An der Krankheit allgemein schreibt sich Stiller dennoch die Schuld zu: „Und dabei ist e s wieder das Fürchterliche: in einem ganz andern Sinn, siehst du, ist es wirklich mein Verschulden, dass du jetzt in diesem Sanatorium liegst.“ Von Anfang an deutet er ihre Beziehung als gescheitert und macht sich Vorwürfe. Er hat Julikas Erwartungen nicht entsprochen und sie umgekehrt genau so wenig seinen, so dass eine harmonische und am Ende beglückende Basis in ihrer Beziehung nie hat existieren können. So sagt er kurz darauf auch, dass, hätte sie einen anderen Mann kennen und lieben gelernt, sie vielleicht gesund wäre und auch bleiben würde. Für den Bildhauer Stiller sei die Beziehung sowieso immer nur eine „Bewährungsprobe“ (S. 145), wie er es nennt, gewesen. An dieser Bewährungsprobe sei er gescheitert, was ihn wieder -nach seinem Spanienerlebnis- als Versager dastehen lässt. Doch auch Julika gibt er eine Teilschuld am Scheitern der Beziehung, denn sie habe ihm die ganze Zeit eine Rolle gegeben, aus der sie ihn nicht mehr entlassen habe. Sie hätte sich keinen Mann suchen sollen, der ihr unterliegt und dem sie ein schlechtes Gewissen aufzwingen kann, um ihn an sich zu binden, sondern einen Mann, „der nur durch natürliche Liebe zu gewinnen und zu halten ist“ (S. 145), welcher Rolle er nicht entspricht und somit nicht einhalten kann. Als nun Julika zu reden beginnt, macht sie ihrem Mann von vornherein wieder Vorwürfe, um sein schlechtes Gewissen zu wecken. Sie formuliert Frischs essentiellen Gedanken der Bildnisproblematik. Er -Stiller- dränge sie mit solchen Gedanken in eine Rolle, mache sich ein falsches Bild von ihr. Diesen Gedanken brachte ihr einst der Sanatoriumsveteran nahe. Dieser hoffte natürlich, Julika würde ich auf sich selber beziehen. Ihr Verhalten in diesem letzten Gespräch mit Stiller zeigt also, dass sie überhaupt nicht verstand. Sie stützt ihre Aussage noch mit einem „Nicht wahr?“(S. 145), um ihm noch deutlicher seine Schuld zu zeigen. Dieses „Nicht wahr?“ lässt keine andere Meinung zu als die ihre, womit Stiller wieder das Unrecht auf seiner Seite hat. Hier wird also ganz deutlich gemacht, dass Julika die stärkere Person in der Beziehung ist, die Stiller immer wieder zeigt, was für ein Versager er doch ist, der nichts kann und immer im Unrecht ist.
Auch macht sie ihm durch ihre Aussagen deutlich, dass es Stiller ist, der am Scheitern der Beziehung die Schuld zu tragen hat. Immer wieder macht sie ihm Vorwürfe. Schließlich mache er sich ein Bild von ihr, wie er es immer schon zuvor gemacht hat. „Du sollst dir kein Bildnis machen! Jedes Bildnis ist eine Sünde. Es ist genau das Gegenteil von Liebe, siehst du, was du jetzt machst mit solchen Reden.“ (S. 146) Gleich darauf gibt sie auch zu verstehen, dass Stiller nicht das Wesentliche versteht, von dem man redet. Sie sagt: „Ich weiß nicht, ob du’s verstehst“ (S. 146) und vermittelt ihrem Gegenüber das Gefühl, dass Stiller solche Gedanken nicht nachvollziehen kann.
