3
Somit können wir aus dem Vorangegangenen schließen, dass Heinrich den Reinhart Fuchs nicht vor 1192 verfasst hat. Nach der Meinung von Ute Schwab wäre sogar eine Datierung auf das Jahr 1197 möglich, wenn man in dem Gifttod des Löwenkönigs eine Anspielung auf den für lange Zeit angenommenen Gifttod von Heinrichs VI. sieht. Doch diese Theorie ist weniger wahrscheinlich und wir bleiben bei unserer Datierung auf die Jahre nach 1192.
3. Die Handschrift S
Die auch als „Kasseler Bruchstücke“ bezeichnete Handschrift erhielt ihr Sigle S nach Jacob Grimms „Sendschreiben an Karl Lachmann“ aus dem Jahre 1840. Sie wird heute unter der Signatur 8° Ms. poet. germ. et rom. 1 in der Muhardschen Bibliothek der Stadt Kassel und Landesbibliothek aufbewahrt. 4
3.1. Entstehung von S
Die Entstehungszeit der Handschrift S lässt sich nicht genau definieren. Sie lässt sich nur in einem bestimmten Bereich begrenzen. So datierte Jacob Grimm nach der Untersuchung von Schrift und Textinhalt die Handschrift im Jahre 1840 auf die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts oder Anfang des 13. Jahrhunderts. 5 Das Format, die Spaltenaufteilung, die unabgesetzten Verse und die Buchstabenform veranlassten Grimm zu seiner Vermutung. Mark Frey geht in seinem Werk über die Handschriften S und P von der gleichen Entstehungszeit aus. 6 Ebenso vertritt Otfried Ehrismann dieselbe Meinung. 7 Ute Schwab konnte 1967 in ihrem Buch die Entstehungszeit noch weiter eingrenzen 8 und kam zu dem Ergebnis, dass, wie im zweiten Kapitel bereits dargelegt, das Original des Reinhart Fuchs nach dem Jahre 1192 zu Papier gebracht wurde. Da es sich bei S nicht um das Original handelt, können wir also festhalten, dass die Handschrift S vermutlich in den Jahren zwischen 1192 und 1230 entstanden sein muss. Der von dem Verfasser genutzte und zur damaligen Zeit übliche aber teure Schreibstoff ist Pergament. Es wurde aus gebeizter Tierhaut hergestellt und wurde vor allem in der Zeit zwischen dem 4. und dem 13. Jahrhundert verwendet. S besteht aus vier Bruchstücken. Die Verse dürften von nur einem Schreiber verfasst worden sein, dessen Schrift in den Versen 1523 - 1796 des Bruchstückes S3 und 1831 - 1902 von S4 zunehmend etwas „gröber und größer wird.“ 9 Die Schrift selbst ist gotische Textura oder auch Frakturschrift genannt. Sie ist eine Weiterentwicklung der
4 Vgl.: Klaus DÜWEL, „Der Reinhart Fuchs des Elsässers Heinrich“, S. 9
5 Jacob GRIMM, „Sendschreiben an Karl Lachmann“, S. 7
6 Mark FREY, „ Zwei Varianten des Reinhart Fuchs“, S. 3
7 Otfried EHRISMANN, „Der mittelhochdeutsche Reinhart Fuchs“, S. 20
8 Ute SCHWAB, „Zur Datierung und Interpretation des Reinhart Fuchs“, S. 45ff
9 Klaus DÜWEL, a.a.O., S. 11
4
karolingischen Minuskel, in der Winkel an die Stelle der Rundungen der alten Form treten. Dieses macht die Schrift für unser heutiges Auge im allgemeinen nur sehr schwer lesbar. Die Fragmente S1 bis S4 bilden jedoch eine erfreuliche Ausnahme und sind gut lesbar.
Die Sprache der Verse ist eindeutig elsässisch, besitzt jedoch an einigen Stellen „eine leicht bairische Färbung“ 10 , die wahrscheinlich eine Eigenart des Schreibers ist. Dieses lässt vermuten, dass der Schreiber aus Bayern stammt. Aus dieser Tatsache heraus und aufgrund einiger Schreibfehler hat Georg Baesecke schon im Jahre 1925 den Beweis erbracht, dass die Handschrift S nicht als das Original anzusehen ist. 11
3.2. Format und Einrichtung von S
Die Bruchstücke der Handschrift S besitzen nach Otfried Ehrismann folgende Maße: S1 4,5 (-5,6) cm x 16,7 cm; S2 10,8 cm x 16,7 cm; S3 10,9 cm x 17,0 cm; S4 3,4 (3,9) cm x 17,0 cm. 12 Die Zeilenhöhe liegt immer zwischen 0,3 und 0,5 cm.
S1 ist etwa in der Hälfte durchgeschnitten und beidseitig beschrieben, so dass auf der Vorder- und der Rückseite jeweils nur eine Spalte überliefert ist. Auf der Verso-Seite von S1 befinden sich 30 handgeschriebene Zeilen auf „vorgeritzten Linien“ 13 , in denen die Verse 589 bis 624 des alten Reinhart Fuchs wiedergegeben worden sind. In einigen Zeilen fehlen durch den Schnitt die Anfangsbuchstaben.
Auf der Recto-Seite von S1 befinden sich ebenfalls 30 Zeilen, die die Verse 624 bis 660 beinhalten. Hier sind durch die Verstümmelung des Pergaments die Endbuchstaben einiger Zeilen nicht mehr vorhanden. Die Verso- und die Recto- Seite von S1 werden nach üblicher Zählung auch als Seite eins und zwei bezeichnet.
Bei den Fragmenten S2 und S3 handelt es sich um zwei Doppelblätter, die beidseitig beschrieben sind. Die Seiten sind jeweils in zwei Spalten mit je 30 Zeilen vollständig beschrieben. Der Abstand zwischen den Spalten beträgt immer zwischen 0,5 und 1,0 cm.
Die Seiten werden in der Nachfolge von S1 nummeriert. S2 beinhaltet also die Seiten drei bis sechs und S3 die Seiten sieben bis zehn. Seite drei leidet vor allem in der ersten Spalte unter starker Verschmutzung und Abnutzung und ist daher schwer lesbar. 14 Sie beinhaltet in der Spalte a die Verse 697 bis 733 und in der Spalte b die Verse 734 bis 768. Seite vier ist sehr gut erhalten und gut zu lesen. Hier finden sich viele große Zierbuchstaben. Spalte a enthält die Verse 768 bis 804 und Spalte b die Verse 804 bis 840. Seite fünf ist ebenfalls gut lesbar, leidet aber in der zweiten Spalte unter einigen Verwischungen und enthält weniger Majuskeln. In Spalte a befinden sich hier die Verse 840 bis 876 und in Spalte b die Verse 876 bis 910. Die
10 Mark FREY, a.a.O., S. 3
11 Georg BAESECKE (Hrsg.), „Heinrich des Glichezares Reinhart Fuchs”, S. XXXI
12 vgl. Otfried EHRISMANN, a.a.O., S. 20
13 Klaus DÜWEL, a.a.O., S. 11
14 siehe dazu und zu allen weiteren Beschreibungen der äußeren Form die Abbildungen im Anhang
5
Seiten vier und fünf bilden die Innenseiten des Doppelblattes S2 und sind aus diesem Grunde so gut erhalten. Seite sechs hat im Laufe der Zeit sehr unter äußeren Einwirkungen gelitten und ist stellenweise überhaupt nicht mehr zu lesen. Vor allem in den Versen 911 bis 914 und 927 bis 929 ist dies der Fall. In beiden Spalten sind die Zierbuchstaben verwischt. Am unteren Ende des Blattes befindet sich eine handschriftliche Notiz jüngeren Datums, die jedoch nicht mehr zu entziffern ist. Spalte a enthält hier die Verse 910 bis 946 und Spalte b die Verse 946 bis 980.
