Das Phänomen krimineller Banden. Ein empirischer Vergleich der Subkulturtheorie und sozialen Lerntheorie anhand der Bande "Mara Salvatrucha"


Hausarbeit, 2019

20 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mara Salvatrucha
2.1 Ideologien und Richtlinien
2.2 Organisation und Struktur

3. Kriminalitätstheorien
3.1 Die Subkulturtheorie
3.2 Soziale Lerntheorie

4. Analyse
4.1 MS-13 und Subkulturtheorie
4.2 MS-13 und die soziale Lerntheorie

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein zentrales Thema der Politik in Zentralamerika ist die Bekämpfung krimineller Banden, da sich bereits ein Großteil der Jugendlichen kriminellen Banden angeschlossen haben und innerhalb dieser aktiv agieren (vgl. Peetz 2004: 49f.). Aufgrund dessen wird vor allem in Zentralamerika gegen Bandenmitgliedschaften vorgegangen, indem ein Gesetz verabschiedet wurde, welches die Mitgliedschaft in einer Jugendbande mit zwei bis fünf Jahren Gefängnis als Strafe auferlegt (vgl. ebd.: 49f.).

Täglich berichtet die zentralamerikanische Presse über delinquente Handlungen, wie z.B. Erpressung, Mord sowie Überfälle, welche größtenteils von Jugendbanden ausgeübt worden sind. Einer dieser Banden ist der international vernetzte Großverband der „Mara Salvatrucha“ (vgl. ebd.: 49f.). Die „Mara Salvatrucha“ ist eine der berüchtigtsten und gewalttätigsten Straßenbande in Zentralamerika sowie in den USA und ist zum einen bekannt für ihre extreme Brutalität, was sie zum Ziel der Strafverfolgung macht und durch den Einsatz von Gewalt haben sie an geografischer Reichweite gewonnen (vgl. Dudley/ Ávalos 2018: 4). Zum anderen sind sie bekannt für ihre organisierte Kriminalität, wobei auch hier der Fokus auf Gewalt liegt, da sie aufgrund ihrer Gewalttätigkeit in der kriminellen Szene als unzuverlässig angesehen werden (vgl. ebd.: 4f.). An dieser Problematik setzt diese Arbeit an. Ziel dieser Arbeit ist es, im Rahmen einer Analyse das Phänomen krimineller Banden am Untersuchungsgegenstand „Mara Salvatrucha“ mithilfe der Subkulturtheorie nach Cohen (1971) und der sozialen Lerntheorie nach Sutherland’s Ansatz der differentiellen Assoziation (1947), die beide beanspruchen delinquentes Handeln zu erklären, zu erläutern.

In der Gesamtbetrachtung wird demnach die Frage untersucht, inwieweit die Subkulturtheorie nach Cohen (1971) und die soziale Lerntheorie nach Sutherland (1947) dafür geeignet sind das Phänomen krimineller Banden, am Beispiel der Bande „Mara Salvatrucha“, zu erklären. Zu diesem Zweck wird zunächst ein allgemeines Verständnis für die Bande Mara Salvatrucha und ihren Ideologien, Richtlinien sowie Strukturen in Kapitel 2 zu schaffen. Vor diesem Hintergrund werden im 3. Kapitel Theorien betrachtet, die kriminelles Verhalten erklären: die Subkulturtheorie nach Cohen (1971) und die soziale Lerntheorie nach Sutherland (1947). Auf dieser Grundlage wird im Kapitel 4 überprüft, ob die Subkulturtheorie und die soziale Lerntheorie dafür geeignet sind, das Phänomen der kriminellen Bande Mara Salvatrucha zu erklären. Nachdem anschließend eine Gegenüberstellung folgt, in der die unterschiedlichen Aspekte der beiden Theorien hinsichtlich der Mara Salvatrucha herausgestellt werden, wird diese Arbeit mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse in einem Fazit in Kapitel 5 abgeschlossen.

