Inhalt:
1. Einleitung
2. Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität: Empirische Befunde
3. Moralentwicklung und ihre Implikationen
3.1 Moralentwicklung und Institution
3.2 Moralentwicklung und institutioneller Wandel
3.2.1 Institutioneller Wandel und geschlechtsspezifische
Probleme
4. Interdisziplinäre Lösungsvorschläge
5. Ausblick
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1. Einleitung
Die Gesellschaft, in der die Menschen um die Jahrtausendwende leben, sucht noch ihren Namen. Während Luhmann von der "Funktional Differenzierten Gesellschaft" ausgeht 1 , das Individuum als quasi außerhalb der Gesellschaft stehend betrachtet, und welche ihrerseits ein undurchsichtiges, sich weitgehend autonom organisierendes
Kommunikationssystem darstellt, spricht Habermas von einer "Postnationalen Konstellation" 2 , in der die Individuen (wieder) die Chance erlangen, sich politisch zu mobilisieren im Sinne der Citoyennité. Ulrich Beck versteht das "Lamento über den Werteverfall" 3 als Unvermögen der Generation der Älteren, die Reaktion der Heranwachsenden auf das bestehende, institutionalisierte, vermachtete nationalstaatliche System, sowie auf den "Marktfundamentalismus" 4 , nachzuvollziehen, die sich - mit hochpolitischen Konsequenzen - der Politik (wie sie bisher gemacht wurde) zu entziehen. In diesen Tagen findet der Rücktransport des aufgearbeiteten Atommülls aus Frankreich nach Gorleben statt; Menschen zeigen zu Tausenden ihren Widerstand. Vor dieser Realität von Werteverfall zu sprechen, wäre wohl kaum plausibel.
Gleichwie man dem Strukturwandel gegenübersteht - ob optimistisch oder mit Grauen vor der Zukunft: Niemand kann die sozialen Folgen der Globalisierung, die zwar viele Gewinner, jedoch noch mehr Verlierer hervorbringt, leugnen. Prozesse wie Globalisierung, Entnationalisierung, etc., bedeuten zunächst, und besonders für junge, heranwachsende
1 LUHMANN, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main : Suhrkamp
Verlag 1997
2 HABERMAS, Jürgen: Die postnationale Konstellation. Politische Essays. 1. Aufl.
Frankfurt am Main : Suhrkamp 1998, 91, ff
3 BECK, Ulrich: Wider das Lamento über den Werteverfall. In: Ders (Hrsg.): Kinder der
Freiheit. 4. Aufl. Frankfurt am Main : Suhrkamp 1998, S. 9, ff
4 ebenda, S. 24
3
Menschen, eine gewisse Unübersichtlichkeit, den Wegfall gewohnter Sicherheiten. Globalisierung verlangt hohe Mobilität, Entnationalisierung bedeutet, daß sich Identitätsstrukturen wandeln: kollektive Identitäten verflüssigen sich, Feind- und Freundbilder, wie sie z.B. der Kalte Krieg zuließ, werden relativiert.
Vor diesem Hintergrund scheint das Phänomen der Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität nachvollziehbar: Der Verlust der kollektiven Nationalidentität, die "Ferne der Politik", die Unsicherheit der jeweils eigenen Zukunft weckt die Sehnsucht nach geordneten Strukturen. Jugendliche finden Sicherheit in den Identitäten von kleineren Gruppen und Gruppierungen, womöglich treibt sie der Mobilitätsdruck, und die mit ihr zusammenhängende Unsicherheit in den Drogenkonsum, in die Krimninalität. Eltern sind ihrerseits, jedoch auch mit Blick auf ihre Kinder vor solche Probleme gestellt - und oftmals ratlos. Die Aufgabe von Experten, die sich mit diesen Symptomen beschäftigen, wie es Mediziner, Juristen, Pädagogen, Psychologen und Polizisten sind, wird es sein, adäquat zu reagieren. Vor dem Hintergrund anwachsender Probleme, wie sie oben angedeutet sind und dem Rationalisierungsdruck durch staatliche Institutionen, wird eindeutig eine interdisziplinäre Herangehensweise gefordert 5 , um den Schwierigkeiten in ihrer Multidimensionalität zu begegnen.