Seite sieben ist ebenfalls sehr in Mitleidenschaft gezogen worden und ist gerade noch lesbar. Auch hier findet sich am Fuße des Blattes eine handschriftliche Notiz aus neuerer Zeit, deren Inhalt nicht mehr rekonstruierbar ist. In Spalte a sind die Verse 1523 bis 1553 und in Spalte b die Verse 1553 bis 1588 wiedergegeben. Die Seiten acht und neun sind wiederum gut erhalten, da sie die Innenseiten des Doppelblattes S3 darstellen. Die Spalte a der Seite acht beinhaltet die Verse 1588 bis 1621 und die Spalte b die Verse 1621 bis 1657. Auf der Seite zehn wurden in der Spalte a die Verse 1728 bis 1760 und in der Spalte b die Verse 1760 bis 1796 niedergeschrieben. Im unteren Teil des Blattes sind große Teile der Verse 1744 bis 1754in der ersten Spalte und der Verse 1779 bis 1790 in der zweiten Spalte durch eine Rasur des 16. Jahrhunderts und die spätere Behandlung durch Jacob Grimm vernichtet. Doch dazu im nächsten Kapitel mehr. Das Bruchstück S4 ist mit dem Fragment S1 in der äußeren Form nahezu identisch. Nur die Breite ist bei S4 um 1,1 cm geringer als bei S1. S4 ist beidseitig in jeweils wiederum 30 Zeilen beschriftet. Durch die Verstümmelung des Textes fehlen auf der Verso-Seite einige Anfangsbuchstaben und teilweise sogar einige Wörter. Das gleiche gilt für die Recto-Seite, wobei hier natürlich die Endbuchstaben abgeschnitten sind. Auf Seite elf, der Vorderseite von S4, wurden die Verse 1831 bis 1866 niedergeschrieben. Die Seite zwölf, die Rückseite von S4, beinhaltet die Verse 1866 bis 1902.
Die Verse wurden in steter Folge geschrieben. Es gibt keine Absätze oder sonstige Unterteilungen, sondern der Schreiber setzte im Normalfall Reimpunkte zwischen die Verse. Sinnabschnitte werden durch sogenannte Majuskeln gekennzeichnet, die vom Rubrikator verziert worden sind. Dies kann man auf der Recto-Seite von S1 in den Versen 627 („Frowe Hersint do sprach:“) und 645 („Reinhart was wol beratin“) 15 sehr gut erkennen. Nur in den Versen 823 und 959 wurden die Initialen nicht verziert, obwohl es vom Schreiber am Rand angegeben wurde. „Zahlreiche Buchstaben sind rot gestrichelt, namentlich die Anfänge der Eigennamen und das Wort kunic.“ 16 Einige Zeilen wurden mit roten, wellenförmigen Zierlinien verziert. In Vers 1547 brachte der Rubrikator bei dem Wort sinné einen sogenannten Nasalstrich an.
Die Handschrift weist unter anderem folgende Abkürzungen auf: dc für daz, vn bzw. un für unde; ri-Kürzel in Form eines Apostrophes, hochgestelltes s für er, hochgestelltes a für ra und & für et. Die Nasalstriche setzt der Schreiber für den Ausfall der Buchstaben n und m ein.
15 beide Textstellen zitiert nach: H. d. Glichezare, „Reinhart Fuchs“, hrsg. von Karl-Heinz Göttert
16 Otfried EHRISMANN, a.a.O., S. 20
6
Wenn keine Initialen vorhanden sind, wurde das Reinhart-Kürzel vom Rubrikator rubriziert. In einem einzigen Fall, nämlich in Vers 1736, wird der Name des Fuchses ausgeschrieben und nicht rubriziert: reinharte.
3.3. Provenienz und Geschichte von S
Wie schon im Kapitel über die Entstehung der Handschrift S dargestellt, gehen wir von einem Zeitraum zwischen 1192 und 1230 für die Niederschrift der Bruchstücke S1 bis S4 aus. Die weitere Provenienz der Pergamentblätter ist leider nicht mehr nachzuvollziehen.
Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei den Kasseler Bruchstücken nicht um das Original. Dieses hat Georg Baesecke in seinem Werk aus dem Jahre 1925 anhand von einigen Schreibfehlern und aufgrund des bairisch beeinflussten Dialektes eindeutig nachgewiesen. Der bairische Einfluss auf die Sprache lässt vermuten, dass der Schreiber aus Bayern stammte und von dem elsässischen Original eine Abschrift anfertigte. Als Beispiele für Schreibfehler seien hier nur folgende genannt: Zum einen das Wort geleidiget in Vers 632, an dessen Stelle in der noch zu besprechenden Handschrift P das offenkundig besser passende Wort gelecket steht. Zum anderen das Wort gebur in Vers 1691 der Handschrift S, welches in den Handschriften P und K durch das Wort pfaffe ersetzt wird. Der Grund für die Änderung muss darin gesucht werden, dass der Schreiber entweder selbst an der Pfaffensatire Anstoß nahm oder sie seinem Publikum nicht zumuten wollte. Die Handschrift K wird im fünften Kapitel besprochen werden. Für weitere Beispiele ziehe man das oben genannte Buch von Baesecke heran. 17
Die Handschrift S wurde im Jahre 1839 zufällig im Archiv des Ortes Landau, welches sich zu jener Zeit im Museumsgebäude zu Kassel im Kurhessischen Archiv befand, von einem Bibliothekar namens Schubart entdeckt. Jacob Grimm weilte zur gleichen Zeit zwecks Studie in Kassel und der Bibliothekar ließ die ihm die Fundstücke umgehend zukommen. In seinem 1840 veröffentlichten „Sendschreiben an Karl Lachmann“ schrieb Grimm: „Zu meiner nicht geringen freude wurden mir voriges jahr pergamentblätter einer hier in Hessen 1515 jämmerlich zerschnittnen altdeutschen handschrift überreicht, welche umschläge von rechnungsbüchern hatten abgeben müssen. auf der seite eines blattes fand sich ein kleiner raum ausgekratzt, in den die worte getragen standen:
Aus dieser Rasur ist zu folgern, dass die Handschrift sich im 16. Jahrhundert in dem kleinen Ort Melsungen an der Fulda befand. Die Rasur befindet sich auf dem unteren Teil von Seite zehn. Es war vermutlich Grimm selbst, der mit Hilfe von Gallustinktur versuchte, den radierten mittelhochdeutschen Text für
17 Georg Baesecke, a.a.O., S. 31
18 Jacob GRIMM, a.a.O., S. 6f
7
kurze Zeit sichtbar zu machen und die fehlenden Verse versuchte zu rekonstruieren. 19 Doch durch diese Behandlung sind bedauerlicherweise die Verse 1744 bis 1754 der ersten Spalte und 1779 bis 1790 der zweiten Spalte zum Teil unwiederbringlich verloren. Auch die letzte Zeile der Rasur ist heute nicht mehr zu lesen. Jetzt ist an der angegebenen Stelle nur noch ein blauer Fleck zu sehen.
Grimm fügte seinem Sendschreiben eine Transkription des gesamten Textes bei.
Im Jahre 1977 wurden die Bruchstücke der Handschrift S gereinigt, ausgebessert und separat gebunden. Nach dieser Restaurierung sind viele Stellen besser lesbar, jedoch sind auch einige zuvor noch lesbare Buchstabenreste verloren gegangen. Trotz intensiver Nachforschung wurden bis heute keine weiteren Fragmente von S gefunden. Heute befindet sich die Handschrift, wie bereits beschrieben in der Muhardschen Bibliothek der Stadt Kassel und Landesbibliothek.
4. Die Handschrift P
Die Handschrift erhielt ihr Sigle P nach der lateinischen Bezeichnung für die Pfälzer Bibliothek, die Bibliotheca Palatina. Sie befindet sich heute in der Universitätsbibliothek zu Heidelberg unter der Signatur cod. pal. germ. 341. Die Sigle H ist nach dem Standort Heidelberg ebenfalls gebräuchlich, jedoch vor allem für die anderen Texte der Handschrift und nicht für den Reinhart Fuchs.
