Spracherwerb beim Kind
Einleitung
Das Thema Spracherwerb beim Kind ist umfangreicher als man allein vom Titel her zunächst vermuten mag.
Dieses Thema ist schon lange Forschungsgebiet vieler verschiedener Wissenschaftler.
Diese konkurrieren von Anfang an bei der Verwendung verschiedener Termini bei der Beschreibung der Lebensphase und der Vorgänge, in denen das Kind zu seiner ersten Sprache kommt.
Dadurch kam es zu immer neuen Ansichten und Entdeckungen, die ich in meiner Arbeit vorstellen möchte.
Da diese verschiedenen Positionen teilweise sehr komplex sind, ist es zunächst einmal nötig, die geschichtliche Entwicklung der Pädolinguistik zu beleuchten, um einen groben Überblick zu erhalten.
Daran schließt sich die Darstellung der verschiedenen bisher hervorgebrachten Spracherwerbstheorien sowie die verschiedenen Stufen der Sprachentwicklung an.
Wichtig hierbei ist jedoch, stets zu wissen, dass es keine allgemeingültige Theorie geben kann und es zunächst einmal nötig ist, die Ergebnisse kritisch zu betrachten.
Mein Ziel ist es, in dieser Arbeit einen kleinen Überblick über die Vielzahl der Theorien und die verschiedenen Forschungsergebnisse zu geben und diese ferner zu erläutern.
1. Geschichte der Pädolinguistik
Die Pädolinguistik ist ein Teilgebiet der Linguistik, das den Spracherwerb und die Kindersprache erforscht.
Mit der Pädolinguistik wird ein eigenständiger interdisziplinärer Forschungsbereich bezeichnet, der sowohl die Ergebnisse der Linguistik und der Semiotik, die experimentellen Ansätze der Psychologie und grundlegende Fragestellungen wie den Zusammenhang zwischen sprachlicher und kognitiver Entwicklung berücksichtigt, als auch den soziokulturellen Rahmen der Lebensbedingungen des Kindes und die damit zusammenhängenden Probleme des Spracherwerbs einbezieht.1
Die eigentlichen Begründer der Kindersprachenforschung waren eigentlich keine Sprachwissenschaftler, sondern eher Philosophen, Mediziner, Psychologen und Pädagogen.
Aus der frühesten Phase sind besonders folgende Namen zu nennen:
Schultze, Lindner, Taine, Pérez, Franke und Preyer.
Die meisten Untersuchungen stützten sich jedoch zunächst auf Beobachtungen der eigenen Kinder in den ersten drei, vier Lebensjahren. Besonders wichtig schien ihnen die lautliche Entwicklung zu sein.
Die erste bedeutende Wende brachte schließlich der Psychologe Wilhelm Wundt.
Er und seine Schüler fassten den Prozess des Spracherwerbs in erster Linie als Nachahmungsprodukt auf und die ersten Sprachanfänge als Äußerungen der Gemütsbewegungen. Die Vertreter derartiger Theorien nennt man Voluntaristen.
Im Gegensatz dazu gibt es noch die Intellektualisten wie z. B. Preyer, für den eine Nachahmung vor dem Verstehen nicht möglich war.
1907 wurde mit der Arbeit von Clara und William Stern ein Höhepunkt der Kindersprachenforschung erreicht, der auch die moderne Pädolinguistik einleitet.
Die Arbeit richtet sich erstmals auf die Darstellung der Sprachentwicklung nach ihrer psychologischen und sprachtheoretischen Seite mit der Festlegung von einbezogenen Entwicklungsstufen.
Sie nennen somit folgende Stadien:
Das Vorstadium und die erste bis vierte Epoche.
Das Vorstadium ist auf das erste Lebensjahr bezogen und beschränkt sich auf die Vorbereitung zum eigentlichen Sprechen.
Die erste Epoche umfasst etwa das Alter von einem Jahr bis zu etwa einem Jahr und sechs Monate. Das Gesprochene wird in dieser Phase als Einwortäußerungen aufgefasst. Es ist noch kein bestimmter grammatischer und begrifflicher Charakter vorhanden.
