2.4 Nulltempus Präteritum. 10
3 Das Präteritum in der erzählenden Rede 12
3.1 Das epische Präteritum 12
3.1.1 Fiktive Ich-Origines. 14
3.1.2 Das Präteritum in den literarischen Genres Beispiel Zukunftsroman 15
3.2 Synopsis 16
3.3 Strukturzwang 18
4 Temporale Bezugspunktsetzung. 20
4.1 Das Präteritum ein Vergangenheitstempus? 20
4.2 Temporale Bezugspunkte 21
Exkurs : Sprechzeit, Aktzeit und Betrachtzeit 22
4.3 Die Transformationsregel 23
5 Resümee 25
6 Bibliographie 27
2
Keine Zeitstufe und kein Zeitpunkt ist dem erzählenden Tempus Präteritum unerreichbar. Harald Weinrich
1 Einleitung
In seinem 1964 erschienen Buch TEMPUS: BESPROCHENE UND ERZÄHLTE WELT entwickelt Harald Weinrich eine Tempustheorie mit dem Anspruch, die sprachliche Bedeutung der Tempora neu zu erfassen, und - soweit es in einem solchen Werk möglich ist - verbindlich zu definieren. Eine der zentralen Thesen dieser Veröffentlichung ist die Feststellung, die Tempora leisteten keinen Zeitverweis. Bestandteile dieses theoretischen Konstrukts sind die Behauptungen, das Tempussystem ließe sich nach der Ausdrucksintention des Sprechers in zwei Tempusgruppen gliedern, und beide dieser Tem- 1 pusgruppen enthielten jeweils eine Nullstelle . In diesem Zusammenhang steht auch die Annahme, beim Präteritum handele es sich um ein solches Nulltempus.
Insgesamt hat Weinrich mit seiner Tempustheorie eine kontroverse Diskussion ausgelöst. Trotz der
2 vorliegen, die zumindest in einigen Punkten versuchen, Tatsache, daß inzwischen Publikationen
Weinrichs Thesen zu widerlegen und von diesem auch rezipiert werden, bleibt er dennoch in der zweiten, völlig neu bearbeiteten Auflage seines Buches der von ihm aufgestellten Tempustheorie in allen 3 wesentlichen Punkten treu .
Diese Arbeit ist nun Weinrichs These vom Präteritum als Nulltempus der erzählten Welt gewidmet. Nach einer kurzen Einführung in die diese Arbeit betreffenden Punkte der weinrichschen Tempustheorie werden dann verschiedene Beispiele, mit denen er seine Ausführungen zu beweisen sucht, kritisch reflektiert und wo nötig auf ihre Stichhaltigkeit überprüft. Hierbei soll die Arbeit möglichst eng am Ausgangstext bleiben; es ist nicht Ziel, konkurrierende Theorien aufeinanderprallen zu lassen, sondern diejenige, die Gegenstand unserer Untersuchung ist, an sich selbst, ihren Vorbildern und den Beispielen, die sie anführt, zu messen.
Zum Schluß soll noch auf die Temporale Bezugspunktsetzung eingegangen werden. Es ist zwar unmöglich, im Rahmen dieser Arbeit den verschiedenen Veröffentlichungen, welche den temporaldeiktischen Charakter der grammatischen Zeiten zum Thema haben, auch nur im Ansatz gerecht zu werden. Trotzdem erscheint ein kurzer Abriß solcher Positionen nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.
1 Vgl. Weinrich (1964).
2 So z.B. Wunderlich (1970) und Beugel/Suida (1968). 3 Vgl. Weinrich ( 2 1972).
3
2 Besprechen vs. Erzählen; Harald Weinrichs Neuordnung des Tempussystems
2.1 Tempus und Zeit
Die Aufgabe der grammatischen Tempora besteht nach der landläufigen Meinung darin, zeitliche Zusammenhänge in der realen, dinglichen Welt zu beschreiben. Im indoeuropäischen Kulturraum herrscht die Vorstellung von Zeit als ein lineares Kontinuum. Von einem räumlichen und zeitlichen Betrachterstandpunkt aus kann entlang eines Zeitstroms in die Vergangenheit und in die Zukunft geblickt werden:
Vergangenheit ← Ich - hier - Jetzt - Origo →Zukunft 4
Die Unterscheidung zwischen den drei Abschnitten auf der Zeitachse ist nicht zwangsläufig, sondern nur ein mögliches Beschreibungsmodell, dem ein bestimmtes Verständnis von Zeit vorangeht. Bünting weist darauf hin, daß durchaus andere Vorstellungen von Zeit möglich sind: „Die Zeit wird in anderen Sprachen auf andere Weise kategorisiert als in den drei Kontrasten Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft. Man findet Dichotomien Gegenwart und Nicht-Gegenwart (ohne Angabe einer ‚Richtung’), Vergangenheit und Nicht-Vergangenheit (inklusive Zukunft), oder aber Gegenwart, zeitlich nahe zur Gegenwart
5 oder zeitlich weit entfernt von der Gegenwart usw.“
Um die Verhältnisse verschiedener Zeitpunkte zueinander zu signalisieren, stehen also eine Reihe grammatischer Tempora zur Verfügung: im Deutschen basiert das grammatische Tempussystem auf dem der Lateinischen Grammatik. Auch der Nachweis, daß „die zeitliche Aufeinanderfolge von Ereignissen [...] zum Teil vom Betrachter“ abhänge, und „nicht in jedem Fall und in vollem Umfang zwi-
6 sei,kann (bzw. konnte) nur die seit der Antike geltende Vorstellung, schen den Ereignissen selbst“
die Zeit sei absolut, erschüttern. Zwar ist das Gedankengebäude, aus dem auch unser Tempussystem gebildet wurde, eingerissen worden; die Tempusmorpheme und die damit verbundenen Vorstellungen von Zeitverhältnissen waren aber auch nötig, um eine neue Idee von Zeit formulieren zu können. 7 können folgende Zeitreferenzen geleistet werden: Vorver-Durch entsprechende Flexion des Verbs
gangenheit - Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft - vollendete Zukunft. Die Anwendung des lateinischen Tempussystems auf die deutsche Sprache ist allerdings nicht ganz unproblematisch, so daß man „gut daran [tut], die lateinischen Bezeichnungen als reine Namen zu verstehen, die nur wenig 8 über die jeweiligen Funktionen der einzelnen Tempusformen aussagen.“
An dieser Stelle muß also festgestellt werden, daß erstens die Zeit keine absolute Größe ist, und daß zweitens die Tempora wohl Zeitverhältnisse ausdrücken, nicht aber mit der Zeit gleichgesetzt werden können.
4 Der Begriff der „Origo des Jetzt-Hier-Ich-Systems“ führt Käte Hamburger auf K. Brügmann (K. Brügmann: Die Demonstrativpronomina der indogermanischen Sprachen. Leipzig 1904.) und K. Bühler: (K. Bühler: Sprachtheorie. Jena
1934.) zurück. (Hamburger 3 1977, S. 62).
5 Bünting ( 14 1993) S. 111f.
6 Russel (1969) S. 38.
7 Zeitreferenzen können auch mit Hilfe von Zeitadverbien oder auf der syntaktischen Ebene realisiert werden. Hier soll es aber vor allem um die ‚absoluten Tempora‘ (Bünting/Eichler 5 1994, S. 104ff) gehen. 8 Duden 4 ( 6 1998) S. 146.
4
2.2 Sprechhaltung
Harald Weinrich schreibt den Tempora die Funktion zu, in erster Linie Informationen über die Sprechhaltung, d.h. der Ausdrucksintention des Sprechers, zu geben. Hierbei unterscheidet er zwischen den Signalwerten ‚Besprechen‘ und ‚Erzählen‘. Infolgedessen teilt er die Tempusmorpheme am Beispiel des Französischen in die beiden Gruppen der besprechenden (Tempus-Gruppe I) und der erzählenden (Tempus-Gruppe II) Tempora ein: 9 Besprechende Tempora Erzählende Tempora
Présent Futur
Die Tempora haben hier die Rolle von ‚obstinaten Zeichen‘: da üblicherweise in jedem Satz (mindestens) eine finite Verbform und somit ein Tempusmorphem vorkommt, folgert Weinrich: „Hochgradige Rekurrenzwerte wie diese, also etwa in der Frequenz eines Zeichens pro Druckzeile, bezeichne ich im folgenden - mit einem an der Musikterminologie angelehnten begriff - als Obstination. Ich rechne also die Tempusmorpheme zu den obstinaten
10 Zeichen.“
Im Gegensatz zu diesen bezeichnet er solche Zeitangaben wie Daten und Zeitadverbien (die Weinrich zufolge anders als die Tempora natürlich zeitreferenziell sind) zu den ‚nicht-obstinaten‘ Zeichen. Die obstinaten Tempusmorpheme haben also demgegenüber die Aufgabe, über die Sprechhaltung Aufschluß zu geben:
„Mir scheint nun, daß die Signalwerte des Besprechens und des Erzählens, die den obstinat wiederkehrenden Tempus-Morphemen als Strukturmerkmal inhärent sind, dem Sprecher die Möglichkeit geben, den Hörer in der Rezeption eines Textes in bestimmter
11 Weise zu beeinflussen und zu steuern.“
mit dem Ziel:
„Der Sprecher gibt nämlich durch die Verwendung besprechender Tempora zu erkennen, daß er beim Hörer für den laufenden Text eine Rezeption in der Haltung der Gespanntheit für angebracht hält. Durch erzählende Tempora gibt er in Opposition dazu zu verstehen, daß der in Frage stehende Text im Modus der Entspanntheit aufgenommen werden
12 kann.“
Wenn nun aber die Tempora nicht zum Ausdruck von Zeitverhältnissen dienen, sondern nur den Rezeptionsmodus des Hörers steuern sollen, liegt die Schlußfolgerung nahe, die ständige Wiederkehr der Tempusmorpheme sei eigentlich redundant, da im Grunde ein einleitendes Tempusmorphem Aufschluß genug über die Sprechhaltung geben müsse. Dem hält Weinrich entgegen, daß es sich hierbei nicht um eine simple Wiederholung des Immergleichen handelt:
„In diesem Sinne läßt sich die Obstination der Kategorie Tempus vor dem Prinzip der Ökonomie rechtfertigen. Denn es ist natürlich für die Ökonomie der Geisteskräfte nicht un- 9 Weinrich( 5 1994) S. 57.
