kultes um seine Person. Näher soll auf dieses Phänomen hier allerdings nicht eingegangen werden.

67 Vgl. ,,Hecker, du brachst kühn die Bahn" (Z. 5), ,,Schlag` den Feind mit Donnerstimme" (Z. 15), ,,Hecker bricht die Tyrannei!" (Z. 29).

68 Vgl. Anm. 48.

69 Vgl. dazu auch Wilhelm Zimmermann über Hecker: ,,[I]n seinem Namen und in seiner Person verkörperte der gemeine Mann die Volksfreiheit, und was den Drang zur Republik in sich trug, fieng an, für Hecker zu schwärmen und es auszusprechen in dem Rufe: Hecker hoch!" (Zimmermann, Wilhelm, Die deutsche Revolution, Karlsruhe 1848, S. 464).

70 Passauer Zeitung 191/1848 (12.7.1848), S. 827f., zit. n. Belting, Mode und Revolution, S. 81.

71 Valentin, Veit, Geschichte der deutschen Revolution von 1848-1849, 2 Bde., Berlin 1930/31, Bd. 2, S. 170.

72 Prophezeiung über die deutsche Kaiser-Sage und Friedrich Hecker, München o. J.1848, S. 4.

73 Vgl. Valentin, Deutsche Revolution, Bd. 1, S. 490 (mit Bezug auf einen Bericht des preußischen Gesandten Graf Arnim); vgl. auch [Pfizer, Gustav], Die Glorie Heckers, 2. Aufl., Stuttgart 1848, S. 7.

74 Vgl O.H., Friedrich Hecker, in: Frankfurter Zeitung und Handelsblatt 89/1881 (30.3.1881), S. 1-3, S. 2.

75 Vgl. Freitag, Biographie, S. 136; Lück, Friedrich Hecker, S. 211.

76 Der Begriff ,,Wallfahrer" für die Hecker-Besucher entstammt einer Note des badischen Ministeriums an den Regierungsrat des Kantons Bern (vgl. Freitag, Biographie, 137).

77 Assion, Heckerkult, S. 65 für eine Delegation aus Müllheim/Baden.

78 Vgl. Assion, Heckerkult, S. 67f.

79 Abb. 14, Z. 5.

80 Abb. 15, Z. 13.

81 Prophezeiung, S. 3.

82 Vgl. Klingelschmitt, Vivat!, S. 129.

83 Assion, ,,Es lebe Hecker! Stoßet an!", S. 122f.

84 Assion, Heckerkult, S. 69, mit einem Zitat von Hobsbawm, Eric J., Sozialrebellen. Archaische Sozialbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert, Neuwied/Berlin 1971, S. 162.

85 [Pfizer], Glorie Heckers, S. 5.

86 Ed. Blr., Hecker der Mann des Volkes. Ein Rückblick auf sein parlamentarisches Wirken von 1842 bis 1848, Villingen 1848, S. 37.

87 Friedrich Hecker, in: Zeitgenossen in Biographien und Porträts. Ein Volksbuch, 2. Aufl., Jena 1849, S. 83-88, S. 86f.

88 Heinrich Laube, Das deutsche Parlament, Bd. 1, o. O. u. J., S. 32ff., zit. n. Jensen, Hans (Hg.), Die Deutsche Revolution 1848/49 in Augenzeugenberichten, 2. Aufl., Düssedmit dünnem Haar sparsam bedeckte Scheitel, die pergamentene Stirnhaut, die blicklosen, abstrakten kleinen Augen, die Bartschwäche, die lymphatische Gesichtsfarbe" (ebd.) - um nur eine der vielen Negativbeschreibungen zu erwähnen - verbunden mit seinem suspekt wirkenden Vegetarismus und seinem Hobby Phrenologie mögen eine Ursache dafür sein, daß er, ungeachtet der weitgehenden politischen Übereinstimmungen mit Hecker, als Identifikationsfigur ungeeignet erschien.

89 Häusser, Ludwig, Baden vor den Ereignissen von 1848, in: Die Gegenwart, Bd. 2, Leipzig 1849, S. 321-359, S. 357.

90 Friedrich Hecker, in: Zeitgenossen in Biographien, S. 87.

91 Ed. Blr., Hecker der Mann des Volkes, S. 11.

92 Ebd., S. 9.

93 Häusser, Baden, S. 358.

94 Vgl. ebd. und [Pfizer], Glorie Heckers, S. 7.

95 Ed. Blr., Hecker der Mann des Volkes, S. 38.

96 Pfizer], Glorie Heckers, S. 8.

97 Ebd., S. 6f.

98 Zimmermann, Revolution, S. 464. An dieser Stelle ist wohl erstmals der Begriff ,,Heckerkultus" belegt (vgl. Assion, Heckerkult, S. 57).

99 Assion (ebd.) sieht in dieser Wendung hingegen lediglich eine ,,gewisse[r] Verächtlichkeit zur Frauensache".

100 [Pfizer], Glorie Heckers, S. 3.

101 [Pfizer], Glorie Heckers, S. 5f.

102 Ebd., S. 8.

103 Mögling, Theodor, Briefe an seine Freunde, Solothurn 1858, S. 131. Auch Pfizer (Glorie Heckers, S. 3) weist auf den Kontrast hin, indem er über Bestrebungen berichtet, Hecker ,,als den einzigen unabgenützten Mann und Bringer des Heils der Nationalversammlung gegenüber zu stellen, welche man für ohnmächtig und des Vertrauens der deutschen Nation unwürdig und verlustig erklärte".

104 Zimmermann, Revolution, S, 464; vgl. auch Ed. Blr, Hecker der Mann des Volkes, S. 38.

105 Häusser, Baden, S. 358.

106 Vgl. Assion, Heckerkult und ders., ,,Es lebe Hecker! Stoßet an!". Daneben stehen kürzere Abhandlungen in größerem Zusammenhang, in denen zumeist monokausal verkürzte Erklärungen angeboten werden. Meier (Volksliedstudien, S. 215) sieht die Ursache für den Kult um Hecker allein in der ,,Wärme und inneren Echtheit seiner Überzeugung" und in dessen ,,Idealismus, der zu einem großen Grade unreal und phantastisch war". Lück (Friedrich Hecker, S. 77) macht ,,Heckers Integrität und Opferbereitschaft" allein verantwortlich für seine Verehrung und Rudolf Muhs (Heckermythos, S. 423), der ansonsten eine differenzierte Analyse der unkritschen Fortschreibung des Heckermythos` in der Geschichtswissenschaft liefert, verkürzt die Erklärung im wesentlichen auf Heckers frühes Ausscheiden aus dem revolutionären Prozeß.

107 Vgl. Assion, Heckerkult, S. 59. Gerade in Baden, die Schweiz und Frankreich als politische Alternativen und den ,,Prototyp eines Zauderers" als Großherzog vor Augen, sei das Bedürfnis nach einer dynamischeren Politik besonders groß gewesen.

108 [Pfizer], Glorie Heckers, S. 6.

109 Assion, Heckerkult, S. 61.

110 Assion, ,,Es lebe Hecker! Stoßet an!", S. 124.

111 Muhs, Heckermythos, S. 423; in ähnlicher Weise vgl. Hettling, Manfred, Die Toten und die Lebenden. Der politische Opferkult 1848, in: Jansen/Mergel, Die Revolutionen von 1848, S. 54-74, S. 65.

112 Die republikanische Partei in Baden und ihre Führer, beurteilt und gerichtet in der schriftlichen Hinterlassenschaft von Hecker, Struve und Brentano. Als Beilage zum Heidelberger Journal separat gedruckt, Mannheim 1849, S. 9ff., zit. n. Muhs, Heckermythos, S. 426.