Die zweite Epoche umfasst das Alter von einem Jahr und sechs Monaten und zwei Jahren.
Es kommt zu einer starken Bereicherung im Wortschatz und es folgen Sätze mit zwei und mehreren flexionslosen Wörtern.
In der dritten Epoche, die sich etwa zwischen zwei Jahren und zwei Jahren und sechs Monaten befindet, kommt es zur Verwendung von Satzketten, deren Glieder zwar grammatisch noch in bloßer Parataxe zueinander stehen, logisch aber schon verschiedenartige Beziehungen und auch Unterordnungen ausdrücken sollen.
Die vierte Epoche schließt sich mit etwa zwei Jahren und sechs Monaten an. In dieser Epoche wird vor allem gelernt, die Über- und Unterordnung der Gedanken durch die Hypotaxe auszudrücken sowie auch verschiedene Nebensätze zu entwickeln.
Die Periode bis 1941 wurde stark von Roman Jakobson geprägt.
Seine Arbeit ,,Kindersprache, Aphasie und allgemeine Lautgesetze" (1941) brachte eine tiefgreifende Wende, die nach dem 2. Weltkrieg sichtbar wurde.
Durch Jakobson wurde deutlich, wie wichtig es ist, phonetische Kenntnisse zu besitzen, um zur Aufdeckung der allgemeingültigen Bauprinzipien der Kindersprache zu gelangen.
Er erörterte neben dem Erwerb des phonologischen Systems nicht nur Lautgesetze, sondern auch phonologische Entwicklungslinien sowie deren strukturelle Bedingungen. Er wollte die universalen Gesetze des Lauterwerbs ausarbeiten und die lautliche Entwicklung der Sprachen der Welt systematischer erklären als bisher.
Jakobson zählte zu den Gründern der Prager Schule und orientierte sich aus diesem Grund auch an deren Theorien.
Die weiteren bedeutsamen Untersuchungen lassen sich auf die Nachkriegszeit datieren.
Einerseits gab es Arbeiten, die auf Beobachtungen an einem Kind oder einigen Kindern beruhen und andererseits Arbeiten die sich mit der Untersuchung von größeren Gruppen von Kindern befassten.
Die Untersuchungen, die sich auf wenige Kinder beschränken wurden meist an den eigenen Kindern durchgeführt.
Wichtige Namen sind für diesen Bereich z. B. Leopold, Kaper und Weir, die grundlegende Erkenntnisse für den Spracherwerb brachten.
Die Arbeiten, die sich auf größere Gruppen von Kindern beziehen, wurden weitestgehend von Psychologen durchgeführt.
Prägnante Namen sind unter anderem Sinclair, McCarthy, Slama-Cazucu und Slobin.
Heute jedoch sind die Tendenzen so, dass man den gesamten Bezugsrahmen des Kindes thematisiert und somit das kognitive Verhalten schon von Anfang an in Bezug auf seine sozialen Kontakte und kommunikativen Möglichkeiten beobachtet.
Der Mensch, der ein biologisches, soziales und kulturell-geistiges Wesen ist, sollte nicht nur aus isolierter psycho- oder soziologischer Sicht behandelt werden sondern aus pädolinguistischer Sicht.
Weiterhin bildet die Entwicklung der Kleinkindsprache die Grundlage für die Untersuchung anderer Komponenten, wie z. B. die Unterscheidung von menschlicher Sprache und anderen Zeichensystemen, wie das der Tiere.
In der heutigen Zeit werden auch noch viele andere Gesichtspunkte für wichtig gehalten.
So wird die Sprache ebenfalls daraufhin untersucht, inwiefern sie auch als Kommunikationsmittel gilt und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wiederspiegelt.
Deshalb erscheint es aus heutiger Sicht wichtig und sinnvoll, auch die unterschiedlichen Umweltbedingungen in die wissenschaftlichen Überlegungen mit einzubeziehen.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich die Kindersprachenforschung schon immer an den jeweils herrschenden linguistischen, psychologischen und philosophischen Theorien orientiert hat.
