Ein Reformbedarf ist also nicht abzustreiten, nur über die konkreten Änderungen, die Art und Weise der Maßnahmen, sollten wir uns vielleicht Klarheit verschaffen. Betrachten wir zunächst einmal die Dauer der deutschen Schulbildung, die mit dreizehn Jahren die längste in Europa ist. Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass eine derartige Ausdehnung eigentlich unnötig ist und getrost um mindestens ein Jahr reduziert werden könnte. Anscheinend werden die Prioritäten in der Bildungspolitik aber falsch gesetzt. So werden die Kinder in der Grundschule zumeist mit kindergartenmäßigen Bastel-und Plauderaufgaben beschäftigt, obwohl es schon längst bekannt ist , dass die Schüler gerade in diesem Alter die besten Lernfähigkeiten besitzen. Anstatt diese zu nutzen und bei den Kindern spielerisch das logische Denkvermögen zu fördern und verstärkt die mathematischen Grundfertigkeiten zu entwickeln, verschon man sie lieber und reserviert das Verpasste für die spätere Zeit (wenn überhaupt), was wiederum zur Verlängerung der Bildungsdauer beiträgt. In der Sekundarstufe I beginnt dann langsam das Befüttern der Schüler mit Unmengen unnötiger Informationen, deren Sinnlosigkeit sich darin äußert, dass sie nach der jeweiligen Leistungskontrolle sofort wieder in Vergessenheit geraten. Würde man diese auf das Nötigste beschränken, bliebe dann viel mehr Raum und Zeit zum Entwickeln von geistigen Fähigkeiten.
Alles in Einem versagt das deutsche Schulsystem zunehmend, so dass das Land nicht einmal in der Lage ist sich selbst mit den dem Fortschritt entsprechenden Spezialisten zu versorgen, was vor kurzem in der IT-Branche peinlich bestätigt wurde. Mit einer unglaublichen Gelassenheit äußerte der Bundeskanzler Gerhard Schröder seine jüngste Einladung ausländischer EDV-Spezialisten, die einem Geständnis über das Versagen des deutschen Bildungswesens in nichts nachsteht, nein sie sogar in ihrer unglaublichen Frechheit dem deutschen Volke gegenüber übertrifft. Denn der heutige desolate Mangel an Computer-Fachleuten, der in der Öffentlichkeit als eine unvorhersehbare Sensation dargestellt wird, war bereits vor 5 -6
Jahren fest prognostiziert worden und der Staatsführung bekannt gewesen. Ich glaube, es ist offensichtlich, dass ein derartiger fest einkalkulierter Verzicht auf die realitätsgerechte Ausbildung der eigenen Jugend die ohnehin offensichtliche technische und wissenschaftliche Rückständigkeit Deutschlands nur noch verstärken wird, und einen Hochverrat des eigenen Volkes durch den Staatsapparat darstellt.
Doch Genug der Gefühle, die Empörung, d.h. nur reden ohne etwas zu tun, bringt uns nicht weit von dem heutigen Standpunkt. Jetzt ist es an der Zeit für die Zukunft unserer Kinder und somit für unsere eigene durch eine gezielte Reformierung der Bildungspolitik zu sorgen. Aber Reform ist nicht gleich Reform. Gerade was die wohl am weitesten verbreitete Meinung angeht, die „alte Schule“ sei überholt, zu leistungsbetont und - vor allem- zu wenig schülerzentriert und müsse im Sinne der Modernisierung die Selbständigkeit des Schülers in den Vordergrund stellen (d.h. Verzicht auf eine autoritäre Führung von Seiten des Lehrers), so zeigen die Ergebnisse zahlreicher Studien unter anderen die der bereits erwähnten TIMMS-Studie, dass eben die
modernen Schulen westlichen V orbilds, á la deutsche Gesamtschule, alles andere als glänzende Leistungen hervorbringen. Vielmehr stellt man fest, dass Länder, in denen die klassische authoritär geprägte Unterrichtsmethodik zum Einsatz kommt, wie die Schweiz oder Japan, hervorragende R esultate erzielen. Die erfolgbringende Lehrmethodik dieser Länder ist naheliegender, als man denkt, und besteht hauptsächlich im sogenannten „interaktiven
Ganzklassenunterricht“. Hierbei werden die Schüler, anders als in modernen Schulen, wo die selbständige Gruppenarbeit der Kinder mit mangelhafter Betreuung maßgebend ist, sorgfältig und unter systematischer Anleitung durch den Lehrer in den neuen Stoff eingeführt, indem er die ganze Klasse mit Fragen in den Unterricht einbezieht und viel wert darauf legt, schwache Schüler zu stützen. Wir müssen also nichts neu erfinden, und nur auf bereits existierende und bewährte Lehrmethoden zurückgreifen, wobei offensichtlich die einfache Formel gilt: Kinder ohne Anleitung lernen weniger. Es soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass das deutsche Bildungswesen von Grund auf neugestaltet werden muss, denn es gibt hierbei auch positive Aspekte zu erwähnen. Denn die Förderung der zur Ausbildung eines gesunden Verstandes notwendigen Kreativität und eigenständigen Urteilsvermögens, die an deutschen Schulen durchaus zum Tragen kommt, kann keinesfalls durch diktierte Vorgaben gewährleistet werden. Es gilt also: beide Bildungssysteme gleichermaßen gezielt einzusetzen, sowohl das autoritäre Prinzip bei den exakten Wissenschaften, als auch das bereits existierende und sich in den humanitären Fächern bewährte deutsche Lehrsystem, und so zu den optimalen Lernergebnissen zu gelangen. Ich habe fertig.
Arbeit zitieren:
Viktor Weinberg, 1998, Das deutsche Schulsystem - das Maß aller Dinge?, München, GRIN Verlag GmbH
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