Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
1.1 Historische Entwicklung der Informations okonomie 2
1.2 Definition des Informationsbegriffes 2
1.3 Formen asymmetrischer Information 3
2 Adverse Selektion 6
2.1 Der Akerlof’sche Gebrauchtwagenmarkt 6
2.1.1 Vereinfachtes Modell 6
2.1.2 Erweitertes Modell 8
2.2 Beseitigung von adverser Selektion mit Signalen 9
2.2.1 Bildung als Signal auf dem Arbeitsmarkt 10
2.2.2 Der Pergament-Effekt 12
2.3 Beispiele 13
2.3.1 Markenzeichen als Signal 13
2.3.2 Die Grameen-Bank 13
2.3.3 Krankenversicherungen 14
2.3.4 Das Gresham’sche Gesetz 14
3 Moral Hazard 16
3.1 Agent-Prinzipal-Beziehung 16
3.1.1 Anreizsysteme 17
3.1.2 Beurteilung der Anreizsysteme 20
3.2 Beispiele 21
3.2.1 Reform des Agra-Systems in China 21
3.2.2 Photolabors in Budapest 22
3.2.3 Feuerversicherung 22
4 Asymmetrische Information in der BWL 23
4.1 Adverse Selektion bei der Unternehmensfinanzierung 23
4.2 Moral Hazard bei der Unternehmensfinanzierung 24
4.3 Das Stakeholder-Problem 25
5 Schlußbetrachtung 27
1
Kapitel 1
Einleitung
1.1 Historische Entwicklung der Informations¨ oko-
nomie
Lange Zeit ging man in der ¨ okonomischen Theorie von der Pr¨ amisse der vollst¨ andigen oder zumindestens homogenen Information aller Beteiligten aus.
Ob der Realit¨ atferne dieser Annahme ist es um so verwunderlicher, daß praktisch bis 1960 dieses Thema in den einschl¨ agigen Publikationen unbe-handelt bliebt. Eine der ersten Arbeiten die dann diese L¨ ucke zu schließen versuchte war der ber¨ uhmte Aufsatz The Market of Lemons von G. Akerlof ( [Akerlof70]), der weiter unten in seinen Grundz¨ ugen vorgestellt werden wird.
Seither gab es eine fast un¨ uberschaubare Anzahl von Ver¨ offentlichungen zu diesem Thema; die vorliegende Arbeit versucht einen bescheidenen ¨ Uberblick ¨ uber einige grundlegenden Konzepte und Ideen der Informations¨ okonomk zu geben.
1.2 Definition des Informationsbegriffes
F¨ ur das weitere Verst¨ andnis ist eine intuitive Vorstellung von dem Begriff der Information v¨ ollig ausreichend, trotzdem sei hier kurz auf eine etwas formalere Definition eingegangen.
Innerhalb der Entscheidungstheorie wird unter Information allgemein ein Mittel zur Verringerung von Unsicherheiten innerhalb einer ¨ Okonomie
verstanden, wobei unter Unsicherheit eine Situation z 0 zum Zeitpunkt t 0 verstanden wird, von der aus betrachtet zu einem bestimmten sp¨ ateren Zeitpunkten t 1 einer von mehreren m¨ oglichen Umweltzust¨ anden z i mit i ∈
2
Adverse Selektion und Moral Hazard 3
{1, 2, . . . , n} = I eintreten kann; ggf. sind die Wahrscheinlichkeiten p i ∈ [0, 1] bekannt, wobei dann i∈I p i = 1 gelten muß (vgl. hierzu auch die Abbildung 1.1).
Sind den einzelnen Zust¨ anden z i G¨ uterb¨ undel x i ∈ R m zugeordnet, und gibt es eine kardinale Nutzenfunktion 1 mit u(x i ) = ˜ u ∈ R + , so ergibt sich
aus Sicht von z 0 bei Unsicherheit der Erwartungsnutzen wie folgt
Neben dieser Definition f¨ ur Information gibt es noch weitere, z.B. auf der Basis spieltheoretischer Konzepte.
V¨ ollig außer Acht gelassen wird hier die Kodierung der Information, dies ist nicht Gegenstand der Informations¨ okonomik, sondern vielmehr der Informatik.