5 siehe in: Rat für Kriminalitätsverhütung in Schleswig - Holstein (Hrsg.): Konzepte zur
Kriminalitätsverhütung. Prävention von Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität. Kiel
1999, S. 141, ff
4
2. Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität: empirische Befunde 1999
Die Polizeiliche Kriminalstatistik, die das Bundeskriminalamt (BKA) zum Berichtsjahr 1999 im Internet veröffentlicht 6 , läßt augenscheinlich aufatmen: der Anteil tatverdächtiger Kinder ist von 1998 zu 1999 um 1,4 % gesunken, der Anteil tatverdächtiger Jugendlicher im gleichen Zeitraum um 1,9%. Der besorgniserregende allgemeine Aufwärtstrend seit 1993 konnte sich somit nicht fortsetzen. (siehe Abbildung 1 im Anhang) Bemerkenswert, jedoch nicht weniger besorgniserregend ist jedoch die Qualität der Delikte. Der Vergleich der Berichtsjahre 1998 und 1999 zeigt zwar einen Rückgang der Delikte wie Diebstahl, schwerer Diebstahl und Raub. Betrugsdelikte nahmen jedoch bei Jugendlichen um 2,5% zu, Rauschgiftdelikte um 7,9%.
Dramatischer ist jedoch der Trend mit Blick auf diejenigen Delikte, die allgemein mit Gewalt zusammenhängen: Sachbeschädigung und Körperverletzung.
Die Zunahme tatverdächtiger deutscher Jugendlicher im Deliktsbereich Körperverletzung beträgt im Vergleich 1998 - 1999 8,5%, im
Deliktsbereich Sachbeschädigung 4,1%.
Ein noch höherer Anstieg verzeichnete sich in der Betrachtung der Entwicklung tatverdächtiger deutscher Kinder. Im Deliktsbereich Sachbeschädigung besteht ein Anstieg um 4,8%, im Deliktsbereich Körperverletzung um 15,6. Ähnlich stark ist der Anstieg bei nichtdeutschen Kindern, weniger jedoch bei den nichtdeutschen Jugendlichen. (siehe Abbildung 2 und 3 im Anhang)
6 siehe www.bka.de/pks/pks1999/inhalt1.htm am 26.03.2000
5
3. Moral und Kriminalität 3.1 Moralentwicklung und ihre Implikationen Sowohl die Soziologie, als auch die Kriminologie greifen auf Theoriebestände der Entwicklungspsychologie zurück. Die "Stufen des Moralischen Bewußtseins" nach Kohlberg 7 bilden einen wichtigen Baustein in der Betrachtung der Entwicklung von Moralbegriffen in der Kindheit und der Adoleszenz. Habermas implementiert die Theorie in seine "Theorie Kommunikativen Handelns" 8 bzw. entwickelt an der Kohlbergschen Moralkonzeption die Rekonstruktion einer kritischen Gesellschaftstheorie 9 . Die Lernliteratur der deutschen Polizei baut teilweise auch auf diese Konzeption auf 10 .
Kohlberg wollte für die Moralentwicklung - ähnlich wie J. Piaget es bei der Kognitiven Entwicklung versucht hat - eine Entwicklungslogik nachweisen. Moral entwickele sich demnach in irreversiblen, diskreten Stufen, wobei die nächsthöhere die vorhergehende einschließt, assimiliert und aufhebt und mit ihr ein höheres Niveau bildet.
Moralentwicklung nach Kohlberg findet in drei Stadien (Niveaus) statt, die sich jeweils in zwei Stufen einteilen. 11 Hier interessieren unter der Fragestellung nach Jugendkriminalität und Kinderdelinquenz besonders die Dimension "Die Gründe, das Rechte zu tun", sowie die "Soziale Perspektive der Stufe".
