Die Geschichte ist eigentlich ganz einfach: Ein junger Student hat sich sanft und zärtlich in ein Mädchen Namens Clara verliebt und geht eine Verlobung mit ihr ein. An der bürgerlichen Vereinigung hindert den Helden Nathanael jedoch ein aufbrechendes Kindheitstrauma und lenkt seine ganze Liebe auf eine künstliche Frau mit dem klangvollen Namen Olimpia. Zu allem verwandelt sich ihm seine Verlobte Clara zum verdammten leblosen Automat und die seltsam starre Olimpia, die außer ihrem „Ach, Ach“ und ein vielsagenden „Gute Nacht, mein Lieber“ kaum ein Lebenszeichen von sich gibt, erscheint ihm als himmlisches Ziel all seiner Wünsche. Nathanael muß die Ablenkung seines Begehrens in leidenschaftlichere Bahnen mit dem Tode bezahlen.
Will man E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ interpretieren, muß man sich zuerst fragen was der Text an sich zum Thema macht. Man stößt auf die verschiedensten Antworten :
1. Es ist eine fiktive Biographie eines romantischen Dichters
2. Es wird Wahn und Wirklichkeit vermischt
3. Es stellt die Vereinsamung Nathanaels zwischen Künstlertum und Gesellschaft dar
4. Hoffmann gibt einen Aufklärungsversuch vor, indem er am Motiv der Augen zeigt, das was man sieht, nicht der Wahrheit und der Realität entspricht
5. Der Text stellt dar, das Wirklichkeit immer die Interpretation aus einer Perspektive ist
6. Etc.
Mehrmals wird in Nathanaels Geschichte die Entstehung von Bildern, von inneren und von Bildern in der Wirklichkeit zum Thema gemacht. Diese Beobachtungen lassen sich darin zusammenfassen, dass die Welt Nathanaels und die Erzählwelt im Sandmann wesentlich optisch codiert sind.
Alles was im Text unsicher bleibt und nicht auflösbar ist, wird auf einen bestimmten Sinn zurückgeführt. So kann man den Selbstmord Nathanaels verschieden deuten.
• War es seine unverarbeitete Vergangenheit
• War es eine Verzweiflungstat
• War es ein Amoklauf
• Zerreißt Nathanaels inneres Ich und sucht die Rettung im Tod
• Kollabiert Nathanael an dem Interpretationsdilemma zwischen Wahrheit und Fiktion
Der zuletzt genannte Punkt soll nun im Folgendem näher erläutert werden.
Interpretationsdilemma Nathanaels zwischen Wahrheit und Fiktion
oder warum sich Nathanael umbringt
Nathanael - vom Kind zum Student
Nathanael beschreibt in seinem ersten Brief ein Erlebnis aus seiner „früheren Jugendzeit“. Er kennt den ungeliebten Hausgast Coppelius, des weiteren gibt es noch einen heimlichen Besucher, der Abends in das Haus kommt und die Familienidylle stört. Wenn der heimliche Besucher kommt, schweigt der Vater, der sonst redselig ist und Geschichten erzählt. Als Ersatz bekommt Nathanael Bilderbücher zum Lesen, und Bilder macht er sich alsdann auch vom Sandmann. Diese Phantasiebilder werden durch die Geschichten der Amme intensiviert.
Der Sandmann regt in der Folge die Phantasieproduktion des Kindes an, es will „schauerliche Geschichten“ lesen oder hören, es beginnt den Sandmann zu zeichnen und will ihn, obwohl
die Amme die Gefahr für die Augen betonte, am liebsten selbst sehen.In der Alchemieszene stellt Nathanael fest, dass Coppelius der Besucher gleichzeitig Coppelius der Sandmann ist. Der Wahrnehmungsprozeß besteht also darin das Nathanael ein vorhandenes inneres Bild, das stark emotional besetzt ist -im psychologischen Sinne das deja vù- an eine Figur seiner Außenwelt anlegt, in der es wiedererkannt wird.