4.1. Entstehung von P
Zur Datierung gibt es auch hier wieder verschiedene Angaben und Meinungen. Karl Reissenberger machte im Jahre 1908 die allgemeine Aussage, dass die Handschrift aus dem 14. Jahrhundert stammt. 20 Gustav Rosenhagen datierte sie im Jahre 1909 schon genauer und vermutete die Entstehungszeit im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts. Diese Annahme begründet er mit der bekannten Entstehungszeit einiger anderer Texte der Handschrift P, wie zum Beispiel die „Ritterfahrt“ als jüngstes Gedicht und der „Arme Heinrich“ als ältestes Gedicht, und mit der Schrift, welche auf den selben Zeitraum hinweist. Er kommt zu dem Schluss, dass „[...] wohl nur die Dichtung des 2. und 3. Drittels des 13. Jahrhunderts darin vertreten [sind]. Einige Stücke werden aber schon ins 14. Jahrhundert hineinreichen[...]“ 21 Arend Mihm grenzte die Entstehungszeit in seinem Buch aus dem Jahre 1967 noch weiter ein und datierte die Handschrift P in die Jahre zwischen 1320 und
19 vgl. Klaus Düwel, a.a.O., S. 10
20 Karl REISSENBERGER, „Reinhart Fuchs“, S. 28
21 Gustav ROSENHAGEN, „Kleinere mittelhochdeutsche Erzählungen, Fabeln und Lehrgedichte - Die Heidelberger Handschrift cod. Pal. germ. 341“, S. XXIf
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1330. 22 Im Jahre 1979 überarbeitete Klaus Düwel für die Neuauflage des Verfasserlexikons aus dem Jahre 1936 den Artikel über Heinrich der Glichezare, verfasst von F. Norman. Dabei datierte er die Handschrift P auf das Ende des 13. Jahrhunderts. 23 Diese Meinung konnte sich allerdings nicht durchsetzen. Halten wir also fest, dass nach allgemeiner Auffassung P im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts entstanden ist. Somit ist P jünger als S. Die weiteren Verhältnisse der Handschriften zueinander sollen in einem späteren Kapitel untersucht werden.
Bei dem Schreibstoff handelt es sich hier um hochwertiges Pergament. Die Handschrift ist nach Rosenhagens Meinung „die größte einheitlich angelegte und hergestellte Sammelhandschrift von Reimpaargedichten zum Vorlesen, welche wir aus dem eigentlichen Mittelalter, [...], vollständig besitzen.“ 24 Sie enthält neben dem Reinhart Fuchs 212 bedeutende mittelhochdeutsche Schriften, darunter solch wichtige und bekannte Werke wie „Löwe und Maus“ und „Der arme Heinrich“ von Hartmann von Aue. 25 Von diesen 213 Stücken gehören 39 zur literarischen Gruppe der Mären. Es gibt auch andere Zählweisen, wie zum Beispiel bei Düwel, der von 222 Stücken spricht. 26 Doch wir halten uns hier an die noch heute übliche Zählweise von Rosenhagen. In der gesamten Handschrift sind nach der Meinung von Rosenhagen vier Schreiber zu unterscheiden. Allerdings stünden sich der zweite und der letzte Schreiber so nahe in ihrem Schriftbild, dass diese Unterscheidung nicht unbedingt der Realität entspricht. Konrad Zwierzina 27 und ihm folgend Arend Mihm 28 erkannten sechs verschiedene Schrifttypen (a, b, c, d, e, f) in P. Mihm unterteilt die Handschrift in drei Teile. 29 Der erste Teil wird von ihm „Vorfaszikel“ genannt und enthält die Stücke eins bis vier, welche von den Schreibern a und b verfasst worden sind. Der zweite Teil, in dem auch der Reinhart Fuchs enthalten ist, bildet nach Mihm die „Kernsammlung“. Sie beinhaltet die Stücke fünf bis 199 und wurde von Schreiber b, dem Hauptschreiber, verfasst. Den dritten Teil nennt Mihm den „additionalen Teil“. Er enthält die Stücke 200 bis 213 und vereinigt in sich Werke der Schreiber b, c, d, e und f. Hier ist für uns nur wichtig, dass der Schreiber e wahrscheinlich identisch ist mit dem Verfasser der noch zu besprechenden Handschrift K. 30 Aufgrund der verschiedenen Schrifttypen und der im Text vorhandenen inhaltlichen Zäsuren können wir annehmen, dass P nicht in einem Zuge geschrieben worden ist und nicht die Kopie einer einzigen Märensammlung gleichen Inhalts ist. Die Schrift ist wie bei S gotische Minuskel.
Der Dialekt der Handschrift ist nach der Ansicht von Ehrismann „schwer bestimmbar“ 31 . Wie schon erwähnt wurde P von mehreren Schreibern verfasst
22 Arend MIHM, „Überlieferung und Verbreitung der Märendichtung im Spätmittelalter“, S. 135
23 Klaus DÜWEL, „Heinrich, Reinhart Fuchs“, Überarbeitung des Artikels von F. Norman aus: „Die deutsche Literatur des Mittelalters - Verfasserlexikon“, Band 2, Berlin 1936, Spalte 267 - 276 für die Neuauflage 1979, welche mir als Neuauflage aus dem Jahre 1981 vorliegt.
24 Gustav ROSENHAGEN, a.a.O., S. I
25 Die Zählung erfolgt hier nach: Gustav ROSENHAGEN, a.a.O., S. XXXVIff
26 Klaus DÜWEL, „Der Reinhart Fuchs des Elsässers Heinrich“, S. XIII
27 Konrad ZWIERZINA, „Die Kaloscaer Handschrift“, In: Festschrift M. H. Jellinek, S. 224
28 Arend MIHM, a.a.O., S. 48
29 ebd., S. 48f
30 vgl. ebd., S. 48
31 Otfried EHRISMANN, a.a.O., S. 22
9
und besaß nicht nur eine Vorlage. Aus dieser Tatsache heraus ist die Schwierigkeit bei der Bestimmung der Sprache zu erklären. Die Schreiber und die benutzten Vorlagen stammten wahrscheinlich nicht alle aus der gleichen Gegend. Für diese Arbeit ist nur Schreiber b wichtig, da er den Reinhart Fuchs kopierte. Die Mundart ist am ehesten mitteldeutsch. Sprache und Schriftbild lassen eine Entstehung in Böhmen vermuten. Nach der Meinung Mihms weisen einige Ortsnamen auf eine Schreibstube in Südböhmen hin. 32 Auch in P ist ein leicht bairischer Einfluss zu erkennen. Anton Wallner vertrat 1927 in einem Artikel die Ansicht, dass die kulturellen Verhältnisse Südböhmens im 14. Jahrhundert die Herstellung einer solch umfangreichen Sammelhandschrift erst gar nicht ermöglichten. 33 Ich neige hier dazu, mich der Meinung Mihms anzuschließen, der jede Meinung berücksichtigte: „Die Sprache der Schreiber ist eine mit bairischen Elementen durchsetzte, gemäßigt mitteldeutsche Mundart, wie sie in der Oberpfalz und in Böhmen gesprochen wurde.“ 34
4.2. Format und Einrichtung von P
Die Handschrift P besteht insgesamt aus 374 Pergamentblättern in 50 Lagen, die alle etwa das gleiche Format haben und sehr gut erhalten sind. Sie beinhaltet rund 59500 Zeilen und ist somit die wichtigste größte mittelalterliche Märensammlung, die wir im Original besitzen. 35 Die Blätter sind 30,8 cm hoch und durchschnittlich 22,5 cm breit. 36 Nur das Blatt 370 ist verstümmelt und in der Breite halbiert. Die Blätter sind durchgehend auf der Vorderseite in der oberen rechten Ecke mit Bleistift nummeriert. Nur die Blätter 298 und 299 wurden mit Tinte beziffert. Die Blattnummerierung, welche wahrscheinlich in Rom vorgenommen wurde (siehe dazu Kapitel 4.3.), ist leider fehlerhaft. Wir müssen diese jedoch beibehalten, da die Blätter in dieser Reihenfolge ebenfalls in Rom gebunden wurden. Der Einband besteht aus einem Pappband mit gelbem Lederrücken. „Auf die Innenseite der Deckel sind weiße Papierbogen mit je einem Blatt geklebt, während das andere als Vorstoßblatt dient; beide sind mit der nächstliegenden, also der ersten und der letzten Lage der eigentlichen Hs. zusammengeheftet. Auf dem vordern Vorstoßblatt ist die Signatur Pal. germ. 341 und die Angabe 374 Bll. eingetragen.“ 37
Für diese Arbeit über die Handschriften der Fabel vom Fuchs Reinhart sind nur die Blätter 167 bis 181 relevant. Der Reinhart Fuchs erhielt im Laufe der Bezifferung der Stücke die Nummer 60 und steht „isoliert zwischen den geistlichen Strickertexten >Der arme Lazarus< und >Von der Messe<“ 38 . Die Blätter sind durchgehend auf Verso- und Rectoseite in zwei Spalten mit
32 vgl. Arend MIHM, a.a.O., S. 48
33 vgl. Anton WALLNER, „Reinhartfragen - Eine Replik“, in: ZfDPh, Band 52, S. 259 bis 270
34 Arend MIHM, a.a.O., S. 48
35 Gustav ROSENHAGEN, a.a.O., S. I
36 vgl. Otfried EHRISMANN, a.a.O., S. 21
37 Gustav ROSENHAGEN, a.a.O., S. III
38 Klaus DÜWEL, a.a.O., S. XIII
10
jeweils 40 Zeilen beschrieben. Die Zeilen sind auf jedem Pergamentblatt durch sechs senkrechte und 41 waagerechte Linien vorgezeichnet. Die Spalten auf den Vorderseiten werden im allgemeinen mit den Buchstaben a und b bezeichnet und die Spalten auf der Rückseite mit den Buchstaben c und d. Der Reinhart Fuchs beginnt auf der Rectoseite des Blattes 167 in der Spalte c und endet auf der Rectoseite des Blattes 181 in Spalte d. Er besteht in der Handschrift P aus 2266 Versen. Der Zustand der Handschrift ist, wenn man ihr Alter bedenkt, wirklich bemerkenswert. Es gibt nur einige Verwischungen und Abriebe. Vor allen Dingen in den Versen 415 und 416 auf Blatt 170 in Spalte a und 535 und 536 auf der Rückseite von Blatt 170 in Spalte d sind einzelne Buchstaben nahezu unlesbar. 39
Nach Vers 562 ließ der Schreiber eine Lücke von zwei Zeilen. Er brach mitten im Vers 562 die Niederschrift ab und setzte ein etc. ein. Dieses zeigt, dass dem Schreiber nur eine unvollständige Vorlage zur Abschrift zur Verfügung stand.
