1. Einleitung
Der „Single“ (wenn im weiteren generell von „Singles“ gesprochen wird, werden damit sowohl Personen weiblichen als auch männlichen Geschlechts gemeint, wenn dies nicht ausdrücklich anders erwähnt wird) ist sicherlich kein neues Erscheinungsbild in der gesellschaftlichen Entwicklung. Aus den unterschiedlichsten Gründen allein lebende Menschen hat es zu allen Zeiten gegeben. Doch der in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich gewachsene Trend zu Einpersonenhaushalten hat zu sozial und ökonomisch immer relevanter werdenden Entwicklungen geführt, auf die in dieser Arbeit soweit als möglich eingegangen werden soll. Es kann in Folgenden nicht darum gehen, eine Lanze für oder gegen die Form des Alleinlebens zu brechen, sondern es soll versucht werden, anhand von demographischen Daten sowie von Kommentaren und Einschätzungen aus der sozialwissenschaftlichen Fachwelt eine kurze Bestandsaufnahme des Phänomens „Single“ zu erstellen. Dazu ist zunächst eine Klärung des Begriffs „Single“, wie er in den weiteren Ausführungen verstanden werden muß, notwendig. Daran anschließen wird sich eine zahlenmäßige Erfassung der Alleinlebenden, die sich mit der von mir verwendeten „Single“-Definition decken, um darzulegen, daß die Zunahme der Singles die Beschäftigung mit dem Thema als solches rechtfertigt. Ein weiterer Punkt dieser Arbeit wird eine kurze Zusammenfassung zum Thema Bildung, Beruf und Einkommen sein - alles Punkte, in denen sich die Gruppe der „Singles“ von altersmäßig gleich strukturierten Gruppen abhebt. Alsdann werde ich mich mit verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Aspekten der deutlichen Vergrößerung dieser Gruppe in der bundesrepublikanischen Gesellschaft befassen, bevor meine persönliche Bewertung der zuvor dargelegten Zahlen, Meinungen und Hintergründe erfolgen wird.
2
2. Hauptteil
2.1. „Was ist ein Single“ - Begriffsklärung
Der Begriff des „Singles“ wurde etwa seit Mitte der 70er Jahre erst aus den USA „importiert“, danach in den deutschen Sprachschatz aufgenommen und mit allerlei - zunächst meist negativ behafteten - Attributen in Verbindung gebracht. „Singles“ galten als kontaktarme, beziehungs-oder
partnerschaftsuntaugliche Eigenbrötler, aber auch als karriereorientiert und „modern“ - war doch die Kleinfamilie die soziale „Norm“ zu dieser Zeit. Mittlerweile ist der Begriff des „Singles“ kaum noch attributbehaftet, sondern hat sich in der Umgangssprache als „Ersatzbegriff“ für alleinlebende Menschen herausgebildet. Unter sozialwissenschaftlichen Aspekten erscheint es allerdings unzweckmäßig, damit allgemeingültig zu operieren., denn viele Alleinlebende tun dies nicht aus Überzeugung oder aus wie auch immer gearteten sozialen oder wirtschaftlichen Gründen heraus. Beispielhaft dafür seien hier nur der 19jährige, der nach dem Abitur zwecks Studiums allein in eine fremde Stadt übersiedelt und dort einen Platz in einem Studentenwohnheim bekommt oder die 75jährige Witwe, die nach 50jähriger Ehe ihren Gatten verloren hat und nun allein
lebt. Deshalb erscheint mir die von Hradil 1 benutzte Definition die sinnvollste zu sein. Hradil geht von zwei unterschiedlichen „Klassen“ von Singles aus: Im weiteren Sinne sind „Singles“ Menschen zwischen 25 und 55 Jahren, die allein leben und haushalten, im engeren Sinne solche derselben Altersstufen, die darüber hinaus keinen festen Partner haben und langfristig allein leben. Da vor allem im Hinblick auf demographische Untersuchungen, die im Folgenden Berücksichtigung finden werden, lediglich die Tatsache des „allein leben und haushalten“ Bestandteil der Erfassungen sein kann, wird auch in dieser Arbeit hauptsächlich auf die „Singles“ im weiteren Sinne der Hradil‘schen Definition eingegangen werden.