Es existierte bis zur Alchemie - Szene nur „im Innern“, als „das Bild des grausamen Sandmanns“, das sich beim Hören des Ammenmärchens also einer erfundenen Geschichte, bildete, die Phantasie des Knaben beherrscht und über Jahre hinweg „nicht bleicher“ wird. Er selbst macht durch Projektionen die Märchenfigur des Sandmanns zu seiner persönlichen Wirklichkeit, zu nächst als Inneres Bild, dann - ab dem Alchemie Erlebnis - als Figur der Außenwelt. Er verleiht einer ursprünglich nur in der Rede vorkommenden Größe reale Existenz.
Statt in Coppelius den nächtlichen Besuchern zu erkennen, wird mit der Hilfserklärung, der nächtliche Besucher sei der Sandmann, das heißt dem inneren Bild, durch Projektion Coppelius dem Sandmann zugeordnet. Nathanaels Sehsinn ist bereits seelisch deformiert. Dadurch das eine Namensgleichheit ( Coppelius/Coppola) vorliegt, setzt Nathanael die beiden als eine Person zusammen.
Die Identifikation von Coppola mit dem Coppelius aus der Kindheit, die der Student in seinem Brief vornimmt, wird damit verdoppelt. Denn Coppelius verweist auf den Sandmann, das Urbild des Bösen, das Nathanaels Todesangst auslöst. Clara und Lothar korrigieren dieses Vorgehen. Die Diskussion hierüber ist ein Zentralthema des zweiten Briefes. Die folgende Übersicht hält die Entwicklung des Bildes vom Sandmann bei Nathanael bis zur Studentenzeit hin fest.
Nathanael fürchtet den Vorwurf der Geisterseherei und das Argument, er bilde sich die Bedrohung durch Coppola ein. Die Erzählung seiner Biographie im ersten Brief soll seinen psychischen Ausnahmezustand legitimieren. Erst die genauen Kenntnisse seiner Kindheitserlebnisse erlauben Außenstehenden ( Clara / Lothar) die Situation angemessenalso seine Ängste nicht als Geistesseherei - zu interpretieren. Gegen Kritik von außen ist der Standpunkt Nathanaels immun. Die eigenen Wahrnehmungen und Erlebnisse werden zwar behandelt als seien sie überprüfbare Fakten. Sie sind es aber nicht, denn die einzige Informationsquelle für die entscheidende Vorgeschichte ist Nathanaels erster Brief. Weitere Zeugen dafür, dass es war, wie er rückblickend erzählt, gibt es nicht. Der einzige potentielle Zeuge, die Mutter, solle aus dem Spiel bleiben, bittet Nathanael, ohne das ihm widersprochen wurde.
Diese Konstruktion lässt einen Deutungskonflikt entstehen. Man kann Nathanaels Kindheit nicht eindeutig auflösen. Er geht auf Claras Zweifel an seiner Darstellung der Kindheitsereignisse nicht ein, tut sie als unangemessen, weil logischer Argumentation entsprungen, ab. Nathanael selbst aber gibt, keine objektive, sondern eine vom Schreckerlebnis bestimmte und in Todesangst niedergeschriebene Darstellung.
Nathanael und Clara
Anfangs ist Clara für Nathanael so etwas wie ein guter Geist. Sie ist für ihn ein wichtiger Orientierungspunkt, er liebt und braucht sie, um an ihrer Seite „sich in Wissenschaft und Kunst“ bewegen und in dem Leben zurecht zu kommen.
Durch Claras Brief zweifelt Nathanael selbst an der Identität von Coppelius und Coppola als eine Person. Er räumt insofern nicht nur die Berechtigung, sondern sogar die mögliche Richtigkeit ihrer Perspektive ein.
