Patriarchalismus in "Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing

Eine Untersuchung des Odoardo Galotti in der Rolle des Patriarchen


Hausarbeit, 2020

16 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung und Rolle des Patriarchats

3. Der Patriarchalismus und die Familie Galotti in Lessings Emilia Galotti
3.1 Odoardo Galotti in der Rolle des Patriarchen
3.2 Emilia, die tugendhafte Tochter

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese wissenschaftliche Arbeit thematisiert den Patriarchalismus in Lessings bürgerlichem Trauerspiel Emilia Galotti. Untersucht wird also Odoardo Galotti in der Rolle des Patriarchen.

Zu Beginn der Arbeit wird der Begriff des Patriarchalismus geklärt und seine Entwicklung im 18. Jahrhundert betrachtet. Im Zusammenhang damit wird auch die Entwicklung der patriarchalischen Familie beschrieben, da diese mit der Entwicklung des Patriarchalismus einhergeht. Außerdem soll aufgeführt werden, welche Erwartungen mit der Rolle des Patriarchen verbunden sind und welche Merkmale den Patriarchalismus ausmachen.

Diese Merkmale und Entwicklungen werden dargelegt, um die Grundlage für die Analyse der Figur Odoardo in der Rolle des Patriarchen zu schaffen.

Im Folgenden wird dann der Patriarchalismus in Lessings Emilia Galotti behandelt und im Zusammenhang damit das Familienbild und die familialen Werte vorgestellt.

Im nächsten Kapitel soll die Rolle des Familienvaters Odoardo Galotti analysiert werden. Aufgeführt werden nicht nur die Merkmale seiner Figur, sondern auch seine Beziehung zu den anderen Figuren des Stücks und welchen Einfluss er auf seine Tochter und Ehefrau nimmt. Behandelt wird auch der Einfluss seiner Rolle auf das Geschehen, aber auch welche Werte und Normen durch seine Rolle vertreten und verteidigt werden.

Odoardos Tochter Emilia spielt neben Odoardo die andere Hauptrolle und muss, wenn der Patriarchalismus in der Emilia Galotti angeschaut werden soll, miteinbe- zogen werden, da ihr Schicksal durch den Patriarchen Odoardo entscheiden beeinflusst wird. Somit wird auch die Vater-Tochter-Beziehung in dieser Arbeit behandelt. Was für eine Rolle spielt Odoardos Tochter Emilia für ihn und was für einen Einfluss nimmt Odoardo auf Emilia? Diese Fragen sollen beantwortet werden. Dabei soll herausgearbeitet werden, welche Wertvorstellungen das Denken und Handeln der Figuren leiten. Außerdem soll der Tod Emilias mit Blick auf Odoardo und Emilia analysiert werden und es soll geklärt werden, wie es dazu kommt und welcher Grund dahintersteckt.

Ziel dieser Arbeit ist der Versuch die Fragen zu beantworten, wie Odoardo in der Rolle des Patriarchen handelt und inwiefern Odoardo die Rolle des Patriarchen erfüllt.

Am Ende der Arbeit wird zu den dargelegten Erkenntnissen und Leitfragen ein Fazit gezogen.

2. Die Entwicklung und Rolle des Patriarchats

Der Begriff der Familie wird durch die vom Vater ausgehende Herrschaftsstruktur bestimmt, so definiert Zedler den Begriff in seinem Universallexikon.1 Die patriarchalische Familie stellt ein Wertesystem dar und die in ihr enthaltenen Rollen drücken Werte und Leitbilder aus.

„Der Patriarchalismus ist niemals [...] ein unveränderliches, eindeutiges Phänomen gewesen, sondern war vielmehr immer ein spannungsgeladener Komplex von Ideologien, Gefühlen und Wertvorstellungen, innerhalb dessen sich recht verschiedene Auslegungen und Verhaltensweisen als möglich herausstellten.“2

Doch Wertesysteme können sich verändern und weiterentwickeln oder bestimmte Wertvorstellungen können mit anderen konkurrieren. Auch das patriarchalische Wertesystem entwickelte sich insbesondere im 18. Jahrhundert weiter bzw. befand sich im Umbruch und veränderte sich.3 Diese Entwicklung des Patriarchalismus wird im Folgenden noch dargestellt werden.

