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Inhaltsverzeichnis:
EINLEITUNG:................................................................................................3
TEXT:...............................................................................................................4
SALLUST JUG 15-16...........................................................................................................................4
SALLUST CAT 10 5
ÜBERSETZUNG: 5
SALLUST JUG 15-16...........................................................................................................................5
SALLUST CAT 10................................................................................................................................7
DER AUTOR UND SEIN WERK: 8
EINORDNUNG DES TEXTES IN DEN ZUSAMMENHANG: 9
INTERPRETATION UND ANALYSE: 10
SALLUST CAT 10..............................................................................................................................10
SALLUST JUG 15-16.........................................................................................................................12
LITERATURVERZEICHNIS:....................................................................15
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Einleitung:
Das Herausarbeiten des Geschichtsbildes Sallusts unter Zuhilfenahme der beiden Textstellen scheint am sinnvollsten da anzusetzen zu sein, wo es als Ganzes am klarsten erkennbar ist. Denn er war „der erste Römer, der die
Geschichte seines Volkes als ein Ganzes erfaßt“ hat 1 . Es ist seine
Arbeitsweise, die ihn als Geschichtsschreiber auszeichnet, und die er verfolgt um seine Argumentationsstränge besonders deutlich und einleuchtend zu machen; d.h. er geht von einem allgemeinen, wenn auch hypothetischen, Prinzip aus, welches den gesamten geschichtlichen Ablauf bestimmt und belegt dieses an einem Exemplum, in dem er schrittweise ins Detail geht, bis er an Einzelpersonen gerät, die er schwarz-weiß-malerisch mit Hilfe seiner sittlichen Auffassung als eindeutig gut oder eindeutig schlecht charakterisiert. Aufgrund dessen ist es angemessen mit der Auswertung der Catilinastelle zu beginnen, da sie, obgleich sehr allgemein und knapp gehalten, die wichtigsten Kerngedanken und Schlagworte Sallusts zum Ablauf der römischen Geschichte enthält.
Im Folgenden werde ich mich mit der Jugurthastelle befassen, in der Sallust seine geschichtlichen Prinzipien zur Bewertung der Situation benutzt. In diesem Fall ist es die, von Sallust als Grundstoff allen Übels verteufelte, avaritia, die Jugurtha Tür und Tor für seine Manipulationen öffnet und so der Durchsetzung des Unrechts in Numidien Vorschub leistet. Eindrucksvoll faßt Sallust diese Schwäche Roms mit dem berühmt gewordenen Ausspruch Jugurthas zusammen, den dieser getan haben soll als er Rom beim Verlassen Italiens den Rücken gekehrt hatte: „ O urbem venalem et mature perituram, si
emptorem inveneret.“ 2
1 C. Koch, Roma aeterna, G59, 1952, S. 202
2 „O käufliche und dem Untergang geweihte Stadt, wenn sie einen Käufer findet!“, Sallust,
Jug. 35,10
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Text:
Sallust, Jug. 15-16
Postquam rex finem loquendi fecit, legati Iugurthae largitione magis quam causa freti paucis respondent: Hiempsalem ob saevitiam suam ab Numidis interfectum, Adherbalem ultro bellum inferentem, postquam superatus sit, queri, quod iniuriam facere nequivisset. Iugurtham ab senatu petere, ne se alium putarent, ac Numantiae cognitus esset, neu verba inimici ante facta sua ponerent. Deinde utrique curia egrediuntur. Senatus statim consulitur. Fautores legatorum, praeterea senatus magna pars gratia depravata Adherbalis dicta contemnere, Iugurthae virtutem extollere laudibus; gratia, voce, denique omnibus modis pro alieno scelere et flagitio, sua quasi pro gloria, nitebantur. At contra pauci, quibus bonum et aequum divitiis carius erat, subveniundum Adherbali et Hiempsalis mortem severe vindicandam censebant, sed ex omnibus maxume Aemilius Scaurus, homo nobilis, inpiger, factiosus, avidus potentiae, honoris, divitiarum, ceterum vitia sua callide occultans. Is postquam videt regis largitionem famosam inpudentemque, veritus, quod in tali re solet, ne polluta licentia invidiam adcenderet, animum a consueta lubidine continuit. Vicit tamen in senatu pars illa, quae vero pretium aut gratiam anteferebat. Decretum fit, uti decem legati regnum, quod Micipsa obtinuerat, inter Iugurtham et Adherbalem dividerent. Cuius legationis princeps fuit L. Opimius, homo clarus et tum in senatu potens, quia consul C. Graccho et M. Fulvio Flacco interfectis acerrume victoriam nobilitatis in plebem exercuerat. Eum Iugurtha, tametsi Romae in amicis habuerat, tamen accuratissume recepit, dando et pollicendo multa perfecit, uti fama, fide, postremo omnibus suis rebus commodum regis anteferret. Relicuos legatos eadem via adgressus plerosque capit, paucis carior fides quam pecunia fuit. In divisione, quae pars Numidiae Mauretaniam adtingit, agro virisque opulentior, Iugurthae traditur; illam alteram specie quam usu potiorem, quae portuosior et aedificiis magis exornata erat, Adherbal possedit.
