grundsätzlich gelungen, wie Gott und die Engel glauben, oder völlig misslungen, wie Mephistopheles behauptet.
Hierzu erteilt Gott Mephisto die Erlaubnis zu versuchen, Faust vom rechten Wege abzubringen (Vgl. Z. 314), da er selbst bezweifelt, dass dies möglich sei. Die Situation ist vergleichbar mit der im Alten Testament beschriebenen Situation Hiobs (Vgl. Hiob 1,6-12). In jüngeren Jahren hatte Faust mehr Vertrauen zu Gott, mit dem er auf kirchlich-religiösem Wege in Verbindung trat; einem Sachverhalt, dem er im Mannesalter eher kritisch gegenüber steht: Das Ende der Pest suchte Faust ,,vom Herrn des Himmels zu erzwingen" (Z. 1028 f). Hierfür quälte er sich mit ,,Beten und Fasten", war ,,in Hoffnung reich, im Glauben fest" (Z.1025 f.). In den Dogmen des Kirchenglaubens kann sich der spätere Faust nicht aufgehoben fühlen (Z. 3425 ff.). Vom frommen Glauben fällt er daher ab. ,,Die Botschaft höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube (Z. 765).
Dennoch vermag die Osterbotschaft Faust vom Suizid abzubringen, da er, trotz fehlenden Glaubens, eine emotionale Bindung, noch aus der Kindheit stammend, an die Religion hat (Vgl. Z. 780f.).
Faust plagen keine Ängste vor dem Tod, ,,vor jener dunklen Höhle..., In der sich Fantasie zu eigner Qual verdammt" (Z. 715). Die gesehene Gefahr des Todes besteht vielmehr darin, ,,ins Nichts dahinzufließen" (Z. 719).
Ergänzend lässt sich hier Fausts Unerschrockenheit vor seiner eventuellen Dienerschaft gegenüber Mephistopheles nach seinem Tod anfügen.
Um die Vielschichtigkeit Fausts Einstellung zu Gott zu erläutern, an den er auf seine eigene Weise dennoch glaubt, muss zudem sein stolzes Bewusstsein der Gottesebenbildlichkeit angeführt werden: ,,Ich Ebenbild der Gottheit!" (Z. 516 und vgl. auch 614). Auch erkennt er im Neuen Testament, welches seiner traditionellen Religion und damit dem Gottesglauben zugrunde liegt, ,,Offenbarung, die nirgends würd`ger und schöner brennt" (Z. 1217 f).
Direkt wird Fausts Glauben im Religionsgespräch mit Gretchen deutlich (Z. 3415 ff): So scheint er eine autoritäre Deutung des Gottesglaubens durch ,,Priester" oder ,,Weise" (Z. 3428) abzulehnen, während er jedoch Gott als ,,Allumfasser" und ,,Allerhalter" (Z. 3438 f) sieht und ihn durch ,,Gefühl"
(Z. 3456) zu fassen glaubt. Somit zeigt Faust eine pantheistische Gesinnung, da er einen lebendigen Gott in jedem und allem, was auch in seiner Naturverherrlichung (Z. 1079 f)
deutlich wird, favorisiert (Z. 3454).
Eben so setzt Faust die Liebe Gottes mit der Menschenliebe gleich, was konsequenterweise Gott im Menschen voraussetzt (Z. 1184 und 3454).
Insgesamt wird nicht nur die Vielschichtigkeit, sondern auch Widersprüchlichkeit Fausts Äußerungen bezüglich seines Glaubens offenbar. Es finden sich also pantheistische und theistische Elemente.
Goethe transportiert die religiöse Idee allerdings nicht nur durch Faust, sondern gegenläufig dazu auch durch Gretchen, das Volk und wiederum verschieden dazu durch Mephistopheles. Letzterer beschränkt sich, da er selbst Bestandteil der religiösen Gesamtvorstellung ist, auf die Kritik der vermittelnden Institution, der Kirche (Z. 2813 ff) und kann damit weniger als Träger einer religiösen Facette, sondern eher als Perspektiventräger der ,,praktischen Religionsausführung" betrachtet werden.
Gretchen erscheint Faust als ,,sitt- und tugendreich" (Z. 2611), als verwurzelt in christlicher Tradition, kirchlicher Autorität und der davon geprägten bürgerlichen Moral. So praktiziert sie die Beichte, besucht die Messe und ordnet sich ihrer Mutter unter, als diese den durch Faust erhaltenen Schmuck aufgrund dessen unbekannter und damit unrechtmäßiger Herkunft der Kirche übergibt.
Gretchen besitzt die bürgerliche Tugend der Reinlichkeit (vgl. Z. 2686) und des Fleißes, überdies die nach Faust heiligen Werte der Einfalt, der Unschuld, der Demut und der Niedrigkeit (vgl. Z. 3102 ff). Die Unschuld ist es auch, die sie Mephistopheles Macht entzieht (Z. 2626 ff) und sie damit vielleicht sogar zu seiner ebenbürtigen Gegenspielerin macht, möchte man Mephisto als ,,das Böse" (Z. 1336) oder als Verneiner dieser Werte auffassen. Faust bezeichnet Gretchens Zimmer als ,,Heiligtum" und ,,Himmelreich" (vgl. Z. 2688 und Z. 2708), Gretchen selbst sogar als ,,Engel" (Z. 2712).