Jeder Vers beginnt mit einem großen Anfangsbuchstaben, einer Majuskel. „Alle ungeraden Zeilen sind nach links herausgerückt.“ 40 Jede Dichtung der Handschrift P hat in der Regel eine gereimte Überschrift in zwei Zeilen. So auch beim Reinhart Fuchs. Die Überschrift lautet: „Ditz buch heizet vuchs Reinhart/Got gebezzer vnser vart“ 41 Innerhalb der Handschrift wechseln sich wunderbar verzierte rote und blaue Initialen miteinander ab. Die Abstände sind nach der Ansicht Düwels „nicht regelmäßig, sondern variieren offenbar nach optischen, nicht nach inhaltlichen Prinzipien. 42
Eine Besonderheit von P ist noch zu erwähnen. In Vers 2266 schließt die Dichtung mit dem Wort „Amen“. Dieses allein ist noch nicht verwunderlich, doch die beiden ersten Buchstaben A und M wurden groß geschrieben.
4.3. Provenienz und Geschichte von P
Die Handschrift P ist, wie ich bereits beschrieben habe, im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts, wahrscheinlich in (Süd-)Böhmen, durch die Hände von mehreren Schreibern entstanden. Im Falle der Geschichte vom Fuchs Reinhart handelt es sich nur um einen Schreiber. Zur Provenienz ist auch hier, wie bei S, leider nicht mehr bekannt.
Die Handschrift wird erst wieder um 1600 erwähnt. Zu dieser Zeit befand sie sich in einer Sammlung deutscher Handschriften in der sogenannten Bibliotheca Palatina, der Pfälzer Bibliothek in Heidelberg. Daher auch die Sigle P. Im Jahre 1622, während des 30jährigen Krieges, eroberte der aus Brabant stammende bairische Feldmarschall Johann Graf von Tilly als Feldherr der Katholischen Liga im Dienste im Dienste Ferdinands II. die Stadt Heidelberg. Tilly schenkte nach seinem Erfolg im Namen des Herzogs Maximilian von Bayern die Handschrift P und einige andere Stücke der Heidelberger Büchersammlung dem damaligen Papst Gregor XV. Die
39 vgl. hier und im folgenden die Abbildungen im Anhang.
40 Otfried EHRISMANN, a.a.O., S. 21
41 zitiert nach: H. d. Glichezare, „Reinhart Fuchs“, hrsg. von Karl-Heinz Göttert
42 Klaus DÜWEL, a.a.O., S. XIII
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Handschrift wurde im Jahre 1623 in die vatikanische Bibliothek nach Rom gebracht. Unter Papst Clemens XI., der das Pontifikat in den Jahren von 1700 bis 1721 ausführte, wurde ein Verzeichnis der in der Vaticana vorhandenen deutschen Handschriften angefertigt. Wahrscheinlich gelangte dieser Katalog in einer Abschrift nach Deutschland, denn hier wusste man schon vor der offiziellen Rückgabe der Heidelberger Büchersammlung von deren Verbleib in Rom. In der vatikanischen Bibliothek wurde P unter der Signatur „Poemata varia antiqua“ aufbewahrt. Diese Signatur findet sich in einem Verzeichnis der Handschriften aus dem Jahre 1816.
Um das Jahr 1810 entdeckte ein „Sekretär der Bibliothek Glöckle“ 43 die Handschrift P und fertigte eine Abschrift von ihr an, welche er den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm zukommen ließ. Diese veröffentlichten im Jahre 1815 auf der Grundlage dieser Kopie die Geschichte „Der arme Heinrich“. Wilhelm von Humboldt vermittelte dann im darauffolgenden Jahr, 1816, die Rückgabe der Schriften durch Papst Pius VII. an die Pfälzer Bibliothek zu Heidelberg, wo sie sich noch heute befinden.
Ihren ledernen Einband erhielt die Handschrift noch vor ihrer Rückkehr aus Rom.
5. Die Handschrift K
Die Handschrift erhielt ihr Sigle K nach dem Namen ihrer ehemaligen Lagerungsstätte in der Kathedralbibliothek in Kàlocsa, Ungarn. Dort befand sich die Kàlocsaer Handschrift bis zum Jahre 1949 unter der Signatur cod. 1. Heute befindet sie sich unter der neuen Signatur cod. Bodmer 72 der Fondation Martin Bodmer in der Bibliotheca Bodmeriana Cologny-Génève in der Schweiz.
5.1. Entstehung von K
Die Handschrift K steht P sehr nahe. Auch K entstand im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts. Nach den Angaben Düwels entstand die Káloscaer Handschrift in den Jahren zwischen 1320 und 1330, ebenfalls allem Anschein nach in einer böhmischen Schreibstube. 44 K ist neben der Handschrift P, welche noch umfangreicher ist, eine der bedeutendsten Märensammlungen des deutschen Mittelalters.
Die Káloscaer Schriften sind eindeutig von nur einem Schreiber verfasst worden. Dieser Schreiber ist nach der Ansicht von Ahrend Mihm mit dem Schreiber e der Handschrift P, der dort die Stücke 204 bis 212 im „additionalen Teil“ verfasste, identisch. Sprache und Schrift würden so sehr übereinstimmen, dass praktisch kein Zweifel bestünde. 45 Auch Klaus Düwel
43 Otfried EHRISMANN, a.a.O., S. 21
44 vgl. Klaus DÜWEL, a.a.O., S. XV; Düwel übernahm hier die Angaben zur Datierung aus: Heinrich NIEWÖHNER (Hrsg.), „Neues Gesamtabenteuer“, Band 1, 2. Auflage, Zürich 1967
45 vgl. Arend MIHM, a.a.O., S. 48
12
übernimmt diese Meinung in seinem bereits mehrfach erwähnten Werk aus dem Jahre 1984.
Bei der Schrift handelt es sich hier ebenfalls um gotische Minuskel wie bei S und P. Der Schreiber benutzt mehrmals Abbreviationen, um Platz auf dem teuren Pergament zu sparen. Vor allem kürzt er das Wort vnde durch vn ab, wobei der Strich für den Ausfall von Buchstaben steht. 46 Die Sprache ist mit der in Handschrift P festgestellten identisch. Auch hier handelt es sich um einen Dialekt, der in der Oberpfalz und in Böhmen gesprochen wurde und bairische Elemente enthält.
