gesellschaftliche Probleme ungefiltert und ungechützt auf das Inividuum. Alltagssolidarische,
kollektive Erfahrungs- und Denkzusammenhänge wie sie früher vorherrschten bleiben
heutzutage häufig aus.
Ich denke Jugendliche werden heutzutage oft von bestimmten gesellschaftlichen Instanzen
gelenkt und bestimmt, was unter dem Scheinmantel der Individualiesierung versteckt wird.
Bedeutet Individualiesierung zwischen verschiedenen Freizeit- und Konsumangeboten der
Industrie individuell auszuwählen ?
Ist der Rahmen in dem man sich individuell bewegen kann nicht auch gesteckt und definiert ?
Gibt es nicht klare Grenzen in dem Rahmen in dem man sich bewegen kann ?
II Jugend ist Schul- und Bildungsjugend
Früher war es die Regel, daß Jugendliche einen Volksschulabschluß absolvierten und danach
eine praktische Berufsausbildung machten, um einen Beitrag zu Famielienbudget zu leisten.
Damals war die Jugendzeit damit auch begrenzt und endete früh mit dem Berufsleben der
Erwachsenen.
Die Jugendphase hat zu heute von Arbeits- und Beschäftigungsverhältnissen im häuslichen
und außerhäuslichen Bereich zu schulischer, kognitiver Lernarbeit gewandelt. Seit der
Bildungsexpansion in den 70er Jahren erfährt man eine Zurückdrängung der Arbeit als
unmittelbaren Erfahrungsbereich für Jugendliche. Es hat eine Entkopplung von kognitiven
bzw. abstrakten Lernprozessen und praxisbezogenen Arbeitsprozessen stattgefunden.
Jugendlichen kommen immer früher in das Schul- und Ausbildungssystem und bleiben immer
dort immer länger. Immer mehr Jugendliche besitzen den Status eines Schülers. Der Bildungs-und Lernaspekt ist zum zentralen Merkmal für das Verständnis der Jugendphase geworden.
Die Schule ist die allgegenwärtige und mächtigste lebensprägende Instanz im Jugendalter.
Nach der üblichen Schulausbildung (Hauptschulabschluß, mittlere Reife und Abitur) wird der
schulische Bildungsweg oft noch in der Universität, auf dem zweiten Bildungsweg oder im
Berufsgrundschuljahr fortgeführt. Viele Jugendliche gelangen auch nach der Ausbildung
wieder in ein Schulsystem, in dem sie dann Zusatzqualifikationen erwerben. Dies bedeutet, im
Vergleich mit früher, eine Verlängerung der Jugendphase.
Jedoch entsteht im Zusammenhang mit der schlechten Arbeitsmarktsituation das sogenannte
Qualifikationsparadoxon. Ein hoher Bildungsabschluß oder eine hochqualifizierte Ausbildung
versprechen heute kein gesichertes Einkommen oder hohen Lebensstandard mehr. Dies führt
zwangsweise zu einer Entwertung aller Bildungsabschlüsse, wobei das formale
Ausbildungsniveau steigt. Vor dem Hintergrund der Arbeitslosigkeit, kann man auch davon
sprechen, daß sich die Jugendlichen gesellschaftlich in der „Warteschleife“ befinden. So lange
sie sich Ausbildungsinstitutionen befinden, gelten sie nicht als arbeitslos.
Außerdem erfahren Jugendliche auch oft unter den Arbeitsmarktbedingungen
Langzeitarbeitslosigkeit und ein Nicht-Gebrauchtwerden. Es wird ein erbarmungsloser
Konkurenzkampf erfahren, bei dem die Haupt- und Sonderschüler die Verlieren sind.
Mittlerweile machen ¼ eines Jahrgangs das Abitur. Die Zahl der Studierenden nimmt auch
stetig zu. Unter diesem Druck ist es nicht verwunderlich, daß man eine starke Zunahme von
psychosomatischen Beschwerden erlebt.
III Jugend ist arbeitsferne Jugend
Jugendliche befinden sich heute von 3. Lebensjahr an in alterhomogene Gruppen. Diese
Altershomogenität setzt sich auch in der Freizeit fort. Damit sind junge Leute aber aus dem
Gesellschaftsgefüge und dem Generationszusammenhang ausgegliedert.
