- "glückliche Einfalt", "Weisheit ohne Wissen" - ihre Unschuld droht von dem "lieben Selbst" verführt zu werden, dem mächtigen Gegenspieler der Vernunft, - die subjektiven Maximen basieren einerseits auf Pflicht, aber auch auf dem "mächtigen Gegengewicht gegen alle Gebote der Pflicht", der Glückseligkeit (Summe der Bedürfnisse und Neigungen)
- sie leidet unter der "natürlichen Dialektik", dem "Hang, wider jene strengen Gesetze der Pflicht zu vernünfteln", diese "womöglich unseren Wünschen und Neigungen angemessener zu machen", d.h. sie verderben
- sie sucht also gegen die Zweideutigkeit Hilfe: "wegen der Quelle ihres Prinzips und richtigen Bestimmung desselben" sucht sie "Erkundigung und deutliche Anweisung" und Veranschaulichung bei den philosophischen Morallehren 2. Ebene: philosophische/populäre Vernunfterkenntnis:
- sie soll nichts Neues lehren, sondern Eingang und Dauerhaftigkeit für die sittliche Vorschrift bewirken; der gemeinen VE das sittliche Gesetz in einer Morallehre systematisieren, veranschaulichen und abstrahieren
- sie basiert auf anschaulichen Beispielen, mit denen sie sich populär machen möchte, ist somit auch empirisch
- verwirrt leicht durch viele Erwägungen, die nicht zur Sache gehören; treibt allseits "Bewegursachen zum Sittlichguten auf, um die Arznei recht kräftig zu machen", verdirbt dieses dadurch
- es besteht eine "vermischte Sittenlehre"; die Lehrer haben "ihre Begriffe nicht ins reine gebracht"
- sie geht anthropologisch vor; zwar versucht sie die Neigungen als Triebfedern für moralische Handlungen auszuschließen, geht andererseits aber vom Menschen aus, für den die Morallehre gelten soll. Kant bezeichnet die populäre sittliche Weltweisheit schließlich abwertend von der vermischten Sittenlehre als "ekelhaften Mischmasch von zusammengestoppelten Beobachtungen und halbvernünftelten Prinzipien" - sie ist gemeinverständlich, ohne jedoch die notwendige gründliche Einsicht zu vermitteln; sie charakterisiert das "Tappen vermittels der Beispiele"
- Problem der Beispiele: "Nachahmung findet im Sittlichen gar nicht statt"; "Beispiele dienen nur zur Aufmunterung", sind Veranschaulichung der praktischen Regel, ersetzen jedoch nicht ihr wahres Original; den Beispielen muß erst ihre Würdigkeit nachgewiesen werden, ehe sie Gültigkeit für Sittlichkeit haben
3. Ebene: metaphysische Vernunfterkenntnis:
- Kant befürwortet die Popularität für die praktische Umsetzung des Gesetzes, allerdings verurteilt er die vorzeitige Popularisierung. Popularität soll es erst nach der Erhebung zu den Prinzipien der reinen Vernunft geben: "die Lehre der Sitten zuvor auf Metaphysik gründen, ihr aber, wenn sie feststeht, nachher durch Popularität Eingang verschaffen"
- die Metaphysik der Sitten ist a priori, d.h. von aller Empirie sorgfältig gesäubert und unvermischt, die "reine praktische Weltweisheit"
- sie soll die Idee und die Prinzipien eines möglichen reinen Willens untersuchen - reine Moralphilosophie - ohne alle empirische Anthropologie und Beispielsabhängigkeit - "leuchtet von selbst aus der gemeinen Idee der Pflicht und der sittlichen Gesetze ein"
- im Bewußtsein der Würde des sittlichen Gesetzes sollen empirische Triebfedern verachtet und bemeistert werden
2. Die ersten drei Ebenen der Vernunfterkenntnis und die jeweiligen Übergänge Um bessere Rahmenbedingungen für unsere Darstellung zu schaffen, haben wir beschlossen, unserer eigentlichen Aufgabe - nämlich darzustellen, warum die Pflicht als Vernunftgebot zu verstehen sei - die bisherigen Ebenen der Vernunfterkenntnis in knappen Sätzen anschaulich darzustellen. Kants Absicht seines Werkes ist es, zur sittlichen Weltweisheit zu gelangen. Wir sind der Meinung, daß sich unsere Textpassage mit dem zweiten Übergang (von der populären oder philosophischen Vernunfterkenntnis zur Metaphysik der Sitten) am besten dazu eignet.
Die erste Ebene ist die gemeine sittliche Vernunfterkenntnis. Wir haben sie bereits im Seminar behandelt.
Die zweite Ebene ist die philosophische oder populäre Vernunfterkenntnis. Die dritte Ebene ist die Metaphysik der Sitten.