2. Mara Salvatrucha

Zu Beginn dieser Arbeit wird zunächst der Untersuchungsgegenstand, die Bande Mara Salvatrucha, näher erläutert, um das Phänomen der Bandenkriminalität in einem empirischen Theorievergleich anhand der Subkulturtheorie und der sozialen Lerntheorie zu erklären. Mara Salvatrucha, auch bekannt als MS-13 oder MS, ist eine der größten gewalttätigsten Straßenbanden in den USA und im Norden von Zentralamerika (vgl. Dudley/ Ávalos 2018: 3f.). Vor allem ist die Bande für ihre extreme Brutalität und organisierte Kriminalität bekannt. Letzteres hat die MS ihrem schnell wachsenden und transnationalen Netzwerk zu verdanken, denn weltweit wird die Mitgliederanzahl auf 50.000 geschätzt (vgl. Wolf 2012: 65). Gewalt ist das Kernstück der MS-13, denn die Anwendung von Gewalt ist ein zentraler Bestandteil ihrer Ideologie und sie verfolgen das Ziel, durch das Einsetzen von Gewalt den Zusammenhalt innerhalb der Gruppe und ihren „Markennamen“ MS-13 zu stärken (vgl. Dudley/ Ávalos 2018: 4). Aufgrund der starken Gewaltbereitschaft der MS haben sie viele weitere Mitglieder für sich gewonnen und an geografischer Reichweite zugenommen. Zu ihrem Markenzeichen gehören Macheten und Messer als Tatwaffen zur Gewaltausübung (vgl. Dudley/ Ávalos 2018: 4ff.).

Aus dem spanischen Vokabular übersetzt, steht „Mara“ für die Bande und „Salvatrucha“ lässt sich aus einer Kombination von „Salvador“ sowie „trucho“, zu Deutsch „klug“, herleiten. Daraus lässt sich schließen, dass die Bande aus klugen SalvadorianerInnen besteht. Der Bandenname lässt auf ihren Herkunftsort zurückschließen (vgl. Benini 2011). Abgesehen davon ist die Zahl 13, welche sich in der Abkürzung MS-13 befindet, ein Symbol ihrer Lebensform, welche für Gesetzlosigkeit steht (vgl. Dudley/ Ávalos 2018: 4).

Ihr geografischer Ursprung lässt sich auf El Salvador zurückführen, ein Land in Lateinamerika, welches eine hohe Kriminalitäts- bzw. Mordrate aufzuweisen hat und als eine der gefährlichsten Regionen international bekannt ist (vgl. Kotowski 2008). Ihre Geschichte begann in den 1980er Jahren in Los Angeles. Infolge eines entstandenen Bürgerkriegs in El Salvador, flüchteten die SalvadorianerInnen in die USA und ein Großteil davon nach Los Angeles. Aufgrund bereits bestehender Banden in Los Angeles, welche sich aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen zusammensetzten, sahen sich die SalvadorianerInnen zur Gründung einer eigenen Bande gezwungen (vgl. Benini 2011). Zu diesem Zeitpunkt entstand die Bande Mara Salvatrucha, mit dem Hintergrund sich gegenseitig Schutz und soziale Sicherheit vor anderen Straßenbanden zu bieten und im gleichen Zug die Verbindung unter den SalvadorianerInnen zu stärken (vgl. Dudley/ Ávalos 2018: 14).

Zusammenfassend gleicht die MS-13 in erster Linie einer sozialen Organisation, welche in zweiter Linie kriminell organisiert ist. Der Gemeinschaftsaspekt ist nämlich von höchster Priorität und wird mit Akten der kollektiven Gewalt gestärkt (vgl. Dudley/ Ávalos 2018: 3f.). Im Folgenden werden zunächst die Ideologien und Richtlinien der MS-13 vorgestellt, um ein besseres Verständnis von den Grundvorstellungen der Bande zu erlangen. Darüber hinaus wird ein Überblick darüber gegeben, wie die MS organisiert ist.

