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1. Einleitung 12
Elisabeth Noelle-Neumann wurde 1916 in Berlin geboren, studierte Philosophie, Geschichte, Zeitungswissenschaften und Amerikanistik in Berlin, Königsberg und München. 1940 promovierte sie über amerikanische Meinungsforschung. Sie arbeitete zwei Jahre bei der Wochenzeitung „Das Reich“, wo sie nach Weisung von Goebbel fristlos gekündigt wurde. Nach dem Krieg heiratete sie ihren Kollegen Erich Peter Neumann. Am 8. Mai gründeten sie zusammen das erste deutsche Meinungsforschungsinstitut, das „Institut für Demoskopie“ in Allensbach.
Ihr Buch „Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsere soziale Haut“ erschien erstmals 1980, erreichte inzwischen mehrere aktualisierte Auflagen und wurde in neun Sprachen übersetzt, darunter unter anderem in englisch, spanisch, chinesisch, japanisch, koreanisch und russisch. Die Schweigespirale ist mit Sicherheit die bedeutendste Entdeckung von Elisabeth Noelle-Neumann und ist in der internationalen Kommunikationsforschung nicht mehr wegzudenken.
Interessant dabei ist, dass sich die Hypothese der Schweigespirale durch sämtliche Themenbereiche - von Wahlen über Abtreibung bis hin zu Erziehungsfragen - zieht und sich jeden Tag aufs Neue Beispiele dafür finden lassen.
Als schwierig erwies es sich jedoch, den Wirklichkeitsgehalt dieser Hypothese empirisch zu untersuchen. Im folgenden Text wird die Hypothese der Schweigespirale sowie der Beweis ihrer Existenz mit Hilfe von demoskopischen Instrumenten näher erläutert und auf Beispiele in der aktuellen Berichterstattung eingegangen.
2. Die Hypothese der Schweigespirale
„Schweigespirale heißt: Menschen wollen sich nicht isolieren, beobachten pausenlos ihre Umwelt, können aufs feinste registrieren, was zu-, was abnimmt.“ 3 „Diese Fähigkeit beschränkt
sich nicht auf die Wahrnehmung von Meinungen in der Bezugsgruppe der Individuen, sondern
1 Nach URL: http://www.welt.de/daten/1996/12/18/1218s3109/99.htx
2 Nach URL: http://www.medienrezeption.de/forum97/referenten/noelle-neumann.html
3 Noelle-Neumann, Elisabeth (1982): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsrer soziale Haut, 1. Auflage, S.
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3
schließt auch die anonyme Öffentlichkeit ein. NOELLE-NEUMANN nennt diese Fähigkeit das „quasi-statistische Wahrnehmungsorgan“ der Menschen.“ 4
„Wer feststellt, daß sich seine Meinung ausbreitet, fühlt sich dadurch gestärkt und äußert seine Meinung sorglos, redet, ohne Isolation zu fürchten. Wer feststellt, daß seine Meinung Boden verliert, wird verunsichert und verfällt in Schweigen. Durch diese Reaktionsweisen wirken die Meinungen der ersteren, da sie laut und selbstbewußt in der Öffentlichkeit geäußert werden, stärker, als sie wirklich sind, und ziehen weitere Befürworter an; die Meinungen des anderen Lagers wirken durch das Schweigen ihrer Anhänger noch schwächer, als sie tatsächlich sind. Dadurch werden andere wiederum zum Schweigen oder Meinungswechsel bewogen, bis in einem Prozeß der „Schweigespirale“ die eine Meinung die ganze Öffentlichkeit beherrscht und die Gegenmeinung so gut wie verschwunden ist.“ 5
2.1 Begriffsbestimmung „Meinung“
Im Zusammenhang mit der Schweigespirale, ist es wichtig zu erklären, was Elisabeth Noelle-Neumann unter "Meinung" versteht. Für sie ist Meinung alles, was man in der Öffentlichkeit äußern und zeigen kann, ohne sich zu isolieren. So zeigt man seine Meinung beispielsweise auch durch einen Aufkleber auf dem Auto, einen Aufdruck auf dem T-Shirt oder ein Abzeichen am Jackenaufschlag. „Der Begriffsbestandteil „Meinung“ bezieht sich nicht nur auf „Meinungen“ im engeren Sinn, sondern auch auf den öffentlich sichtbaren Ausdruck von Meinungen im Handeln wie in Symbolen (Abzeichen, Kleidung, Haartracht).“ 6
2.2 Ursprung der Schweige-Hypothese 7
Noelle-Neumann sagt, dass sie die Hypothese in erster Linie den Studentenunruhen Ende der 60er Jahre verdankt. Sie traf eines Tages in dem Vorraum eines Hörsaals eine Studentin, die an ihrem Jackenaufschlag ein CDU-Abzeichen trug und sagte zu ihr, dass sie gar nicht gewusst habe, dass die Studentin CDU-Anhänger sei, worauf diese erklärte, dass sie das auch nicht wäre,
4 Schenk, Michael (1987): Medienwirkungsforschung, 1. Auflage, S. 325
5 Neidhardt, Friedhelm / Lepsius, Rainer M. / Esser, Hartmut: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. In: Massenkommunikation - Theorien, Methoden, Befunde, 30, Jg. 1989, S. 419f.
