unserem alltäglichen Leben kaum Anteil nahm.“ 7 Er wird als in seiner eigenen kleinen Welt lebend und arbeitend dargestellt, die er nur gelegentlich verläßt - dann aber, wie es scheint, wirksam. 8 So weiß man im Haus stets um seine Anwesenheit, auch wenn er nicht immer optisch wahrnehmbar ist, was das väterliche Bild vom „Zauberer“ nur unterstreicht: Fernab vom täglichen Tun seiner Lieben wird Thomas Mann für seinen Sohn nur schwer - im wahrsten Sinne des Wortes - greifbar, was seinen geheimnisvollen Status nur potenziert. So gewährt er zu seinem persönlichen Reich auch nur seltenen Zutritt - diesen dann aber wiederum entsprechend eindrucksvoll. So erinnert sich Klaus gern an Abende des väterlichen Vorlesens aus verschiedenen Werken zurück. 9
Im Nachhinein empfindet Klaus Mann aber gerade die verschiedenen Autoren und deren Werke, an die ihn die kulturelle Atmosphäre seines Elternhauses geführt hat, als Erzieher, mit besonderem Blick auf seinen Vater und Onkel in ihrer Eigenschaft als Schriftsteller: „Eine bunt gemischte Gesellschaft, wie man sieht, in der übrigens zwei weitere Figuren auf inkommensurable Art von jeher wirksam waren: mein Vater und Heinrich Mann, zwei Künstler also, mit denen ich durch Affinität sehr besonderer und tieferer Natur verbunden bin.“ 10 So nahm Thomas Mann während der Kindheit seines ältesten Sohnes trotz seiner von Klaus so empfundenen Abwesenheit offenbar Einfluß über seine Bücher, die auf diese Weise zur Verbindung beider geworden sind.
Dennoch wird das hier aufgezeigte Verhältnis beider von Klaus nicht als ungewöhnlich empfunden, sondern vielmehr als eher naturgegebene Vater-Sohn-Distanz: „Wenn es eine schwere und delikate Aufgabe ist, das Wesen des väterlichen Mythos zu definieren, um wievieles dunkler und zarter ist das Geheimnis der Mutter! Denn sie ist uns näher als der Vater, der dem Sohne ein Fremder bleibt. Sie ist die vertrauteste Figur, die Unentbehrliche.“ Ob der Thomas Mann für Klaus tatsächlich, wie hier behauptet, zu entraten war, ist fraglich.
Das Fremdheitsempfinden gegenüber dem Vater verstärkt sich jedoch im Laufe des Ersten Weltkrieges. „Wie seltsam fremd und entfernt er erscheint, dieser Kriegsvater, wesentlich verschieden von dem
in der Räterepublik eine Rolle spielte, hätte nicht zugelassen, daß man dem Autor der ‘Buddenbrooks’ und des ‘Tod in Venedig’ zu nahe trat. “
7 Ebd., S. 36.
8 Wie allein das bloße Erscheinen Thomas Manns Respekt hervorruft wird besonders in der Episode um das offenbar kleptomane Hausmädchen deutlich: „Irritiert von dem höchst unzivilisierten Lärm, stieg er [Thomas Mann, J.D.] ins Kellergeschoß hinab, was seit Menschengedenken nicht geschehen war. Der Effekt, den sein bloßes Erscheinen machte, war derartig, daß sogar Affa vorübergehend außer Fassung geriet.“, in: Wendepunkt, S. 80. Interessanterweise erhält der Vater bei der Darstellung der selben Geschichte in „Kind dieser Zeit“ noch nicht diese zentrale Rolle, eventuell ein Zeichen dafür, daß sich das Verhältnis zum Vater im Laufe der Entwicklung Klaus Manns noch verändert hat. Vgl. Klaus Mann, Kind dieser Zeit, München 1991 (1932), S. 43ff.
9 Vgl. u.a. Wendepunkt, S. 89f.
10 ebd., S. 135. Wie stark der Einfluß seines Vaters als auch seines Onkels auf Klaus Mann gewesen sein dürfte, scheint sich auch in der gelegentlichen Verwendung expliziter Wörter aus den Werken beider innerhalb des „Wendepunktes“ zu äußern. So erinnert u.a. der „Zauberer“ an den „Zauberberg“ seines Vaters, die Kritik am „durchschnittlichen deutschen Untertan“, vgl. Wendepunkt, S. 72, verweist deutlich auf den „Untertan“ seines Onkels.