2.1 Ideologien und Richtlinien

Wie im 2. Kapitel bereits erwähnt wurde, lässt sich die Grundeinstellung der Mara Salvatrucha anhand ihres Bedürfnisses nach einer zusammenhaltenden Gemeinschaft deutlich machen. Letzteres bezeichnen sie als „el barrio“, was zu Deutsch übersetzt „die Nachbarschaft“ bedeutet und ein Hinweis auf ihren jeweiligen Stadtteil ist, welcher sowohl in städtischen Gebieten als auch in Regionen außerhalb liegt, Regionen die größtenteils von zentralamerikanischen MigrantInnen bewohnt werden (vgl. Dudley/ Ávalos 2018: 3). Zudem ist „el barrio“ mit der Identität der MS-Mitglieder gleichzusetzen, welche die MS gegen rivalisierende Banden verteidigt (vgl. Kotowski 2008). In diesem Sinne ist „el barrio“ ihr Rückzugsort, der als Familienersatz fungiert, ihnen Schutz und Unterstützung bietet und für die Mitglieder von fundamentaler Bedeutung ist (vgl. Dudley/ Ávalos 2018: 23).

Die Schaffung einer Gemeinschaft ist für sie grundlegender als Straftaten, denn diese dienen lediglich dazu, die Gemeinschaft durch kriminelle Handlungen und Gewaltakte zu stärken, da sie im Kollektiv ausgeführt werden und für Ressourcen sorgen. Ihre finanziellen Ressourcen erzielen sie durch Erpressung der anderen BewohnerInnen in ihrem Stadtteil oder dem Drogenhandel (vgl. ebd.: 23). Außerdem gehören ebenfalls Diebstahl, Prostitution, Menschenhandel usw. zu ihren Handlungen. Jegliche kriminellen Aktivitäten geschehen in Verbindung des „el barrios“ und dienen zur Kontrolle dessen (vgl. ebd.: 5).

Die MS hat sich innerhalb der Jahre einige Richtlinien zu Nutzen gemacht, um die Ordnung der einzelnen Gruppierungen aufrechtzuerhalten, aufbauend auf das Bedürfnis nach Gemeinschaft, Loyalität und Vertrauen (vgl. ebd.: 4ff.). Die Richtlinien verbieten sowohl den Diebstahl innerhalb der Bande als auch die Vergewaltigung von Mitgliederinnen oder von weiblichen Angehörigen (vgl. ebd.: 25f.).

Zwar gehört der Konsum von Alkohol und Drogen zum Alltag der MS-13, dennoch gibt es eine Droge, die strengstens untersagt wird: Crack-Kokain. Crack-Kokain sorgt für die Beeinträchtigung von Fähigkeiten der Mitglieder und lenkt sie von kriminellen Tätigkeiten ab, die auf Befehl ausgeführt werden müssen (vgl. ebd.: 26f.). Von hoher Bedeutung für jedes Mitglied ist der Befehl, das „grüne Licht“. Das grüne Licht bedeutet, dass von Führungspositionen, siehe Kapitel 2.2, der Befehl erteilt wird, jemanden zu töten. Wenn der Befehl nicht ausgeführt wird, hat das schwerwiegende Konsequenzen (vgl. ebd.).

Außerdem ist die Weitergabe von Informationen strengstens verboten, denn Loyalität ist bei der MS von großer Bedeutung. Die Kontakte mit Außenstehenden müssen transparent und auf das Minimum reduziert sein. Es gilt die Lebenseinstellung: Einmal Mitglied der MS-13, immer Mitglied der MS-13. Es wird in jeder Lebenssituation verlangt, dass die Mitglieder sich an die Richtlinien halten und dem „el barrio“ treu bleiben, ansonsten droht beim Verlassen der Gruppe das Todesurteil (vgl. ebd.: 27). Auch die Teilnahme an Teambesprechungen ist für jeden Einzelnen verpflichtend. In der Teambesprechung werden finanzielle Angelegenheiten, kriminelle Aktivitäten geplant und besprochen (vgl. ebd.: 28).

