Die 18 Angeklagten hingegen stellen jeder eine bestimmte Figur dar. Im Gegensatz zu den obigen behalten sie ihre Namen, wie im wirklichen Prozess, da sie ja während der behandelten Zeit ebenfalls ihre Namen hatten während den Häftlingen ihre persönliche Identität mit der Vergabe von Nummern genommen worden war.
Die Angeklagten stehen als Symbole für ein System, das viele andere schuldig werden ließ, die nie verurteilt wurden.
Staatsanwalt und Nebenkläger sowie Vertreter der Verteidigung werden nur durch je einen Vertreter repräsentiert.
Oswald Kaduk wurde des 10fachen Mordes und der Beihilfe zum Mord in Über 1000 Fällen für schuldig befunden.
Josef Klehr wurde des Mordes in 475 Fällen und der Beihilfe zum Mord in 1980 Fällen für schuldig befunden.
Beide starben in Freiheit da sie 1988 und 1989 aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen wurden. 2. Inhalt
Da der Inhalt der Ermittlung keine primitive Geschichte mit einer fortlaufenden Handlung ist sondern aus vielen repräsentativen Einzelschicksalen besteht will ich keine Inhaltsangabe im üblichen Sinn vorbringen sondern die Namen der Gesänge mit einigen Ergänzungen, für sich selbst sprechen lassen:
Gesang von der Rampe (ehemalige Häftlinge beschreiben ihre Ankunft in Auschwitz, die Angst und Unsicherheit und die Lügen die ihnen über den Aufenthalt in diesem "Arbeitslager" erzählt wurden.)
Gesang vom Lager (das tägliche Leben im Lager: mangelnde Essensrationen, unzureichende Bekleidung...)
Gesang von der Schaukel ( Zeugin 5, die in der politischen Abteilung des Lagern als Bürokraft arbeitete, wo hauptsächlich tote Häftlinge registriert und erfundene Todesanzeigen verschickt wurden, beschreibt die grausame Vorgehensweisen des Verantwortlichen der Abteilung Grabners und besonders Bogers. Im zweiten und dritten Teil berichten die Zeugen 5, 7 von ihren Peinigern Boger und Dylewski, die sie während der Verhöre aufs grausamste zurichteten. Dazu gab es eine eigene Foltereinrichtung: die Schaukel.) Gesang von der Möglichkeit des Überlebens ( Macht der Wärter willkürlich über Leben
und Tod zu entscheiden, Sonderstellungen war eine Möglichkeit dem Überleben näher zu kommen; grausame Menschenversuche in der medizinischen Abteilung an der Gebärmutter junger Mädchen und Frauen )
Gesang vom Ende der Lily Tofler ( eine junge Frau die von Boger erschossen wurde, weil sie ihren Freund zu dem sie unerlaubten Briefkontakt hatte nicht denunzierte ) Gesang vom Unterscharführer Stark ( ein damals 20jähriger, der genauso grausam handelte wie seine älteren Kollegen; seine Ausrede lautet: damals herrschte die Sippenhaftung
- was ihm schon in der Schule eingetrichtert worden war) Gesang von der schwarzen Wand (Massenerschießungen wie Fließbandarbeit an der schwarzen Wand )
Gesang vom Phenol (wurde verwendet um die Zahl der Kranken zu reduzieren, indem sie durch eine Injektion ins Herz getötet wurden. Die vermeintliche Schutzimpfung traf nicht nur Erwachsene sonder ein Mal sogar eine ganze Schar von Kindern) Gesang vom Bunkerblock (unmenschlich kleine Zellen in denen bis zu 40 Personen zusammengepfercht waren, der Beginn von Gasversuchen zur Massentötung im Bunkerblock) Gesang vom Zyklon B ( der Apotheker und andere leugnen, von der Lagerung des tödlichen Gases Zyklon B bewußt zu haben. Obwohl der Angeklagte Mulka den Bau neuer Krematorien wegen des in Zukunft steigenden Bedarfs angeordnet hatte, weist er den Vorwurf von den Massenvernichtungen gewußt zu haben zurück)
Gesang von den Feueröfen (der Weg zur Gaskammer und weiter zur Verbrennungsanlage wird von einem ehemaligen Gefangenen geschildert )
Im Laufe dieser Gesänge versucht das Gericht einen unklaren Tatbestand aufzuhellen indem Aussagen von Angeklagten und Zeugen, Anklägern, Richtern und Verteidigern in Frage und Antwort rekonstruiert werden.
Während des ganzen Stücks fällt die Gelassenheit der Angeklagten auf, die die Zeugen fallweise sogar verhöhnen und sich amüsieren. Sie weisen alle Anschuldigungen mit den Ausreden : "Von alledem hab ich nichts gewußt.", "Meine Aufgabe war ausschließlich administrativer Art.", "Ich tat es ja nicht allein." oder "Da war ich gar nicht zuständig." zurück. Alle berufen sich auf die "befehlsbestimmte Verantwortung".