6 Neidhardt, Friedhelm / Lepsius, Rainer M. / Esser, Hartmut: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. In: Massenkommunikation - Theorien, Methoden, Befunde, 30, Jg. 1989, S. 419
7 nach Noelle-Neumann, Elisabeth (1991): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsrer soziale Haut, 3. Auflage, S. 17
4
sondern nur einmal sehen wolle, wie das so sei. Als Noelle-Neumann die Studentin am Nachmittag wieder traf, trug diese das Abzeichen nicht mehr. Als sich die Demoskopin nach der Ursache dafür erkundigte, bekam sie zur Antwort: „ich habe es abgemacht, es war zu furchtbar.“ 8 Hintergrund dieser Aussage ist, dass die Anhänger von SPD und CDU der Anzahl
nach zwar gleich sein können, sie ihre Überzeugung aber unterschiedlich zeigten. Öffentlich sah man damals nur SPD-Abzeichen und so gut wie keine CDU-Abzeichen. Das führte dazu, „daß das Kräfteverhältnis von der Bevölkerung falsch eingeschätzt wurde“. 9
Wer von der SPD überzeugt war, spürte, wie das, was er dachte von allen gebilligt wurde und war dadurch bereit, seine Meinung öffentlich zu zeigen. Diejenigen, die ihre SPD-Zugehörigkeit nicht bekundeten, fühlten sich allein gelassen, zogen sich zurück und verfielen in schweigen. Dieser Prozess verstärkt sich selbst, weshalb hierfür auch der Begriff der Schweigespirale 10
gewählt wurde.
2.3 Die Bundestagswahl von 1965
Die Bundestagswahlen von 1965 stellten die Demoskopen vor ein Rätsel. Die beiden großen Parteien CDU/CSU und SPD lagen von Dezember 1964 an bis fast zum Wahltag am 19. September 1965 in ihren Anhängerzahlen Kopf an Kopf. Eine andere Zahlenreihe bewegte sich dagegen völlig anders. Leute wurden gefragt: „Wissen kann das natürlich niemand, aber was glauben sie, wer die Wahl gewinnt?“ Im Dezember 1964 waren es ungefähr gleich viele, die einen Sieg von CDU/CSU oder einen Sieg der SPD erwarteten, die SPD hatte einen leichten Vorsprung“. 11 Dann stieg die Siegeserwartung für die CDU/CSU und fiel für die SPD, bis die
CDU/CSU im August 1965 einen Vorsprung von fast 50 Prozent hatte. Das Wahlergebnis lautete dann 49,5% für die CDU/CSU und 38,5% für die SPD.
8 Noelle-Neumann, Elisabeth (1991): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsrer soziale Haut, 3. Auflage, S. 17
9 Noelle-Neumann, Elisabeth (1991): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsrer soziale Haut, 3. Auflage, S. 18
10 wird auch Spiralmodell, Spiralprozeß oder Schweigehypothese genannt
11 Noelle-Neumann, Elisabeth (1991): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsrer soziale Haut, 3. Auflage, S. 15
5
Elisabeth Noelle-Neumann schreibt darüber in ihrem Buch: „Es war, als ob die beiden Messungen, die Messung der Wahlabsicht und die Messung der Siegeserwartung, auf verschiedenen Planeten vorgenommen worden seien. Und dann ganz am Ende erst kam der Mitläufereffekt. Wie von einer Strömung wurden drei bis vier Prozent der Wähler in der Richtung der allgemeinen Siegeserwartungen getragen“. 12
2.4 Erklärung 13
Paul F. Lazarsfeld hatte diesen Effekt schon bei seiner „The Peoples Choice“-Studie bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl 1940 festgestellt und „bandwaggon effect“ genannt. Bandwaggon effect deshalb, weil es daran erinnern soll, dass bei einem Umzug die Leute dem Wagen mit der Kapelle an der Spitze des Zuges nachlaufen. Seine Begründung war, dass jeder auf der Siegerseite sein will.
