I Ging
`Das Buch der Wandlungen'
Referat
von Dirk Buesken
im Rahmen des Seminars
`Geschichte der klassischen chinesischen Philosophie'
S
oSe 1999
Inhalt
0. Einführung
1. Aufbau des I Ging
2. Zur Geschichte des I Ging
3. Philosophischer Hintergrund
4. Das I Ging als Weissage-/Orakelbuch
5. Psychologische Perspektiven
6. Literatur
0. Einführung
Das I Ging gilt von seinen Ursprüngen her als eines der ältesten Bücher der
Menschheit. Es ist schwierig bzw. unmöglich, seiner Vielschichtigkeit mit
sprachlichen Erläuterungsversuchen beizukommen, insofern kann hier nur ein
grober theoretischer Überblick und erster Anstoß zur eingehenderen Beschäftigung
gegeben werden. Das I Ging besteht aus 64 Hexagrammen oder ,,Bildern", in denen
sich ein intuitives Weltverständnis aufbaut, dessen zentraler Begriff die Wandlung
ist. Man kann das I Ging als ein Buch der Weisheit lesen, seine eigentliche
Faszination liegt aber sicherlich in seinem Gebrauch als Orakelbuch, das jedoch
nicht im Sinne einer Voraussage einer fest determinierten Zukunft mißverstanden
werden darf. Es zeigt vielmehr dem Fragenden verschlüsselt die Ent-
wicklungstendenz (s)einer Situation auf, also eine mögliche Richtung der
Wandlung. Insofern ist es eher ein Ratgeber als ein Orakelbuch, es empfiehlt
Handlungsweisen und Haltungen. Man kann folglich drei Hauptaspekte/-thematiken
des I Ging unterscheiden, die in dieser Einführung behandelt werden sollen : Das I
Ging als Buch der Weisheit / philosophisches System, das I Ging als Orakelbuch
und das I Ging als psychologischer Führer. Es gibt nicht eine Ebene, die das I Ging
ausmacht, erst die Gesamtheit von Wissen, Weisheit und Orakel macht es zu
einem eigentümlichen und besonderen Buch.
1. Aufbau des I Ging
Das I Ging (in seiner eigentlichen Substanz) besteht aus 64 Hexagrammen, die aus
einer kombinierten Linienfolge von sechs Yin - - bzw. Yang
Linien aufgebaut
sind. Man gelangt zu diesen 64 Linienabfolgen folgendermaßen : Zunächst gibt es
vier Kombinationsmöglichkeiten von Yin - - und Yang -- , wonach sich vier
Diagramme ergeben :
-- - - -- - -
-- - - - - --
Durch Hinzufügen eines weiteren Strichelements ergeben sich die acht
Linienkombinationen der sogenannten Trigramme, welche die Urzeichen darstellen.
Sie werden als Bilder dessen aufgefaßt, was im Himmel und auf der Erde (Makro-
und Mikrokosmos) vor sich geht. Sie sind in ständiger Wandlung begriffen, daher
bilden sie die Dinge nicht in ihrem Sein, sondern in ihrer Bewegungstendenz ab.
Nachfolgend eine Übersicht über die acht Urzeichen des I Ging und den
entsprechenden Eigenschaften, Bildern und analogen Familienpositionen :
Name Eigenschaft Bild Familie
--
-- Kien, das Schöpferische stark Himmel Vater
--
- -
- - Kun, das Empfangende hingebend Erde Mutter
- -
- -
- - Dschen, das Erregende bewegend Donner 1. Sohn
--
- -
-- Kan, das Abründige gefährlich Wasser 2. Sohn
- -
--
- - Gen, das Stillehalten ruhend Berg 3. Sohn
- -
--
-- Sun, das Sanfte eindringend Wind,Holz 1. Tochter
- -
--
- - Li, das Haftende leuchtend Feuer 2. Tochter
--
- -
-- Dui, das Heitere fröhlich See 3. Tochter
--
Aus Kombination der 8 Grundtrigramme untereinander entstehen die 64
Hexagramme.
Beispiel : 35. Hexagramm Dsin / der Fortschritt
6
5 - -
4
3 - -
2 - -
1 - -
Das Hexagramm unterteilt sich in ein unteres (Pos. 1,2,3) und ein oberes (Pos.