10
Weinrich (
5
1994) S. 14.
11
Weinrich (
5
1994) S. 33.
12
Weinrich (
5
1994) S. 33.
erheblich, ob sie bei jeder sprachlichen Kommunikation ihre volle Konzentration entfalten müssen (»Alarmstufe I«) oder ob sie bisweilen die Konzentration lockern dürfen (»Alarmstufe II«). Das zu wissen, ist auf Schritt und Tritt nützlich. Die obstinate Setzung von Tempusformen ist also nur scheinbar eine unökonomische Verschwendung und dient in
13 Wirklichkeit nur einer höherrangigen Ökonomie.“
Die Trennung zwischen den Tempuskategorien (Weinrich spricht von ‚Tempus-Welten‘) ‚Besprechen‘ und ‚Erzählen‘ möchte dieser als eine klare ‚Strukturgrenze‘ verstanden wissen. Diese Strukturgrenze äußert sich folgendermaßen, daß „in den meisten mündlichen oder schriftlichen Texten [...] eindeutig jeweils eine Tempusgruppe“ überwiegt:
„Es bestätigt sich die ziemlich eindeutige Dominanz entweder der Tempus-Gruppe I oder der Tempus-Gruppe II. Es dominieren die besprechenden Tempora in der Lyrik, im Drama, im Dialog allgemein, im literarkritischen Essay, in der wissenschaftlichen und philosophischen Prosa. Die erzählende Tempus- Gruppe dominiert in der Novelle, im Roman und in jeder Art von Erzählung, ausgenommen in den eingeblendeten Dialog-Partien. Das Ergebnis dürfte aber gleichzeitig eine Extrapolation von den literarischen Gattungen
14 auf Typen von Sprechsituationen hin zulassen.“
Die beiden Sprechhaltungen lassen sich also weitgehend bestimmten ‚Sprechsituationen‘ zuordnen: 15 Besprochene Welt Erzählte Welt
Leitartikel Testament wiss. Referat pilosoph. Essay
etc.
Diese These versucht Weinrich mit umfangreichen statistischen Untersuchungen deutscher, französischer und spanischer Texte zu untermauern und für die verschiedensten Sprachen verbindlich nachzuweisen. Es ist Weinrich zufolge also so, daß sich in besprechenden und erzählenden Texten jeweils vornehmlich besprechende bzw. erzählende Tempora finden lassen. Im Umkehrschluß kann man einen besprechenden oder erzählenden Text denn auch an den in ihm vorkommenden Tempus-morphemen identifizieren. Die einmal eingenommene Sprechhaltung wird im Laufe eines Textes 16 grundsätzlich beibehalten, die Strukturgrenze also nicht überschritten . Dennoch lassen sich allein
17 unzählige Beispiele dafür finden, daß Wechsel in der Sprechhaltung schon in der schönen Literatur
durchaus möglich und sogar die Praxis sind, ohne daß etwa ein Roman, in dem zwei Sätze lang besprechende Tempora Verwendung fänden, dann aufhörte der erzählten Welt anzugehören: „Die Dummheit hat ihr Sublimes so gut als der Verstand, und wer darin bis zum Absurden gehen kann, hat das Erhabne in dieser Art erreicht, welches für gescheite Leute immer eine Quelle von Vergnügen ist. Die Abderiten hatten das Glück, im Besitz dieser Voll- 18 kommenheit zu sein.“
13 Weinrich ( 5 1994) S. 37.
14 Weinrich ( 5 1994) S. 42. 15 Vgl. Souissi (1982) S. 41.
16 In diesem Zusammenhang stehen auch Weinrichs Überlegungen zur ‚Consecutio temporum‘. Siehe: Weinrich (1964) S. 31ff.
17 Von anderen Texten wie z.B. der mündlichen Rede ganz zu schweigen. 18 Chr. M. Wieland: GESCHICHTE DER ABDERITEN. S. 183.
6
Ein solcher Wechsel von besprechenden zu erzählenden Tempora (oder umgekehrt) interpretiert Weinrich allerdings weder als Widerspruch zu seinen strukturalistischen Überlegungen noch als sprachliche Unrichtigkeit:
„Diese Mischung widerspricht nicht dem Gesagten, sondern erlaubt gerade, die Grund-
19 funktion der Tempora am konkreten Text zu beobachten.“
Gerade der ‚Strukturzwang‘ der Sprache macht es dem Autor erst möglich, über die bloße Wahl der Tempora (resp. Tempusgruppen) dem Zuhörer die entsprechenden Signale über die nötige Einstellung zu geben - und darin liegt auch die hohe dichterische Aussagekraft eines Wechsels der Sprechhaltung. Die in einem erzählenden Kontext eingebettete besprechende Passage erhält ihre Expressivität erst durch die Verbindlichkeit, die der Dichotomie der Tempuswelten innewohnt; ihre Auffälligkeit liest Weinrich als Bestätigung seiner Thesen.
2.3 Sprechperspektive
Wie schon oben erwähnt, enthält jede der beiden Tempusgruppen mehrere Tempora. Da es sich ja um zwei vollkommen voneinander unabhängige Systeme handeln soll, muß innerhalb beider die Möglichkeit gegeben sein, die Aufeinanderfolge von geschilderten Ereignissen zu markieren; hier führt Weinrich die Größen Textzeit und Aktzeit ein:
„Jede Tempus Form (oder jedes Sprachzeichen überhaupt) hat ein textuelles Vorher und Nachher. Besprechen und Erzählen verlaufen in der Zeit: der Textzeit. [...] Diese Textzeit ist klar zu unterscheiden von der Aktzeit, worunter man in Anlehnung an Dieter Wunderlich den Zeitpunkt des Kommunikationsinhalts versteht. Textzeit und Aktzeit fallen in per-formativer Rede zusammen, d.h. immer dann, wenn der Text selber Handlung ist. Jede Nicht-Synchronisierung von Textzeit und Aktzeit aber wird von den Tempora signali-
20 siert.“
21 ist für Weinrich keine Frage der Temporalität. Neben der Be-Das textuelle „Vorher und Nachher“
stimmung der Sprechhaltung bietet das Tempussystem dem Sprecher auch Unterscheidungen, die 22 Informationen können so durch die Wahl „eine Orientierung im Verhältnis zur Textzeit ermöglichen“.
der passenden Sprechperspektive entweder ‚vorweggenommen‘ oder ‚nachgeholt‘ werden. In ca. 80% 23 der Fälle , in denen ein Tempusmorphem verwendet wird, ist allerdings das Verhältnis von Text- und Aktzeit für den Sprecher nicht von Belang:
„Für den (verhältnismäßig häufigen) Fall, daß die Relation von Textzeit und Aktzeit problemlos ist oder, genauer gesagt, daß der Sprecher die Aufmerksamkeit des Hörers nicht auf das mögliche Problem eines Verhältnisses von Textzeit und Aktzeit lenken will, enthält sowohl die besprechende als auch die erzählende Tempus-Gruppe eine Null- 24 Stelle“
Diese ‚Nullstelle‘ wird in der Tempus-Gruppe I (besprechend) vom Präsens, in der Tempus-Gruppe II (erzählend) von Präteritum eingenommen.
19 Weinrich (1964) S. 65.
20 Souissi (1982) S. 27f. 21 Vgl. Weinrich ( 5 1994) S. 56. 22 Weinrich ( 5 1994) S. 57.
23 Vgl. Weinrich ( 5 1994) S. 59 und Weinrich (1993) S. 207.
7
Die Einteilung der einzelnen Tempora nach Sprechhaltung und Sprechperspektive läßt sich wie folgt 25 darstellen:
Wenn man die Tempora der besprochenen Welt für sich betrachtet, steht die Weinrichsche Ordnung 26 sehr nahe: das Präsens verhält sich zur Sprechzeit neutral, derjenigen der traditionellen Grammatik denn:
„ [...] die präsentische Proposition scheint keine Bedingungen an die zeitliche Relation zwischen der Sprechzeit und dem jeweiligen Betrachtzeitintervall zu stellen, jenes kann mit dieser identisch sein (bei t o - Verankerung) oder sie überlappen (‘ gegenwartsbezogenes’ Präsens im weiteren Sinne), ihr vorangehen (‘historisches’ Präsens) oder nachfol-
27 gen (‘futurisches’ Präsens).“
Die Tatsache, daß mit dem Präsens alle Zeitstufen ausgedrückt werden können, es also keine „kon- 28 hat,ist also durchaus mit der Vorstellung Weinrichs vom Präsens als textrestringierende Funktion“
einem Tempus, welches keinen temporalen Verweis (wenn nicht durch den Einsatz sog. nichtobstinater Zeichen) leistet, sondern nur Aufschluß über die Sprechhaltung bietet, durchaus in Einklang zu bringen. In diesem Zusammenhang weisen dann die Tempora Perfekt und Futur vorausgegangene 29 und kommende Ereignisse aus . Die Differenz zwischen einem Tempusmodell, welches die Tempora
als Zeitangaben in die drei Richtungen Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft versteht, und dem Weinrichs wird bei der Betrachtung der Tempusgruppe II deutlich. Die Nullstelle wird hier vom Präteritum 30 eingenommen . Zur Kenntlichmachung der ‚Rück-Perspektive‘ dient das Plusquamperfekt, und die
24 Weinrich ( 5 1994) S. 57.
25 Diese Darstellung ist im Wesentlichen von Harald Weinrich (Weinrich 1993, S. 208) übernommen worden, wurde aber für unsere Zwecke mit der Unterteilung in die Tempusgruppen und dem Konditional als vorwegnehmendes Tempus der erzählten Welt ergänzt.