Noelle-Neumann konnte sich dieser Aussage allerdings nicht anschließen, da sie der Meinung ist, dass die meisten Menschen nicht so anspruchsvoll sind, auf der Siegerseite sein zu wollen,
12 Noelle-Neumann, Elisabeth (1991): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsrer soziale Haut, 3. Auflage, S. 16
13 nach Noelle-Neumann, Elisabeth (1991): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsrer soziale Haut, 3. Auflage, S. 19
6
da sie ja keine Vorteile wie etwa Macht oder Ämter davon hätten. Ihre Erklärung war, dass es den Menschen darum geht, sich nicht isolieren zu wollen. „So allein wie 1972 die Studentin mit dem CDU-Abzeichen will niemand sein, so allein, daß die Augen der Nachbarn im Treppenhaus ausweichen, oder die Arbeitskollegen den Platz neben einem frei lassen...“. 14
3. Möglichkeiten, die Hypothese der Schweigespirale zu überprüfen
Nach Noelle-Neumann gibt es zwei Möglichkeiten, die Hypothese der Schweigespirale zu überprüfen.
Sie überlegte sich zuerst, dass wenn die Schweigespirale wirklich existiert, das auch schon von Autoren früherer Jahrhunderte bemerkt worden sein müßte, „denn es ist äußerst unwahrscheinlich, daß ein solches Geschehen den feinfühligen und nachdenklichen Beobachtern, die als Philosophen, Juristen, Historiker über die Menschen und die Welt geschrieben haben, entgangen ist.“ 15 In ihren Nachforschungen fand sie in der von Alexis von
Tocqueville 1856 veröffentlichten Geschichte der Französischen Revolution eine präzise Beschreibung der Schweigespirale. Weitere Hinweise fanden sich beispielsweise auch bei Jean-Jacques Rousseau, David Hume, John Locke, Martin Luther, Machiavelli, Johannes Hus und bei Autoren der Antike. Allerdings waren es nie Hauptkapitel, sondern eher Randnotizen. Eine andere Möglichkeit der Prüfung der Existenz der Schweigespirale lag in der empirischen Untersuchung mit Hilfe von demoskopischen Instrumenten, worauf ich in einem extra Punkt eingehen möchte.
4. Prüfung mit demoskopischen Instrumenten 16
Im Januar 1971 begannen die Versuche mit Allersbacher Umfragen, die Schweigespirale zu greifen. Die erste Frageserie umfaßte drei Fragen:
• Wenn Sie zu entscheiden hätten - sollte die Bundesrepublik die DDR als zweiten deutschen Staat anerkennen oder nicht?
14 nach Noelle-Neumann, Elisabeth (1991): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsrer soziale Haut, 3. Auflage, S. 19
15 Noelle-Neumann, Elisabeth (1991): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsrer soziale Haut, 3. Auflage, S. 21
16 Noelle-Neumann, Elisabeth (1991): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsrer soziale Haut, 3. Auflage, S. 23ff
der Bundesrepublik für oder gegen die Anerkennung der DDR?
• Was meinen Sie, wie es weitergeht, wie die Ansichten in einem Jahr sein werden: werden dann mehr Leute als heute oder weniger Leute als heute für die Anerkennung der DDR als zweiten deutschen Staat sein?
Überraschend dabei ist, dass ein Großteil der Befragten eine genaue Schätzung der Mehrheitsmeinung abgibt.