1.3 Formen asymmetrischer Information
Es werden im allgemeinen zwei Formen der asymmetrischen Information unterschieden: Adverse Selektion und Moral Hazard:
1 Eine (monet¨ are) Auszahlung kann als solcher kardinaler Nutzen aufgefaßt werden
Adverse Selektion und Moral Hazard 4
Bei adverser Selektion verf¨ ugt die uninformierte Marktseite nicht ¨ uber
Kenntnis eines exogen (also von den Beteiligten nicht beeinflußbaren) objektiven (Qualit¨ ats-)Merkmals.
Das klassische Beispiel ist hier der schon erw¨ ahnte Akerlof ’sche Gebrauchtwagenmarkt: die potentiellen K¨ aufer k¨ onnen die Qualit¨ at im Gegensatz zu den bisherigen Besitzern nicht einsch¨ atzen und sind deshalb nur bereit, einen Durchschnittspreis f¨ ur ein Auto zu bezahlen, was letztendlich - zumindestens im Modell - zu einem Marktversagen f¨ uhrt: es werden keine hochwertigeren Fahrzeuge gehandelt, deren tats¨ achlicher Wert ¨ uber diesem
Einheitspreis liegt, obwohl eine Nachfrage und ein Angebot vorhanden ist. Arrow nannte diese Negativauslese Hidden Information, teilweise liest man auch Qualit¨ atsunsicherheit (z.B. in [Spremann90]) oder Hidden Characteristic, wobei diese Begriffe sich aber nicht durchgesetzt haben. Um dieser Gefahr des Marktversagens entgegenzutreten werden die potientiellen Verk¨ aufer hochwertiger Fahrzeuge bestrebt sein, durch die Verwendung von Signalen den wirklichen Wert ihres Fahrzeugs anzuzeigen; f¨ ur das genannte Beispiel des Automarkts k¨ onnte dies z.B. ein technisches Gutachten von einer unabh¨ angigen Organisation sein, oder man gibt eine mehrmonatige Garantie.
Der Begriff
Moral Hazard
k¨ onnte in etwa mit ” moralisches Risiko “ ¨ ubersetzt werden; auch wenn diese Begriffe vereinzelt
”
in Publikationen aufzufinden sind, so haben sie sich doch nicht durchgesetzt, weshalb im weiteren Moral Hazard nicht ¨ ubersetzt werden soll.
Im Gegensatz zur adversen Selektion liegen hier endogene - also von einzelnen Personen beeinflußbare - Merkmale vor, wobei die uninformierte Seite das entsprechende Handeln nicht beobachten kann. Als Beispiel zur Erl¨ auterung dieses Begriffs wird h¨ aufig die Fahrradversicherung herangezogen: W¨ urde eine Versicherungsgesellschaft eine Police mit 100%igem Kostenersatz im Falle des Diebstahls anbieten, so w¨ urden die Versicherungsnehmer wahrscheinlich recht nachl¨ assig beim Abstellen Ihrer Zweir¨ ader handeln und aus Bequemlichkeit auf das Anketten und Abschließen verzichten; im Falle eines Diebstahles bekommt man ja ein nagelneues Fahrrad von der Versicherung bezahlt! Dieses Verhalten kann der Versicherer aber nicht oder nur zu prohibitiv hohen Kosten kontrollieren, weshalb man hier auch von hidden Information spricht.
Die Versicherung kann sich in diesem Beispiel nur darauf verlassen, daß der Versicherungsnehmer seiner moralischen Verpflichtung 2 nachkommt, indem er eine angemessene Vorsicht im Umgang mit seinen Fahrrad an den
2 Durch diese Formulierung l¨ aßt sich auch die f¨ ur den gew¨ ohnlichen Sprachgebrauch etwas seltsam anmutende Verwendung des Wortes moralisch erkl¨ aren; normalerweise findet dieses Wort in der deutschen Sprache eher in der Bedeutung von Sittlichkeit oder Anstand Verwendung.
Adverse Selektion und Moral Hazard 5
Tag legt. Also wird die Gesellschaft bestrebt sein, Anreize zu schaffen, damit der Kunde auch tats¨ achlich in ihrem Interesse handelt. Im Falle der Versicherung k¨ onnte dieser Anreiz z.B. in der Gestalt eines Selbstkostenanteils auftauchen.