4,5,6) Trigramm, in diesem Falle also Li, das Haftende (oben) und Kun, das
Empfangende (unten). Man kann in dem obigen Beispiel nochmals zwei
Kernzeichen oder -trigramme ausmachen, also das Kernzeichen, das sich aus den
Positionen 2,3,4 bzw. 3,4,5 ergibt.
Die Deutung der Hexagramme ist ohne den Textzusatz äußerst schwierig.
Nachfolgend seien nur einige Deutungsregeln angedeutet : Eine Yang
Linie ist
,,korrekt" auf den Positionen 1,3,5, eine Yin - - Linie auf den Positionen 2,4,6
(Übereinstimmung mit den männlichen bzw. weiblichen Linienpositionen). Eine
,,korrekte" Lage muß allerdings nicht immer für die Deutung von Vorteil sein. Die
Positionen 2 und 5 sind auf das Trigramm bezogen jeweils zentral, ihnen kommt
eine besondere Bedeutung zu, wobei die Position 5 dem Herrscher entspricht und
die Position 2 dem Beamten. Die 1.,3.,5. Linie werden der 2.,4.,6. Linie als
übergeordnet betrachtet, ebenso gilt das Himmels- dem Erdtrigramm übergeordnet,
wobei desweiteren die Beziehung der Trigramme zueinander beachtet werden muß.
Das Lesen des Hexagrammes von unten nach oben wird in der Regel als (zeitlicher)
Fortschritt einer Situation gelesen.
Durch die beigefügten Urteile bekommen die Bilder und Symbole gleichsam Worte,
sie dienen dazu, die Bilder zumindest auf sprachlicher Ebene besser zu verstehen.
Allerdings sollte man sich in diesem Zusammenhang die Worte Wang Pi's (226-
249) in Erinnerung rufen : << Sobald man aber die Symbole erfaßt hat, können die
Worte vergessen werden, und sobald man die Ideen erfaßt hat, können die Symbole
vergessen werden. Wer sich hingegen an die Worte klammert, wird nie die Symbole
erfassen, und wer sich an die Symbole klammert, wird nie die Ideen erfassen. >>
In den beigefügten Kommentaren zum I Ging werden grundlegende Erläuterungen
gegeben zum besseren Verständnis des I Ging. Die Zeichen werden besprochen,
der Begriff der Wandlung, der tiefere Sinn des I Ging, kulturgeschichtliche
Zusammenhänge, das I Ging als Orakel etc.
Zusammenfassend haben wir also folgende wesentliche Elemente des I Ging :
- Die Zeichen : Tri-/Hexagramme
- Die Bilder der Hexagramme : z.B. Brunnen, Tiegel etc.
- Die Bildattribute der 8 Grundtrigramme (Eigenschaften, Wesen, Charakter)
- Die Urteile : erläuterndes, oftmals geschichtliches Material (Lieder, Bauernregeln
etc.)
- Die Kommentare (,,10 Flügel")
2. Zur Geschichte des I Ging
Das I Ging ist wie oben erwähnt (in Teilen) das älteste Buch Chinas. Seine
Entstehungsgeschichte erstreckt sich über ca. tausend Jahre und ist in ihrer
Heterogenität nur schwer und lückenhaft nachzuvollziehen. Immerhin reicht sie von
vor-rationaler Kultur zur reifsten Epoche der chinesischen Philosophie.