2. Spracherwerbstheorien
2.1 Definition des Begriffs
Um die bestehenden Spracherwerbstheorien darzulegen, ist es jedoch zunächst wichtig zu wissen, was Spracherwerb bedeutet.
Unter Spracherwerb versteht man die allmähliche Übernahme eines von der Gesellschaft angebotenen Instrumentes bzw. einer speziellen Fertigkeit. Der Akzent liegt stärker auf der eigenen, produktiven Aneignung durch das Kind als auf dem von der Gesellschaft angebotenen sprachlichen ,,Input".2
Bis zum heutigen Stand der Forschung gibt es keine allgemeingültige Lerntheorie.
So ist in jeder Spracherwerbstheorie einerseits nach positiven Aspekten zu suchen und andererseits darf jedoch auch die kritische Reflexion nicht fehlen.
2.2 Hauptpositionen der Spracherwerbstheorien
Wir unterscheiden heute vier Hauptpositionen, die im folgenden dargestellt werden.
2.2.1 Nativistischer Ansatz
Nativistisch bedeutet von angeborenen Fähigkeiten ausgehend, d. h., dass jeder Mensch eine genetische Ausstattung zum Spracherwerb mitbringt, die durch die soziale Umwelt entfaltet und in eine bestimmte Richtung gelenkt wird.
Die meisten Vertreter dieser Theorie beziehen sich auf Chomsky und gehen davon aus, dass es einen angeborenen Apparat für die Sprachentwicklung gibt. Dieser ist der sog. Language acquisition device (LAD).
Der LAD enthält folgende Grundfähigkeiten:
ein Hypothesenbildungsverfahren, sprachliche Universalien sowie ein Hypothesenbewertungsverfahren.
Allgemein gehen die Nativisten davon aus, dass es eine kritische Periode gibt, in der der Spracherwerb stattfinden kann und muss.
Dies bestätigt sich einerseits durch die Kenntnis, dass Sprachstörungen bei Kindern in der Regel leichter und schneller zu beheben sind als bei Erwachsenen und andererseits, dass bei geistig und sprachlich retardierten Kindern die Sprachentwicklung in der Pubertät ,,einfriert".
Nach Lennebergs biologischer Argumentation gehört die Sprache zur Ausstattung des Menschen. Desweiteren geht er davon aus, dass die sprachliche Fähigkeit durch Kategorisierungsprozesse charakterisiert ist, d. h. auf dem Erkennen von Ähnlichkeiten und Unterschieden.
Der Mensch ist hierdurch in der Lage, auf verschiedene Stimuli verschieden zu reagieren. Diese Kategorien werden fortlaufend in spezifischere und umfassendere differenziert.
Die Sprachbereitschaft kann, so die Nativisten, jedoch nicht vor einem bestimmten Zeitpunkt auftreten und sie verschwindet weitestgehend nach einem bestimmten Zeitpunkt.
2.2.2 Lerntheoretischer Ansatz
Die Anhänger dieser Theorie gehen davon aus, dass das Sprachlernen aufgrund von Imitation erfolgt.
Kinder ahmen Laute, Wörter und Sätze ihrer Bezugspersonen nach, die von den Erwachsenen korrigiert werden und so den Nachahmungsprozess steuern.
Die Vertreter der lerntheoretischen Theorie beziehen sich vor allem auf B.F. Skinner, der mit seiner Theorie ,,Lernen am Erfolg" die Reiz-Reaktionsprozesse untersucht hat.
Besonders wichtig sind für das Erfolgslernen die positive und negative Verstärkung (Belohnung) nach einem zufällig erfolgreichen Akt. Wird ein Verhalten durch Belohnung verstärkt, so wird es anschließend wahrscheinlich erneut auftreten.
Folgendes Beispiel soll diesen Prozess verdeutlichen.
