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Gliederung
Einleitung. Seite 1
I. Die Polis bei Aristoteles 2
II. Der Kommunitarismus 3
1. Der Ausgangskonflikt. 3
2. Die Gemeinschaft bei den Kommunitariern. 5
a) Charles Taylor 6
b) Alasdair MacIntyre 8
III. Schlußfolgerungen 9
Literatur 10
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Einleitung
Spielt die antike politische Philosophie in der zeitgenössischen wissenschaftlichen Diskussion eine Rolle? Orientieren sich die Vertreter bestimmter Strömungen hieran?
Diese Frage soll hier für die sogenannten Kommunitarier im Bezug auf die aristotelesche Polis erörtert werden, die laut Reese-Schäfer 1 nicht vor „philosophischen Dinosauriern“ - zu denen hiernach auch Aristoteles gehört- zurückschrecken, um ihre Ansichten argumentativ zu untermauern. Eine Rolle kann der Kommunitarismus auch in aktueller politischer Diskussion spielen 2 . Die Darstellung erfordert demnach zunächst die kurze Definition der idealen aristoteleschen Polis im Hinblick auf d ie für die Fragestellung zentralen Gesichtspunkte. Dabei wird es nicht darum gehen können, die Konzeption Aristoteles‘ von Widersprüchen zu befreien und eine umfassende, geschlossene Darstellung zu erarbeiten. Hierauf folgend wird der Kommunitarismus auf Positionen hin untersucht, in denen die Polis als Ideal aufgegriffen wird. Einleitend wird dem eine Einführung in den Kommunitarismus und den zugrundeliegenden Konflikt mit dem Liberalismus vorangestellt. Hierbei ist es nötig, die Unterschiede innerhalb der beiden Gegenpositionen zu übergehen und exemplarisch zu arbeiten. Eine umfassende Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Positionen innerhalb des Kommunitarismus würde in seriösem Umfang enzyklopädische Ausmaße annehmen. Entscheidend ist aber, daß es für die hier verfolgte Fragestellung lediglich auf die allgemeinen gemeinsamen Aussagen der als Kommunitarier bezeichneten Autoren zum Holismus im Gegensatz zum Atomismus, also der Rückbesinnung auf ein gemeinschaftliches Wertesystem, ankommt. Die Auswahl der Quellen wird auf die in der von Honneth herausgegebenen Sammlung „Kommunitarismus“ (1993) vertretenen Beiträge beschränkt. Im Laufe der Darstellung wird sich zeigen, daß Charles Taylor und Alasdair MacIntyre die fruchtbarsten, weil plakativsten Äußerungen hierzu von sich geben.
1 S. 10.
2 Vgl. Der Tagesspiegel vom 8. Januar 2000, S. 25. Allerdings ist Julian Nida-Rümelin Professor für Philosophie in Göttingen und mit seiner (Vor-)Bildung daher nicht repräsentativ für die deut- sche Politik.
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Endlich geht es im Abschnitt „Schlußfolgerungen“ (IV.) darum, sich von den Ausgangspunkten Polis einerseits und Kommunitarismus andererseits, so weit folgerichtig zu lösen, daß ein Vergleich gezogen werden kann. Geht die Abstraktion nicht weit genug, besteht die Gefahr, daß zeitgenössische Besonderheiten überbewertet, und voreilige (Zirkel-)Schlüsse von geringem Erkenntnisgewinn befördert werden. Hierunter würde etwa die Erörterung der Rolle der Frauen (und ggf. Sklaven - fraglich ist, wem diese Rolle heute in diesem Sinne zukäme) im Vergleich zur heutigen Situation fallen. Das erübrigt sich, wenn vom allgemeinen Standpunkt Aristoteles‘ ausgegangen wird 3 .