26 Vgl. z.B. Duden 4. 27 Fabricius-Hansen (1986) S. 75. 28 Vgl. Fabricius-Hansen (1986).
29 Weitere Verwendungsmöglichkeiten von Perfekt und Futur sind an dieser Stelle bewußt beiseite gelassen worden. So kann sich das Perfekt z.B. auf in der Zukunft abgeschlossene Vorgänge beziehen (anstelle des Futur II), wie man mit dem Futur Vermutungen über die Gegenwart ausdrücken kann. Vgl. hierzu z.B. Duden 4.
30 Da Weinrich von Haus aus Romanist ist, hat er seine Tempustheorie im wesentlichen am Beispiel des Französischen entwickelt. Die Nullstelle der Erzählten Welt wird hier von zwei Tempora belegt: dem Imparfait und dem Passé simple. Auf die Unterscheidung dieser beiden Tempora (Weinrich zufolge dienen sie der Reliefgebung - siehe Weinrich 1964, S. 150ff) wollen wir nicht weiter eingehen. Es sei nur soviel vermerkt, daß das Passé simple, wiewohl in allen Romanischen Sprachen vorkommend, im Deutschen kein Pendant hat und gemeinhin mit dem Präteritum übersetzt wird. 8
‚Voraus-Perspektive‘ wird durch das Konditional gekennzeichnet. Die Hinzunahme des Konditional in das Tempussystem ist nach Weinrich unter folgender Voraussetzung möglich: „Das Conditionnel, bei dem wir alle Erinnerungen an Konditionalität und Modus überhaupt ablehnen wollen, leistet für die erzählende Rede das, was das Futur für die besprechende Rede leistet. Das gleiche gilt für das Verhältnis von Conditionnel II zu Futur
31 II.“
Die temporale Verwendung des Konditional läßt sich anhand fast beliebiger Beispiele einwandfrei nachweisen: 32 „Er hatte zu bedenken, wie er morgen auftreten würde“
Auffällig aber bleibt die Behauptung Weinrichs, das Präteritum leiste dasselbe wie das Präsens. Das Präteritum ist nach Weinrich (wie das Präsens) zeitlich neutral, denn: 33 „In der Tat kann man mit dem Präteritum alle Zeitstufen erreichen.“
Exkurs: Weinrichs Kommunikationsmodell
An dieser Stelle erscheint es dem Verfasser notwendig, eine kurze Exposition des weinrichschen Kommunikationsmodells einzufügen, mit dem Ziel, die oben beschriebenen Theorien wo nötig im Rückblick nachvollziehbar zu machen. Folgt man Weinrich, reguliert die Wahl der Sprechhaltung auf 34 die Einstellung (sowohl des Sprechers als auch des Lesers) zum Komder „Sprecher-Hörer-Achse“
munikationsinhalt. Dieser ist als lineare Zeichenkette auf der Achse des (mündlichen oder schriftli- 35 chen) Textverlaufs aufgereiht. Hierbei handelt es sich „natürlich“ um einen „Verlauf in der Zeit“ . Zur
36 ordnet Weinrich - streng die Dichotomie von aus der Literaturwissenschaft bekannten Erzählzeit
Besprechen und Erzählen wahrend - die Beobachtung, auch das Besprechen verbrauche natürlich Zeit; zusammenfassend spricht er folglich von der ‚Textzeit‘.
Da nun alle Informationen in dieser zeitlichen Reihenfolge (Weinrich spricht vom ‚Informations»Fluß«‘) liegen, gibt es notwendigerweise welche, die vor und solche die nach dem gegenwärtigen Sprechzeitpunkt geäußert werden. Daraus folgert Weinrich, daß „jedes sprachliche Zeichen im Text 37 hat. Im Gegensatz zur fortlaufenden Textzeit (bzw. [...] daher ein textuelles Vorher und Nachher“
dem Informationsfluß) ist die Rezeption derselben ein nichtlinearer Prozeß: „Es wäre jedoch falsch anzunehmen, daß der Linearität der Zeichenkette auch ein Lineares Ansteigen der Dekodierungsleistung des Hörers von Zeichen zu Zeichen entspräche. [...] Um ein Zeichen in der Zeichenkette genau zu verstehen, muß der Hörer immer wieder auf die Vorinformation zurückgreifen, oder auch im Modus der Erwartung auf kom-
38 mende Nachinformationen ausgreifen.“
Der Gebrauch der Tempora richtet sich nach Weinrich also nicht nach der - immer von der Ich-Origo des Sprechers aus betrachteten - chronologischen Aufeinanderfolge der zu erzählenden (oder zu
31 Weinrich ( 5 1994) S. 59.
32 Heinrich Mann: DER UNTERTAN. S. 303. 33 Weinrich ( 5 1994) S. 47. 34 Weinrich ( 5 1994) S. 56. 35 Weinrich ( 5 1994) S. 56. 36 Vgl. u.a. Stanzel ( 4 1989). 37 Weinrich ( 5 1994) S. 56. 38 Weinrich ( 5 1994) S. 56.
9
besprechenden) Ereignisse. Es ist vielmehr so, daß - je nach Sprechhaltung - ein Vorgang grundsätzlich im jeweiligen Neutraltempus besprochen bzw. erzählt wird.
Der Einsatz der übrigen Tempora hingegen findet nur dann statt, wenn der Sprechperspektive besonderes Interesse gebührt:
Auch die Sprechperspektive selbst hat nichts mit dem Verhältnis von Text- zu Aktzeit (träumen/gestern, begreifen/nun, handeln/morgen) zu tun; genauso hätte es auch heißen können: Gestern träumte Peter, nun begriff er und morgen handelte er. Es geht also nicht darum, durch die Wahl der Tempora auszudrücken, daß Peter zuerst träumte und dann begriff usw., sondern um mit Hilfe der Perspektive eine Akzentuierung im Sinne von: WEIL Peter nun begriff, daß er gestern nur geträumt hatte, würde er infolgedessen morgen partout handeln o.ä. zu geben. Ende des Exkurses
2.4 Nulltempus Präteritum
Die Rolle, die das Präteritum in seinem Tempussystem einnimmt, verdichtet Weinrich auf folgende Aussage:
„Das Präteritum ist insbesondere ein Tempus der erzählten Welt und trägt dem Hörer in dieser Klasseneigenschaft Informationen über die angemessene Sprechhaltung zu. In
39 diesem Sinne signalisiert es die Erzählsituation schlechthin“
Diese These versucht er im Laufe seines in TEMPUS geführten Diskurses an verschiedenen Beispielen zu verifizieren. In erster Linie konzentriert er sich hierbei auf das Vorkommen und den Gebrauch des Präteritums in zumeist literarischen Texten.
So zitiert er Thomas Mann, der wiederholt geäußert haben soll, das Imperfekt sei die „für eine Erzäh-
40
lung richtige Tempusform“ davon überzeugt, daß Tempora Zeitformen“ ZAUBERBERG, einem Roman der die Zeit als solche thematisiert, das Präteritum nicht einsetzt um etwa die zeitliche Distanz zum Geschehen (Weinrich stellt der Aussage Manns, das Imperfekt sei „die Zeit- 42 dieTatsache entgegen, daß zwischen dem Erscheinen (1924) und form der ‚tiefsten Vergangenheit‘“
dem Zeitraum der erzählten Handlung (1907 - 1914) nur wenige Jahre liegen) herzustellen, sondern um eine Distanz des ‚Weltverständnisses‘ auszudrücken:
„Diese Geschichte ist sehr lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit historischem Edelrost überzogen und unbedingt in der Zeitform der tiefsten Vergangenheit vorzutragen. [...] Sie ist viel älter als ihre Jahre, ihre Betagtheit ist nicht nach Tagen, das Alter, das auf
39 Weinrich ( 5 1994) S. 27.
40 Weinrich ( 5 1994) S. 24. 41 Weinrich ( 5 1994) S. 24.
42 Weinrich ( 5 1994) S. 24. Mann selbst nennt den Erzähler den „raunenden Beschwörer des Imperfekts.“ Thomas Mann: DER ZAUBERBERG. S. 9. 10
ihr liegt, nicht nach Sonnenläufen zu berechnen; mit einem Wort, sie verdankt den Grad ihres Vergangenseins nicht der Zeit - [...]
Um aber einen klaren Sachverhalt nicht künstlich zu verdunkeln: die hochgradige Verflossenheit unserer Geschichte rührt daher, daß sie vor einer gewissen, Leben und Be- 43 wußtsein tief zerklüffenden Wende und Grenze spielt...“
Hierin sieht er einen Nachweis dafür, daß letztendlich die metaphorische Bedeutung des Präteritums überwiegt. An einem weiteren Text Manns, dem Essay MEERFAHRT MIT DON QUIJOTE, demonstriert Weinrich, wie seiner Ansicht nach die Sprechhaltung je nach -Situation gewechselt wird; in diesem Essay erzählt Mann von einer Atlantiküberquerung während der er Cervantes‘ DON QUIJOTE liest. In die Erzählung fließen ständig Stellen ein, in denen Teile des DON QUIJOTE nacherzählt werden, und in denen das Grundtempus vom Präteritum ins Präsens wechselt. Das Präsens ist - da ja ein Text besprochen und nicht wiedergekäut werden soll - kennzeichnend für die Synopsis. Am Beispiel der MEERFAHRT MIT DON QUIJOTE läßt sich laut Weinrich nun besonders gut die Notwendigkeit, die Strukturgrenze der Tempuswelten (die in diesem Falle gleichbedeutend mit der Gattungsgrenze ist) zu respektieren, beobachten:
„Nur dadurch ist garantiert, daß auch in der »Erzählung« des Inhalts das Klima der besprechenden Situation aufrechterhalten wird und nicht vom Autor mühsam wiederherge-
44 stellt werden muß“
Ein anderes Beispiel für die nichttemporale Verwendung des Präteritums ist für Weinrich die Tatsa- 45 che, daß Zukunftsromane nicht im Futur sondern im Präteritum verfaßt sind . Ebenso - noch ein Indiz
- erwähnt Weinrich, daß auch Märchen, welche sich bekanntlich in den meisten Fällen zu keinem konkreten Zeitpunkt, weder in der Zukunft noch in der Vergangenheit, abspielen, ebenfalls durchgehend im Präteritum erzählt werden:
„Die Märchenwelt ist erzählte Welt par excellence. In keiner Erzählung werden wir weiter aus der alltäglichen Situation herausgetragen als im Märchen. Im Märchen ist alles anders als in der Alltagswelt. Daher markiert das Märchen auch deutlicher als alle anderen
46 Erzählungen die Grenze zwischen der erzählten Welt und der Alltagswelt“
Als weiteren Beleg für seine Thesen rund um die nichttemporale Funktion des Präteritums nennt Weinrich solche Sätze wie: 47 „Ich wollte einmal fragen...“,
die ja im Grunde ein aktuelles Bedürfnis ausdrücken. Diese Sätze identifiziert er als „Tempusmeta- 48 pher der Diskretion, Höflichkeit oder Zaghaftigkeit“
43 Thomas Mann: DER ZAUBERBERG. S. 9.
44
Weinrich (
5
1994) S. 45.
