1. Einleitung.
In der vorliegenden Arbeit soll der Strukturalismus anhand Saussures Sprachbetrachtung genauer dargestellt werden. Um einen tieferen Einblick in seine Vorgehensweise zu erlangen, ist es notwendig, einen historischen Abriss von seinen Vorläufern zu geben.
Hauptsächlich beschäftigt sich diese Arbeit aber mit der von Saussure grundsätzlichen gewonnenen Neuorientierung und seine Stellungnahme zu den Junggrammatikern.
Der vierte Kapitel soll Untersuchung des Sprachsystems darstellen. Abschließend sollen die Ergebnisse zusammen getragen werden.
Da es sich bei dieser Arbeit um Gedanken über die Sprache handeln soll, ist es notwendig, die hier erarbeiteten Ergebnisse mit zahlreichen Zitaten zu fundieren. 2. Die Sprachwissenschaft vor Ferdinand de Saussure.
Um irgendwelche Aussagen über die Sprache geltend zu machen, kann hier auf eine kurze Skizzierung der nichtstrukturellen Sprachwissenschaft unmittelbar vor de Saussure nicht verzichtet werden. Denn, wenn man weiß, von welchen wissenschaftlichen Strömungen Ferdinand de Sausure sich lösen musste, wird man sein Werk besser beurteilen können.
Die Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts war weitgehend identisch mit der Indogermanistik. Man hat sich bemüht, die Entwicklung der indoeuropäischen Sprachen nachzuzeichnen und eine Grundsprache zu postulieren, von der sich alle indoeuropäischen Sprachen ableiten sollten. Dies macht durchaus auch den Inhalt der wissenschaftlichen Aktivitäten der Junggrammatiker aus, die seit den siebziger Jahren eine linguistische Schule in Leipzig bildeten. Zu dieser Schule gehörten A. Leskien, K. Brugmann, H. Osthoff, H. Paul, und andere. Sie wollten der Sprachwissenschaft den Charakter einer exakten Naturwissenschaft verleihen und damit alle metaphysische Vorstellungen über die Sprache und Sprachentwicklung ausräumen.
Untersuchungsgegenstand des Sprachwissenschaftlers sollte nicht das Sprachsystem, sondern die im einzelnen Individuum lokalisierte und somit beobachtbare Sprache (-Idiolekt) sein.
2
“ Alle Lautkomplexe, die irgendein Einzelner je gesprochen, gehört oder vorgestellt hat mit den damit assoziierten Vorstellungen, deren Symbole sie gewesen sind, alle die mannigfachen Beziehungen, welche die Sprachelemente in den Seelen der Einzelnen eingegangen sind, fallen in die Sprachgeschichte, müssten eigentlich alle
bekannt sein, um ein vollständiges Verständnis der Entwicklung zu ermöglichen“. 1 Hieraus folgen zwei Positionen, die die strukturelle Linguistik des 20.Jahrhunderts den Junggrammatikern nie vergeben hat.
Die erste Position besagt,dass es überhaupt keine Sprache gibt, die allen Mitgliedern einer bestimmten Gemeinschaft gemeinsam wäre, sondern nur Individualsprachen. Eine Sprache war zu sehen als ein Geflecht von assoziativen Verbindungen, das aus Laut- und Bedeutungsvorstellungen besteht, und zwar aus solchen Vorstellungen, deren Assoziationen nun einmal konkret und relative nur in den Köpfen von Individuen existieren.
Begriffe wie “die deutsche Sprache“ waren nichts anderes als Abstraktionen und Fiktionen. Hier ist nun die Tatsache nicht zu übersehen, dass die einzelnen Individuen einer bestimmter Gemeinschaft sich miteinander verständigen und kommunizieren könnten. Man sprach aber sogenannten “Sprachusus“ (eingeführt von H. Paul). Es besagt, dass aus der Wechselwirkung der Individuen einer Gemeinschaft und gegenseitiger Beeinflussung ein gewisses ausreichendes Minimum an gemeinsamen Vorstellungen, eben der Usus entsteht. Die zweite Position ist der sog. Historismus, d.h. nur die geschichtliche Betrachtung der Sprache hat Anspruch, wissenschaftlich genannt zu werden. Die Junggrammatiker waren überzeugt, dass sich die Laute nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten verändern, die keine Ausnahmen zulassen. Damit formulierten sie die Lehre von der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze. Die Kernaufgabe der Sprachwissenschaftler war den “Gesetzmäßigkeiten sprachlichen Wandels“ den gleichen wissenschaftlichen Status wie den Gesetzen der positiven Naturwissenschaften zu geben.
