organisierte Rechtsextremismus kaum noch eine politische Rolle, die demokratischen Institutionen und eine bei den Bürgern verankerte demokratische politische Kultur konnten sich ohne nennenswerte Angriffe von Rechtsaußen entwickeln. Erst in der zweiten Hälfte der 60er Jahre gelang es der 1964 gegründeten Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), an den Einfluss und auch an die Wahlerfolge der SRP anzuknüpfen. Nachdem sie bei der Bundestagswahl 1969 knapp scheiterte, verlor sie jedoch rasch an Bedeutung. Wiederum folgten etwa eineinhalb Jahrzehnte demokratischer Weiterentwicklung, in denen Rechtsextremisten wenig Einfluss und Aufmerksamkeit hatten. Eine sozialwissenschaftliche Studie von 1981 belegte jedoch, dass viele Merkmale rechtsextremistischen Denkens in Teilen der Bevölkerung (immerhin mehr als 10%) noch immer präsent waren. Erklärt wurde dieser Befund nicht nur mit dem Fortdauern “ewig Gestriger“ Vorstellungen, sondern auch mit dem Hinweis darauf, dass es in Gesellschaften mit schnellen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungen immer auch Teilgruppen gibt, die sich von der Entwicklung überrollt und benachteiligt fühlen, und darauf mit einfachen und autoritären Denkmustern und Forderungen agieren. Ende der 80er Jahre wurde mit den ersten Wahlerfolgen von DVU und Republikanern erneut offensichtlich, dass solche politischen Tendenzen in Deutschland (vergleichbares galt und gilt auch für das Aufkommen rechtspopulistischer Parteien in anderen europäischen Ländern) vorhanden sind. Mit der Wiedervereinigung, die das Thema “Nation“ veränderte, schwächte sich die Bedeutung dieser Parteien aber wieder ab. Stattdessen bekam der Rechtsextremismus seit Beginn der 90er Jahre ein neues und besonders böses Gesicht. Eine Welle fremdenfeindlicher Gewalt forderte viele Menschenleben und erzeugte ein Klima von Angst und Schrecken. Zwar konnte die Zahl der Gewalttaten nach 1993 wieder zurückgedrängt werden, die Potenziale der Gewalt sind jedoch nach wie vor ungebrochen. Wesentliche Ursache ist hierfür die erschreckende Tatsache, dass fremdenfeindliches und rechtsextremistisches Denken stärker als früher Resonanz bei den jungen Menschen gefunden hat. Dies belegen sowohl sozialwissenschaftliche Untersuchungen über politische Einstellungen in der Bevölkerung als auch repräsentative Wahlstatis tiken. Es gibt erstmals wieder eine identifizierbare rechte “Jugendkultur“, die zudem besonders gewaltbereit ist. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und nicht in einfachen Erklärungsmustern zu fassen. In der Forschung ist jedoch unstrittig, dass insbesondere Jugendliche aus den unteren Mittelschichten und mit einfacheren Bildungsabschlüssen gefährdet sind. Ihre sozialen Bindungen sind oft brüchig geworden und viele von ihnen finden im Alltag nicht die Zugehörigkeit und Anerkennung, die sie sich wünschen. Hier bieten rechtsextremistisches Denken und schließlich die entsprechenden Gruppen und Freizeitaktivitäten ein Kompensationsangebot. Vor dem Hintergrund einer Welt, die im Zuge der wirtschaftlichen Globalisierung immer undurchsichtiger wird, haben nationale Machtphantasien und Ressentiments gegen Fremde neue Konjunktur bekommen.
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Arbeit zitieren:
Stefan Schumacher, 2001, Geschichte des Rechtsextremismus, München, GRIN Verlag GmbH
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