einzelnen Bauteilen zusammengesetzt wurden, sondern sie wurden zu verschiedenen Kompositionen verschmolzen. Diese Auffassung wirkte sich in der Grundrissgestaltung der Bauwerke aus. Der Umriss bekam eine reiche, malerisch bewegte Wirkung, d. h., dass sie nicht wie die Renaissance einfache, geometrische Formen wie das Rechteck und das Quadrat bevorzog, sondern sie benutzte eher die Ellipse, das Oval und komplizierte Kurven, die den Eindruck der Bewegung und der Spannung steigern sollten. Auch auf die symbolische Bedeutung der Formen wurde viel Wert gelegt, z. B. entwarf Borromini (1599- 1667) eine Kirche mit dem Grundriss einer Biene, nur weil in dem Wappen des Bauherrens die Biene vorkam.
Als Bernini (1598-1680) die Platzanlage vor St. Peter in Rom gestalten sollte, legte er die weitausgreifenden Kollonaden so an, dass sie sich wieder als symbolisch die Welt umfassende Kirche darbieten sollte. Da sieht man auch, dass die dynamische Gesamtwirkung des barockischen Bauwerks entscheidend war. Sie zeichnen sich aber auch durch scmückende Elemente aus und verkörpern gleichzeitig die Idee der Bewegung. Hier galten als schmückende Elemente geschwungene Mauern, Umrisse sowie Kurven und Spiralsäulen. Diese Spiralsäulen wurden als erstes von Bernini erbaut und wurden dann später als schmückendes Element in vielen kirchlichen Barockausstattungen verwendet Bild 2). In der Barockzeit gab es auch eine Vorliebe für Kurven. Sie waren z. B. das Gesims, die Volute, der Giebel und die Wappenkartusche. Diese Kurven versetzten das Bauwerk in Schwingung und schmückten es auch gleichzeitig. Die Voluten sind schneckenförmig gerollte Bauelemente und wurden zur dynamischen Außengliederung verwendet (Bild 3). Das Gesims ist ein geschwungener Dachaufsatz und wurde über dem Mittelteil des Bauwerks gebaut, welches die gewellte Fassade hervorheben sollte, in dem die einschwingenden Seiten zurücktraten (Bild 4). Die Wappenkartuschen dienten als Wandschmuck und hatten außerdem die Funktion, den Bewohner des Bauwerks zu repräsentieren. Der Giebel war ein altes klassisches „Formenrepertoire“, wurde aber dem Barock angepasst. Borromini veränderte die Giebel ganz. Sie wurde nach klassischen Regeln dreieckig oder halbkreisförmig konstruiert, aber bei Borromini treten sie als Mischformen auf (Bild 5). Diese neue Konstruktionsform wird als „Absurdität“ des barock bezeic hnet.
Die Kirchen des Barock wurden meist gewölbt. Man brauchte für jedes Gewölbe Stützmauern, da jede Wölbung aus einem Bogen besteht und da die Bogenkonstruktion einen Seitenschub auf die Stützmauern ausübt. Diese Stützmauern werden als Widerlage bezeic hnet. Der Barock wählte geschlossene Mauerteile als tragende Elemente für dieses Gewölbe (Bild 6).
Eine andere Auffassung, dass das Bauwerk eine plastische Einheit ist, war, dass die Konstruktion des Bauwerks nicht das die Summe von Einzelteilengesehen wurde, d. h., dass die Fassade, der Grundriss, die Wände, die Kuppel und die Apsis für sich selbst galten. Für die Barockarchitekten war die Fassade nur ein Teil des Bauwerks, der nach außen sah und deshalb ein Element eines
Gesamtzusammenhangs war. Das Mittelstück der Fassade wurde im Hinblick auf das, was über oder unter ihr lag, angelegt. Somit stand die Vertikalbetonung der Mitte in starkem Gegensatz zu den alten waagerecht gelagerten Stockwerken. Über den wurden die dekorativen Elemente, das sind z. B. die Säulen, die Pilaster, die Nischen und die Giebel auf die Mitte hin ausgerichtet. So wurde ein Barockwerk vertikal gegliedert. Das Zentrum des Baus wird jeweils hervorgehoben und enthält oft die seitlichen Elemente in übersteigerter Form, so dass die Seiten dadurch ein geringes Gewicht beim Betrachter bekommen. Dieser Gesamteindruck vermittelt wieder das barocke plastische Prinzip.