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Sallust, Cat.10
Sed ubi labore atque iustitia res publica crevit, reges magni bello domiti, nationes ferae et populi ingentes vi subacti, Carthago, aemula imperi Romani, ab stirpe interiit, cuncta maria terraeque patebant, saevire fortuna ac miscere omnia coepit. Qui labores, pericula, dubias atque asperas res facile toleraverant, iis otium divitiaeque, optanda alias, oneri miseriaeque fuere. Igitur primo pecuniae, deinde imperi cupido crevit: ea quasi materies omnium malorum fuere. Namque avaritia fidem probitatem ceterasque artis bonas subvortit; pro his superbiam, crudelitatem, deos neglegere, omnia venalia habere edocuit. Ambitio multos mortalis falsos fieri subegit, aliud clausum in pectore, aliud in lingua promptum habere, amicitias inimicitiasque non ex re, sed ex commodo aestumare, magisque voltum quam ingenium bonum habere. Haec primo paulatim crescere, interdum vindicari; post, ubi contagio quasi pestilentia invasit, civitas immutata, imperium ex iustissumo atque optumo crudele intolerandumque factum.
Übersetzung:
Sallust, Jug. 15-16
Nachdem der König seine Rede beendet hatte, antworteten die Legaten Jugurthas, weil sie sich mehr auf ihre Bestechung als auf die gute Sache verließen, mit wenigen Worten: Hiempsal sei wegen seines Ungestüms von Numidern umgebracht worden. Adherbal habe den Krieg grundlos vom Zaun gebrochen und beschwere sich nun, nachdem er besiegt worden war, weil er kein Unrecht habe begehen können. Jugurtha bitte den Senat, daß sie nichts anderes glauben sollten, als was noch von Numantia bekannt sei. Sie sollten nicht die Worte des Feindes vor seine Taten stellen. Daraufhin verließen beide Parteien das Senatsgebäude. Hierauf trat der Senat in die Beratung ein. Die Begünstiger der Legaten und außerdem ein großer Teil des Senats, der durch die Gefälligkeiten verführt worden war, äußerten sich abfällig über das Gesagte des Adherbal, Jugurthas Leistungen dagegen priesen sie mit
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Lobesworten. Mit Freundlichkeit, Redekunst und schließlich mit allen Mitteln setzten sie sich für die verbrecherische Schandtat eines Fremden, wie für die eigene Ehre, ein. Aber (nur) wenige stimmten dagegen, denen Tugend und
Recht teurer als Reichtum waren 3 , und (stimmten statt dessen) dafür,
Adherbal beizustehen und den Tod Hiempsals hart zu bestrafen. Am lautesten aber von allen tat dies Aemilius Scaurus, ein adliger Mann, der unermüdlich in Parteien engagiert war, dem es aber auch nach Macht, Ehre und Reichtum verlangte, der aber im übrigen seine Fehler geschickt verbarg. Nachdem er die anrüchige und schamlose Bestechung des Königs gesehen hatte, zügelte er seinen Trieb von der gewohnten Gier, weil er das fürchtete, was in solchen Situationen zu geschehen pflegt, nämlich daß die schmutzige Frechheit Neid entfache.