Im Drama der Aufklärung präsentiert der bürgerliche Familienvater die Ordnung des Patriarchats, welche von der jeweiligen Interpretation der Vaterfigur abhängt. Die bürgerliche Vaterfigur ist zentral für die Persönlichkeitsentwicklung eines bürgerlichen Individuums auf sozialer Ebene. Während die Figur der Mutter eher Nebensache spielt und die Rollen von Töchtern und Söhnen ein unterschiedliches Maß an Wert haben, ist die Vaterrolle immer vorhanden.4

Der Patriarchalismus ist ein Herrschaftsprinzip, das ein Netz aus zwischenmenschlichen Beziehungen beinhaltet, in dem Rollen auf feste moralisch-normative Verhaltensmuster festgelegt werden. Innerhalb der patriarchalischen Familie herrscht eine hierarchische Struktur, welche beispielsweise erklärt, warum die Figur der Mutter sehr zurückgehalten ist. Die Organisation der patriarchalischen Familie wird durch die hausväterliche Gewalt gewährleistet, der sich die Familienmitglieder zu unterwerfen haben. Der Hausvater muss Ordnung schaffen, indem er seine Beziehungen arrangiert und miteinander vereint und zwar die zu seiner Frau, seinen Kindern und seinem Gesinde. Diese Beziehungen sind durch Herrschaft gekennzeichnet und setzen das Wechselverhältnis von Befehl und Gehorsam voraus. Typisch für die Konflikte im Familiendrama oder im bürgerlichen Trauerspiel des 18. Jahrhunderts ist, dass sie ihre Ursache in einer Störung der familialen Ordnung nehmen. Diese Störung liegt vor, sobald ein Glied der Familie seinen eigenen individuellen Wünschen nachgeht und diese dem Willen des Vaters widersprechen.5

Im Zusammenhang mit der bereits angesprochenen Entwicklung des Patriarchats hat sich dadurch auch die Familie von einer herrschaftlich-institutionellen zu einer partnerschaftlich-personalen Struktur entwickelt. In der Beziehung zum Vater erlangen die Familienangehörigen an mehr Eigenständigkeit und Autonomie.

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bestand das Haus, für das der Hausvater verantwortlich war, aus Eltern, Kindern und Gesinde. Für diese Gemeinschaft hatte der Hausvater für ein geordnetes Leben zu sorgen.6 Der herrschende Vater war zur Bewachung und Fürsorge verpflichtet. Die patriarchalische Rolle hatte eine doppelte Funktion: sie fungierte als Herr und Zuchtmeister und als fürsorglicher Vater. Demnach hat der Hausvater nicht nur streng und ernst zu sein, sondern auch liebend und gütig. Diese zwei gegensätzlichen Haltungen vereint, ergeben den idealen Patriarchen. Es liegt also eine Doppelheit des Patriarchalismus vor und zwar durch die Koppelung der Gefühle Furcht und Liebe. Bengt Algot Sorensen betont, dass diese Koppelung im Patriarchalismus die sozialpsychologische Grundlage der Ausübung der Herrschaft des Vaters bildete. Verbreitet der Vater mit seiner Herrschaft nur Furcht, würde dies nicht der patriarchalischen Ordnung, sondern dem Bild des tyrannischen Vaters entsprechen. Andersrum kann ein zu großzügiger und nachgiebiger Vater das Bild eines zu weichlichen Vaters erwecken.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnt die Emotionalisierung des Patriarchalismus. Die Gefühle Furcht und Liebe bleiben weiterhin gekoppelt, jedoch wird dem Gefühl der Liebe mehr Raum gegeben.7

,,Die Emotionalisierung der kann dabei auch als Kompensationsmechanismus verstanden werden: Kompensation für die Frustration und den im öffentlichen Leben erlebten Machtverlust des Mannes, der seine öffentliche Rolle als Autorität und Hausvorstand eingebüßt hat [,..].‘‘8

Familie ist demnach der Ort, an dem die Autorität des Vaters noch anerkannt wird. Des Weiteren führt die Emotionalisierung zu einer innigeren Bindung der Familienmitglieder, also einer Einbindung in das Familiengefüge, obwohl die Forderung nach Autonomie im Zuge der Aufklärung dazu führt, dass die patriarchalische Autoritätsordnung in Frage gestellt wird und die mündigen Individuen dem Familiengefüge entgleiten. Handelt der Vater aus Liebe und kommt seinen väterlichen Pflichten nach, kann er auf die Kooperation seiner Kinder zählen und diese unterwerfen sich, weil sie sich ihm gegenüber emotional verpflichtet fühlen.9