Der Vollst¨ andigkeit halber sei noch eine dritte Form der asymmetrischen Information erw¨ ahnt, die aber in der Literatur nur am Rande Erw¨ ahnung findet und auch nicht Gegenstand der vorliegenden Betrachtung ist: Holdup 3 (siehe [Spremann90]). Wie bei Moral Hazard ist es der informierten Seite m¨ oglich, endogene Merkmale zum eigenen Vorteil zu ver¨ andern, aber jetzt kann im Unterschied zu Moral Hazard die uninformierte Seite dies wenigstens ex post feststellen. Holdup kann ein Problem sein, wenn z.B. eine Vertragsseite noch juristischen Freiraum bei der Ausgestaltung ihrer (Gegen-)Leistung hat, weil es vielleicht unm¨ oglich war, alle denkbaren Entwicklungen im Vertrag zu ber¨ ucksichtigen.
So wird ein Mieter beim Abschluß eines Vertrages implizit davon ausgehen, daß der Vermieter nicht sofort die Miete erh¨ oht, einfach schon aus Gr¨ unden der Fairness und Kulanz, einklagbar ist dies freilich in keiner Weise. Im Falle einer unerwarteten Mieterh¨ ohung kann der Mieter aber auch nicht so ohne weiteres einfach umziehen, da der Neubezug der Wohnung mit nicht ganz unerheblichen Kosten (sunk costs) verbunden sind.
Die folgende Tabelle (in ver¨ anderter Form aus [Spremann90] entnommen) soll diese drei Grundtypen der asymmetrischen Information zusammenfassend vergleichen:
3 Holdup, engl. f¨ ur Raub¨ uberfall
Kapitel 2
Adverse Selektion
2.1 Der Akerlof ’sche Gebrauchtwagenmarkt
Die erste Arbeit, die sich mit den Schwierigkeiten eines Marktes mit adverser Selektion befaßte, war der Aufsatz The Market of Lemons von George Akerlof (vgl. auch [Akerlof70]). Die Grundidee dieser Arbeit soll zun¨ achst an einen vereinfachtem Beispiel erl¨ autert werden, welches sich an die Darstellung in [Varian95] anlehnt:
2.1.1 Vereinfachtes Modell
Gegeben sein ein Gebrauchtwagenmarkt, auf dem es nur Sorten von Gebrauchtwagen gibt: Plums 1 und Lemons 2 , auf jede Lemon kommt eine Plum. Akerlof betont, dieses Beispiel weniger wegen seiner Realit¨ atsn¨ ahe und praktischen Anwendbarkeit gew¨ ahlt zu haben, sondern vielmehr wegen der Einfachheit und Anschaulichkeit, außerdem nennt er noch eine weitere Motivation: es ist allgemein bekannt, daß das erste Aufschließen eines Neuwagens durch seinen neuen Besitzer einem Wertverlust von mehreren 1000 DM bewirkt; vielfach wird dies damit begr¨ undet, daß bedingt durch die große Freude am Besitz eines Neuwagens der Einzelne bereit ist, einen unverh¨ altnism¨ aßig hohen Preis hierf¨ ur zu zahlen. Akerlof meint, dies k¨ onnte
1 Plum (engl. f¨ ur Pflaume, Zwetschge) ist in der amerikanischen Umgangssprache ein Ausdruck f¨ ur ein qualitativ hochwertiges (gebrauchtes) Auto, der sich leider nicht ohne weiteres auf die deutsche Sprache ¨ ubertragen l¨ aßt, weshalb im weiteren Text der Beubernommen wird; in der deutschen ¨ griff un¨ ubersetzt ¨ Ubersetzung zu [Kreps90] von U.
Schittko wird das Wort in diesem Zusammenhang ohne weitere Anmerkungen mit Pfirsich ¨ ubersetzt; bildlich kann Plum f¨ ur diesen Kontext passend noch am ehesten mit Rosine ubersetzt werden (etwa im Sinne von sich die besten Rosinen herauspicken). ¨
2 Lemon (engl. f¨ ur Zitrone) ist in der amerikanischen Umgangssprache ein Ausdruck f¨ ur einen qualitativ minderwertigen Gebrauchtwagen; auch wenn sich dieser Ausdruck bedingt ins deutsche ¨ ubersetzen ließe, wird im weiteren Text der Begriff ebenfalls un¨ ubersetzt ¨ ubernommen, schon allein um nicht in Konflikt mit der mangelnden ¨ Ubersetzungsm¨ oglichkeit f¨ ur Plum zu kommen.