Ein Kind spielt mit dem Ball und artikuliert die Lautkette ,,Balla". Der Erwachsene, der dies hört wird den Ball nehmen, das Kind streicheln und die Lautkette wiederholen. Durch das Streicheln kommt es zu einer positiven Verstärkung und das Kind wird die Lautkette wahrscheinlich wiederholen, um erneut zu dieser positiven Verstärkung zu gelangen.
Im Gegensatz zu den positiven gibt es auch die negativen Verstärker. Bei diesen wird ein unangenehmer Reiz aus einer Situation entfernt. Dieses nennt man auch operante Konditionierung.
Im Gegensatz zu der operanten Konditionierung gibt es auch noch die klassische Konditionierung.
Diese geht auf Pawlow zurück, der Untersuchungen mit dem sog. Pawlowschen Hund gemacht hat.
Der Hund wurde trainiert auf gewisse Glockentöne mit Speichelabsonderung zu reagieren. Der Ton war das Signal, dass er Futter bekommt und die Speichelabsonderung war die Antwort auf das Signal. Dieser Vorgang, bei dem ein bedingter Stimulus (Glockenton) eine bedingte Reaktion (Speichelfluss) hervorruft wird klassische Konditionierung genannt.
Bezogen auf das Sprachlernen geht die Theorie des klassischen Konditionierens davon aus, dass die Wörter wie Reize wirken.
2.2.3. Kognitivistischer Ansatz
Kognitivistische Ansätze gehen davon aus, dass der Spracherwerb in engem Zusammenhang mit der kognitiven Entwicklung steht.
Die Frage ist also, wie sehr diese beiden Kriterien voneinander abhängen. Innerhalb des kognitivistischen Ansatzes herrschen zwei Positionen vor.
Die erste Position geht davon aus, dass vor dem Spracherwerb bestimmte kognitive Strukturen vorhanden sein müssen, d. h., dass bestimmte kognitive Strukturen als Voraussetzung für den Spracherwerb angesehen werden.
Die zweite Position geht jedoch davon aus, dass zunächst eine differenzierte Sprachstruktur vorhanden sein muss, um auch die kognitiven Erfahrungen weiterzubilden.
Nennenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Sapir-Whorf-Hypothese, welche besagt, dass man sich nur das sprachlich vorgeformte und strukturierte vorstellen, und danach denken und planend handeln kann.
Diese Hypothese ist besonders auf Wilhelm von Humboldt zurückzuführen.
Ebenfalls bedeutungsvoll sind in diesem Zusammenhang die Untersuchungen von PIAGET.
Nach Piaget verläuft die Entwicklung nicht kontinuierlich, sondern er unterscheidet zwischen verschiedenen Stadien der Entwicklung, die jedes Kind zur etwa gleichen Zeit durchläuft. Nach Piaget sind vier Phasen zu unterscheiden:
1. Sensomotorische Phase (0-24 Mon.)
In dieser Phase ist das Denken an praktisches Handeln gebunden.
2. Präoperationale Phase (2-7 Jahre)
In diesem Stadium kommt es zu der Bildung von Vorbegriffen, die jedoch nicht verbalisiert werden. Die Kinder sind nicht in der Lage logische Begründungen zu liefern und es liegt eine Irreversibilität des Denkens vor.
3. Phase der konkreten Operationen (7-12 Jahre)
Das logische Denken ist zunächst an Anschauung gebunden. Es kommt zur Bildung des Invarianzbegriffes und zu einer Reversibilität des Denkens.
4. Phase der formalen Operationen (ab 12. Lebensjahr)
Es kommt zu einer Ausreifung der vorherigen Phasen. Aufgaben können nun planvoll und zielgerichtet gelöst werden und die Kinder sind in der Lage, logische Schlussfolgerungen auf abstrakter Ebene zu ziehen.
Beim Übergang in eine neue Phase kommt es, laut Piaget, durch Anwendung aller Sinne zu einer grundlegenden Neuorganisation der bisherigen Konstruktion und Interpretation der Welt.
