In der Kneipe unterhalten sich die Männer über ihr Leben. Bunsen erzählt, dass er Fotograf geworden ist. Bei der Erwähnung des Elends in seiner Anfangszeit merkt man, dass er es offenbar schlimmer fand, als armer Fotograf keine eigene Dunkelkammer zu haben, als als Soldat Menschen zu töten. Als Bunsen sagt: „Und du weißt, was das heißt, wenn man wählen kann“ (siehe Z. 45), ist das wie eine Ironie für den Erzähler, da er, wie ich bereits erwähnt habe, sich von der Zeit als Untergebener noch nicht erholt hat und es daher scheut, eigene Entscheidungen zu treffen. Dass er trotzdem zustimmt, beweist die Ironie noch einmal, da er wieder nur die Meinung des anderen annimmt. Während der Unterhaltung in Zeile 55 „erschauert [der Erzähler] plötzlich wie beim Kleiderappell damals; denn [Bunsens] Oberlippe [hebt] sich, sein Blick [hat] einen festen Punkt an [ihm] entdeckt, [liegt] ruhig und berechnend auf [seiner] Schulter.“ Man erfährt, dass der Erzähler Angst hat, Bunsen könnte einen Fehler an ihm entdecken und ihn damit vor allen Leuten bloßstellen. Doch Bunsen erzählt, dass er „ein Modell für eine Serie „ braucht. Da der Erzähler ein „verdrossenes Gesicht“ hat und „schon immer so aussah, als ob [ihm] etwas Kummer macht“, hält er ihn für sehr geeignet und bittet ihn um Probeaufnahmen. Die Fotos seien sehr leicht für ihn, „nicht einmal zu spielen bräuch[te] [er], der Kummer [wirke] sehr natürlich bei ihm“ (vgl. Z. 66-67). Dabei übersieht Bunsen völlig, dass der Kummer beim Erzähler nicht nur echt wirkt, sondern echt ist. Bunsen kommt nicht einmal auf die Idee, dass der Krieg seinen ehemaligen Untergebenen noch beschäftigen könnte. Da der Erzähler nicht widerspricht, was er sich wohl gar nicht trauen würde, macht Bunsen Probeaufnahmen. Während er sie entwickelt, „darf“ (siehe Z. 74) der Erzähler in einer Zeitschrift blättern. Hier merkt man, dass die Männer unbewusst die alten Rollenverhältnisse wieder aufleben lassen: Bunsen befiehlt, der andere folgt. Hierfür lassen sich im Text noch andere Beispiele finden, z. B. „Bunsen befahl nur den Einsatz“ (siehe Z. 78).
Da die ersten Fotos ein Erfolg werden, macht Bunsen noch viel mehr Fotos. Das Konzept ist immer gleich: der Erzähler guckt verdrossen, mit seinem normalen Blick auf irgendeine Person, die z. B. ein falsches Produkt kauft. Hier kann man eine Parallele zwischen Bunsen und dem Erzähler bemerken, denn beide haben ein „gewisses Etwas“ in ihrem Blick, das die Leute dazu verleitet, Dinge zu tun, die sie sonst vielleicht anders gemacht hätten.
Als der Erzähler den Wechsel der Kulissen, vor denen er fotografiert wird, beschreibt, fällt der Satz „nur ich, ich blieb“ (siehe Z. 97) auf. Er deutet darauf hin, dass alles um ihn herum sich verändert und er es zwar äußerlich mitmacht, sein Inneres aber immer noch damit beschäftigt ist, den Krieg zu verarbeiten. Die Bilder der Fotoserie befinden sich in „preiswerten Inseraten“ (Z. 102), das könnte ein Hinweis darauf sein, dass niemand seinen Kummer ernst nimmt und er für keinen wichtig ist. Man erfährt in Zeile 106, dass die Trauer auf dem Gesicht des Erzählers es erreicht, „dass sich ein Mann ein Sparkassenbuch zulegt, ein anderer eine Lebensversicherung abschließt“, das alles aber dem Erzähler nicht wirklich etwas bringt, da diese Leute ihm fremd sind. Seine eigenen Probleme jedoch löst er nicht.
Einen sehr wichtigen Satz findet man in Zeile 105: „Oh, ein anklagendes Gesicht erreicht mehr als Worte“. Dieser Satz bedeutet eine totale Ironie für den Erzähler. Sein anklagendes Gesicht erreicht zwar viele unwichtige Dinge, doch sein Problem kann nur gelöst werden, wenn er jemanden hat, der ihn versteht und mit dem er reden kann.
