Das Land hat freilich bereits starke Bindungen an Europa: Norwegen ist Mitglied der NATO, womit seine Sicherheitsinteressen abgedeckt sind, und es gehört dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) an. Als Polster seiner wirtschaftlichen und finanziellen Sicherheit und Unabhängigkeit verfügt Oslo über reiche Ölvorkommen, die mindestens noch 20 Jahre lang sprudeln werden.
Leichter wird die Zukunft für die Norweger freilich nicht werden - die Schweiz, mit der Norwegen nun in gewisser Hinsicht im selben Boot sitzt, darf hier als Modell dienen. Trotz des unterschiedlichen Ausgangs der Volksabstimmungen sind die Norweger aber in einem Punkt nicht anders als die Schweden, Franzosen oder Schweizer: Die Europa-Idee hat auch in Norwegen die Menschen entzweit und zu einer Entfremdung zwischen der höheren Schicht und den Bürgern geführt.
Die Wahlbeteiligung war in allen Landesteilen außerordentlich hoch.
Norwegen stimmte als letzter der vier Beitrittskandidaten über die Mitgliedschaft in der Europäischen Union ab. Österreich, Finnland und Schweden hatten zuvor bereits ja gesagt. Die Volksabstimmung in Norwegen ist nicht verbindlich, sie hat nur empfehlenden Charakter. Die eigentliche Entscheidung fällt das Parlament, wo eine Dreiviertelmehrheit für einen allfälligen Beitritt zur EU erforderlich ist. Die Befürworter verfügen im Parlament nicht über diese Mehrheit, mehrere Parteien hatten bereits angekündigt, daß sie im Falle eines knappen Ergebnisses der Volksabstimmung im Parlament auf jeden Fall mit Nein stimmen würden.
Repräsentativ ist das Referendum auf jeden Fall: Die Wahlbeteiligung dürfte nach letzten Angaben deutlich über 80 Prozent betragen.
1972 hatten die Norweger in einer Volksabstimmung den Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft abgelehnt.
Am Anfang ihrer „Ja zu Europa - Ja zur Union“ Werbekampagne waren Ausdrücke wie Landesverräter noch die mildesten Beschimpfungen mit denen sich die Werbenden beschimpfen lassen mussten. Das größte Problem der Union - Befürworter war und ist, daß die meisten Leute auf der Nein-Seite in ihren Ansichten unerschütterlich sind.
In Norwegen gehen die Uhren im Vergleich zu Schweden oder Finnland anders. Seit 30 Jahren ist die EU ein leidenschaftlich diskutiertes Thema. Seit 1962 gab es keine einzige Meinungsumfrage mehr, in der die Befürworter über eine Mehrheit verfügten.
Beispiel Anne Gimmestad, Beamtin im Gesundheitsministerium und Mutter zweier Kinder: Sie gehörte zu jenen, die noch unentschlossen waren. Angeblich waren dies 48 Stunden vor der Abstimmung noch immer 15 Prozent der Wähler. In einem längeren Gespräch mit der „Presse“ wurde deutlich, daß sie dem fernen Brüssel mit großer Skepsis gegenübersteht. "Warum sollen wir uns dieser Institution unterordnen, wo wir doch bisher selbst gut gefahren sind? Wir haben keine Angst vor Wirtschaftskrisen.“
In der Tat hat vor allem das Nordseeöl Norwegen in eines der wohlhabendsten Länder der Welt verwandelt. Die Norweger kennen weder eine hohe Arbeitslosigkeit noch wirtschaftliche Krisenszenarien. Aber auch mit dem Sicherheitsargument läßt sich hier - anders als in Finnland oder Österreich - kaum ein Stich machen. Norwegen zählt zu Gründungsmitgliedern der NATO. Oslo ist der einzige Fleck in Norwegen, wo die Befürworter der Union in der Mehrheit sind. Anders die Stimmung mehr als 100 Kilometer nördlich des Polarkreises in Tromsö. Wenn Aktivisten der Ja-Bewegung dem Flugzeug entsteigen, haben sie meist ihre Anstecknadel bereits in einer Tasche verschwinden lassen. Eine beinahe feindliche Stimmung schlägt ihnen in Tromsö entgegen, wo die Solidarität mit den Fischern noch ungebrochen ist. Jon Lauritzen, Sprecher der Fischer, meint unverblümt, daß "wir ganz einfach keine spanischen oder französischen Boote in unseren Gewässern antreffen wollen".
Die Folge: Stadt und Land driften auseinander.
Hier im hohen Norden lebten die Menschen immer auf sich alleingestellt. Aber auch die unglaublich selbstbewußten Bauern etwas weiter im Süden, die in ihrer Geschichte nie einen Grundherrn kannten, wollen nicht einmal von Oslo etwas wissen.
Vor allem das Öl hat die Norweger in ihrem mythischen Glauben bestärkt, daß ihnen wirtschaftlich nichts passieren kann. Sie bezeichnen sich gerne als 'blauäugige Araber'." Sollte Norwegen einmal den Weg in die EU gehen, würde Oslo eine Brüssel- skeptische Politik verfolgen, die jener der Briten sehr ähnlich ist. 400 Jahre lang war das Land unter dänischer Herrschaft. 100 Jahre lebte man zwangsweise mit Schweden in einer sogenannten Union zusammen, weshalb selbst die Ja-Aktivisten nur ungern von der "Europäischen Union" sprechen. In der Endphase des Wahlkampfes war sich dabei auch die Ministerpräsidentin nicht zu fein, mit grob gestrickten Argumenten zu werben: "Norwegen darf sich nicht auf eine Stufe mit Bulgarien, Rumänien, Tadschikistan und Usbekistan stellen"
Am Ende allerdings siegte der Durchschlagende Slogan „Ja zum Fisch - Nein zur EU“. Längs der Küste zwischen Tronheim und Kirkenes stimmten durchwegs 60 und 70 Prozent der Bevölkerung gegen den Beitritt.
Auch das bei den Nachbarn in Schweden zuletzt durchschlagende Argument, wirtschaftlich könne man ohne die EU nicht zurechtkommen, beeindruckte die Norweger nicht sonderlich. Der Verkauf ihrer Öl- und Gas-reichtümer unter dem Grund der Nordsee wird auch in Zukunft nicht von Brüssel abhängig sein .
Arbeit zitieren:
Markus Kapl, 2001, Norwegen - Politik, München, GRIN Verlag GmbH
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