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2. Zum Zeitbegriff, oder: Was ist "Zeit"?
Mit dieser Arbeit behaupte ich, daß es möglich ist, einen Zusammen-hang zwischen Zeitbegriff und Politikbegriff aufzuzeigen. Dieser Zu-sammenhang ist nach meiner Annahme, daß der Zeitbegriff, der in einer "Politischen Theorie" verwendet wird, für den Politikbegriff, der i n dieser und d u r c h diese "Politische Theorie" bestimmt wird, von Bedeutung ist: Der Zeitbegriff bestimmt den Politikbegriff. Deshalb stelle ich die Frage nach der "Zeit" und untersuche den Zeitbegriff in "Politischer Theorie", um feststellen zu können, ob sich durch den Zeitbegriff für den Politikbegriff notwendige Bedingungen ergeben.
Den umgekehrten Zusammenhang, nämlich daß der Politikbegriff für den Zeitbegriff von Bedeutung ist, daß also der Politikbegriff den Zeitbegriff bestimmt, schließe ich nicht aus. In dieser Arbeit folge ich jedoch nicht der Annahme dieses umgekehrten Zusammenhangs.
Zur Untersuchung des Zeitbegriffs habe ich sieben "Politische Theorien"15 bearbeitet, bei denen sich unterschiedliche Zeitbegriffe aufzeigen lassen. Ich behaupte nicht, daß diese Auswahl die einzig mögliche, die bestmögliche oder eine wie auch immer bestimmte ist, sondern nur, daß es mit dieser Auswahl möglich ist, eine vergleichende Gegenüberstellung von unterschiedlichen Zeit- und Politikbegriffen vorzunehmen, um damit meine Behauptung zu stützen oder auch nicht.
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Inhaltsverzeichnis
1. Chronopolis? Von Zeiten und Zeitungen, von Orten und Ordnungen
2. Zum Zeitbegriff, oder: Was ist "Zeit"?
2.1. Zur Allgemeinheit des Zeitbegriffs und dessen Verbindung mit dem Raumbegriff
2.2. Zu Besonderheiten von Zeitbegriffen und deren Verbindung mit Raumbegriffen
2.2.1. Theoretische oder philosophische Wirklichkeitsentwürfe:
2.2.1.1. Zur linearen Zeitstruktur:
2.2.1.1.1. Platons "Erkenntnis" von "Zeit" und "Raum"
2.2.1.1.2. Jesus "Verkündigung" von "Zeit" und "Raum"
2.2.1.1.3. Augustinus "Bekenntnis" von "Zeit" und "Raum"
2.2.1.1.4. Kants "Bestimmung" von "Zeit" und "Raum"
2.2.1.1.5. Marx und Engels "Bewußtsein" von "Zeit" und "Raum"
2.2.1.2. Zur zyklischen Zeitstruktur:
2.2.1.2.1. Buddhas "Überwindung" von "Zeit" und "Raum"
2.2.1.2.2. Nietzsches "Überzeugung" von "Zeit" und "Raum"
2.2.2. Praktische oder sogenannte "politische" Verwirklichungen:
2.2.2.1. Zur linearen Zeitstruktur:
2.2.2.1.1. Platon: Das "Werden" nach dem "Sein": ge mäß " Gott"
2.2.2.1.2. Jesus: Das Ende des "Werdens": bei "Gott"
2.2.2.1.3. Augustinus: Die Trennung des "Seins" vom "Werden“ unter "Gott“
2.2.2.1.4. Kant: Das "Werden" zum "Sein": hin zu "Gott"
2.2.2.1.5. Marx und Engels: Das Ende des "Werdens": als "Gott"
2.2.2.2. Zur zyklischen Zeitstruktur:
2.2.2.2.1. Buddha: Jenseits vom "Sein" des "Werdens": als "Gott"
2.2.2.2.2. Nietzsche: Jenseits vom "Sein" des "Werdens": ohne "Gott"
2.2.3. Das Verhältnis von "Zeit" und "Raum" als Verhältnis von "Werden" und "Sein"
2.2.4. Zu besonderen Gottesbegriffen?
2.3. Versuch einer Antwort auf die Frage nach dem Zeitbegriff
3. Zum Politikbegriff, oder: Was ist "Politik"?
3.1. Zur Bestimmung des Politikbegriffs durch den Zeitbegriff
3.2. Versuch einer Antwort auf die Frage nach dem Politikbegriff
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen dem Zeitbegriff und dem Politikbegriff in verschiedenen philosophischen und theologischen Entwürfen, um zu zeigen, dass das Verständnis von Zeit (linear oder zyklisch) maßgeblich die politische Theorie und das praktische politische Handeln bestimmt.
- Analyse des Zusammenhangs von Zeitverständnis und Raumbegriff.
- Untersuchung linearer Zeitstrukturen bei Platon, Jesus, Augustinus, Kant sowie Marx und Engels.
- Analyse zyklischer Zeitstrukturen bei Buddha und Nietzsche.
- Bestimmung der politischen Implikationen dieser Zeitmodelle.
- Reflexion über Politik als praktisches Handeln im Spannungsfeld von Zeit und Raum.