Einerseits lässt sich dieses wortwörtlich aufgrund Gretchens Darstellung nachvollziehen und verstärkt damit die Polarität zwischen Mephisto und Gretchen, andererseits schwindet die Bedeutung dieser Attribute durch Fausts extreme Verliebtheit, die Gretchens Überhöhung zur Folge haben muss.
Durch Faust gerät Gretchen in Widerspruch zur bürgerlichen Moral der kirchlich interpretierten christlichen Werte, was in der Szene ,,Am Brunnen" besonders deutlich wird.
Die wohl frühere Übereinstimmung mit Lieschen (vgl. Z. 3579 ff) scheint zerstört, da das ,,Sünderhemdchen" (Z. 3569) für ,,anticipierten Beyschlaf" nun auch Gretchen zuzusprechen ist.
Dabei wird durch die Zeilen 3585 f ,,alles, was dazu mich trieb, Gott! war so gut! ach war so lieb!" der Kontrast der bürgerlichen Moral und kirchlichen Autorität zur eigentlichen christlichen Ethik deutlich. Gretchen wird nach der Moral- und Religionsauffassung des Volkes, repräsentiert von Lieschen und Valentin, geächtet und versucht darauf hin, im ,,Dom" ihre diesbezüglichen Seelenqualen zu besiegen, was ihr, da sie diesen bürgerlichen Moralbegriff selbst zu sehr verinnerlicht hat, (Z. 3421) nicht gelingt. Sie glaubt auch im ,,Zwinger" an die Gnade Marias und Gottes, die sie durch Buße und Reue zu erlangen gedenkt. Selbst im Kerker vertraut sie trotz augenscheinlicher Verzweiflung und Verwirrung auf die Heiligen, während sie an einer qualvollen Furcht vor der Hölle leidet (Z. 4454 ff).
Hier zeigt sich folglich eine Form christlicher Weltanschauung, welche Faust im Pakt mit dem Teufel ignoriert. Selbst in ihrer Notlage und Verwirrung sorgt sich Gretchen um die Pflege des Grabes ihrer Mutter. Hier zeigt sich ihr Hang zum bürgerlichen Konventionalismus, der sie auch zwingt, die bürgerliche Moral zu akzeptieren. Da ihr ,,böses Gewissen" (vgl. Z,. 4547) und ihr Selbstbewusstsein bezüglich des Kindsmordes und des Fehlverhaltens gegenüber ihrer Mutter nach bürgerlicher- christlicher Moral klar zu verurteilen sind, machen diese ihr eine Flucht unmöglich. Als gegen Ende offenbar wird, dass die Flucht sie nochmals auf den Irrweg ihres Gegenspielers Mephistopheles führen würde, scheint Gretchen sogar den geliebten Heinrich abzulehnen (Z. 4610) und überwindet so ihr momentanes Glücksstreben zugunsten der christlichen Ethik. Gretchen ,,ist gerettet" (Z. 4612), da ihr göttliche Vergebung zuteil wird. Fazit: In seinem Werk Faust 1 betrachtet Goethe viele unterschiedliche Aspekte des Phänomens Religion: Er betrachtet sie als wissenschaftlich beziehungsweise pseudowissenschaftlich analysierte Religion in der Theologie, die im gesamten Werk geschmäht wird, sowohl durch Faust (vgl. Z. 356) als auch durch Mephisto (Z. 1983 f.). Faust gelingt durch das Theologie-Studium die Überwindung seiner menschlichen Begrenztheit nicht. Auch wird Religion in ihrer praktischen Auswirkung im Alltag betrachtet. Hier kritisiert Faust die Moralmaßstäbe und das Handeln der institutionalisierten Religion,
Gretchen hingegen bleibt geistig in ihrem kirchlich-bürgerlichen Konventionalismus gefangen (vgl. Z.3415 ff.).
Positiv jedoch schneidet die Religion in ihrer als göttlich-wahr dargestellten ethischen Funktion, die hier durch Gott höchst selbst vertreten wird, ab: Gretchen, am weltlichen Religionsmaßstab gemessen schuldig gesprochen, erfährt Gnade und Rettung durch Gott (vgl. Z.4612).
So, Leute. Aufgepasst: Die Arbeit an sich ist gutgesprochen worden, allerdings wurde eine Quintessenz nur umschrieben und nicht explizit genannt: Für Faust ist das ,,Gefühl" alles (Vgl. Z. 3453-3456), Faust hat ,,keinen Namen dafür" (Z. 3455).
Arbeit zitieren:
Joachim Radke, 2000, Goethe, Johann Wolfgang von - Faust 1 - Die Bedeutung und Rolle der Religion im Faust 1, München, GRIN Verlag GmbH
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