Disstracks als moderne Invektive. Kollegahs Disstrack ‚Legacy‘ gegen Sun Diego/Spongebozz


Bachelorarbeit, 2018

43 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die antike Theorie der Invektive
2.1 Definition der Invektive
2.2 Persuasive Verfahren der klassischen Invektive
2.2.1 Ironie
2.2.2 Beleidigung
2.2.3 Witz

3. Hate-Speech als moderne Form der Invektive?
3.1 Hate-Speech
3.2 Konzeptioneller Vergleich von Hate-Speech mit Invektive

4. Der Disstrack als popkulturelle Form der politischen Schmährede?
4.1 Was ist ein Disstrack?
4.2 Der Disstrack vor dem Hintergrund von Hate-Speech und Invektive
4.3 Der Disstrack als rhetorisches Phänomen
4.4 Der Disstrack im Kontext aktueller Debatten zur Kunstfreiheit

5. Exemplarische Analyse eines aktuellen Disstracks
5.1 Darstellung der Grundkonstellation
5.2 Analyse des Tracks „Fegacy“

6. Fazit und forschungstheoretischer Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang: Songtext (,Legacy‘)

1. Einleitung

Geh' ich letztens in YouTube rein, seh' ich mein Sohn, mein Sohn, vierzig Kilo, vierzig Kilo, er hampelt rum in einem Schwammkostüm, der Arme. Was hab' ich bei dem Jungen nur falsch gemacht? Also da muss ichjetzt echt ma' 'n bisschen taktlos werden, ganz kurz.1 -Kollegah

Mit diesen Worten leitet der Rapper Kollegah, der bürgerlich Felix Blume heißt, in seinem Track ,Legacy‘ seinen Diss gegen den Rapper Spongebozz ein, der davor unter dem Namen Sun Diego bekannt war. Das Wort ,dissen‘ stammt aus der Jugendsprache und bedeutet so viel wie schmähen oder diffamieren.2 Disstracks gehören zum Musikgenre Rap, welches sich bei Jugendlichen beziehungsweise jungen Erwachsenen einer großen Beliebtheit erfreuen kann.3 Dem Disstrack geht ein Rückblick auf Blumes Karriere voran. Im fast eine Viertelstunde andauernden Lied spricht Kollegah dabei von seinen Anfängen im Rap sowie der Entwicklung seiner bisherigen Laufbahn. Die circa letzten fünf Minuten bestehen aus einem Disstrack Kollegahs, der gegen Sun Diego beziehungsweise Spongebozz, bürgerlich Dimitri Chpakov, gerichtet ist. Ausschließlich dieser Teil des Tracks wird in der vorliegenden Arbeit betrachtet und ist relevant für die Thematik, da die vorangegangenen Passagen nicht zum Disstrack gehören beziehungsweise reines Storytelling sind und keine Elemente eines Disstracks oder einer Invektive enthalten. Dort kommen lediglich ab und an Disslines vor, das heißt einzelne Zeilen mit Disses versehen, die sich in dem Fall gegen die Rapszene aber auch Journalisten4 richten. Erschienen ist der Track am 09. März 2017. Auf dem Videoportal YouTube sammelte er bereits mehr als zwölf Millionen Klicks, auf dem Streamingdienst Spotify knapp sechs Millionen Aufrufe (Stand: 26.10.2018). Der Track darf sich damit einer großen Hörerschaft und Beliebtheit erfreuen. Zudem erschien ,Legacy‘ im gleichnamigen Best-of-Album von Kollegah im Sommer 2017.