1 Vgl.: Stefan Hradil: Auf dem Weg zur „Single-Gesellschaft“, in:Uta Gerhardt u.a.( Hrsg), Familie der Zukunft, Opladen 1995, S. 191
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Altersgruppen allein. 5 Trotzdem ist bei den ledigen Frauen der Altersgruppe von 25 bis 45 der deutlichste Anstieg im Vergleich zwischen früher und heute festzustellen: Von 1975 bis 1990 erhöhte sich ihre Zahl um 217,9 %, während er bei den gleichaltrigen Männern „nur“ um 199,1 % anwuchs. Zwei weitere Zahlen sollen verdeutlichen, daß die steigende Zahl der Singles mit einem Wechsel in den Lebensgewohnheiten der jüngeren Generation einhergeht: Auch die Zahl der unter 25-jährigen, die aus den o.a. Gründen nicht in dieser Arbeit berücksichtigt werden, stieg im gleichen Zeitraum deutlich an: Um 96 % bei den Frauen und um
102 % bei den Männern. 6
Dies ist wohl auch auf die geänderten (Aus)Bildungsgewohnheiten zurückzuführen. Längere Schulbesuche und die Tatsache, daß heute erheblich mehr junge Menschen studieren als noch in den 70er Jahren, gepaart mit der Erfordernis, für Ausbildungs- oder Studienplatz auch den Wohnort zu wechseln, sorgen dafür, daß mehr eigene Hausstände gegründet werden, von denen die überwiegende Mehrheit zunächst als Alleinhaushalte geführt werden. Dazu kommen veränderte Heiratsgewohnheiten: Das durchschnittliche Heiratsalter ist von 23,0 (Frauen) bzw. 25,6 (Männer) in 1970 auf 27,7 bzw. 30,1 Jahre in 1996 gestiegen. 7
2.3. Singles unter den Aspekten Bildung, Beruf, Einkommen
und Wohnsituation
Längere Ausbildungszeiten - oft eben auch ein Studium - lassen schon erahnen, daß Singles im Schnitt über eine höheres Bildungsniveau, höherwertige Berufe und damit auch ein höheres Einkommen verfügen als ihre gleichaltrigen nicht allein lebenden Pendants. Das macht sich insbesondere bei den weiblichen Singles bemerkbar. Während von den nicht allein lebenden Frauen die meisten auf das Einkommen Ihrer Partner angewiesen sind, müssen sich Single-Frauen selbst ernähren. In einer Untersuchung, die sich zwar nur mit den Singles zwischen 30
5 Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus, in: „Die Familie im Spiegel der amtlichen Statistik“, herausgegeben vom BMFS, 5. Aufl., Bonn,1999, Tab. 27, S 67
6 Quelle: Mikrozensus des Jahres 1990 in: Jürgen Dorbritz, Die demographische Bedeutung des Familienstandes, Forschungsbericht im Auftrag des BMFS, Stuttgart 1995, Tab. 18, S 64
7 Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus, in: „Die Familie im Spiegel der amtlichen Statistik“, herausgegeben vom BMFS, 5. Aufl., Bonn,1999, Tab. 33, S 83
5
und 40 Jahren beschäftigt, wurde festgestellt, daß nur etwa 35 % der in einer Partnerschaft lebenden Frauen eigene Einkommensquellen angaben, aber mehr als 80 % der alleinlebenden Frauen. Bei den Männern sieht es da schon anders aus: Offensichtlich löst der Druck, eine Familie ernähren zu müssen, eine etwas andere Haltung aus: Die Zahl der männlichen Singles, die von Leistungen des Sozialsystems (Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe, HLU) leben, liegt mit 22 % deutlich höher als die der nicht alleinlebenden mit 4 %, aber auch höher als die
der weiblichen Singles (11 %) 8
