belohnt mit einem „Quantum an Freiheit“(S. 43), dieses lässt den Zeck Grenouille aufleben, er genießt Gerüche und entdeckt seinen Sinn des Lebens unmittelbar nach seinem ersten Mord: „Jetzt wurde ihm klar, weshalb er so zäh und verbissen am Leben hing: Er musste ein Schöpfer von Düften sein. Und nicht nur irgendeiner. Sondern der größte Parfumeur aller Zeiten.“ (S. 58) Sein Mord an einem jungen Mädchen berührte ihn nicht, wenn es ihm „überhaupt bewusst“ war, so doch „vollkommen gleichgültig“ (S. 58). „Er hatte ja das Beste von ihr aufbewahrt und sich zu eigen gemacht: das Prinzip des Dufts.“ (S. 58). Der überzeugende Einstieg in die Lehre
Grenouille nutzt die Chancen, die sich ihm bieten. Als er auf Baldini trifft, eröffnet er ihm direkt und fordernd: „Ich will bei Ihnen arbeiten, Maître Baldini.“ (S. 92) Grenouille lässt es sich nicht entgehen, für Baldini ein Parfum zu imitieren, bei dessen Versuch der Maître gescheitert war. Seine kunstvolle, geruchsorientierte Art dieses Parfum herzustellen, auf die Regeln der Parfumeure ganz zu verzichten, keine Messungen vorzunehmen und die Reihenfolge der Zusammenführung der Substanzen aufs gröbste zu missachten, sah der Maître anfangs mit „spöttischer Distanz, dann mit Verwirrung und schließlich nur noch mit hilflosem Erstaunen“ (S. 104) und lässt ihn an der sich wandelnden Welt zweifeln. Grenouille verbessert anschließend das Imitat-Parfum zur großen Ver-wunderung des Meisters. Baldini nutzt die Chance, kauft Grenouille vom Gerber Grimal. Nutzt, wie schon Grimal und alle anderen vorher, Grenouille zu seinem Vorteil aus. „Aber auch Grenouille profitierte“...“er erlernte die Sprache der Parfumerie und spürte instinktiv, dass ihm die Kenntnis dieser Sprache von Nutzen sein konnte.“ (S. 119). Er erlernte die Parfums nach Formeln zu entwickeln, begibt sich damit ein Stück näher ans Handwerk und weg von vermeintlichen Hexereien und „desto weniger fürchtete und beargwöhnte ihn der Meister.“ (S. 120). „Gelegentlich beging er Fehler“ (S. 121), um Bald ini in Sicherheit zu wiegen. Er versteckt damit sein Genie, wirkt angepasst und unauffällig. Er täuscht seine Umgebung im umgekehrten Sinne wie Baldini. Grenouille benötigt offenbar keine Anerkennung, während sich Baldini seit jeher mit fremden Federn schmückt.
Als Grenouille für sich persönlich keine Weiterentwicklung sieht und „mittels Destillation radikal neue Düfte zu erzeugen“ (S. 130) versucht, aber mit diesem Verfahren scheitern muss, wird er „lebensbedrohlich
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krank“ (S. 130). Erst als er von Baldini erfährt, dass es noch weitere Verfahren zur Duftgewinnung gibt, sieht Grenouille wieder einen Sinn in seinem Leben und entscheidet sich für die eigene Genesung. Jedoch sein Wirt Baldini ist ausgesaugt. Grenouille benötigt nur noch einen Gesellenbrief von Baldini. Dieser lässt Grenouille auf „absolutes Stillschweigen“ (S. 139) schwören. Dies ist für Jean-Baptiste kein Hindernis: „Grenouille, der weder eine Ehre hatte noch an Heilige oder gar an die arme Seele seiner Mutter glaubte, schwor“ (S. 139) und bricht auf nach Grasse. Der Eremit Grenouille
Grenouille ist mit achtzehn Jahren vollständig auf sich allein gestellt. Er riecht zum ersten Mal den Duft der ganzen Freiheit. Er genießt diesen Duft. Er genießt es, Abstand von den Menschen zu gewinnen. Bald ist sein eigentliches Ziel, die Stadt Grasse, unwichtig. Er lässt sich von seiner Nase leiten. Sein Instinkt führt in immer weiter weg von den Menschen und ihn selbst vom Menschsein. Er verkriecht sich tagsüber ins Unterholz, schläft zusammengerollt wie ein Tier in Büschen und Gestrüpp.
Er kann sich zum ersten Mal mit seiner Umgebung identifizieren. Unter Menschen fühlte er sich immer ausgeschlossen. „Diese wie in Blei gegossene Welt, in der sich nichts regte als der Wind, der manchmal wie ein Schatten über die grauen Felder lief, und in der nichts lebte als die Düfte der nackten Erde, war die einzige Welt, die er gelten ließ, denn sie ähnelte der Welt seiner Seele.“ (S. 151)
Sein Sinn des Lebens hat sich geändert. Sein Ziel ist es nicht mehr der größte Schöpfer von Düften zu werden, sondern sein inneres Glück zu finden. In der Menschenleere, meint er, könne er es finden. An dem „Magnetpunkt der größten Einsamkeit“ (S. 152) angekommen, bricht er aus überschwänglicher Freude in „ungeheuren Jubel“ (Seite 154) aus. Der Auslöser seines bisher größten emotionalen Ausbruchs ist die Menschenleere.