113 Klingelschmitt, Vivat!, S. 10. In diesem Sinne auch Lück (Friedrich Hecker, S. 193): ,,Wenngleich mit komplizierten sozialen Strukturen und Unterströmungen wenig vertraut, fand sich Hecker als verbindende und alle Zwietracht überschattende Führerpersönlichkeit auf den Schild der jubelnden Masse gehoben".

114 Muhs, Heckermythos, S. 426. Muhs (ebd, S. 425) führt auf den romantischen Charakter der Revolte ein Großteil ihrer bis heute anhaltenden Attraktivität zurück.

115 Vgl. Freitag, Biographie, S. 124-135.

116 Vgl. Assion, Heckerkult, S. 62.

117 Assion, ,,Es lebe Hecker! Stoßet an!", S. 124f.

118 Vgl. Lahnstein, Die unvollendete Revolution, S. 177.

119 Heckers Abschied vom deutschen Volk, Faksimile eines Flugblatts, in: Blum, Hans, Die Deutsche Revolution, Florenz/Leipzig 1898, S. 240f.

120 Prophezeiung, S. 3.

121 Auf das Verbot des Tragens von Hecker-Hüten und andere Repressionsmaßnahmen wurde bereits in Anm. 50 hingewiesen. Des weiteren wird von der Zwangsrasur von HeckerBärten, von Strafen für das Singen von Hecker-Liedern und vom Vergraben von HeckerBildern vor preußischen Hausdurchsuchungen berichtet (vgl. O.H., Friedrich Hecker, in: Frankfurter Zeitung und Handelsblatt 89/1881 (30.3.1881), S. 1-3, S. 1f.).

122 Blos, Wilhelm, Die Deutsche Revolution. Geschichte der Deutschen Bewegung von 1848 und 1849, Stuttgart 1893, S. 205f.

123 Vgl. Assion, Heckerkult, S. 73120. An dieser Stelle verweist Assion auch darauf, daß diese Hecker-Kult-Zeugnisse vorwiegend aus dörflichem Milieu stammten, was als Indiz gewertet wird für einen dörflichen Traditionalismus im Gegensatz zur dynamischeren Entwicklung in der Stadt mit dem Auftreten neuer Bewegungen und jeweils eigener Aktionsformen und Idole.

124 Meier, Volksliedstudien, S. 215.

125 Vgl. Assion, ,,Es lebe Hecker! Stoßet an!", S. 131f.

126 Ebd., S. 130.

127 Zur Enthüllungsfeier sowie zu weiteren Hecker-Feiern in den USA vgl. Erinnerung an Friedrich Hecker, St. Louis 1882 (ND Köln 1998).

128 Vgl. Frei, Alfred, Belleville grüßt Hecker, in: Südkurier, 26.3.1992. Abgedruckt ist der Artikel in: Friedrich Hecker in den USA. Pressespiegel zur Spurensicherung der HeckerGruppe Singen in den USA (13. März - 29.März 1992), o. O. u. J.

129 Erwähnt sei jedoch, daß 1923 die erste Biographie Heckers erschien: Scharp, Heinrich, Friedrich Hecker, ein deutscher Demokrat (1811-1881), Frankfurt/Main 1923. Und selbst im Nationalsozialismus scheint Hecker nicht ganz vergessen gewesen zu sein. In Freiburg soll sogar im Gasthaus eines überzeugten Nazis und ,,alten Kämpfers" in den dreißiger Jahren ein Bildnis des badischen Revolutionärs gehangen haben (vgl. Lahnstein, Die unvollendete Revolution, S. 168f.).

130 Etwas später, aber aus dem gleichen Impetus schreibt Klingelschmitt (Vivat!, S. 168f) mit explizitem Bezug auf Hecker: ,,Die gegenwärtigen Kämpfe in der zweiten Republik gegen Atomkraftwerke und Startbahn West, gegen den Abbau demokratischer Rechte und die schleichende Errichtung eines quasi-,Polizeistaates`, gegen atomare Aufrüstung in Ost und West haben mehr gemein mit den Kämpfen der Revolution von 1848/49 in Baden und Deutschland als vordergründig ersichtlich ist."

131 Badische Zeitung, 30.3.1978, S. 18. Vgl. auch die zu der Aktion erstellte Broschüre Der Festbote, Freiburg 1978 und das Begleitheft zur Schallplatte ,,Lieder zur vergessenen badischen Revolution 1848/49" (Trikont US48; beide Broschüren im Deutschen Volksliedarchiv Freiburg). Bemerkenswert ist, daß bei dem ,,Volksfest" nicht nur bekannte Persönlichkeiten wie Hecker und Struve, sondern auch unbekanntere Revolutionäre geehrt wurden.

132 Vgl. Muhs, Heckermythos, S. 435.

133 Badische Zeitung, 3. 7. 1978, S. 17.

134 Vgl. Jeismann, Michael, 1848 - fraglos gefeiert, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.5.1998, S. 1.

135 Vgl. Projektübergreifende Geschäftsstelle im Haus der Geschichte Baden-Württemberg, 1848/1849-1998/1999. 150 Jahre Revolution im deutschen Südwesten. Verkaufsartikel, Stuttgart o. J.1998.

136 Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hg.), Baden-Württemberg feiert die Revolution 1848/49. Revolutionsalmanach mit Wettbewerb. Veranstaltungen April 1998 - Dezember 1999, aktualisierte, erweiterte und verbesserte Neuauflage, Lahr 1998, S. 82.

137 Ebd., S. 41.

138 Ebd., S. 56.

139 Vgl. Hauser-Hauswirth, Angelika, Weg der Revolutionäre. Wanderrouten Deutsche Revolution in Baden 1848/49, Stuttgart 1998.

140 Limbach, Jutta, Kritische Bürgerloyalität ist das Lebenselixier der Demokratie, in: Frankfurter Rundschau, 8.4.1998, S. 15.

141 Vögely, Ludwig, Aus Offenburgs großer Zeit. Die Offenburger Versammlungen von 1847-1849, in: Badische Heimat 60 (1980), S. 615-626, S. 623, zit. n. Assion, Heckerkult, S. 60.

142 Rupp, Hans Karl, Revolutionsgedenken in Baden - von der Weimarer Republik zur Bundesrepublik, in: Badisches Landesmuseum Karlsruhe, 1848/49, S. 493-494, S. 494.

143 Assion, ,,Es lebe Hecker! Stoßet an!", S. 134.

144 Hecker, Ulrich, ,,Die Revolution kommt - 1998 ins Museum", in: nds. neue deutsche schule, Juni/Juli 1998, S. 18. Provokativ interpretiert Hecker (!) auch die politische Implikation der gesamten großangelegten Feierlichkeiten: ,,Da zeigt sich in Baden sogar der Teufel (CDU) mit dem Hecker-Hut! Wenn Revolutionen am wenigsten wahrscheinlich sind, kann man vergangene um so fester umarmen. So fest, daß ihnen die Luft ausgeht. Man stellt sich an die Spitze der Würdigung einer Revolution und nimmt ihr so die provozierende Kraft."

145 Jeismann, 1848 - fraglos gefeiert, S. 1.

146 Klaus Staeck in seiner Begründung der Nicht-Teilnahme an der Eröffnung der Badischen Landesausstellung zur Revolution 1848/49, zit. n. Hecker, Ulrich, ,,Die Revolution kommt - 1998 ins Museum", S. 18.