45
Vgl. Weinrich (
5
1994) S. 45.
46
Weinrich (
5
1994) S. 48.
47
Weinrich (1964) S. 115.
48
Weinrich (1964) S. 115.
3 Das Präteritum in der erzählenden Rede
3.1 Das ‚epische Präteritum‘
Die Bedeutung, welche die Tempora für die Ausdrucksintention des Sprechers haben, daß sie also nicht ausschließlich im temporaldeiktischen Zusammenhang Verwendung finden, sondern sehr wohl 49 auch metaphorische Aufgaben erfüllen, ist nicht erst von Weinrich erkannt und beschrieben worden. So geht z.B. schon Kayser in DAS SPRACHLICHE KUNSTWERK auf die ‚stilistische Bedeutung‘ der Tem- 50 verwen-pora ein. Er stellt fest, daß „als Erzählzeit [...] die germanischen Sprachen das Imperfekt“ den. Daraufhin untersucht er weitere in Erzähltexten vorkommende Tempora (er spricht von Zeitstu- 51 fen), und zeigt anhand mehrerer Beispiele , wie frei sich der Autor in Bezug auf die eigentliche Zeitre-
ferenz der Tempora bei ihrem dichterischen Einsatz bewegen kann. In diesem Zusammenhang ist bei Kayser von der Erzählhaltung die Rede, ein Begriff, der dem der Sprechhaltung, wie ihn Weinrich Jahre später einführen soll, in seiner Bedeutung schon sehr nahe ist, obwohl Kayser ansonsten der konventionellen Vorstellung von den Tempusmorphemen als Temporaldeiktika folgt. Eines der Beispiele, die Kayser in diesem Zusammenhang aufführt, ist mit Blick auf Weinrichs Tempustheorie besonders interessant; der - nach Aussage Kaysers von Sprachforschern ständig zitierte - Schluß von Goethes WERTHER:
„Man fürchtete für Lottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn beglei-
52 tet.“
Diesen Tempuswechsel kommentiert Kayser folgendermaßen:
„Der Erzähler entfernt sich (und den Leser) von dem Geschehen, indem er durch das
53 Perfekt die Erzähl- (bzw. Lese-) Gegenwart als eigenen Standpunkt wieder wachruft.“
Ein Fazit, das sich unschwer mit Blick auf Harald Weinrich als Wechsel der Sprechhaltung, und so- 54 mit als Tempusmetapher , verstehen ließe. Bei genauerer Betrachtung fällt aber auf, daß sich dieser Tempuswechsel auch mit der Theorie Käte Hamburgers über das ‚epische Präteritum‘ sinngebend interpretieren läßt: der Verlust des Präteritum zerstört den fiktionalen Rahmen, und läßt den Leser gleichsam vor einer - grausamen - Wirklichkeit erwachen.
Der maßgebliche Impuls zur Infragestellung des traditionellen Tempusverständnisses ging für Weinrich nach eigenen Angaben von den Veröffentlichungen Käte Hamburgers zum ‚epischen Präteritum‘ aus. Die Kernaussage, die sie in DIE LOGIK DER DICHTUNG über das Präteritum im fiktionalen Kontext entwickelt, besteht darin, das Präteritum verlöre in der Fiktion seine vergangenheitsaussagende Aufgabe. Diese - wie Weinrich zu berichten weiß seinerzeit äußerst provokante und umstrittene - These begründet sie damit,
49 Souissi bietet einen aufschlußreichen Überblick über die wichtigsten Vordenker Weinrichs. Vgl. Souissi (1982) S. 21ff. 50 Kayser ( 15 1971) S. 136.
51 Auf die im Einzelnen einzugehen zu weit führen würde. 52 Goethe: WERTHER. 53 Kayser ( 15 1971) S. 138. 54 Vgl. Weinrich ( 5 1994) S. 194.
12
„daß das Erzählte nicht auf eine reale Ich-Origo, sondern auf fiktive Ich-Origines bezogen, also eben fiktiv ist. Die epische Fiktion ist dichtungstheoretisch allein dadurch definiert, daß sie erstens keine reale Ich-Origo enthält und zweitens fiktive Ich-Origines enthalten muß, d.h. Bezugssysteme, die mit einem die Fiktion in irgendeiner Weise erlebenden realen Ich, dem Verfasser oder dem Leser, erkenntnistheoretisch und damit temporal
55 nichts zu tun haben.“
Daraus folgt, daß das Präteritum „seine eigentliche vergangenheitsausagende Funktion [verliert], 56 sobald die fiktiven Subjekte die Szene beherrschen.“
So wie die Tempusmorpheme verlieren auch die anderen Deiktika ihren Bezug zur realen Ich-Origo des Sprechers bzw. des Rezipienten:
„Die Struktur der Fiktion [ist] durch das Verschwinden der realen Ich-Origo (des Erzählers und Lesers) bedingt [...]. Denn eben in diesem Verschwinden erkannten wir den Grund für den Verlust der Vergangenheitsfunktion des Präteritums, zu welchem der Verlust der
57 deiktischen Funktion der Raum- und Zeitadverbien die parallele Erscheinung ist.“
Es sind also scheinbar absurde Sätze wie: „Heute, im rauhen Leben, brachten keine wackeren 58 möglich, woraus Hamburger folgert: Kommilitonen mehr einander ehrliche Schmisse bei“,
„Hier stoßen wir nun auf das objektive grammatische Symptom, daß das Imperfekt des fiktionalen Erzählens keine Vergangenheitsaussage ist: dies, daß die deiktischen Zeitad- 59 verbien mit dem Imperfekt verbunden werden können.“
Was im Hinblick auf Weinrichs Tempustheorie an den Ausführungen Hamburgers interessant ist, ist 60 nur für die Welt der die Tatsache, daß ihr zufolge diese Besonderheit des ‚epischen Präteritums‘ Fiktion gilt:
„Im Gegensatz zu Weinrich, der diese besondere Funktion des Präteritums innerhalb der fiktionalen Erzählung ausweitet auf die Bestimmung sämtlicher Gebrauchsweisen des Präteritums und Hamburger damit grundsätzlich mißversteht, betont Hamburger, daß ihre
61 Analyse nur auf den begrenzten Bereich der fiktional-erzählenden Dichtung zutreffe.“
So kommt es, daß Weinrich der Meinung ist, Käte Hamburger sei nicht etwa zu weit gegangen, 62 Der Unterschied zwischen Beiden „sondern daß sie im Gegenteil nicht weit genug gegangen ist.“
liegt darin, daß Weinrich aus den Studien Hamburgers schließt, das Präteritum habe grundsätzlich keine kontextrestringierende Funktion, während sie ihre Überlegungen mit dem Bewußtsein von einer 63 anstellt: prinzipiellen Zeitbezogenheit der Tempusmorpheme (insbesondere des Präteritums) „Das Präteritum einer Wirklichkeitsaussage bedeutet, daß das Berichtete vergangen ist,
64 oder, was dasselbe besagt, von einer Ich-Origo als vergangen gewußt ist.“
55 Hamburger ( 3 1977) S. 66f.
56 Hamburger (1978) S. 70. 57 Hamburger (1978) S. 76. 58 Heinrich Mann: DER UNTERTAN. S. 141. 59 Hamburger ( 3 1977) S. 65.
60 Wie auch des ‚historischen Präsens‘: „Die Fiktionalisierung, das als Jetzt und Hier der fiktiven Person dargestellte Geschehen vernichtet die temporale Bedeutung des Tempus, in dem eine erzählende Dichtung erzählt ist: die präteritive
des grammatischen Imperfekts, aber ebenso auch die präsentische des historischen Präsens.“ Hamburger ( 3 1977) S. 84.
61 Kroeger (1977) S. 174. 62 Weinrich ( 5 1994) S. 27.
63 Hierzu schreibt Kroeger: „Ermöglicht wird diese Verwendungsweise des Präteritums, auch nach den Überlegungen Hamburgers, erst durch den Charakter des Präteritums als ursprünglichen Vergangenheitstempus, das zwischen der Gegenwart des Sprechenden und der Vergangenheit des Erzählten einen zeitlichen Abstand herstellt und wahrt.“ Kroeger (1977) S. 175f.