2.2.4 Interaktionistischer Ansatz
Die Interaktionistischen Ansätze gehen davon aus, dass die entscheidenden Anstöße zum Spracherwerb und zur Sprachentwicklung von der wechselseitig aufeinander bezogenen Tätigkeit ausgehen, die zwischen primärer Bezugsperson und Kind stattfindet. Ein kommunikatives Handeln des Kindes ist demnach Voraussetzung und Motor jeder sprachlichen Entwicklung.3
Bereits in den ersten Lebenswochen eines Babys kommt es zur sozialen Interaktion zwischen Bezugsperson und Kind. Schon früh entstehen rhythmische und reziproke Muster wie z. B. Blickkontakt aufbauen und vermeiden sowie Vokalisieren und Nicht-Vokalisieren. Das Kind lernt nach diesem Ansatz seine Muttersprache, indem es in konkreten Interaktionssituationen entsprechend handelt.
3. Stufen der kindlichen Sprachentwicklung
3.1 Übersicht

(nach: Grimm, Hannelore und Engelkamp, Johannes: Sprachpsychologie - Handbuch und Lexikon der Sprachpsychologie, Handbücher zur Sprachwissenschaft und Sprachdidaktikk, Band 1. Berlin: E. Schmidt Verlag 1981, S. 123):
3.2 Vorstufen des Spracherwerbs
Der Spracherwerb beginnt nicht mit dem Hervorbringen des ersten gesprochenen Wortes, sondern er beginnt mit der Geburt, da von nun an Beziehungen zu Bezugspersonen aufgebaut werden.
Schon ab dem 2./3. Lebensmonat sind artikulatorische Aktivitäten zu beobachten.
Zunächst beginnen die Säuglinge Gurrlaute hervorzubringen. Dieser ,,Gurrphase" schließt sich etwa mit dem 6./7. Lebensmonat die ,,Lallphase" an.
In dieser Phase versucht das Kind gezielt, Laute hervorzubringen. Besonders häufig tauchen in dieser Zeit Reduplikationen, d. h. Wiederholungen von Konsonant und Vokal wie z. B. dada, nana, bebe auf.
3.3 Einwortäußerungen
Zwischen dem 10. und 12. Lebensmonat beginnen Kinder, Silben und Silbenkombinationen bewusst als sinntragende Äußerung zu verwenden.
Das Kind verwendet gezielt Wörter aus verschiedenen Wortklassen der Erwachsenensprache.
Unter Einwortäußerungen werden keine ganzen Sätze verstanden, aber man kann sie im Verlauf dieser Phase als Vorformen bestimmter Sprechhandlungen verstehen.
Lenneberg nennt diese Einwortäußerungen ,,primitive syntaktische Einheiten".
3.4 Die Zweiwortphase
Diese Phase setzt etwa zwischen dem 16. und 20. Lebensmonat ein.
Die sprachlichen Möglichkeiten werden nun differenzierter. Unter diesem Aspekt sei die sog. ,,Angelpunkt-Struktur" oder auch ,,Pivot-Grammatik" erwähnt.
Die Pivot-Grammatik gehört zum generativen Typ der Grammatikmodelle,
d. h. ihr Ziel ist es, die Mechanismen der Satzerzeugung und dadurch die linguistische Kompetenz des Kindes in diesem Stadium aufzuweisen4.
Man unterscheidet zwei verschiedene Kategorien von Wörtern.
Die erste Gruppe umfasst nur wenige Wörter, wie z. B. da, auf, rein, ab, auch, mehr, will, kein, haben.
Diese werden als Angelpunktwörter (Pivots) bezeichnet, da sie anscheinend die Dreh- und Fixpunkte der Zweiwortkonstruktionen darstellen.5
Die zweite Klasse ist die offene Klasse. Die Wörter der offenen Klasse werden mit den Pivots kombiniert. In dieser Klasse sind mehr Elemente enthalten und es kommen auch stets neue Wörter hinzu. Im Gegensatz dazu bleibt die Zahl der Pivots gleich.