6
Adverse Selektion und Moral Hazard 7
aber auch mit seinem Modell erkl¨ art werden.
Die Wertsch¨ atzungen (ausgedr¨ uckt in Geldeinheiten GE) f¨ ur diese beide Gebrauchtwagentypen jeweils aus Sicht der potentiellen K¨ aufer und Verk¨ aufer sind folgender Tabelle zu entnehmen:
Gehen wir von vollst¨ andiger Information bei aller Beteiligten ¨ uber die wirkliche Qualit¨ at der angebotenen Fahrzeuge aus, so wird es auf diesem Markt keine großen Probleme geben: die Lemons werden zu Preisen zwischen 1000 und 1200 GE den Besitzer wechseln, die Plums werden zu Preisen von 2000 bis 2400 GE gehandelt.
In der Regel wird aber aber die Qualit¨ atsbestimmung f¨ ur einen Gebrauchtwagen nicht so einfach sein, zumindestens von der Seite des K¨ aufers her; der Verk¨ aufer hingegen hat das Auto ¨ uber einen l¨ angeren Zeitraum hin
wahrscheinlich fast t¨ aglich benutzt, und daher weiß er ziemlich genau ¨ uber
die Qualit¨ at seines Fahrzeuges bescheid: springt der Motor auch an kalten Tagen immer sofort an, wie hoch ist der ¨ Ol/Benzin-Verbrauch, steht bald
eine teuere Reparatur an, wurde vielleicht sogar ein Unfallschaden behoben? Wir haben hier also die Eingangs beschriebe Situation der asymmetrischen Information vorliegen!
Den Kaufwilligen bleibt so nur eines ¨ ubrig: anhand der objektiven Wahr-
scheinlichkeiten (z.B. aus Marktstatistiken in den einschl¨ agigen Fachzeitschriften, in diesem Beispiel ist wie bereits weiter oben erw¨ ahnt das Mengenverh¨ altnis 1 : 1) bildet er den Erwartungswert (oder den Erwartungsnutzen) eines Autos:
Leider werden zu diesem Preis sich nur die Lemon-Besitzer von ihrem Fahrzeug trennen, bei einem Marktpreis von 1800 GE wird der Besitzer einer Plum zuhause bleiben, denn sein Auto hat f¨ ur ihn ja einen h¨ oheren Wert; wer zu diesem Preis ein Auto anbietet muß aus Sicht der K¨ aufer also eine Lemon haben 3 .
Es werden also nur die minderwertigen Autos gehandelt und keine einzige Plum, obwohl es durchaus ein Angebot und eine entsprechende Nachfrage gibt, wir m¨ ussen also von einem Marktversagen sprechen, die guten Autos
3 Vielleicht findet man deshalb so oft in entsprechenden Verkaufsanzeigen die Floskel Umst¨ andehalber abzugeben
Adverse Selektion und Moral Hazard 8
wurden von den Schlechten verdr¨ angt.