Weibliche Singles haben auch eine weitaus höhere Schulbildung als andere Frauen: Der Anteil der Abiturientinnen unter ihnen liegt doppelt so hoch, während sich die Zahlen bei den Männern in etwa gleichen. Allerdings haben auch mehr Singles - und das gilt sowohl für Männer als auch für Frauen - gar keinen Schulabschluß. Bei diesen jeweils etwa 5 % dürfte es sich zum großen Teil jedoch um die für das Allgemeinbild der Singles eher untypischen Mitglieder sozialer
Randgruppen (Nichtseßhafte, etc) handeln. 9 Bessere Ausbildung hat im Regelfall auch ein höheres Einkommen zur Folge. Dies gilt auch für Singles, die vor allem als junge Männer oft deutlich besser verdienen als ihre Altersgenossen, während die bis 35jährigen Frauen da deutlich zurückbleiben. Während das Durchschnitts-Nettoeinkommen 1992 bei
1.886 DM lag 10 ,verdienten männliche Singles aller Altersklassen im Schnitt über 2.000 DM pro Monat und auch weibliche Singles über 35 übertrafen diese Marke, während die jüngeren Frauen leicht hinter dem Durchschnittseinkommen zurückblieben. Bedenkt man aber, daß im bei Geißler ermittelten Durchschnitts-Einkommen alle Altersklassen berücksichtigt wurden und setzt man gleichzeitig die Erfahrung voraus, daß Einkommen eigentlich mit der Zahl der Berufsjahre steigen, dürfte wohl auch der „durchschnittliche“ junge weibliche Single einkommensmäßig besser dastehen als sein nicht alleinstehendes Pendant. Besonders auffällig in der Einkommensstruktur der Singles ist außerdem, daß männliche Singles zwischen 30 und 40 mehr als 25 % höhere Einkommen haben
8 Quelle: Ronald Bachmann: Singles,. Europäische Hochschulschriften, Reihe XXII, Bd.235, Frankfurt/M. u. a. O., Abb.II-9, S. 62
9 vgl. Ronald Bachmann: Singles,. Europäische Hochschulschriften, Reihe XXII, Bd.235, Frankfurt/M. u. a. O., S. 61,f
10 vgl. Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands, Opladen, 1996, S. 59
6
als der Bevölkerungsdurchschnitt. 11 Bedenkt man nun noch die deutlich höhere steuerliche Belastung von Singles, so ergeben sich für diese Bevölkerungsgruppe die durchschnittlich höchsten Einkommen überhaupt. Bei Singles besonders häufig vorkommende berufliche Tätigkeiten sind die der qualifizierten höheren Angestellten, so daß sich der Einkommensvorsprung auch aus der Berufshierarchie erklären läßt, in der sie insgesamt höher stehen als Nicht-Singles. 12
Grundsätzlich scheinen Singles auf beruflichen Erfolg und ihre berufliche Weiterentwicklung mehr Wert zu legen: „Beinahe vier von fünf Singles ...besitzen ausgeprägte Ambitionen für ihren beruflichen Werdegang in der Zukunft........Die Erwartungen beziehen sich vor allem auf die Möglichkeiten, sich im Erwerbsleben persönliche Erfolge zuzuschreiben, soziale Anerkennung
erfahren.....zu können“ 13 Für viele Singles scheint der berufliche Erfolg den „Mißerfolg“ im Privatleben, nämlich das - in ihrem Fall unfreiwillige - Single-Dasein zu kompensieren. Es gibt aber auch immer mehr Singles, die sich ganz bewußt dem beruflichen Erfolg verschreiben und von vornherein keinen (allzu großen) Wert auf enge persönliche Bindungen oder gar eine feste Partnerbeziehung legen. 14
11 vgl. Katharina Pohl, Singles im Alltag - Soziodemographische Aspekte der Lebenssituation Alleinstehender, in: Gerd Grözinger (Hrsg.) Das Single - Gesellschaftliche Folgen eines Trends, Opladen 1994, S. 56
12 vgl. Stefan Hradil: Auf dem Weg zur „Single-Gesellschaft“, in:Uta Gerhardt u.a.( Hrsg), Familie der Zukunft, Opladen 1995, S. 199
13 Ronald Bachmann: Singles,. Europäische Hochschulschriften, Reihe XXII, Bd.235, Frankfurt/M. u. a. O., S. 188