Im Senat siegte dennoch jene Partei, die Geld oder Gunst der Wahrheit vorzog. Es wurde der Beschluß gefaßt, daß zehn Legaten das Reich, das Micipsa besessen hatte, zwischen Jugurtha und Adherbal aufteilen sollten. Anführer dieser Gesandtschaft wurde L. Opimius, ein berühmter und damals im Senat einflußreicher Mann, weil er als Konsul nach der Ermordung des C. Gracchus und des M. Fulvius Flaccus auf äußerst rücksichtslose Weise den Sieg des Adels gegen das Volk ausgenutzt hatte. Diesen empfing Jugurtha, obschon er ihn in Rom zu seinen Feinden zählte, dennoch mit ausgesuchter Höflichkeit und erreichte viel mit Geschenken und Versprechungen, so daß dieser das Interesse des Königs höher als seinen Ruf, seine Redlichkeit und schließlich all seine Angelegenheiten anschlug. Die übrigen Legaten bearbeitete er auf die gleiche Weise und gewann die meisten für sich. Nur wenigen war ihre Redlichkeit wichtiger als das Geld. Bei der Landaufteilung wurde Jugurtha der Teil Numidiens zugesprochen, der an Mauretanien angrenzt und der reicher an Ackerland und Menschen war. Adherbal nahm den zweiten Teil in Besitz, der mehr dem äußeren Anschein als dem wahren Nutzen nach wertvoller war, und der mehr Häfen und prachtvollere Gebäude hatte
3 eigtl. Singular
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Sallust, Cat. 10
Sobald jedoch der Staat durch Mühe und Gerechtigkeit gewachsen, große Könige im Krieg gezähmt, wilde Stämme und ungeheuer große Völker mit Gewalt unterjocht worden waren und Karthago, die Rivalin des römischen Volkes, mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden war, standen alle Meere und Länder offen, und das Schicksal begann zu wüten und alles in Unordnung zu bringen. Diejenigen, die Mühsalen, Gefahren, verzweifelte und harte Situationen leicht gemeistert hatten, denen brachten Frieden und Reichtum, sonst durchaus erstrebenswerte Dinge, Belastung und Unglück. Es wuchs also zuerst die Gier nach Geld, dann nach Macht: Sie war gleichsam die Wurzel allen Übels. Denn die Habgier untergräbt Treue, Rechtschaffenheit und alle anderen guten Eigenschaften; statt dessen lehrte sie Hochmut, Grausamkeit, die Götter zu verachten und alles für käuflich zu halten. Der Ehrgeiz ließ viele Menschen Heuchler werden, das eine in der Brust verschlossen, das andere offen auf der Zunge tragend, er lehrte Freund- und Feindschaften nicht nach dem inneren Wert, sondern nach dem äußeren Vorteil zu bewerten und eher eine gute Miene als einen guten Charakter zu zeigen. Dies wuchs am Anfang allmählich und wurde bisweilen geahndet. Später aber, sobald der schlechte Einfluß einer Seuche gleich eindrang, änderte sich die Bürgerschaft, und aus einer äußerst gerechten und guten Herrschaft wurde eine grausame und unerträgliche gemacht.