Das Bauwerk ist komplex, d. h., dass sie eine aus Einzelteilen bestehende Gesamtheit ist, überraschend und dynamisch. Diese Eigenschaft des Bauwerks kommen erst unter der wechselnden Wirkung von Licht und Schatten in Erscheinung. Die Lichtführung spielt daher im Bereich der barocken Architektur eine große Rolle. Die Barockarchitekten benutzten nicht nur eine Lichtquelle, sondern sie verwendeten den Lichteinfall auch von verschiedenen Materialien (weil eine Backsteinwand einen anderen Charakter als Marmor hat, welcher glatter als ein roher Stein ist), welche auch häufig kombiniert wurden, um die Wirkung zu steigern. Diese unterschiedliche Materialwirkung nutzten die Barockmeister für den Außen- sowie für den Innenbau, um wieder den Effekt der Bewegung, der Spannung und des Pathos zu erreichen. Außerdem griff der Barock bei der Lichtführung häufig auf Effekte zurück, die man theatralisch bezeichnen könnte. So wie auf der Bühne die dramatischen Wirkungen durch wechselnde Lichtwirkungen gesteigert werden, so werden Lichteffekte in der Barockarchitektur durch überraschenden Lichteinfall genutzt, malerische Ausstattung, den Glanz von Gold und Farben und dazu im Kontrast künstliches Licht, um Spiegelungen und das Dunkel zu erreichen. Diese Lichteinfälle wurden z. B. durch Kuppeln und Fenster erzeugt (Bild 7).
In der Innenausstattung der Barockwerke wurde viel Schnitzerei, Malerei, Marmorarbeiten, Vergoldung und Farben zur Steigerung der „mitreißenden“ Wirkung und der Spannung verwendet. Dieses führte zur „gemalter Architektur“, welches häufig in Palästen vorkam (Bild 8).
Die vier wichtigsten italienischen Barockarchitekten:
Die vier wichtigsten italienischen Barockarchitekten waren Bernini, Borromini, Guarino Guarini (1624-1683) und Pietro da Cortona (1596-1669). Sie zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Werke „unverkennlich“ barock sind, aber doch jeder von ihnen hatte seine eigene Art. Bernini und in gewisser Maßen auch Pietro da Cortona repräsentieren den höfischen Barock, welcher nach majestätischen Wirkungen strebt und sie hatten vor allem in Italien, im römischen Barock, Erfolg. Bernini hatte seine Grundidee, so wie z. B. das Oval. Borromini war auch ein Architekt des römischen Barocks und er wetteiferte in Konkurrenz mit Bernini. Er verfolgte vor allem komplizierte Raumvorstellungen und spielte ein „Spiel“ mit den
herkömmlichen Elementen. Außerdem beeinflusste er damit Guarini, der in der Zeit des Spätbarocks lebte und die Rokokoarchitektur Süddeutschlands formte. Guarini führte die Baugedanken Borrominis weiter, führte eine neue „wellenförmige Ordnung“ ein, achtete aber dabei besonders auf die geometrische Konstruktion und auf die technische Vervollkommnung des Werks. Seine Kunstformen beeinflusste die nachfolgende Kunst.
Quellen: Belser „Basiswissen Kunst“, „Neues Grosses Wörterbuch“, „Du
Mont`s Künstlerlexikon“, „Propyläen Lexikon der Kunst“
Erreichte Punktzahl: 12
Arbeit zitieren:
Zeynep Karadag, 2001, Barockarchitektur in Italien, München, GRIN Verlag GmbH
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