Phase 1: Importsubstitution (1950-1962)
Die erheblichen materiellen Kriegsschäden und der Abzug des japanischen Know-hows hinterließen Lücken, die erst wieder geschlossen werden konnten, als die nationalistische Kuomintang 1949 gegen die von Mao Tse-tung angeführten Kommunisten unterlag und sich vom Festland auf die vorgelagerte Insel zurückzog. In ihrem Gefolge wanderten zwei Millionen Angehörige des Militärs und der Eliten der chinesischen Republik nach Taiwan ein. 6 Um ihre Position im Innern zu sichern und gleichzeitig die Voraussetzung für die
Abwehr einer kommunistischen Invasion zu schaffen, führte die Kuomintang ein autoritäres Herrschaftssystem ein und begann umgehend mit einer wirtschaftlichen Modernisierung. Kernpunkte ihres Programms waren eine Landreform zur Stärkung der Agrarbasis, die Abkoppelung der Wirtschaft von der Abwärtsspirale des Festlands durch eine Währungsreform sowie der Aufbau einer verarbeitenden Industrie durch Substitution von entsprechenden Importen. 7 Umfangreiche amerikanische Wirtschaftshilfen stützten diesen
Durch Rationalisierungsmaßnahmen und den Übergang zu höherwertigen Produkten (Spargel, Champignons, Gemüsemais, Blumen) konnten in der Landwirtschaft hohe Exporterlöse erzielt werden, die von staatlicher Seite abgeschöpft und ebenso wie der Arbeitskräfteüberschuß in den Aufbau der Industrie umgelenkt werden konnten. Wie Japan entschied sich Taiwan in dieser Phase für eine Förderung der arbeitsintensiven Leichtindustrie (Textilien) und die Substitution bestehender Importe durch eigene Produktion. Diese Wahl hatte den Vorteil, daß ein entsprechender Inlandsmarkt bereits existierte und die junge einheimische Industrie durch protektionistische Maßnahmen vor ausländischer Konkurrenz geschützt werden konnte. Sie ist jedoch keinesfalls zwingend, wie ein Blick auf das Festland zeigt. Aus ideologischen Gründen entschied sich die Volksrepublik zur gleichen Zeit für das sowjetische Entwicklungsmodell und konzentrierte sich auf die Förderung der Schwerindustrie, die zwar, wie beabsichtigt, ein Proletariat entstehen ließ, aber schon bald in die Katastrophe des "Großen Sprungs" führte. 8
Obwohl im Rückblick erfolgreich, waren die Landreform und der autoritär gelenkte Umbau der Wirtschaft radikale Maßnahmen, die erheblich in die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse und Eigentumsrechte eingriffen. 9 Wie im Japan des 19. Jahrhunderts waren sie nur möglich, weil die Regierung nicht nur um das eigene Überleben, sondern auch gegen die Bedrohung durch einen übermächtigen äußeren Feind kämpfte. In dieser Ausnahmesituation konnte sie sich mit dem Hinweis auf ein übergeordnetes nationales Interesse über Partikularinteressen hinwegsetzen und überdies an die Opferbereitschaft der Bevölkerung appellieren.
Phase 2: Exportorientierung (1962-1970)
Nach der Sättigung des begrenzten Binnenmarkts konnte das Wirtschaftswachstum nur durch Export der Produktionsüberschüsse aufrecht erhalten werden. In den 60er Jahren änderte die taiwanische Regierung daher ihre bisherige protektionistische Politik und begann, den Außenhandel zu liberalisieren. Durch Steuererleichterungen und Kredithilfen wurde die Ansiedlung von Exportunternehmen gezielt gefördert. 10 Von herausragender Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Einrichtung der Exportverarbeitungszone Kaohsiung im Jahr 1966, die ausländischen Unternehmen ohne Zollbeschränkungen die Fertigung von Exportprodukten aus importierten Rohstoffen gestattete. Indem es so seine gut ausgebildeten, aber dennoch billigen Arbeitskräfte auf dem Weltmarkt anbot, schlug Taiwan Kapital aus
seinem wichtigsten komparativen Vorteil und entwickelte sich rasch zu einem attraktiven Investitionsstandort. Trotz des Verzichts auf Zolleinnahmen spülten die Löhne der Exportarbeiter Devisen ins Land, und das wachsende Engagement ausländischer Unternehmen förderte den Technologietransfer. Als Folge dieser Entwicklung kletterte das Wirtschaftswachstum auf 10% pro Jahr, und der Produktionswert der Industrie überstieg im Jahr 1962 erstmals den des Agrarsektors. 11 Das fortgesetzte Wirtschaftswachstum bot ein
Ventil für die weiter steigende Bevölkerungszahl und sorgte für den Wohlstand breiter Schichten.