Auszug aus dem Buch
2.2.1.1.1. Platons "Erkenntnis" von "Zeit" und "Raum"
Die Rede des Timaios über die Entstehung der Welt und des Alls beginnt mit einer Frage zur "Zeit": die Frage nach dem Anfang der "Zeit" des Alls, "nämlich in wie fern es entstanden ist oder aber unentstanden von Ewigkeit war". Beantwortet wird diese Frage damit, daß
"es entstanden und von einem Anfange ausgegangen ist ..., denn es ist sichtbar und fühlbar und hat einen Körper, alles so Beschaffene aber ist sinnlich wahrnehmbar, und das sinnlich Wahrnehmbare, welches der Vorstellung mit Hülfe der Sinne zugänglich ist, erschien uns als das Werdende und Entstandene."
Das "Werdende" oder das "Werden" entspricht somit der Welt und dem All. Die Welt und das All hat "Gott" als Schöpfer nach dem "Vorbild" des "Ewigen" geschaffen: "So ist denn auch jene als eine solche ins Leben gerufen worden, die nach dem Urbilde dessen entstanden, was der Vernunft und Erkenntnis erfaßbar ist und beständig dasselbe bleibt": Das "Sein". Aus diesem "Sein" ist das "Werden" oder die "Welt ... durch "Gottes" Vorsehung entstanden". "Gott" ist die Ursache für die Entstehung des "Werdens" aus dem "Sein". Demnach ist "Gott" der Schöpfer der "Zeit".
Zusammenfassung der Kapitel
1. Chronopolis? Von Zeiten und Zeitungen, von Orten und Ordnungen: Einleitung in die Problematik der Zeitwahrnehmung als Voraussetzung für Ideengeschichte und politische Theorie.
2. Zum Zeitbegriff, oder: Was ist "Zeit"?: Systematische Untersuchung von sieben politischen Theorien hinsichtlich ihrer Zeitvorstellungen und deren Verbindung zum Raumbegriff.
3. Zum Politikbegriff, oder: Was ist "Politik"?: Synthese der Ergebnisse, in der dargelegt wird, dass Politik als Darstellung von Wirklichkeitsentwürfen und Verwirklichungen untrennbar mit dem Zeitbegriff verbunden ist.
Schlüsselwörter
Politische Theorie, Zeitbegriff, Politikbegriff, Zeitstruktur, Lineare Zeit, Zyklische Zeit, Raum, Sein, Werden, Gottesherrschaft, Teleologie, Geschichte, Weltgeschichte, Erkenntnis, Wirklichkeitsentwurf
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie unterschiedliche philosophische und religiöse Konzepte von Zeit ("Zeitbegriff") das Verständnis von Politik ("Politikbegriff") und das politische Handeln in der Welt prägen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Unterscheidung zwischen linearer und zyklischer Zeitstruktur, das Verhältnis von Raum und Zeit sowie die Frage nach der "Ewigkeit" im Kontext politischer Wirklichkeitsentwürfe.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass der in einer politischen Theorie vorausgesetzte Zeitbegriff maßgeblich die Art und Weise bestimmt, wie politisches Handeln begründet und verwirklicht wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine ideengeschichtliche Textanalyse von Werken bedeutender Denker (Platon, Jesus, Augustinus, Kant, Marx/Engels, Buddha, Nietzsche) durchgeführt, um deren spezifische Zeit- und Politikkonzepte herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die theoretischen Wirklichkeitsentwürfe und die praktischen politischen Verwirklichungen der genannten Denker, unterteilt in lineare und zyklische Zeitmodelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Politische Theorie, Zeitbegriff, Politikbegriff, Zeitstruktur, Teleologie, Raum-Zeit-Verhältnis sowie die spezifischen Begriffe der untersuchten Denker wie "Werden" und "Sein".
Inwiefern beeinflusst Platons Zeitbegriff seinen Philosophenstaat?
Bei Platon ist die Zeit eine Ordnung im Raum, die durch Gott geschaffen wurde. Der Philosophenstaat ist das praktische Pendant dazu, indem die Erziehung der Bürger die Ordnung gemäß dieser zeitlichen Erkenntnis sicherstellen soll.
Warum ordnet der Autor Marx/Engels in das lineare Zeitmodell ein?
Da Marx und Engels die Geschichte als eine dialektische Entwicklung begreifen, die auf ein definiertes Ziel (Sozialismus/Kommunismus) zusteuert, folgen sie einer linearen, teleologischen Zeitstruktur.
Was ist das Besondere an Nietzsches Zeitbegriff?
Nietzsche vertritt die Lehre der "ewigen Wiederkunft", bei der Zeit zyklisch und ohne äußeres Ziel im Kreis verläuft, was seinen "Willen zur Macht" und das Konzept des "Übermenschen" begründet.
- Quote paper
- Oliver Linden (Author), 1995, Untersuchungen zum Zusammenhang von Zeitbegriff und Politikbegriff an den Beispielen von PLATON, JESUS, AUGUSTINUS, KANT, MARX/ENGELS, BUDDHA und NIETZSCHE, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102