„Der Sandmann“ - Stationen des Wahnsinns
Karen Hoffmann
Inhaltsverzeichnis :
1. Einleitung 3
2. Nathanaels Kindheit 5
2.1 Der Vater 5
2.2 Die Mutter 8
2.3 Die Amme 9
3. „Nathanaels Frauen“ 11
3.1 Clara 11
3.2 Olimpia 13
4. Coppelius, Coppola und Spalanzani 15
4.1 Der Advokat Coppelius 15
4.2 Der Wetterglashändler Coppola 16
4.3 Der Professor Spalanzani 17
5. Symbolik 17
5.1 Die Augen 18
5.2 Der Feuerkreis 19
6 Fazit 21
Literaturverzeichnis 24
2
1. Einleitung
Die Erzählung „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann erschien 1816 als erste Erzählung im ersten Teil des Sammelbandes „Nachtstücke“. Dieser erste Teil trägt jedoch wie der zweite die Jahreszahl 1817. Eine vorausgehende Einzelausgabe in einer Zeitschrift ist nicht nachgewiesen. Diesen Zyklus beherrscht eines der großen romantischen Themen, das Interesse für die "Nachtseiten der Natur", für das Unheimliche, Krankhafte und Verbrecherische. „Der Sandmann“ ist die bekannteste Erzählung der Sammlung. Die erste Niederschrift der Erzählung wurde „d. 16. Novbr. 1815 Nachts 1 Uhr“ 2 begonnen. Diese Mitteilung stammt von Hoffmann selber. Gegenüber der endgültigen Fassung unterscheidet sich die erste vor allem durch einen ausführlicheren Schluß und durch die Existenz einer zusätzlichen Greuelgeschichte des Coppelius gegenüber der Schwester Nathanaels. Die frühe Rezeption des „Sandmann“ war weitgehend durch das abwertende Urteil des Aufklärers Walter Scott geprägt und die Erzählungen Hoffmanns bis tief ins 20. Jahrhundert kaum beachtet. Der Erzählung wurde auch Uneinheitlichkeit vorgeworfen, während heute hingegen die Multiperspektivität der Darstellung im positiven Sinne als ein konstitutives Merkmal des Textes angesehen wird. Sigmund Freud analysiert den „Sandmann“ in seiner Studie über das Unheimliche und bringt die Angst vor dem Augenraub mit der Kastrationsangst in Verbindung. Die Diskussion, die daraus erwachsen ist, macht Hoffmanns erstes Nachtstück zu einer seiner meist besprochenen Erzählungen, beliebt bei den Interpreten verschiedenster wissenschaftstheoretischer Ausrichtung. Genau dieser Aspekt erschwert mir den Beginn meiner eigenen schriftlichen Auseinandersetzung mit der Erzählung. Als ich vor einigen Wochen begann, mich mit dem Thema und ausgewählter Sekundärliteratur zu beschäftigen, erschien mir die Arbeit einfach und ohne größere Schwierigkeiten. Jetzt, nachdem ich zu diesem Thema gelesen und recherchiert habe, bin ich schon einige Male kurz davor gewesen, aufzugeben. Die Fülle der Texte und Interpretationen, ausgehend von der Abhandlung Sigmund Freuds „Das Unheimliche“ aus dem Jahre 1919 bereichern die Arbeit und erschweren sie gleichermaßen, nicht zuletzt weil ich die Gefahr sehe, mich einer
2 Feldges, Brigitte / Ulrich Stadler: E. T. A. Hoffmann: Epoche - Werk - Wirkung. http://schiller.germanistik.uni-sb.de/Grundkurs/Gk2/SekLit/Feldges2.htm (13. 06. 2001)
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Interpretationsvariante anzuschließen, ohne selber davon zu wissen. Claudia Liebrand hat sich in ihrer Arbeit zur „Aporie des Kunstmythos“ ebenfalls mit der Erzählung „Der Sandmann“ beschäftigt und faßt die verschiedenen Interpretationen, die die Forschung bisher versucht hat, wie folgt zusammen: erzähltheoretisch-poetologische, ideengeschichtliche, psychoanalytische, sozial-und
institutionsgeschichtliche, diskursanalytische, dekonstruktivistische. 3 Am Anfang meiner Überlegungen habe ich mir die Frage nach dem Unheimlichen gestellt, dem Sigmund Freud seine ganze Abhandlung gewidmet hat. Ist der Verlust der Augen oder die Vorstellung eines Doppelgängers seiner selbst ein unheimliches Moment? Hat sich seit 1919, dem Jahr in dem Freud seinen Text zum Unheimlichen veröffentlichte unsere Wahrnehmung und unsere Rezeption verändert und inwieweit hat das Auswirkungen auf das Gefühl des Unheimlichen. Mit anderen Worten, empfinden wir heute noch die Erzählung „Der Sandmann“ ebenso unheimlich, wie es Sigmund Freud empfand und wenn ja, aus den gleichen Gründen?