Das Ergebnis erinnert an die Beobachtung von 1965. Auf die Frage “Was glauben Sie, wer die Wahl gewinnt?”, hatte die große Mehrheit der Befragten auch nicht geantwortet “Woher soll ich das wissen”, obwohl beide Parteien Kopf an Kopf lagen. „Übertrug man die Beobachtungen von 1965 auf 1971, so war eine Schweigespirale zugunsten der Anerkennung der DDR zu erwarten.“ 17
Nach diesem Versuch folgte eine Reihe ähnlicher Frageserien, wobei die Bevölkerung immer etwas von Merheits- und Minderheitsmeinung wahrzunehmen schien, und zwar ganz unabhängig von den veröffentlichten demoskopischen Zahlen.
5. Der Eisenbahntest
17 Noelle-Neumann, Elisabeth (1991): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsrer soziale Haut, 3. Auflage, S. 27
8
1972 wurden in einem Allensbacher Interview Hausfrauen zum Thema Kindeserziehung befragt. Der Interviewer zeigte den Damen dazu ein Blatt, auf dem zwei Frauen mit Sprechblasen abgebildet waren (siehe Anhang, I). Die eine sagte: „Es ist grundsätzlich verkehrt, daß man ein Kind schlägt, man kann jedes Kind auch ohne Schläge erziehen“. Die andere sagte dagegen: „Schläge gehören auch zur Erziehung, das hat noch keinem Kind geschadet.“ Die Befragten wurden aufgefordert, einer der beiden Aussagen zuzustimmen. Das Ergebnis war wie folgt:
•
40% waren grundsätzlich gegen Schläge
Im Anschluß daran, kam die Testfrage. Die Befragten sollten sich vorstellen, eine fünfstündige Eisenbahnfahrt vor sich zu haben und das Abteil mit einer Frau zu teilen, die die ihr entgegengesetzte Meinung vertrat. Die Frage lautete daraufhin: „Würden Sie sich gern mit dieser Frau unterhalten, um ihren Standpunkt näher kennenzulernen, oder würden Sie da keinen großen Wert drauf legen?” 18
In den folgenden Jahren folgten weitere “Eisenbahntests” zu den unterschiedlichsten Themen. Das Ergebnis war eindeutig: Die siegessichere Fraktion ist redebereit, die Verlierer tendieren zum Schweigen!
5.1 Ziel
Ziel dieser Untersuchung war es, die Hypothese zu überprüfen, dass in einer Kontroverse die verschiedenen Lager unterschiedlich bereit sind, sich öffentlich sichtbar für ihre Überzeugung einzusetzen. 19
18 Noelle-Neumann, Elisabeth (1991): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsrer soziale Haut, 3. Auflage, S. 35
9
5.2 Problem und Technik
Wie kann man einen solchen Vorgang so messen, dass die wissenschaftlichen Anforderungen von Wiederholbarkeit und Überprüfbarkeit, auch unabhängig von den subjektiven Eindrücken eines Beobachters erfüllt sind?
Um dieses Problem zu lösen, wird ein demoskopisches Interview angewandt, das einheitlich abläuft. „Die Fragen werden in festgelegter Reihenfolge und festgelegtem Wortlaut vorgelesen, bei Querschnitten von 500, 1000 oder 2000 Befragten arbeiteten Hunderte von Interviewern mit, so daß kein einzelner das Ergebnis durchschlagend beeinflussen kann.“ 20
Durch den Eisenbahntest sollte Öffentlichkeit simuliert werden. In einer Eisenbahn hat jeder Zutritt, es sind Menschen anwesend, deren Namen und Gesinnung man nicht kennt und es handelt sich um eine relativ kleine Öffentlichkeit, so dass auch schüchterne Menschen die Möglichkeit haben, sich zu einem Thema zu äußern.
6. Laborexperiment von Salmon Asch
Anfang der 50er Jahre führte der Sozialpsychologe Salmon Asch ein Laborexperiment durch, das zum Ziel hatte, herauszufinden, wie sich eine Versuchsperson „unter dem Druck einer überwiegend anderen Meinung verhalten würde. Würde sie selbst schwankend werden? Würde sie sich dem Mehrheitsurteil anschließen, so sehr es auch ihrem eigenen Urteil widersprach? Oder würde sie zu ihrem eigenen Urteil stehen?“ 21
6.1 Versuchsaufbau
Die Aufgabe der Versuchspersonen bestand darin, die Länge verschiedener Linien im Verhältnis zu einer Musterlinie abzuschätzen (Schaubild siehe im Anhang unter II). Je acht bis neun Personen nahmen an dem Experiment teil. In der Reihenfolge von links nach rechts mußte jede Versuchsperson sagen, welche Linie ihrer Meinung nach der Musterlinie entspricht. Pro Experiment gab es zwölf Durchgänge.