14 vgl. Bachmann, s.o., S. 189 f
7
Besonders gravierend sind die Unterschiede zwischen Singles und Nicht-Singles, wenn man ihre Wohnsituation betrachtet. Am Beispiel der Stadt Stuttgart findet sich eine aufschlußreiche Statistik:
Abb. 2
Durchschnittlich zur Verfügung stehender Wohnraum pro Person nach Haushaltsgröße
Der „durchschnittliche“ Single verfügt über einen Wohnraum von 55 Quadratmetern - das sind fast 60 % mehr als im Gesamtdurchschnitt der Bevölkerung. Verglichen mit Großfamilien „breitet“ sich ein Single noch extremer „aus“: Er hat fast dreimal so viel Platz zum Wohnen wie das einzelne Mitglied einer kinderreichen Familie. Das hängt natürlich auch mit den Tücken der Statistik zusammen: Eine Wohnung hat meist nur eine Küche mit durchschnittlich 12 qm. Der Single nutzt diese allein, bei einer fünfköpfigen Familie kommen lediglich 2,4 qm pro Person zur Anrechnung - selbiges gilt für andere gemeinschaftlich genutzte Räume wie Bäder und Toiletten. Die Zahlen zeigen aber trotzdem, daß Singles verhältnismäßig „großzügig“ wohnen. Die Auswirkungen dieses Phänomens auf den Wohnungsmarkt sollen u. a. im nächsten Abschnitt erörtert werden.
15 Grözinger, Das Single, a.a.O. S. 111
8
2.4. Politisch und gesellschaftlich relevante Konsequenzen
aus der Singulisierung der Gesellschaft
Welche Auswirkungen das zunehmende „Alleinleben“ auf unsere Gesellschaft hat, darüber wird schon seit längerem diskutiert. „Singles verdienen relativ viel. Sie haben aber aufgrund ihres Alleinlebens auch hohe Konsum- und Lebenshaltungskosten. Dies führt zu Befürchtungen, Singles könnten zur Verschärfung der allgemeinen Wohnungs- Müll- und Verkehrsprobleme in
unserer Gesellschaft beitragen“. 16
Die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt ist ein Beispiel dafür, welche Auswirkungen die zunehmende Singularisierung der Gesellschaft haben kann. Bis weit in die 80er Jahre hinein war bezahlbarer Wohnraum in Deutschland relativ knapp. Es herrschte zwar keine „Unterversorgung“, aber das Angebot bestand zum großen Teil aus Wohnungen, die so konzeptioniert waren, daß sie dem überwiegenden Teil der Bevölkerung „dienlich“ waren. Die durchschnittliche Wohnungsgröße lag bei knapp 70 qm und bestand aus drei Zimmern, Küche Bad - zugeschnitten auf die Familie mit einem oder zwei Kindern. Mit der Abnahme der Familienhaushalte, den zunehmenden Scheidungsraten und dem durchschnittlich sich alle fünf Jahre um ein Jahr nach hinten verschiebenden Heiratsalter wurden aber immer mehr Wohnungen für Singles benötigt und von diesen okkupiert - eben in hohem Maße Wohnungen, die eigentlich für eine andere Zielgruppe gedacht waren. Da die Singles zudem auch meist - wie dargelegt - über die Finanzkraft verfügten, sich Wohnungen zu leisten, die für sie und ihre grundlegenden Bedürfnisse eigentlich zu groß waren, wurden Wohnungen knapper und damit, den Gesetzen der Marktwirtschaft folgend, auch teurer, so daß viele Familien sich die eigentlich für sie gedachten Unterkünfte nicht mehr leisten konnten. Die Wohnungswirtschaft reagierte erst sehr spät auf die sich abzeichnenden Trends. Erst mit Beginn der 90er Jahre begann man, im ausreichenden Maße Wohnungen zu bauen, die auf die Bedürfnisse der Singles zugeschnitten waren, was zu einer spürbaren Entlastung des gesamten Wohnungsmarktes geführt hat.