Die Unzulässigkeiten und Mängel in der Konzeption der Junggrammatiker wurden früh erkannt. Ihr Programm konnte nicht lange die Allgemeingültigkeit behalten. Die Konzentration auf sprachliche Einzelphänomene führte zu einer Lösung der Sprache vom Menschen. Die Einzelheiten erhielten ihren Platz auch nicht innerhalb des Systems, sondern wurden in ihrer geschichtlichen Entwicklung verfolgt. Die
1 C. Heeschen, Grundfragen der Linguistik. Stuttgart 1974: 13
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Verengung des Blickwinkels, unter dem man Sprache betrachtet, wurde sehr kritisiert.
Der Genfer Linguist Ferdinand de Saussure hatte seine entscheidende wissenschaftliche Ausbildung auch in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Leipzig erhalten, also mitten im Zentrum der Junggrammatiker. So sind seine ersten publizierten Arbeiten weitgehend klassischen Fragen der Indogermanistik gewidmet. In der Zeit zwischen 1890 und 1900 brach Saussure jedoch mit den junggrammatischen Dogmen und suchte nach einem neuen Rahmen für die Sprachwissenschaft.
Seine Theorie, die später Strukturalismus genannt wurde, ersetzte die Theorie der Junggrammatiker. Die Methodologie der Junggrammatiker hat jedoch einen unvergänglichen Einfluss auf die Entwicklung der linguistischen Forschungen ausgeübt, insbesondere auf die diachronischen; sie ermöglichte die Bestimmung des Gegenstandes der Linguistik als Wissenschaft und schränkte den Subjektivismus in der Arbeit an der Sprache ein.
3. Die Anfänge des Strukturalismus.
“ Wissenschaftsgeschichtliche Sammelbezeichnung für verschiedene, sich auf F. DE SAUSSURE berufende, im einzelnen aber stark voneinander abweichende
sprachwiss. Richtungen in der ersten Hälfte des 20. Jh. “ 2 . Man kann den Begriff des Strukturalismus unterschiedlich verwenden. Zum einen wird er auf die Phase der Sprachwissenschaft vor Chomskys „Syntactic structures“ angewendet zum anderen wird er auf alle Sprachtheorien angewendet, die sich auf eine „ isolierte Untersuchung des Sprachsystems“ beziehen. Ursprünglich verstand man unter Strukturalismus eine geisteswissenschaftliche Verfahrensweise, welche den historischen Kontext ihres Forschungsgegenstandes vernachlässigte, um sich der Untersuchung seiner Struktur, also des Beziehungsgefüges seiner Einzelelemente zueinander, zuzuwenden. Damit wird deutlich, dass der Strukturalismus Sprache als System begreift, der aus einer Menge von Einzelelementen zwischen denen Beziehungen stattfinden besteht.
Bei den Anfängen des Strukturalismus handelt es sich jedoch nicht um ein ausschließlich französisches Phänomen, wie man oft behauptet, sondern hinzu kommen auch gesamteuropäische und nordamerikanische Einflüsse.
2 H. Bußmann, Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart 1990:743
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Eindeutig kann man jedoch sagen, dass die Linguistik bei einer historischen Betrachtungsweise des Strukturalismus in den Mittelpunkt tritt, da hier die strukturalistische Methode ihre ersten Erfolge feierte. Sie wurde zu einer theoretisch fundierten Erfahrungswissenschaft, deren Denk- und Arbeitsweise sich schnell auch in anderen Disziplinen wie der Anthropologie, Poetik und Ästhetik durchsetzte. Im folgenden soll nun die Theorie Saussures beschrieben werden.
4. Ferdinand de Saussure
4.1. Einleitende Bemerkungen und der „Cours“
“Denken Sie ernsthaft, dass die Sprachwissenschaft es nötig habe (...) zu beweisen,
dass sie auch anderen Wissenschaften nützlich ist ?“ 3 .