Um 1800 kommt es dann dazu, dass die Begriffe Furcht und Liebe nicht mehr als vereinbar betrachtet werden und es nicht reicht, dass Liebe überwiegt, sondern der Begriff der Furcht soll in den familialen Beziehungen nicht mehr auftauchen.10

,,Die alte patriarchalische Formel von Furcht und Liebe hat als verbindliche Norm und allgemein anerkannte Wertvorstellung um 1800 ihre Gültigkeit verloren. Der Patriarchalismus mit der ihm eigenen Mischung von Herrschaftsübung und Liebesanspruch blieb zwar als soziale Tatsache und familiales Muster bestehen, aber für den Begriff der Furcht war in dem offiziellen Bild der zunehmend idealisierten und ideologisierten Familie kein Platz mehr.“11

Mit der Emotionalisierung ist also keinesfalls die Anzweiflung des Patriarchalismus verbunden. Zärtlichkeit tritt nur mehr in den Vordergrund, die Herrschaft blieb aber dennoch erhalten.

Beim Wandel der innerfamilialen Beziehungen ändert sich auch das Verhältnis des Vaters zu seinen Kindern. Zum Anfang des 18. Jahrhunderts ist das Verhältnis zwischen Vater und Kindern sehr unnahbar. Der Vater ist unzugänglich und verschlossen für die Kinder und bewahrt eine Distanz zu ihnen, die bewirkt, dass der Vater seine Kinder nicht wirklich persönlich kennt. In der Mitte des 18.

Jahrhunderts rücken Empfindung und Gefühl in den Mittelpunkt der Beziehung, bis hin zum Ende des 18. Jahrhunderts, als das Kind im emotionalen Mittelpunkt der Familie steht. Die Vater-Kind-Beziehung war zentral, aber die Mutter stand immer noch im Hintergrund, insbesondere in der Literatur, wo sie meist nur auftauchte, um das Familienbild zu vervollständigen, da die patriarchalische Struktur der Familie noch präsent ist.

So gewinnt über das 18. Jahrhundert der Gefühlsaspekt zum Nachteil des Herrschaftsaspekt immer mehr an Bedeutung. Der Typus des weichen und alten Vaters entwickelt sich, der den Kindern als vertrauensvolle Bezugsperson zur Verfügung steht.12

3. Der Patriarchalismus und die Familie Galotti in Lessings Emilia Galotti

Das bürgerliche Trauerspiel Emilia Galotti ist typisch für die literarische Behandlung der Vaterrolle. Obwohl sie durch ein problembewusstes Denken geprägt ist, intendiert diese nicht die Abschaffung der Vaterherrschaft, sondern verlangt, diese kritisch zu betrachten.13

In Lessings Emilia Galotti ist die Familie vollständig, das heißt, dass der Familienverband aus Vater, Mutter und Kind besteht. Doch in der familialen Ordnung liegt eine Störung vor14 und diese ist, wie in vielen anderen bürgerlichen Trauerspielen und Familiendramen des 18. Jahrhundert, der Ausgangspunkt für den Konflikt der Handlung.15

Die im Drama durch die Familie Galotti vertretenen Wertvorstellungen und Verhaltensnormen entsprechen der patriarchalischen Ordnung.16 Odoardo Galotti als Familienvater verkörpert diese und die Werte der bürgerlichen Ideologie, die die Familienmitglieder zu verinnerlichen haben. Der Vater stärkt das Über-Ich der Personen bzw. besetzt es mit seinen Werten und Normen.17 Campe führt auf, dass eine Ehefrau und Tochter ideal sind, wenn sie sich dem Patriarchen unterwerfen, ihm gegenüber gehorsam sind und sich sittsam und bedacht in das Familiengefüge integrieren. Töchter sind moralisch, wenn sie den Patriarchen stützen und werden unmoralisch, sobald sie die Harmonie der Familie stören, indem sie z.B. eigenen Bedürfnissen oder Wünschen nachgehen, die den Ansprüchen der Familie widersprechen.18 Bezogen auf Emilia Galotti lässt sich sagen, dass sie die Tugend- und Moralvorstellungen ihres Vaters, insbesondere auch die Sexualmoralvorstellungen, verinnerlicht hat und auch auslebt.19 Dies und Weiteres sollen jedoch in den folgenden Kapiteln vertieft werden.