Die Pivots werden in 3 Gruppen unterteilt:
¬ Wörter, die nur in Anfangsposition stehen, z. B. normal balla, auch male
¬ Wörter, die nur in Endstellung stehen, z. B. balla habe, sauber mache
¬ Wörter, die beide Positionen einnehmen, z. B. kleines balla.
Durch diese Zusammensetzungen werden eine Vielzahl von Möglichkeiten für die Kinder möglich, sich auszudrücken.
Allerdings entsteht für den zuhörenden Erwachsenen ein Interpretationsproblem, da durch die Zweiwortäußerungen mehrere Bedeutungsmöglichkeiten entstehen. Um dieses Problem zu reduzieren, muss vor allem der situative Kontext berücksichtigt werden.
Weiterhin ist in diesem Zusammenhang zu sagen, dass es erhebliche Unterschiede zwischen den Kindern in Bezug auf die Schnelligkeit des Erlernens dieser Sprachstrukturen gibt.
Dadurch wird deutlich, dass Kinder unterschiedliche Sprachentwicklungsraten haben.
3.5 Drei- und Mehrwortphase
An die Phase der Zweiwortäußerungen schließt sich die Drei- und Mehrwortphase an.
Hierbei werden die meisten Flexionsmorpheme erlernt und die Syntax der Kinder wird komplexer. Dies ist im allgemeinen die Zeit zwischen dem zweiten und dem vierten Lebensjahr.
Mit dieser Steigerung ist das Kind bereits in der Lage, auf eine Person, einen
Gegenstand und einen Ort klar hinzuweisen. Die Intention der sprachlichen Äußerung ist somit eindeutiger zuzuordnen.
Kennzeichnend für diese Phase ist das Auslassen von Artikeln, Hilfsverben, Konjunktionen und Präpositionen - unabhängig von der zu erwerbenden Sprache.6
Ein Beispiel wäre z. B. Mama Teddy Boden oder Mama holen Teddy.
Infinitivformen von Verben treten schon recht früh in der Sprachentwicklung des Kindes auf. Verben zur Äußerung eines Wunsches, einer Bitte oder einer Aufforderung sind dabei besonders häufig vertreten.
Als nächste Verbform erscheint das Part. Perfekt in einer zunächst noch phonetisch defekten Form.
Beispiele wären z. B. puttemacht, aufemacht...
Das Part. Perfekt wird bei schwachen Verben recht schnell von den Kindern erlernt. Im Gegensatz dazu kann es Jahre dauern, bis sie auch die Partizipien der starken Verben sicher beherrschen.
Im Laufe des dritten Lebensjahres werden die übrigen Personalformen erworben.
Gleiches gilt für das Erlernen der 2. Person Singular und Plural.
Bei dem Erwerb der Tempusformen sind keine eindeutigen Regeln zu erkennen.
Der Imperativ Singular wird jedoch recht früh beherrscht und ersetzt den in der Zweiwortphase benutzten Infinitiv.
Recht spät wird im Gegensatz dazu das Konjunktiv I erlernt, was sogar bis zum Ende der Grundschulzeit große Probleme bereiten kann.
Wichtig erscheint in der Kinderspracheforschung auch der Erwerb der Nominalflexion.
Unter Nominalflexion wird die Deklination der Substantive, Artikel, Pronomen und Adjektive verstanden.
Schon in der Zweiwortphase treten Äußerungen mit Pluralformen auf, die jedoch noch fehlerhaft sind. Um die Pluralformen zu erlernen ist eine recht lange Zeitspanne nötig, welche oft bis weit in die Schulzeit hineinreicht.
Insgesamt kann gesagt werden, dass das grammatische Geschlecht der Substantive schnell und weitgehend fehlerlos erworben wird.
Ebenso verhält es sich mit den Verbkonjugationen.
Im Gegensatz dazu verläuft der Erwerb der Kasusmarkierungen langsam und mit vielen Fehlern. Dabei kommt es am häufigsten zu einer Übergeneralisation von Nominativ und Akkusativ.
Auch die Plural- und Vergangenheitsform werden oft übergeneralisiert.