Wie bereits im letzten Punkt erwähnt, hat ein Wandel von arbeitsbezogener Lebensform zu
schulischer Lernarbeit stattgefunden. Arbeit ist jedoch ein unmittelbaren existenzieller
Erfahrungsbereich indem unmittelbarer gesellschaftliche Nützlichkeit, ökonomische
Zweckrationalität betrieblicher und verwaltungsspezifischer Normen und die eigene materielle
Existenzsicherung erlebt werden. Nicht zu arbeiten steht heute durch die ganze Jugendphase
als biographische Option zur Verfügung. Somit steht die industrielle Definition von Jugend in
Frage. Arbeit wird weitgehend während der Schule oder des Studiums für die Befriedigung von
Konsumbedürfnissen erlebt. Erwerbsarbeit wird als bloßes Mittel zum Geldverdienen
angesehen, ohne jede innere Beteiligung. Es hat eine Gewichtsverlagerung von einer materiell
reproduktiven Arbeit zu einer sinnhaft subjektbezogenen Dimension der Arbeit stattgefunden.
Das bedeutet der einzelne will sich als Subjekt mit besonderen Fähigkeiten, Neigungen und
Begabungen entfalten.
Die Jugendlichen stellen in unserer Zeit folgende Ansprüche an die Arbeit. Sie soll eine
strukturierende und sicherheitsstiftende Ordnung in den Alltag bringen, eine ökonomische
Ablösung vom Elternhaus garantieren und dem Leben einen Sinn geben. Von seinem Beruf
erwartet man eine materielle und soziale Prävention und Zukunftsicherung. Erfahrung von
Gebrauchtwerden, erleben von sozialem, öffentlichen und geselligen, Kariere, Anerkennung,
gesellschaftliche Wertschätzung und die Statusvergabe der Familie sind für junge Leute mit
ihrem Berufswunsch verbunden.
Jedoch befindet sich auch ein Teil der Jugendlichen in Arbeitsverhältnissen. Hier werden auch
negative Erfahrungen gemacht. Durch Rationalisierungsmaßnahmen werden die
Ausbildungsplätze verringert. Die Abbrecher- und Aussteigerquote in der Ausbildung liegt bei
über 25% . Oft scheiter danach auch die Schwelle von der Ausbildung zum Beruf. Die Zahl
junger Sozialhilfeempfänger Steigt ebenfalls.
IV Jugend ist Gegenwartsjugend
Früher war die Jugendphase eine klar definierte Übergangsphase, in der man seine Existenz
und Familie gründete. Heute ist Jugend ein eigenständiger, offener Lebensbereich. Junge Leute
sind heute zufrieden mit dem gegenwartsbezogenen Jugendlichsein, was sogar so etwas wie
einen Finalitätscharakter hast. Jugend ist eine eigene lustvolle Lebensphase geworden und
nicht mehr Reifungs und Übungsphase.Es ist heute sogar so, daß die Jugendlichen gar nicht
mehr erwachsen werden wollen, und die Erwachsenen jugendlich sein wollen. Es findet heute
eine Entritualisierung und Entkopplung der klassischen Übergänge von Kindheits-, nach
Jugend, nach Erwachsenenphase statt.
Die Jugendphase ist geprägt von Konsum, Mode, Markt, Medien, aber teilweise auch einer
Perspektivlosigkeit. Manchmal fällt es jungen Erwachsenen schwer ihre Alltagsaufgaben, wie
Arbeitsverhältnisse und Anforderungen, zu erfüllen. Somit weißt der Alltag von Jugendlichen
eine freiwillig oder unfreiwillige gegenwartsorientierte Struktur auf. Es herrscht das „Sofort-Genuß-Prinzip“ vor. Diese Haltung ist auf der einen Seite in unserer Gesellschaft auch
notwendig, um flexibel auf nicht kalkulierbare , ungewisse und diffuse Lebenssituationen
reagieren zu können, kommt auf der anderen Seite aber auch dem Markt entgegen. Mit der
Unterstützung von Werbung und Gleichaltigengruppen kommt ständig die Aufforderung zum
Mitmachen und Kaufen an die Jugendlichen. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum
Jugendliche heute keine Sehsucht mehr nach dem Erwachsenwerden haben, da schon alles in
der Kindheits- und Jugendphase durchlebt werden kann, wie Wohlstand und Konsum von
dem, was man gerne haben möchte, was früher erst im Erwachsenenalter möglich war.
V Jugend ist Leitbild und Expertenjugend
Heute ist in unserer Gesellschaft ein junger, leistungsfähiger, kräftiger Mensch, der dynamisch
und anpassungsfähig ist, das Leitbild und der Idealtypus. Früher war das Alter ein würdevoller
und respektierter Zustand, mit dem man höchstes und ausgereiftes Wissen verband. Auch der
Allgemeinanspruch der Älteren, mit Weisheit und Klugheit die Jüngeren anzuleiten, ist längst
an seine Grenzen gestoßen und wird von der Dynamik allgegenwärtiger technischen und
jugendkultureller Innovation abgelöst. Erfahrungswissen, soziokulturelle Deutungsmuster und
bewährte Lebensplanungskonzepte werden den heutigen gesellschaftlichen Ansprüchen nicht
mehr gerecht. So wird zum Beispiel auch in der Schule immer mehr neues gelernt, was die
Älteren nicht kennen. Viele Wissenselemente sind heute veraltert und unter
arbeitsmarktspezifischen Gesichtspunkten veraltert. Jedoch liegt hier meiner Meinung auch die
Gefahr, daß sich die Menschen unreflektiert zu sehr in eine Richtung bewegen. So wird meiner
Meinung nach bestimmte klassische Literatur, Philosophie und Geschichte nie veraltern
können und immer einen Wert für die Menschen haben. Dieses Wissen geht ja auch
zunehmend verloren und wird durch neue Medien, wie Privatfernsehen, Computerspiele und
Internet abgelöst.