Aus rhetoriktheoretischer Sicht ist eine genauere Betrachtung eines Disstracks sehr interessant. In einem Disstrack beziehungsweise generell in der Rapmusik gibt es einen Orator, den Rapper, der von etwas zu überzeugen versucht. Der Orator kann von seiner eigenen Stärke oder von der Schwäche seines zu diffamierenden Kontrahenten versuchen zu überzeugen. Diese beiden Elemente können auch mit der Unterhaltung der Hörerschaft verbunden sein. Genauer gesagt: es gibt einen Redner, der nicht zufällig, sondern nach einer Strategie handelt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.5 Eine Invektive beziehungsweise ein Disstrack ist demnach kompatibel mit der Oratortheorie von Joachim Knape. Die Persuasion spielt in der Invektive dahingehend eine wichtige Rolle, da der Orator die Adressaten von etwas zu überzeugen versucht. In dem Fall strebt er die verbale Vernichtung seines Kontrahenten an, sodass dieser nicht nur diffamiert, sondern gedemütigt wird und dessen Image in der Öffentlichkeit zerstört wird. Der Orator versucht dies glaubhaft zu vermitteln, sodass die Adressaten dieser Meinung zustimmen und sie inhaltlich übernehmen. Metabolie und Systase kommen demzufolge ebenfalls zum Vorschein. Die Adressaten sollen von der inhaltlichen Korrektheit überzeugt werden. Diejenigen, die die Meinung des Orators bereits vertreten, sollen darin weiter bestärkt werden, sodass es zu einer Verfestigung des Standpunktes kommt.6 Darüber hinaus spielt der Akt der Mehrfachadressierung eine Rolle, da ein Dritter überzeugt werden soll.

Die Betrachtung der Rapkünste Kollegahs verspricht aufgrund seiner Lyrik und Sprachgewandtheit, die in seinen Texten zu finden ist, lohnend zu sein. Sven Hannuschek, der im „Department für Germanistik, Komparatistik, Nordistik, Deutsch als Fremdsprache“7 in München arbeitet, untersuchte Texte von diversen Deutschrappem, unter anderem Haftbefehl, Bushido und Kollegah. Hanuschek vertritt die Meinung, dass Kollegahs Lyrizität hoch ist, jedoch nicht ganz an die von Haftbefehl herankommt, da Kollegah viel mehr auf Storytelling setzt. Dies ist auch ein Grund für die Wahl eines Disstracks des Rappers Kollegah, da er stärker erzählt, als andere Deutschrapper und somit ein erzählerischer Track herauskommt. Mit diesem ist eher eine qualitativ hochwertige Invektive möglich, da sie inhaltlich Zusammenhänge Verse besitzt, in sich stimmig ist, unterhaltsam sein kann und nicht nur eine Aneinanderreihung von Beleidigungen darstellt.8 Dass es sich bei Kollegahs Texten nicht um eine plumpe Aneinanderreihung von Beleidigungen handelt, sondern um komplexe und sehr anspruchsvolle Zeilen, zeigt eine Untersuchung, die belegt, dass Kollegah einen größeren Wortschatz als der Dichter Johann Wolfgang von Goethe aufweist.9

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zu untersuchen und darzustellen, inwiefern Disstracks als moderne Invektive angesehen werden können. Als Beispiel für einen Disstrack wurde das Lied ,Legacy‘ von Kollegah ausgewählt, da er sich aufgrund seiner Sprachgewandtheit sowie poetischen Ausdrucksweise besonders für eine nähere Betrachtung eignet. Der Disstrack besteht, wie viele Lieder Kollegahs, aus zahlreichen Wortspielen, Übertreibungen, Ironie und ähnlichen Stilmitteln. Auch der Frage, was Disstracks überhaupt sind, soll nachgegangen werden. In dieser Arbeit wird nur versucht, ein Bezug der Invektive zu Disstracks in der Rapmusik herzustellen. Eine tiefergreifende Analyse bezüglich möglicher Invektiven in anderen Bereichen wie Politik oder schlichtweg im Alltag, die Betrachtung vieler diverser Definitionen und Theorien von komplexen Begriffen wie Invektive, Ironie, Beleidigung und Witz sowie die Veranschaulichung weiterer Beispiele von Disstracks im deutsch- oder anderssprachigen Rap würde den Umfang dieser Arbeit bei Weitem übersteigen.