147,,Che" ist ein von vielen Argentiniern benutzter Ausruf und eine saloppe Anrede, etwa im Sinne von ,,Hey Du!" oder ,,Kumpel". Guevara erhielt diesen Beinamen von kubanischen Exilanten während seines Aufenthalts in Guatemala 1953/54 (vgl. James, Daniel, Che Guevara. Mythos und Wahrheit eines Revolutionärs, München 1997, S. 129).

148 Im Jahr 1969 konstatierte ein Biograph, die Literatur zu Che Guevara sei ,,schon jetzt nur noch schwer übersehbar" (Holthusen, Hans Egon, Ché Guevara. Leben, Tod und Verklärung, in: Merkur 11/1969, S. 1051-1067, S. 1052). Seit den sechziger Jahren ist sie stetig angewachsen. Die neuesten der mittlerweile über zwei Dutzend Biographien erschienen anläßlich des 30-jährigen Todestages Guevaras: Castaneda, Che; Taibo, Che; Anderson, Che. Die differierenden Wertungen und politischen Implikationen verschiedener Biographien sind, am Rande erwähnt, offensichtlich und führten als Spitze z. B. dazu, daß der sowjetische Autor Josef Lawrezki seinem Kollegen Daniel James vorwarf, seine Biographie im Auftrag der CIA geschrieben zu haben (vgl. Lawrezki, Josef, Ernesto Che Guevara, Frankfurt/Main 1975, S. 481).

149 Castaneda, Che, S. 16.

150 Guevara Lynch, Ernesto, Mein Sohn Che, Hamburg 1986, S. 231ff.

151 Die weitreichende Entscheidung zur Teilnahme am kubanischen Projekt markierte den Abschluß einer partiellen Identitätsverschiebung, die sich eben auch in der allmählichen Übernahme eines neuen Namens manifestierte: aus dem jungen Arzt wurde der Berufsrevolutionär, aus Dr. Ernesto Guevara wurde Che (vgl. Taibo, Che, S. 91).

152 Die Ehe hielt nur bis Anfang 1959. Im Juli 1959 heiratete Che Aleida March de la Forra, mit der er vier Kinder hatte.

153 Vgl. Guevara, Ernesto Che, Ausgewählte Werke in Einzelausgaben, hg. v. Horst-Eckart Gross, 6 Bde., Dortmund/Köln/Bonn 1986-1997.

154 Castaneda, Che, S. 197.

155 Vgl. Taibo II, Paco Ignacio/Escobar, Froilan/Guerra, Felix, Das Jahr, in dem wir nirgendwo waren. Ernesto Che Guevara und die afrikanische Guerilla, Berlin 1996, S. 7.

156 So berichteten Mitte 1997 in Deutschland etwa alle großen Zeitungen und Magazine über den spektakulären Fund (vgl. z. B. Karnofsky, Eva, Comandante Christus, in: Süddeutsche Zeitung, 14.7.1997, S. 3 (weitere Berichte am 5.7. und 7.7.1997); Schnibben, Cordt, Endkampf um ein Skelett, in: Der Spiegel, 30.6.1997, S. 31-33; Malcher, Ingo, Che Guevara, Ikone und Wunderheiler, in: tageszeitung Berlin, 7.7.1997, S. 14).

157 Massari, Roberto, Che Guevara. Politik und Utopie. Das politische und philosophische Denken Ernesto Che Guevaras, Frankfurt/Main 1987, S. 209.

158 Vgl. Taibo, Che, S. 290.

159 Vgl. Castaneda, Che, S. 183ff.

160 Zit. n. ebd., S. 216.

161 Ebd., S. 197.

162 Vgl. Castaneda, Che , S. 318.

163 Vgl. Massari, Che, S. 164ff.

164 Holthusen (Ché Guevara, S. 1058) bezeichnet Che Guevara gar als ,,Verfechter einer progressiven, virtuell antisowjetischen Revolutionstheorie". Zur Theorie, dem Fokismus, vgl. Guevara, Ernesto Che, Der Guerillakrieg, in: ders., Ausgewählte Werke, Bd. 1, S. 49-208; eine Kurzfassung vgl. Wolf, Andreas, Che Guevara. Die Strategie des ,foco` und ihr Scheitern in Bolivien, in: Münkler, Herfried (Hg.), Der Partisan. Theorie, Strategie, Gestalt, Opladen 1990, S. 116-127, S. 122ff.

165 May, Elmar, Che Guevara in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 1973, S. 64f.

166 Vgl. dazu beispielhaft Guevara, Ernesto Che, Freiwillige Arbeit und Bewußtseinsveränderung. Ansprache bei der Übergabe der Zertifikate für kommunistische Arbeit im Industrie-Ministerium, in: ders., Ausgewählte Werke, Bd. 6, S. 156-176.

167 Vgl. Taibo, Che, S. 379ff.

168 Claussen, Detlev, Chiffre 68, in: Harth, Dietrich/Assmann, Jan (Hg.), Revolution und Mythos, Frankfurt/Main 1992, S. 219-228, S. 220.

169 Massari, Che, S. 209.

170 vM., Das Rätsel Che Guevara, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.10.1965, S. 2.

171 Einen Beleg zu Ches Wirkung auf Frauen liefert auch eine Angestellte seines Industrieministeriums, indem sie berichtete, daß etliche Mitarbeiterinnen in ihn verliebt gewesen seien (vgl. Taibo, Che, S. 378).

172 Jaenecke, Heinrich, Sein letztes Gefecht. Che Guevara starb nach dem Gesetz des Dschungels, in: Stern, 19.11.1967, S. 80-90, S. 88.

173 Das Spektrum der Vermutungen war ausgesprochen weit. Für möglich gehalten wurde sein Aufenthalt in einer psychatrischen Klinik auf Kuba, revolutionärer Kampf in Vietnam, der Dominikanischen Republik oder im Baskenland, seine Flucht nach Las Vegas wegen des Verrats militärischer Geheimnisse und schließlich sogar sein gewaltsamer Tod aufgrund von Differenzen mit Fidel Castro (vgl. Taibo/Escobar/Guerra, Das Jahr, in dem wir nirgendwo waren, S. 7; May, Che, S, 87f).

174 vM., Das Rätsel Che Guevara, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.10.1965, S. 2 (,,Trgtzki" muß wohl richtigerweise ,,Trotzki" heißen.).

175 Wolf, Winfried, Der Mythos Che Guevara und die weltweiten Revolten des Jahres 1968, in: Utopie kreativ 88/1998 (Februar 1998), S. 55-69, S. 56.

176 Zit. n. Taibo/Escobar/Guerra, Das Jahr, in dem wir nirgendwo waren, S. 14f.

177 Am Tod Guevaras kommen Zweifel auf. Immer mehr Widersprüche - Wurden die Guerillas exekutiert?, in: Die Welt, 14.10.1967, S. 6.

178 Heydecker, J., Ein Gespenst geht um in Südamerika. Mythen, Zweifel und Gerüchte um den Tod des Rebellenführers Ernesto ,,Che" Guevara, in: Der Tagesspiegel, 22.10.1967, S. 3.

179 Guevara, Ernesto Che, Abschiedsbrief, in: Sonntag, Heinz Rudolf (Hg.), Che Guevara und die Revolution, Frankfurt/Main 1968, S. 49-50, S. 50.