7 KOHLBERG, Lawrence: Die Psychologie der Moralentwicklung. 1.Auflage. Frankfurt
am Main : Suhrkamp 1995, S. 128,ff
8 HABERMAS, Jürgen: Theorie des Kommunikativen Handelns. Band 2. Zur Kritik der
funktionalistischen Vernunft. Frankfurt am Main : Suhrkamp 1999, S. 260
9 ders.: Moralentwicklung und Ich - Identität. In: Zur Rekonstruktion des Historischen
Materialismus. 6. Aufl. Frankfurt am Main : Suhrkamp 1995
10 BURGHARDT, Waldemar; HAMACHER, Hans-Werner (Hrsg.): Lehr - und
Studienbriefe Kriminologie. Nr.12 Jugendkriminalität / von Stefan Kerner. Hilden/Rhld. :
Verlag deutsche Polizeiliteratur 1996, S. 64, ff
11 siehe Anlage
6
Kohlberg geht hierbei von einem entwicklungslogischen Bildungsprozess aus 12 , die Stufen unterscheiden sich mit Blick auf den Moralbegriff am Grad der Universalisierung un der Abstraktion. Das erste, präkonventionelle, Niveau (I) teilt sich in die Stufen (1) punishment - obiedience und (2) instrumental hedonism; in der ersten Stufe werden Handlungen konkret dem äußeren Erscheinungsbild der Akteure zugerechnet, die eigene Perspektive wird mit der des Gegenüber verwechselt. Diese Stufe ist gekennzeichnet durch Egozentrismus; Regeln werden befolgt, da ihre Übertretung mit Strafe bedroht ist. Mit der zweiten Stufe reift das Bewußtsein über konkurrierende Bedürfnisse der Personen in der unmittelbaren Umwelt. Gerechtigkeit ist relativ, wird pragmatisch angewandt. Das konventionelle Niveau, besonders der Übergang zum darauffolgenden ist für die Betrachtung des Themas besonders interessant; es bezeichnet den Lebensabschnitt, von dem etwa ein Kind in die Schule kommt. Kohlberg nennt es das "konventionelle Niveau" (II), weil das Kind nunmehr lernt, als Träger verschiedener Rollen in verschiedenen Kontexten bestimmte Funktionen zu erfüllen. Es orientiert sich an heteronomen Moralstandpunkten innerhalb primärer Gruppen, an konkreten "goldenen Regeln", ist sich bestimmten Erwartungen, die aus seiner Umwelt an es herangetragen werden, bewußt; diese dritte Stufe nennt Kohlberg "the good-boy-orientation" (3). In der nächsten Stufe "law-and-order-orientation" (4) erweitert sich der moralische Horizont auf sekundäre Gruppen, auf das Normensystem, etwa wie die einer kulturellen Gemeinschaft oder des Nationalstaates, durch welche Rollen und Normen festgelegt werden. Im höchsten Niveau (III), dem postkonventionellen, erreicht der Heranwachsende / der Jungerwachsene mit der fünften Stufe, der "social-contractual-legality-orientation", (5) das Bewußtsein von Werten und Rechten, die Bindungen und Verträgen womöglich vorgeordnet sind. Es ist eine konfliktreiche Stufe, da möglicherweise Legalität und Moralität
12 wobei z.B. HABERMAS behauptet, dass diese Beweislast von Kohlberg nicht eingelöst
sei; seine eigene Herleitung einer Entwicklungslogik in den Bildungsprozessen von
Moralentwicklung und Ich - Identität bleibt jedoch m.E. auch undurchsichtig und sogar
fehlerhaft. Siehe: Moralentwicklung und Ich - Identität. In: Zur Rekonstruktion des
Historischen Materialismus. 6. Aufl. Frankfurt am Main : Suhrkamp 1995, S. 76, sowie
Schema 4 auf Seite 83: die Zuordnung des Schemas der kognitiven Entwicklung (Piaget)
zur Moralentwicklung folgt nicht den Zuordnungen der vorhergehenden Schemata.
7
miteinander in Konkurrenz stehen. Während letzten Stufe nach Kohlberg 13 (6) der "ethical-principled-orientation" folgt das Individuum
selbstgewählten ethischen Prinzipien. Es handelt aus dem Glauben an universalgültige moralische Prinzipien, fühlt ihnen gegenüber eine persönliche Verpflichtung, und sieht dieses Recht in jeder anderen Person. Normen leiten sich im allgemeinen von Prinzipien her. Im Konfliktfalle gilt dem Prinzip die Präferenz.
Die letzte Stufe ist nach Kohlberg empirisch selten anzutreffen. Unter den Prämissen einer solchen - von ihren Grundlagen her offensichtlich noch aktuellen - Theorie verbietet sich eine einseitige, etwa ausschließlich juristisch Betrachtung des Ausgangsproblems. Die Frage stellt sich, ob das System, die Institutionen in ihrer bestehenden Struktur in der Lage sind, adäquat auf die Krisen seiner Heranwachsenden zu reagieren.
3.2 Moralentwicklung und Institution
In Kohlbergs Moralkonzept spielen soziale Institutionen eine Tragende Rolle; die erste Institution, der das Kind gegenübersteht ist die Familie. Mit dem "Sprung" auf das konventionelle Niveau ist das Kind in der Lage, sich mit abstrakteren, anonymeren Formen von Institutionen aueinanderzusetzen. Mit ihnen werden Rollen- und Normenfestlegungen assoziiert. Erst mit dem dritten Niveau erlangt der Heranwachsende ein Verständnis für das "meta-institutionelle"; hier kann hinterfragt werden, wie und warumwenn-so, Traditionen, Rollen und Normen festgelegt sind. Insofern steht die postnationale Gesellschaft, die im Prozess der Globalisierung begriffen ist vor der Frage, wie sie Traditionen, Rollen und
13 Die vorletzte nach Habermas, siehe: ebenda, wobei jedoch auch schon Kohlberg im o.a.
Text darüber spekuliert, ob noch eine weitere, höhere Stufe einzuführen sei, z.B. eine
religiös - ethische.