Als Begründer des Strukturalismus gilt der Linguist Ferdinand de Saussure, der mit seinem erstmalig 1916 in französischer Sprache erschienene Buch :“Cours de linguistique generale“ eine Abkehr vom damaligen vorherrschenden Psychologismus und Historismus der Sprachwissenschaft hervorrief und die junggrammatische Schule überwand. Ferdinand de Saussure wurde als Begründer der theoretischen Grundlagen der modernen strukturellen Linguistik gesehen. Mit der strukturalistische Methode hatte er die Intention, eine der Wirklichkeit der Sprache angemessene wissenschaftliche Verfahrensweise zu etablieren. Saussures Ziel war es, die Sprache als System eigener Art zu erfassen, sie nicht zur Form reduzieren und sie aber auch nicht in Außersprachliches aufzulösen. Im Jahr 1907 übernahm er an der Genfer Universität den Lehrstuhl für Allgemeine Sprachwissenschaft. In der Zeit von 1906 bis 1913 las de Saussure an der Genfer Universität den Vorlesungskurs „Grundfragen der allg. Sprachwissenschaft“. In dieser Vorlesung stellte er eine neue Sprachtheorie vor, die an die Kasaner Schule sowie an die Konzeption des amerikanischen Linguisten W.D.Whitney anknüpft. Ferdinand de Saussure war es nicht vergönnt, seine Vorlesungen zu einem Buch zusammenzufassen und für den Druck vorzubereiten. Seine Theorie haben uns seine Freunde und Schüler Ch. Bally und A.Sechehaye unter Mitwirkung von A.Riedlinger übermittelt. Aus den Mitschriften dieser Vorlesungen stellten sie das Buch „Cours de linguistique generale“ zusammen, das sie 1916 unter Nennung von de Saussure als Autor kurz nach dessen Tode herausgaben. Von der 2. Auflage
3 F. de Saussure in seiner Genfer Antrittsvorlesung November 1891 (cf. Fehr, 1997 :242)
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(1922) ab fand das Buch eine große Verbreitung und wurde schnell in fast alle europäischen Sprachen übersetzt.
Zahlreiche Thesen der strukturellen Linguistik gehen direkt auf das Ideengut von Ferdinand de Saussure zurück. Er hat als erster Linguist des 20.Jh. eine neue, in sich geschlossene und exakte Darstellung einer allgemeinsprachwissenschaftlichen Theorie angeboten. Für ihn war die Existenz von bestimmten Regeln, die das System oder die vollständige Struktur der Sprache bilden, Voraussetzung und Bedingung für die soziale Funktion der Sprache als Kommunikationsmittel. Die fundamentale Unterscheidungen zwischen der synchronischen und diachronischen Betrachtungsweise, zwischen langue (Sprache) und parole (Ausdruck) und zwischen signifikant (Ausdruck) und signifie (Inhalt), die als Kernstück des „Cours“ gesehen sind, haben auch großen Einfluss auf die moderne Sprachwissenschaft und darüber hinaus auf die Soziologie und die Literaturwissenschaft.
Diese Dichotomien sollen hier nicht ausführlicher vorgestellt werden, sondern anhand dieser soll nun Sprache untersucht werden.
4.2. Saussures Auffassung von der Sprache : ihre Definition
Ferdinand de Saussure wurde durch die Beschäftigung mit den Junggrammatikern zu einem Denksatz geführt, der historisch und methodologisch die Wurzeln des Strukturalismus bildete.
„Wenn man die Geschichte einer Sprache nur anhand der direkt wahrnehmbaren oder mindestens unterstellten individuellen Äußerungen erforschen konnte, was war dann die Sprache als Ganzes? Ist eine Sprache nichts anderes als die Gesamtheit aller Sätze, die von einer bestimmten Gruppe zufällig hervorgebracht werden? (...) Ins Zentrum des praktischen und theoretischen Interesses rückte damit die Frage, die man bis dahin für trivial gehalten hatte: Wie ist eine einzelne Sprache aufgebaut, wie
muss sie beschrieben werden?“ 4 .