Es wird dem legendären Kulturheros Fu Hsi zugeschrieben, die ersten
Linienkomplexe entworfen zu haben. König Wen, der Begründer der Dschou-
Dynastie, soll diese dann ausgearbeitet haben. Man spricht von der doppelten
Geburt des I Ging : Der ,,natursichtig-archaischen" (Fu Hsi) und der ,,visonär-
wesenschauenden" (Wen-Wang). Die sogenannten ,,Zehn Flügel" (Haupt-
kommentare zum I Ging) sind in den letzten zwei Jahrhunderten v. Chr. entstanden,
zur Zeit der Han-Dynastie, als eine Welle kosmologischer Spekulationen über das
Land ging. Sie gelten als Produkt des Konfuzius bzw. seiner Schule, der sich
eingehend mit dem I Ging beschäftigt hat. Zwischen dem 3. und 10. Jahrhundert
wurde das I Ging durch den Vormarsch des Buddhismus in China in den
Hintergrund gedrängt und nur noch als ein mögliches System angesehen. Ab dem
10. Jahrhundert erfuhr das I Ging eine (neo-)konfuzianisch-moralisierende Inter-
pretation, wodurch der ethische Bezug des I Ging in den Vordergrund gerückt
wurde. Ab dem 18./19. Jahrhundert wurde das I Ging für Orakelzwecke
neubewertet, dessen Funktion es ja auch ursprünglich war. Die Rezeption im
Westen begann im frühen 18. Jahrhundert vorwiegend durch Jesuitenmissionare
und Geistliche, die um die hohe Stellung und Bedeutung des I Ging für die
chinesische Kultur wußten und ihm für ihre Zwecke den Stempel des
Monotheismus aufdrücken wollten, was bei genauer Interpretation aber nicht haltbar
war. Der entscheidende Impuls für die Rezeption im Westen war sicherlich die
Übersetzung des I Ging von Richard Wilhelm, sowie die Ausführungen C.G Jungs
zum I Ging, der mit Wilhelm in langjähriger freundschaftlicher Verbindung stand.
Durch den Mawangdui-Grabfund eines Originalmanuskriptes aus dem dem Jahre
1973 mußten die herkömmlichen Vorstellungen zum I Ging neu überdacht und
eingeordnet werden. In jüngerer Zeit ist der Versuch unternommen worden,
Parallelitäten zwischen dem I Ging und dem genetischen Code aufzuzeigen. Die 64
Hexagramme werden den 64 DNS-Mustern zugeordnet und als gleiche semantische
Symbolsysteme aufgefasst, die binäre und analoge Funktionen ver-
mischen/integrieren.
3. Philosophischer Hintergrund
Das I Ging stellt die älteste chinesische Philosophie dar, deren Urgrund die
Wechselwirkungen der beiden polaren Grundkräfte Yin und Yang sind. Sie werden
charakterisiert durch eine durchgezogene Linie (Yang) und eine unterbrochene Linie
(Yin). Das I Ging will die Welt nicht starr in ihrer Totalität erfassen, sondern in ihrer
(,,atmenden") Bewegung; Mensch und Natur, Subjekt und Objekt verfliessen in
vorwissenschaftlichem Denken ineinander. Das I Ging offenbart eine multi-
funktionale Grundformel des Wissens, es ist ein bildhaftes System des Lebens, das
auf ein weit gestecktes Feld unterschiedlicher Einzelbereiche wie menschliche
Bedürfnisse, Charakterdeutung, Gemeinschaftsleben und Überpersönliches
anwendbar ist. In diesem Sinne ist es ein komprimiertes und umfassendes
philosophisches Werk, das weite Bereiche der westlichen Philosophie auf die ihm
eigene Art und Weise abdeckt : Erkenntnistheorie, Ontologie, Ethik, Metaphysik.
Das Denken des I Ging ist nicht wie das westlichen Denken linear-kausalistisch,
sondern analog-strukturalistisch. Die ursprüngliche und auf die Wesenskraft der
Dinge bezogene Symbolik, die sich in den Bildern des I Ging ausdrückt, ist wie die
Dinge, aber nicht die Dinge selbst. Es stellt sich hier ein ähnliches philosophisches
Grundthema wie beispielsweise bei Platons Entwurf von Abbild und Urbild.
Ein weiteres philosophisches Thema des I Ging ist das Verhältnis von Freiheit und
Schicksal und damit auch die Frage nach der menschlichen Verantwortung. Das
Weltbild des I Ging ist nicht deterministisch, der Einzelne hat die freie Wahl, dem ,,I"
(dem natürlichen Gesetz der Wandlung) zu folgen oder auch nicht, er unterliegt
folglich nicht einem übergeordneten Schicksal. Im Rahmen der Wandlung ist er
Meister seines eigenen Schicksals, er kann also in Konformität mit der Wandlung
Einfluß auf das Geschehen nehmen und übernimmt damit Verantwortung. Im Strom
des ,,I" zu stehen ist natürliche Gegebenheit, diesen zu erkennen und ihm zu folgen
ist wiederum freie Wahl. Schicksal im I Ging bedeutet den Verlauf der Ereignisse,
wie er aus Elementen unserer Haltung resultiert. Wenn wir in Übereinstimmung mit
dem kosmischen Willen (der letztlich das natürliche Gesetz ist) handeln, so ist es
für uns segensreich. Es geht also nicht um die Unterwerfung unter ein göttliches
Gesetz oder den göttlichen Willen, sondern es geht darum, dem natürlichen Gesetz
pragmatisch zu folgen. Als naive Analogie könnte man sagen, daß man im Winter ja
auch nicht seinen Garten bepflanzen würde.