2.1.2 Erweitertes Modell
Wir verfeinern dieses Modell, wobei sich die folgende Darstellung an [Kreps90] anlehnt. Es soll jetzt mehr als nur zwei Quali¨ atsstufen geben: Die K¨ aufer bewerten die Autos mit zwischen 2000 bis 3000 GE, die Verk¨ aufer wollen ihre Fahrzeuge f¨ ur Preise zwischen 1900 und 2900 GE ver¨ außern. Es gibt nun ein Auto, welches dem Verk¨ aufer (mindestens) 1900 GE und dem K¨ aufer (h¨ ochstens) 2000 GE wert ist, das n¨ achste - wir gehen in Schritten von 1 GE vor - ist dem Verk¨ aufer (mindestens) 1901 GE und dem K¨ aufer (h¨ ochstens) 2001 GE wert, . . . usw. Das 1001ste Auto schließlich wird mit 2900 bzw. 3000 GE bewertet. Hieraus sollen nun die entsprechende Angebots- und Nachfragekurve 4 abgeleitet werden: F¨ ur einen Preis p ∈ N mit p < 1900 GE haben wir kein Angebot, jede GE ¨ uber dieser Grenze erh¨ oht das Angebot um eine Mengeneinheit, bis schließlich bei p = 2900 alle 1001 Autos angeboten werden; als Funktion l¨ aßt sich dies wie folgt ausdr¨ ucken:
A(p) =
Die Bestimmung der Nachfragefunktion N (p) ist nicht ganz so einfach: Gegeben sein ein Preis p ∈ [2000, 3000]; es werden zu diesem Preis nur Fahrzeuge nachgefragt, die von ihren Besitzern zu p oder weniger bewertet werden, also ist der Wert f¨ ur den K¨ aufer irgendwo zwischen 2000 und (p + 100) 5 . Jeder Wert zwischen diesen beiden Grenzen hat wegen der Gleichverteilung die selbe Wahrscheinlichkeit, weshalb sich der durchschnittliche Wert f¨ ur ein beim Preis p angebotenes Fahrzeugt wie folgt ergibt:
¨ Uberhaupt keine Nachfrage werden wir haben, wenn dieser durchschnittliche Wert kleiner als der geforderte Preis ist:
4 Hierbei wird der Preis p (gemessen in GE) als Ver¨ anderliche und die Menge als abh¨ angige Gr¨ oße aufgefaßt, entsprechend tragen wir p auf der Abzissen- und die Menge auf der Ordinatenachse ab.
5 Der Aufschlag von jeweils 100 GE r¨ uhrt daher, daß dem K¨ aufer (auch bei vollst¨ andiger Information) das Auto einer Qualit¨ atsstufe immer 100 GE mehr wert ist.
Adverse Selektion und Moral Hazard 9
Bei Preisen p > 2100 GE ist die Nachfrage also gleich Null. Ist dieser durchschnittliche Wert gar h¨ oher als der geforderte Preis p, so erhalten wir eine unendliche hohe Nachfrage, was f¨ ur p < 2100 der Fall ist:
Diese beiden Nachfragesituationen eignen sich wohl kaum f¨ ur ein Marktgleichgewicht, aber bei einem Preis von genau p = 2100 sind die K¨ aufer gerade indifferend zwischen einem Kauf oder einem Nichtkauf, somit ist die Nachfrage in diesem Punkt vollkommen elastisch. Stellen wir die Ergebnisse von (2.1) bis (2.4) in einer Zeichnung 6 dar, so erkennt man, daß wir in diesem Punkt auch unser Marktgleichgewicht haben, es werden hier aber nur 201 Fahrzeuge gehandelt.
Menge 1001
201
0
2.2 Beseitigung von adverser Selektion mit Signa-
len
Im schlimmsten Fall kann es - wie wir oben gesehen haben - zur einer Blockade auf M¨ arkten mit adverser Selektion kommen, was nat¨ urlich auch Wohlfahrtsverluste mit sich bringt. Diese f¨ ur jeden ¨ Okonomen unhaltbare Situation gilt es zu entsch¨ arfen, es muß also in irgendeiner Form zu einer Informations¨ ubertragung kommen. Geschieht dies in der Form, daß die Initiative
6 Wobei wir die einzelnen Kurven, die lt. Modell nur aus einzelnen Punkten bestehen sollten, der besseren Darstellbarkeit wegen interpolieren.
Adverse Selektion und Moral Hazard 10
von der informierten Seite ausgeht, so nennt man dies ein Signal 7 . F¨ ur den Akerlof’schen Automarkt k¨ onnte man z.B. ein Garantieangebot des Verk¨ aufers als Signal auffassen: er verspricht, das Auto wieder zur¨ uckzunehmen, wenn es die Erwartungen nicht erf¨ ullt. Der K¨ aufer k¨ onnte aber auch einen Mechaniker mitbringen, der vor Ort das Auto untersucht; l¨ aßt der Verk¨ aufer diese Untersuchung zu, kann man es ebenfalls als Signal auffassen.
Um die Funktionsweise von Signalen etwas genauer (und formaler) zu beleuchten, kann das Arbeitsmarktmodell von Michael Spence (entsprechend der Darstellung in [Varian87]) herangezogen werden.