16 Stefan Hradil: Auf dem Weg zur „Single-Gesellschaft“, in:Uta Gerhardt u.a.( Hrsg), Familie der Zukunft, Opladen 1995, S. 209
9
Doch Singles verursachen auch andere „Probleme“: Sie kaufen deutlich häufiger z. B. Lebensmittel in „Kleinpackungen“ und als abgepackte Ware ein, was zu einer Vermehrung des Verpackungsmülls führt. Sie sind besonders freizeitaktiv und reisen gern -eben auch mal „nur übers Wochenende“. Das führt zu einer erhöhten Mobilität - und diese ist in unserer heutigen Zeit eine Auto-Mobilität. Man könnte also meinen, Singles benutzten ihr Auto häufiger als andere und würden dadurch einen großen Beitrag zur Umweltbelastung leisten. Doch Untersuchungen haben ergeben, daß Singles zwar mehr, aber meist auch kürzere Wege zurücklegen. Dazu benutzen sie außerdem wesentlich mehr als z.B. Familien (die Kinder müssen - im Auto - mitfahren zum Einkauf, weil sonst keiner auf sie aufpaßt) das Fahrrad oder öffentliche Verkehrsmittel oder gehen zu Fuß. Andererseits aber zwingen sie dadurch, daß sie sich bevorzugt in städtischen Wohngebieten niederlassen, Familien zum Umzug ins Umland, was für diese wiederum erhöhte Wegeleistungen mit sich bringt. 17 Auf dem Arbeitsmarkt sorgen Singles trotz der derzeitigen insgesamt schlechteren Arbeitsmarktlage eher für positive Einflüsse. Zwar erhöht sich durch die zunehmende Zahl der Singles, die sich auch selbst ernähren müssen, vor allem die Zahl der weiblichen Arbeitskräfte, die zur Verfügung stehen. Wie oben aber bereits dargelegt, sind Singles heute meist besser ausgebildet und strömen so in ein Segment des Arbeitsmarktes, in dem mit der fortschreitenden Technisierung und „Verdienstleistigung“ auch eine erhöhte Nachfrage besteht, wie die kürzlich aufgekommene Diskussion um die Anwerbung von ausländischen Fachkräften zur Bedarfsdeckung im Bereich der neuen Technologien Computer, Kommunikation und Internet wieder bestätigt hat.
Von vielen Seiten wird den Singles zur Last gelegt, daß sie die Rentenkassen besonders belasten. Dies stimmt insofern, als daß viele von Ihnen keine Kinder und Kindeskinder hinterlassen, die in Zukunft für die soziale Sicherung, so wie sie derzeit noch besteht, sorgen könnten. Andererseits tragen sie als gut verdienende Arbeitnehmer durch die Höhe ihrer Beiträge aber auch dazu bei, daß die derzeitigen Versicherungsbeiträge relativ stabil gehalten werden können. Schwerwiegender dürfte da schon der „Vorwurf“ sein, daß sie in
17 vgl.: Stefan Hradil: Auf dem Weg zur „Single-Gesellschaft“, in:Uta Gerhardt u.a.( Hrsg), Familie der Zukunft, Opladen 1995, S. 209 f.