Die Arbeit ist in folgender Weise aufgebaut: Zuerst wird die antike Theorie der Invektive dargestellt. Miteinbezogen werden Begriffe wie Ironie, Beleidigung und Witz, da diese ihren Ausdruck in der Invektive finden, um die verbale Herabsetzung einer Person zu verstärken. Anschließend folgt eine begriffliche Einordnung der Hate-Speech und ein Vergleich mit der Invektive. Danach wird der Definition des Begriffs Disstrack, einem Vergleich mit Hate- Speech und Invektive, der Verbindung zur Rhetorik sowie Kunstfreiheit nachgegangen. Den Hauptbestandteil bildet die Analyse des Disstracks ,Legacy‘ von Kollegah gegen Sun Diego beziehungsweise Spongebozz unter den Gesichtspunkten der aufgearbeiteten Theorie. Dabei wird nicht das ganze Lied in Augenschein genommen, sondern ausschließlich die knapp letzten fünf Minuten, da nur dieser Teil des Tracks als ein Disstrack angesehen werden kann. Den Schluss der Arbeit bildet ein Fazit mit einbegriffenem Ausblick.

2. Die antike Theorie der Invektive

2.1 Definition der Invektive

Der Begriff Invektive lässt sich mit ,Schmährede‘ beschreiben. Sie spiegelt dabei das Ziel des Orators wider, die verbale Herabsetzung einer Person. Oftmals handelt es sich um eine Person, die in der Öffentlichkeit steht. Die Invektive soll das öffentliche Bild dieses Individuums ruinieren, es demaskieren und das angeblich der Wahrheit entsprechende Abbild anhand sprachlicher Mittel darlegen. Sie tritt demnach nicht nur in mündlich vorgetragenen Reden vor einer Adressatengruppe auf, sondern auch in der Literatur oder in Gedichten beziehungsweise in Texten der Rapmusik. Bekannt ist die Bezeichnung „oratio invectiva“10 erst seit der Spätantike, erste Erwähnungen finden sich im vierten Jahrhundert nach Christus. Als Vergleich zur Invektive kann die ,damnatio memoriae‘ aus der römischen Kultur gesehen werden, durch die der Name einer Person ausgelöscht werden soll. Die Person, über die in einer Invektive gesprochen wird, wird durch den Orator negativ dargestellt, auf moralischer sowie persönlicher Ebene. Die bestimmte Person, die durch die Invektive diffamiert wird, soll nicht nur in ein schlechtes Licht gerückt werden, welches laut dem Orator ,wahr‘ ist, sondern auch nachhaltige Imageschäden erleiden. In der Antike war es eine gängige Methode, dass in der Invektive die persönliche sowie sachliche Ebene nicht voneinander getrennt wurden. Oftmals waren der Wesenszug einer Person und das Erscheinungsbild im öffentlichen Raum von größerer Bedeutung als die Ziele politischer Natur.11

Wird die Vorgehensweise der Invektive genauer betrachtet, fällt auf, dass sie oft deckungsgleich ist. Die Person, die durch die Invektive verbal herabgesetzt werden soll, wird oft als „Außenseiter“12 oder aber als direkter Kontrahent dargestellt. Der Orator versucht sich dementsprechend als positives Gegenbeispiel im bestmöglichen Licht zu präsentieren, als ein guter sowie ethisch korrekter Mensch, als „vir bonus“13. Der Orator bedient sich typischer Gewohnheiten des Denkens bei den Adressaten. Konkret bedeutet das, dass der Orator Argumente verwendet, die Stereotype hervorrufen sollen, verbunden mit einer gewissen Aggressivität. Sie soll beim Adressaten hervorgerufen werden. Je höher die Anzahl an hervorgerufenen aggressiven Stereotypen, desto wirkungsvoller ist die Invektive14.15

Die Invektive weist einige sprachliche Formen zur Diffamierung einer Person oder Gruppe auf. So gehören beispielsweise Schimpfwörter dazu, bilden aber noch den kleinsten Teil.16 Schimpfwörter richten sich dabei gezielt auf persönliche Bereiche einer Person, die „im Geschlecht, in der Rasse, der Volks-, Religions- und Familienzugehörigkeit, dem Beruf, den Essensgewohnheiten und dem Namen“17 gefunden werden können. Kann der Sprachgebrauch der Invektive auch in Alltagskonstellationen, einem ,normalen‘ Gespräch, zielgerichtet eingesetzt werden? Die Antwortet lautet vermutlich: Nein. Denn die Invektive missachtet absichtlich Richtlinien des zivilisierten Auftretens.18 Sie provoziert und ist vermutlich gerade aus diesem Grund erfolgreich.19