vertrauten Zauberer der Friedensjahre.“ 11 Dennoch erscheint das Verhältnis von Vater und Sohn nicht lieblos, sondern eher von Respekt, aber auch kritischer Distanz durchzogen. So versucht Klaus innnerhalb seiner Autobiographie die politische Haltung seines Vaters während des Krieges sowie dessen in diesem Zusammenhang entstandene Schrift „Die Betrachtungen eines Unpolitischen“ verstehend nachzuvollziehen. 12 Dies erscheint besonders signifikant, da Klaus Mann von sich selbst behauptet, bereits im Jahre 1917 die Kriegslügen als solche erkannt zu haben. 13 Ein wenig erhält man den Eindruck, als würde der Sohn im Nachhinein versuchen, Thomas Mann, der den Bestand des bis dahin geltenden nationalkonservativen Wertesystem des Deutschen Reiches offenbar bedroht sah und sich zu dieser unruhigen Zeit selbst mit seinem entschieden pazifistischen Bruder überworfen hatte, auf diese Weise vor etwaigen Kritikern in Schutz zu nehmen. Umgekehrt scheint sich auch Thomas Mann mit den frühen Schriften seines Sohnes auseinandergesetzt zu haben, was explizit vor allem in „Kind dieser Zeit“ Erwähnung findet. 14
Es steht zur Debatte, inwiefern der Beruf seines Vaters Klaus Mann zum eigenen Schreiben angeregt hat, ob es sich hier möglicherweise sogar um eine spezielle F orm handelt, sich diesem zu nähern. Achtzehnjährig scheint er genau dies zu hinterfragen, da die ihm offenbar so eigene Unruhe ihn doch immer wieder aus seiner Heimatstadt forttreibt: „Und wie stand es um den Sohn des Zauberers? Was wartete seiner? Die Unordnung als Dauerzustand und permanenter Lebensstil? [...] Oder war es sein Teil, dem väterlichen Vorbild nachzueifern? Mußte er sich auf eben jenem Spezialgebiet der Magie versuchen, auf dem der Alte sich nun schon so manches Jahr ruhmreich bewährt und bewiesen hatte?“ 15 Im Gegensatz zu diesen Zweifeln steht, daß er sich weder von Mißerfolgen noch der Tatsache entmutigen ließ, daß seine ersten Schriften vor allem aufgrund seines Nachnamens Beachtung fanden. Auch wenn er in „Kind dieser Zeit“ letztlich konstatiert, daß es meistens nicht von Vorteil ist, der Sohn eines großen Vaters zu sein.: „Man beurteilt mich als den Sohn. Von Anfang an hätte ich versuchen können, mich dieser schwersten Belastung zu entledigen, indem ich unter einem Pseudonym veröffentlichte. Aber - sogar vorausgesetzt, solche Maske wäre zu wahren gewesen - ist es statthaft um die bitterste Problematik des eigenen Lebens, die zugleich die höchste Verpflichtung ist, sich einfach herumzuschwindeln?“ 16
11 Ebd., S. 68.
12 So nennt Klaus Mann die Betrachtungen seines Vaters „das lange leidvolle Selbstgespräch des vom Kriege zerstörten Dichters.“, das man nur begreifen kann „wenn man die Umstände kennt, unter denen es geschrieben wurde.“, in: ebd., S. 69. Wie wichtig es ihm ist darzustellen, daß es sich hierbei nur um eine kurze politische „Verirrung“ seines Vaters handelt, wird deutlich, da er später dessen politischen Umschwung darstellt, vgl. ebd., S. 99f., was aus der Perspektive des Autobiographen angesichts der gerade zurückliegenden Bücherverbrennung der Nationalsozialisten, der sowohl Werke von Thomas als auch Heinrich Mann zum Opfer fielen, von Bedeutung erscheint.
13 Vgl. ebd., S. 72f.
14 Vgl. Kind dieser Zeit, S. 94
15 Wendepunkt, S. 165.
16 Kind dieser Zeit, S. 195. Vgl. ferner ebd., S. 196: „Wäre mein Vertrauen in die Kräfte, die eine Mischung des Blutes in mir gezeugt hat, nicht so unerschütterlich fest, wie es ist - : ich müßte die Feder weglegen und so auf das Werkzeug verzichten, mit dem allein mir vergönnt ist, mein Leben seinen Gesetzen nach zu führen und so dem allgemeinen Leben zu dienen.“
Arbeit zitieren:
Gudrun Döhler, 2000, Klaus Mann, der Wendepunkt. Ein Lebensbericht, München 1989 (1952), München, GRIN Verlag GmbH
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