wohl die Anlehnung an die Biologie: Durkheim faßt Gesellschaft als ein organisches Ganzes auf, ein Gebilde, das sich in Teilgebilde zergliedern läßt. Die „Soziale Gesundheit“ ist demnach abhängig davon, wie sich Teile des Gebildes zum Ganzen verhalten.
Zeitgeschichtlich betrachtet muss Durkheim eine besondere Würdigung zukommen, denn schließlich war er einer der ersten auf seinem Gebiet, der versuchte, verschiedene Phänomene nicht mehr als gottgegeben, sondern als geschaffen von Menschen und somit auch veränderbar durch Menschen zu erklären. Das sich hieraus ableitende wissenschaftliche Paradigma ist der „Funktionalismus“. Die Gewinnung von Daten wird nach diesem Paradigma quantitativ angelegt; entsprechend sind auch die Resultate einer derartigen Studie von quantifizierendem Charakter.
Erving Goffmann thematisiert in seiner subjektivistisch angelegten Studie das Verhalten des Individuums im gesellschaftlichen Kontext. Es geht hier um die Erfahrung der Stigmatisierug. In seiner soziologischen Bedeutung ist ein Stigma schlicht ein soziales Zeichen, das relativ über bestimmte Eigenschaften seines Trägers informiert. Das Verstehen eines solchen Stigmas vollzieht sich innerhalb eines Bedeutungsdreiecks, dessen Eckpunkte (1.) ein Sachverhalt, also z.B. eine körperliche Eigenschaft oder ein besonderes Verhalten, (2.) dessen Kennzeichnung als Stigma und (3.) die Interpretation durch einen Dritten sind. Ein Mensch findet dieser These folgend immer erst zu seiner Identität im Kontext mit anderen. (Selbst-)Bewußtsein entsteht erst dann, wenn der Mensch versucht, die Reaktion anderer auf sein eigenes Verhalten, auf seine eigene Person, also auf sich selbst zu interpretieren. Anders gesagt und zu finden bei G. H. Met, Geist, Identität und Gesellschaft., 1968 entsteht das Selbstbewußtsein nur, wird der Mensch sich also „selbst nur zum Objekt, indem die Haltung anderer Individuen gegenüber sich selbst (…) einnimmt“. Grundvoraussetzung der Selbstwahrnehmung oder Selbstreflektion ist die Fähigkeit zur Kommunikation, nämlich mittels Sprache.
Die oben unter (3.) genannten Interpretationen unterliegen bestimmten Regeln; anders gesagt sind dies die Normen der Beurteilung mittels derer Stigmata ihre Bedeutung erhalten. Goffman befaßt sich nun in seiner Studie mit der Geltung, dem Umgang und mit dem Wandel solcher Regeln. Es wird deutlich, das Goffmanns Zugriff sich auf die qualifizierende Einordnung von Phänomenen richtet. Diese Einordnung setzt ein Verstehen und Interpretieren des Sachverhaltes voraus. Die Methode ist also von stark qualifizierendem Charakter.
Leitbild dieser im Jahr 1963 veröffentlichten Studie ist das Verstehen-Wollen individuellen Verhaltens. Das zu dieser Zeit vorherrschende wissenschaftliche Paradigma, das durch diese Studie repräsentiert wird, ist das Paradigma des Interaktionismus: Individuen wird hiernach ein Selbst zugeschrieben, das reflexiv ist und das die Fähigkeit des Handelns mit sich selbst (innere Kommunikation) beinhaltet. Der
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so reflektierende und interpretierende Mensch konstituiert demnach eine soziale Ordnung (nur dann), wenn es gemeinsam vorliegende Formen der Interpretation von der Welt gibt.
Die Studie von Jahoda (und anderen) ist als dritter Klassiker der Soziologie und zur Exemplifizierung eines weiteren soziologie -methodischen Ansatzes behandelt wurden. Marienthal ist kleines Dorf (etwa 1500 Einwohner) in Niederösterreich, das im Jahr 1929 von kollektiver Arbeitslosigkeit betroffen war und das deswegen zum Objekt einer sozio-psychologischen Untersuchung wurde. Es wurde die schrittweise Veränderung der Lebensstrukturen sowie die Veränderungen der Verhaltensmuster untersucht und typisiert. Die hierbei verwendeten Datenquellen waren unterschiedlich und reichten von offiziellen Amtsstatistiken über Biographien, Interviews, Gesprächen, Schulaufsätzen und Zeitverwendungsbögen bis hin zu Zusammenstellungen der Mahlzeiten.
Diese Studie ist exemplarisch, also zur Verdeutlichung des methodologischen Ansatzes, so interessant, weil sie keine Extremposition einnimmt, sondern eine mittlere. Es werden sowohl qualitative als auch quantitative Betrachtungen mit einbezogen. Quantifizierend ist z.B. eine Vorgehensweise wie das Heranziehen offizieller Statistiken oder - was auch getan wurde - das Erheben von Statistiken zur Ausleihe von Büchern aus der ortsansässigen Bibliothek oder zur Gehgeschwindigkeit der Dorfbewohner. Qualifizierende Methoden sind z.B. solche wie das Auswerten von Interviews oder Biographien.
Ich hoffe, dieser kurze Aufriß hat euch einen verständlichen Einblick in das umfassende Problemfeld der soziologischen Methodologie gegeben und euer Interesse hieran nicht geschmälert.
Literaturverzeichnis:
-Durkheim, É., Der Selbstmord, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1983, (zuerst 1897) -Goffmann, E., Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität., Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1977, (original 1963)
-Jahoda, M./ Lazarfeld, P./ Zeisel, H., Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch., Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1975, (zuerst 1933)
-Mead, G. H., Geist, Identität und Gesellschaft., Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1968, (original 1934)
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Arbeit zitieren:
Thomas Schröder, 2001, Einführung in die Soziologie, München, GRIN Verlag GmbH
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