Das ,,I" / Der Begriff der Wandlung
Das ,,I" ist das zentrale philosophische Thema des I Ging. Der Begriff ,,I", der
gemeinhin mit Wandlung übersetzt wird, ist damit in seinem Bedeutungsgehalt bei
weitem nicht erschöpft. Man kann zunächst noch zwei weitere grobe Bedeutungen
ausdifferenzieren, nämlich ,,I" als das Leichte (das Einfache, Natürliche) und ,,I" als
das Stetige. Das Leichte ist der Charakter des ,,I", was leicht ist, ist leicht zu
erkennen und zu befolgen, ist klar. Das Leichte ist ohne Mühe und Sorge, es ist
ursprünglich, die Wandlung ist seine Kraft. Das ,,I" ist stetig, es ist die ursprüngliche
Kraft und Ordnung. Unser westliches Denken wäre geneigt, Wandlung und
Stetigkeit als Oppositionen aufzufassen, dem I Ging zufolge ist jedoch gerade das
Wandelbare das Unwandelbare. Diese Stetigkeit der Wandlung macht erst
sinnvolles Handeln möglich. Ebenso ist der Gegensatz von Wandlung nicht Ruhe
oder Stillstand, sondern jene sind Ausdrucksformen der Wandlung. Die Stillstand ist
also ein Zustand der Wandlung : seine Umkehrung und nicht seine Aufhebung. Die
Wandlung ist die tiefste und unverstellte Kraft des Seins, sie ist die Erzeugung des
Erzeugens. Wir können drei Arten der Wandlung unterscheiden : Die Nicht-
Wandlung (als feste Größe), die zyklische Wandlung (im organisch-physischen
Sinne) und die lineare Wandlung (ewig fortlaufend und nicht zurückkehrend).
Jede Wandlung trägt einen Keim als Ansatz der Wandlung zur Entfaltung in sich.
Von daher ist es ungemein wichtig, sein Handeln auf den Keim einer Wandlung
auszurichten, weil durch ihn alles Folgende bestimmt bzw. in eine Richtung gelenkt
wird. Je näher man an der ,,Keimung" ist, desto einfacher ist es, Einfluß auf den Lauf
der Dinge zu nehmen.
4. Das I Ging als Weissage-/Orakelbuch
Das besondere am I Ging als Orakel ist, daß kein personales Medium befragt wird,
sondern ein textuelles. Das I Ging selbst stellt also den Weisen, den Lehrmeister
dar, der zwischen Hilfe und Selbstüberlassung dem Ratsuchenden gegenüber in der
richtigen Dosierung changiert. Man darf das I Ging nicht undifferenziert mit
Wahrsagung, Prophetie oder Sehen vermischen, im Sinne einer Voraus-
sagung/Vorausschau einer determinerten Zukunft. Das I Ging schafft eine
Situationsdeutung, deren Tendenz in die Zukunft weist, sie aber nicht darlegt. Das I
Ging wird mittels der Schafgarbenmethode oder durch Münzwurf befragt. Die
Schafgarbe ist der Stengel eines an heiliger Stätte gewachsenen Krauts, das auch
als Heilmittel benutzt wird. Der Stengel ist außen hart und innen hohl und weich,
was ein harmonisches Zusammenwirken von Yin und Yang darstellt. Somit eignet
sich die Schafgarbe gut als Instrument des Orakellegens. Die Technik des
Auszählens ist allerdings ungleich schwieriger als die Hexagrammermittlung mittels
Münzwurfs. Bei beiden Methoden werden Zahlen zwischen 6 und 9 ermittelt, denen
jeweils Yin - - und Yang -- Linien entsprechen, wobei die 6 und die 9 sich
wandelnde Linien anzeigen, woraus für die Befragung ein zweites Hexagramm folgt,
das als ,,Wandlungshexagramm" beachtet werden muß.
