entlarvt nach Marx die Religion ihren zutiefst deshumanisierenden Charakter. Nach all dem muß man Giulio Girardi wohl recht geben, wenn er zu dem Urteil gelangt, ,,dass die Verneinung Gottes für den Marxisten nicht den gleichen ,Sinn´ hat wie für die Gläubigen, ja, dass sie vielleicht viele Dinge bedeutet, die für den Christen gerade in der Bejahung Gottes enthalten sind." 1. Aufgabe:
Stelle Marx` Vorstellung einer sozialen u. humanen Gesellschaft dar sowie seine Religionskritik.
In Marx Idee des historischen Materialismus versucht Marx seine Vorstellung einer sozialen und humanistischen Gesellschaft zu verwirklichen. Für Marx lebt der Arbeiter in einem menschenunwürdigen Arbeitsverhältnis, wenn er in ein kapitalistisches Wirtschaftssystem eingebunden ist und somit seine individuelle menschliche Freiheit verliert. Ein Fließbandarbeiter, der nicht einmal den gesamten Prozess überblicken kann, indem er nur ein kleiner Teil ist, gelangt in den Prozess der Entfremdung. Er besitzt keine Rechte am, von ihm mit erworbenen, Gesamteigentum und bekommt keine Möglichkeit seinen Anteil der Arbeit in einem Gesamtzusammenhang zu erkennen.
Marx fordert demnach, um die Entfremdung aufzuheben, die Übereignung des Privateigentums an den Staat um so dieses Kapital für alle nutzbar zu machen. Er will die Menschen so aus ihrem unterdrückten Verhältnis befreien.
In diesem Zusammenhang entwickelt er ebenfalls seine Religionskritik. Von Marx stammt der Satz ,,Religion ist Opium fürs Volk" und dieser Satz charakterisiert seine Kritik sehr präzise. Er glaubt, es sei mit der Würde des Menschen nicht vereinbar an einen Gott zu glauben. Der glaubende Mensch flüchtet in ein illusorisches Glück, welches er im Himmel sucht. Für Marx besteht dieses Glück aber nur darin, dass es den Menschen betäubt und ihn unfähig macht sich gegen dieses, von der Kirche und den Privateigentümern, aufgebaute System aufzulehnen. Diese Tatsache sieht er als den betäubenden Charakter der Religion an. Der Mensch sieht Gott als sein Abbild im Himmel und flüchtet in die Illusion der Religion um mit dem momentanen irdischen Leben zurecht zu kommen, in dem er sich bereits von sich selbst entfernt hat. Wie schon im Text dargestellt hat die Religion für Marx einen individuellen Charakter, der den Menschen völlig in seine vorgegebene Beziehung zu Gott einbindet und ihn seine irdischen (gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen) Verpflichtungen vergessen läßt. Er hält die Beziehung eines einzelnen Menschen zu Gott für eine Scheinbeziehung, die für die
gemeinschaftliche Rolle des einzelnen keinen Platz zu lassen scheint. Nicht nur dieses spricht laut Marx gegen eine humanistische Gesellschaft, sondern auch die Verbindung von Wirtschaft und Kirche. Somit wird auch sie zu einem Privateigentümer, der zusätzlich zu der ideologischen Macht, auch noch finanzielle Macht verleihen bekommt. Für Marx liegt der Hauptkritikpunkt jedoch in der Tatsache, dass es in dieser Gesellschaft eine Situation gibt, die der Religion bedarf. Somit ist das gesellschaftliche System, in dem das Privateigentum die Macht besitzt und der Mensch zur bloßen Maschine wird, der Auslöser für die illusorische Form von Religion.
Es gibt somit zunächst die Entfremdung durch den Arbeitsprozess und dann die Entfremdung durch die Religion, die erst entsteht, wenn die Situation der Arbeit ein solches ,,Opium" verlangt.
Ein weiterer Satz Marx` ist ,,Das Sein bestimmt das Bewußtsein", in dem auch sein Ansatz der Lösung des Problems der Entfremdung liegt. Um die Entfremdung aufzuheben muß, wie bereits erwähnt, das Eigentum umstrukturiert werden. Um diese Umstrukturierung jedoch in Gang zu bringen und durchzusetzen bleibt für Marx nur die Lösung einer Revolution. Wenn das Sein das Bewußtsein bestimmt, so kann sich das Bewußtsein hin zu einem selbstbestimmten freien irdischen Leben nur durchsetzen, wenn das Sein, also die Situation, in der die Menschen leben, verändert wird. Dieses ist nach Marx nur mit Hilfe einer Revolution durchsetzbar. Wenn die gesellschaftliche Situation und somit auch die Arbeitssituation geändert und hin zum Würdigen und Sozialen geführt wurde, befinden sich die Menschen in einem neuen Sein und brauchen somit die betäubende Wirkung der Religion nicht mehr. Jetzt kann sich auch erst das Bewußtsein der Menschen ändern und sie erkennen ihre unterdrückte Situation und beginnen ihre Scheinbeziehung gegen eine Reale zu ersetzen und ihre Verpflichtungen wieder aufzunehmen.
2. Aufgabe:
Erörtere die Frage inwieweit sich ein Glaube an Gott mit der Utopie einer sozialen u. humanen Gesellschaft verbinden läßt.