3. Der Weg von der Rampe bis in den Tod
Der Prozess der "Verarbeitung" der Häftlinge läßt sich so nachvollziehen: von der Ankunft im Lager und der Registrierung bzw. Aussonderung zur sofortigen Tötung
führt der Weg der arbeitsfähigen Inhaftierten in die überbelegten, hygienisch völlig unzureichend ausgestatteten Lagerblocks, an die Arbeitsplatze in den Industriebetrieben in der Umgebung. Schließlich, wenn Krankheit, Unterernährung, Seuchen, Denunzierungen oder völlige Erschöpfung und Selbstaufgabe ihr Werk getan haben, führt der Weg zu den sadistischen Verhören auf der Schaukel von Boger zum Hinrichtungsplatz an der Schwarzen Wand den Phenol-Injektionen von Klehr oder schließlich in die Vergasungskammer.
Nach einer lange Fahrt von meist bis zu 5 Tagen trafen die ausgehungerten Häftlinge im Lager ein. Alle drängten, fielen und stolperten aus den Wagons. Mit Stöcken wurde auf sie eingeschlagen. Nach der Rampe wurden die Frauen und Männer wurden getrennt aufgestellt. Die Kinder kamen schein halber auf einen Rotkreuzwagen, um die Eltern nicht zu beunruhigen, doch sie wurden sofort "überstellt" . "überstellen" bedeutet sofort zu den Krematorien und "verlegen" als arbeitsfähig ins Lager aufnehmen. Dann wurden die Kranken von den arbeitsfähigen getrennt. Dies wurde von Lagerärzten erledigt.
Jeder bekam eine Nummer, später wurden diese dann eintätowiert, für sich, seine Wertsachen und für die Effekte. Von diesem Zeitpunkt an, verliert der Häftling seine Individualität und es wird ihm mit dem Verlust seines Namens auch jede Würde geraubt. Nach dem Waschen, Einkleiden und Haare schneiden, werden Zugangslisten erstellt, um die kriminellen, ethnischen und politischen Häftlinge zu registrieren. Die Überstellten Häftlinge, wie später auch alle anderen gingen den Weg über die Rampe der Transporter zum Tor des Krematoriums, wo schon das Sonderkommando auf sie wartete ( Sonderkommando bestand aus 860 Häftlingen, die alle paar Monate ausgetauscht wurden, es somit nicht überlebten um keine Panik verbreiten zu können.). 100bis2000 Menschen wurden auf einmal in die Auskleideräume geführt, wo sie ihre Kleidung sorgfältig zusammenlegen mußten. Über der Tür in die Gaskammer stand in verschiedenen Sprachen "Bade-und Desinfizierungsraum" um die Leute zu beruhigen. Erst als sie dich zusammengedrängt schon in der Falle saßen brach Panik aus, aber dann war es auch schon zu spät: Das Zyklon B Gas wurde eingeworfen und der Todeskampf begann und dauerte 20Minuten. S.187 Die einzige Möglichkeit diesem vorprogrammierten Weg zu entkommen, bestand darin, eine Sonderstellung als sogenannter "Funktionshäftling" zu erlangen, die auch Exrtarationen
mitsich brachte, was die Überlebenschance erheblich steigerte ( Bunkerjakob ). Am Schicksal der Lili Tofler wird deutlich, wie sehr die Häftlinge der unbegrenzten Verfügungsgewalt der Lagerleiter ausgesetzt sind. Dazu kommt noch die Verfügung über billige Arbeitskräfte, mit immer genug Nachschub, für die umliegenden Industrien - deren zwielichtige Rolle oft übersehen wird.
Der Angeklagte Stark, der bereits mit 19 Jahren zum Lagerdienst abkommandiert wurde, zeigt die Auswirkungen der propagandistischen Erziehung in der national-sozialistischen Ideologie auf einen jungen Menschen. Er bleibt ohne Einsicht der Tragweite der Erledigung seines "Dienstes" und entschuldigt sein Verhalten mit der politischen Schulung.
4. Sprachliche Auffälligkeiten
· Es fehlt jegliche Interpunktion und sonstige Satzzeichen dadurch wirkt das Stück wie ein monotoner (Grab-)gesang, ohne Betonungen oder Aussagekraft durch eine bestimmte Sprechmelodie. Es zählen, für das Dokumentartheater typisch, nur die Fakten und sie bedürfen keiner sonstigen ästhetischen Verschönerung oder Verbesserung, um die nüchterne Wirkung nicht zu verlieren.