180 Guevara, Che, Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam. Brief an das Exekutivsekretariat von OSPAAL. Eingeleitet und übersetzt von Gaston Salvatore und Rudi Dutschke, Berlin 1967, S. 16. Nach Guevaras Tod kristallisierten sich zwei weitere Konflikte an seinem ,,Bolivianischen Tagebuch". Zum einen traten anläßlich der Veröffentlichung Differenzen zwischen der Sowjetunion und Kuba offen zu Tage (vgl. Hamm, Harry, Moskau verurteilt ,,Ché" Guevara. Das ,,Bolivianische Tagebuch" des legendären Revolutionärs in der Sowjetunion mit einem kritischen Vorwort herausgebracht, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.11.1968, S. 2). Zum anderen kam es im Gefolge der spektakulären Flucht des bolivianischen Innenministers, der das Tagebuch gegen den Willen seines Präsidenten und der USA an Kuba weitergegeben hatte, zu oppositionellen Demonstrationen in La Paz (vgl. Demonstration in La Paz. Der Skandal um das Guevara-Tagebuch gibt der Opposition Auftrieb, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.7.1968, S. 5; Taibo, Che, S. 599-603).

181 Hobsbawm, Eric J., Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München/Wien 1995, S. 554. ,,1968" ist dabei nicht ausschließlich und starr als Datum zu verstehen. Die gesellschaftlichen Prozesse und Bewegungen, die 1968 kulminierten, waren schon früher in Gang gesetzt worden, fanden teilweise schon früher ihren Ausdruck (z. B. in der Anti-Schah-Demonstration in West-Berlin am 2. Juni 1967) und wirkten über das Jahr 1968 hinaus fort.

182 Hobsbawm, Zeitalter der Extreme, S. 376. An dieser Stelle wird auch festgehalten, daß keineswegs allein Studenten an den Protestbewegungen von 1968 teilnahmen, daß sie jedoch in ihren Aktionsformen, ihrer geistigen Mobilität und Radikalität, die prägende soziale Gruppe darstellten.

183 Zit. n. Vorwort von Gaston Salvatore und Rudi Dutschke zu Guevara, Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam, S. 5.

184 Zit. n. Papcke, Sven G., Che Guevara und die Neue Linke in der Bundesrepublik - Chronik einer psycho-politischen Jüngerschaft, in: Sonntag, Che Guevara, S. 99-124, S. 103.

185,, Karl Marx has come home again rejuvenated after a voyage around the world" (Davy, Richard, Guevara: symbol of eternal political youth, in: The Times, 28.5.1968, S. 10).

186 Papcke (Che Guevara und die Neue Linke, S. 104) schreibt der Rezeption dieser Theorie einen Radikalisierungsschub von einer liberal-demokratischen hin zu einer sozialistischen Kritik zu.

187 Hobsbawm, Zeitalter der Extreme, S. 552.

188 Vgl. Castaneda, Che, S. 510.

189 Zum zeitgenössischen Kult wird an dieser Stelle auch gerechnet, was sich nach Ches Tod, aber noch im Kontext der weltweiten Revolten von ,,1968" entwickelte. Im einzelnen kann dies bis in die frühen siebziger Jahre reichen.

190 Hobsbawm, Zeitalter der Extreme, S. 550 mit Bezug auf eine Studie bei Katsiaficas, George, The Imagination of the New Left. A global analysis of 1968, Boston 1987.

191 James, Che Guevara, S. 165.

192 Vgl. Taibo, Che, S. 274 u. 280; Castaneda, Che, S. 173f.

193 W.I., Washington zum Tod ,,Ché" Guevaras, in: Neue Zürcher Zeitung, 13.10.1967, S. 4.

194 Vgl. Lartéguy, Jean, Guerillas oder Der vierte Tod des Che Guevara, Gütersloh 1968, S. 39. Lartéguy (ebd., S. 13) stellt fest, daß Che Guevara nach seiner Abreise aus Kuba, aber noch vor seinem Tod, ,,ein Mythos" wurde.

195 Die Tatsache, daß das bolivianische Militär die Notwendigkeit sah, die Leiche Guevaras verschwinden zu lassen, um keinen Wallfahrtsort für Revolutionsanhänger zu schaffen, deutet darauf hin, daß die Entstehung eines Che-Kults bereist damals wahrscheinlich oder absehbar, die Basis also bereits existent war.

196 Vgl. García, Fernando Diego/Sola, Oscar, Che. Der Traum des Rebellen, Berlin 1997, S. 199.

197 Vgl. Ruetz, Michael, 1968. Ein Zeitalter wird besichtigt, Frankfurt/Main 1997, S. 44f.

198 Sonntag, Heinz Rudolf, Vorwort des Herausgebers, in: ders., Che Guevara, S. 7-9, S. 8.

199 Vgl. García/Sola, Che, S. 206.

200 Laut James (Che Guevara, S. 35) sei sowohl in der Sowjetunion und den Staaten Osteuropas als auch in der VR China der Tod Guevaras zwar öffentlich bekanntgegeben worden, es hätten sich jedoch keine Anzeichen von Verehrung gezeigt. Für Teile Osteuropas wird dieser Ansicht jedoch widersprochen (vgl. die erwähnten Demonstrationen in Belgrad und Sofia). Von einem erwähnenswerten Kult in Afrika, immerhin einer von Ches Wirkungsstätten, ist mir nichts bekannt.

201 Vgl. (auch für für das Folgende) García/Sola, Che, S. 196ff.

202 Staatsoffizielle Verehrung Che Guevaras gab es (in bescheidenerem Maße) auch in Chile unter dem sozialistischen Präsidenten Salvador Allende. Ein zu dieser Zeit in Santiago de Chile errichtetes Che-Denkmal wurde jedoch im Gefolge des Pinochet-Putsches 1973 abgerissen (vgl. Lawrezki, Che Guevara, S. 477).

203 Die Differenzierung zwischen den unterschiedlichen Ausprägungen des Che-Kults in Kuba und in den anderen Länder bedeutet jedoch nicht, daß es sich dabei um getrennte Phänomene handelt. Vielmehr stehen sie in einer Beziehung, die es z. B. notwendig macht, nach der Bedeutung der kubanischen Entwicklung für die in anderen Ländern zu fragen.

204 Holthusen, Ché Guevara, S. 1051.

205 Anders als bei Gemälden steht bei Fotografien, zumindest wenn es sich wie hier durchgängig um nicht ,,gestellte" Bilder, vorrangig Pressefotos, handelt, nicht die bewußte Kompositon des Bildes im Vordergrund, sondern die Auswahl und Bekanntmachung von Exemplaren mit als passend empfundener Bildsprache.

206 Vgl. Schnibben, Cordt, Ché und andere Helden, Hamburg 1997, S. 14; García/Sola, Che, S. 199.

207 Castaneda, Che, S. 241.

208 Aufgenommen wurde es am 5. März 1960 in Havanna anläßlich einer Trauerfeier für die Opfer der Sprengung des Schiffes La Coubre, eines Waffenlagers, aus Sabotage am Tag zuvor.

209 Vgl. die sozialistische Schülerzeitung Radikalinski 1/1968, S. 5 oder Agit 883, 30.10.1969, S. 4f.

210 Die 100.000 von Feltrinelli gedruckten Plakate trugen beispielsweise diese Aufschrift (vgl. García/Sola, Che, S. 199).

211 Der Guevara-Ausspruch selbst war so populär, daß er 1968 für einen Werbeaufkleber des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) verwendet wurde. Die Aufschrift lautete: ,,Schafft zwei, drei, viele Vietnams... kauft Särge beim SDS" (vgl. Original in der Dokumentationsstelle für unkonventionelle Literatur, Stuttgart).