Diese Fragestellung lässt sich auf Saussures „Cours“ zurückführen. Saussure entdeckt die Vielschichtigkeit der Sprache. Wenn man die Funktion der Sprache untersucht, “dann kann man sie als Kommunikationsmittel, als Mittel zum Ausdruck von Gedanken, als Mittel zur Formulierung von Gedanken usw. betrachten“. Deshalb hat die Sprache nicht ein Objekt, sondern mehrere.
4 M.Bierwisch, Strukturalismus: Geschichte, Probleme und Methode .Frankfurt 1966: 80
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Er definiert die Sprache als ein System von Zeichen, zu welchem auch die Systemfähigkeit hinzuzufügen ist. Er sah seine Aufgabe darin, die Struktur der sprachlichen Zeichen sowie die Relationen, die zwischen Zeichen bestehen, auf den verschiedenen Ebenen des Sprachsystems zu beschreiben. Saussure hält es für falsch, die menschliche Rede allgemein zum Objekt der Linguistik zu machen, da diese zu komplex, “ein wirrer Haufen verschiedenartiger Dinge“ sei, den sich die “Psychologie, Anthropologie, normative Grammatik, Philologie usw.“ teilen müssten. Um den Gegenstand der Sprachwissenschaft aus dem Chaos der menschlichen Rede auszusondern, fällt nun der entscheidende Satz : „Man muss sich von Anfang an auf das Gebiet der Sprache begeben und sie als
Norm aller anderen Äußerungen der menschlichen Rede gelten lassen“ 5 . Damit wird deutlich, dass Saussure die Sprache als System als den eigentliche Gegenstand der Sprachwissenschaft sieht. 4.2.1. Trichotomie der Sprache . Langue - Parole - Langage. Ferdinand de Saussure unterscheidet die Sprache als System (langue) im allgemeinen vom Sprechen des Individuums (parole) und der menschlichen Rede (langage).
Die Langue lässt sich als eine Art virtuelles sprachliches Reservoir, das Zeichenvorrat, Grammatik und Ausspracheregeln enthält, erklären. Wenn ein Sprecher sich der Sprache bedient, entnimmt er der Langue die benötigten Einträge (Inhalts- und Lautbildvorstellungen sowie Regeln). Sobald er diese geäußert hat (gesprochen oder geschrieben), spricht de Saussure von der Parole : konkrete, situationsangepasste Realisationen der Langue. Dass der Sprecher von anderen verstanden wird liegt daran, dass alle Sprachbenutzer einer Sprache ein hinreichend ähnliches virtuelles Reservoir verwenden. Somit stellt die Langue das Sprachsystem als gesellschaftliche Erscheinung dar, d.h., es ist der allgemeine Besitz der sprachlichen Zeichen. Die Langue existiert in jeder Sprachgemeinschaft und ist für alle Sprecher dieser Gemeinschaft verbindlich. Allgemein kann man also sagen, dass Langue eine soziale Tatsache, ein Konsens und Parole dagegen ihre individuelle Anwendung ist.
Langue und Parole gehören für Saussure untrennbar zusammen, er fasst Sprechen als Grundlage für Sprache auf und umgekehrt. Die Gesamtheit von Langue und
5 C. Heeschen, Grundfragen der Linguistik .Stuttgart 1974:22
7
Parole ist die Langage, die die menschliche Sprachfähigkeit bezeichnet. Hierbei gibt es wiederum zwei Aspekte. Einmal gibt es die Eigenschaft der Menschen, sich durch lautliche Zeichen zu verständigen, zum anderen existiert die Fähigkeit, dass Menschen sich dieses System als Säuglinge innerhalb kürzester Zeit aneignen können. Dem liegt die Auffassung zugrunde, dass die Langage die Grundlage für Langue und Parole ist, denn man beherrscht sowohl das System einer Sprache als auch das Können, dieses anzuwenden.