5.2. Format und Einrichtung von K
Auch Format und Einrichtung von K sind P sehr ähnlich. Die Handschrift K besteht heute aus 333 Pergamentblättern in 42 Lagen, die sehr gut erhalten sind, da das Pergament sehr hochwertig ist. Es gab noch eine 43. Lage, in der die Nummern 182 mit dem Titel „Herzmäre“ und 183 mit dem Titel „ Johann von Michelsberg“ enthalten waren. 47 Diese ist aber bedauerlicherweise verloren gegangen. Die Handschrift beinhaltet also folglich 181 Stücke. Alle Pergamentblätter der Káloscaer Schrift wurden auf Verso- und Rectoseite in zwei Spalten zu je 40 Zeilen beschrieben. Die Zeilen wurden hier durch sechs senkrechte und 31 waagerechte Linien vorgeritzt. 48 Die Blätter sind alle ca. 34,2 cm hoch und durchschnittlich 25,5 cm breit. Leider stehen mir für diese Untersuchungen nicht, wie bei S und P, die vollständigen Photo-Drucke aller Pergamentblätter zur Verfügung, sondern nur die ersten zwei Seiten, welche die Verse 1 bis 118 beinhalten. 49 So bin ich dazu gezwungen, mich mehr an die Sekundärliteratur, vor allem von Düwel, Mihm und Ehrismann zu halten.
In der Handschrift K sind die ersten Buchstaben der ungeraden Zeilen nach links herausgerückt. Auch in dieser Schrift sind mehrere prächtig verzierte Initialen vorhanden, die sich in den Farben Rot und Blau abwechseln. „[...], sie sind mit Zierlinien in der jeweils anderen Farbe versehen.“ 50 Alle Stücke der Blätter eins bis 310 von P sind in K vollständig enthalten. Nur die Reihenfolge der Einzelstücke variiert. Von den restlichen Texten aus P, enthält K nur etwa die Hälfte. 51
Zwischen Blatt eins und zwei wurde wahrscheinlich schon im 14. Jahrhundert ein Verzeichnis aller vorhandenen Überschriften eingelegt. Es handelt sich hierbei um ein Doppelblatt, so dass die Handschrift also insgesamt 335 Blätter umfasst.
Der Reinhart Fuchs wurde ab Spalte b auf der Versoseite von Blatt 162 bis zur Spalte a auf der Versoseite von Blatt 177 niedergeschrieben und bildet nach
46 vgl. dieses und andere Beispiele bei: Klaus DÜWEL, a.a.O., S. XVI
47 vgl. Arend MIHM, a.a.O., S. 52
48 vgl. Klaus Düwel, a.a.O., S. XVI
49 Als Vorlage habe ich die Abdrucke der Pergamentblätter in dem schon mehrmals zitierten unverzichtbaren Werk von Otfried Ehrismann benutzt. Daraus stammen auch die Abbildungen der Handschriften im Anhang.
50 Klaus Düwel, a.a.O., S. XVI
51 vgl. ebd., S. XV
13
der neuen Zählung, die auf Karin Schneider zurückgeht, das Stück Nummer 57 des Káloscaer Codex. Nach der alten Zählung aus dem 14. Jahrhundert stellt er im Gegensatz zu P die Nummer 54 dar und steht zwischen dem „Pfaffen Amis“ und dem „Bergmann“.
Der Schreiber brach in K mitten in dem Vers 552 seine Arbeit ab und ließ drei Spalten vollständig frei. Daraus können wir schließen, dass dem Schreiber kein vollständiges Original des Reinhart Fuchs zur Verfügung stand und in der Hoffnung, das Fehlende nachtragen zu können drei Spalten frei ließ.
Auch hier hat der Schreiber die Geschichte mit einer Überschrift versehen, welche er mit roter Tinte geschrieben hat: „Ditz ist fvchs Reinhart genannt/got helf vns an sin lant“ 52 Dann beginnt der Text mit einer roten Initiale, welche mit blauen Zierlinien verziert worden ist.
5.3. Provenienz und Geschichte von K 53
Die Handschrift K stammt, wie wir bereits festgestellt haben, aus dem gleichen lokalen und zeitlichen Raum wie P, wurde also vermutlich im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts in einer böhmischen Schreibstube verfasst. Wie bereits in Kapitel 5.2. dargestellt, wurde ihr kurz nach ihrer Entstehung ein Index von Überschriften der in ihr enthaltenen Stücke beigefügt. Die weitere Geschichte der Handschrift liegt bis zum Jahr 1776 im dunkeln. In eben genanntem Jahr wurde ein Bischof namens Adam Patachich von Nagyvárad (Großwardein) der neue Erzbischof der Stadt Kálosca. Dieser Mann brachte seine umfangreiche Bibliothek, in welcher sich die hier behandelte Handschrift befand, mit in die Stadt. Im Laufe seiner Amtszeit vermehrte er die Buchschätze seiner Bibliothek vor allen Dingen durch die Aufnahme von alten Klosterbeständen. Im Jahre 1784 hinterließ Patachich seine Sammlung einschließlich K seinen Nachfolgern. Ende des 18. Jahrhunderts wurde K unter der Signatur Ms. Y. 4.3.29 und im 19. Jahrhundert unter der Signatur Mscr.1 in der Kathedralbibliothek zu Kálosca aufbewahrt.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, genauer 1811, entdeckte ein Mann namens Márton György von Kovachich die Handschrift K. Kurz darauf wurde sie von Johann Nepomuk Graf Mailáth und Johann Paul Köffinger teilweise ediert und diese Edition im Jahre 1817 veröffentlicht. 54 Diese ist jedoch leider durch zahlreiche Druck- und Lesefehler völlig entstellt und zur wissenschaftlichen Arbeit nahezu unbrauchbar, da sie nur 15 der fast 200 Stücke des Originals enthält.
Im Jahre 1904 ließ Otto Wilhelm Gustav Lippstreu von einem Spezialisten eine handschriftliche Kopie anfertigen, welche allerdings auch nicht fehlerfrei ist. Unter der Abschrift wurden von Professor Lippstreu selbst die von P abweichenden Lesarten verzeichnet. Diese Tatsache beweist, dass Lippstreu
52 zitiert nach: ebd., S. 1
53 Alle Angaben sind, sofern nicht anders angegeben, entnommen aus: Klaus Düwel, a.a.O., S. XIVf
54 Otfried EHRISMANN, a.a.O., S. 23
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selbst nicht das Original zur Verfügung stand, sondern nur die Abschrift. Die in ihr vorkommenden Fehler hielt er für Übertragungen aus dem Original. Folglich ist seine Bearbeitung des Textes ebenfalls fehlerhaft. Im Jahre 1957 wurde die Abschrift durch Ulrich Pretzel von Frau Emmy Lippstreu für das Germanische Seminar der Universität Hamburg erworben. 55 Diese Abschrift bot noch lange Zeit hindurch die einzige Möglichkeit zur Arbeit mit dem Text, da das Original aus Kálosca nicht ausgeliehen wurde. Erst 1928 reiste Konrad Zwierzina zwecks Forschungen am Original nach Kálosca und veröffentlichte die Ergebnisse noch im selben Jahr. 56 Er untersuchte vor allem das Verhältnis von K zu P.