212 So in der politischen Jugendzeitung Pinx 8/1968 (August 1968), S. 4f. Der mittlere Bogen dieser Ausgabe zeigt das Che-Porträt von Korda, das herausgetrennt ein DinA2-Poster ergibt. Die Nähe dieses Verfahrens zur Praxis damaliger nicht-politischer Jugendzeitschriften wie Bravo ist offensichtlich. Die Zeitschrift Agit 883 vom 16.10.1969 wählte ein Che-Bild als Titel.

213 Texte von 15 Liedern finden sich unter http://members.xoom.com/guevaralynch/canciones.htm, weitere auf der CD ,,El Che vive! 1967 - 1997", zusammengestellt von Egon Kragel, Last Call Records 1997. Inwieweit die Lieder über den lateinamerikanischen Kontinent hinaus Verbreitung fanden, läßt sich hier nicht beantworten. Die deutsche Adaption von Hasta siempre durch Wolf Biermann (siehe unten) legt jedoch eine gewisse Popularität zumindest dieses Titels in Deutschland nahe.

214 Im Original: ,,el sol de tu bravura", ,,tu mano gloriosa y fuerte", ,,la luz de tu sonrisa", schließlich ,,Tu amor revolucionario / Te conduce a nueva empresa / Donde esperan la firmeza / De tu brazo libertario." (vgl. Textheft zur CD ,,El Che vive! 1967 - 1997").

215 Im Original: ,,Dice el pueblo, Che Guevara, que es mentira, que hayas muerto.", weiter: ,,Hombres como t ú no mueren [...] ¡ Como habr í an de morirse los hombres que son eternos!" (vgl. ebd.).

216 Charakteristisch hierfür sind die Zeilen aus dem Lied Que pare el son (1968) Die erste Strophe lautet: ,,Sie haben vielleicht dein Fleich getötet / Mit einem Feuerstoß/ Aber niemals deine Stimme / Und noch weniger deine Gedanken." Und die dritte Strophe knüpft daran an: ,,Kein Zweifel, daßdein menschlicher Leib / Dem Stahl nicht widerstanden hat / Aber der Stahl kann ebenso wenig / Deinem Beispiel widerstehen." (1. ,,Te habr á n matado la carne / Con un torrente de fuego / Pero jam á s la palabra / Y menos el pensiamento.", 3. ,,Puede que tu carne humana / No resistiera al acero / Pero el acero tampoco / Puede resistir tu ejemplo." (vgl. ebd.)).

217 Vgl. James, Che Guevara, S. 35.

218 Vgl. http://members.xoom.com/guevaralynch/poemas.htm.

219 Das Gedicht vgl. Sauvage, Léo, Che Guevara. The Failure of a Revolutionary, Englewood Cliffs/New Jersey 1973, S. 266. Die Interpretation wird gestützt durch den Tenor von Sinclairs Buch, der Che aufgrund seines Märtyrertums über andere zeitgenössische Revolutionäre wie Fidel Castro, Ho Chi Minh und Mao Tse-Tung stellt (vgl. Sinclair, Andrew, Che Guevara, 3. Aufl., München 1973).

220 Zit.n. García/Sola, Che, S. 211.

221 Vgl. Fratti, Mario, ,,Che" Guevara, in: ENACT, The Monthly Theatre Magazine From 4 Chamelien Road Dehli 6 (India), April 1970, zit. n. Eichhorn, Mathias, Ernesto Che Guevara. Der tragische Held der Revolution, in: Münkler, Herfried (Hg.), Der Partisan. Theorie, Strategie, Gestalt, Opladen 1990, S. 362-369, S. 365f.

222 Vgl. Sauvage, Che Guevara, S. 269f.

223 Vgl. Sauvage, Che Guevara, S. 269f.

224 Vgl. Kraushaar, Wolfgang, 1968. Das Jahr, das alles verändert hat, München 1998, S. 301f.

225 Vgl. James, Che Guevara, S. 35.

226 Vgl. Kap. 3.3.2. Quellenangaben zu den hier diskutierten Kultphänomenen finden sich, wenn keine anderen Angaben gemacht werden, allesamt dort.

227 Abb. 30, Z. 12.

228 Zit. n. May, Che, S. 139.

229 Im Original: ,,tough, intelligent, hard working and brutally candid. He can also be persuasive and ingratiating." (O.N., Negotiator for Cuba. Ernesto Guevara, in: New York Times, 3.9.1962, S. 4).

230 ,,A dry, calculating man who affects an old world hauteur, Guevara has more than a passing acquaintance with Western culture. During the Sierra Maestra days he reportedly read to his troops from the works of Charles Dickens, French author Alphonse Daudet, Cuban poet and revolutionary Jose Marti, and Chilean Communist poet Pablo Neruda. He fancies himself something of a bon vivant with a connisseur's appreciation for fine foods, brandies and cigars. He frequently displays a cultivated, soft-spoken manner. Despite this aura of culture, however, Guevara has an acute aversion to bathing and presents an unkempt and neglected appearence." (Ernesto ,,Che" Guevara de la Serna, in: CIA Biographic Register, zit. n. http://www.geocities.com/Hollywood/8702/cia.html, S. 5).

231 Zit. n. Lartéguy, Guerillas, S. 34.

232 Holthusen, Ché Guevara, S. 1051.

233 Zit. n. Lawrezki, Che Guevara, S. 485.

234 Marof, Tristan (Pseudonym für Gustavo Navarro), Aristokrat und Abenteurer. Der revolutionäre Romantiker Che Guevara - Eine Betrachtung aus südamerikanischer Sicht, in: Die Zeit, 23.8.1968, S. 5-6, S. 5.

235 W.I., Washington zum Tod ,,Ché" Guevaras, in: Neue Zürcher Zeitung, 13.10.1967, S.4.

236 Sonntag, Vorwort, S. 8.

237 Papcke, Che Guevara und die Neue Linke, S. 104.

238 Zit. n. James, Che Guevara, S. 34.

239 Zit. n. ebd.

240 Zit. n. ebd., S. 33.

241 Vgl. Bosquet, Michel, Der Mord an Che Guevara, in: Sonntag, Che Guevara, S. 73 - 82, S. 81.

242 Weiss, Peter, Che Guevara! (Trikont aktuell 2), München 1968, o. S. Ob der Parallelität der Struktur frappierend ist die Gegenüberstellung des Auszugs aus dem Nachruf auf Che von Peter Weiss mit dem populären Passionslied ,,Herzliebster Jesu", das 1640 von Johann Heermann getextet wurde. Die Strophen drei und vier lauten: ,,3. Was ist doch wohl die Ursach` solcher Plagen? / Ach, meine Sünden haben dich geschlagen. / Ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet, / was du erduldet. 4. Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe. / Der gute Hirte leidet für die Schafe, / es trägt die Schuld der Herre, der Gerechte, / für seine Knechte." (Gotteslob. Katholisches Gebet- und Gesangbuch. Ausgabe des Bistums Rottenburg mit dem gemeinsamen Eigenteil für die Diözesen Freiburg und Rottenburg, hg. von den Bischöfen Deutschlands und Österreichs und der Bistümer Bozen-Brixen und Lüttich, Ostfildern 1975, S. 249).

243 Holthusen, Ché Guevara, S. 1065f.

244 Castaneda (Che, S. 505) betont die ,,praktisch universelle[n] Natur der Proteste und der Protestierenden von 1968" und sieht darin den ,,Schlüssel zu Che's Ubiquität": ,,Wenn die Massen und Bewegungen sich alle so ähnlich waren, dann mußten es ihre Symbole ebenfalls sein."

245 Castaneda, Che, S. 491.

246 Holthusen, Ché Guevara, S. 1051f.

247 Vorwort von Gaston Salvatore und Rudi Dutschke zu Guevara, Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam, S.4.