19 nach Noelle-Neumann, Elisabeth (1991): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsrer soziale Haut, 3. Auflage, S. 33
20 Noelle-Neumann, Elisabeth (1991): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsrer soziale Haut, 3. Auflage, S. 35f
10
6.2 Ergebnis
In den ersten beiden Durchgängen erkannten alle Versuchspersonen übereinstimmend die richtige Linie. Dann wurde der Versuchsaufbau so geändert, dass bis auf die letzte Person in der Reihe alle Versuchspersonen in das Experiment eingeweiht wurden und eine offensichtlich zu kurze Linie als die der Musterlinie identische Linie angaben.
Von zehn Personen blieben zwei bei ihrem ersten Eindruck und ließen sich nicht beeinflussen. Zwei schlossen sich bei zehn Durchgängen ein bis zwei Mal der offensichtlich falschen Meinung der Mehrheit an und sechs von zehn Versuchspersonen gaben als eigene Meinung mehrmals die offensichtlich falsche Meinung der Mehrheit an.
7. Bedingungen für die Schweigespirale
• Damit die Schweigespirale greifen kann, muß es sich um ein kontroverses Thema handeln,
dass heißt der Meinungs-/ Einstellungsbereich muß im Wandel sein.
• Zudem muß es sich um eine moralisch belegte Meinung handeln, also ein Thema, zu dem die
Personen mehr sagen können, als „ja“ oder „nein“.
• Die Massenmedien müßen zu diesem Thema eine identifizierbare Position einnehmen, damit
Kommulation und Konsonanz gegeben sind.
8. Kritik an der Schweigespirale von Noelle-Neumann
Wie an jeder Theorie, wurde auch an der Hypothese der Schweigespirale viel Kritik geübt. Auf alle Kritikpunkte einzugehen, würde an dieser Stelle zu weit führen, daher werde ich nur auf einige, mir besonders wichtige Punkte eingehen.
Ein Punkt, den Michael Schenk in seinem Buch „Medienwirkungsforschung“ kritisiert, wurde bereits in Aufsätzen von Noetzel, Salmon/Kline und Glynn/McLeod erwähnt. Noelle-Neumann behauptet, dass die Furcht des Individuums vor Isolation der Grund für die Schweigespirale ist. Dies ist aber mit Sicherheit nicht zu verallgemeinern, da diese Angst von individuellen Persönlichkeitsmerkmalen abhängig ist. So haben manche Menschen mehr, einige weniger Angst vor dem „allein sein“.
11
Selbst wenn es das sogenannte „quasi-statistische Wahrnehmungsorgan“ gibt, die Menschen also die Fähigkeit besitzen, in ihrer Umwelt Meinungsverteilungen wahrnehmen zu können, „dann könnten negative Sanktionen dort durch positive Sanktionen der gleich denkenden Bezugsgruppen ausgeglichen werden“. 22
Des weiteren wird eingewandt, „daß konformes Verhalten auch andere Ursachen haben könne als die von NOELLE-NEUMANN angeführte Isolationsfurcht. So könne beispielsweise die Anziehungskraft von oder die Identifikation mit Personen oder Gruppen zum gleichen Ergebnis führen, ohne daß Isolationsfurcht im Spiel ist.“ 23 Ein anderer Konflikt herrscht in der Rolle der
Massenmedien. Während die Demoskopin von einer starken Wirkung der Massenmedien in Bezug auf die Meinungsbildung der Rezipienten ausgeht, sprechen andere Studien von wirkungsschwachen oder gar wirkungslosen Medien. Es wird also in Frage gestellt, „ob die Massenmedien überhaupt eine Rolle bei der Vermittlung von Vorstellungen über Mehrheits- und Minderheitsmeinungen spielen.“ 24
„Trotz vieler kritischer Einwände gegen die theoretischen Grundlagen und die Interpretationen der empirischen Befunde durch die Verfasserin, wird fast durchgängig anerkannt, daß die Theorie einen erheblichen Fortschritt in der Erklärung sozialpsychologischer Phänomene gebracht hat.“ 25
9. Die Schweigespirale an aktuelle Beispielen
Wie bereits zu Beginn dieser Arbeit erwähnt, zieht sich die Schweigespirale durch viele Lebensbereiche. Auch in der aktuellen Berichterstattung wird immer wieder von ihr gesprochen. In einem Zeitungsartikel von „die Welt“ ging es beispielsweise darum, warum sich Wahlforscher mit der Schätzung der Wahlausgänge rechtsextremistischen Parteien schwertun. Bei den Landtagswahlen in Baden-Würtemberg im März 1996 erwarteten die meisten Wahlforscher ein Ergebnis von weniger als fünf Prozent für die Republikaner. Das Ergebnis war allerdings anders: sie erhielten 9,1 Prozent. In dem Artikel der Zeitung heißt es weiter: „Die Unsicherheit der Prognose rechtsextremer Parteien ist ein methodisch von Demoskopen kaum zu lösendes Problem. Hauptgrund ist, daß die Menschen wegen der gesellschaftlichen Tabuisierung von rechtem Wahlverhalten bei Umfragen ihre wahren Wahlabsichten verschweigen. Dies ist ein