Wie man in den vorangegangenen Erläuterungen erkennen konnte ist die Sprache für de Saussure nun kein blosser Begriff mehr, sondern eine Sache. Heeschen schreibt :
„Dass die Summe der einzelnen, konkreten, unwiederholbaren Sprechakte oder Äußerungen der einzelnen Individuen (= parole) nicht z.B. >die deutsche Sprache< ausmacht, war bereits den Junggrammatikern als Problem bekannt. Sie erklärten nur... die >Sprache< zur begrifflichen Fiktion und operierten statt dessen mit dem Usus, dem mechanischen Durchschnitt, der sich zwischen den Individuen gebildet
hat“. 6
Ein ebenso bedeutsamer Unterschied zwischen Saussure und den Junggrammatikern ist Saussures Umkehrung des Verhältnisses zwischen Sprache (Langue) und Sprechakten (Parole). Laut ihm ist die Sprache keine Resultante aus dem Sprechen, sondern ist die Voraussetzung des Sprechens, d.h. sie ermöglicht als reales Regelsystem die Parole. Diese Vorstellung ermöglicht es Saussure, die Langue als eine konkrete Sache zu definieren. Die Langue ist logisch unabhängig von ihrer konkreten Realisierung in der Parole. Die Sprache könnte also existieren ohne irgendwann realisiert worden zu sein. So weist Saussure darauf hin, dass es durchaus möglich ist, sich das Regelsystem einer toten Sprache, wie z.B. des Lateinischen anzueignen.
Nach der Darstellung im „Cours“ ist die Langue keine wissenschaftliche Konstruktion, die aus der systematisierenden Beschreibung der sprachlichen Daten resultiert, sondern existiert real über den Daten. Er verdeutlich diese Auffassung, indem er die Sprache als virtuell oder potentiell und das Sprechen als real und materiell charakterisiert.
Man kann sich aber fragen : Was für eine sächliche Existenz kann ein bloss potentielles und immaterielles System haben? Hier greift de Saussure auf soziologische Gedankengänge zurück.
6 C.Heeschen, Grundfragen der Linguistik. Stuttgart 1974: 22
8
4.2.2. Sprache als soziale Institution.
Für Saussure stellt die Sprache eine soziale Institution dar, die folgendermaßen charakterisiert werden kann :
„ Die Sprache besteht in der Sprachgemeinschaft in Gestalt einer Summe von Eindrücken, die in jedem Gehirn niedergelegt sind, ungefähr so wie ein Wörterbuch, von dem alle Exemplare, unter sich völlig gleich, unter den Individuen verteilt wären... Sie ist also etwas, das in jedem Einzelnen von ihnen vorhanden, zugleich
aber auch allen gemeinsam ist und unabhängig von dem Willen der Aufbewahrer“. 7 Für Saussure liegt die Langue als der sozialer Teil des Langage außerhalb des Individuums, das sie weder schaffen noch verändern kann. Laut ihm ist die Langue niemals in einem Einzelwesen vollständig gegeben, sie existiert vollkommen nur in der Masse.
Daraus ergibt sich, dass die Sprache gegenüber den Individuen etwas Externes ist. Somit lässt sich auch der Gegensatz zu den Junggrammatikern erklären. An dieser Stelle sei anzumerken, dass die Soziologie Durkheims von großem Einfluss auf Saussures Denken gewesen ist. Er betrachtete ähnlich wie Durkheim das Sprachsystem als ein System von gesellschaftlichen Normen. Nach Saussure liegt jeder Sprache ein System zugrunde, das die einzelne Phänomene erklärt. Bei Durkheim bilden die soziale Phänomene eine Institution, die einen Zwang auf das Individuum ausübt. Diese Vorstellung manifestiert sich bei Saussure darin, dass er in dem Sprachsystem (Langue) eine soziale Institution sieht, die von den Sprachteilnehmern nicht frei gebildet werden kann, sondern sich die Individuen das Sprachsystem passiv und ohne eigenen Beitrag sozusagen einstempeln lassen. Diese Idee wird auch von Chomsky später wieder aufgenommen. Neben der schon oben erwähnten Opposition virtuell - real, kommt eine zweite Opposition hinzu : sozial - individuell. Denn im Sprechen, in einem einzelnen Sprechakt, kann der Mensch viele individuelle Momente hinzufügen, z.B. seine spezielle Stimmlage, seine Gefühle gegenüber den Sachverhalten, über die er gerade spricht usw. Während des Sprechens kann er frei entscheiden, welche sprachliche Fügungen er vorzunehmen mag.