Clara repräsentiert, schon ihres Namens nach, alles was hell, klar, deutlich, verständlich und einleuchtend ist. Sie rechnet sich selbst zu den „heitern - unbefangenen - sorglosen Gemütern“ und hält ihren Blick fest auf „die wahre wirkliche Außenwelt“ gerichtet. Clara begegnet ihr mit ihrem „gar hellen scharfen sichtenden Verstand“. Die spätere Auseinandersetzung mit Clara und Lothar macht klar, bis zu welchem Punkt Nathanael bereits von Bildern seines Inneren beherrscht wird. Das Gedicht, also eine fiktive Handlung, welches er Clara vorträgt, empfindet Nathanael als Realität. Beim Vortragen des Gedichtes bemerkt er, dass etwas in ihm ist, welches er bis zu diesem Zeitpunkt nicht erkannt hat. Nathanael wird sein eigener Leser: „Den riß seine eigene Dichtung unaufhaltsam fort, hochrot färbte seine Wangen die innere Glut, Tränen quollen ihm aus den Augen.“ Seine eigene Dichtung ist dann eine fremde: „Wessen grauenvolle Stimme ist den das?“ Nathanael kommt in die Gefahr, dass er nicht mehr wissen kann, ob er mit anderen oder nur mit sich selbst kommuniziert. So entwickelt sich das Interpretationsdilemma Nathanaels, an dem klar wird warum später Clara durch Olimpia ersetzt wird.
Nathanael und Olimpia
Blick und Sehkraft sind für Nathanael Indikatoren, an den er abliest, daß Olimpia lebendig ist. Da er unfähig ist zu echter Kommunikation sieht er in dieser Liebespartnerin vornehmlich eine Projektionsfläche für sein Ich. Dafür ist die stumme Olimpia besser geeignet als die kritische Clara. An Olimpias Blick liest Nathanael ihre Liebe ab. Von ihrem „Liebesblick“ spricht er wiederholt und überdeutlich. Verrät sich ihre Kälte, ihre Starre, dann sieht er sie
intensiv an und sie scheint unter ihrem Blick wärmer, lebendig zu werden, ebenso unter seinen Küssen. Olimpia besitzt, wie Siegmund feststellt und vergeblichen versucht, es dem Freund klar zu machen, immer noch keine „Sehkraft“. Ihr Hauptmerkmal ist „gänzliche Passivität und Wortkargheit“. Die von Nathanael enthusiastisch gelobte Liebessprache ihres Blickes besteht nur in seiner Einbildung. Olimpia kann Nathanaels narzißtische Bedürfnisse stillen, die Clara ihm verweigert hat. Deshalb idealisiert er die „todstarre“, stumpfsinnige Puppe zur „herrlichen, himmlischen Frau“, während er die lebhafte Clara zu einem mechanischen Gegenstand degradiert und als „lebloses, verdammtes Automat!“ beschimpft. Hier zeigt sich eine weitere Verschiebung der Realitäten in Nathanaels denken.
Nathanael und Coppola
Coppola und Spalanzani bauen den Automatenmenschen Olimpia. Dieser wirkt immer noch unbelebt, erst ein fremder Blick kann ihn lebendig erscheinen lassen. Der Blick Nathanaels scheint genau wie der der anderen Studenten zu funktionieren, ihm kommt Olimpia merkwürdig tot vor. Erst nachdem ihm Coppola mit seinen erschreckenden Worten „sköne Oke - sköne Oke!“ das Perspektiv verkauft hat, schafft sich Nathanaels Blick (durch einen optischen Apparat) den Blick Olimpias. Er kann mit ihr kommunizieren. Aus der toten Rede wird wieder ein Bild. Geeignet ist Nathanael deshalb, weil er schon als Kind mit einer Puppe in Zusammenhang gebracht wurde. Coppelius will ihm die Augen nehmen und nimmt ihm wenigstens eine Zeit lang das Sehen: „...aber alles um mich her wurde schwarz und finster,...“ Zudem beschreibt Nathanael den Vorfall so, als wäre er wirklich eine Puppe: „und damit fasste er mich gewaltig, dass die Gelenke knackten und schrob mir die Hände ab und die Füße und setzte sie bald hier, bald dort wieder ein“. Sehen wird ergänzt durch die Vermittlung des Perspektivs. Die Perspektive wird die des optischen Apparates. Das Perspektiv ist ein einäugiges Fernrohr. Im Blick durch das Perspektiv hat Nathanael wirklich nur noch eine Perspektive. - einäugiges Beobachten
Als Nathanael mit dem magischen Fernrohr ausgerüstet ist, das ihm dem Automaten so Attraktiv erscheinen lässt, als sein „glühendes Verlangen“ entflammt, in dem „blutrote Strahlen in Nathanaels Brust“ schießen, da stößt er unbewusst einen „Todesseufzer“ aus, in der Ahnung, „das Perspektiv gewiss viel zu teuer bezahlt“ zu haben. Der Tod ist gewiss ein hoher Preis. „Indem er diese Worte leise sprach, war es, als halle ein tiefer Todesseufzer grauenvoll durch das Zimmer, Nathanaels Atem stockte vor innere Angst.“ Die Angst ist begründet, denn er hört seinen eigenen Tod, den er vorher schon in Claras Augen gesehen hatte. Er hört seinen eigenen Todesseufzer als Echo auf sich zukommen, wie ihm seine eigene Stimme in Olimpia wiederhallt.