Als Bunsen Fotos mit ihm und einem „kleinen, vergrämten Mann“, der „ausgeschlossen von der Welt“ ist und „von dem sich seine Freunde losgesagt hatten“ (vgl. Z. 111-114), machen möchte, bewirkt der Anblick dieses Mannes eine große Veränderung für den Erzähler. Nach einiger Zeit beschreibt er ihn als „Felsen der Freudlosigkeit“. Er benutzt noch mehr dieser Beschreibungen, daran erkennt man, dass er über das Schicksal dieses Mannes nachdenkt und feinfühlig merkt, dass er „skeptisch gegenüber der Zukunft“ ist (siehe Z. 115). Als Bunsen den Erzähler darauf anspricht, was mit seinem Gesicht sei, fällt auf, dass er mehr redet als vorher. Er antwortet nicht mehr nur noch mit einem Wort, sondern stellt sogar Fragen („Geht’s nicht?“) und macht Scherze („Ich hab’s bei mir“, Z. 121 bzw. 123). Bunsen sagt, dass sich der Ausdruck auf dem Gesicht des Erzählers verändert hat und dass er ihn so nicht brauchen kann. auch der Erzähler bemerkt die Veränderung: „Er kann den kleinen Schwarzseher nicht anklagen, ihn nicht vernichten.“ (mit seinem Blick) (s. Z. 131, 123). Er „spürt [ ] eine heimliche Hingezogenheit zu ihm, empf[indet] eine sanfte Sympathie für sein Unglück“. Doch der Erzähler bedauert die Wandlung seines Gesichts nicht, im Gegenteil; als er in einene Spiegel kuckt und sich lächeln sieht, spürt er, dass das Lächeln von innen kommt. Er geht „zu [s]einem kleinen, vergrämten Kollegen, von dem sich alle Freunde losgesagt hatten, weil er keinen Humor besaß, kein fröhliches Vertrauen in die Zukunft“ (vgl. Z. 138-140) hin und gibt ihm die Hand. Als Bunsen ihn fragt, ob er nicht weitermachen will, verneint er und ergänzt, dass er „es jetzt nicht mehr kann“ (vgl. Z.142). Die Wandlung des Erzählers wird dadurch bewirkt, dass er sieht, dass ernicht allein ist und dass es viele Menschen gibt, die Angst vor etwas haben. Bis zu diesem Zeitpunkt hat er nicht verstanden, wie man wieder lachen kann, nachdem man den Krieg gesehen hat. Er entdeckt den Kontrast zwischen dem Mann, der Angst vor der Zukunft hat, und sich
selber, der Angst vor der Vergangenheit hat und merkt, dass sie ihre Probleme gemeinsam lösen können.
Man merkt, dass der Erzähler sich seiner Vergangenheit stellt und nun endlich anfangen kann, sie zu verarbeiten, und den ersten Schritt tut er bereits, indem er sich von seinem Job und gleichzeitig von Bunsen lossagt. Er hat angefangen, sein eigenes Leben zu leben. Mit dieser Kurzgeschichte möchte Siegfried Lenz verschiedene Dinge kritisieren. Zum einen kritisiert er den macht- und geldhungrigen Bunsen, der nur auf seinen Erfolg und das Geld, das er durch die Fotos verdient, fixiert ist und den Ausdruck des Kummers auf dem Gesicht des Erzählers mißachtet.
Zum anderen kritisiert er den Erzähler selber, der vor seinem Problem wegläuft, statt sich ihm zu stellen. Erst sehr spät (12 Jahre nach dem Krieg) merkt er, dass seine Vergangenheit sich nicht von selbst verarbeitet, sondern dass er sie anpacken und sich ihr stellen muss.
(Ein weiterer wichtiger Aspekt, den Siegfried Lenz darstellen möchte, ist vielleicht auch die Werbung und damit verbunden die Gutgläubigkeit und Rückgratlosigkeit der Konsumgesellschaft. Die Leute sehen nur ein verdrossenes Gesicht und einen Menschen, der ein „falsches“ Produkt kauft, und kaufen, ohne das Ganze zu hinterfragen, ein anderes.)
Am Aufbau der Geschichte kann man schrittweise die Auseinandersetzung des Erzählers mit dem Problem erkennen.
Im ersten Teil, der meiner Meinung nach bis Zeile 54 geht, verbindet er jedes Detail mit seiner Vergangenheit im Krieg, redet aber kaum davon.
Im zweiten Teil, der bis Zeile 109 geht, fängt er wahrscheinlich insgeheim an, darüber nachzudenken, da er einige schon erwähnte ironische Sätze sagt.
Erst im dritten Teil löst er sein Problem, dort befindet sich also der Höhe- und Wendepunkt der Geschichte.
Arbeit zitieren:
Claudia Roeder, 1999, Lenz, Sigfried - Mein verdrossenes Gesicht - Interpretation der Kurzgeschichte, München, GRIN Verlag GmbH
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