Die Dichotomie sozial - individuell impliziert mithin die Dichotomie notwendig/wesentlich - frei/zufällig. Denn, wenn wir beispielsweise den folgenden Satz aussprechen : „ Da ist eine Spinne“, müssen wir “eine Spinne“ und nicht “ein
7 F. de Saussure, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin 1967: 23
9
Spinne“ sagen (Vgl. Heeschen). Mit der Charakterisierung der Sprache als soziale Institution hat de Saussure die Linguistik von der Psychologie entfernt. Die Junggrammatiker hatten die Sprache grundsätzlich als „Funktion der sprechenden Personen“, d.h. als eine psychische Funktion anerkannt und sich damit der Psychologie untergeordnet. Demgegenüber scheidet de Saussure das Soziale vom Psychischen und erklärt das Soziale als neue Qualität der Sprache. Seiner Auffassung nach ist das Soziale keine Resultante aus dem Individuell-Psychischen, sondern dessen Voraussetzung.
Damit soll aber nicht der Eindruck vermittelt werden, dass die Langue nicht „psychologisch oder neurologisch real“ ist. Denn in jedem individuellen Gehirn liegt eine Kopie der Langue vor und ohne deren Vorhandensein könnte der Mensch gar nicht sprechen. 4.2.3. Sprache als System von Zeichen.
Dadurch, dass Ferdinand de Saussure die Sprache als das unser Sprechen strukturierende System auf ihre Grundstrukturen hin untersuchte, entdeckte er, dass sie auch zu den menschlichen Zeichensystemen gehört. Sprachliche Zeichen entsprechen weder einer Sache noch einem Namen. Im Gegenteil, sie entsprechen der Vorstellung, die in einer Person gegenüber dieser Sprache entsteht und dem Lautbild, was im Gedächtnis vorhanden ist. Diese Zeichen bestehen aus dem Signifikanten/Bezeichnenden einerseits und dem Signifikat/ Bezeichneten andererseits, wobei ersterer für die „Form“ oder das „Lautbild“ und der zweiter Begriff für den „Inhalt“ oder die „psychische Vorstellung“ steht, die beim Gebrauch hervorgerufen wird.
Für sich allein sind diese Bestandteile sinnlos, was heißen soll, dass ohne Form kein Inhalt und ohne Inhalt keine Form besteht bzw. übermittelt werden kann. Ohne die jeweilige Differenzierung und die Verknüpfung von Inhalten und Formen zu Zeichen gäbe es nach Sausure nur zwei gestaltlose Massen : eine „Nebenwolke“ des Denkens ohne Formen einerseits und eine „lautliche Masse“ undifferenzierter Geräusche anderseits :
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“Der materiale Laut kann erst als Bedeutungsträger zu einem sprachlichen Laut werden, das Denken kann erst in der Fassung eines sprachlichen Lautes zu einer
Vorstellung werden“ 8 .
Diese Verknüpfung gilt notwendigerweise als willkürlich oder unmotiviert, d.h. sie ist beliebig, weil nur soziale Konvention darüber bestimmt, dass beispielsweise im Deutschen für den Zustand „Nichtwachsein“ das Verb „schlafen“ verwendet wird und kein anderes.
Damit wird deutlicher, inwieweit die Zeichen als Grundeinheiten der Sprache zu bestimmen sind. Ein Zeichen bestimmen, heißt zugleich, seine konkrete Tatsächlichkeit, seine Realität und Identität zu bestimmen. Ferdinand de Saussure hat auch andere Konzepte zur Zeichenbestimmung verworfen, wie z.B. traditionelle Konzepte oder auch Zeichenbestimmung durch das Wort.
Nach Saussure werden die Klassifikationen „Substantive, Adjektive, Verben usw. „ der traditionellen Sprachwissenschaft abgelehnt, weil sie auf logischphilosophischen Erwägungen basieren ; hinten ihnen stehen philosophische Anschauungen über „Substanz, Ding usw.“, nicht aber die sprachliche Realität selbst. Es wären extralinguistische „Abstraktionen“, die sich vor die Sprache schieben.