248 Eichhorn (Ernesto Che Guevara, S. 364f) argumentiert in diesem Zusammenhang, die ,,Erklärung der USA zum absoluten Feind [sei] die Voraussetzung dafür gewesen, daß der Kampf Che Guevaras im bolivianischen Dschungel in Beziehung gebracht werden konnte zu den Demonstrationen in Paris, Berlin und anderswo."

249,,Generally speaking the new young radicals are impatient with the organization, discipline and doctrinal obsessions of traditional communism. If they look to Ché Guevara it is because he seems to mean improvisation, excitement, permanent revolution, and the automatic destruction of incipient organization." (Davy, Richard, Guevara: symbol of eternal political youth, in: The Times, 28.5.1968, S. 10). In die gleiche Richtung zielt eine traditionskommunistische Polemik zum 20. Todestag Che Guevaras: ,,Zu ihrem Idol kürten Guevara wohl auch die heimatlosen Linken zum einen wegen seiner maroden idealistischen Vorstellungen von einer Revolution, deren Grundlage nicht der dialektische Materialismus, sondern ein wolkig vager, wundervoll vieldeutiger Begriff im Hinblick auf den sogenannten neuen Menschen darstellte." (Elsner, Gisela, Von einem, der auszog, eine Revolution ohne Volk anzuzetteln, in: tageszeitung Berlin, 8.10.1987, S. 11).

250 Castaneda, Che, S. 61.

251 Castaneda, Che, S. 11.

252 Greiffenhagen, Martin, Propheten, Rebellen und Minister. Intellektuelle in der Politik, München 1986, S. 83. Vgl. dazu auch: ,,Er war Zorro und Robin Hood, ein junger Don Quichotte und ein noch jüngerer Garibaldi. Er hatte gesehen, was andere auch sahen, er hatte gefühlt, was auch andere fühlten, aber er tat etwas gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt." (Leyendecker, Hans, Jean-Paul Sartre nannte ihn den vollkommensten Menschen unserer Zeit. Wie einer lebte, der eine Ikone wurde: Drei Biographien über Che Guevara im Überblick, in: Süddeutsche Zeitung, 15.12.1997, S. 9).

253 Hobsbawm, Zeitalter der Extreme, S. 550. An anderer Stelle heißt es über Che Guevara: ,,He is the symbol of eternal political youth. He represents the sex appeal of revolution." (Davy, Richard, Guevara: symbol of eternal political youth, in: The Times, 28.5.1968, S. 10). Brigitte Werneberg (In Schönheit sterben. Dreißig Jahre toter Che, in: Frankfurter Rundschau, 11.10.1997, S. 17) bringt einen ungewöhnlichen, aber nicht uninteressanten Aspekt in die Analyse des Che-Kults ein. Im männlichen Schwärmen für Che Guevara sieht sie latente Homoerotik, die sich hinter der Bezugnahme auf das politische Programm versteckt und sich solchermaßen geschützt zumindest teilweise ausleben kann.

254 Vgl. auch Wolf, Winfried, Der Mythos Che Guevara, S. 56f.

255 Castaneda (Che, S. 486 u. 492) hält den Tod Guevaras unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Aspekte für den ausschlaggebenden Faktor bei der Entstehung des ,,Mythos Che".

0 Zielcke, Andreas, Am Kreuz des Südens. Che Guevaras Mythos: Warum wurde ein Versager zum Popstar?, in: Süddeutsche Zeitung, 12.7.1997, S. 13.

1 Jaenecke, Heinrich, Sein letztes Gefecht. Che Guevara starb nach dem Gesetz des Dschungels, in: Stern, 19.11.1967, S. 80-90, S. 90.

2 Vgl. Wurde ,,Che" Guevara ermordet?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.1967, S. 6.

3 Ein maßgeblicher Einfluß der USA bei der Entscheidung über die Hinrichtung Che Guevaras gilt heute als unwahrscheinlich (vgl. Taibo, Che, S. 584ff; Castaneda, Che, S. 500ff.).

4 Die abgetrennten Hände lagerten ein Jahr lang in Bolivien bis sie heimlich außer Landes gebracht wurden und später in Kuba wieder auftauchten (vgl. Castaneda, Che, S. 500).

5 Ebd., S. 9. Vallegrande ist der Ort, in dem der tote Che der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

6 Elsner, Gisela, Von einem, der auszog, eine Revolution ohne Volk anzuzetteln, in: tageszeitung, 8.10.1987, S. 11.

7,,Castro eagerly and constantly polishes Che's halo, in the hope that its gleam will reflect on him and that the myth of Che will help keep alive his own, the Cuban myth." (Sauvage, Che Guevara, S. 239); vgl. auch Minogue, Kenneth, Che Guevara, in: Cranston, Maurice (Hg.), The New Left. Six critical essays on Che Guevara, Jean-Paul Sartre, Herbert Marcuse, Frantz Fanon, Black Power, R. D. Laing, La Salle/Ill. 1971, S. 17-48, S. 21ff.

8 Vgl. Vesper, Bernward (Hg.), Fidel Castro über Che Guevara (Voltaire-Flugschrift 16), Berlin 1967. Zur Illustration einige Passagen aus der Rede: ,,Che war ein Mensch, den alle sofort liebten - wegen seiner Einfachheit, wegen seines Charakters, wegen seiner Natürlichkeit, wegen seiner Kameradschaftlichkeit, wegen seines Stils, wegen seiner Originalität - auch wenn sie die anderen besonderen Tugenden, die ihn auszeichneten, noch nicht kennengelernt hatten." (S. 4) ,,Es war einer seiner wesentlichen Charakterzüge, sich ohne Umschweife zur Verfügung zu stellen, ohne zu zögern sich zur Durchführung der gefährlichsten Aufgaben zu melden." (S. 5) Er war ,,ein Mann von vollkommener Integrität, ein Mann von höchster Ehrbarkeit, von absoluter Aufrichtigkeit, ein Mann von stoischen und spartanischen Lebensgewohnheiten, ein Mann, an dessen Verhalten man eigentlich keinen einzigen Makel entdecken konnte. Mit all seinen Tugenden bildete er das, was man einen wahrhaft vorbildlichen Revolutionär nennen könnte." (S. 13) ,,Wenn wir ausdrücken wollen, wie wir uns unsere Söhne wünschen, müssen wir von ganzem Herzen als Revolutionäre antworten: wir wünschen sie uns wie Che! Che ist zu einem Vorbild nicht nur unseres Volkes, sondern aller Völker Lateinamerikas geworden." (S. 18).

9 Neben der oben zitierten Ausgabe erschien die Rede nachweislich auch in Sonntag, Che Guevara, S. 85 - 93.

10 Zielcke, Andreas, Am Kreuz des Südens. Che Guevaras Mythos: Warum wurde ein Versager zum Popstar?, in: Süddeutsche Zeitung, 12.7.1997, S. 13.

11 Ausdruck dieser Entwicklung, die eben schon vor Ches Tod und vor dem Ausbruch eines großflächigen Kultes stattfand, ist unter anderem die völlige Ungläubigkeit seiner Anhänger bei der Bekanntgabe seines Todes. Exemplarisch Heinz Rudolf Sonntag (Vorwort, S. 7): ,,Wie konnte es wahr sein, daßeine brutale und korrupte Clique von ,Gorillas`, deren Dummheit sich oft gezeigt hatte und ständig von neuem zeigt, diesen Mann gestellt hatte, der ein Meister des Guerilla-Krieges und ein Meister darin war, seine Gegner an der Nase herumzuführen? Wie konnte Che Guevara tot sein, dessen Gegenwart wir in Gesprächen mit Freunden und einfachen Menschen in Lateinamerika noch Wochen, ja, beinahe Tage vorher so deutlich gespürt hatten? Wir suchten alle möglichen Erklärungen dafür, daßes nicht wahr sein konnte."