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Der Autor und sein Werk:
Über kaum einen anderen Geisteswissenschaftler dieser Zeit sind so viele Quellen vorhanden wie über Gaius Sallustius Crispus, da er nicht sein ganzes Leben der Geschichtsschreibung gewidmet hatte, sondern schon frühzeitig politisch tätig war, und man im allgemeinen nur politisches Handeln für über- lieferungswürdig hielt. So sind die wichtigsten Lebensdaten festgehalten. Im Jahre 86 v. Chr. in Amiternum, einem angesehenen plebejischen Geschlecht abstammend, geboren, erlebte er in seiner Jugend eine der bewegtesten Epochen der römischen Geschichte – einschließlich der Schreckensherrschaft Sullas, Spartakus, der Catilinarischen Verschwörung, des Triumvirats, Ciceros Verbannung und Caesars Konsulat – und stieg nach einer gründlichen Ausbildung als Anhänger der Popularen in die Politikerlaufbahn ein. In den Senat zog er 54 v. Chr. ein, wurde im folgenden Jahr zum Quästor gewählt und richtete sich nach Ablauf seiner Quästur als Volkstribun besonders gegen Cicero und Milo (52 v. Chr.). In dieser Zeit schrieb er sein erstes wichtiges Werk: die Invektive gegen Cicero, deren Echtheit – wahrscheinlich zu Un- recht – angezweifelt wird. Seit seinem Tribunat gilt er als brennender Anhän- ger Caesars und wurde wahrscheinlich aus diesem Grund, unter dem Vorwand sittlicher Verfehlungen, aus dem Senat ausgeschlossen (50 v. Chr.). Zwei Jahre später wurde er von Caesar erneut zum Quästor gemacht und vor dem Senat rehabilitiert. Auch Caesar war es der ihn 46 v. Chr. zum Prätor mit pro- konsularischen Befugnissen in der neuen Provinz Africa ernannte. Dort berei- cherte er sich maßlos und errichtete nach seiner Rückkehr, finanziert durch die angeeigneten Reichtümer, die bekannten „Horti Sallustiani“ (Sallustische Gärten). Nach der Ermordung Caesars zog er sich aus dem politischen Leben zurück und widmete sich ganz der Geschichtsschreibung. Er starb im Jahr 35 v. Chr.. Daß Sallust in seinem Leben nicht den strengen sittlichen Ansprüchen gerecht wurde, die er in seinen Hauptwerken „De coniuratione Catilinae“ und „bellum Iugurthinum“ an die menschliche virtus stellt, zeigen seine Aus- stoßung aus dem Senat und seine Proömien, in denen er sittliche Ausschwei- fungen bekennt.
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Einordnung des Textes in den Zusammenhang:
Der vorliegende Text entstammt Sallusts Werk „Bellum Jugurthinum“, das den
Krieg Roms mit Numidien 4 beschreibt. Sallust benannte es nach Jugurtha, der mit seiner Usurpation des numidischen Thrones die Römer zur Intervention zwang.
In den vorangehenden Kapiteln 5 der Textstelle beschreibt Sallust den Aufstieg Jugurthas, der seine Jugend am Hofe seines Onkels Micipsa, des Königs von
Numidien verlebt. Diesen beunruhigt er jedoch durch seine außerordentliche
Tüchtigkeit. Da Micipsa in dem kraftvollen jungen Mann Gefahr für seine eigenen
unfähigen Söhne wittert, sendet er Jugurtha in den Numantinischen Krieg, in dem
er sich entgegen den Erwartungen vielfach verdient macht, großen Ruhm beim
verbündeten römischen Volk erlangt und sogar die tiefe Sympathie des Publius
Scipio findet. Nach der Rückkehr des von allen Seiten gelobten Neffen ist Micipsa
voller Stolz, adoptiert Jugurtha und setzt ihn neben seinen beiden leiblichen
Söhnen Hiempsal und Adherbal als Erben ein. Nach dem Tod Micipsas verfallen
die Brüder schnell in Streit mit Jugurtha, so daß eine Aufteilung des Reiches
unausweichlich scheint. Dieser läßt nach Provokationen Hiempsal ermorden. Die
Nachricht von dem schweren Verbrechen befällt das Volk wie ein Schrecken und
spaltet das Land in zwei Parteien. Adherbal sendet Legaten zur Benachrichtigung
des Senats nach Rom und muß nach der Entscheidung auf dem Schlachtfeld
geschlagen auch dorthin fliehen. Dies gibt Jugurtha die Möglichkeit sich ganz
Numidiens zu bemächtigen. Eine Intervention Roms befürchtend, sendet auch er
Legaten nach Rom, jedoch um dort ihm bekannte Adlige mit reichen
Schenkungen zu kaufen und diese dazu zu veranlassen die Senatoren zu seinen
Gunsten zu beeinflussen. Es wird eine Senatssitzung angesetzt, in welcher
Adherbal eine weitschweifende Rede hält, in der er das Eingreifen der Römer und
die Rächung seines Bruders fordert.
Im vorliegenden Kapitel wird die Reaktion der Legaten Jugurthas und der Se-
natoren auf die Rede Adherbals beschrieben.
4 111-105 v. Chr.