64 Hamburger ( 3 1977) S. 64.
13
3.1.1 Fiktive Ich-Origines
65 leisten die Tempora eine von der Ich-Origo des Sprechenden Nach der traditionellen Auffassung
ausgehende Zeitreferenz. Dies wird bei Tagebüchern (wie im Übrigen auch bei Briefen), die ja bekanntlich meistens datiert sind, besonders deutlich:
„Das war eine Nacht! Wilhelm! nun überstehe ich alles. Ich werde sie nicht wiederse- 66 hen!“
Dieser Eintrag ist datiert auf den 10. September 1771. Mit der vergangenen Nacht, auf die im Präteritum hingewiesen wird, wird die Nacht vom 9. Auf den 10. September gemeint sein, ein Zeitpunkt, der auch aus der Sicht des Lesers in der Vergangenheit liegt. Im nächsten Satz wird aber eine Zeitangabe im Futur I gemacht, und aus dem Kontext läßt sich schließen, daß eine unmittelbar bevorstehende Zukunft gemeint ist. Aufgrund der über zweihundert Jahre, die zwischen der Gegenwart des Sprechers und unserer liegen, läßt sich eindeutig feststellen, daß der Zeitraum, der für den Sprecher Zukunft, für uns tiefste Vergangenheit ist. Hinzu kommt, daß es sich beim WERTHER um kein authentisches Tagebuch handelt, sondern um ein fiktives, und die zitierte Textstelle aus der zweiten Fassung von 1787 stammt. Wenn nun die Romanfigur Werther eine Aussage über ihre unmittelbare Zukunft macht, liegt diese aus der Sicht des Autors Goethe schon in dessen Vergangenheit. Der Zeitbezug geht hier also von der Origo der fiktiven Figur, und nicht von der des Autors aus. So kann ein Vorgang aus der unmittelbaren Gegenwart des Erzählers aus der Sicht des Lesers in seiner Vergangenheit oder in seiner Zukunft oder natürlich auch in seiner eigenen Gegenwart liegen, unabhängig davon, wann die Erzählung tatsächlich verfaßt wurde. Ein weiteres Beispiel für die Autonomie der fiktiven Ich-Origines bezüglich der Zeitgestaltung einer Erzählung findet sich in Italo Calvinos DER RITTER, DEN ES NICHT GAB: die Handlung der Erzählung spielt zur Zeit Karls des Großen, einer für uns weit zurückliegenden. Das Präteritum als Leittempus erscheint angesichts des historischen Stoffes mit der Ich-Origo des Autors durchaus in Einklang zu liegen. Im Laufe des Romans tritt dann aber eine Ich-Erzählerin, eine Nonne, auf, die sich als Erzählerin der Geschichte entpuppt und - im Präsens - Angaben über ihre gegenwärtige Situation macht: „Ich, 67 die ich diese Geschichte erzähle, bin Schwester Theodora“ . Zum Ende des Romans stellt sich
schließlich heraus, daß die von ihr geschilderten Ereignisse sich in ihrer unmittelbaren Vergangenheit abgespielt haben: “Ja, Buch: Schwester Theodora, die diese Geschichte erzählte, und die Kriegerin 68 Bradamante - sie sind beide dieselbe Frau“ , und macht schließlich eine Aussage - diesmal im Futur - 69 über ihre Zukunft: „Doch einmal wird das anders sein“ , die, da die Handlung sich ja zur Zeit Karls
des Großen abspielt, für den Autor und den Leser bereits fernste Vergangenheit ist.
65 In diesem Zusammenhang ist auch Käte Hamburger dieser Meinung.
66 Goethe: WERTHER. S. 96.
67 Italo Calvino: DER RITTER, DEN ES NICHT GAB. S. 33. 68 Italo Calvino: DER RITTER, DEN ES NICHT GAB. S. 132. 69 Italo Calvino: DER RITTER, DEN ES NICHT GAB. S. 132.
14
3.1.2 Das Präteritum in den literarischen Genres; Beispiel Zukunftsroman
Betrachtet man Zukunftsromane, so stellt man fest, daß diese im allgemeinen im Präteritum geschrieben sind. Ein prägnantes Beispiel hierfür ist George Orwells NINETEEN EIGHTY-FOUR. Die erste Zeile des Romans lautet: 70 „It was a bright cold day in April, and the clocks were striking thirteen.“
Hier wird im Präteritum von einem Apriltag im Jahre 1984 gesprochen, einem Zeitpunkt, der zur Zeit der Ersterscheinung 1949 in der Zukunft lag, für uns, 1999, allerdings schon Vergangenheit ist. Trotzdem bleibt diese Geschichte Orwells, obwohl im Präteritum von einem für uns vergangenen Zeitraum erzählend, auch heute noch ein Zukunftsroman. Weinrich macht die Beobachtung, daß es innerhalb 71 vollkommen unerheblich ist, zu welcher Zeit sich das Geschilderte Gedes Genres ‚Zukunftsroman‘
schehen abspielt, ob es Jahre oder Jahrtausende in der Zukunft liegt; entscheidend ist für ihn die Tat- 72 DieSchlußfolgerung, die er daraus zieht, sache, daß kein Zukunftsroman im Futur geschrieben ist.
ist naheliegend: der Zukunftsroman handelt von - der Zukunft. Das Tempus, welches nach dem herkömmlichen Verständnis zum Ausdruck des Zukünftigen vorgesehen ist, ist das Futur. Da nun allerdings Zukunftsromane im Präteritum geschrieben sind, sieht Weinrich hierin einen Nachweis, daß die Tempora keine Zeitreferenz leisten; es geht um ZukunftsROMANE, dem Prinzip der Sprechhaltung nach ist also das Präteritum als Erzähltempus das einzig angebrachte. Er hat natürlich Recht, wenn er Zukunftsromane als Erzähltexte klassifiziert. Seine Argumentation allerdings ist so aufgebaut, daß er 73 über eine mögliche, wünschenswerte, wahrscheinliche sie behandelt, als seien es Prophezeiungen
oder sonstwie auf uns zukommende Zukunft. Was Weinrich übergeht, ist die von Käte Hamburger (auf die er sich ja bezieht) so ausdrücklich betonte Tatsache, daß es im fiktionalen Zusammenhang eine von der des Autors losgelöste fiktive Ich-Origo gibt:
„Zukunftsromane sind, wie Weinrich richtig feststellt, im Präteritum geschrieben. Damit will er seine These von der Zeitlosigkeit der Tempora erhärten. Er übersieht dabei, dass der Erzähler in diesen und ähnlichen Textarten einen Standpunkt einnimmt, der nach dem Ablauf des Vorgangs zu situieren ist. Die Zukunft wird ihm dann zur Vergangenheit. Der Erzähler ist ja nur deshalb allwissend, weil er den Blick über das Ganze als Zurück- 74 liegendes hat.“
Davon ausgehend, das Präteritum wirke in der deutschen Sprache tatsächlich zeitreferenziell, kann man also diesen scheinbaren (und im Nachhinein geradezu konstruiert wirkenden) Widerspruch, wie 75 Weinrich ihn anführt, mühelos und kohärent auflösen.
„Im fiktionalen Zusammenhang verliert die wirkliche Sprechzeit, da sowieso nicht von der wirklichen Welt die Rede ist, ihren Vorrang als festen Bezugspunkt. So kommt es, daß Erzählungen, deren zeitlicher Bezugsrahmen nach der faktischen Sprechzeit - der Zeit, zu der die Erzählung zum ersten Mal erzählt, zu der sie geschrieben oder verfaßt wurde -
70 Orwell:NINETEEN EIGHTY-FOUR. S. 5.
71 Der im Folgenden eventuell etwas ermüdend häufige Gebrauch des Begriffs Zukunftsroman sei damit entschuldigt, daß es die in diesem Zusammenhang unmißverständlichste Bezeichnung (anders als solche Synonyme wie z.B. Science Fiktion) für dieses Genre ist.
72 Vgl. Weinrich ( 5 1994) S. 48.
73 Die bekanntlich sehr wohl im Futur stehen: „Du willst dein Leben für mich lassen. Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Der Hahn wird nicht krähen bis du mich dreimal verleugnet hast.“ (Johannes, 13/38)
74 Souissi (1982) S. 82.
75 Nach dem gleichen Argumentationsschema läßt sich auch die Ausführung Weinrichs über die Märchenwelt als ‚erzählte Welt par excellence‘, worin er genauso meint, die Zeitlosigkeit des Präteritums zu demonstrieren, hinterfragen. 15
liegt, die sich also im Zukunftsbereich der eigentlichen Sprechzeit abspielen, im Präteri- 76 tum abgefaßt sein können [...].“
3.2 Synopsis
Anhand der Synopsis versucht Weinrich stellvertretend für eine Reihe von Textsorten, welche er der Besprochenen Welt zuordnet (Drehbuchangaben, literarische Entwürfe etc.), dem Präsens als Leittempus der Tempus-Gruppe I dieselbe Nichtzeitlichkeit nachzuweisen wie dem Präteritum. Daß die Synopsis als solche ein besprechender Text ist, steht für Weinrich zweifelsfrei fest: „Eine Inhaltszusammenfassung ist kein Reader’s Digest. Er [der Verfasser] will vielmehr das Werk besprechen, oder anderen die Möglichkeit geben, es ohne Behinderung durch
77 Lücken im Gedächtnis zu besprechen.“
Anhand des oben erwähnten Essays Manns, der MEERFAHRT MIT ›DON QUIJOTE‹, versucht Weinrich am Wechsel zwischen der eigentlichen Erzählung (Meerfahrt) und der Besprechung (Reflexion über die Lektüre des DON QUIJOTE) den Unterschied zwischen Erzählung und Synopsis, zwischen erzählter und besprochener Welt besonders zu veranschaulichen. Was Weinrich allerdings nicht explizit erwähnt, ist die Tatsache, daß nicht nur die synoptischen Passagen und gelegentliche besprechende Kommentare, sondern auch ein Großteil des eigentlichen Erzähltextes im Präsens geschrieben ist. Noch auffallender ist die Tatsache, daß Mann - auf der Reise - Vergangenes zu berichten nicht die Sprechhaltung beibehält, sondern zwischen Perfekt und Präteritum changiert: „“Ich gedachte heute morgen der Verse, die Tonio Kröger nicht fertig zu schmieden wußte, da sein Herz lebte.
Zu den Symptomen der Seekrankheit niederen Grades muß man die Schläfrigkeit, ja Schlafsucht der ersten Tage rechnen. [...]