Coppola beeinflusste Nathanaels Wahrnehmung, in dem er ihm das Perspektiv verkauft hatte. Nathanael wendet sich von Clara ab und zu Olimpia hin. Kaum hat er sich in Olimpia verliebt, entreißt ihm Coppola das Objekt seiner Begierde, genauso wie damals Coppelius Nathanael die Begierde auf das Naschwerk nahm.
Seine psychische Missbildung, also seine gestörte Wahrnehmung, gipfelt in einem Tobsuchtanfall, als ihm Spalanzani die mit Blut verschmierten Glasaugen des Automaten an die Brust wirft. Diese Szene ruft die Erinnerung an die Alchemie - Szene hervor. Durch das wiedererlebte Trauma der Kindheit setzt Nathanael Coppola mit Coppelius gleich.
Die Turmszene - der Tod
In der Turmszene erblickt Clara einen sonderbaren grauen Busch. Grau ist die charakteristische Farbe des Advokaten Coppelius. In Nathanaels Beschreibung von Coppelius tritt jener „in einem altmodisch zugeschnittenen aschgrauen Rocke, ebensolcher Weste und
gleichen Beinkleidern“ auf. Zu dem fand er Coppolas Perspektiv in seiner Tasche, verwendete es und „schaute seitwärts - Clara stand vor dem Glase! - Da zuckte es krampfhaft.“ In dem Text wird offengelassen, in welcher Hinsicht das Perspektiv den Moment des Wahnsinns auslöst. Auf die Frage was Nathanael sieht sind zwei Antworten möglich. 1. Er sieht nichts, da Clara vor ihm steht, d.h. er sieht etwas dunkles. In diesem Falle erinnert er sich an seine Kindheitstage. Er bekommt wieder Angst vor dem nächtlichen Besucher, den er später als den Sandmann interpretiert. 2. Er sieht Claras Gesicht, auch die Augen, riesengroß. In diesem Falle spiegeln Clara realistische Augen durch das Perspektiv wieder
In beiden Fällen ergeben sich Motive, die zum erneuten Ausbruch des Wahnsinns und somit zum Tod führen. Bereits ein lebhafter Schrecken kann Anfälle des Wahnsinns erneuern. Als Nathanael den zweiten Tobsuchtanfall erfährt, nimmt er aus der Menge Coppelius wahr mit dem Aufschrei und wiederholt Coppolas Worte: „Ha! Sköne Oke - Sköne Oke“. Wieder identifiziert Nathanael Coppelius und Coppola miteinander. Für ihn sind beide Personen identisch.
Fazit
Dieser Tod ist dann das Kollabieren der Unterscheidung von Wahrheit und Fiktion !
Literaturverzeichnis
Bönnighausen, Marion ; E.T.A. Hoffmann „Der Sandmann / Das Fräulein von Scuderi“
Giese, Peter Christian ; Lektürhilfen E.T.A. Hoffmann „Der Sandmann“; Vrlg. Ernst Klett,
Hohoff, Ulrich ;
Kremer, Detlev ;
Vogel, Nikolai ;
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Henkl; Krüger, 2000, Hoffmann, ETA - Der Sandmann, München, GRIN Verlag GmbH
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auch wenn ich nicht alles verstehe und verstehen will, überzeugende arbeit!
am Monday, June 03, 2002-