5 Sallust, Jug. 5-14
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Interpretation und Analyse:
Sallust, Cat. 10
Dies ist das Kapitel in dem Sallust die Ursachen der römischen Dekadenz allgemein, aber auf das Wesentliche reduziert (Brevitas), unter dem Aspekt der geschichtlichen Umstände analysiert. Er verzichtet in ihm auf die Nennung eines Exemplum, wie man es von ihm erwarten würde.
Mit der Zeit der labor atque iustitia ist die Zeit der Könige und maiores gemeint, die Sallust durchweg glorifiziert, da die ständige Angst vor dem von allen Seiten drohenden Feind (metus hostilis) die positiven Kräfte der virtus anregte. Die Verehrung Sallusts für die alte Zeit zeigt sich in der häufigen Benutzung archaischer Formen wie bei fuere (statt fuerunt 10,2) oder subvortit (statt subvertit 10,4). Die Leistung der Beseitigung dieser äußeren Bedrohung hebt Sallust besonders durch den Satzbau hervor. In dem parallel gebauten (reges magni – nationes ferae; bello domiti – vi subacti) und asyndetischen Trikolon steht als Höhepunkt die totale Vernichtung Karthagos (schöne Metapher: ab stirpe). Die Nachstellung der drei Attribute hält, um den Parallelismus nicht zu durchbrechen, Carthago die wichtige Stelle am Kolonanfang frei, wodurch Carthago an der Spitze der Climax zu stehen kommt.
Sallust sah das Jahr 146 mit der Zerstörung Karthagos nämlich als wichtiges
Epochenjahr der römischen Geschichte an 6 , da mit dem Fall des letzten
Feindes auch die metus hostilis und damit auch die Notwendigkeit zum politischen Konsens wegfiel. Danach konnte sich das Parteiunwesen ungehindert ausbreiten und schuf somit, vorrangig für die nobiles, den Nährboden für Macht- und Besitzstreben. Das Streben aller für die gemeinsame Sache wandelte sich so in das Streben eines jeden für sich selbst. Mit optanda alias gibt Sallust ein Beispiel seines einzigartigen paradoxen Stils: Die Grundlage für ein nach römischer Sicht lebenswürdiges Leben – nämlich vor allem divitiae- ist bei ihm die Ursache für das Unglück.
6 vgl. Jug. 41; dort befaßt Sallust sich noch detaillierter mit der Bedeutung der Zerstörung
Karthagos als Wendepunkt der römischen Geschichte.
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Igitur primo…fuere ist als der zentrale Satz des Stückes anzusehen, da Sallust vorrangig in seinen Werken die cupido pecuniae und ihr Pendant avaritia (Habsucht), später dann auch die cupido imperi oder ambitio (Machtstreben; Ehrgeiz), für den Verfall der res publica verantwortlich macht. Durch die Geichsetzung mit dem alliterierenden materies omnium malorum läßt er darüber keinen Zweifel aufkommen. Crevit drückt dagegen aus, daß diese zwar von Anfang an „keimhaft“ vorhanden waren, aber erst durch otium und divitiae „gewachsen“ sind. Im folgenden Satz personifiziert Sallust die avaritia, als ob sie ein tätiges Wesen sei. An die Stelle der fides tritt superbia, statt probitas hält crudelitas Einzug (Parallelismus). Auffallend ist auch die Variatio von zwei substantivischen (superbia; crudelitas) und zwei verbalen (neglegere; venalia habere) Objekten, welche die große Macht der avaritia in den verschiedenen Lebensbereichen (Religion; Politik) herausstellt.
Aber auch die ambitio wird als aggressiv und die Moral untergrabend personifiziert (doppelte Alliteration: multos mortalis falsos fieri klingt „zischelnd“) Auch typisch für Sallust: Der antithetische Aufbau (Schlagwort magis und chiastische Konstruktion) der drei Heucheleiformen.
clausum in pectore
in lingua promptum
Der Chiasmus zeigt, verbunden mit der Bildsprache, sehr schön das heuchlerisch Berechnende, das die Machtgier erzeugt. Auch hier werden die drei Glieder in ihrer Konstruktion variiert, wobei das dritte gravierendste Glied eine Folge des zweiten ist.