Ihren Ursprung hat die Invektive in der Antike, wo sie auch sehr oft genutzt wurde. Viele Schmähredner aus der Ursprungszeit begründeten ihren verbalen Angriff nicht damit, dass sie diesen selbst grundlos in die Wege geleitet hätten, sondern der Angriff einer vermeintlichen Provokation oder Ähnlichem des Kontrahenten folge und es sich deshalb lediglich um eine Reaktion handle. Als erste Schmährede in der Literatur wird die Rede des Thersites gegen Agamemnon im Werk ,Ilias‘ von Homer bezeichnet.20

Eine Invektive ist besonders dann wirkungsvoll, wenn man rechtlich nicht gegen sie Vorgehen kann - aufgrund provokativer Aussagen, die als ,Diss‘ gesehen werden können, aber nicht als Beleidigung. Deshalb werden besonders Elemente wie ,Witz‘, ,Satire‘, ,Ironie‘ oder auch ,Sarkasmus‘ angewendet, um eine Person zu schmähen. Der Orator selber ist dadurch juristisch gesehen nicht angreifbar beziehungsweise die Angreifbarkeit wird dadurch deutlich erschwert. Diese aufgezählten Elemente bieten demnach eine Möglichkeit, mit der der Gegner lächerlich dargestellt werden kann, ohne dass sich der Orator selbst den Normen zuwiderlaufend verhält und sich damit strafbar machen kann.21 In der „Komödie“22 war das Auslachen einer Person als eine kraftvolle Methode der Herabsetzung zu interpretieren. Dieser Gedanke fand seinen Ursprung bei Gorgias. Die Idee beruht darauf, dass der Ernsthaftigkeit des Gegners mit Lachen gegenübergetreten wird und die eigene Reaktion auf das Lachen des Gegners, Ernsthaftigkeit beinhaltet.23

Dass die Invektive sehr häufig im antiken Rom angewendet und sich einer großen Beliebtheit erfreuen durfte, wird an einigen Punkten klar. Zum einen wäre Cicero zu nennen, der die Invektive sehr häufig in seinen Reden anwendete, um eine noch größere Wirkung zu erhalten. So bekämpft er Verres in den ,Reden gegen Verres‘ mithilfe der Invektive. Zum anderen wird mit dem Zwölftafelgesetz ein Verbot des Spotts auferlegt, welches durch die zahlreichen verbalen Herabsetzungen hervorgerufen wurde.24

Der Platz der Invektive in der Rhetorik lässt sich leicht verorten. So gehört die Invektive der Lob- und Tadelrede an, dem genus demonstrativum. Da in der Invektive die verbale Vernichtung des Kontrahenten angestrebt wird, sollte eher von der Tadel- als Lobrede gesprochen werden. Um diese verbale Herabsetzung anstreben zu können, muss es auch zu einer Herabsetzung des gebrauchten Wortschatzes kommen. Empfohlen wird daher die Ersetzung von wertneutralen Begriffen durch Synonyme, die den zu diskreditierenden Kontrahenten herabsetzen. Als gutes Beispiel wäre zu nennen: aus ,ökonomisch‘ oder ,bedürfnislos‘ wird ,Geizkragen‘.25

Weitere Möglichkeiten, die der Orator anwenden kann, sind zum Beispiel demütigende Gegenüberstellungen, Ironie, Übertreibungen, Metaphern, ironische oder auch beleidigende Neologismen oder Wortspiele, die beispielsweise doppeldeutige wie-Vergleiche enthalten. Durch diese Stilmittel hat der Orator die Gelegenheit, seinen Kontrahenten negativ darzustellen und durch verbale Mittel herabzusetzen beziehungsweise ins Lächerliche zu ziehen.26 Die aufgezählten sprachlichen Mittel sind nur ein Teil des Ganzen, das dem Orator zur Verfügung steht. Trotzdem ist festzustellen, dass gerade diese sprachlichen Mittel der Unterschied zur plumpen Beleidigung sind, die größtenteils aus Beschimpfungen sowie pejorativen Ausdrücken besteht und aller Voraussicht nach juristische Folgen für den Orator nach sich ziehen würde.27