2.2.1 Bildung als Signal auf dem Arbeitsmarkt
Will ein Unternehmer Arbeitskr¨ afte einstellen, so sieht er sicht auch mit dem Problem der asymmetrischen Information konfrontiert: die einzelnen Bewerber f¨ ur eine Stelle werden wohl ziemlich genau wissen, wie geeignet sie f¨ ur die jeweilige Arbeit sind, der Personalchef kann dies aber nicht ohne weiteres herausfinden 8 .
Im folgenden gehen wir der Einfachheit halber von nur zwei Typen von Arbeitern aus: untalentierte (Typ-I) und talentierte (Typ-II) Arbeiter. Arbeiter eines Typs erzeugen jeweils ein Grenzprodukt von a i ∈ R + , i ∈ {1, 2}, wobei a 1 < a 2 , da die weniger talentierten Arbeiter nat¨ urlich weniger zu leisten verm¨ ogen. Weiter sei der Anteil der Arbeiter auf dem Arbeitsmarkt p i ∈ [0, 1], es muß selbstverst¨ andlich auch p 1 + p 2 = 1 gelten. Das Problem der Entlohung w¨ are bei vollst¨ andiger Information schnell gel¨ ost: die Arbeiter w¨ urden unter der Annahme der vollst¨ andigen Konkurrenz einen Lohn w i in H¨ ohe ihres Grenzproduktes erhalten: w i = a i . Es soll aber die Entlohnung im Falle der asymmetrischen Information untersucht
werden, so daß der Unternehmung nichts ¨ uber die wirklichen F¨ ahigkeiten bekannt ist; man wird also eine einheitliche Entlohnung ¯ tungswert w¨ ahlen:
w = p 1 · a 1 + p 2 · a 2 ¯
Die Typ-II-Arbeiter werden hiermit wohl kaum zufrieden sein: sie werden - zugunsten der unf¨ ahigen Typ-I-Arbeiter - unterbezahlt! Sie werden also bestrebt sein, ein Signal - in Form von Ausbildung - zu erwerben, um den potentiellen Arbeitgebern ihre wirklichen F¨ ahigkeiten zu Signalisieren, um eine entsprechende Entlohnung zu erhalten.
7 Geht die Initiative von der uninformierten Seite aus, so nennt man dies Screening, was aber im weiteren nicht n¨ aher betrachtet werden soll.
8 Wir gehen in unserem Modell davon aus, daß es sich um eine Erstanstellung (gleich nach dem Schulabschluß) handelt, so daß auch keine mehr oder weniger aussagekr¨ aftigen Arbeitszeugnisse vorliegen.
Adverse Selektion und Moral Hazard 11
Es soll also die M¨ oglichkeit geben, eine bestimmte Menge an Ausbildung zu erwerben, wobei diese Menge kardinal messbar sein soll und durch e ∗ ∈ R + beschrieben wird. Der Erwerb dieser Ausbildung ist nat¨ urlich mit Kosten verbunden; die Grenzkosten f¨ ur eine zus¨ atzlich erworbene Einheit Bildung sind abh¨ angig vom Begabungsgrad des Arbeiters: c i ∈ R ++ . Diese Kosten sollen in unserem Modell f¨ ur einen begabten Arbeiter niedriger sein: c 1 > c 2 , der Typ-II-Arbeiter kann das Signal also billiger erhalten: c 1 · e ∗ > c 2 · e ∗ . Man sollte diese Kosten nicht nur als finanzielle Kosten (wie z.B. Schul- oder Studiengeb¨ uhren) interpretieren, eine Ausbildung bringt Opportunit¨ atskosten mit sich (solange man eine Schule besucht wird man nichts verdienen), u.U. kann eine Ausbildung auch sehr unangenehm sein (schwere Pr¨ ufungen, viel Lernaufwand) und so Nutzenverluste f¨ ur den Einzelnen mit sich bringen.