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Normen rechtfertigt, die vorher durch die nationalstaatliche Verfaßtheit gesichert schienen.
Gleichsam geraten traditionelle Lebenskonzepte der bürgerlichen, nationalen Gesellschaft ins Wanken, wenn sich das Frauenbild ändert: Der Frau wird nicht mehr ihr Platz im Leben angewiesen, sondern sie emanzipiert sich gegen patriarchale Vorstellungen. Nicht zuletzt sieht sich die wohl grundlegendste Institution der Gesellschaft, die Familie ihrerseits in einem Strukturwandel begriffen.
3.3 Moralentwicklung und institutioneller Wandel
Globalisierung beschreibt einen Makroprozess, der scheinbar nur auf der wirtschaftlichen und politisch - rechtlichen Ebene abläuft. Jedoch müssen diesen Makroprozessen auch solche auf der Mikroebene entsprechen. Die Frage ist nun: Welche Normen- und Rollenmuster gelten für ein Kind / einen Heranwachsenden, das / der sich auf dem konventionellen Niveau befindet, wie es oben beschrieben ist?
"Je mehr Freiheit wir haben, desto mühsamer und bedrohlicher erscheint sie. Ich glaube, daß es den Menschen nicht mehr so sehr um das Bedürfnis geht, zu einer Gemeinschaft zu gehören, sondern vielmehr um die Befreiung vom Zwang, ständig wählen und entscheiden zu müssen. Wo die Freiheit zum Käfig wird, suchen viele die Freiheit des Käfigs (neue oder alte Religionsbewegungen, Fundamentalismus, Drogen, Gewalt)" 14
Es ist also wichtig, Orientierungspunkte zu geben, die einst vielleicht durch nationale Identität, Zugehörigkeit zu einer politischen Klasse etc. abgeleitet wurden. Besonders im Osten Deutschlands litt die Bevölkerung unter dem Wegfall der Jugendorganisation der Pioniere und der FDJ. Man mag sich über Uniformen und über Kommunismus streiten können, jedoch haben
14 BAUMANN, Zygmund. Wir sind wie Landstreicher. In: Süddeutsche Zeitung vom
16/17.11.1993, 12. In: BECK, Ulrich: Wider das Lamento über den Werteverfall. In: Ders
(Hrsg.): Kinder der Freiheit. 4. Aufl. Frankfurt am Main : Suhrkamp 1998, S.24
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diese Organisationen auch eine spezifisch soziale, integrative Funktion erfüllt.
Ist es möglich, wie Ulrich Beck 15 es träumt, daß mit der Globalisierung gleichsam eine Intensivierung von lokalen, deliberativen, in Eigenarbeit hergestellten Netzwerken einhergeht?
Die Aufgabe solcher Netzwerke wäre es wohl, Hilfestellungen zu geben für die Kinder und Heranwachsenden; die Sinnentleerung der Tradition 16 , das Vakuum, welches erzeugt wird, wenn Identitäten in Frage gestellt werden, müßte dann auf dieser Mikroebene aufgefüllt werden. Hier stellen sich Fragen an die Zukunft: Inwiefern ist es möglich, Netzwerke lokaler Natur, die aus einer Mischung bürgerlicher Eigenarbeit und professionelle Betreuung bestehen zwar gewissermaßen zu institutionalisieren, jedoch auf der anderen Seite nicht zu bürokratisieren, und so dem lokalen Bezug, der ja die Identität liefern soll, zu entfremden? Bei der Lektüre von Giddens vor dem Hintergrund der Kohlbergschen Theorie tauchen neue Fragen auf: Giddens schreibt: "Traditionen können diskursiv artikuliert und verteidigt - mit anderen Worten, als Werte gerechtfertigt werden in einem Universum mit einer Vielzahl konkurrierender Werte." 17
Jedoch setzt das ja schon die reflexiven hochabstrahierenden Fähigkeiten eines Moralniveaus der höchste Stufe (nach Kohlberg) voraus 18 . Die Vorstellungen einer diskursiven Öffentlichkeit, die ihre Geltungsansprüche permanent selber herstellt (und wie auch Habermas es denkt) setzen zweierlei voraus: autonome, emanzipierte Individuen, bzw. eine soziale Umwelt, die es zuläßt, daß sich nachwachsende Generationen zu solchen entwickeln.
15 siehe den schon mehrmals zitierten, von U. Beck herausgegebenen Sammelband
16 im Sinne Anthony Giddens´: Leben in einer posttraditionalen Gesellschaft. In BECK,
Ulrich; GIDDENS, Anthony; LASH,Scott: Reflexive Modernisierung. Frankfurt am Main :
Suhrkamp 1996, S. 175
17 ebenda, S. 183
18 nach Habermas, wie oben angedeutet, würde sich dies in einer darauffolgenden,
siebenten Stufe erst ermöglichen.