Mit crescere greift Sallust wieder sein Schema der allmählich beginnenden und immer rascher werdenden Dekadenz der res publica auf. Es folgt ein häufig benutzter, aber dennoch sehr schöner Vergleich: Der Vergleich der entsittlichenden Kräfte mit dem Eindringen einer Seuche bzw. eines Giftes.
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Sallust, Jug. 15-16
Sallust versucht in diesem Kapitel meinungsbildend auf den Leser
einzuwirken. Er stellt sich schützend vor den schwächeren Adherbal und seine
wenigen Begünstiger, verurteilt dagegen aber die, aus seiner Sicht
unsittlichen, Schenkungen Jugurthas und die für ihn skandalöse Korruption
der Senatoren. Er erreicht dies durch eine kunstvolle Konstruktion von
Antithesen.
Es muß hierzu gesagt werden, daß es für Rom nicht verpflichtend war ohne
Notlage in die internen Querelen in einem Klientenland einzugreifen, da das
patrocinium Roms 7 nur dem Schutz des Landes selbst galt. Auch war es
durchaus Usus von einem befreundeten Fürsten Geschenke entgegenzuneh-
men. Insofern konnte den Senatoren kein Rechtsbruch vorgeworfen werden. 8 Gleich zu Beginn macht Sallust jedoch seinen eigenen Standpunkt klar: Mit
der ersten Antithese largitione magis quam causa freti zeigt er dem Leser wie
er die Vorgehensweise Jugurthas beurteilt. Die Antwort der Legaten fällt
entsprechen kaltschnäuzig aus. Hiempsal war nämlich nicht von irgend-
welchen Numidern, sondern auf Befehl Jugurthas getötet worden, er ließ sich
sogar seinen Kopf überbringen. Den Krieg zu beginnen, um den Tod seines
Bruders zu rächen, kann nicht als grundlos, sondern muß wohl eher als die
Pflicht Adherbals bezeichnet werden. Nicht von der Hand zu weisen sind
dagegen Jugurthas große Verdienste im Numantinischen Krieg, die ihm
Adherbal gegenüber einen Vorteil im Senat verschaffen.
In 15,2 beginnt Sallust mit der antithetischen Aufteilung zwischen „gut“ und
„böse“. Der große Teil (magna pars) der Senatoren wird von Sallust seiner
Käuflichkeit wegen mit Schmähungen belegt: Die erste Antithese (dicta
contemnere ↔ virtus extollere) stellt ein abwertendes dicta einem sehr positiven virtus gegenüber. Es wird gefolgt von einem asyndetischen
Trikolon, welches in einer zweiten Antithese mündet, in der sua durch ein
Hyperbaton von gloria getrennt ist, um so besser den Gegensatz zu alieno
7 Seit dem Numatinischen Krieg waren Rom und Numidien socies (Verbündete).
8 vgl. E. Koestermann, Bel. Iug., S. 81
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hervorheben zu können. Alle Stilmittel in diesem Satz drücken das Handeln der Begünstiger Jugurthas gegen alles, was gut und gerecht ist aus.
Mit at contra läßt Sallust aber nun das „Pendel“ seiner Argumentation in einer weiteren Antithese auf die entgegengesetzte Seite schwingen. Denn denjenigen (pauci), die hingegen das Gute und Gerechte der Bereicherung vorziehen erteilt er als Moralist großes Lob. Ihre Forderungen werden durch die chiastische Stellung von subveniundum und vindicandam eingerahmt. Die nun folgende kunstvolle Charakteristik ist ein von Sallust oft benutztes Mittel, um Personen zu kategorisieren und ihre Beweggründe zu offenzulegen. So typisch aber für Sallust auch die Wahl der von ihm favorisierten moralischen Seite ist, so seltsam mutet nun die Wahl seines Exemplum an: Denn nach ex omnibus maxume wird der Hauptprotagonist nicht, wie zu erwarten wäre, mit Lob überhäuft, sondern mit gut gezielten „schnellen Schlägen“ bloßgestellt (Asyndeta erzeugen Brevitas) — ein weiteres paradoxes Umschwenken des sallustischen Argumentationspendels.