Im gesamten Gesprächsverlauf merkt man, dass Julika ihrem Mann die Rolle des Versagers zuweist. Ihr selbst fällt nicht auf, dass sie sich längst ein Bild von Stiller gemacht hat. Genau dieses „Bildnis machen“ wirft sie ihm vor. Wenn sie auch davon spricht, dass man dem Partner immer die Möglichkeit geben sollte, sich zu verändern und aus der festgeschriebenen Rolle zu entschlüpfen, wenn man ihn liebt (S. 146), so ist hier bei der Betrachtung ihrer Beziehung zu sagen, dass nicht nur Stiller nicht liebt, sondern Julika genauso wenig. Das stellt Stiller daraufhin selbst fest: Man solle doch in ihrem Falle nicht von Liebe sprechen (S. 146).
„Reden wir doch offen!“ (S. 146)- zum ersten Mal in der Beziehung soll ein Thema wirklich offen behandelt werden, so, wie man es die ganze Zeit zuvor niemals geschafft hat. Stiller hat erkannt, vielleicht durch seine Beziehung mit Sibylle, wie falsch man in der Partnerschaft miteinander umgegangen ist, dass beide die Schuld am Scheitern tragen, da man nie offen zueinander gewesen ist. Nun redet Stiller nun auch auf eine Art offen mit Julika, da er sich selbst Eingeständnisse macht: “Unsere verhältnismäßige Treue war die Angst vor der Niederlage mit jedem anderen Partner, ..., nichts weiter.“ (S. 146) Zum Schluss des Gesprächs sagt Stiller, dass er sich wegen Julikas Krankheit weder Vorwürfe macht noch großes Mitleid mit ihr hat: so sagt er, wäre es gut, wenn sie jetzt
wüsste, „dass mir deine Krankheit keinen Eindruck mehr macht“ (S. 146). Das zeigt sich auch darin, dass er sagt: „Die Tränen in deinen Augen, Julika, sind eine Drohung, die nicht mehr wirkt.“ (S. 147)
Zum Ende der Beziehung ist er ihr zum ersten Male nicht böse. Stiller erkennt, dass er jetzt leben möchte, nicht ein Leben voll Vorwürfe und Rücksichtnahme, sondern ein freies Leben ohne ständig auferlegte Rollenerwartungen. Für ihn ist die ganze Beziehung beendet. Durch die Aussage „Nämlich sterben müssen wir alle“ (S. 147) drückt er nicht nur aus, dass er mit Julika abschließt, sondern auch mit seinem ganzen bisherigen Leben. Es ist für ihn der Beginn eines neuen Lebens und einer neuen Identität.
Zum Schluss ist zu sagen, dass die Problematik der Rollengebung und -erwartung sowie der Vorurteile, die man von einem Menschen, einer Menschengruppe oder Rasse hat, ein immerwährendes Problem ist, dem sich jeder Mensch zu stellen hat. Jeder Mensch macht sich ein Bild des Gegenüber, manchmal ohne sich einander die Chance zu geben, sich kennen zu lernen. Hat m an sich dass einmal ein Bild des anderen gemacht, gibt man ihm nicht die Möglichkeit, diesem zu entfliehen, und das macht die ganze Problematik aus. Jedem Menschen sollte die Gelegenheit geboten werden, sich zu verändern, um neu entdeckt zu werden!
Arbeit zitieren:
Stephanie Kuhn, 2001, Frisch, Max - Stiller, München, GRIN Verlag GmbH
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Identitätsproblematik in Max Frischs 'Stiller'
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Jan
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viel auswendig gelernt..., ist aber dadurch sehr präzise und strukturiert geschrieben. im schlusswort völlig versagt: "..., und das macht die ganze Problematik aus...", sowas schreibt man nicht! einseitiges vokabular in der formulierung, nicht aber in der fachsprache.
hätte wegen dem schlusswort nur 10 punkte gegeben.
am Thursday, May 17, 2001-
Orphen
Klausur? Interpretation!.
Mir scheint das Werk eher eine Interpretation zu sein, allgemein, nicht auf Klausurfragen bezogen. (Was schreibt ihr für Klausuren???)
Alles in alle gelungen. Jan gebe ich auch recht, aber ich verstehe nicht, warum er sich wegen dem 1 Punkt so anstellt. :)
am Tuesday, April 16, 2002-