Weiterhin werden in der Dreiwortphase die Vergangenheits- und Zukunftsformen sowie auch die wesentlichen Verbstellungen des Deutschen erworben.
Die Verneinung und die Fragen werden in dieser Form formal korrekt markiert.7
3.6. Komplexe Strukturen
Im Verlauf seiner weiteren Entwicklung baut das Kind sein sprachliches System weiter aus und ist befähigt, seine Wünsche und Intentionen mit Hilfe der Sprache exakt zu formulieren. Die Sprache wird durch die wachsenden grammatikalischen Fähigkeiten kontextunabhängig. Der genaue Gebrauch der Grammatik ist dabei, im Vergleich zu den vorherigen Stadien der Sprachentwicklung, jedoch stark von der jeweiligen Sprache abhängig.8
D. h., dass wenn z. B. das Englisch sprechende Kind das Pluralsystem etwa im Alter von sechs Jahren beherrscht, ist das Arabisch sprechende Kind ca. 14 Jahre alt, wenn es das sehr viel kompliziertere Pluralsystem seiner Sprache anwenden kann.
Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass in der Phase der komplexen Strukturen die Satzgefüge mit verschiedenen Arten von Nebensätzen und das Passiv auftreten.
4. Methoden für die Beschreibung der Kindersprache
Gewöhnlich werden in der Pädolinguistik zwei Verfahrensweisen unterschieden.
Zum einen die aus den Naturwissenschaften kommenden analytischen Methoden und zum anderen die vor allem in den Geisteswissenschaften verwendeten nicht-analytischen Verfahren.
Die analytische Methode wird besonders von Linguisten, Mathematikern und formalen Logikern angewandt, während die nicht-analytischen Verfahren von Phänomenologen und Hermeneutikern bevorzugt werden.
Weiterhin wird zwischen der Induktion und der Deduktion unterschieden.
Die Induktion führt von dem Besonderen auf das Allgemeine. Die Reihenfolge der einzelnen auszuführenden Schritte sind: Beobachtung·Aussagen über das Beobachtbare· Hypothesen· Gesetz · Theorie.
Die Deduktion verläuft genau entgegengesetzt zur Induktion. Sie führt vom Allgemeinen auf das Besondere. Die Reihenfolge der einzelnen auszuführenden Schritte sind: Theorie· Gesetz· Hypothesen· Aussagen über das Beobachtbare· Beobachtung.
Wichtig für die Pädolinguistik ist, dass sie von der Wirklichkeit auszugehen hat. Diese Wirklichkeit kann, je nach Alter des Kindes auch durch Experimente, Befragungen und Tests geschaffen werden.
Anschließend muss die Wahl der Methode oder Methodenkombinatorik den jeweiligen Fragestellungen angepasst werden und nicht umgekehrt.
Für die Pädolinguistik scheint eine Verbindung von analytischer und nicht-analytischer Verfahrensweise ein fruchtbarer Weg zu sein.
Um richtige Ergebnisse und Begründungen zu finden, ist es unumgänglich für diese Wissenschaft, sich mit den Methodenfragen und Forschungstechniken auseinanderzusetzen.
Schluss
Wie ich im vorherigen Teil veranschaulicht habe, ist das Thema ,,Spracherwerb beim Kind" ein zunächst recht wissenschaftliches Thema. Es ging zunächst um eine geschichtliche Einführung der Pädolinguistik. Anschließend habe ich die Spracherwerbstheorien sowie die Stufen der Sprachentwicklung dargelegt.
An diese schlossen sich die Methoden für die Beschreibung der Kindersprache, ein ebenfalls sehr theoretisches Thema, an.
Aus diesem Grund hörte sich das Thema ,,Spracherwerb beim Kind" für mich zunächst nicht so interessant an.
Allerdings habe ich meine Meinung stark ändern müssen.
So sind mir doch im Laufe meiner Arbeit viele neue interessante und informative Sachverhalte begegnet.
Die von mir durchgearbeiteten Bücher haben mir sehr dabei geholfen, mir neue Perspektiven zu öffnen und mein neues Wissen in meiner Arbeit anzuwenden.