In der Gerichtsrede, genus iudiciale, gibt es Ähnlichkeiten zur Invektive. Die Gerichtsrede dient der Anklage oder der Verteidigung. Dabei kann die Rede als Offensive benutzt werden gegen die angeklagte Person, wobei es zu einer verbalen Vergeltung seitens des Anklägers kommen kann.28 So war Aristoteles der Meinung, dass vor Gericht verbale Angriffe beziehungsweise Erniedrigungen am Ende einer Rede folgen sollten, damit sie bei den Zuhörern besser in Erinnerungen bleiben. Falls es Vorwürfe zu widerlegen gilt, sollte dies laut Aristoteles zu Beginn einer Rede geschehen, um danach frei reden zu können.29 Quintilian dagegen teilt die Meinung des Aristoteles nicht. Laut Quintilian konzentriert sich der ehrenhafte Mann, vir bonus, auf die Defensive und verteidigt, statt anzuklagen. Lässt sich eine Anklage seitens des Orators aber nicht vermeiden, sollte dieser nur anklagen, wenn es beispielsweise um das Wohl der Gemeinschaft geht. Der Orator sollte aber nicht zeigen, dass er um jeden Preis eine Anklage präsentieren wollte.30

Auch im frühen Christentum kam die Invektive im Zuge diverser Konflikte zur Verwendung, sowohl gegen Juden als auch gegen Kaiser des römischen Reiches, die die Verfolgungen von Christen zu verantworten hatten.31 Es kam auch zu einer Abrechnung seitens des Christentums gegen Philosophen der Antike. Als Grund sind die Inhalte ihrer Lehren zu nennen, die aus der Perspektive des Christentums nicht mit dem Glauben vereinbar waren.32 Damit die Invektive glaubhaft und überzeugend erscheint, müssen Stilmittel angewendet werden. So wurden Gegenüberstellungen mit bekannten Personen wie dem Verräter Judas aus der Bibel herangezogen, um in dem Fall den römischen Kaiser verbal herabzusetzen.33 Ein weiteres Beispiel aus dem Christentum sind Flugblätter aus der Reformationszeit. Diese stellten zur damaligen Zeit das wichtigste Mittel zur Verbreitung von Nachrichten im öffentlichen Raum dar. In den Flugblättern wurden die Gegner nicht nach ihren Handlungen kritisiert, sondern die Kritik fand ihren Ausdruck auf persönlicher sowie moralischer Ebene.34

Es kommen auch Charaktereigenschaften eines Streitgedichts in der Invektive vor. Thematisiert werden die Schwachstellen und Mängel des Gegners, parallel kommt es auch zu einem indirekten Wettstreit lyrischer Art, da diese lyrische Macht zusätzlich unter Beweis gestellt werden will, um die eigene Führungsposition zu untermauern.35

2.2 Persuasive Verfahren der klassischen Invektive

Die klassische Invektive nutzt einige persuasive Verfahren, um den Gegner schlecht darzustellen beziehungsweise diesen ins Lächerliche zu ziehen. Im Folgenden können nur einige davon näher beleuchtet werden, da dies den Umfang dieser Arbeit bei Weitem übersteigen würde. Zu nennen sind Begriffe wie Ironie, Beleidigung und Witz, da sie eine wichtige Rolle bei der Diffamierung des Gegners in einer Invektive sowie einem Disstrack spielen.

2.2.1 Ironie

Die Ironie spielt eine wichtige Rolle in der Invektive, um den Gegner lächerlich dastehen lassen zu können. Im Allgemeinen soll mithilfe der Ironie „das Gegenteil des Gemeinten geäußert“36 werden. Die Bedeutung des Gesagten erfährt damit eine Drehung um 180 Grad und ist nicht in der Art zu verstehen, wie es gesagt wurde. Es handelt sich folglich um einen Gegensatz. Das Gesagte des Orators muss den Redegegner nicht immer verbal herabsetzen, sondern kann diesen beispielsweise auch loben, dazu ist für den Dritten aber immer der Kontext notwendig, um die Ironie verstehen zu können. Damit eine ironische Wirkung erzielt werden kann, bedient sich der Orator einer von Spott geprägten Redensart, um die Wirkung des Gesagten zu stärken beziehungsweise den Gegensatz zu unterstreichen. Oft wird die Ironie bereits durch Stimme des Redners aufgrund fehlender Ernsthaftigkeit kenntlich gemacht. Sollte der Orator Ironie mit einer ernsthaften Stimme betreiben, so wird dieses Stilmittel durch den Inhalt für den Adressaten deutlich. Für den Begriff Ironie spielte die Rhetorik eine große Rolle. Nahezu nur in der Tradition der Rhetorik Europas war der Begriff der Ironie fast bis zum Ende des 18. Jahrhunderts vertreten.37