12 Vgl. García/Sola, Che, S. 202-209. Der Eid der FSLN lautete: ,,Vor Augusto César Sandino und Ernesto Che Guevara, vor dem Gedenken an die Helden und Märtyrer von Nicaragua, Lateinamerika und der gesamten Menschheit, vor der Geschichte lege ich meine Hand auf die schwarz-rote Fahne, die ,Freies Vaterland oder sterben` bedeutet." (ebd. S. 209). Bilder der ,,Landshut"-Entführer vgl. Stern, 27.10.1977, S. 26-31.

13 Anderson, Che, S. 10.

14 Zit. n. García/Sola, Che, S. 214. Auch jenseits der Guerilla genießt Che Guevara anhaltende Popularität: Bei einer neueren Umfrage unter brasilianischen Jugendlichen, welches ihre Idole seien, belegte Che Guevara Platz 3, hinter Jesus Christus und dem Fußballspieler Ronaldo (vgl. Buss, Hero, Die langsame Demontage des Guerillero Heroico, in: Die Welt, 17.7.1997, S. 3). In Kuba wird der Che-Kult nach langen Jahren der Zurückhaltung mit Rücksicht auf die Sowjetunion seit Mitte der achtziger Jahre wieder verstärkt lanciert. Che wurde zum Symbol der ,,Rectification", der kubanischen Kritik an Glasnost und Perestroika, und sein moralischer und propagandistischer Wert steigerte sich noch im Zuge des schließlichen Zusammenbruchs des Realsozialismus. Heute sind die Souvenir-Shops voll von Che-Devotionalien, die in diesem Kontext in der Regel jedoch mehr als Kuba-Souvenirs, denn als politische Symbole zu begreifen sind (vgl. Gonzalez, Mike, The resurrections of Che Guevara, in: International Socialism 77 (1997), S. 51-80, S. 51-53 und 73-77).

15,,Die sieben Leben des Ernesto ,Che` Guevara", Uraufführung am 13.6.1999 im Schnürschuhtheater (Bremen), Regie: Till Rickert (vgl. tageszeitung Bremen, 10.6.1999, S. 26).

16 Die beste Übersicht über alle Che-Guevara-Homepages bietet http://www.cheguevara.com. Besonders hervorzuheben ist daneben die Website http://www.che-lives.com, die Zugang bietet zu vielen Bildern und Texten von und über Che Guevara und von der aus Poster, T- Shirts und Bücher bestellt werden können. Daneben gibt es die Möglichkeit zum Download von Aufnahmen einiger Reden Che Guevaras und nicht zuletzt eines ,,Che-Guevara- Screensavers". Schließlich ist die deutsche Seite http://come.to/Guevara zu erwähnen, die zwar wenig seriöse Informationen bietet, dafür durch unübertroffene Glorifizierung und Verkitschung besticht.

17 García/Sola, Che, S. 209.

18 Vgl. Dokumentationsstelle für unkonventionelle Literatur, Stuttgart. Hier sind über 30 verschiedene Exemplare von Che-Plakaten archiviert.

19 So zu sehen bei einer Demonstration gegen die Einführung von Studiengebühren in Stuttgart am 7. Juni 2000 (Abb. 35), bei der Demonstration gegen den EU-Gipfel in Köln am 29. Mai 1999 (Abb. 36) und bei den Demonstrationen zum 1. Mai 2000 in Zürich (Abb. 37) und Berlin (Abb. 38).

20 Castaneda, Che, S. 13f.

21 Schnibben, Ché und andere Helden, S. 15.

22 Holthusen, Ché Guevara, S. 1052.

23 Zweifellos spielte auch bei der Produktion von Postern im großen Stil (wie z. B. von Giangiacomo Feltrinelli) der Vermarktungsaspekt eine gewisse Rolle. Doch kann hierbei, anders als bei dem zu beschreibenden Hollywoodfilm, die politische Motivation oder zumindest der politische Effekt nicht außer Acht gelassen werden.

24 Vgl. Schäfer, Horst/Schwarzer, Wolfgang, Von ,,Che bis ,,Z". Polit-Thriller im Kino, Frankfurt/Main 1991, S. 18-23.

25 Zit. n. Schnibben, Ché und andere Helden, S. 14.

26 Zit. n. García/Sola, Che, S. 210.

27 Vgl. Koselleck, Reinhart, Revolution. Rebellion, Aufruhr, Bürgerkrieg, in: Brunner, Otto/Conze, Werner/Koselleck, Reinhart (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon der politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 5, Stuttgart 1984, S. 653 - 788, S. 787.

28 Schnibben, Ché und andere Helden, S. 15.

29 Vgl. Castaneda, Che, S. 509. Castaneda beschreibt an dieser Stelle zutreffend, daß Che vor allem als Kultur -Ikone überlebt habe, weil die Zeit für die er stand und in der seine Verehrung ihre Wurzeln hat, weit mehr kulturelle als politische Spuren hinterlassen habe. Der ,,Wertwandel" (Ronald Inglehart) hin zu einer post-materialistischen Gesellschaft, der sich auch im Wandel des Begriffs ,,Revolution" spiegelt, läßt sich als eine dieser Spuren deuten.

30 Zum Einfluß der Medien vgl. auch Jamme, Christoph, Geschichten und Geschichte. Mythos in mythenloser Gesellschaft. Antrittsvorlesung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena am 28.1.1997, Erlangen/Jena 1997, S. 19f. Darin u.a.: ,,Schon Marx wußte, daß das Verlangen nach Mythen von den Produktionsmitteln unserer Zivilisation nicht abgeschafft, sondern gesteigert wird: ,Die Tagespresse und der Telegraph, der ihre Erfindungen (!) im Nu über den ganzen Erdboden ausstreut, fabrizieren mehr Mythen [...] in einem Tag als früher in einem Jahrhundert fertiggebracht werden konnten.`" (mit Bezug auf Marx, Karl, Grundrisse der politischen Ökonomie, Berlin 1974, o. S.).

31 Vgl. Anm. 202.

32 Erinnert sei an das Beispiel des bereits 1968 gedrehten Hollywood-Films ,,Che" (vgl. 3.5), aber auch an die recht freien Interpretationen der Figur Che in den diversen Theaterstücken (vgl. 3.3.2).

33 Aus diesem Grund wurden sie hier nicht berücksichtigt. Beispiele finden sich bei García/Sola, Che, S. 202ff.

34 Ansätze ließen sich möglicherweise in einer gewissen, seit den späten sechziger Jahren zu beobachtenden und in modischen Wellen bzw. speziellen Subkulturen auftretenden Popularität von Army-Jacken und Army-Hosen, vereinzelt auch Baretts, erkennen. Ein direkter Bezug zur Kleidung Che Guevaras läßt sich hier allerdings nicht belegen.

35 Vgl. Korff, Personenkult, S. 170ff.

36 Auf den erhöhten Identifikationsbedarf weist auch Assion (,,Es lebe Hecker! Stoßet an!", S. 125) hin, wenn er schreibt, daß ,,politische Emanzipation wenn nicht grundsätzlich, so doch in Frühphasen der idealisierenden Vorausentwürfe und stärkenden Vorbilder bedarf."