Diese Behauptung, in der Ablehnung fremder, der Sprache unangemessener Kategorien zeigt eine Kontinuität von der Junggrammatikern zu de Saussure. Damit wird deutlicher, wie de Saussure die Junggrammatik auf ihrem eigenen Boden überwindet. Der Unterschied besteht darin, dass für de Saussure auch psychologische Kategorien der Sprache unangemessen sind, während die Junggrammatiker die Sprache direkt als psychologisches Phänomen anerkannten. Für Saussure deckt sich das Wort nicht mit dem Zeichenbegriff, da in manchen Wortarten zwei oder mehrer Vorstellungen enthalten sind (z.B. schmerz-lich, Mensch-heit ). An seiner Stelle tritt meistens das Morphem als kleinste sprachliche Einheit, die Bedeutung hat, was in dieser Form nichts anderes als de Saussures Zeichen ist.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die sprachlichen Einheiten weder über philosophisch, soziologisch, psychologisch oder andere extralinguistisch fundierte Begriffe noch durch Bezugsnahme auf ihr substantielles Substrat bestimmbar sind.
8
P. Prechtl, Saussure zur Einführung. Hamburg 1994: 75
11
Daraus ergibt sich, dass sie aus ihrem eigenen System heraus bestimmt werden, d.h. durch ihre Stellung zueinander.
Um diese Vorgehensweise zu verdeutlichen, erwähnt Saussure als Vergleich das Schachspiel : Ein Springer an sich hat keine Bedeutung. Bedeutung kann er nur dadurch erhalten, dass ihm eine bestimmte Bedeutung innerhalb des Schachspiels zukommt. Dabei ist es unwichtig, aus welcher Substanz er hergestellt wurde oder was für eine Gestalt er annimmt. Der Springer ist ein sinnliches Phänomen, das zum Zeichen werden kann, durch die Beherrschung der Schachspielsregeln. Deshalb wichtiger sind seine vom Spielsystem festgelegten Beziehungen zu den anderen Figuren, d.h. seine Geltung oder sein Wert (valeur).
Genauso existiert eine sprachliche Einheit nur in und durch das System, das sie mit den anderen Einheiten zusammen bildet. Nun zwischen diesem Einheiten kommt es auch zu verschiedenen Beziehungen, die de Saussure unter syntagmatische und paradigmatische Beziehungen unterteilte. Unter einem Syntagma versteht man die Aneinanderreihung mehrerer sprachlicher Elemente (z.B. /t/,/i/,/s/, - /tis/ ). Ein Paradigma bilden zwei oder mehrere Elemente, wenn das Vorkommen des einen an einer bestimmten Stelle in einem Syntagma das Vorkommen der anderen ausschließt (z.B. schließt das t in tis das Vorkommen von f aus ). Auf der Grundlage der paradigmatischen und syntagmatischen Beziehungen der Elemente kann eine ganze Hierarchie von Klassen aufgestellt werden, die als Deskriptionskategorien in der Realität der Sprache selbst wurzeln und damit die Kategorien wie Substantiv oder Verb ablösen können.
Diese Arbeit soll sich nun nicht auf das Kategoriensystem konzentrieren, sondern eher auf die Saussures Annahme über die Sprache. Hier sei anzumerken, dass seine größte Leistung auch die Trennung von diachronischer und synchronischer Sprachbetrachtung war.
4.2.4. Synchronische und diachronische Sprachbetrachtung. „ Synchronisch ist alles, was sich auf die statische Seite unserer Wissenschaft bezieht ; diachronisch alles, was mit den Entwicklungsvorgängen zusammenhängt. Ebenso sollen Synchronie und Diachronie einen Sprachzustand bzw. eine
Entwicklungsphase bezeichnen“ 9 .
9 F. de Saussure, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft .Berlin 1967: 96
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Saussures Verdienst war es, den Gegenstand der Linguistik genauer zu erforschen und ihn von der historischen Vorgehensweise seiner Zeit zu differenzieren, indem er der „Diachronen Sprachwissenschaft“ eine „Synchrone Sprachwissenschaft“ entgegenstellte. Während die diachrone Sprachwissenschaft sich mit der zeitlichen Veränderung, bzw. der historischen Entwicklung der Sprache beschäftigt, wird bei der synchronen Sprachwissenschaft die Sprache als System betrachtet. Auch dies wird wieder am Beispiel des Schachspiels erläutet:
Der Übergang von einer Stellung zu einer anderen im Ablauf einer Partie entspricht der Diachronie in der Sprachwissenschaft. Der Synchronie entsprechen die (abstrakten) Regeln des Schachspiels und das Verhältnis (der Wert) der Figuren zueinander in einer bestimmten Stellung.