22 Schenk, Michael (1987): Medienwirkungsforschung, 1. Auflage, S.332f.
23 Schenk, Michael (1987): Medienwirkungsforschung, 1. Auflage, S. 333
24 Schenk, Michael (1987): Medienwirkungsforschung, 1. Auflage, S.334
25 Schenk, Michael (1987): Medienwirkungsforschung, 1. Auflage, S. 339
12
klassisches Beispiel für die „Schweigespirale“, die die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann entdeckte.“ 26
Auch bei den Landtagwahlen 1999 war die Schweigespirale deutlich zu spüren. In Brandenburg und Thüringen erreichte die CDU Spitzenergebnisse und die SPD verlor an Zuspruch. Dazu heißt es in einem Artikel, der von der Universität in Oldenburg veröffentlicht wurde: „ Fakt ist allein, daß neu gewählte Bundesregierungen schon immer in den darauffolgenden Landtags- und Europawahlen stark verloren haben (Nebenwahl-Effekt). Fakt ist auch, daß beispielsweise in Brandenburg die CDU nominal keine Stimmen dazu gewonnen hat, die SPD jedoch Wähler verlor, was den relativen Anteil der Christdemokraten in die Höhe trieb, durch die niedrige Wahlbeteiligung zusätzlich begünstigt. Daher ist es wohl vermessen, die CDU plötzlich wieder als Volkes Liebling zu feiern, sowie die SPD als abgewirtschaftete alte Kamelle in die Ecke zu stellen. Zum einen tun die Medien ihren Teil dazu, im ganzen Land eine Anti-SPD Stimmung zu schüren, CDU wählen ist wieder in. Der psychologische Effekt, der hinter dem unbewußten Annehmen einer vermeintlich öffentlichen Mehrheit steht, ist bekannt und heißt „Schweigespirale““. 27
Dr. Peter Gauweiler geht in einer Rede über die Teilnahmelosigkeit der Deutschen, die unter der Überschrift „Mit den Wölfen schweigen?“ am 14.01.1995 in der FAZ erschienen ist, ebenfalls auf die Schweigespirale ein. Er sagte dazu:
„Die berühmte Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann hat in ihrem Buch „Die Schweigespirale“ untersucht, warum in Deutschland so wenige Menschen sagen, was sie denken und so oft eine von ihnen nicht geteilte öffentliche Meinung hinnehmen. Die Autorin erinnert, daß ja jeder auf der Seite des Siegers stehen will, und daß sich die Absicht, „mit den Wölfen zu heulen“, heute mit schlichtem Schweigen paart. Denn, so Noelle-Neumann, „was das Schweigen verlockend macht“ ist, „daß man es als Zustimmung auslegen kann.“ Für das Phänomen des Nach-dem-Munde-Schweigen erzählt die Meinungsforscherin vom „Stummwerden“ der alten französischen Kirche in der Mitte des 18. Jahrhunderts, schon fünfzig Jahre vor Robespierre und dem Terror seiner Jakobiner. Denn die Leute, schreibt sie, „die noch am alten Glauben festhielten, fürchteten die einzigen zu sein, die ihm treu blieben, und da sie die Absonderung mehr als den Irrtum fürchteten, so gesellten sie sich zu der Menge, ohne wie diese zu denken“. 28
Aber auch bei nicht-politischen Themen sind Beispiele für die Schweigespirale zu finden. In einem Artikel, der unter der Überschrift „Schlager gegen die Schweigespirale“ am 21. März 2000 in der Zeitung „Die Welt“ abgedruckt war, geht es um GoldStar TV, das im Rahmen eines neues Programmpaket namens „GalaWorld“ auf dem Pay-TV-Sender PremiereWorld auf Sendung geht.