In der Einsamkeit fühlt er sich gottgleich, findet sich und lernt sich lieben: „... der liebe Jean-Baptiste,...“ (S.163). Seine schlimmste Erkenntnis ist jedoch seine eigene äußere Geruchlosigkeit, er hinterlässt keine Duftspuren. Während er an seinem inneren Geruch („Der Nebel war sein eigener Geruch. Sein, Grenouilles, Eigengeruch war Nebel.“ (S. 171)) fast erstickt und sich nur wieder durch einen fürchterlichen Schrei retten kann. Nur in höchster Not kann er auf sich aufmerksam machen, kann er
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etwas abgeben, einen Laut, keinen Duft. Er benötigt mehr als sich selbst, er benötigt einen Geruch und den Menschen. Rückkehr in die Gesellschaft
Die Ouvertüre zu seinem Meisterstück inszeniert Grenouille in einem gemeinsamen Auftritt mit dem Marquis de la Taillade-Espinasse, dem Aufklärer dieser Zeit. Mit seinem Parfum stützt er die wirre „fluidum letale-Theorie. Der Erfolg gehört allein Grenouille, der Effekt dem Marquis. „Aber sie konnten sich nicht dem Duft entziehen. Denn der Duft war ein Bruder des Atems. Mit ihm ging er in die Menschen ein, sie konnten sich seiner nicht erwehren, wenn sie leben wollten. Und mitten in sie hinein ging der Duft, direkt ans Herz, und unterschied dort kategorisch über Zuneigung und Verachtung, Ekel und Lust, Liebe und Hass. Wer die Gerüche beherrschte, der beherrschte die Herzen der Menschen.“ (S. 199). Diese Machtposition genießt er und hält Gott für einen „kleinen armen Stinker“ (S. 199) im Gegensatz zu ihm. Zur Religion findet er nie eine Bindung.
Zu seinen moralischen Einstellungen gibt es nur einen Ansatz: „und er sagte sich, dass er es wolle (Kommentar: Menschen beherrschen), weil er durch und durch böse sei. Und er lächelte dabei und war sehr zufrieden. Er sah ganz unschuldig aus, wie irgendein Mensch, der glücklich ist.“ (S. 199) Meisterwerk
Grenouille macht in Grasse sein Meisterstück. Seinem Lebensziel, der beste Parfumeur zu werden, verfolgt er hartnäckig. 25 Frauenleben werden geopfert, um sein persönliches Lebensziel, sein persönliches Parfum, seine Identität zu kreieren. Moral hat er nicht gelernt, nicht lernen können. Seinem Ziel wird alles untergeordnet.
Grenouille lernt das Warten, seine Früchte müssen reifen. Für kurze Zeit zweifelt er an seinem Ziel: „Was ist, so dachte er, wenn dieser Duft, den ich besitzen werde ... was ist, wenn er zu Ende geht? ... Warum also brauche ich ihn überhaupt?“ (S. 242/243). Er gibt selbst die Antwort: „Besitz und Verlust“ scheint „begehrenswerter als der lapidare Verzicht auf beides. Denn verzichtet hatte er Zeit seines Lebens. Besessen und verloren aber noch nie“. (S. 244). In der Verfolgung seines fünfundzwanzigsten und begehrtestem Opfer siegt letztendlich sein Instinkt über die Ratio seines Gegenspielers Richi. Grenouille wird gefasst, er ist ge-
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ständig, als Mörder enttarnt und zum Tode verurteilt. Auf dem Schafott löst er mit seinem Meisterwerk, seinem Parfum, Zuneigung und Liebe zu seiner Person aus. Er „könne unmöglich ein Mörder sein“. (S. 299). Er ist gerettet, ihn stört es nicht, das sich die Gesellschaft zur eigenen Beruhigung einen anderen Mörder sucht, begründet und hinrichtet. Sein Triumph endet dennoch in einem persönlichen Desaster: „Er wollte sich ein Mal im Leben entäußern. Er wollte ein Mal im Leben sein wie andre Menschen auch und sich seines Innern entäußern: wie sie ihrer Liebe und ihrer dummen Verehrung, so er seines Hasses. Er wollte ein Mal, nur ein einziges Mal, in seiner wahren Existenz zur Kenntnis genommen werden und von einem anderen Menschen eine Antwort erhalten auf sein einziges wahres Gefühl, den Haß.“ (S. 306) Erkenntnis
In der neuen Welt der Vernunft benötigt alles seinen verstandesmäßigen Grund. Die Vernunft der Aufklärung ist kein Ersatz für Gefühl, und sie ist der Gefühlswelt nicht überlegen. Grenouille (der Mensch) benötigt Gefühl, er benötigt grundlose Liebe zum Leben. Er empfindet die Gefühlskälte als höchste Strafe für den Menschen, kein Austausch von Gefühlen, sich nicht äußern können, bedeutet Tod. Grenouille kann nichts austauschen, er kann nehmen und nicht geben. Nicht einmal seinen eigenen Duft, seine Identität, kann er abgeben, er saugt alles in sich hinein bis er fasst daran erstickt.
In seiner Erfahrungs-Welt lebt die Täuschung, nicht die Liebe. Deshalb kreiert er die genialste aller Täuschungen, sein Meisterwerk, seinen berauschenden Duft der Liebe.
Nur sich selbst kann er nicht täuschen, sein Parfum ist nicht sein Eigengeruch, seine Identität. Er wählt den Tod und zwingt die Mitmenschen zur Liebe: „Sie hatten zum ersten Mal etwas aus Liebe getan“ (S. 320).
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Arbeit zitieren:
Sonja Schwolow, 2001, Süskind, Patrick - Das Parfum - Charakteristik Grenouilles, München, GRIN Verlag GmbH
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