Inzwischen hat sich ein anderer Ansatz für die vorliegende Untersuchung in den Vordergrund gestellt, die Frage nach den Gründen und Bedingungen für Nathanaels Wahnsinn. Feldges und Stadler gehen in ihrer Textanalyse: „E.T.A Hoffmann: Epoche - Werk - Wirkung“ in dem Abschnitt ‘Die Verschlingung von Wahnsinn und Vernunft’ davon aus, daß Nathanael wahnsinnig ist bzw. wird und legen dies ihrer Interpretation zugrunde.
„Wenn Hoffmann, der Freund des Mediziners Adalbert Friedrich Marcus und der gute Kenner ‘der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur über die Geisteskrankheiten’ [...], wie auch Freud, der Vater der Psychoanalyse, das Verhalten Nathanaels als krank einstufen, so kann die Textanalyse diesen Umstand nicht einfach übergehen.“ 4
Der erste Ansatz bietet, gerade was den technischen Fortschritt unserer Gesellschaft (Genetisches Verdoppeln von Lebewesen im Labor, die massenhafte Verbreitung und Rezeption des Films und ein dadurch bedingter anderer Blick etc.) so viel Möglichkeiten der Auseinandersetzung, daß ich mich hier nur dem zweiten Ansatz, der Frage nach dem Wahnsinn Nathanaels widmen werde.
3 vgl. Liebrand, Claudia: Aporie des Kunstmythos. Die Texte E. T. A. Hoffmanns. [1996] http://schiller.germanistik.uni-sb.de/Grundkurs/Gk2/SekLit/Liebrand.htm. (13. 06. 2001)
4 Feldges, Brigitte / Ulrich Stadler: E. T. A. Hoffmann: Epoche - Werk - Wirkung. http://schiller.germanistik.uni-sb.de/Grundkurs/Gk2/SekLit/Feldges2.htm (13. 06. 2001)
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2. Nathanaels Kindheit
Die Erzählung E.T.A. Hoffmanns beginnt mit drei Briefen, einem von Nathanael an Lothar, den jener aber fälschlicherweise an Clara, seine Verlobte adressiert, einem von Clara an Nathanael als Antwort auf den ersten Brief und einen richtig adressierten von Nathanael an Lothar. Im ersten dieser Briefe erzählt Nathanael von seiner Kindheit. Der Grund hierfür liegt in der Ahnung Nathanaels, daß sich in seinem erwachsenen Leben eine, für ihn „todbringende Konstellation der frühen Kindheit wiederholt.“ 5 Der Optiker Coppola, der ihn als fahrender Wetterglashändler ein Taschenperspektiv verkauft, erinnert ihn an den Advokaten Coppelius, der in seiner Kindheit oft Gast in seinem Elternhaus war. In diesem ersten Brief nun schildert Nathanael diese, für ihn so prägenden Erinnerungen aus seiner Kindheit.
Nathanael stammt aus einer bürgerlichen Familie zur Entstehungszeit der Erzählung, also um 1817. Er lebt in einer kleinen Stadt, unweit einer größeren Universitätsstadt, in die er später zum Studium der Physik gehen wird. Auch dieses Studium, daß er später aufnehmen wird, kennzeichnet seine Herkunft. Sein Vater arbeitete, weshalb Nathanael und seine Geschwister ihn tagsüber nur zum Mittagessen zu sehen bekamen. Seine Mutter kümmerte sich, mit der Unterstützung einer Amme, die Nathanaels kleine Schwester wartete, um die Kinder und den Haushalt.