Grundlegend für den Gebrauch des I Ging als Orakel ist die Annahme des Prinzips
der Synchronizität, also daß beim Ermitteln des Hexagramms mittels Schafgarben
oder Münzwurfs eine sinnhafte Koinzidenz besteht zwischen dem ,,zufällig"
ermittelten Hexagrammm und der momentanen Situation des
Fragenden/Ratsuchenden. Psychologisch betrachtet stehen Synchronizitäten mit
Phasen der Wandlung oder Umbruchphasen in Beziehung, in denen starke
psychische Energien freigesetzt werden, die sich in der Außenwelt ,,zufällig"
(symbolisch) manifestieren. Methodisch haben wir es mit den Elementen ,,Zufall",
Systematik (der Hexagramme) und Interpretation zu tun. Die Deutung der
Hexagramme vollzieht sich in vier grundlegenden Schritten, wobei zwei
Interpretationsebenen zu unterscheiden sind, nämlich die symbolische und die
textuelle. Auf symbolischer Ebene wird erstens die Position des Hexagramms
innerhalb der 64 Hexagramme, zweitens die Trigramme an sich und ihre Plazierung
und drittens die Symbolik der Linienpositionen interpretiert. Viertens kommt die
Textdeutung hinzu, die in die Hexagrammtexte, welche die allgemeine Situation
darstellen und die Linientexte, welche die unterschiedlichen Aspekte der Situation
aufzeigen, unterteilt wird. Die Hexagramme repräsentieren die formale Struktur
einer Situation und die Texte vermitteln ihren Sinn, sie sind somit komplementär.
Zudem sollten für das Gesamt- bzw. Hintergrundverständnis die Kommentare (,,10
Flügel") herangezogen werden. Es ist wichtig, bei der Befragung wahrhaftig zu sein
und die Frage sollte ernst und wichtig sein und sich möglichst auf innere Aspekte
beziehen. Zudem sollte die Frage offen gestellt werden und nicht auf eine Ja/Nein-
Antwort angelegt sein, da, wie bereits gesagt, das I Ging strukturalistisch und
analog antwortet. Eventuelle Riten bei der Befragung sind nicht wirklich notwendig,
vielmehr sollte man in einer freien, offenen und ruhigen Geistesverfassung sein.
5. Psychologische Perpektiven
Das I Ging bietet zwei wesentliche Möglichkeiten psychologischer
Betrachtungsweisen. Zum einen kann man das I Ging als psychologisch-spirituellen
Wegweiser benutzen, der einen möglichen Weg zur Selbstentfaltung aufzeigt. Zum
anderen kann man das I Ging im tiefenpsychologischen Sinne lesen und deuten, als
Formel archaisch-unbewußten Wissens. Diese Leseart ist insbesondere durch C.G.
Jung populär geworden.
Das I Ging für die Arbeit am eigenen Selbst zu benutzen, kann bedeuten, mittels
des I Ging (als Weisheitsbuch gelesen oder als täglich befragtes ,,Orakel") die
höheren und niederen Seiten unseres Selbst zu ordnen und an Aspekte unseres
Inneren zu gelangen, die wir vielleicht noch gar nicht kennen. Mithilfe des I Ging
können schlechte Denkgewohnheiten korrigiert werden und Situationen, die ,,in
Schieflage" sind, noch gerettet werden. Die zwei psycholgischen Grundcharaktere
im I Ging sind der ,,Edle" und der ,,Gemeine", als Prozeß der Weg des Gemeinen
bzw. der Weg des Edlen. Der edle Weg führt zu Heil, der gemeine zu Unheil. Der
Gemeine will durch den Intellekt sein Leben programmieren. Das I Ging rät jedoch,
den Intellekt in den Dienst der Intuition zu stellen. Von daher ist auch von einer rein
intellektuellen Annäherung und Beschäftigung mit I Ging abzuraten, weil sie
,,scheitern" muß. Es gilt also vorrangig, das I Ging zu erfahren und nicht, es zu
verstehen. Das Gemeine, das sind Selbstzweifel, Selbstbetrug, Minderwertigekeit,
Ich-Sucht und die Isolation als Tendenz, das Ich vor das wahre Selbst zu stellen.