I. Die Polis bei Aristoteles
Nach Aristoteles ist „Glückseligkeit“ ( eudaimonia ) 4 das erstrebenswerte Endziel des menschlichen Handelns und damit des Daseins 5 . Das Zusammenleben von Menschen muß demnach so gestaltet werden, daß dieses Ziel erreicht wird. Dies ist für ihn nur in der Polis möglich 6 , ist der Mensch doch ein zoon politikon 7 . Die Polis ist die höchste Ebene der Gemeinschaft, in der die „Dörfer“ (Singular: kome ) zusammengefaßt sind 8 , die sich wiederum aus mehreren Exemplaren der kleinsten Einheit, dem „Haus“ ( oikos / oikia ) bildet 9 . Das Haus wiederum besteht aus der Gemeinschaft von Mann und Frau - zur Erhaltung der Gattung Menschheit durch Fortpflanzung - und derjenigen von Herrn und Sklave zur Deckung des täglichen individuellen Bedarfs („Lebenserhaltung“) 10 . Systematisch unterscheiden sich Haus und Polis in den Arten der ausgeübten Herrschaft voneinander. Der Hausvor-
3 AlsBeispiel sei nur die Definition des Polisbürgers (Pol. III 1, 1275b 18ff.) ausgegangen, unter
die heute zwanglos Frauen subsumiert werden können. Braun/Heine/Opolka, S. 53 scheinen mit der Formulierung „heikelster und dunkelster Punkt“ im Bezug auf die Beschränkung der Teilhabe an der Macht auf „erwachsene griechische Männer“ zu sehr die damaligen Verhältnisse zu betonen.
4 Vgl. hier und im folgenden zu den Übersetzungen: Braun/Heine/Opolka, S. 47 und passim.
5 NE I 5, 1097b 14ff.
6 ausdrücklich: Pol. I 1, 1252a 1ff.
7 Pol. I 2, 1253a 1ff. Ob die Übersetzung Gigons als „staatenbildendes Wesen“ glücklich ist, mag dahingestellt bleiben, Braun/Heine/Opolka, S. 54 „politisches Lebewesen“ erscheint jedenfalls nur plausibel, wenn „politisch“ als Adjektiv zu „Polis“ verwendet wird.
8 Braun/Heine/Opolka, S. 53 vermuten unter Berufung auf Der kleine Pauly, Lexikon der Antike, Art. „Kome“, 1979, daß Aristoteles das Dorf nur aus historischen Gründen erwähnt, in den späteren Ausführungen geht er hierauf schließlich nicht mehr ein.
9 Pol. I 2, 1252b 25ff. (vom Dorf zur Polis), 5ff. (vom Haus zum Dorf).
10 Pol. I 2, 1252a 25ff.
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stand gebietet im Haus alleine - mithin als Monarch - über seine Untergebenen, die Herrschaft in der Polis hingegen würde über seinesgleichen ausgeübt 11 . Die Polis ist eine Gemeinschaft von Staatsbürgern in einer bestimmten Verfassung 12 . Auf die verschiedenen von Aristoteles erörterten Verfassungen mit ihren Vor- und Nachteilen kommt es im Rahmen dieser Ausführungen indes nicht an, entscheidend ist lediglich der Rahmen, den die „Polis“ für das Leben in der Gemeinschaft absteckt. Als Polis-Bürger sieht er jeden an, dem die Teilnahme an der beratenden und richtenden Gewalt offensteht 13 , und der gute Bürger kann sowohl regieren, als auch regiert werden 14 . Es finden sich keine repräsentativen Elemente, die Teilnahme an der Verwaltung der Polis erfolgt gemeinschaftlich und unmittelbar durch alle Bürger. Das setzt wiederum voraus, daß eine gewisse geographische Größe und Anzahl an Bürgern nicht überschritten wird. Gigon faßt dies dahingehend zusammen, daß die Polis wie ein lebendiger Organismus nicht auf die maximale, sondern auf die optimale Größe hin ausgerichtet werden mußte - die verschiedenen Bestandteile sollten so groß wie möglich und so überschaubar wie nötig sein. Der unmittelbare Kontakt untereinander sollte nicht verhindert werden. 15 . Die Polis war also durch ihre Gemeinschaft von Bürgern geprägt und über den zum leben notwendigen Raum nicht territorial ausgerichtet 16 .