Phase 3: Aufbau kapitalintensiver Industrien (1970-1981)
Der Ausschluß aus den Vereinten Nationen 1970 zu Gunsten der Volksrepublik China brachte Taiwan in eine drohende außenpolitische Isolation und machte den Aufbau einer eigenständigen Schwer- und Rüstungsindustrie unumgänglich. Die beiden Ölkrisen von 1973/74 und 1979 forcierten diese Entwicklung, da sie die Abhängigkeit der bestehenden Wirtschaftszweige von importierten Rohstoffen und Energieträgern deutlich vor Augen geführt hatten. Exogene Krisen bedingten so eine Revision der bisherigen Konzentration auf die arbeitsintensive Leichtindustrie und erzwangen statt dessen die Errichtung einer kapitalintensiven Schwerindustrie, die aus den Erlösen des Exportgeschäfts finanziert wurde. 12
Durch eine Reihe staatlicher Investitionsprogramme, namentlich die sogenannten "Zwölf Großprogramme", leitete die Regierung den Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur ein. Stahlwerke, petrochemische Anlagen, Atomkraftwerke, Häfen, Werften, Flughäfen und die Nord-Süd-Autobahn entstanden in dieser Zeit, zudem wurde die Eisenbahn elektrifiziert. Diese zweite Importsubstitution auf dem Gebiet der Schwerindustrie führte vorübergehend zu einer stark erhöhten Staatsquote bei den Investitionen und protektionistischen Tendenzen.
Phase 4: Technologieorientierung (seit 1981)
Durch die endgültige Ausschöpfung des hohen Arbeitskräfteüberschusses und die zunehmende Konkurrenz südostasiatischer Billiglohnländer drohte Taiwan seit den 70er Jahren seine Wettbewerbsfähigkeit als Standort arbeitsintensiver Industrien zu verlieren. 13 Ökonomische Gründe zwangen die Regierung daher zu einem erneuten Strukturwandel, der mit einer Prüfung der taiwanischen Wettbewerbsfähigkeit in zukunftsorientierten Schlüsselindustrien begann. Die darauf folgende Förderung der technologieintensiven Elektronik- und Computerindustrie geschah daher keinesfalls zufällig, sondern war das Ergebnis einer bewußten politischen Entscheidung. Wie in den vorausgegangenen Phasen wurden staatliche Anschubfinanzierungen aus dem Exportgeschäft zum Aufbau eines alsbald selbsttragenden Wachstumsprozesses eingesetzt. Die Errichtung des Technologieparks Hsinchu im Jahr 1981 stellt einen Meilenstein auf diesem Weg dar und ist in seiner Ausstrahlungskraft mit der der Exportverarbeitungszone Kaohsiung in den 60er Jahren vergleichbar. Die gezielte staatliche Förderung der Hochtechnologiebranche verschafften diesem jungen Industriezweig einen wichtigen internationalen Startvorteil und ließ Taiwan zu einem Weltmarktführer für Computerhardware aufsteigen. Mit Hilfe der Exportgewinne wurden staatliche Wirtschaftsprogramme zur Verbesserung von Bildung, Sozialwesen und Infrastruktur finanziert, um die Innovationskräfte zu fördern und den wirtschaftlichen Erfolg langfristig zu sichern. Während Taiwan sich so endgültig als moderner Industriestaat etablierte, wurde die arbeitsintensive Produktion zunehmend in südostasiatische Billiglohnländer und auf das chinesische Festland verlegt. 14
Fazit
Trotz abweichender externer Rahmenbedingungen in verschiedenen historischen Epochen zeichnet sich die Industrialisierung Japans und Taiwans durch das Durchlaufen der gleichen Entwicklungsphasen aus, so daß man tatsächlich von einem japanischen Modell sprechen kann. Die im Vergleich erheblich beschleunigte Entwicklung Taiwans ist dabei vor allem auf die zu Beginn der Modernisierung bereits vorhandenen Import- und Exportkanäle sowie den weitgehend entwickelten einheimischen Markt für industrielle Verbrauchsgüter zurückzuführen, jedoch spielt auch die hohe Wirtschaftshilfe seitens der USA während der frühen Phasen eine wichtige Rolle. 15 Ein auffälliger Unterschied zwischen beiden Ländern zeigt sich darin, daß Taiwan anders als Japan und Südkorea vorwiegend auf Kleinbetriebe statt auf monopolistische Großkonzerne (zaibatsu, chaebol) setzte. Dieser Unterschied betrifft jedoch lediglich ein Detail der Implementierung und impliziert keine Abweichung in der Steuerung des Ressourcenflusses zwischen verschiedenen volkswirtschaftlichen Sektoren oder dem Ziel der jeweiligen Entwicklungsphasen, namentlich der Importsubstitution und der nachfolgenden Exportorientierung. Während sich Klein- und Mittelbetriebe wegen ihrer geringeren Ressourcen schwerer international platzieren können, trug ihre große Flexibilität auf der anderen Seite aber entscheidend dazu bei, daß Taiwan am Ende der 90er Jahre sehr viel weniger von den negativen Auswirkungen der Asienkrise betroffen war als Südkorea und Japan. 16
Anhang
Vergleichende schematische Darstellung der Entwicklungsphasen von Taiwan, Südkorea und Taiwan (Fei et al. (1985), S. 38).