Im ›Don Quijote‹ habe ich gestern nachmittags und abends im Blauen Salon manches gelesen und will jetzt im Deckstuhl, einer Transposition von Hans Castorps vorzüglichem Liegestuhl ins andere Extrem, damit fortfahren. Welch ein eigentümliches Monument!seiner Zeit unterworfen im Geschmack, mehr als seine gegen diesen Geschmack gerich-
78 tete Satire es wahrhaben möchte...“
Von der Frage nach den beiden Tempora Perfekt und Präteritum (und ihrer in diesem Text offensichtlichen Zeitbezogenheit) abgesehen, wird das Präsens in zwei (das - besprechende - Präsens der allgemeinen Gültigkeit mitgerechnet eigentlich drei) verschiedenen Kontexten verwendet. Das Beispiel ist sicherlich etwas unglücklich gewählt, bedenkt man, daß es Weinrich im Grunde ja darum geht, den Unterschied zwischen besprechender und erzählender Sprechhaltung zu demonstrieren. Dennoch läßt sich die Frage nach den verschiedenen Verwendungsweisen des Präteritums in diesem Text mit den Begrifflichkeiten Hamburgers lösen. In den Passagen, die von der Seereise selbst handeln, ist 79 das Grundtempus das ‚historische Präsens‘ , welches Weinrich als Tempusmetapher für das Erzähl- 80 Sobaldaber die Rede von der Reiselektüre, dem DON QUIJOTE, ist, tempus Präteritum Klassifiziert.
76 Fabricius-Hansen (1986) S. 73f.
77 Weinrich ( 5 1994) S. 44. 78 Thomas Mann: MEERFAHRT MIT ›DON QUIJOTE‹. S. 434. 79 Vgl. Hamburger ( 3 1977) S. 84. 80 Vgl. hierzu: Fricke (1996) S. 146.
16
findet das ‚synoptische Präsens‘ Verwendung, welches Hamburger als „atemporales Präsens über 81 bezeichnet. seiend Ideelles“
Bis hierher läßt sich alles mit der weinrichschen Ordnung der Sprechhaltungen und dazugehörigen Tempusgruppen in Einklang bringen. Auch Stanzel bedient sich Weinrichs Modell der Dichotomie der Tempuswelten, um in seinen Ausführungen über die Synopsis die Opposition zwischen mittelbarer 82 zu veranschaulichen: Erzählung und unmittelbarem Referat
„In einer Inhaltsangabe wird also nicht erzählt, sondern es wird konstatiert, etwas sachlich-allgemein Existierendes hingestellt, es wird der Stoff referiert, oder wie Weinrich sagt,
83 ‚besprochen‘.“
Im Gegensatz zu Weinrich, der bekanntlich von einer festen Strukturgrenze zwischen den Sprechhaltungen ausgeht, macht Stanzel die Einschränkung, daß in der Synopsis eine durchgehend besprechende Einstellung nicht immer eingehalten werden kann:
„Besonders aufschlußreich sind in dieser Hinsicht jene Passagen eines Erzähltextes, die einer solchen Reduktion [auf die reine Inhaltsangabe] den größten Widerstand entgegensetzen, wo also die Synopsis gezwungen ist, sich selber aufzugeben und zur Nacherzäh-
84 lung zu werden.“
Ferner erwähnt Stanzel die Problematik, die beim Umgang mit Zeitadverbien in der Synopsis auftritt. Für Weinrich verhält es sich so, daß „die Inhaltsangabe eines (erzählenden) Werkes dessen Erzähl- 85 tempora in der Regel in besprechende Tempora übersetzt“ , und diese - wenn es darum geht, den
‚erzählenden Charakter‘ eines Werks ‚mitzuresümieren‘ - mit erzählenden Temporaladverbien (am Tage zuvor, am heutigen Tag, am nächsten Tag etc.) kombiniert werden können; eine „gewisse Ambi- 86 valenz, die - zusammen mit anderen Merkmalen - konstitutiv für die »Gattung« Inhaltsangabe ist.“ Stanzel hingegen ist der Meinung, es sei naheliegend, dieses Phänomen „als ein Eindringen von Er- 87 zählelementen in die Inhaltsangabe zu betrachten“ , und hält es für ratsam, Weinrichs Ansichten in 88 diesem Punkt „noch einmal zu überprüfen.“
Diesen Widerspruch zu klären kann und soll hier nicht unser Ziel sein. Um die Problematik, die mit der Frage nach der temporalen Gestaltung (und der damit verbundenen Frage nach der Verbindlichkeit von Gattungsgrenzen) in der Synopsis zu illustrieren, sei an dieser Stelle ein Textauszug über Dürrenmatts DER RICHTER UND SEIN HENKER aus der METZLER-LITERATUR-CHRONIK angeführt: „Der junge Polizist Schmied ist ermordet worden. Mit der Aufklärung der Tat betreut Bärlach Schmieds Kollegen Tschanz, den Mörder, doch nicht um diesen der irdischen Gerechtigkeit zuzuführen, sondern um ihn als Werkzeug, als »Henker« seines alten Gegners Gastmann zu benutzen, mit dem er einst eine Wette geschlossen hatte: Bärlach hatte behauptet, die menschliche Unvollkommenheit, die Unmöglichkeit, die Handlungsweise anderer vorauszusagen und der Zufall führten zwangsläufig die Aufklärung der meisten Verbrechen herbei, während Gastmann dagegenhielt, daß »gerade die Verworrenheit der menschlichen Beziehungen es möglich mache, Verbrechen zu begehen, die nicht erkannt werden könnten«. Da es ihm nie gelungen war, Gastmann zu überführen, bedient
89 sich Bärlach nun der Manipulation,...“
81 Hamburger ( 3 1977) S. 92.
82 Vgl. Stanzel (1989) S. 40ff. 83 Stanzel (1989) S. 43 84 Stanzel (1989) S. 40. 85 Weinrich ( 5 1994) S. 229. 86 Weinrich ( 5 1994) S. 229. 87 Stanzel (1989) S. 48. 88 Stanzel (1989) S. 48. 89 Meid (1993) S. 618.
17
3.3 Strukturzwang
Seine Ansichten über eine klare Strukturgrenze zwischen den Tempuswelten versucht Weinrich auch statistisch zu untermauern. Zu diesem Zweck führt er eigene Untersuchungen durch und bringt 90 auch Forschungsergebnisse anderer vor . Neben das Französische und das Spanische betreffende
Untersuchungen nennt Weinrich für die deutsche Sprache die Statistiken Lindgrens, in denen er seine Theorie bestätigt sieht:
„Lindgren hat nun in den Novellen den Bericht des Erzählers von den Dialog-Partien getrennt. Es ergeben sich folgende Zahlen für den Bericht des Erzählers:
Tempus-Gruppe I Tempus-Gruppe II
In den Dialog-Partien ist folgende Distribution festzustellen
Tempus-Gruppe I Tempus-Gruppe II
Auch hier ist das Ergebnis eindeutig und von Lindgren (im Rahmen einer anderen Theorie) richtig interpretiert worden. Im Erzähltext dominiert eindeutig die Tempus-Gruppe der erzählten Welt, im Dialog dominiert ebenso eindeutig die Tempus-Gruppe der bespro- 91 chenen Welt.“
Doch gerade an dieser Stelle, an der Weinrich versucht, mit scheinbar harten Fakten die Richtigkeit seiner Überlegungen zu beweisen, tun sich Widersprüche auf. Bei näherer Betrachtung fällt auf, daß Weinrich einen etwas kreativen Umgang mit dem ihm zur Verfügung stehenden Datenmaterial an den 92 Tag legt. Ulrike Hauser-Suida und Gabriele Hoppe-Beugel haben sich in DIE VERGANGENHEITSTEMPORA IN DER DEUTSCHEN GESCHRIEBENEN SPRACHE DER GEGENWART dieser Sache angenommen, und Weinrichs Interpretation der lindgrenschen Statistiken überprüft; ihr Ergebnis zeugt von einer in diesem Punkt nicht ganz einwandfreien Methode Weinrichs: „Weinrichs Darstellung ist nicht nur unpräzis, sondern verkehrt zum Teil die Aussagen Lindgrens; denn Tempus-gruppen im Sinne Weinrichs lassen sich an der Statistik Lindgrens nicht ablesen. Vielmehr widersprechen gerade Lindgrens statistische Ergeb- 93 nisse dem streng binären System Weinrichs.“
Hauser-Suida/Hoppe-Beugel demonstrieren, daß die Verzerrung von Lindgrens Statistik bedingt ist durch Weinrichs Schritt, einfach alle gezählten Tempusmorpheme in die Tempusgruppen I und II zusammenzufassen. So kommt es zu dieser frappierenden Dominanz der besprechenden Tempora in der dialogischen Rede allein dadurch, daß den größten Anteil aller Tempusmorpheme die Präsens-formen (58%) ausmachen. Nimmt man diese jedoch beiseite, und betrachtet nur das Vorkommen von 94 Perfekt und Präteritum, so ist das Verhältnis 13% zu 9%, also ein recht gleichgewichtiges. Diese Ergebnisse werden von Hauser-Suida/Hoppe-Beugel in einer eigenen statistischen Untersuchung bestätigt:
„Die Verteilung der Vergangenheitstempora gestaltet sich weit differenzierter, als Weinrich dies mit seiner groben Gliederung in zwei konträre Tempusgruppen darstellt:
90 Bernard, Claude: kein Titel angegeben. Paris: 1966.; Bull, W. E.: Modern Spanish Verb-Form Frequencies. Hispania 30, 1947.; Lindgren, Kai B.: Über den oberdeutschen Präteritumschwund. Helsinki: 1957.