II. Der Kommunitarismus
1. Der Ausgangskonflikt
Kommunitarismus ist die Bezeichnung für eine gesellschaftstheoretische Strömung, die sich gegen die liberale Annahme wendet, ein allgemeines Prinzip gleicher Rechte, Freiheiten und Chancen sei der (alleinige) normative Maßstab für die modernen westlichen Demokratien, bzw. die Gerechtigkeit („Das Rechte“) ginge den konkurrierenden Zwecken und Zielen der Menschen oder gar der Gemeinschaft vor. Prominentester Protagonist unserer Zeit der vom Kommunitarismus
11 Pol. I 7, 1255b 16ff.
12 Pol. III 1, 1276b 1ff.
13 Pol. III 1, 1275b 18ff. Auf den (vermeintlichen?) Widerspruch zu Pol. I 2, 1253b 1ff. wo er über die Zugehörigkeit etwa der Sklaven zum Haushalt auch zu deren Zugehörigkeit zur Polis gelangt, kommt es für die abstrakte Bestimmung nicht an.
14 Pol. III 4, 1277b 14ff.
15 in: Mann/Heuß (Hrsg.), Propyläen, S. 590.
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angegriffenen liberalen Position ist John Rawls , der in „A Theory of Justice“ 17 die theoretischen Grundlagen hierfür ausgearbeitet hatte. Rawls ging von einem Urzu-stand („original position“ 18 ) aus, in welchem sich die Individuen über die Grundlagen des künftigen Miteinanders verständigen müssen 19 . Niemand soll in dieser Situation wissen, welches Geschlecht oder sonstigen Eigenschaften er und die anderen besitzen. Die Verknüpfung von bestimmten Eigenschaften mit sozialen Vor-oder Nachteilen gleich welcher Art im Gesellschaftsfundament hat demnach Folgen, die das Individuum nicht abschätzen kann. In der (extremen) Konsequenz bedeutet dies: Man riskiert, sich selbst für den Rest seines Lebens in Sklaverei zu begeben, einigt man sich nicht auf das oben genannte allgemeine Prinzip gleicher Rechte, Freiheiten und Chancen, bzw. billigt man nicht allen Teilnehmern die Rechte freier und gleicher Bürger zu. Rawls formulierte hierzu zwei vorläufige Regeln, die in diesem Urzustand Ausgangspunkt für die weiteren Aspekte der „gerechten Gesellschaft“ sind:
„1. Jedermann soll gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher G rund-
freiheiten haben, das mit dem gle ichen System für alle anderen verträglich ist.
2. Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, daß (a) vernünftigerweise zu erwarten ist, daß sie zu jedermanns Vorteil dienen, und (b) sie mit Posi-
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tio nen und Ämtern verbunden sind, die jedem offen stehen.“
Die Gegenposition, der Kommunitarismus, begann sich 1982 zu „formieren“. Als Beginn wird die Schrift „Liberalism and the Limits of Justice“ 21 von Michael J. Sandel angesehen 22 . Der Kommunitarismus hingegen behauptet, daß der Ausgangspunkt dieser Theorie nicht den sozialen Tatsachen, insbesondere nicht den historischen Erfahrungen entspricht. Der Mensch sei kein Wesen ohne jede Wertüberzeugung und auch nicht frei von jedweden Einflüssen anderer Menschen. Die liberale Vorstellung vom eigenschaftslosen, ungebundenen isolierten Individuum („the unencumbered self“) ginge deshalb fehl. Problematisch ist in diesem Zusammenhang insbesondere das zweite oben genannte Prinzip Rawls‘ , das „Diffe- 16 Wesel, Rz.106. Hansen, in: ders. (Hrsg.), Hfm 67 (1993) S. 7 spricht von einem „citizen-state“.