Mit factiosus und avidus potentia, honoris, divitiarum wird Scaurus als einer der, Sallust so verhaßten und der avaritia und ambitio verfallenen, nobiles hingestellt. Mit vitia sua callide occultans beschuldigt er ihn der (in Cat. 10 so verteufelten – clausum in pectore …) Heuchelei. Scaurus zügelt nämlich seine avaritia angesichts der schamlosen, schmutzigen Geschäfte, weil er instinktiv den Skandal „wittert“, den sie voraussichtlich auslösen werden. In quod in tali re solet besteht eine der Wendungen Sallusts, die seinen zunehmenden politischen und geschichtlichen Pessimismus ausdrücken, der ihn nach dem Tod Caesars zur Geschichtsschreibung getrieben hat.
Mit vicit tamen „schwenkt“ Sallust nun wieder antithetisch zur Gegenseite und gibt mit Bedauern kurz und knapp das Ergebnis des consilium bekannt. Erst jetzt wird der Sieg der depravati vor dem Hintergrund des Scaurus- Beispiels verständlich: Wie hätten sich die zahlenmäßig unterlegenen und von magna pars 15,2 und pars illa 16,1 „umzingelten“ boni gegen die korrumpierten Senatoren durchsetzen können, wo doch ihr stärkster Vertreter nicht aus eigener Überzeugung, sondern nur aus Angst vor gesellschaftlicher
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Ächtung handelt. Der durative Imperfekt anteferebat deutet an, daß avaritia und ambitio durchaus dauerhafte Eigenschaften der römischen Führungs- schicht waren.
Die folgende Charakteristik des Opimius folgt dem typischen sallustischen Schema. Denn mit dem anprangernden acerrume victoriam…exercuerat wird die vorangestellte durchaus positive Wertung clarus und potens sofort wieder verdeckt. Auch wird erahnbar woher diese potentia stammt.
Amicis 16,3 ist nur sinnvoll mit Feinde (inimicis) zu übersetzen, eine Abweichung, die vermutlich auf einen Fehler beim Abschreiben einer alten Handschrift zurückzuführen ist.
Das Asyndeton fama, fide steht hier parallel zu gratia, voce, und postremo parallel zu denique (beide 15,2). Es ordnet Opimius zusammen mit den plerique dem magna pars im Senat zu. Wogegen wieder antithetisch die pauci in der Kommission den pauci im Senat, und damit der pflichtbewußten Seite, entsprechen (vgl. carior fides quam pecunia fuit mit bonum et aequum divitiis carius erat 15,3).
Im Schlußvers, in dem die Ergebnisse der Gesandtschaft bekanntgegeben werden, stellt Sallust noch einmal einen Vergleich an. Den Teil, der Jugurtha zugesprochen wird, bewertet er als viel wertvoller und stellt ihn in Verhältnis zu dem Gebiet, das Adherbal erhalten soll. Mit der letzten, von prägnanter Kürze gekennzeichneten, Antithese des Kapitels: illam alteram specie quam usu potiorem stellt er abschließend die Ungerechtigkeit heraus, die bei der Grenzziehung gewaltet hat, heraus.
Im Ganzen ist Sallust die beachtliche Leistung gelungen als Moralist die Grundsätze, die er in seinen Proömien aber auch im Textbeispiel Cat. 10 aufstellt, auf die Einzelsituation zu übertragen, um so den Leser zu belehren, ihn auf falsches Verhalten hinzuweisen und den Verlauf der Ereignisse zu erklären. Das Catilinastück dagegen ist stark durch die defätistische Weltsicht Sallusts eingefärbt, gibt dem interessierten Leser aber die Gelegenheit den einzigartigen Stil Sallusts kennenzulernen, weil er ihn in diesem Stück besonders intensiv zur Geltung bringt
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Literaturverzeichnis:
Sallust, Bellum Iugurthinum und Auswahl aus den Historien (Text und
- Kommentar),Verlag Aschendorff, Münster 1971 Sallust, De coniuratione Catilinae, C. C. Buchners Verlag, Bamberg 1986
- Koestermann, Erich, C. Sallustius Crispus, Bellum Iugurthinum, Carl
- Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1971 Vretska, Konstantin, Studien zu Sallust Catilina, Wien 1955
- Büchner, Karl, Sallust, Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1982
-
Quote paper:
Tobias Wolf, 1999, Das Geschichtsbild des Sallust, Munich, GRIN Publishing GmbH
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