Letztlich besteht die wichtigste Regel darin, die zuvor genannten Richtlinien zu befolgen. Bei Verstoß entscheidet ein Urteil der Clique, im Sinne eines Gerichts, über das weitere Schicksal der RegelbrecherInnen. Bestrafungen erfolgen in Art von Geldstrafen oder durch Verprügeln, welches 13, 26 oder 39 Sekunden dauern kann und im schlimmsten Fall werden Mitglieder mit dem Tod bestraft (vgl. ebd.).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die MS-13 eine kriminelle und gewalttätige Bande ist, die ihre finanziellen Ressourcen durch kriminelle Tätigkeiten und Gewalteinwirkungen im „el barrio“ ergattert. Ihre Gewalttätigkeit ist ihr Markenzeichen sowie die Macheten, die sie dafür verwenden (vgl. Dudley/ Ávalos 2018: 4ff.). Insbesondere streben die Mitglieder der MS nach einer zusammenhaltenden Gemeinschaft mit dem Bedürfnis nach Vertrauen und Loyalität, welche für sie von grundlegendem Wert ist (vgl. ebd.: 23).

2.2 Organisation und Struktur

Die Bande Mara Salvatrucha hat keine einheitliche Führungsposition, die die gesamte Bande leitet, sondern ist lediglich in einzelne Gruppierungen unterteilt, sogenannte „Clicas“, die ihre eigenen Entscheidungen treffen. Aus dem Grund, dass die Mehrzahl der AnführerInnen aus El Salvador im Gefängnis sitzt, ist die totale Kontrolle über die gesamte Bande nicht möglich. In diesem Sinne werden die meisten Entscheidungen von den einzelnen Clicas getroffen, denn diese sind die wichtigste Einheit der Bande MS-13 (vgl. Dudley/ Ávalos 2018: 29).

Die Clicas sind an einen Stadtteil gebunden, wie im Kapitel 2.1 bereits erklärt wurde und sind so strukturiert, dass jede Gruppierung eine Führungsperson besitzt, welche „Primera Palabra“ genannt wird, zu Deutsch „erstes Wort“, und Einfluss auf ihre Mitglieder ausübt. Die Führungsperson muss in der Regel ein bestehendes MS-Mitglied sein, welches bereits Mitglied einer Clica war. Sowohl die Erteilung von Befehlen als auch die territoriale Kontrolle gehören zu den Aufgaben der Führungsperson (vgl. ebd.: 29f.). In der Rangordnung steht unter dem „Primera Palabra“ der stellvertretende „Segunda Palabra“, zu Deutsch „zweites Wort“, und sorgt beim Ausfall von „Primera Palabra“ für Vertretung (vgl. n-tv 2011. TC: 00:23:18 – 00:24:50). Dennoch gibt es in einigen Gebieten einen „Führungsrat“, welcher sich aus den ranghöchsten Mitgliedern der einzelnen Clicas in einem Gebiet zusammensetzt, was jedoch nicht in allen Gebieten der Fall ist. Daraus lässt sich schließen, dass es keine totale Kontrolle von einem einzigen Führungsrat über die Bande gibt, sondern die MS-13 aufgrund der Aufteilung in Clicas eher von halbautonomer Natur ist, was die Organisation der Bande diffus erscheinen lässt (vgl. Dudley/ Ávalos 2018: 4).

Im großen Ganzen besteht die gesamte Bande Mara Salvatrucha aus einem Bündnis von einzelnen „Clicas“, welche jeweils von einer Führungsperson geleitet werden. Zudem reagieren und interagieren die Gruppierungen gemeinsam, indem sich die Führungspersonen aus unterschiedlichen Clicas innerhalb eines bestimmten Gebiets zusammentun und einen sogenannten „Führungsrat“ bilden (vgl. Dudley/ Ávalos 2018: 29f.).

3. Kriminalitätstheorien

Bevor auf den empirischen Theorievergleich eingegangen wird, welcher zeigt, inwieweit die Subkulturtheorie oder die soziale Lerntheorie das Phänomen der kriminellen Bande Mara Salvatrucha erklärt, werden zunächst die Theorien erläutert, die das kriminelle Verhalten der Bande erklären und somit werden die Subkulturtheorie nach Cohen (1971) und die soziale Lerntheorie nach Sutherland’s Ansatz der differentiellen Assoziation (1947) herangezogen. Beide Theorien beanspruchen Kriminalität zu erklären, jeweils auf unterschiedliche Art und Weise.