17 Cambridge (Mass.), 1971. Deutsch zuerst: Eine Theorie der Gerechtigkeit; Frankfurt 1975.
18 Rawls, 1971, S. 17ff. und passim.
19 nach Sandel, S. 24f. 20 Rawls, Theorie, S. 81ff.
21 Cambridge (Mass.), 1982.
22 Honneth, S. 7; Reese-Schäfer, S. 13.
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renzprinzip“ 23 . Unter das Merkmal „Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten“ läßt sich ohne weiteres „Vermögen des einzelnen in Geld“ subsumieren. Ein großes Vermögen kann aber jedermann nur zum Vorteil dienen, wenn es mit ihm (jedermann) irgendwie geteilt wird. Das setzt aber voraus, daß ein ungebundenes, eigenschaftsloses Selbst die Notwendigkeit bereits im Urzustand sieht, sich oder andere für die Zukunft zu verpflichten, anderen ungebundenen, eigenschaftslosen Selbsts die Teilnahme an den Vorteilen der zufälligen vorteilsbegründenden Eigenschaften zu verschaffen 24 . Es ist nicht zu erklären, wie das ohne ein Mindestmaß an Gemeinsinn möglich sein soll, den das ungebundene, eigenschaftslose Selbst definitionsgemäß nicht haben kann. Es fehlt also eine Bezugsgröße, durch die eine Gruppe geschaffen wird, welche die Vorteile des einzelnen als Gemeingut beanspruchen kann. Sandel ist überzeugend, wenn er sich für die Aufrechterha ltung des zweiten Gerechtigkeitskriteriums auf Kosten des Vorrangs des Rechten entscheidet 25 : Die Bindungen und Loyalitäten, die aus den persönlichen Verhältnissen des Individuums und seiner Geschichte herrühren seien es, die den Menschen ausmachen. Eine im liberalen Sinne bindungslose Person könne nicht als ideal, frei und rational, sondern müsse als charakterlos und ohne moralisches Rückgrat eingestuft we rden.
Hieraus folgt, daß sich die anthropologische Prämisse des ersten Gerechtigkeitsprinzips („der liberale Begriff der Person“ 26 ) nicht mit dem zweiten (und wohl auch vernünftigen und damit beizubehaltenden) Gerechtigkeitskriterium vereinbaren läßt 27 .
2. Die Gemeinschaft bei den Kommunitariern
Wie bereits in der Einleitung ausgeführt wurde, kann die Darstellung an diesem Punkt der Arbeit nur recht oberflächlich ausfallen. Sie wird auf MacIntyre und
23 Reese-Schäfer, S. 17; Sandel, S. 26.
24 Sandel, S. 25.
25 Sandel, S. 29f.
26 Reese-Schäfer, S. 19.
27 Sandel, S. 26ff. Er geht hier in der Beweisführung sogar noch weiter, indem er konsequent den „Minderprivilegierten“ Ansprüche nicht schon aufgrund weiterer Zufälligkeiten einräumt. Reese- Schäfer, S. 18 hält dies indes für „metaphysisches Glatteis“.
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Taylor beschränkt, da diese Autoren sich für die Holismus Ansätze am besten auswerten lassen.
a) Charles Taylor
In Umkehr der Definition des Atomismus durch Taylor 28 läßt sich Holismus als Erklärungsebene der Struktur des Individuums aus sozialen Handlungen und Bedingungen und individuelle Güter als Produkte sozialer Güter bezeichnen. Ist das Individuum dort Urheber der Gesellschaft, schafft hier die Gesellschaft das Individuum.