Grundlegend ist es, die Dinge zur Vollendung zu bringen durch Fertigkeit,
Beständigkeit und Geradlinigkeit. Die Zeit ist das Instrument des Fortschritts, nur
langsamer Fortschritt ist dauerhafter Fortschritt. Handeln nach dem I Ging bedeutet
zu entscheiden, zu unterlassen (zu warten) oder zu tun (gegen die Gemeinen). Das I
Ging spricht oft von Einigung von Menschen auf universaler Grundlage, von
Gemeinschaft, Friede, Einigkeit, Zusammenhalten. Das universale Ziel besteht
darin, daß der Mensch mit sich und seiner wahren Natur eins ist. Wenn wir uns
rechtfertigen müssen, sind unsere Handlungen sehr wahrscheinlich unkorrekt. Wir
sollten eine natürliche Moral anstreben, die unparteiisch ist, so wie ein Kind
beispielsweise offen und natürlich auf Verletzung reagiert und somit dem
Verletzenden einen Spiegel vorhält und ihn auf seine Tat in natürliche Weise
zurückwirft. Ferner rät das I Ging zu Bescheidenheit, das bedeutet, daß wir
wahrnehmen und annehmen, daß etwas höher steht als wir selbst.
C.G. Jung hat in den Bildsymbolen der Tri- und Hexagramme Archetypen gesehen,
bzw. Projektionen der Archetypen, die in ein System gebracht worden sind.
Archetypen sind gewissermaßen ,,Urmuster" des kollektiven Unbewußten, die zwar
formal, jedoch nicht inhaltlich vorbestimmt sind. Archetypen tauchen in
mythologischem oder symbolischen Gewand auf, sie haben eine hohe
Energieladung und gehören dem primitiven, dunklen Teil der Psyche an. Sie sind
bewußtseintranszendent und in ihrer symbolischen Bildersprache müssen
Erklärungsversuche letztlich sprachliche Gleichnisse bleiben. Aufgrund ihrer
Vieldeutigkeit können sie deshalb oft nur gleichnishaft umschrieben (nicht
beschrieben) werden. Man könnte das I Ging in dieser Hinsicht als ,,symbolische
Psychologie" auffassen, welche tief an die Wurzeln des Unbewußten heranreicht.
Seine Weisheit geht somit weit über rationale Weisheit hinaus, die im
Bewußtseinsspektrum fixiert ist. Das Unbewußte bietet ein Meer an verborgenem,
intuitivem Wissen; dadurch, daß das I Ging an dieses Wissen heranreicht, kommt
es dem Fragesteller oftmals so vor, als ob er die Antwort ,,irgendwie" schon gewußt
hat.
6. Literatur
- Anthony, Carol K.: Handbuch zum klassischen I Ging. München, Diederichs, 1.
Auflage 1989.
- Diederichs, Ulf (Hrsg.): Erfahrungen mit dem I Ging. Vom kreativen Umgang mit
dem Buch der Wandlungen. Köln, Diederichs, 1. Auflage 1984.
- Engler, Friedrich K.: Die Grundlagen des I-Ching. Leben, Lebensgesetze,
Lebensordnung. Freiburg im Breisgau, Aurum Verlag, 1987.
- Hertzer, Dominique : Das alte und das neue Yijing. Die Wandlungen des Buches
der Wandlungen. München, Diederichs, 1996.
- Hook, Diana ffarington : I Ging für Fortgeschrittene. Strukturen, Kräfte,
Kombinationen. Köln, Diederichs, 1. Auflage 1983.
- I Ging: Text und Materialien / aus dem Chinesischen übersetzt von Richard
Wilhelm. - 21. Auflage. - München : Diederichs, 1996.
- Moog, Hanna (Hrsg.) : Leben mit dem I Ging. Erfahrungen aus Kunst, Therapie,
Beruf und Alltag. München, Diederichs, 1996.
- Walter, Katya :Chaosforschung, I Ging und genetischer Code. München,
Diederichs, 1992.
- Wilhelm, Hellmut : Die Wandlung. Acht Essays zum I Ging. Frankfurt am Main,
Suhrkamp Verlag, 1. Auflage 1985.
0 Kommentare