37 Diese Differenzierung mag künstlich erscheinen. Sie wird allerdings plausibel, wenn man sich die Konsequenzen des Wegfalls der einen oder anderen Dimension vergegenwärtigt. Bei Wegfall der ,,formalen" Dimension würde sich die revolutionäre Bewegung weiterhin auf traditionelle Leitfiguren beziehen bzw. Leitfiguren grundsätzlich ablehnen, im anderen Fall würde sich die nun gerade nicht-revolutionäre Bewegung andere Idole suchen, wie Sportler, Musiker oder reaktionäre Politiker.

38 Zum Begriff ,,Heldenkandidat" für das historische Individuum im Prozeß der Heldenkonstituierung vgl. Linares, Filadelfo, Der Held. Versuch einer Wesensbestimmung, Bonn 1967, S. 10.

39 Die Relevanz dieses Faktors läßt sich illustrieren durch den Vergleich von Friedrich Hecker und Gustav Struve, bei dem gegenüber ersterem wesentlich nur dieser eine Faktor fehlte (vgl. Anm. 88).

40 In diesem Sinne auch Günter Kehrer in der Diskussion zu Korff, Personenkult, S. 201f.

41 Auch hier stellt der Märtyrertod einen besonders geeigneten Sonderfall dar.

42 Vgl. Linares, Der Held, S. 18ff.

43 Die thesenartige Darstellung orientiert sich an bestehenden ,,hero-patterns" (vgl. Hobsbawm, Banditen, S. 49f.; Porter, Roy, Heroes in the Old Testament. The Hero as seen in the Book of Judges, in: Davidson, H.R.E. (Hg.), The Hero in Tradition and Folklore, London 1984, S. 90-111, S. 93f.). Die absolute Formulierung der Thesen soll weder bedeuten, daß zu den hier aufgeführten Faktoren im Einzelfall nicht auch andere bedeutende hinzutreten können (vgl. die hier diskutierten Fälle), noch unterschlagen, daß es sich hier, wie bereits verschiedentlich erwähnt, nur um ein vorläufiges Ergebnis handeln kann.

44 Vgl. Davidson, Hero, S. VII.

45 Vgl. Klapp, Orrin E., The Creation of Popular Heroes, in: The American Journal of Sociology 54,2 (1948/49), S. 135-141, S. 135; Burke, Peter, Helden, Schurken, Narren. Europäische Volkskultur in der frühen Neuzeit, Stuttgart 1981, S. 182ff.; Campbell, Heros, passim.

46 Friedrich Hecker eignet sich eben aufgrund seiner geringeren Bekanntheit weniger zum Werbeträger.

47 Wolfram Siemann beschreibt im Blick auf die 150-Jahr-Feiern zur Revolution 1848 den Prozeß der Ablösung des Erinnerns von den historischen Fakten als Geburt von Geschichtsmythen: ,,Der Streit der Erben spiegelt beständig auch aktuelle Geschichtspolitik der Nachgeborenen wider. Je lebhafter die Erinnerung gegenwärtigen Zwecken dienen soll, desto mehr verwandelt sich das Erinnern zu einem Geschichtsmythos. Dieser erzählt Ursprungslegenden, um aktuelle Zwecke zu rechtfertigen; Legenden bedienen sich der Geschichte und konstruieren mit ihrer Hilfe eine Brücke zwischen dem historischen Ursprung - das ist in diesem Falle die Revolution - und der Gegenwart. Mythos ist in diesem Sinne ,invented tradition` - modelliertes Kollektivgedächtnis." (vgl. Siemann, Wolfram, Der Streit der Erben - deutsche Revolutionserinnerungen, in: Langewiesche, Dieter (Hg.), Die Revolutionen von 1848 in der europäischen Geschichte. Ergebnisse und Nachwirkungen. Beiträge des Symposions in der Paulskirche vom 21. bis 23. Juni 1998 (Historische Zeitschrift. Beihefte, N.F., Bd. 29), München 2000, S. 124-154, S. 132).

48 Zu Liedern auf Karl Ludwig Sand vgl. Meier, Volksliedstudien, S. 177-213.

49 Vgl. Hettling, Totenkult, S. 52-75.

50 Vgl. Korff, Gottfried, Politischer ,,Heiligenkult" im 19. und 20. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Volkskunde 71 (1975), S. 202-221.

51 Vgl. Hauser, Przemyslaw, Der Pilsudski-Mythos. Entstehung und Fortdauer einer Legende, in: Saldern, Adelheid von (Hg.), Mythen in Geschichte und Geschichtsschreibung aus polnischer und deutscher Sicht, Münster 1996, S. 160-171.

52 Vgl. Dyson, Michael Eric, Making Malcolm. The myth and meaning of Malcolm X, New York 1995; Jacob, Günther, Malcolm X für alle, in: Konkret 3/1993, S. 56-60.

53 Vgl. Somé, Valère D., Thomas Sankara. L'espoir assassiné, Paris 1990.

54 Vgl. Huffschmid, Anne, Vom Hunger nach Helden. Der Marcos-Kult, in: dies.(Hg.), Subcomandante Marcos. Ein maskierter Mythos, Berlin 1995, 177-186.

55 Vgl. Korff, Personenkult, S. 159f. mit Bezug auf Agulhon, Maurice, Marianne au combat. L`imagerie et la symbolique républicaines de 1789 à 1880, Paris 1979.

56 Die Ursachen hierfür könnten darin gesehen werden, daß es wesentlich weniger exponierte Revolutionärinnen als Revolutionäre gibt oder darin, daß grundsätzlich weniger Heldinnen als Helden konstituiert werden (in diesem Sinne vgl. für Amerika: Wecter, Dixon, The Hero in America. A Chronicle of Hero-Worship, New York 1972, S. 476f.). Das hier skizzierte Faktorenraster könnte unter Berücksichtigung beider Aspekte einen ersten Erklärungsansatz bieten, wenn man die als Basis für die Kultkonstituierung notwendig erachteten individuellen Anforderungen in Betracht zieht: Sowohl der Faktor ,,Bekanntheit" als auch der Faktor ,,Mann der Tat" (d.h. eine Entsprechung zum eingeführten Bild des Revolutionärs) dürfte bei Frauen in der Regel weniger stark zu Buche schlagen.

57 Jamme, Geschichten und Geschichte, S. 6.

58 Barthes, Roland, Mythen des Alltags, Frankfurt/Main 1964, S. 115.

59 Ansätze für eine solche Vorgehensweise vgl. Dörner, Andreas, Politischer Mythos und symbolische Politik. Der Hermannmythos: Zur Entstehung des Nationalbewußtseins der Deutschen, Reinbek 1996.

122 von 122 Seiten

Details

Titel
Zur Genese der revolutionären Helden. Eine vergleichende Analyse der Kulte um Friedrich Hecker und Che Guevara
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
122
Katalognummer
V99562
Dateigröße
1000 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit geht der Frage nach, welche Faktoren dazu beitragen, daß verschiedentlich Revolutionäre in der Geschichte kultisch verehrt wurden. Eine Annäherung erfolgt über die Analyse zweier konkreter Kulte, deren Protagonisten bewußt aus ganz unterschiedlichen historischen und kulturellen Kontexten stammen - Friedrich Hecker und Che Guevara. Im Vergleich dieser beiden Fälle wird schließlich versucht, ein überzeitliches Strukturmodell zur Genese des revolutionären Helden zu erstellen.
Schlagworte
Genese, Helden, Eine, Analyse, Kulte, Friedrich, Hecker, Guevara
Arbeit zitieren
Joachim Baur (Autor), 2000, Zur Genese der revolutionären Helden. Eine vergleichende Analyse der Kulte um Friedrich Hecker und Che Guevara, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99562

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