Prototypisch für eine atomistische Betrachtungsweise sind etwa die Vertragstheorien, die Taylor auch ablehnt. Er wendet sich gegen den Ansatz, der Mensch sei im Prinzip ein auf sich allein gestelltes Wesen ohne soziale Bindungen und hätte l ediglich als einzelner Rechte gegen die Allgemeinheit 29 : Der Mensch benötigt sowohl eine Sprachgemeinschaft als auch eine gemeinschaftliche Vorstellung von „Gut und Böse“, um zu einem moralischen Wesen werden zu können. Erst in einer Gemeinschaft lassen sich eigene Ziele verfolgen und eigenständiges Handeln beginnen. Ferner setzen Ansprüche einen sozialen Zusammenhang, mithin für Anspruchsteller und -gegner eine „Verpflichtung dazuzugehören“ voraus. Die Gemeinschaft ist hiernach den Individualrechten logisch notwendig vorangestellt. Die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft ist somit Bedingung und Inhalt der Freiheit - was für die Polis der Ansicht Aristoteles‘ sehr nahe kommt.
Erstaunlich ist für Taylor ferner, daß in einer Gesellschaft, die aufgrund der Spezialisierung der Produktion und Dienstleistung wie noch nie in der Geschichte auf Arbeitsteilung und das Wechselspi el von Angebot und Nachfrage angewiesen ist, ausgerechnet atomistische Positionen propagiert werden 30 . Der Wert eines Gemeinwesens zeigt sich in der Krise, wenn Rechte einzelner oder von Gruppen bedroht werden. Nach Taylor vermögen weder die ökonomische Demokratietheorie Schumpeters noch eine favorisierte Interpretation Rousseaus zu leisten 31 : Wenn - wie bei Schumpeter hier zugrundegelegt- die gemeinschaftlichen Ziele nur Reflex der Individualinteressen sind, ist die aktive Beteiligung der
28 Taylor, S. 103f.
29 Reese-Schäfer, S. 29ff.; Taylor, S. 112ff.
30 Reese-Schäfer, S. 30f.
31 Reese-Schäfer, S. 35ff.
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(u.U. in ökonomischen Fragen nicht ausreichend kompetenten) Staatsbürger nicht erstrebenswert, ja vielleicht sogar nur störend. Die hieraus drohende geringe Identifikation der Bevölkerung mit dem Gemeinwesen könnte darin münden, daß di eses nicht nur nicht gepflegt, sondern außerdem seinen „Feinden“ preisgegeben würde.
Die angegriffene Spielart der rousseauschen Theorie betont den Gemeinwillen und den Anspruch der Bürger, sich selbst zu regieren. Darin kann sich das Gemeinwesen aber nicht erschöpfen, Konkurrenz, Eifersucht und Streit würden häufig 32 schnell als falsch abqualifiziert, eine Einheit um jeden Preis droht. Dabei liefe man Gefahr, das produktive Potential der Lösung von Differenzen zu vernachlässigen. Dialektik und Ambivalenzen gingen verloren und blieben unausgeschöpft. Taylors bevorzugtes Modell ist der liberale Republikanismus nach Tocqueville und Arendt. Es bietet sowohl den in einer freiheitlichen Gesellschaft notwendigen Raum für Streit als auch einen identitätsstiftenden Bezugspunkt für ein Gemeinwesen. Vorausset zungen für dessen Gelingen sind Solidarität gegenüber dem Gemeinwesen, Partizipationsmöglichkeiten an den Entscheidungen, gegenseitigen Respekt und eine funktionierende Wirtschaftsordnung. Zum letzten Punkt wird angemerkt, daß Sozialismus und Kapitalismus für eine Demokratie bedrohlich sein können. Für den gegenseitigen Respekt soll vor allem ein (nicht überbordender) Wohlfahrtsstaat notwendig sein, für die Teilnahmemöglichkeiten an Entsche idungsfindungen hingegen stellen anonymisierte, entfremdete Massenverfahren die größte Gefahr dar. Besonders wichtig ist aber der erste Punkt, der identitätsstiftende Bezugspunkt zum Gemeinwesen. Hier wird auf Patriotismus im eigentlichen Sinne, also ohne Berührungspunkte zum sog. Nationalismus abgestellt. Es geht um die freiwillige, positive Identifikation mit einem Gemeinwesen ( Taylor spricht hier ausdrücklich von der „Polis“), ohne aggressive Elemente gegenüber anderen Gemeinwesen außerhalb, „die Überzeugung, daß die politischen Institutionen (...) ein
32 Verwiesen wird hier bei Reese -Schäfer (der wiederum regelmäßig auf Taylor verweist), S. 38, auf Bürgerbewegungen. Hier soll bei Gruppen mit starkem Bewegungscharakter häufig bei denjenigen Teilnehmern, die sich nicht im Vordergrund aufhalten, bald der Eindruck aufkommen, diese wären undemo kratisch.