Nur ein Jahr später, 1929, reiste Heinrich Niewöhner in die ungarische Stadt und stellte Forschungen für seine Edition der „Neuen Gesamtabenteuer“ an. Er fertigte teilweise Kopien an und verglich diese mit P und zum Teil auch mit der oben erwähnten Abschrift aus dem Jahre 1817. Im Laufe des zweiten Weltkrieges verschwand die Handschrift aus der Kathedralbibliothek und galt bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts als verschollen. Zu den Vermutungen über den Verbleib des Káloscaer Codices verfasste Herbert Wolf im Jahre 1971 einen Aufsatz, der in der „Zeitschrift für deutsche Philologie“ veröffentlicht wurde. 57 Bei der Abfassung des Textes war K immer noch verschollen und Wolf hoffte durch seinen Aufsatz zum Auffinden der Handschrift beitragen zu können. Nach Wolf, der diese Angabe von Niewöhner übernahm, erhielt die Bibliothek der Deutschen Akademie der Wissenschaften am 17. Februar 1955 einen Brief von der Bibliothek der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, in welchem diese behauptet, dass K „um das Jahr 1951 ins Ausland“ 58 gelangte und ihr eine Auffindung der Handschrift nicht geglückt sei. Doch Wolf stellt eindeutig fest, dass der Codex im Jahre 1949 zusammen mit anderen wertvollen Originalen verschwunden ist, und widerlegt damit auch die Meinung Mihms, der das Jahr 1946 59 angibt. Eine genaue Schilderung der Ereignisse geben die Prozessakten aus der gegen den ehemaligen Erzbischof von Kálosca Jószef Grösz angestrengten Verhandlung aus dem Jahre 1951 wieder. Danach übergab der Káloscaer Kanzleidirektor Dr. Károly Gombos im Juni 1949 die Handschrift an Dr. Béla Szalay. Dieser schmuggelte sie aus Ungarn heraus und verkaufte sie einem aus Ungarn in die Schweiz emigrierten Antiquar namens Jószef Faragó, der sie wiederum einem bibliophilen Privatsammler anbot.
Einem Gerücht zufolge, so Wolf, soll die Handschrift sich sogar für kurze Zeit in der Bibliothek der Columbia-University in New York oder sogar in der Library of Congress in Washington befunden haben. Jedoch stellten sich diese Vermutungen in weiteren Untersuchungen als unzutreffend dar. Schon im Jahre 1958 fertigte Arthur Rau ein Verzeichnis der in der Sammlung des Schweizer Sammlers Dr. h. c. Martin Bodmer enthaltenen Werke an und erwähnte den Káloscaer Codex. Doch niemand schenkte dieser Erwähnung Beachtung.
Erst seit 1973 steht der Verbleib der Handschrift K fest. Sie befindet sich seitdem, wie eingangs bereits beschrieben, unter der Signatur cod. Bodmer 72
55 vgl. ebd. S. 23f
56 Konrad Zwierzina, a.a.O., S. 209ff
57 vgl. Herbert WOLF, „Zum Schicksal der Káloscaer Mhd. Sammelhandschrift“, in: ZfDPh, Band 90, S. 99 bis 101
58 ebd., S. 100
59 Arend MIHM, a.a.O., S. 135
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in der Bibliotheca Bodmeriana der Fondation Martin Bodmer in Cologny-Génève.
Erst 1984 veröffentlichte Klaus Düwel eine Edition der Handschrift K 60 und beendete somit die bis dahin notwendige Arbeit mit der fehlerhaften Lippstreuschen Abschrift.
6. Die Abhängigkeiten von S, P und K
Die Diskussionen um die Abhängigkeiten der drei oben beschriebenen Handschriften werden wohl in Fachkreisen niemals beendet werden. Die Vielfalt der Meinungen, auch unter den Koryphäen auf diesem Gebiet ist groß. Forscher wie Baesecke, Reissenberger, Rosenhagen, Wallner, Düwel, Frey und Ehrismann vertreten die unterschiedlichsten Meinungen. In diesem Kapitel sollen diese Theorien erläutert werden und in Stemmata übersichtlich dargestellt werden.
6.1. Das Verhältnis von S zu P und K
Die Handschrift S stellt das älteste erhaltene Fragment eine deutschen „Reinhart Fuchs“ - Dichtung dar. Es handelt sich hierbei aber eindeutig nicht um das Original, welches nicht vor 1192 entstanden ist, sondern reicht sehr nahe daran heran. Für diese unbestreitbare Tatsache führte schon im Jahre 1925 Georg Baesecke den Beweis. 61 Im Text von S ist eine leichte bairische Färbung der Sprache, die ansonsten elsässisch ist, zu erkennen, die eine Eigenart des Schreibers sein muss. Da das Original von einem Elsässer namens Heinrich geschrieben worden ist, muss es sich hier also um eine Abschrift durch einen vermutlich bairischen Schreiber handeln. Außerdem hat Baesecke in seinem Werk einige Schreibfehler nachgewiesen, die während der Abschrift entstanden sein müssen.
Es ist durchaus möglich, dass S eine direkt vom Original gefertigte Abschrift darstellt. Das ergibt dann folgendes einfaches Stemma:
S ist nicht unbedingt unmittelbar aus O abgeschrieben worden. Es könnte also auch eine Zwischenstufe zwischen O und S gegeben haben. Nennen wir diese nach Ehrismann *X 62 , so ergibt sich folgendes Stemma, wobei *X auch mit O gleichgesetzt werden könnte:
60 Klaus DÜWEL, a.a.O., S. 1 bis 128
61 Georg BAESECKE (Hrsg.), a.a.O., S. XXXI
62 Otfried EHRISMANN, a.a.O., S. 24
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Das Verhältnis der Handschrift S zu P und K ist nicht eindeutig zu klären. Wie bereits beschrieben, stammt S aus den Jahren zwischen 1192 und ca. 1230, während P und K beide in dem ersten Drittel des 14. Jahrhunderts entstanden sind. S steht dem Original folglich in Sprache und Schrift näher als P/K, die rund ein Jahrhundert später in anderen politischen Verhältnissen und einem anderen kulturellen Klima entstanden sind. Es wäre also denkbar, dass S die Vorlage für beide Handschriften oder zumindest für eine von beiden bildete. P und K stehen sich jedoch in Schrift, Sprache und Inhalt so nahe, dass für beide Abschriften eine gemeinsame Vorlage benutzt worden sein muss. Einzig die Reihenfolge der Stücke in P und K variiert. Das ergibt folgendes Stemma:
Diese These wiederlegte allerdings schon Jacob Grimm in seinem Sendschreiben. 63 Denn die bereits beschriebenen Lücken in P und K in den Versen 562ff bzw. 552ff gehen sehr wahrscheinlich auf unvollständige Vorlagen zurück und in S waren und sind teilweise diese Verse noch enthalten. Noch gewichtiger sind die drei Gegenargumente von Ingeborg Schröbler, die Mark Frey in seiner Arbeit zum Verhältnis von S und P angibt. 64 Erstens gibt es einen Unterschied in Vers 632. Dort bietet P mit lecket bzw. K mit gelekt wohl das eindeutig richtige Wort, während in S an der selben Stelle das Wort geleidiget steht. Dieses beweist nicht nur, dass S nicht die Vorlage von P und K war, sondern auch, dass S nicht das Original sein kann. Zweitens fehlt in der Handschrift S bei 1705 ein Vers, welcher in P und K vorhanden ist und drittens beinhaltet die Fassung S im Gegensatz zur Heidelberger Handschrift in den Versen 1689ff eine „Bauernerzählung“ 65 . S diente folglich nicht als Vorlage von P und K. Da, wie bereits festgestellt, die Heidelberger und die Káloscaer Handschrift vermutlich eine unvollständige Vorlage benutzt haben, müssen wir von einer anderen Zwischenstufe *P zwischen *X (=O?) und P/K ausgehen. Das ergibt wiederum folgendes Stemma:
63 Jacob GRIMM, a.a.O., S. 9f
64 Mark FREY, a.a.O., S. 5f
65 ebd., S. 5
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Für eine gemeinsame Vorstufe *X von S und *P, welche vielleicht schon das Original darstellt, spricht ein Fehler in Vers1679f, der in den Handschriften S und P auftaucht:
„wan do mich iagite Isengrin. / wan (statt: waz) sagistv mir, neve min?“ 66 Fassen wir nun die bisherigen Ergebnisse zusammen. S ist nicht das Original, wurde aber wahrscheinlich unmittelbar daraus abgeschrieben. Außerdem stellt S nicht die Vorlage zu P und K dar. Weiterhin muss es eine Zwischenstufe *P zwischen dem Original und P/K gegeben haben, die heute leider nicht mehr erhalten ist.