91 Weinrich ( 5 1994) S. 41. 92 Vgl. Kroeger (1977) S. 170. 93 Hauser-Suida/Hoppe-Beugel (1972) S. 81.
94
Vgl. Hauser-Suida/Hoppe-Beugel (1972) S. 81. Ähnlich auch Kroeger: „Darüber hinaus ist aber zu berücksichtigen, daß das Präteritum im Gegensatz zu Weinrichs rigoroser Zuordnung ausschließlich zur ‚erzählten Welt‘ auch im Dialog und damit in der Tempusgruppe der ‚besprochenen Welt‘ fast die Hälfte aller Vergangenheitsformen einnimmt.“ Kroeger (1977) S. 170f.
nicht hinreichend auseinandergesetzt, da es seiner Tempustheorie nach ja nicht um eine Frage der Verteilung von Perfekt- und Präteritumformen gehen kann. Dies hieße nämlich, das besprechende Rückschautempus Perfekt mit dem zeitlich neutralen Nulltempus der erzählten Welt, dem Präteritum, gleichzustellen. Ob ein Text besprechender oder erzählender Natur ist, läßt sich nur an einem Vergleich der Verteilung der äquivalenten Tempora aus den beiden Tempusgruppen feststellen. So stünden in der Statistik Lindgrens 58% Präsensformen zu 9% Präteritumformen und 13% Perfektformen zum „aber sehr selten“
aber zur Erhärtung der weinrichschen Standpunkte dienen, wird angesichts dessen Nonchalance im Umgangs mit der Materie schwer zu beantworten sein. Zum Beweis für das Bestehen eines Strukturzwangs in der Sprache läßt sich ein solches statistisches Verfahren jedenfalls schwer sinnbringend einsetzen; es zeigt sich - und zwar in allen dem Verfasser direkt oder indirekt vorliegenden Untersuchungen zu diesem Thema - kein einziges Mal eine hundertprozentige Dominanz einer Tempusgruppe. Wodurch das Auftreten von der dominierenden Gruppe nicht zugehörigen Tempora motiviert ist, aus ‚metaphorischen‘ Gründen oder solchen der ‚sprachlichen Richtigkeit‘ etwa, kann im Rahmen statistischer Arbeit nicht geklärt werden.
95 Hauser-Suida/Hoppe-Beugel (1972) S. 84.
96 Hauser-Suida/Hoppe-Beugel (1972) S. 85. 97 Hauser-Suida/Hoppe-Beugel (1972) S. 84. 98 Hauser-Suida/Hoppe-Beugel (1972) S. 81.
4 Temporale Bezugspunktsetzung
4.1 Das Präteritum ein Vergangenheitstempus?
99 hat die all-Weinrichs vehement vertretenen Ansicht über die zeitliche Neutralität des Präteritums gemein Verbreitete Ansicht, Tempus habe etwas mit Zeit zu tun, nicht verdrängen können: „In der Tempusliteratur hat man dem Präteritum mitunter den Vergangenheitsbezug als primäre Funktion absprechen und es in erster Linie als sog. Erzähltempus ohne eigentli-
100 Diesheißt seine Verwendung in Texten/Diskursen chen Zeitbezug verstehen wollen.
mit Wirklichkeitsbezug aus seinem Gebrauch in fiktionalen Zusammenhängen abzuleiten, was m.E. methodisch wenig sinnvoll sein dürfte; niemand würde wohl etwa dem übertragenen oder metaphorischen Gebrauch eines Wortes Priorität gegenüber seiner konkreten
101 Bedeutung zusprechen.“
Dennoch ist zu beobachten, daß die Ausführungen Weinrichs die Diskussion um die Tempora und ihre Funktion nachhaltig beeinflußt haben. Zwar ist Weinrich nicht der erste, der versucht hat, die of- 102 Erhat aber mit dem Modell der Temfensichtlichen Besonderheiten des Präteritums zu erklären. pusregister Besprechen und Erzählen ein anschauliches Bild entwickelt: „Die Ereigniszeit oder eine Zustandszeit werden durch das Präteritum in einer Zeit, der Vergangenheit, eingeordnet, die von der Äußerungszeit - allgemeiner: der Gegenwart oder Nichtvergangenheit - konzeptuell getrennt ist. Aus diesem Grund ist das Präteritum als neutrales, distanziertes Erzähltempus für zurückliegende Situationen bevorzugt (vgl. Weinrichs nichttemorale Unterscheidung zwischen der erzählenden Funktion von Präteri-
103 tum und der ‚besprechenden‘ Funktion von Präsens-Perfekt, WEINRICH 1964).“
So hat sich die Ansicht, beim Präteritum handele es sich um - vorsichtig ausgedrückt - ein sprachliches Instrument, mit dem man einen Vorgang, der sich vor dem Augenblick des Sprechens ereignet hat, wiedergeben kann, behauptet:
„Es liegt auf der Hand, daß der echte Vergangenheitsbereich die ‘Domäne’ des Präteritums ist: Als zeitlicher Bezugsrahmen präterialer Sätze dient, wenn wir zunächst von der sog. Erlebten Rede absehen, immer eine Menge von relativ zur Sprechzeit echt vergan- 104 gener Intervalle.“
Auch Fälle des Präteritumgebrauchs, wie Weinrich sie zur Erhärtung seiner These von der Zeitlosig- 105 keit des Präteritums anführt , lassen sich vor dem Hintergrund, das Präteritum als Vergangenheitstempus zu wissen, schlüssig erklären:
99 Kroeger ist sogar der Ansicht, Weinrich ginge die Frage nach dem Verhältnis zwischen Tempus und Zeit nicht wirklich nach: „Solange aber die Weinrich’schen Kategorien nur dazu dienen, auf der Sprachbeschreibungsebene die traditionellen grammatischen Termini durch neue zu ersetzen, solange stößt auch dieses strukturalistischtextlinguistische Verfahren auf dieselben engen Grenzen, die jeder sich auf die Sprachstrukturen beschränkenden Analyse gesetzt sind.“ Kroeger (1977) S. 86.
100 “So vor allem Weinrich (1964/71) und im Anschluß daran etwa Kluge (1969). Vgl. Die folgende Stelle aus Weinrich (1971:86): ‘In Opposition zur Tempus-Gruppe I, einschließlich des Rückschau-Tempus Perfekt sind das Präteritum und die anderen Tempora der Gruppe II also Signal dafür, daß eine Erzählung vorliegt. Ihre Aufgabe ist nicht, zu melden, daß Vergangenheit vorliegt.’
Vgl. kritisch dazu auch Souissi (1982).“ (Fabricius-Hansen 1986 S. 72 - Fußnote)
101 Fabricius-Hansen (1986) S. 72. 102 So z.B. Käte Hamburger. 103 Herweg (1990) S. 165. 104 Fabricius-Hansen (1986) S. 65. 105 Vgl. z.B. Kap. 2.4.
20
„Die Tatsache, daß die Sprechzeit selber außerhalb ihres echten Zeitintevalls liegt, so daß alle Teilintervalle der Vergangenheit in gleicher Weise auf sie bezogen sind, läßt sie gewissermaßen als einen Punkt ‘außerhalb der Zeit’ erscheinen, von dem aus das ganze Intervall und die Geschichte der Proposition in ihm zu überschauen sind. Von solch einem Punkt aus hat auch die Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Zukunft keinen Sinn mehr, gibt es keine Vergangenheit oder Zukunft, sondern nur das ganze einschlägi-
106 ge Intervall“
So kommt es, daß Weinrich knapp dreissig Jahre nach Erscheinen von TEMPUS, seine Ansichten wenn nicht revidiert, so doch ein wenig relativiert:
„Das Präteritum ist vielfach, aber keineswegs immer, ein »Vergangenheitstempus«. Man erzählt zwar meistens Vergangenes, vor allem im Alltag, und auch die Nachrichten der Medien informieren vielfach über Vergangenes, zumal Jüngstvergangenes. Dennoch ist die Charakterisierung des Präteritums als »Vergangenheitstempus« inadäquat und allen-
107 falls akzidentiell zutreffend,“
4.2 Temporale Bezugspunkte
Die Ausgangsbasis aller Überlegungen zur temporalen Deixis der grammatischen Zeiten bildet immer eine Vorstellung analog zu Bühlers Ich - hier - Jetzt - Origo:
Ausgehend davon, stellt Wunderlich fest:
„Alle sogenannten absoluten Tempora und eine Anzahl von Zeitbestimmungen wie bald, in zwei Wochen usw. müssen als temporaldeiktische Ausdrücke verstanden werden. Sie beziehen sich auf die Gegenwart eines möglichen Sprechers, d.h. auf die Zeit des
109 Sprechaktes.“
Im Bezug auf das Tempus Präteritum hieße das:
„Das Prät. wird in historischen Aussagen, Berichten, Erzählungen (auch in fiktiven Erzählungen) verwendet, allgemein in allen jenen Aussagen, für die t a [Aktzeit] vor t s [Sprech-
zeit] gilt. Das ist unabhängig davon, ob der zeitliche Abstand von t a und t s groß und klein
110 ist.“
Um die zeitlichen Verhältnisse, welche durch die Tempora zum Ausdruck gebracht werden, zu kennzeichnen, entwirft Reichenbach ein System, welches zwischen der Sprechzeit (S) - der Origo des Sprechers -, der Ereigniszeit (E) - dem Zeitpunkt, an dem das geschilderte Ereignis stattfindet - und der Referenzzeit (R) - der Zeit auf die referiert wird - unterscheidet:
106 Fabricius-Hansen (1986) S. 72.
107 Weinrich (1993) S. 220.
108
Gelhaus/Latzel (1974) S. 282.
109
Wunderlich (1970) S. 32.
110
Wunderlich (1970) S. 139.
Präsens
Futur
Präteritum
Präs.-Pf
Prät.-Pf
Fut.-Pf
112 Diese Aufteilung Reichenbachs wird kontrovers diskutiert , veranschaulicht aber dennoch auf sehr
greifbare Weise, wie die einzelnen Tempora zu t o in Beziehung stehen (können). Bäuerle zieht den Schluß: 113 „Tempora sind Deiktika, sie verweisen unweigerlich auf t o , auf die Äußerungszeit“.