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Ausdruck ihrer selbst sind. Die ,Gesetze‘ müssen als etwas angesehen werden, das ihre Würde als Bürger spiegelt und verfestigt... “ 33 .
b) Alasdair MacIntyre
Ausdrücklich und ausführlich auf die Notwendigkeit von Patriotismus als Tugend und Voraussetzung für moralisches Handeln geht MacIntyre ein. Seine Position bedarf in den Augen des Verfassers einer unmittelbar folgenden Anmerkung. Zunächst definiert er Patriotismus als Loyalität gegenüber einer bestimmten Nation, die nur Angehörige dieser Nation haben können. Diese Loyalität bezieht sich nicht pauschal auf die eigene Nation, sondern setzt - in Abgrenzung zum Nationalismus - spezifische verehrungswürdige Vorzüge und Eigenschaften der eigenen Nation 34 . Er zeigt dann weiter, daß die Moral Regeln für das friedvolle Zusamme nleben in der Gemeinschaft bietet 35 . Diese Regeln sind kein Selbstzweck, sondern haben sich durch Gebrauch und Nichtgebrauch entwickelt. Sind sie somit Bestandteil der oben angesprochenen „spezifischen verehrungswürdigen“ Vorzüge des Gemeinwesens, leuchten sie dem Patrioten unmittelbar ein und er wird sich nach ihnen zur Beförderung des Gemeinwesens richten. Ohne diese Gemeinschaft hätte man nach dem Selbstzweckkriterium allerdings keinen Grund moralisch zu handeln.
MacIntyre 36 führt dazu noch weiter aus, daß es a uf eine gewisse Irrationalität und ggf. auch widersprüchliches Verhalten ankommt. Als Beispiel führt er Adam von Trott an, der zunächst die Nazis unterstützte, um größere Pläne gegen sie nicht zu gefährden. Indes scheinen die weiteren Ausführungen MacIntyr es hier redundant, da es auf der Hand liegt, daß direkte und kürzeste Wege bei starken Gegnern nur in den seltensten Fällen zum Ziel führen.
Auch sollte einem denkenden Menschen der Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus unmittelbar einleuchten. Patriotismus als reaktionäre Eigenschaft abzuqualifizieren, hieße zum einen Nationalisten die Definitionsmacht zu überlassen und zum anderen sich von „engagierten Nichtpatrioten“ Denkverbote
33 Vgl. auch die Entwicklung bei Taylor, S. 110ff. unter Verweis auf u.a. Montesquieus „vertu“.
34 MacIntyre, S. 85f.
35 Vgl. zum folgenden MacIntyre, S. 90ff.
36 MacIntyre, S. 94ff.
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auferlegen zu lassen. Die inhaltliche Originalität der Ausführungen MacIntyres mag insofern bezweifelt werden.