Marx Darstellung und die Darstellung des Textes von Religion ist jedoch nicht die eines wirklichen Glaubens an Gott, sonder der Religion, die von den Oberhäupter des Judentums und des Christentums und der Kirche, ihren Oberhäuptern und ihren Kapitalgebern der Gesellschaft vorgegeben wird. Dies ist auch die Aussage des Zitates von Girardi. Ein Marxist sieht den Zusammenhang von Religion und Mensch gesellschaftlich und nicht freiheitlich und individuell orientiert wie der Christ. Ein Kritikpunkt der Christen an der Religionskritik der Marxisten liegt sicher darin, dass sie die Religion zu sehr abhängig von der Kirche und vom kapitalistischen Wirtschaftssystem sehen. Aus Marx Sicht und in seiner Zeit mag das so der Fall gewesen sein, jedoch sehe ich in seiner Beschreibung von Religion und ihrem entfremdenden Charakter lediglich die von ihm beschriebenen wirtschaftlichen Aspekte und die Kirche als staatliche Institution.
Er fasst dies im Begriff der Religion zusammen und schließt somit die individuelle Seite von religiösem Glauben mit ein ohne sie zu berücksichtigen oder den Begriff zu definieren. Ein Grund für die einseitige Sicht könnte der für Marx nicht umkehrbare Satz über das Bewußtsein sein. Würde der Satz umgedreht und im religiösen Sinne interpretiert werden, würde das heißen, dass erst das Bewußtsein von Gott den Menschen religiös mache und somit wäre eine von oben bestimmte Religion nicht möglich und überflüssig. Aber auch durch nicht religionsbezogene Dinge kann das Sein und das Bewußtsein so verändert werden, dass eine Utopie einer sozialen und humanen Gesellschaft auch ohne Verneinung Gottes möglich ist. Ein Beispiel dafür wäre die Vorstellung Joseph Beuys über den Menschen als Künstler. Die individuell erlebte Kunst bringt nach seiner Vorstellung den Menschen zu einem neuen Bewußtsein der Kunst, sich selbst und seiner Rolle in der Gesellschaft näher und kann somit, in seiner Utopie von einer allgegenwärtigen Kunst, Kunst und Gesellschaft wieder miteinander verbinden auch mit kapitalistischen Vorstellungen.
Dieses Beispiel läßt sich fast lückenlos auf die Beziehung zwischen Religion und Gesellschaft übertragen. Beide Seiten sind durch die geschichtliche Entwicklung entzweit und gegenüber dem anderen verhärtet. Aus gesellschaftlicher Sicht ist eine vollkommene Annäherung nicht möglich. Weit verbreitet ist die Ansicht des Atheismus, dass nur ein Ablassen von Gott und Religion die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Wissenschaft weiterbringt. Anders sieht dies die Seite der Religion. Wie schon von Girardi angesprochen ist für religiöse Personen all das,
was laut Marx nur durch der atheistischen Humanismus zu erreichen ist, bereits in einem Glauben an Gott vorhanden. Von der religiösen Seite aus gibt es eine Verbindung von Gottesglaube und Gesellschaft, was jedoch von der Gegenseite kritischer gesehen wird. Ebenso verhält sich das im Beispiel der Kunst. Auch hier kommt die Annäherung von Seiten der positiv denkenden Künstler, die den Glauben an die Menschheit und die Zusammengehörigkeit von Kunst und sozialer Gesellschaft nicht verloren haben. Vielleicht läßt sich dies mit der Historie begründen und die noch nicht stattgefundene Annäherung mit dem falschen Zeitpunkt erfassen.
Beuys und andere Künstler mit seiner Auffassung, sowie religiöse Menschen, die ihren Glauben mit der sozialen und humanen Utopie verbinden, sind somit sicherlich ihrer Zeit weit voraus.
Die Menschen scheinen für dieses neue Bewußtsein noch nicht bereit zu sein und vielleicht hatte Marx doch recht, wenn er gesagt hat, dass zuerst die Änderung der Situation die neue Gesellschaft formt.
Die Verbindung von Glaube und sozialem Engagement oder künstlerischer Tätigkeit und gesellschaftlichen Leben ist für diese Menschen schwer im Alltag umsetzbar. Hierbei sollten zusätzlich Überlegungen über Liebe, Individualität und Freiheit mit einbezogen werden. Liebe und Verantwortung der Gesellschaft gegenüber ist schwierig, wenn die Individualität und die persönliche Freiheit angegriffen werden durch die Infragestellung und Verneinung Gottes.
Ich bin der Meinung, dass es aber ohne diese atheistische Entwicklung nicht zu einem zukünftigen wirklichkeitsnahen Gottesbild kommen wird. Der Atheismus hat gezeigt, dass die Verneinung eines Gottesbildes, welches von der Gesellschaft abhängig ist, notwendig ist. Jetzt muß jedoch der Schritt wieder hin zu einer wahren religiösen Vorstellung geschehen, da die Aufgabe dieses illusorischen Gottesbildes nur der erste Schritt hin zu einem, aus dem Bewußtsein der Gottesexistenz heraus kommenden wirklichen Gott ist. Die Lösung ist letztendlich nicht den Atheismus zu verhärten, sondern ihn hin zu einem neuen, vom Individuum heraus beginnenden, religiösen und somit auch sozialen und humanistischen Denken zu verstärken und auszubauen.
Arbeit zitieren:
Kathrin Koslowski, 2001, Gottesglaube und Atheismus, München, GRIN Verlag GmbH
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