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Eine solche Gesellschaft ist jedoch wohl nicht ad hoc zu haben, sondern setzt evolutive Lernprozesse voraus. Jedoch scheint es mir, als sei der beschriebene Trend der Globalisierung einerseits und der lokalen Vernetzung andererseits ein wesentlicher Schritt in diese Richtung. 3.1.2 Institutioneller Wandel und geschlechtsspezifische Probleme Wenn immer im Allgemeinen von institutionellem Wandel gesprochen wird, muß die Familie als grundlegendste Institution unserer Gesellschaft betrachtet werden. Die Problematik des Wegfalls von Traditionen, Veränderung von Werten wird unter diesem Blickwinkel deutlich, insbesondere offensichtlich in Bezug auf Jungen und männliche Jugendliche. Diese Betrachtungsweise fußt auf einem
entwicklungspsychologischen und psychoanalytischen Ansatz und bezieht zusätzlich den Aspekt der veränderten Beziehungen zwischen Eltern und Kindern sowie die veränderten sozialen Rahmenbedingungen mit ein. Auffällig an jugendlichen Gewalttätern ist, daß es sich hauptsächlich um Jungen handelt. Mädchen spielen anteilig eine untergeordnete Rolle, auch wenn die Gewaltbereitschaft bei ihnen in den letzten Jahren gestiegen ist, so scheuen sie doch in der Mehrheit auch aufgrund ihrer physischen Unterlegenheit körperliche Auseinandersetzungen. Mädchen gehen mit möglichen Gegnern und Gegnerinnen subtiler um und nutzen eher Mobbing und soziale Ausgrenzung als Konfliktmittel. Auch insgesamt haben Mädchen und junge Frauen einen außerordentlich geringen Anteil bei den jugendlichen Tatverdächtigen. Er beträgt ca. 20% durchgängig in allen Altersgruppen. Mädchen begehen die häufigsten Straftaten im Alter von 14-18 Jahren und insbesondere im 15. Lebensjahr.
Jugendkriminalität ist somit ein jungenspezifisches Problem, ebenso wie Kriminalität insgesamt ein männliches Phänomen auch im Erwachsenenalter ist. Die Frage bleibt, warum Jungen, die in den gleichen familiären und sozialen Umfeld-Bedingungen leben, wie die Mädchen, dennoch in stärkerem Maße straffällig werden. Hiermit möchte ich auf den psychoanalytischen und entwicklungspsychologischen Erklärungsansatz zurückkommen. Um den genannten Ansatz besser erläutern zu können,
11
möchte ich aus einem Aufsatz von Evelyn Heinemamm zitieren: "Um Mann werden zu können, muß sich der Junge früh aus der primären Beziehung zur Mutter lösen. Mit ihr fällt auch ein großer Teil seiner Gefühls- und Phantasiewelt der Verdrängung anheim. Seine Angst ist von nun an, in die primäre Beziehung zurückzusinken, da diese die Regression die Zerstörung seiner männlichen Identifikation bedeutet. (...) Der Knabe benötigt nach der Theorie Chodorows den Vater oder eine männliche Bezugsperson, um die Introjektion (Verschlungen-, Eingesogenwerden, der Autor) der Mutter, die archaische Identifikation mit der weiblichen Mutter mittels einer männlichen Identifikation abwehren zu können.". 19
Dies unterscheidet den Jungen grundsätzlich von Mädchen, da bei Mädchen so Evelyn Heinemann die "weibliche Persönlichkeit (..) weniger auf Verdrängung und Abspaltung innerer Objekte aufgebaut (ist), weil Töchter die Introjektion der Mutter nicht abwehren müssen, um ihre Geschlechtsidentität zu erhalten. Weil sie die präödipale Liebe zur Mutter weiterführen, definieren und erleben sich Mädchen im Verlauf ihres Heranwachsens als kontinuierlich mit anderen verbunden (Chodorow 1985, 220).". 20
Dies mag eine Erklärung dafür sein, warum Mädchenfreundschaften in der Pubertät und auch später stabiler sind, als die von Jungen. Entscheidend ist aber, daß gerade die männlichen Identifikationsfiguren, insbesondere die Väter nicht ständig bei den Familien bleiben und eine große Anzahl von Kindern und Jugendlichen zunehmend nicht mehr mit ihrem leiblichen Vater aufwächst sondern im Rahmen neuer Partnerschaften ihrer Mütter mit neuen "Vätern". Oftmals leben die Mütter sogar allein mit ihren Kindern und die Beziehung zum Vater reißt komplett ab. Evelyn Heinemann schreibt sinngemäß hierzu:
"In einer Kultur, in der vor allem Frauen bemuttern und die Aufgaben der
19 HEINEMANN, Evelyn. Psychoanalyse und Pädagogik im Unterricht der Sonderschule,
in: Gewalttätige Kinder. Frankfurt am Main 1992, S. 84
12
primären Beziehung übernehmen, erscheint weniger die Mutter-Tochter-Beziehung (...) problematisch. Problematisch erscheint vor allem auch die Vater-Sohn-Beziehung. Der Sohn ist für seine Selbstentwicklung, zur Identifikation, fundamentaler als das Mädchen von männlichen Bezugspersonen abhängig. Nicht der Objektwechsel des Mädchens, sondern der Identifikationswechsel des Knaben scheint in einer Kultur, in der Vaterschaft unsicher ist, ein entscheidendes Problem zu sein. Der Vater hat (...) für die Selbstentwicklung des Knaben strukturierende fundamentale Funktionen.". 21
Aber genau dies können die vielfach abwesenden Väter für die Jungen nicht mehr leisten. Und hierin steckt auch nach meiner Erfahrungen mit Jugendlichen ein grundsätzliches Problem. Die Jungen brauchen ein starkes männliches Vorbild als integrales Bestandteil entweder ihrer Familie oder ihres direkten sozialen Umfeldes (z.B. Verwandte) um sich an diesem Mann reiben zu können und um sich gedanklich und emotional mit ihm austauschen zu können. Nur so werden sie in die Lage versetzt eine eigene männliche Identität und ein eigenes Rollenverständnis von Männlichkeit mit allen dazugehörigen Attributen entwickeln zu können. Das können die Mütter beim besten Willen nicht leisten, überfordert sie nach meinen eigenen sehr privaten Erfahrungen und darf ihnen andererseits auch nicht als Versagen angelastet werden.
Evelyn Heinemann sieht in diesem Problem denn auch die Ursache von dissozialen und gewalttätigen Verhaltens männlicher Jugendlicher. Sie schreibt dazu:
"Ein Problem der männlichen Entwicklung scheint mir zu sein, daß der Knabe auf Männer angewiesen ist, die durch die kulturellen Normen weniger zuverlässig zur Verfügung stehen als die Mütter. Genau an dieser Schwierigkeit scheinen aggressive und dissoziale Knaben zu scheitern. Eine dänische Untersuchung zeigte, daß nur 25 % der wegen Delinquenz und schwerer Verhaltensstörung in ein Heim eingewiesenen Jungen vom ersten bis sechsten Lebensjahr ein und denselben Vater hatten. Bei der
20 Ebenda
13
Vergleichsgruppe der Normalbevölkerung waren dies immerhin 83% (Jonsson 1967).
Das Fehlen des Vaters oder die Unmöglichkeit, sich mit diesem zu identifizieren, machen dann den narzißtischen Mangel des aggressiven und dissozialen Knaben aus. Aggressives Verhalten bei Knaben ist Ausdruck erhöhter narzißtischer Kränkbarkeit, weil ihnen wesentliche Momente in der Selbstentwicklung verlorengehen, da sie die Identifikation mit der Mutter abwehren müssen und ein zuverlässiger männlicher Ersatz fehlt. In der Dissozialität suchen sie dann nach Männlichkeit." 22
Zwar wird es keinem außenstehenden professionellen Betreuenden gelingen, die Vaterfigur zu ersetzen, jedoch wird hier eindeutig der Standpunkt begründet, wie wichtig die männliche Identifikationsfigur für den heranwachsenden Jungen ist, um seine Entwicklung zu fördern.
4. Interdisziplinäre Lösungsvorschläge
Unter diesen Annahmen wird die Dimension von Jugendschutz und Jugendförderung, sowie die verschiedenen Sinnverweisungen deutlich, wenn es um Prävention von Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität geht. Mehr als zuvor sind Bürger gefordert, z.B. im Ehrenamt der Jugend Hilfestellung zu leisten.