· Es besteht ein bedeutender Unterschied in der Sprache der Zeugen und der, der Angeklagten (v.a. Stark)
5. Peter Weiss - sein Leben
Peter Weiss, 1916 geboren in Nowawes bei Berlin, wächst in bürgerlicher Wohlbehütetheit auf. Sein Vater ist Textilunternehmer und Fabrikdirektor, die Mutter, eine ehemalige Schauspielerin, stellt das Kraftzentrum der Familie zu der sich Weiss zeitlebens hingezogen fühlt. Der Beengtheit dieser Gutbürgerlichkeit beginnt er sich jedoch bald zu erwehren. 1934 muss die Familie Deutschland verlassen und emigriert zuerst nach England, dann in die Tschechoslowakei und 1938 schließlich nach Westschweden. Die Vertreibung und frühe Entwurzelung prägen Weiss und er begegnet der existentiellen Bedrohung mit dem Traum vom freien Künstlerleben.
In Hermann Hesse findet er ein väterliches Vorbild dessen poetische Sendung er übernimmt: Die neoromantisch geprägte Weltsicht besteht aus idealen Vorstellungen von Natur, Liebe und Künstlertum mit antibürgerlichem und antikapitalistischem Protest. Weiss geht in Prag auf die Kunstakademie, folgt aber 1939 seinen Eltern nach Schweden. Als er dort in der väterlichen Fabrik für sein Geld arbeiten muss, öffnet das seinen
Erfahrungshorizont und ändert seine Weltsicht. Nun schreibt er beeinflußt von Kafka, dem Surrealismus und Existentialismus sowie der Psychoanalyse.
Mit dem Film "nackte Wirklichkeit im Gefängnis" gerät er in Konflikt mit der staatlichen Filmzensur.
1960 erscheint zum ersten Mal ein Buch von ihm in Deutschland: "Der Schatten des Körpers des Kutschers".
Die ganzen 70er Jahre hindurch arbeitet Peter Weiss and der "Ästhetik des Widerstands", einem Romanwerk über den kommunistischen Widerstand gegen den Faschismus. Am 10.Mai 1982 stirbt er in Stockholm.
6. Zur Sprache
· Jegliche Satzzeichen fehlen --> Charakter eines monotonen Kirchengesangs ( worauf auch der Name "Oratorium hindeutet") --> betont die Nüchternheit ( typisch für das deutsche Dokumentartheater )
· Die Angeklagten sprechen respektlos und völlig unberührt von den Schicksalen, von denen die Zeugen berichten und amüsieren sich sogar darüber.
· Angeklagten sind meist kurz angebunden
· Zeugen tragen teilweise sehr lange Erklärungen vor mit genauen Beschreibungen und Ausführungen
· die wenigen Adjektiva geben zusätzlich eine nüchterne Wirkung
· Interviewcharakter
7. Das Dokumentartheater
ist eine vom russischen Revolutionstheater beeinflußte Richtung des modernen Theaters. Es will durch die Verarbeitung von dokumentarischem Material
( Akten, Protokolle, Briefe, Ansprachen, Regierungserklärungen, Interviews, zeitgenössische Presseberichte, Fotos, Tonbändern und Rundfunkreportagen, Filmszenen, statistische Tabellen, Börsenberichte, Abschlussberichte von Bankunternehmen und Industriegesellschaften...)
unmittelbar politische oder soziale Realitäten darstellen. Es ist ein Theater der
Berichterstattung, ohne jegliche Erfindung sondern mit ausschließlich authentischem Material. Dieses wird im Inhalt unverändert nur in der Form bearbeitet und vom Dichter neu geordnet. Die kritische Auswahl des Materials und das Prinzip nach dem es montiert wird erweisen sich als weit gewichtiger als die Ästhetik der Darstellung auf der Bühne. Das dokumentarische Theater legt Fakten zur Begutachtung vor. Nicht individuelle Konflikte sondern sozial-ökonomisch bedingte Verhaltensweisen werden durch jeweilige Repräsentanten dargestellt.
Höhepunkt im deutschsprachigen Raum Ende der 20er Jahre und wieder während der 60er Jahre; mit den Vertretern
· Rolf Hochhuth
· Heinar Kipphardt
· Peter Weiss...
mit den Inszenierungen vor allem von E. Piscator Probleme mit dem dokumentarischen Theater:
* zugunsten der Wirkung wird auf ästhetische Qualität verzichtet. Der Dichter hat das Material nur noch zu ordnen und kann kreativ kaum tätig werden. * Die Verwendung von Originaldokumenten sichert nicht automatisch die Objektivität.
Arbeit zitieren:
Katharina Schulz, 2000, Weiss, Peter - Die Ermittlung, München, GRIN Verlag GmbH
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