Heinz Birk führt drei Arten von Moral an, die in Familiendramen des 18. Jahrhunderts vorkommen. Die traditionell rigoristische Moral vertritt streng ihre Werte und verurteilt Verletzungen der Moral strengstens und ohne Gnade. Umstände und Hintergründe des Schuldigen werden nicht berücksichtigt. Die empfindsame Moral berücksichtigt im Gegensatz dazu beispielsweise mildernde Umstände oder auch die individuelle Persönlichkeit des Betroffenen. Bei der dritten Art von Moral werden Fehler verziehen und den Schuldigen gegenüber wird Mitleid gezeigt.20

Zentral in der Emilia Galotti steht die Diskussion des Tugendverständnisses, das zwischen Vater und Tochter steht.21

3.1 Odoardo Galotti in der Rolle des Patriarchen

,,Odoardo Galotti entspricht dem Typus des Patriarchen vom alten Schlag, der ebenso Anspruch erhebt auf Furcht wie auf Liebe.“22 Er selbst bezeichnet sich als ein Mann, der seine Ehefrau und Tochter liebt, ,,Manne und Vater, der euch so herzlich liebet“. (E.G., II, 4) Seine Schutzfunktion ist ihm bewusst und die damit verbundene Befehlsgewalt auch. Daher trifft er auch nur Anordnungen und toleriert keine Widersprüche.23

[...]


1 Vgl. Sorensen, Bengt Algot: Herrschaft und Zärtlichkeit. Der Patriarchalismus und das Drama im 18. Jahrhundert. München: Beck 1984, S.15.

2 Zit. nach ebd. S.12.

3 Vgl. ebd. S.13f.

4 Vgl. Frömmer, Judith: Vaterfiktionen. Empfindsamkeit und Patriarchat in der Literatur der Aufklärung. München: Wilhelm Fink Verlag 2008, S.96f.

5 Vgl. S0rensen, Bengt Algot (1984): Herrschaft und Zärtlichkeit, S.15-19.

6 Vgl. Hempel, Brita: Sara, Emilia, Luise: drei tugendhafte Töchter. Das empfindsame Patriarchat im bürgerlichen Trauerspiel bei Lessing und Schiller. Heidelberg: Winter 2006 (= Beiträge zur neueren Literaturgeschichte, 236), S.20f.

7 Vgl. S0rensen, Bengt Algot (1984): Herrschaft und Zärtlichkeit, S.34-37.

8 Zit. nach Hempel, Brita (2016): Sara, Emilia, Luise: drei tugendhafte Töchter, S.22.

9 Vgl. ebd. S.22.

10 Vgl. S0rensen, Bengt Algot (1984): Herrschaft und Zärtlichkeit, S.38.

11 Zit. nach ebd. S.39.

12 Vgl. ebd. S.41-44.

13 Girschik, Christoph: Liebe und Gewalt als Korrelate patronomer Herrschaft. Münster [u.a]: Lit 1994 (=Soziologie, 23), S.49.

14 Vgl. Meinen, Iris: Das Motiv der Selbsttötung im Drama des 18.Jahrhunderts. Würzburg: Königshausen & Neumann 2015 (= Film - Medium - Diskurs, 60), S.150.

15 Vgl. S0rensen, Bengt Algot (1984): Herrschaft und Zärtlichkeit, S.17.

16 Vgl. ebd. S.82.

17 Vgl. Wurst, Karin A.: Familiale Liebe ist die ,wahre Gewalt‘. Die Repräsentation der Familie in G.E. Lessings dramatischem Werk. Amsterdam: Rodpoi 1988, S.124-129.

18 Vgl. Hempel, Brita (2016): Sara, Emilia, Luise: drei tugendhafte Töchter, S.33.

19 Vgl. Meinen, Iris (2015): Das Motiv der Selbsttötung im Drama des 18. Jahrhunderts, S.154.

20 Vgl. Hempel, Brita (2016): Sara, Emilia, Luise: drei tugendhafte Töchter, S.14.

21 Vgl. Wurst, Karin A. (1988): Familiale Liebe ist die ,wahre Gewalt‘, S.124.

22 Vgl. Hempel, Brita (2016): Sara, Emilia, Luise: drei tugendhafte Töchter, S.73.

23 Vgl. S0rensen, Bengt Algot (1984): Herrschaft und Zärtlichkeit, S.82.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Patriarchalismus in "Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing
Untertitel
Eine Untersuchung des Odoardo Galotti in der Rolle des Patriarchen
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V997033
ISBN (eBook)
9783346368812
ISBN (Buch)
9783346368829
Sprache
Deutsch
Schlagworte
patriarchalismus, emilia, galotti, gotthold, ephraim, lessing, eine, untersuchung, odoardo, rolle, patriarchen
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Patriarchalismus in "Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/997033

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