10
Ermangelung von Familienangehörigen das Subsidiaritätsprinzip der Alterspflege belasten. Sie werden also in Zukunft häufiger auf fremde Pflege angewiesen sein, was zu nicht unerheblichen Belastungen der Pflegeversicherung und der sozialen Träger z. B. von Altersheimen führen könnte. Andererseits aber sichern sich gerade die gut verdienenden Singles in erhöhtem Maße auf dem Wege der privatwirtschaftlichen Versicherungen für den Fall ab, daß sie im Alter einmal betreuungs- oder gar pflegebedürftig sein werden, wollen sie doch den ein Leben lang gewohnten Komfort auch im Alter nicht missen.
3. Fazit
Die Zahlen sprechen für sich: Es gibt immer mehr Einpersonen-Haushalte in Deutschland - in manchen Großstädten wie München, Hamburg oder Berlin
haben sie bereits die Mehrheit 18
Singles haben gesellschaftspolitisch gesehen zwei Seiten: Einerseits sind sie durch ihre erhöhte Kaufkraft, durch ihr intensiveres Konsumverhalten durch Markenbewußtsein, durch ihre in großen Teilen dieser Gruppe vertretenen postmaterialistischen und/oder hedonistischen Lebensanschauungen zu einer gern gesehen Zielgruppe für die verschiedensten Zweige der Wirtschaft geworden. Single-Urlaub, Single-Menüs, Single-Parties haben Konjunktur, daß vier einzelne Singles auch viermal so viele Fernseher, Kühlschränke oder Computer benötigen wie eine vierköpfige Familie, bedeutet ein nicht zu verachtendes wirtschaftliches Potential dieser Bevölkerungsgruppe. Singles zahlen hohe Steuern und hohe Krankenkassenabgaben, ohne das System durch Kinder (Kindergärten, Schulen, etc) oder mitversicherte Familienangehörige zu belasten. Andererseits tragen sie durch ihre überwiegende Nachkommenlosigkeit außer ihren eigenen - allerdings überproportional hohen Beiträgen nichts zum „Generationenvertrag“ bei, benötigen (prozentual gesehen mehr) Wohnraum, müssen im Alter meist von Fremden betreut werden - sind also auch als „Belastung“ für die Gesellschaft anzusehen. Unter diesen - grob als „materialistisch“ einzustufenden Aspektendürften sich Für und Wider wohl die Waage halten. Es gibt Vorschläge wie den
18 vgl.: Horst W. Opaschinksi, Singles: Die Hätschelkinder der Konsumgesellschaft in: Gerd Grözinger (Hrsg.) Das Single - Gesellschaftliche Folgen eines Trends, Opladen 1994, S. 25
11
von Hradil, durch „nach Lebensform und Kinderzahl abgestufte Beiträge zur Rentenversicherung“(und damit wohl auch zur Pflegeversicherung, die bei
Fertigstellung seines Beitrags noch nicht existierte - d. Verf.) 19 Singles zusätzlich „zur Kasse zu bitten“ Andererseits muß meiner Meinung nach auch
dagegengehalten werden, daß Singles die Gesellschaft z. B. nicht durch Kinder belasten. Eine Folgerung aus dem o. a. Vorschlag wäre dann auch die Einführung von Schul- und Studiengebühren, da Singles dann auch nicht die Kosten für die Ausbildung anderer Leute Kinder aufgebürdet werden dürften. Der Zustand des „Single-Seins“ ist darüberhinaus - und darüber sind sich alle von mir bei der Bearbeitung dieses Themas hinzugezogenen Autoren einigfür die meisten nur ein vorübergehender. Nur für etwa ein Drittel der Männer und ein knappes Viertel der Frauen gelten die Kriterien „Ohne Partner, Ohne Kinder
und Alleinwohnend“ uneingeschränkt 20 Die Mehrheit der Singles lebt zeitweise allein, ist im Prinzip einer Partnerschaft gegenüber nicht abgeneigt und auf der Suche nach dem oder der richtigen Partner(in), lebt in sogenannten LAT-Beziehungen (living apart together - feste Partnerschaft mit getrennten Wohnungen) oder ist getrennt lebend/geschieden und hat dabei meist auch schon ein oder mehrere Kind(er).