Literaturliste
• Fei, John C. H.; Ohkawa, Kazushi; Ranis, Gustav (1985): Economic Development in Historical Perspective: Japan, Korea, and Taiwan, in: Ohkawa, Kazushi; Ranis, Gustav (Hrsg.): Japan and the Developing Countries, Oxford, S. 35-64.
• Halbeisen, Hermann (2000): Die chinesische Republik zwischen Modernisierung und Bürgerkrieg: 1911 bis 1949, in: Herrmann-Pillath, Carsten; Lackner, Michael (Hrsg.): Länderbericht China, Bonn, S. 135-153.
• Herrmann-Pillath, Carsten (2000): Wettbewerb der Systeme und wirtschaftliche Entwicklung im chinesischen Kulturraum, in: Herrmann-Pillath, Carsten; Lackner, Michael (Hrsg.): Länderbericht China, Bonn, S. 261-277.
• Laumer, Helmut (1977): Japans wirtschaftliche Verflechtung mit Südostasien (Mitteilungen des Instituts für Asienkunde, Nr. 83), Hamburg.
• Yu Tzong-shian (1999): Taiwan im Wandel: Wirtschaft, Taipei.
1 Fei, John C. H.; Ohkawa, Kazushi; Ranis, Gustav (1985): Economic Development in Historical Perspective: Japan, Korea, and Taiwan, in: Ohkawa, Kazushi; Ranis, Gustav (Hrsg.): Japan and the Developing Countries, Oxford, S. 37.
2 Herrmann-Pillath, Carsten (2000): Wettbewerb der Systeme und wirtschaftliche Entwicklung im chinesischen Kulturraum, in: Herrmann-Pillath, Carsten; Lackner, Michael (Hrsg.): Länderbericht China, Bonn, S. 265. 3 Laumer, Helmut (1977): Japans wirtschaftliche Verflechtung mit Südostasien (Mitteilungen des Instituts für Asienkunde, Nr. 83), Hamburg, S. 15. 4 Ebenda, S. 18. 5 Ebenda, S. 19.
6 Halbeis en, Hermann (2000): Die chinesische Republik zwischen Modernisierung und Bürgerkrieg: 1911 bis
1949, in: Herrmann-Pillath, Carsten Lackner, Michael (Hrsg.): Länderbericht China, Bonn, S. 152.
7 Laumer (1977), S. 22.
8 Herrmann-Pillath (2000), S. 266.
9 Ebenda, S. 269.
10 Ebenda, S. 270.
11 Yu Tzong-shian (1999): Taiwan im Wandel: Wirtschaft, Taipei, S. 7.
12 Ebenda, S. 8.
13 Ebenda, S. 10.
14 Herrmann-Pillath (2000), S. 275.
15 Fei et al. (1985), S. 53.
16 Yu Tzong-shian (1999), S 18
Arbeit zitieren:
Arno Schindlmayr, 2001, Die wirtschaftliche Entwicklung Taiwans, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Taiwan, der andere chinesische Weg. Die wirtschaftliche Entwicklung Ta...
Geowissenschaften / Geographie - Geographie als Schulfach
Facharbeit (Schule), 21 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Arno Schindlmayr hat den Text Die wirtschaftliche Entwicklung Taiwans veröffentlicht
Arno Schindlmayr hat einen neuen Text hochgeladen
Wirtschaftliche Entwicklung und Innovationsfinanzierung in China seit ...
Eine systemisch-konstruktivist...
Minhui Ou
Institutionen, Transaktionskosten und wirtschaftliche Entwicklung
Ein Beitrag zur Neuen Institut...
Horst Löchel
0 Kommentare