III. Schlußfolgerungen
Bezieht sich der Kommunitarismus nun auf die Polis Aristoteles‘ ? Die Positionen MacIntyres und Taylors nehmen teilweise ausdrücklich Bezug auf die Polis, wenn sie sie synonym für das Gemeinwesen gebrauchen. Deutlich wird aber der personale Einschlag von Polis und Kommunitarismus. Die jeweiligen Gemeinwesen setzen sich aus Bürgern zusammen, die sich über Sprache und Herr-schaftsform verständigen. Es läßt sich vermutlich auch anthropologisch und sozialpsychologisch begründen, daß der Mensch für sein Wohlbefinden einen überschaubaren Lebensraum benötigt, mit dem er sich verbunden fühlt und den er für beherrschbar hält. Für diesen Raum fühlt er sich idealerweise auch noch (mit-) verantwortlich und sorgt sich um dessen Erhaltung. Aus der Kriminologie ist die sog. Broken-Window-Theorie bekannt, nach der (vereinfacht und überspitzt) einem zerbrochenen und lange nicht reparierten Fenster weitere Schäden folgen, bis eine Nachbarschaft nicht mehr zu bewohnen ist. Die funktionierende Gemeinschaft stoppt diesen Prozeß rechtzeitig.
Daß für die Durchsetzung von Individualrechten eine Gemeinschaft von Anspruchstellern und -gegnern notwendig ist, sollte ebenfalls unmittelbar einleuc hten. Auf eigene Rechte pochen kann man nur, wenn ein Dritter aus ihnen verpflichtet wird und das hat nur einen Sinn, wenn diese Verpflichtung auch durchgesetzt werden kann.
Eine Metapher Michael Walzers bringt die Rolle von identitätsstiftendem Bezug schön auf den Punkt: Ein Zimmer der Hilton Hotels mag praktisch und komfortabel sein und überall eine vergleichbare Ausstattung haben. Ferner kann es für Vertriebene, Flüchtlinge oder Exilanten eine Zuflucht bieten. Wohnlich ist es hingegen so gut wie gar nicht, wohl und zu Hause wird man sich dort kaum fühlen 37 . Dem kann ich mich nur anschließen (auch wenn die Metapher auf die luxuriöseren Reisegewohnheiten der Gegner des Kommunitarismus anzuspielen scheint).
37 Zitiert nach Reese-Schäfer, S. 125 a.E.
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Lite ratur
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ders. ; Politik (Pol.) - übers. und hrsg. von Olof Gigon ; 8. Aufl., München 1998.
Braun, Eberhard / Heine, Felix / Opolka, Uwe ; Politische Philosophie; 7. Aufl., Reinbek bei Hamburg 2000.
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Honneth, Axel (Hrsg.) ; Kommunitarismus - Eine Debatte über die moralischen
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MacIntyre, Alasdair ; Ist Patriotismus eine Tugend?; in: Honneth (Hrsg.) , S. 84-102.
Mann, Golo / Heuß, Alfred (Hrsg.) ; Propyläen Weltgeschichte, 3. Band - Grie-
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Rawls, John ; A Theory of Justice; Cambridge (Mass.) 1971.
ders. ; Eine Theorie der Gerechtigkeit; 10. Aufl., Frankfurt a.M. 1998.
Reese-Schäfer, Walter; Was ist Kommunitarismus?; 2. Aufl., Frankfurt a.M., New
York 1995.
Sandel, Michael ; Die verfahrensrechtliche Republik und das ungebundene Selbst; in: Honneth (Hrsg.) , S. 18-35.
Taylor, Charles ; Aneinander vorbei: Die Debatte zwischen Liberalismus und Kommunitarismus; in: Honneth (Hrsg.) , S. 103-130.
Der Tagesspiegel ; „Ich bin ein in der Wolle gefärbter Humanist“, Gespräch mit Julian Nida-Rümelin ; vom 8. Januar 2000 (Nr. 17 284), Seite 25.
Wesel, Uwe ; Geschichte des Rechts; München 1997.
Arbeit zitieren:
Nikolas Eschen, 2001, Elemente der polis im Kommunitarismus, München, GRIN Verlag GmbH
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