Mehr als zuvor auch zeigt sich, daß Ärzte, Polizisten, Jugendamt, Beamte im Jugendstrafvollzug, Pädagogen, Psychologen, Lehrer, Erzieher, Ehrenamtliche und natürlich die Eltern in einen interdisziplinären, permanenten Kommunikationsprozess treten müssen. Der Rat für Kriminalitätsverhütung in Schleswig - Holstein forderte 1999, zu beachten, daß sich Prävention auf alle Lebensbereiche der Kinder erstrecken muß (z.B. auch den pränatalen), und viel mehr noch: daß Zuständigen ermöglicht wird, sich zu vernetzen und sich weiterzubilden
21 Ebenda, S. 86
14
"Ungeachtet der jeweiligen Aufgabenkreise sind daher (...) die konzeptionelle und praktische Weiterentwicklung von Formen der Kooperation und die Evaluierung von Modellen der Vernetzung." 23
Zudem wird die Einrichtung einer Zentralstelle im Jugendministerium einer multiprofessionellen Beratungs- und Lenkungsgruppe gefordert, aber auch -und das scheint mir bedeutender:
"...ein regelmäßiger und institutionalisierter Erfahrungsaustausch insbesondere zwischen Gesundheitswesen, Schule und Jugendhilfe, zwischen Jugendhilfe und Polizei, sowie zwischen Jugendhilfe und Staatsanwaltschaften oder Gerichten und seine Verankerungen bis hinunter zu den entsprechenden Gremien vor Ort."
Auch hier wird Wert gelegt auf die Betonung lokaler Zusammenhänge: Die Einzelschule muß die Möglichkeit haben, mit unmittelbar in der Region befindlichen Institutionen der Jugendhilfe, der Jurisprudenz, etc. in Kontakt zu treten.
Jugendarbeit ist demnach kein fachspezifischer Exklusivbezug, sondern fordert in vielen gesellschaftlichen Einrichtungen ausgeprägte und vor allem vernetzte Kompetenzen.
Dabei wäre es falsch, einseitige Schlußfolgerungen zu ziehen, und z.B. das Strafmündigkeitsalter herabzusetzen. Es wäre einseitig deshalb, weil ein solcher Schritt lediglich die Kompetenzen von Staatsanwaltschaften, Gerichten und Polizei stärkte.
Prävention muß sich jedoch auf die gesamte Lebenswelt beziehen. Die Dreigliedrigkeit von Prävention 24 betont den mehrdimensionalen Charakter:
22 Ebenda
23 Rat für Kriminalitätsverhütung in Schleswig - Holstein (Hrsg.): Konzepte zur
Kriminalitätsverhütung. Prävention von Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität. Kiel
1999, S. 129,f
15
Primäre Prävention, die direkt bei problematischen Familienverhältnissen ansetzt, wenn diese daraufhindeuten, daß die Gefahr von Delinquenz besteht; besonders Gynäkologen, Kinderärzte, Erzieher und Lehrer sind in diesem Zusammenhang zu sensibilisieren;
Sekundäre Prävention, die Jugendlichen, die aufgrund problematischer Familienverhältnisse den Schul- oder Berufsausbildungsabschluß nicht erreicht haben, eine erneute Chance zur Erreichung dieser Ziele gibt, und so möglicherweise Kriminalität verhindert; hier ist eine Vernetzte Zusammenarbeit zwischen Arbeitsamt, Berufsschule / Schule, Eltern mit dem Jugendlichen nötig;
Tertiäre Prävention, oder auch "Rückfallprävention", die sich auf Heranwachsende beziehen soll, die bereits straffällig geworden sind. Ihnen soll aber durch Hilfe (statt Strafe) die Reintegration ermöglicht werden. Dies gilt besonders in Fällen, in denen abzusehen ist, daß der Jugendarrest keine reintegrative Maßnahme darstellt, sondern nur einen weiteren Schritt in die Kriminalität.
Hier ist eine sensible Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Staatsanwaltschaft nötig, damit Reintegration und Rückfallprävention möglich werden.
Dies sind jedoch hohe Ansprüche an die Jugendarbeit der Zukunft. Die Empfehlungen des Rates für Kriminlitätsverhütung 25 sind gleichsam eine Kritik an Rationalisierungstendenzen durch den Sozialstaat am Bildungssystem und an der Jugendhilfe, sowie an einem zunehmenden sozialen Wandel, der als "Kapitalismus pur" beschrieben wird, jedoch die Investition in das wohl grundlegenste Kapital, die Jugend, verkennt.
24 nach: OERTER, Rolf; MONTADA, Leo (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. 4. Aufl.
Weinheim : Psychologie Verlags Union 1998, S. 1032, ff
25 oben zitiert
16
5. Ausblick
Ich möchte mit dem Ausgang dieser Arbeit an diese Gefahr des "Kapitalismus pur" anknüpfen, und an ein Bild von Gemeinschaft erinnern, das maßgeblich von Hannah Ahrendt geprägt wurde.
Sicher gilt sie nicht als Pädagogin, sie wollte auch niemals "Philosophin" genannt werden, jedoch mit ihrer Liebe zum Individuum, welches seine wahren Werte erst in einem Öffentlichen Raum, frei von Notwendigkeiten, in der Lage ist, zu entfalten, öffnet sie uns allemal Türen, wenn wir über zukünftige Lebensformen nachdenken.