Der Standpunkt, bei den Tempora handele es sich in jedem Falle um Deiktika, zieht nicht unweigerlich die Konsequenz nach sich, ein Tempusmorphem leiste immer eine direkte Zeitreferenz. Es ist also nicht so, „daß durch ein Tempusmorphem in jedem Satz und in jedem Gebrauch, in dem es vorkommt, eine Zeitrelation ausgedrückt wird, vielmehr nur, daß normalerweise eine Zeitrelation 114 ausgedrückt wird.“
Exkurs: Sprechzeit, Aktzeit und Betrachtzeit
Die drei Zeitparameter Sprechzeit, Ereigniszeit und Referenzzeit werden von Eichler/Bünting unter den Begriffen Sprechzeit (S), Aktzeit (E) und Betrachtzeit (R) für die deutsche Sprache eingeführt. Bäuerle belegt diese Begriffe folgendermaßen:
Aktzeit:
Bei Bünting/Eichler ist aber nur die Sprechzeit identisch. Mit
Aktzeit
bezeichnen sie die „objektiv-
116
reale Zeit der Handlung“ nimmt und von der aus er den Akt sprachlich betrachtet“ wendung dieser Begriffe bei Reichenbach bespricht Bäuerle an folgendem Beispiel:
111 Herweg (1990) S. 116.
112
So z. B. bei Bäuerle (1979) und Herweg (1990).
113
Bäuerle (1979) S. 13.
114
Wunderlich (1970) S. 24.
115
Bäuerle (1979) S. 47.
116
Eichler/Bünting (
5
1994) S. 102.
117
Eichler/Bünting (
5
1994) S. 102.
118 „Gestern war ich in der Stadt einkaufen.“
‚Gestern‘ markiert nach Eichler/Bünting die Aktzeit, während es für Reichenbach die Betrachtzeit darstellt. Was bei Eichler/Bünting die Betrachtzeit ist, versucht Reichenbach dann mit einem geson- 119 zufassen. Die Unterschiedliche Auslegung dieser Terderten Begriff, dem des „point of reference“
mini erklärt Bäuerle damit, daß Eichler/Bünting „allzu schematisch auf Intervalle“ eingehen, „während 120 Reichenbach ja Zeitpunkte verwendet.“
Wer in dieser Frage die brauchbareren Begriffdefinitionen anbietet, kann hier nicht erörtert werden. Dem Verfasser erscheint es dennoch wichtig, auf diese Divergenz aufmerksam zu machen, zumal diese Begriffe im Laufe der eigenen Arbeit schon gefallen sind. Ende des Exkurses
4.3 Die Transformationsregel
Prätoriale Sätze ohne ‚Vergangenheitskontext‘, wie ich wollte einmal fragen, scheinen mit der Vorstellung von einem temporaldeiktischen Präteritum in keiner Weise in Einklang zu bringen zu sein. Wunderlich entwickelt die ‚Transformationsregel', und startet einen Versuch, diesen augenscheinlichen Widerspruch aufzulösen. So erklärt er die Sätze „Wer erhielt das Bier?“
und:
121 „Was gab es eigentlich morgen im Theater? - morgen gab es den Faust.“
folgendermaßen: Sie
„müssen als Transforme verstanden werden. Für die idiosynkratisch begrenzten Beispiele sind entsprechend idiosynkratische Ellipsentransformationen anzunehmen, etwa von der Art:
Wer bestellte ein Bier? ich habe hier ein Bier. Wer erhält das Bier? ⇒ wer erhielt das Bier?
(das Merkmal für Prät. im ersten Satz kontaminiert mit dem letzten Satz) oder
Wer wollte, daß er ein Bier erhält? ich habe hier das Bier ⇒ wer erhielt das Bier?“ 122
123 wäre auch der Satz Nach der „Tranformationsregel“ „Morgen gab es den Faust im Theater“
zurückzuführen auf:
„[morgen gibt es den Faust im Theater] S wurde bekanntgegeben“
oder auf:
118 Bäuerle (1979) S. 47.
119 Bäuerle (1979) S. 47. 120 Bäuerle (1979) S. 47. 121 Wunderlich (1970) S. 139f. 122 Wunderlich (1970) S. 139f. 123 Vgl. Wunderlich (1970).
23
„Ich
Hierzu bemerkt Wunderlich:
Der jeweils eingebettete Satz ist semantisch völlig korrekt; eine Transformation kontaminiert den eingebetteten Satz mit dem Tempusmerkmal des Matrixsatzes. Welche Bedingungen im einzelnen für den Matrixsatz gelten müssen, ist mir nicht ganz klar; jedenfalls aber muß der Matrixsatz ein verbum dicendi enthalten oder ein Verb, das eine kom-
125 munikative Rezeption beschreibt (wie hör, les).“
Gegen diesen Erklärungsversuch geht Weinrich in der zweiten Auflage (Wunderlichs TEMPUS UND ZEITREFERENZ ist zwischen dem Erscheinen der ersten und dem der zweiten überarbeiteten Auflage von Weinrichs TEMPUS erschienen) von TEMPUS entschieden vor. Dabei zieht er die Grundgedanken 126 gewonnenen Wunderlichs kein bißchen in Betracht, sondern stellt seine, an „wirklichen Texten“ 127 Erkenntnisse in Opposition zu den unter ‚Laborbedingungen‘ erworbenen Wunderlichs :
„Nun besteht kein Zweifel, daß der Linguist dadurch, daß er sein Beobachtungsmaterial verändert - oder einfacher - gar kein authentisches Beobachtungsmaterial zuläßt, jede beliebige Theorie verteidigen kann. Aber sind Theorien eigentlich Selbstzweck? Stehen
128 sie nur im Dienste der Lust an funktionierenden Operationen?“
124 Wunderlich (1970) S. 139.
125 Wunderlich (1970) S. 140. 126 Weinrich ( 5 1994) S. 241. 127 Vgl. Gelhaus/Latzel (1974) S. 293. 128 Weinrich ( 5 1994) S. 241.
24
5 Resümee
Viele wichtige Aspekte zum in dieser Arbeit diskutierten Thema haben nicht angemessen diskutiert oder zumindest angesprochen werden können. So sind Bestandteile der Tempustheorie Weinrichs wie die Reliefgebung, die Tempus-Kombinatorik, die Consecutio temporum etc. gänzlich unerwähnt geblieben.
Dennoch glaubt der Verfasser genug Hinweise zusammengetragen zu haben, um feststellen zu 129 können, daß Weinrichs Tempustheorie einer kritischen Überprüfung nicht nur insgesamt , sondern
auch in der uns speziell beschäftigenden Frage nicht standhält. Es hat sich herausgestellt, daß letztendlich jemand wie Käte Hamburger, der von Weinrich vorgeworfen wird, nicht ‚weit genug zu gehen‘, mit der klaren Eingrenzung ihrer Theorie über das ‚epische Präteritum‘ (welches ohne vergangenheitsaussagende Funktion ist) dem Leser ein einfacher zu handhabendes und wahrscheinlich auch effizienteres Werkzeug zum Verständnis an die Hand gibt. Die bestehenden Begriffe haben sich im Laufe dieser Arbeit in vielen Fällen bewährt, und sich als mindestens so flexibel erwiesen, daß sie in vielen Fällen ein so komplexes und kompliziertes Modell wie das Weinrichs fast überflüssig machen. Ein Strukturzwang, wie ihn Weinrich beschreibt, konnte nicht eindeutig nachgewiesen werden. Ebensowenig die Verbindlichkeit fester Gattungsgrenzen, die ausschließlich die Tempora eines der beiden Register erlauben.
Bei seinem Versuch, eine radikale These (der Behauptung, die Tempora haben mit Zeit in keinster Weise etwas zu tun) für alle und alles verbindlich zu formulieren, gerät Weinrich ins Schlingern. Die größten Schwachstellen von TEMPUS dürften methodische sein: „Problematisch wird Weinrichs textlinguistische Vorgehensweise erst, wenn dieselben Kategorien, die zunächst aus dem Textzusammenhang heraus erklärt und definiert worden sind, nun ihrerseits dazu dienen sollen, Aufschluß über die Textart zu geben, in der sie verwendet werden - ein offensichtlicher Zirkel, bei dem am Schluß genau das herauskommt, was man vorher definiert hat: Tempusformen, die in Erzähltexten vorkommen sind Erzähltempora; werden in einem Text Erzähltempora verwendet, handelt es sich um
130 einen Erzähltext.“
Doch Weinrichs Ansatz ist nicht nur in methodischer Hinsicht, sondern auch in progammatischer schwierig. Während etwa Hamburger rein literaturwissenschaftlich und Wunderlich ausschließlich 131 - was grundsätzlinguistisch argumentieren, bezeichnet Weinrich seinen Ansatz als Textlinguistisch
lich kein Problem ist, ist doch die Textlinguistik eine profilierte Disziplin. Inwiefern Weinrich eine kritische Gradwanderung beschreibt, demonstriert Coseriu anhand eines Beispiels, welches - ohne Weinrich explizit zu nennen - die Eckdaten der weinrichschen Tempustheorie umfaßt: „Man kann also feststellen, daß die Art von Linguistik, die den Text als im voraus angenommene Grundlage verabsolutiert, keine Textlinguistik, keine Linguistik der Texte ist, sondern eine Linguistik, die Probleme mit der Identifizierung ihres eigentlichen Gegens- 132 tandes hat.“
129 Vgl. Souissi (1982).
130 Kroeger (1977) S. 89. 131 Weinrich ( 5 1994) S. 9. 132 Coseriu ( 3 1994) S. 43.
25
Es bleibt das Fazit, daß die Tempora doch etwas mit Zeit zu tun haben, resp. das Präteritum - unabhängig von seinen möglichen Verwendungen - doch ein Vergangenheitstempus ist.
Es bleibt festzustellen, daß Weinrich in der Radikalität, in der er sie vorträgt, seine Thesen nicht aufrecht erhalten kann; sie bieten aber - einmal von ihren Absolutheitsanspruch befreit, oftmals einen interessanten und erhellenden Blick auf die Tempusproblematik.
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Arbeit zitieren:
Gianni Sammarro, 2001, Das Präteritum als Nulltempus der erzählten Welt, München, GRIN Verlag GmbH
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Sabrina Sammarro
hallo????.
Hallo habe deinen Namen zufällig im Netz gesehen und frage mich ob wir vielleicht miteinander verwandt sind...da der name sammarro aus italien kommt und ich davon ausgehe das du auch aus italien bist. binich mir sogar ziemlich sicher das wie die gleichen wurzeln haben..
melde dich doch bitte einmal
am Monday, March 04, 2002-