3.1 Die Subkulturtheorie

Die Subkulturtheorie nach Cohen (1971) geht davon aus, dass die Gesellschaft als übergeordnetes Gesamtsystem nicht homogen ist, sondern aus mehreren kleineren Einheiten besteht, aus sogenannten Subsystemen bzw. Subkulturen. Die Subsysteme differenzieren sich von dem Gesamtsystem dadurch, dass in ihnen andere Normen und Werte gelten als im Gesamtsystem (vgl. Lamnek 1994: 20). In diesem Sinne sind die geltenden Normen und Werte zwar innerhalb einer Subkultur konform, was die Zugehörigkeit zur Gruppe verdeutlicht, im Gesamtsystem wirken sie zumeist als abweichendes Verhalten. In diesem Sinne dient die Subkulturtheorie dazu, abweichendes Verhalten anhand einer Wert- und Normdifferenzierung zu erklären, welche die Ursache für Delinquenz darstellen (vgl. ebd.: 20f.).

Der Kriminalsoziologe Cohen (1971: 105) vertritt die These, dass Menschen sich zu Subkulturen zusammenschließen und innerhalb dieser ihre eigenen Werte und Normen bilden, um Anpassungsprobleme zu lösen, welche sich aus der sozialen Ungleichheit des Klassensystems ergeben. Die Anpassungsprobleme entstehen, wenn ein Individuum den Ansprüchen des Gesamtsystems nicht gerecht wird und in einem Konflikt dazu steht (vgl. ebd.: 103). Daraus lässt sich schließen, dass die Anpassung an die Ziele der höheren Schicht von Individuen aus der Unterschicht aufgrund ihrer sozialen Herkunft innerhalb der Gesellschaftsstruktur nicht erreicht werden können und somit Anpassungsprobleme bzw. Statusprobleme entstehen, die mithilfe illegitimer Mittel zu Erreichung der Mittelschichtsstandards innerhalb der Subkulturen gelöst werden und als Auslöser für Kriminalität gelten (vgl. ebd.: 103ff.) .

Durch ein erkanntes Anpassungsproblem eines Individuums aus den niedrigeren Schichten befindet sich das Individuum in einem Spannungszustand, welcher zum Handeln auffordert, das Problem zu bewältigen. Es gibt eine Vielzahl von Lösungswegen, solche die die Erreichung der Lösung mit legalen Mitteln bevorzugen und mit dem Gesamtsystem im Einklang sind und welche die davon abweichen und somit mit illegitimen Mittel erreicht werden (vgl. ebd.: 106).

Vor allem müssen bei der Erklärung von delinquentem Verhalten die Bezugsgruppen berücksichtigt werden, dem das Individuum sich zugehörig fühlt, denn sie stellen den wichtigsten Aspekt bei der Wahl des Lösungswegs dar (vgl. ebd.: 106).

Cohen teilt der Bezugsgruppe zwei verschiedene Definitionen zu. Zum einen definiert er (vgl. Cohen 1971: 106) eine Bezugsgruppe als einen Zusammenschluss von Individuen, die ihre eigenen Normen und Standards entwickeln, welche sich jedes einzelne Gruppenmitglied zu eigen macht und demnach handelt. Entschließt sich ein Gruppenmitglied dazu, sich abweichend von den Normen innerhalb der Gruppe zu verhalten, führt das zu Anpassungsproblemen bei dem von der Gruppe abweichenden Mitglied, welche mit Unsicherheiten und Schuldgefühlen verbunden sind. Zum anderen definiert Cohen (1971: 106f.) Bezugsgruppen als eine bereichernde zwischenmenschliche Beziehung, bei denen Individuen nach Anerkennung und Zuneigung suchen. Letzteres erhalten die Gruppenmitglieder, indem ihr Verhalten mit den Erwartungen der Gruppe einhergeht. Wenn die Erwartungen der Gruppe nicht erfüllt werden, hat das Konsequenzen für die soziale Beziehung in der Gruppe und es folgt eine Entfremdung. Abgesehen davon besteht die Möglichkeit, dass sich beide zuvor genannten Definitionen der Bezugsgruppen überschneiden (vgl. ebd: 106f.).