6.2. Das Verhältnis von P zu K
Die Heidelberger Handschrift und der Káloscaer Codex liegen in ihrer Entstehung und ihrem Inhalt sehr nahe beieinander. Beide wurden im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts sehr wahrscheinlich in einer böhmischen, möglicherweise südböhmischen Schreibstube verfasst. Bei der Schrift handelt es sich bei P und K um gotische Minuskel. Die Formen, vor allem die vorgezeichneten (P) bzw. vorgeritzten (K) Linien, sind nahezu identisch. Das trifft auch bei dem Format der Pergamentblätter zu. Die Sprache ist in beiden Schriften eine mitteldeutsche Mundart, die eine bairische Färbung besitzt. Auch inhaltlich gleichen sich die beiden Handschriften. Lediglich die Reihenfolge der einzelnen Stücke variiert. Der „Reinhart Fuchs“, der hier Hauptthema sein soll, steht in P als Nummer 60, während er in K nach der mittelalterlichen Zählweise die Nummer 54 und nach der neuen Zählweise die Nummer 57 darstellt. Er steht in K zwischen dem „Pfaffen Amis“, welcher in P die Nummer 55 ist, und dem „Bergmann“, der in P unter der Nummer 56 zu finden ist. K enthält die Texte der Blätter eins bis 310 von P vollständig. 67 Die Schriften der Blätter 311 bis 374 von P sind in K nur etwa zur Hälfte enthalten. Bei K fehlen insgesamt 17 Gedichte.
Der gewichtigste Unterschied zwischen den Heidelberger und den Káloscaer Pergamentblättern besteht aber meiner Meinung nach in der Zahl der Schreiber. P wurde, wie bereits beschrieben, von sechs Schreibern geschrieben, die wir hier nach Mihm mit den Buchstaben a, b, der hier unter anderem den Reinhart Fuchs verfasste, c, d, e und f bezeichnen. 68 Rosenhagen unterschied im Jahre 1908 nur vier Schrifttypen, doch die Auffassung Mihms ist meiner Meinung nach wahrscheinlicher. Der Káloscaer Codex wurde von nur einem Schreiber verfasst, der mit Schreiber e aus der Handschrift P
66 ebd., S. 5
67 vgl. Klaus DÜWEL, a.a.O., S. XV
68 Arend MIHM, a.a.O., S. 48
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identisch ist. Lange Zeit versuchte man, die Abhängigkeiten zwischen P und K für alle in ihnen enthaltenen Texte allgemeingültig zu formulieren. Dieses ist jedoch nicht möglich gewesen, da P offensichtlich nicht in einem Zuge entstanden ist, was die vorhandenen Zäsuren und die Anzahl der Schrifttypen beweisen. Das heißt wiederum, dass P keine Kopie einer einzigen Sammlung gleichen Inhaltes sein kann. Unsere hier angenommene Vorlage *P bezieht sich nur auf den Reinhart Fuchs. P lässt sich in drei Abschnitte teilen, von denen nur der mittlere, die sogenannte Kernsammlung, für uns von Bedeutung ist, da sie den Reinhart Fuchs enthält. Diese ist komplett von Schreiber b verfasst.
Eine sehr genaue Untersuchung der inhaltlichen Abhängigkeiten zwischen P und K lieferte uns Arend Mihm in seinem Werk aus dem Jahre 1967. 69 Er stellt darin fest, dass die ausradierten Stücke aus P auch nicht in K vorkommen, sondern dass die auf der jeweiligen Rasur zu findenden Texte nach K kopiert wurden. Daraus ist zu schließen, dass P zumindest zum Teil als Vorlage für K gedient hat. Diese Meinung vertrat schon Georg Baesecke 1925. 70 Das ergibt dann folgendes Stemma:
Reissenberger 71 , Rosenhagen 72 und Wallner 73 nahmen hingegen an, dass P und K eine gemeinsame Vorlage hatten:
Zwierzina 74 bewies 1928 aber, dass K teilweise von P abhängig ist. Der Schreiber e nutzte nach seiner Meinung die Heidelberger Handschrift als Vorlage für die Lagen 1 bis 31 und 33 bis 41 von K und er beweist diese These mit folgenden Argumenten: K weist in diesen Lagen die gleichen Fehler wie P auf und wo eine bessere Lesart vorhanden ist, kann nur e diese eingefügt haben. Außerdem stellte Zwierzina in diesen Lagen eine ausgeprägte „Zeilenharmonie“ fest, das heißt entsprechende Verse stehen in beiden Handschriften in der gleichen Zeile. Nur ein geringer Teil, nämlich die Lagen 32 und 42 sind selbständig gegenüber P, denn dort bietet K oft den richtigen Text, obwohl diese Stellen bei P verdorben sind, und die bessere
69 ebd., S. 47ff
70 Georg BAESECKE, a.a.O., S. XXXIIIff
71 Karl REISSENBERGER, a.a.O., S. 28
72 Gustav ROSENHAGEN, a.a.O., S. XVIIf
73 Anton WALLNER, a.a.O., S. 264 ff
74 Konrad ZWIERZINA, a.a.O., S. 208ff
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Lesart. Außerdem ist die Zahl der Unterschiede in diesen beiden Lagen um ein vielfaches höher als in den anderen Lagen. Aber der Káloscaer Codex ist an diesen Stellen nicht einfach nur eine uninteressante Abschrift, sondern bietet in vielen Versen bessere Lesarten als P. Der Schreiber e ist dabei ebenfalls interessant, da er den Text stets mit größter Sorgfalt behandelt und sich um Vollständigkeit und Richtigkeit bemüht. Er versuchte immer ein schönes Schriftbild beizubehalten und nicht „über die vorgezeichnete Kolumnenbegrenzung zu schreiben.“ 75 Doch manchmal schiebt er auch selbstgereimte Verse ein, die „sich allerdings durch ihre inhaltliche Leere als unecht verraten“ 76 , oder schreibt grobe Ungereimtheiten einfach ab, während er an anderen Stellen Verbesserungen einfügt. Er war scheinbar ein belesener Mann und verfügte über gewisse Literaturkenntnisse. So schrieb er acht Gedichte, die in P nur anonym überliefert sind, selbständig dem Stricker zu.
Teilweise bietet der Schreiber e verbesserte Lesarten im Gegensatz zu P, welche offenbar dem Wortlaut des Dichters mehr entsprechen. Diese Tatsache erklärte Zwiezina damit, dass die gesamten Verbesserungen nur reine Erfindungen des Schreibers e sind. Wahrscheinlicher dagegen ist die Ansicht, dass e nicht nur die Heidelberger Handschrift als Vorlage zur Verfügung stand, sondern auch noch andere Texte. Dieses ist klar zu erkennen bei den Stücken „Von der Barmherzigkeit“, „Frauenzucht“ und „Gänslein“, bei denen er scheinbar die Vorlagen aus P überhaupt nicht benutzte, sondern andere Quellen heranzog. 77 Vor allem die Lücke im „Reinhart Fuchs“ weist darauf hin. In P bricht der Schreiber mitten in Vers 562 ab, fügt dem ein etc. hinzu und lässt zwei Zeilen frei. In K bricht e schon in Vers 552 ab und lässt drei ganze Spalten frei. Wir müssen davon ausgehen, dass e den vollständigen Text aus einer anderen Quelle noch hoffte nachtragen zu können, was ihm aber scheinbar nicht gelang.
Ob diese Vorgehensweise nun allein auf den Schreiber e oder auf den Gebrauch von mehreren Quellen zurückzuführen ist, bleibt unklar. Um die Verhältnisse zwischen P und K stemmatisch darstellen zu können beschränken wir uns nun also auf die Handschriften des „Reinhart Fuchs“. Im Jahre 1926 vermutete Anton Wallner, dass e einen Einzeltext des „Reinhart Fuchs“ als Vorlage nutzte, da dieser in K an anderer Stelle als in P steht. Gleichzeitig schloss er eine Abschrift der Geschichte aus P als Vorlage aus. 78 Doch gleichzeitig kann die Káloscaer Handschrift nicht aus einer Vorlage von P abgeschrieben worden sein, da K die in P auf Rasur geschriebenen Texte übernimmt und nicht deren ausradierte Vorgänger. Daraus ergibt sich, dass das nun folgende Stemma falsch ist:
75 Arend MIHM, a.a.O., S. 53
76 ebd., S. 53
77 vgl. ebd., S. 54
78 Anton WALLNER, „Reinhartfragen“, in: ZfDA, Band 63, S. 177 bis 216
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Klaus Düwel hingegen spricht sich für dieses Stemma aus. Für ihn geben zwei Differenzen den Ausschlag. Zum einen das Wort het in Vers 40 im Gegensatz zu liet in P und die Worte hone gewant in Vers 1817 im Gegensatz zu houe gewant in P. 79 Diese Varianten hat e in K wohlwissend gewählt, doch benötigte er hierzu, so Düwel, keine weitere Quelle neben *P oder P, da diese Veränderung rein paläographisch zu erklären sei. So standen in *P die Worte het und hone gewant und es sei bei P zu einer fehlerhaften Abschrift gekommen, während der gewissenhafte Schreiber e sich genau an die Vorlage *P hielt. Aus diesen Gründen hält Düwel das oben dargestellte Stemma für richtig.