2.1 Der Vater
Wie schon erwähnt war der Vater, das Familienoberhaupt der Familie Nathanaels, berufstätig. Aus diesem Grund bekamen ihn die Kinder tagsüber nur kurz zum Mittagessen zu sehen. Nach dem täglichen gemeinsamen Abendessen aber, das wie erwähnt bereits gegen 19 Uhr eingenommen wurde, vielleicht um mehr Zeit danach zu haben, war es fester Bestandteil der Familientradition, daß die Kinder zusammen mit der Mutter zum Vater in dessen Arbeitszimmer gingen, um den Rest des Abends in geselligem Zusammensein und bei „wunderbaren Geschichten“ 6 des Vaters zu verbringen. Oft genug aber verliefen diese Abende mit einem in sich gekehrten Vater und einer traurigen und ängstlichen Mutter, ohne heitere Geschichten und früher als gewöhnlich wurden die Kinder mit der
5 Kittler, Friedrich: ‘Das Phantom unseres Ichs’ und die Literaturpsychologie: E.T.A. Hoffmann - Freud - Lacan. In: ders., Horst Turk (Hrsg.): Urszenen. Literaturwissenschaft als Diskursanalyse und Diskurskritik. Frankfurt a.M. 1977, S. 140
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Erwähnung des Sandmanns ins Bett geschickt. Woraufhin diese ein Poltern die Treppe herauf vernahmen, des Grundes hierfür aber nie gewahr wurden. Nathanael, den die Geschichte mit dem Sandmann keine Ruhe läßt, befragt zunächst die Mutter und danach, weil ihn die Erklärung der Mutter nicht befriedigt die Amme seiner jüngsten Schwester nach dem Sandmann, die ihm die Existenz einer solchen Macht bestätigt. An dieser Stelle ist es noch wichtig anzumerken, daß Nathanael zum Z eitpunkt dieser Erzählungen etwa drei oder vier Jahre alt ist 7 , sich also in der ödipalen Phase befindet, in der die Mutter als Liebesobjekt, der Vater aber als Rivale erlebt wird. Nathanael hält sich eines solchen Abends nicht an das Gebot, schlafen zu gehen, sondern versteckt sich in des Vaters Arbeitszimmer, um endlich des schrecklichen Sandmannes gewahr zu werden. Dieser erscheint ihm in der Person des Coppelius, des ortsansässigen Advokaten, der manchmal mit der Familie speist und der nun gekommen ist, um den Vater als Gehilfen bei alchimistischen Versuchen zu gebrauchen.
„Denke Dir einen großen breitschultrigen Mann mit einem unförmlich dicken Kopf, erdgelbem Gesicht, buschigten grauen Augenbrauen, unter denen ein paar grünliche Katzenaugen stechend hervorfunkeln, großer, starker, über die Oberlippe gezogener Nase. Das schiefe Maul verzieht sich oft zum hämischen Lachen; dann werden auf den backen ein paar dunkelrote Flecke sichtbar, und ein seltsam zischender Ton fährt durch die zusammengekniffenen Zähne. ...“ 8
So beschreibt Nathanael den Coppelius in seinem ersten Brief und nun verbindet sich dieses Bild mit der Macht des Sandmanns. Hinzukommt, daß dem Kind Nathanael in dieser Szene plötzlich ein anderer, als sein innig geliebter Vater erschien. Nathanael kann in seinem Entsetzen nicht mehr an sich halten und stürzt, nach dem Ausruf des Coppelius: „Augen her, Augen her“ mit einem Schrei aus seinem Versteck hervor. Freud schreibt an dieser Stelle seiner Abhandlung: „für den weiteren Fortgang dieser Szene macht es der Dichter bereits zweifelhaft, ob wir es mit einem ersten Delirium des angstbesessenen Knaben oder mit einem Bericht zu tun haben“ 9 . Coppelius zerrt den Jungen zum Feuer und will ihm die Augen herausreißen, der Vater aber bittet diese frei und Coppelius begnügt sich, ganz im alchimistischen Sinne, die Funktion der Gliedmaßen zu untersuchen. Nathanael sieht
6 Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann in: Wawrzyn, Lienhard: Der Automatenmensch, Berlin, 1994, S. 60
7 vgl. Sommerhage, Claus: Hoffmanns Erzähler. Über Poetik und Psychologie in E.T.A Hoffmanns Nachtstück „Der Sandmann“, in : Zeitschrift für deutsche Philologie, Jg. 106 (1987), S. 516
8 Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann in: Wawrzyn, Lienhard: Der Automatenmensch, Berlin, 1994, S. 63
9 Freud, Siegmund: Das Unheimliche in: Mitscherlich, Alexander (Hrsg.) u.a.: Siegmund Freud Studienausgabe Band IV, Frankfurt a.M., 2000, S.252
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Karen Hoffmann, 2001, Der Sandmann - Stationen des Wahnsinns, München, GRIN Verlag GmbH
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