Durch diese gesellschaftlichen Zustände hat die Machtbalance zwischen jung und alt
gewendet. Jugendlichsein ist das Leitbild unserer Gesellschaft. Jugendliche sind heute auch im
familiären Zusammenhang als gleichberechtigte Partner zu sehen. Es gibt kaum noch Normen
und Konventionen, die unhinterfragt bleiben. Somit ist es nicht verwunderlich, daß sich heute
Jugendliche und Erwachsene gegenseitig beeinflussen und prägen. Es findet eine gegenseitige
Sozialisation statt. In vielen Bereichen sind Jugendliche heute Leit- und Vorbilder geworden.
So sind Jugendliche in den Bereichen Sport, Mode, Sexualität und Gesundheit im Vorteil. IM
Computerbereich sind die Jugendlichen sogar Experten und Leitbilder der Älteren. So sieht
man es heutzutage oft, daß Erwachsene jugendtypische Verhaltensweisen in ihren Lebensstil
integrieren. Jugendlichkeit (fit, gesund, schlank und schön) ist zum Placebo für alle
Altersgruppen geworden und wird übernommen. Teilweisen fühlen sich sogar schon die
Erwachsenen als die wahren Jugendlichen (über 30 Jahre Erfahrung im Jugendlichsein).
VI Jugend ist Kaufkraft- und Konsumjugend
Jugendliche sind mittlerweile für die Industrie interessant, da sie Kunden mit Kaufkraft sind
und zugleich Konsumberater ihrer Eltern. Es hat sich ein Wandel vom Taschengeld zum
eigenen Jugendeinkommen, durch Eltern, Großeltern und Nebenjobs vollzogen. Unterstützt
wird dieses, durch das Girokonto für Jugendliche. Vergnügen, Lüste, Unterwegsein und
hochgeschätzte Güter werden immer früher in Anspruch genommen. „Wunscherfüllung sofort“
und „Genießen ohne Reue“ sind Lebensmaximen, die der Logik des Marktes folgen.
Es hat sich ein doppelter Wandel der sozialen Kontrolle vollzogen. So hat sich zum ersten ein
Wandel von einer tendenziös altersheterogenen Arbeitswelt zu dem alterhomogenen
Bildungsbereich vollzogen. Weiterhin wurden die tradionbaellen sozialkulturellen
Lebensmilieus (Familie, Vereine ...) von Institutionen abgelöst, die von wirtschaftlichen
Interessen geleitet sind. Die tradionellen Milieus waren hierarchisch, in den neuen
Konsumbereichen scheint Freiheit und Gleichheit zu gelten. Jeder kann ausprobieren und
teilhaben, also konsumieren, egal wie alt und aus welcher sozialen Herkunft. Für viele
Jugendliche ist der Konsum eine Kompensation für eine Welt der Sinnesauszerrung und
Langeweile und erlebte gespürte Defizite von Ich-Schwäche und geringem Selbstwertgefühl.
Weiterhin wird der Freizeitkonsum als Chance zur sozialen Anerkennung und
Selbstverwirklichung gesehen. Konsum wird als eine Form des Selbstausdrucks, als Stärkung
der Individualität und als Demonstration zur sozialen Anerkennung und zur Statusaufwertung
in Gleichaltrigengruppen angesehen und genutzt. In diesem Zusammenhang haben die
Gleichaltrigengruppen eine gesonderte Bedeutung. Hier gelten In-Marken als Ausweis der
Zugehörigkeit. So ist man sozial depriviert, wenn die Ressourcen nicht ausreichen oder nicht
zur Verfügung stehen. Man kann davon sprechen, daß Jugendliche in ihrer schul- und
arbeitsfreien Zeit von Marktintressen kontrolliert werden. Ein Ausdruck dieser traurigen
Tatsache sind die Türsteher, die in den großen „Konsumtempeln“ eine selektive Kontrolle
ausüben.
Arbeit zitieren:
Volker Müller, 1998, Strukturwandel der Jugend und Jugendphase an der Wende zum 21. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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