Die großen Denker der Antike wie Aristoteles, Cicero und Quintilian teilten die Ansicht, dass Sokrates der Lehrmeister der Ironie sei. Dies äußert sich durch die Untertreibung eigener Fähigkeiten, anhand des bekannten Unwissens, den Konkurrenten verlegen machte und ihn durch Verspotten auf den korrekten Weg zu lenken.38 Der Begriff war auch von einer gewissen Negativität geprägt. In Griechenland hatten die Menschen eine Assoziation mit einem Ironiker, Eirön, der Sachverhalte nicht korrekt darstellte beziehungsweise diese zu verdrehen versuchte, um damit die Menschen täuschen zu können.39 Das Wort Ironiker galt damit eher als eine beleidigende Bezeichnung und wurde oftmals mit kriminellen Machenschaften in Verbindung gesetzt.40

Die Wahrnehmung des Begriffs hat sich im Laufe der Zeit dank der Charaktergestalt des Sokrates verändert. In seinem Werk ,Nikomachische Ethik‘ geht Aristoteles auf die Ironiker ein, da sie nicht den eigenen Gewinn suchen, sondern die Schwülstigkeit kritisieren. In den Augen des Aristoteles ist die Ironie eine edle Weise zu scherzen.41

2.2.2 Beleidigung

Zum weiteren Verständnis der Invektive müssen weitere Begriffe und deren Theorien in Betracht gezogen werden. Diese besitzen einen invektivischen Charakter, da sie zur verbalen Herabsetzung ebenfalls mitangewendet werden. Darzustellen wäre beispielsweise die Beleidigung. Darunter ist die Verletzung der Ehre einer Person zu verstehen. Jedoch gehören Provokationen oder ein unhöfliches Verhalten nicht zur Rubrik Beleidigung, wenn der Begriff nach der rhetorischen Perspektive betrachtet wird.42 In der sozialkommunikativen Hinsicht bildet die Beleidigung neben der Verleumdung die größte Herabsetzung einer Person. Der Orator versucht in dem Fall keine erfundenen Fakten über die zu beleidigende Person in Umlauf zu bringen. In der Beleidigung werden wertende Urteile benutzt, zum Beispiel bestimmte Charaktereigenschaften einerPerson wie ,geizig‘ oder ,gierig‘.43

Es giltjedoch zu beachten, dass Beleidigungen weder zu beweisen sind noch ein Argument stützen können. Genau wie in der Invektive, versucht die Beleidigung nicht, das Verhalten, die Einstellung oder ähnliches einer Person zu verbessern, sondern schlichtweg die Herabsetzung der Person verbunden mit der Verletzung der Ehre dieses Menschen. Im Unterschied zur Beleidigung, basiert die Tadelrede auf Argumenten. Sie kann der zu tadelnden Person durch Kritik und Tadel zwar auch die Ehre absprechen, jedoch zielt die Tadelrede vielmehr auf eine Verhaltensänderung, damit der Tadel nicht wirkungslos bleibt. Die Invektive und die Beleidigung haben auch Gemeinsamkeiten. Auch die Invektive kann Argumente anwenden und dabei tadeln, gleichzeitig kann sie nur auf die Verletzung der Ehre abzielen und eine beleidigende Wirkung zum Vorschein bringen. Die genannten Möglichkeiten spielen sich nicht nur zwischen dem Orator und der zu tadelnden beziehungsweise zu beleidigenden Person ab. Die Relation ist eher als ein Dreieck zu sehen. Die drei Ecken bilden dabei der Beleidigende, der Beleidigte und ein Dritter, sei es eine Person oder Gruppe. Da der Orator nicht das Ziel hat die beleidigte Person von der Korrektheit der Beleidigung zu überzeugen, ist das rhetorische Verhältnis zwischen dem Orator und dem Beleidigten von geringer Relevanz. Hierbei kristallisiert sich heraus, dass der Hauptadressat der Beleidigung nicht der Beleidigte ist, sondern der bereits angesprochene Dritte. Der Dritte ist in der Regel eine größere Menschenmasse, das heißt der öffentliche Raum.44