In diesem Sinne ist die Wahl zur Lösung der Anpassungsprobleme an die Mittelschichtstandards, ob mit legitimen oder illegitimen Mitteln, mit den Erwartungen der Gruppenmitglieder zu vereinbaren: Erstens können Anpassungsprobleme mit legitimen Mitteln vermindert werden, was allerdings häufig erfordert, dass das Individuum mit seinen Problemen lebt, weil die Anpassungsprobleme durch konformes Handeln oft nur gemildert werden, z.B. durch die Senkung der Ansprüche. Zweitens ist der Wechsel zu einer anderen Bezugsgruppe möglich, die die angemessenere Lösung beabsichtigt. Im dritten Fall beschreibt Cohen einen Zusammenschluss von Individuen mit ähnlichen Anpassungsproblemen, für die es keinen angemessenen institutionalisierten Lösungsweg und keine passende Bezugsgruppe gibt. Daraus resultiert eine neu geschaffene Subkultur mit eigenen Normen und Werten, welche sich solidarisch zusammenschließt aufgrund der gemeinsamen Situation der unzufriedenen Mitglieder (vgl. ebd.: 107f.).

3.2 Soziale Lerntheorie

Als Grundlage der sozialen Lerntheorie dient Sutherlands Ansatz der differentiellen Assoziation (1947). Sutherlands zentrale These ist, dass abweichendes Verhalten durch einen Lernprozess angeeignet wird und in diesem Zuge wird das soziale Umfeld eines Individuums betrachtet, welches aus kriminellen sowie nicht-kriminellen Verhaltensweisen besteht. In diesem Zusammenhang wird ein Individuum delinquent, wenn Einstellungen, die die Verletzung des Gesetzes begünstigen, gegenüber den Einstellungen die gesetzestreu sind, überwiegen. Das heißt, dass der vorrangige Kontakt zu einem kriminellen und der verringerte Kontakt zu einem nicht-kriminellen Umfeld dazu führt, dass das Individuum durch das Erlernen delinquenter Verhaltensweisen, Einstellungen und Techniken selbst zu kriminellen Handlungen fähig wird (vgl. Sutherland 1968: 395ff.). Dabei wird nicht erklärt, warum das Individuum die jeweiligen Kontakte hat, da diese durch den allgemeinen sozialen Zusammenhang bestimmt sind, welcher sich z.B. am Haushaltseinkommen der Familie erkennbar macht und der entsprechenden Wohnsituation (vgl. ebd. 1968: 398).

Hierzu fasst Sutherland neun Thesen zusammen, die den Prozess zum delinquenten Verhalten beschreibt: Die erste These „Kriminelles Verhalten ist gelerntes Verhalten.“ (Sutherland 1968: 396) bedeutet, dass kriminelles Verhalten nicht im Individuum veranlagt ist, sondern erst vom Individuum angeeignet werden muss (vgl. Sutherland 1968: 396). In der zweiten These macht Sutherland auf Folgendes aufmerksam: „ Kriminelles Verhalten wird in Interaktion mit anderen Personen in einem Kommunikationsproze[ss] gelernt. “ (Sutherland 1968: 396). In diesem Zuge wird darauf hingewiesen, dass verbales sowie non-verbales Verhalten beim Kommunikationsprozess eine wichtige Rolle spielen (vgl. ebd.: 396).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Phänomen krimineller Banden. Ein empirischer Vergleich der Subkulturtheorie und sozialen Lerntheorie anhand der Bande "Mara Salvatrucha"
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V997925
ISBN (eBook)
9783346369529
ISBN (Buch)
9783346369536
Sprache
Deutsch
Schlagworte
phänomen, banden, vergleich, subkulturtheorie, lerntheorie, bande, mara, salvatrucha
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Das Phänomen krimineller Banden. Ein empirischer Vergleich der Subkulturtheorie und sozialen Lerntheorie anhand der Bande "Mara Salvatrucha", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/997925

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