Zwar geht ihr Bild von der Öffentlichkeit von der Polis des Antiken Griechenlands aus, das in seiner Struktur sicherlich elitär aufgebaut war. Der Focus, den Hannah Ahrendt jedoch immer wieder betont, ist die Freiheit des Individuums zu Handeln. Handeln entgegen dem "sichverhalten", wie es die Notwendigkeiten gebieten, oder, wie es die moderne Massengesellschaft gebietet, in welcher die Notwendigkeiten, die Ökonomien herrschen, die einst (in der Polis) nur im Bereich des Privaten, der Familie, des Oikos zu finden waren 26 .
Eine so gleichwohl idealisierte Vorstellung von Gesellschaft mag befremdlich anmuten, aber vermag uns auch den Spiegel vorzuhalten, wenn es um Begriffe wie Konsumdruck, Anpassungsdruck, verzerrte Kommunikation, Politikverdrossenheit, Kapitalismus - pur, Zukunftsangst und ähnliches geht, und welche sozialen Pathologien mit ihnen verknüpft werden.
Der Hinweis auf Ahrendt ist also keinesfalls als ein "back to the roots" zu verstehen, sondern soll den neuen globaliserten Weltbegriff, die Erkenntnis über das Absterben der nationalen Verfaßtheit der Gesellschaft und das Wissen um die kaum zu überschätzende Dominanz der Wirtschaft
26 AHRENDT, Hannah: Der Raum des Ö ffentlichen und der Bereich des Privaten. In: Vita
Activa oder vom tätigen Leben. 10. Aufl. München : Piper 1998
17
verknüpfen mit einem Menschenbild, das den Wert, die Virtuosität, des Einzelnen zu betonen versteht.
Zudem werden wir gefordert sein - angesichts der Problemlage, wie sie unter 3.2.1 beschrieben ist - die Familie wieder "attraktiver" zu machen. Es darf nicht der Eindruck erweckt werden, daß es einen in seiner individuellen Entwicklung hemme, oder sozial disqualifiziere, eine Familie zu gründen. Wohl nicht ohne Grund werden jetzt Forderungen laut, das Kindergeld auf monatlich 500,- DM oder sogar 1000,- DM anzuheben.
Es gibt Indizien dafür, das eine zukünftige Weltgesellschaft in der Lage sein wird, sich von Ideologien und von moderner Versklavung durch die Wirtschaft zu befreien. Demographische Veränderungen wie Überalterung, besonders aber der Umstand, daß die tatsächliche Arbeit zur gesellschaftlichen Reproduktion von einem jeweils nur kleinen Teil der Bevölkerung erledigt werden kann, zeigt, daß umgedacht werden muß. Die Veränderungen werden wohl dahin gehen, daß die eingelebte Einteilung der Biographien in: "Schule-Ausbildung-Berufsausübung-Rente" umgewandelt wird in eine längere Ausbildungszeit, sowie der Betonung des Konzeptes des lebenslangen Lernens, was einen Wechsel von Arbeit und Aus - bzw. Weiterbildung beinhaltet.
Was den Begriff der Öffentlichkeit angeht, ist die Weltgesellschaft sicherlich in einem erneuten Strukurwandel 27 begriffen. Die technologischen Möglichkeiten des Internet ermöglichen ein globales Maß an Kommunikation, und mithin ein "Mehr" an Kommunikation, an Foren, Diskussion, aber auch zwischenmenschlichen Kontakten, daß man diese Errungenschaft gleichsetzen möchte mit der Erfindung des Buchdrucks in seiner revolutionären Wirkung auf die Menschheitsgeschichte. Verknüpft man wiederum den oben beschrieben Arbeitsbegriff, der eine Wechselbiographie des Individuums annimmt, ihm mehr an Bildung
27 zu einer kritischen Auseinandersetzung mit diesem Thema: LEGGEWIE, Claus: Netizens
oder: der gut informierte Bürger heute. Ein neuer Strukturwandel der Ö ffentlichkeit? Rede,
09.Sept. 1996 Petersberg / Bonn; www.iid.de/macht/beitraege/leggewie.html
18
zugesteht, die sozial anerkannt und abgesichert sein würde, mit dem alten (griechischen) und neuen Öffentlichkeitsbegriff, so sehe ich sehrwohl Wege für nachfolgende Generationen.
19
Anhang
Abbildung 1
Abbildung 2
20
Arbeit zitieren:
Hannes Barske, 1999, Kinderdelinquenz und Jugendkriminalität unter den Vorzeichen der Globalisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
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