allem in ihrer Aussage „Den Tod sollt ihr mir geben, drum kam ich zu euch her.“ deutlich. Lore Lay erweckt Mitleid, sie erscheint schuldlos am Verderben der Männer. Sie wirkt wie gefangen in ihrem Schicksal, zumal sie ja nichts für ihre bezaubernde Gestalt kann.
Doch etwas anders stellt sich die Situation im „Waldgespräch“ von Eichendorff dar. Hier wird die Lore Lay als eine Art Waldhexe dargestellt. Deutlich zum Ausdruck kommt hier, wie sehr sie die Männer in ihren Bann ziehen kann. Der Mann im Wald ist sofort beeindruckt von ihr und will sie nach Hause begleiten, was man im Ausspruch „Du schöne Braut, ich führ dich heim!“ sehen kann. Auch hier wirkt die Lore Lay sehr „unschuldig“. Sie führt erneut an, dass ihr Herz gebrochen sei und warnt den Mann vor ihrer Person. Sie ist sich der Tatsache bewusst, dass sie den Mann ins Verderben stürzen wird, so versucht sie ihn zu einer Flucht zu bewegen. Doch dieser reagiert zu spät und die Lore Lay zeigt nun eine Wandlung in ihrer Person. Auf einmal wirkt sie dominant und auch etwas bösartig, was in der Aussage „Es ist schon spät, es wird schon kalt, kommst nimmermehr aus diesem Wald!“ zum Tragen kommt. Meiner Meinung nach zeigt sich hier doch, dass Lore Lay eine gespaltene Persönlichkeit besitzt. Es vollzieht sich ein Wechsel von der gutartigen Lore Lay, die den Mann vor dem Tod retten will und der Lore Lay, die das Schicksal des Mannes besiegelt und sich dessen auch bewusst ist.
Unterschiedlich im Gegensatz zu den Stücken von Brentano und Eichendorff ist die Ballade „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ von Heinrich Heine. Hier wird die Lore Lay als sehr eitle und wie auch in den ersten beiden Gedichten wunderschöne Frau dargestellt. Wie eine Sirene singt sie eine gewaltige Melodei, die Schiffer zur Unaufmerksamkeit „zwingt“ und sie somit in den Tod reißt. Ob dies Absicht der Lore Lay ist, geht nicht aus dem Handlungsverlauf hervor. Als Leser erscheinen die Balladen jedoch etwas zweideutig, da man aufgrund der differenzierten Darstellung doch nur erahnen kann, was für eine Person die Lore Lay wirklich ist. Entweder ist sie wirklich die bemitleidenswerte Frau, die nichts gegen ihre Unglückseligkeit tun kann oder sie ist eine Art Zauberin, die mit ihrer Schönheit die Männer ins Verderben stürzt, um Rache am männlichen Geschlecht zu nehmen, weil ihr geliebter sie betrog. Wie bereits angedeutet sind die Opfer der Lore Lay jeweils Männer. Sie sind von dem Aussehen der Frau so bezaubert, dass sie sich blindlings ins Unglück stürzen. Ob dies nur auf den männlichen Trieb oder doch auf eine Art Hexerei ausgehend von der Lore Lay zurückzuführen ist, ist unklar. Jedoch in allen 3 Gedichten sieht man klar, dass die Männer der Lore Lay nicht wiederstehen können und dem Schicksal quasi ausgeliefert sind. Wiederfinden tut man dies in Ausdrücken wie „Aus ihren Liebesbanden war keine Rettung mehr“ (Brentano), „Er schaut nur hinauf in die Höh“ (Heine) oder „Kommst nimmermehr aus diesem Wald“ (Eichendorff). Meiner Meinung nach soll das tragische Ende der Geschichten einen gewissen lehrreichen Effekt haben. Man soll nicht mehr einer Liebe hinterhertrauern, da es doch sehr viele Menschen auf der Welt gibt zu denen man ein engeres Verhältnis eingehen kann. Desweiteren könnte man auch als Kritikpunkt an den Männern sehen, dass sie ihre Aufmerksamkeit und ihren Verstand beim Anblick der Lore Lay ausschalten, sofern von der Lore Lay wirklich keine Art von Zauber ausgeht. In Eichendorffs und Brentanos Ballade spielt die Landschaft nur eine untergeordnete Rolle. Bei Brentano könnte man höchstens den Lore Lay Felsen als eine Art Motiv ansehen, das Symbol für die Sagengeschichte ist, da die Lore Lay sich ja auf diesem Felsen das Leben nahm. Selbst bei ihrem Selbstmord riss sie noch drei Ritter mit in den Tod. In Eichendorffs Werk nimmt der „düstere“ Wald den Platz des Felsens ein. Er schafft die dunkle Atmosphäre und ist in gewisser Weise auch Symbol für den bevorstehenden Tod des Mannes und das Hexendasein der Lore
Lay. Doch bei Heinrich Heines Ballade besitzt die Landschaft einen höheren Stellenwert. Der Rhein in Verbindung mit dem Berggipfel, verdeutlicht in der Redewendung „Und ruhig fließt der Rhein; der Gipfel des Berges funkelt im Abendsonnenschein“, verdeutlicht die Stimmung des lyrischen Ichs und rückt die Erscheinung der Lore Lay ins richtige Licht. Es unterstreicht die Atmosphäre der Geschehnisse, des Gesangs und der zauberhaften Erscheinung der Lore Lay, die ja in diesem Gedicht durchaus auch einen Geist darstellen könnte, wie es aus der Sage hervorgeht. Sie wird durch die Landschaft quasi wie ein göttliches Wesen dargestellt. Alle drei Balladen sind litereaturhistorisch in die Epoche der Romantik einzuordnen. Die 3 Schriftsteller griffen alle den alten Sagenstoff rund um die Geschichte der Lore Lay auf, was durchaus typisch für die Romantik ist. Der Stoff aller drei Balladen verinnerlichen Phantasie, Spuk und Wirklichkeit. Phantasie, weil sicherlich zumindest partiell einige Dinge erfunden sind; Spuk, weil besonders bei Eichendorff eine etwas mystische Atmosphäre zum Tragen kommt und Wirklichkeit, weil eigentlich in jeder Sage oder Legende ein Funken Wahrheit steckt. Gefühle spielen in der Romantik eine besondere Rolle. Dies spiegelt sich auch in den 3 Balladen wieder. Gefühlsmotive wie die Trauer oder der seelische Kummer der Lore Lay sind hierfür charakteristisch. Auch Lore Lays Sehnsucht nach dem Tod ist in gewisser Weise Motiv für die Romantik. In Eichendorffs Ballade „Waldgespräch“ erscheint indirekt noch ein weiteres Charakteristikum für die Romantik, nämlich das Nacht-Motiv. Für jeden, der Interesse an der Thematik rundum die schönste Jungfrau Lore Lay hat, ist auch in der Gegenwart noch ein Realitätsbezug vorhanden. Der 132m hohe, sagenumwobene Lore Lay Felsen, der fast senkrecht am rechten Rheinufer aufsteigt ist auch noch heute bei St. Goarshausen in Rheinland-Pfalz zu besichtigen.
Arbeit zitieren:
Marco Blume, 2001, Eichendorff, Freiherr Joseph von - Waldgespräch - Vergleich mit Heinrich Heine "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" und Clemens Brentano "Lore Lay" - Vergleichende Balladeninterpretation, München, GRIN Verlag GmbH
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