2.2.3 Witz

Der Witz soll, genau wie die Ironie, eine erheiternde Wirkung auf den Adressaten haben. Im Gegensatz aber zur Ironie, wird hier nicht das Gegenteil des Gesagten gemeint. Das Hauptaugenmerk eines Witzes liegt darin, den Adressaten zum Lachen zu bringen. Damit dieser Fall eintritt, enthält der Witz in der Regel eine Pointe. Darüber hinaus besitzt dieses Stilmittel einige weitere Eigenschaften, vor allem eine gewisse Kürze. Denn je länger der Witz ist beziehungsweise je stärker die Pointe herausgezögert wird, desto mehr Menschen hören aller Voraussicht nach auf zuzuhören. Gesehen werden kann der Witz nicht nur als kurze Erzählung, die den Mitmenschen zum Lachen bringen und amüsieren soll. Denn der Witz kann in vielerlei Hinsicht gebraucht werden. Ob im Sport im Fußball unter dem Begriff ,Spielwitz‘, was eine einfallsreiche und kreative Spielweise beschreibt, oder in der Lyrik unter dem Begriff ,Wortwitz‘, der für Wortspiele steht wie Doppeldeutigkeit oder Homonymie, kann das Wort ,Witz‘ aus diversen Perspektiven untersucht werden.45 Zu nennen sind hierbei Wortspiele, die ähnlich klingende Begriffe enthalten, aber inhaltlich divergieren oder völlig diametral zueinander stehen. Dies hat auch Aristoteles in seinem Werk ,Rhetorik‘ ausführlich angesprochen und spricht ihnen eine wichtige Bedeutung in der Rhetorik bei. So lag für Aristoteles im Lachen der Unterschied zwischen den Menschen und Tieren. Außerdem sieht er die Kompetenz zu scherzen oder zu lachen in ethischer Art als tadellos an.46

Oftmals überzeugt der selbstsichere und sympathische Auftritt des Orators einen Adressaten mehr, als der tatsächliche Redeinhalt. Dabei kann der Witz eine hilfreiche Stütze darstellen. Die Erregung von Heiterkeit kann positive Auswirkungen auf das Erscheinungsbild des Orators haben, er wirkt sympathischer. Ist der Orator zudem noch gebildet und scharfsinnig, kann er nicht nur Sympathien sammeln, sondern auch Bewunderung und steigert dadurch die Art, wie er wahrgenommen wird.47 Laut Aristoteles haben die Personen einen Vorteil, die bezüglich des Witzes nicht nur austeilen, sondern vor allem auch einstecken können und diese Gegenschläge noch mit Humor aufnehmen statt ihnen beleidigt den Rücken zuzuwenden.48

Für Cicero spielt der Witz ebenso eine wichtige Rolle in der Rhetorik wie für Aristoteles, denn Cicero spricht in seinem Werk ,De inventione‘ bezüglich des Lachens von einer Folge der Ermunterung, die beim Adressaten hervorgerufen werden kann. Darüber hinaus spricht er ihm eine besondere Nützlichkeit zu.49 Außerdem ist Cicero der Meinung, dass eine natürliche Begabung notwendig ist, damit der Witz glaubhaft vermittelt werden kann.50

[...]


1 Genius Media Group Inc. Unter: https://genius.com/Kollegah-legacy-lyrics. Datum: 27.06.2018.

2 Vgl. Bedeutungsonline. Unter: https://www.bedeutungonline.de/was-bedeutet-dissen-diss-disstrack- bedeutung-erklaert/. Zugriff: 24.10.2018.