Auf allen drei Ebenen haben wir es mit Menschen zu tun, die von der Vernunft moralische Begriffe eingegeben bekommen und somit die Vorstellung einer Pflicht vor dem Sittengesetz haben. Die Vernunft zwingt unmittelbare Achtung ab für eine allgemeine Gesetzgebung.
Die erste Ebene wird dadurch charakterisiert, daß der Grund für die Notwendigkeit der Achtung für das praktische Gesetz nicht eingesehen wird. Die Vernunft wirkt unmittelbar, hat jedoch als Gegenspieler "das liebe Selbst" des Menschen, die Naturwelt des Menschen, die Neigungen, die die Maximen unbewußt verderben können. Der gute Wille, das moralische Gesetz zu befolgen, ist vorhanden, jedoch fehlt die Reinheit des Erkennens, da die Neigungen unbewußt mitwirken. Das Prinzip der sittlichen Pflicht ist vorhanden, allerdings ist es nicht sehr abstrakt, der Grund wird nicht eingesehen. Dennoch hat die gemeine sittliche Vernunfterkenntnis das Prinzip vor Augen und als (per guten Willen gewähltes) Richtmaß. Die Glückseligkeit, das "mächtige Gegengewicht gegen alle Gebote der Pflicht" führt schließlich zu einer "natürlichen Dialektik". Da das abstrakte Wissen um den Grund für das Sittengesetz fehlt, wird die Moral angepaßt, es wird "vernünftelt", Sittengesetz und Glückseligkeit werden unbewußt miteinander verbunden.
Der Mensch erkennt die Unreinheit seiner praktischen Philosophie. Während die Quelle des Prinzips rein ist, fußen die subjektiven Maximen auf Bedürfnis und Neigung. Um die sittlichen Grundsätze vor der Verderbnis zu schützen, drängt es den Menschen zur philosophischen Vernunfterkenntnis.
Die philosophische bzw. die populäre Vernunfterkenntnis versucht, den Menschen über die anderen Triebfedern bei Handlungen neben der Achtung vor dem Sittengesetz aufzuklären. Sie versucht, die Schwäche des gemeinen Vernunftverstandes auszugleichen und ein abstraktes System, d.h. eine Morallehre, vorzustellen. Ziel des Menschen und der Philosophie ist es, das reine Sittengesetz zu erkennen, ohne alles Empirische, welche das Gesetz durch Neigungen verderben würden.
Die Morallehre wird popularisiert. Anhand von anschaulichen Beispielen soll sie dem gemeinen Verstande zur Erkundigung dienen und deutliche Anweisungen liefern. Sie soll dem gemeinen Verstande helfen, seine moralischen Maxime abstrakter zu orientieren, damit sie nicht durch Neigungen des "lieben Selbst" verfälscht werden. Dies war eine Wiederholung aus dem ersten Abschnitt. Sie macht deutlich, wieso Kant die philosophische Ebene der Vernunfterkenntnis einführte, wo er doch als Aufklärer versucht, den Menschen sich selber sein Gesetz machen zu lassen. Der Mensch sei schwach und bedarf der Philosophie, sagt Kant. Dennoch lobt er die gemeine Vernunfterkenntnis, während er die philosophische zwar als praktisch notwendig, jedoch aber als unrein empfindet. Kants Ziel bei alledem ist, zu dem reinen sittlichen Gesetz zu gelangen.
Die zweite Ebene der Vernunfterkenntnis, die philosophische, bezeichnet Kant als auf Beispielen aufbauend. Sie behandelt korrigierend die Maximen der gemeinen Vernunfterkenntnis. Sie versucht die Sittlichkeit per Beispiele zu entwickeln, auf diesem Wege eine Morallehre (es kann verschiedene geben) aufzubauen und sie zu popularisieren. Die Verallgemeinerung der Maximen zu einem allgemeinen sittlichen Gesetz in Form der philosophischen Systematisierung zu einer philosophischen, populären Morallehre, die Ausmerzung des Empirischen, d.h. der Neigungen und Bedürfnisse des Menschen bei der Betrachtung des Sittengesetzes sieht Kant als Fortschritt. Allerdings kritisiert er, daß die Morallehren von Beispielen ausgehend vorzeitig, noch ehe sich die Beispiele als rein vernünftig und würdig erwiesen haben, ein Sittengesetz proklamieren.
Arbeit zitieren:
Emil Franzinelli, 2001, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten - Die ersten drei Ebenen der Vernunfterkenntnis und die jeweiligen Übergänge ("Pflicht als Vernunftgebot", 2. Abschnitt, 1. Teil), München, GRIN Verlag GmbH
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