26 URL: http://www.welt.de/daten/1998/08/13/0813de76828.htx
27 URL: http://www.heh.uni-oldenburg.de/ sdettmer/wahlen99.htm
28 URL: http://www.csu-muenchen.de/gauweiler/ver4.htm
13
Das Besondere an GoldStar TV ist, dass es sich dabei um einen reinen Schlagerkanal handelt. Folgendes Zitat stammt aus einem Interview der Zeitung mit Gottfried Zmeck, dem Gründer und geschäftsführenden Gesellschafter des Schlagerkanals GoldStar TV.
„Zmeck: Bislang hat es eine gewisse Art von „schweigender Mehrheit“ gegeben: Viele Menschen haben gewisse Hemmungen, sich mit Schlagermusik zu identifizieren. Dabei gibt es mit M-TV und Viva für die Teenies und Twens eigene Musikkanäle. Für die große Mainstream-Gruppe der Schlagerfreunde war darum ein entsprechendes Angebot längst überfällig. Und aus vielen Reaktionen klingt jetzt schon ein befreites Aufatmen: Bei diesem Programm sind wir zu Hause, hier können wir uns wohlfühlen. Wir wollen diese „Schweigespirale“ umdrehen in eine „Redespirale“, durch die das Image des Segments Schlagers gehoben wird. Uns ist das so wichtig, dass wir ihm einen ganzen TV-Kanal widmen.“ 29
10. Schlußwort
„Noelle-Neumanns Theorie der öffentlichen Meinung hat in der internationalen Kommunikationsforschung, vor allem in den Vereinigten Staaten, weite Beachtung gefunden. Dafür sprechen unter anderem die vielen empirischen Untersuchungen, mit denen die Gültigkeit der Hypothese auch für andere kulturelle Bereiche getestet wurde“. 30
Die große Bedeutung von Noelle-Neumanns Hypothese wird durch die Tatsache unterstrichen, dass sich in der Presse beinahe täglich Beispiele für die Schweigespirale finden lassen. Trotz vieler, mit Sicherheit auch oft berechtigter Kritikpunkte brachte die Theorie einen erheblichen Fortschritt in der Erklärung sozialpsychologischer Phänomene. Wie nahezu jede Theorie, ist die Hypothese der Schweigespirale durch künftige Forschungen, empirische Untersuchungen und weitere Beobachtungen noch weiter zu entwickeln und zu verbessern.
29 URL: http://www.welt.de/daten/2000/03/21/0321mm157961.htx
30 Schenk, Michael (1987): Medienwirkungsforschung, 1. Auflage, S. 339.
14
11. Bibliografie
Neidhardt, Friedhelm / Lepsius, Rainer M. / Esser, Hartmut: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. In: Massenkommunikation - Theorien, Methoden, Befunde, 30, Jg. 1989.
Noelle-Neumann, Elisabeth (1982): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsrer soziale Haut, 1. Auflage.
Noelle-Neumann, Elisabeth (1991): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsere soziale Haut, 3. Auflage.
Schenk, Michael (1987): Medienwirkungsforschung, 1. Auflage.
Internet:
URL: http://www.welt.de/daten/1998/08/13/0813de76828.htx; abgerufen am 12. März 2000 URL: http://www.heh.uni-oldenburg.de/ sdettmer/wahlen99.htm; abgerufen am 10. Dezember 1999
URL: http://www.csu-muenchen.de/gauweiler/ver4.htm; abgerufen am 12. März 2000 URL: http://www.welt.de/daten/2000/03/21/0321mm157961.htx; abgerufen am 29. März 2000 URL: http://www.welt.de/daten/1996/12/18/1218s3109/99.htx; abgerufen am 12. März 2000 URL: http://www.medienrezeption.de/forum97/referenten/noelle-neumann.html; abgerufen am 12. März 2000
Arbeit zitieren:
Ina Alabowitz, 2000, Die Schweigespirale, München, GRIN Verlag GmbH
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