Zusammenfassend kann man sagen, dass es für Saussure keine historische Grammatik gab, da kein Sprachsystem zu gleicher Zeit in verschiedenen Epochen gilt. Die Diachronie soll sich seiner Meinung nach nur mit der Phonetik beschäftigen, also mit dem Nichtgrammatischen. Schon die Junggrammatiker hatten die historische Sprachbetrachtung als Wissenschaft etabliert. Somit hat sich de Saussure in der diachronischen Sprachbetrachtung selbst eigentlich von den Junggrammatikern nie gelöst. Sprachwandel ging auch für ihn vom Individuum aus, auch für ihn waren Lautveränderungen bestimmte Ereignisse, die untereinander kein System bilden und auch von keinem System bedingt sind.
4.3. Zur Erfassung des Saussures Theorie
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass de Saussure in den o.g. „wirren Haufen“ der menschlichen Rede durch mehrere Dichotomien und durch Herausarbeiten der Langue Ordnung gebracht hat, und damit die Linguistik als autonome Wissenschaft konstituiert. Dies lässt sich in folgender Graphik darstellen.
Menschliche Rede
5. Schluss
Da Saussure die Grundsteine für den Strukturalismus legte, wollte ich in dieser Arbeit dem Leser ein enges Feld des „Cours“ vorstellen. Meiner Meinung nach ist Saussures Modell für Sprachbetrachtung besser geeignet als das Programm der Junggrammatiker. Denn, wie man gesehen hat, konnte nicht lange eine solche außerordentliche Verengung des Blickwinkels, unter dem man Sprache betrachtete, akzeptiert werden.
Sicherlich waren Saussures nicht alle Anschauungen und Meinungen neu, dennoch erhielten sie erst in der systematischen Gestaltung und klaren Aussageweise Saussures ihre überragende Bedeutung. Sein Verdienst ist es, wie ich schon oben erwähnt habe, Wahrheiten systematisiert zu haben. Seine Ansichten über Sprache als Zeichensystem haben maßgeblich die Richtung und Methode der Linguistik dieses Jahrhunderts bestimmt.
Unter dem Einfluss der Ansichten von Ferdinand de Saussure über Sprache und als eine Art Reaktion auf die lange vorherrschende junggrammatische Richtung entstanden neue Strömungen in der Sprachwissenschaft, die in die Entstehung mehrer strukturalistischer Schulen mündeten, wie z.B.: die Genfer Schule, die Prager Schule, die Kopenhagener Schule u.a.
An dieser Stelle sei auch anzumerken, dass de Saussure sich weniger auf die eigentliche Grammatik bezogen hat. Andere Linguisten haben sich mehr auf Einzelkomponenten von Sprachen wie Syntax oder Semantik bezogen, wie z.B. N. Chomsky. Für Saussure war die Syntax nicht Gegenstand der Langue, sondern der Parole, daher fehlt die Syntax im „Cours“. Zur Langue gehörte die soziale Funktion der Sprache und damit wollte ich in meiner Arbeit verdeutlichen : „...die Sprache an und für sich selbst betrachtet ist der einzige wirkliche Gegenstand der Sprachwissenschaft “(vgl. Saussure, S.279).
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Literaturverzeichnis
Bierwisch, Manfred 1966. Strukturalismus: Geschichte, Probleme und Methode. In: Kursbuch 5, hrsg. von H.M. Enzensberger. Frankfurt/M. Bußmann, Hadumod 1990. Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart: Kröner. Dresselhaus, Günter 1979. Langue/Parole und Kompetenz/Performanz. Zur Klärung der Begriffspaare bei Saussure und Chomsky. Frankfurt: Lang. Heeschen, Claus 1974 (2.Auflage). Grundfragen der Linguistik. Stuttgart: Kohlhammer.
Prechtl, Peter 1994. Saussure zur Einführung. Hamburg: Junius. Saussure, Ferdinand de 1967. (2.Auflage). Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin: Gruyter.
Schiwy, Günther 1969. Der französische Strukturalismus. München: Rowohlt.
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Magdalena Henrykowska, 2001, Strukturalismus. Saussures Sprachbetrachtung anhand seines Werkes: "Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft" und die Unterschiede zum Programm seiner Vorgänger, München, GRIN Verlag GmbH
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