Wenn wir nun für K neben P noch eine weitere Vorlage *K annehmen, ergäbe dies das folgende Stemma:
Otfried Ehrismann kommt als Ergebnis seiner Untersuchungen zu P und K zu folgendem Stemma 80 :
Bei *K könnte es sich um eine Einzelhandschrift oder um einen Bestandteil einer Sammelhandschrift handeln. Dieser kann nicht erheblich von den Texten aus *P und P abweichen, da K sich nur in sehr seltenen Fällen extrem von P unterscheidet. Das beweist nach der Ansicht von Ehrismann gleichzeitig, dass *P und *K eine gemeinsame Vorlage haben müssten. Für die in dem Káloscaer Codex enthaltene Lücke könnte man aus diesem Stemma sogar eine andere Erklärung entwickeln. Es wäre möglich, dass der Schreiber e diese Lücke nicht offen ließ, um den fehlenden Text aus einer anderen Quelle nachzutragen, sondern, dass er diese Lücke aus *K übernommen hat. Klaus Düwel hielt diese Theorie einer zweiten Quelle *K jedoch für „wenig überzeugend“ 81 , räumte aber ein, dass dies nicht prinzipiell auszuschließen sei.
79 vgl. dies und das folgende: Klaus DÜWEL, a.a.O., S. XX
80 vgl. Otfried EHRISMANN, a.a.O., S. 26; Zum leichteren Verständnis habe ich die Zeichen des Stemmas in die hier zuvor angewandten umgeändert. Das Ergebnis bleibt natürlich gleich.
81 Klaus DÜWEL, a.a.O., S. XIX
21
7. Zusammenfassung
Zusammenfassend können wir nun folgendes sagen:
Die Kasseler Bruchstücke der Handschrift S konnten zur Klärung von Fragen bezüglich der Entstehung und des Inhaltes des Originaltextes vom „Reinhart Fuchs beitragen, da sie das älteste Zeugnis der ersten deutschen Tierfabel darstellen und dem Original am nächsten stehen. Die Handschriften P aus Heidelberg und K aus Kálosca sind zwei der bedeutendsten und umfangreichsten deutschen Märensammlungen und stellen die erste nahezu vollständige Überlieferung des „Reinhart Fuchs“ dar. Sie bilden den Anfangspunkt einer Linie, die bis zur Veröffentlichung des „Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe im Jahre 1794, in dem er die implizite Feudalismuskritik der Vorlagen in eine zeitlose Satire über menschliche Schwächen umwandelte, führt.
Die Diskussion über das Verhältnis von P zu K wird wahrscheinlich noch geraume Zeit andauern. Als Ergebnis meiner Arbeit gebe ich hier die beiden wahrscheinlichsten und meiner Meinung nach auch vernünftigsten Theorien zu diesem Thema in Form von Stemmata an:
1.) *X (=O?)
2.) *X
Es sei daran erinnert, dass die hier dargestellten Beziehungen nur in bezug auf den „Reinhart Fuchs“ gültig sind. Man kann in dieser Hinsicht keine für alle Texte der Handschrift allgemeingültige Formel angeben. Man muss jeden Text einzeln untersuchen, da K teilweise eine eindeutige Kopie von P darstellt, aber an anderer Stelle wohl andere Quellen benutzt. Im allgemeinen lässt sich noch sagen, dass P bei einer wissenschaftlichen Bearbeitung des Textes eindeutig zu bevorzugen ist, da diese wenige Fehler aufweist und dem alten Text Sprache und Form wohl näher steht als K. Auch
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die Lesarten aus P sind zu bevorzugen, denn K bietet offenbar wirklich nur in Vers 40 eine unzweifelhaft bessere Lesart. 82
Zum Schluss möchte ich mich nun noch der Meinung von Ingeborg Schröbler anschließen:
„Praktisch ist es für den Reinhart - Text von geringer Bedeutung, ob man P und K von X herleitet oder K aus P. Zur Behebung der ernsthaften Cruces in P trägt K nichts bei.“ 83
82 vgl. Otfried EHRISMANN, a.a.O., S. 26
83 Georg BAESECKE und Ingeborg SCHRÖBLER, „Das mittelhochdeutsche Gedicht vom Fuchs Reinhart nach den Casseler Bruchstücken und der Heidelberger Hs. Cod. pal. germ. 341, S. VIII
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8. Quellen- und Literaturverzeichnis
Heinrich der Glichezare, „Reinhart Fuchs“, mittelhochdeutsch und neuhochdeutsch, hrsg. von Karl-Heinz Göttert, Stuttgart 1976
Georg Baesecke, „Heinrich des Glichezares Reinhart Fuchs“, Halle (Saale) 1925
Ders. und Ingeborg Schröbler (Hrsg.), „Das mittelhochdeutsche Gedicht vom Fuchs Reinhart nach den Casseler Bruchstücken und der Heidelberger Hs. Cod. pal. germ. 341“, Halle (Saale) 1952
Ders., „Heinrich der Glichezare“, in: ZfDPh, Band 52, S. 1 bis 30, Stuttgart 1927
Klaus Düwel (Hrsg.), „Der Reinhart Fuchs des Elsässers Heinrich“, Tübingen 1984
Ders., „Heinrich, Verfasser des `Reinhart Fuchs´“, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters - Verfasserlexikon“, Band 3, Spalte 666 bis 677, Berlin 1981
Otfried Ehrismann, „Der mittelhochdeutsche Reinhart Fuchs - Abbildungen und Materialien zur handschriftlichen Überlieferung“, Litterae 72, Göppingen 1980
Mark Frey, „Zwei Varianten des `Reinhart Fuchs´ - Vergleich der Fassung S mit P und Untersuchung des Prozesses“, Bern 1985
Jacob Grimm, „Über Reinhart Fuchs - Sendschreiben an Karl Lachmann“, Leipzig 1840
Arend Mihm, „Überlieferung und Verbreitung der Märendichtung im Spätmittelalter“, Heidelberg 1967
Karl Reissenberger (Hrsg.), „Reinhart Fuchs“, 2. Auflage, Halle (Saale) 1908
Gustav Rosenhagen (Hrsg.), „Kleinere mittelhochdeutsche Erzählungen, Fabeln und Lehrgedichte - III. Die Heidelberger Handschrift cod. Pal. germ. 341“, Berlin 1909
Ute Schwab, „Zur Datierung und Interpretation des Reinhart Fuchs“, Neapel 1967
Anton Wallner, „Reinhartfragen“, in: ZfdA, Band 63, Seite 177 bis 216, Stuttgart 1926
Ders., „Reinhartfragen - Eine Replik“, in ZfDPh, Band 52, Seite259 bis 270, Stuttgart 1927
24
Herbert Wolf, „ Zum Schicksal der Kaloscaer mhd. Sammelhandschrift“, in: ZfDPh, Band 90, Seite 99 bis 101, Stuttgart 1971
Konrad Zwierzina, „Die Kaloscaer Handschrift“, in: Festschrift für M. H. Jellinek, Seite 209 bis 232, Wien 1928
25
Die Abbildungen 84
84 kopiert aus: Otfried Ehrismann, a a O , S 29 bis 74
Arbeit zitieren:
Peter Stegt, 2001, Die Handschriften S, P und K des Reinhart Fuchs, München, GRIN Verlag GmbH
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