Singles haben mit ihrer Lebensform aber auch zu einer Liberalisierung in der Gesellschaft beigetragen, von der auch andere Gruppen, wie z.B. die nichtehelichen Lebensgemeinschaften, profitiert haben. Daran, daß sich die Moralvorstellungen seit den frühen 70er Jahren deutlich geändert haben, haben die unabhängigen, auch häufiger einmal den Partner wechselnden Singles in hohem Maße beigetragen. Mit ihrer Vermehrung haben sie dafür gesorgt, daß insgesamt eine größere Akzeptanz für Lebensformen außerhalb der früher gewohnten Kleinfamilie besteht. Unter diesem Aspekt ist die Zunahme von Singles in der Bevölkerung begrüßenswert.
Problematisch stellt sich die Vereinzelung in der Gesellschaft allenfalls für diejenigen dar, die damit aus den verschiedensten Gründen für sich selbst nicht
19 Stefan Hradil: Auf dem Weg zur „Single-Gesellschaft“, in:Uta Gerhardt u.a.( Hrsg), Familie der Zukunft, Opladen 1995, S. 215
20 vgl.: Katharina Pohl, Singles im Alltag - Soziodemographische Aspekte der Lebenssituation Alleinstehender, in: Gerd Grözinger (Hrsg.) Das Single - Gesellschaftliche Folgen eines Trends, Opladen 1994, S. 57
12
zurecht kommen. Die meisten Singles haben gut funktionierende soziale Netzwerke wie Freundeskreis, Familie, Arbeitskollegen, etc. Wo diese nicht vorhanden sind, können Vereinzelung und damit einhergehend in extremen Fällen Vereinsamung zu einer Belastung für Gesellschaft und Mitmenschen werden, was sich in einem leichten Ansteigen der Suizid-Fälle in den letzten Jahren bemerkbar gemacht hat. Aus diesem Grunde aber in der zunehmenden Singulisierung eine Gefahr für das soziale System oder die Gesellschaft anzunehmen, würde meines Erachtens die Bedeutung dieser Fälle deutlich überinterpretieren.
13
Literatur-Verzeichnis:
1. Bachmann, Ronald: Singles. Europäische Hochschulschriften, Reihe XXII, Band 235, Frankfurt/M. u.a.O., 1992
2. Dorbritz, Jürgen: Die demographische Bedeutung des Familienstandes, Forschungsbericht im Auftrag des BMFS, Stuttgart, 1995
3. Geißler, Rainer: Die Sozialstruktur Deutschlands, Opladen, 1996
4. Hradil, Stefan: Auf dem Weg zur „Single-Gesellschaft“, in:Uta Gerhardt u.a.( Hrsg), Familie der Zukunft, Opladen, 1995
5. Opaschinksi, Horst-W.: Singles: Die Hätschelkinder der Konsumgesellschaft in: Gerd Grözinger (Hrsg.) Das Single - Gesellschaftliche Folgen eines Trends, Opladen, 1994,
6. Pohl, Katharina: Singles im Alltag - Soziodemographische Aspekte der Lebenssituation Alleinstehender, in: Gerd Grözinger (Hrsg.) Das Single -Gesellschaftliche Folgen eines Trends, Opladen, 1994,
7. „Die Familie im Spiegel der amtlichen Statistik“, herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 5. Aufl., Bonn, 1999
14
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