Weiterhin halte ich es auch für sehr wichtig, als angehende Grundschullehrerin über die genaueren Sachverhalte des Spracherwerbs Bescheid zu wissen.
So ist es doch unsere Aufgabe, den Kindern unter anderem die deutsche Sprache zu lehren. Wie aber können wir jemandem die deutsche Sprache nahe bringen, wenn wir nicht wissen, wie sich der Spracherwerb überhaupt vollzieht.
Auch aus diesem Grund finde ich es sehr wichtig, sich mit den recht trockenen Theorien zu beschäftigen.
Am Ende meiner Arbeit musste ich mich nun fragen, wie sich der Spracherwerb des Kindes vollzieht.
So kam mir besonders problematisch vor, mich einer der vier Spracherwerbstheorien anzuschließen, da bei jeder der vorgestellten Positionen Vor- sowie auch Nachteile zu erkennen sind.
Jede der Theorien lässt sich in eine wissenschaftliche Richtung einordnen, wobei ich mich für keine der genannten habe eindeutig entscheiden können.
Ich denke, dass jede der Theorien Sachverhalte aufzeigt, die für den Spracherwerb nötig sind.
Deshalb werden wohl auch in Zukunft viele weitere Untersuchungen durchgeführt werden. Dies halte ich für besonders wichtig, da sich die Lebensumstände in den letzten Jahren stark gewandelt haben und somit auch das soziale Umfeld, was meiner Meinung nach starken Einfluss auf den Spracherwerb hat.
Untersuchungen in dieser Richtung halte ich für unumgänglich, um Lehrern/innen die geänderten Situationen vor Augen zu führen, damit diese entsprechend reagieren und handeln können.
Die Lebensumstände der heutigen Kinder haben einen starken Wandel durchgemacht und erfordern von Seiten der Pädagogen viel Einfühlungsvermögen und die Kenntnisse über wissenschaftliche Erfahrungen.
Literaturverzeichnis
GRIMM, Hannelore und ENGELKAMP, Johannes: Sprachpsychologie -
Handbuch und Lexikon der Sprachpsychologie, Handbücher zur
Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik, Band 1, Berlin, E. Schmidt Verlag,
1981
HÖRMANN, Hans: Einführung in die Psycholinguisik. Dritte unveränderte
Auflage, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1991
OKSAAR, Els: Spracherwerb im Vorschulalter: Einführung in die Pädolingustik,
2., erw. Aufl., Stuttgart; Berlin; Köln; Mainz: Kohlhammer, 1987
SZAGUN, Gisela: Sprachentwicklung beim Kind, Beltz Taschenbuch, Weinheim
und Basel, 2000
VOLMERT, Johannes(Hrsg.): Grundkurs Sprachwissenschaft: eine Einführung in
die Sprachwissenschaft für Lehramtsstudiengänge, Wilhelm Fink Verlag
GmbH & Co. KG, München 1995
Arbeit zitieren:
Astrid van Reine, 2001, Spracherwerb beim Kind, München, GRIN Verlag GmbH
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Spracherwerb beim Kind.
Leider bietet diese Arbeit nur eine sehr oberflächliche Bearbeitung des Themas, in der vor allen Dingen die sozialen Bedingungen der mit dem Spracherwerb einhergehenden Kognitionsentwicklung überhaupt nicht thematisiert werden. Die schwierige Frage des sog. exzentrischen Stadiums (Wygotzki/ Piaget) bis zum ca. 2. Lebensjahr wird überhaupt nicht berührt, wie auch z.B. Jacobson mit seiner Theorie der Entwicklung der lautlichen (phonetischen) Differenzierung im Verlauf des (semantischen) Spracherwerbs eigentlich nichts zur Frage der kognitiven Entwicklung beitragen kann. Eine etwas detailliertere Ausführung wäre wünschenswert gewesen. Zu allgemein, kaum verwertbar und erst recht keine kritische Auseinandersetzung. Leider.
am Monday, March 04, 2002-