3 Vgl. Diesing, Richard. Unter: https://noisey.vice.com/de/article/rzvzg3/schueler-musikgeschmack-721. Datum: 03.08.2018.

4 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

5 Vgl. Knape, Joachim. 2000. S. 33.

6 Vgl. ebd. S. 34.

7 Sprach- und Literaturwissenschaft. Unter: https://www.sprach-und-literaturwissenschaften.uni- muenchen.de/personen/dept_l/hanuschek/index.html. Datum: 03.08.2018.

8 Funk, Viola. Unter: https://noisey.vice.com/de/article/64da7g/wir-haben-einen-literatur-professor- deutschrap-texte-von-haftbefehl-kollegah-und-bushido-analysieren-lassen. Datum: 31.07.2018

9 Vgl. Puls. Unter: https://www.br.de/puls/musik/aktuell/deutschrap-wortschaetze-wer-hat-den-groessten- analyse-100.html. Datum: 03.08.2018.

10 Neumann, Uwe. 2003. Sp. 549.

11 Vgl. ebd. Sp. 549f.

12 Vgl. ebd. Sp. 550.

13 Meyer, Martin F. 2005. S. 43.

14 Vgl. Stenzei, Jürgen. 1986. S. 8.

15 Vgl. Neumann, Uwe. 2003. Sp. 550.

16 Vgl. Opelt, Ilona. 1965. S. 12f.

17 Neumann, Uwe. 2003. Sp. 550.

18 Vgl. Eibl-Eibesfeldt, Irenaus. 1970. S. 116f.

19 Vgl. Neumann, Uwe. 2003. Sp. 550f.

20 Vgl. ebd. Sp. 551f.

21 Vgl. ebd.

22 Aristoteles. 2017. S. 15.

23 Neumann, Uwe. 2003. Sp. 553.

24 Cicero, Marcus Tullius. 2013. S. 237.

25 Vgl. Neumann, Uwe. 2003. Sp. 554f.

26 Vgl. Koster, Severin. 1980. S. 364.

27 Vgl. Stenzei, Jürgen. 1986. S. 4.

28 Vgl. Süss, Wilhelm. 1910. S. 246.

29 Vgl. Aristoteles. 1999. S. 186.

30 Vgl. Neumann, Uwe. 2003. Sp. 555.

31 Vgl. Opelt, Ilona. 1980. S. 92f.

32 Vgl. Opelt, Ilona. 1980. S. 105ff.

33 Vgl. Opelt, Ilona. 1980. S. 93f.

34 Vgl. Harms, Wolfgang. 1992. S. 165.

35 Vgl. Freese, Eike. 2009. Sp. 172.

36 Behler, Emst. 2003. Sp. 599.

37 Vgl. ebd. Sp. 603.

38 Vgl. ebd. Sp. 600.

39 Vgl. ebd. Sp. 601.

40 Vgl. Behler, Emst. 1997. S. 22f.

41 Vgl. Behler, Emst. 2003. Sp. 601f.

42 Vgl. Baur, Alexander. 2012. Sp. 116.

43 Vgl. ebd.

44 Vgl. Baur, Alexander. 2012. Sp. 117.

45 Vgl. Schulz-Grobert, Jürgen. 2009. Sp. 1396.

46 Vgl. ebd. Sp. 1397.

47 Vgl. Ueding, Gert. 1996. S. 28.

48 Vgl. Aristoteles. 1999. S. 87.

49 Vgl. Ueding, Gert. 1996. S.26f.

50 Vgl. ebd. S.27.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Disstracks als moderne Invektive. Kollegahs Disstrack ‚Legacy‘ gegen Sun Diego/Spongebozz
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
43
Katalognummer
V997779
ISBN (eBook)
9783346370082
ISBN (Buch)
9783346370099
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kollegah, Disstrack, Spongebozz, Invektive, Sun Diego, Deutschrap, Wortspiele, Ironie, Witz, Beleidigung, Hate-Speech, Legacy, Kunstfreiheit
Arbeit zitieren
Dominik Emme (Autor), 2018, Disstracks als moderne Invektive. Kollegahs Disstrack ‚Legacy‘ gegen Sun Diego/Spongebozz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/997779

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