Ist es aber eine realistische Annahme, daß der begabte Arbeiter weniger Ausbildungskosten hat? Die Grundidee ist, daß es weniger talentierten Menschen wohl schwerer f¨ allt ein bestimmtes Bildungsniveau - wie z.B.
e
∗
- zu erreichen. Etwas genauer soll dies anhand von Nutzenfunktionen verdeutlicht werden (vgl. Abbildung 2.2).
p p p p p p p p p p p p p p p p p p p p
w
0
Abbildung 2.2: Nutzenfunktion eines Arbeiters
Die Nutzenfunktionen der Arbeiter seien nur abh¨ angig vom Bildungsniveau e und vom Einkommen w: u i (w, e). Isoquanten des Typ-I-Arbeiters verlaufen nun steiler als die des Typ-II-Arbeiters: f¨ ur eine zus¨ atzlich konsumierte Einheit Bildung muß der weniger begabte Arbeiter mit mehr Lohnzuwachs als der begabte Arbeiter entsch¨ adigt werden, Bildung wird sozusagen als Ungut oder als Schlecht aufgefaßt, als notwendiges ¨ Ubel zum Erlangen
h¨ oherer Arbeitsentgelte; der Typ-I-Arbeiter will also f¨ ur die Zumutung des Bildungsniveaus e ∗ h¨ oher entsch¨ adigt werden.
Adverse Selektion und Moral Hazard 12
Gegeben sei das Bildungsniveau e ∗ , welches folgende Ungleichungen erf¨ ulle:
Kann es ein solches e ∗ ¨ uberhaupt geben? Setzen wir ∆a := a 2 − a 1 (an-
schaulich stellt diese Differenz den Produktivit¨ ats- und damit auch Lohnunterschied zwischen den beiden Arbeitertypen im Falle vollst¨ andiger Information dar), so erkennt man 9 :
Gehen wir davon aus, daß die Typ-II-Arbeiter das Signal e ∗ erwerben und die Typ-I-Arbeiter auf den Erwerb von Bildung verzichten: die verschiedenen Arbeitertypen werden dann gem¨ aß ihrer Grenzproduktivit¨ at entlohnt (w i = a i ), da der Arbeitgeber sofort erkennt, welchen Begabungsgrad ein Bewerber hat.
Werden sich die Arbeiter aber auch so verhalten? Der Erwerb des Signals bewirkt eine Lohnerh¨ ohung von ∆a; stellt man die linke Ungleichung von (2.6) um, so erh¨ alt man:
∆a < c 1 · e ∗ (2.7)
F¨ ur den Typ-I-Arbeiter ist es also der Erwerb des Signals von Nachteil, da dessen Kosten gr¨ oßer als die Lohnerh¨ ohung sind. F¨ ur den Typ-II-Arbeiter stellt man analog die rechte Ungleichung von (2.6) um:
∆a > c 2 · e ∗ (2.8)
Die begabteren Arbeiter werden also Nutzen aus dem Erwerb des Signals ziehen, die Lohnerh¨ ohung ¨ ubersteigt ihre Kosten f¨ ur den Erwerb des Signals.
Das Signal e ∗ wird also tats¨ achlich seiner Aufgabe gerecht: es zeigt zuverl¨ assig die Produktivit¨ atsunterschiede an und bewirkt somit eine gerechtere Entlohung. Allerdings beeinflußt in diesem Modell die Qualit¨ at der Ausbildung nicht die Produktivit¨ at (diese ist endogen vorgegeben und ¨ andert sich nicht durch die Ausbildung); somit ist Ausbildung gesamtwirtschaftlich betrachtet nicht effizient, da durch Ausbildung der Output der Arbeiter nicht erh¨ oht wird. Es liegt nur eine einzelwirtschaftliche Effizienz vor: die begabteren Arbeiter k¨ onnen einen angemesseneren Lohn erhalten.
F¨ ur dieses einfache Modell gibt es sogar einen empirischen Belegt, der im n¨ achsten Abschnitt er¨ ortert werden soll.
9 Wegen dem gr¨ oßeren Nenner (nach Voraussetzung) muß der linke Bruch einen kleine- ren Wert als der rechte Bruch haben.
Adverse Selektion und Moral Hazard 13
2.2.2 Der Pergament-Effekt
Das obige Arbeitsmarktmodell hatte die etwas extreme Annahme, eine Ausbildung nur als ein Signal f¨ ur die Begabung einer Person aufzufassen, ihr aber nicht wirklich eine Produktivit¨ atsteigerung zuzuschreiben. Tats¨ achlich wurde statistisch nachgewiesen (vgl. [HungerfordSolon87]), daß ein Schulabschluß im Vergleich zu einem zus¨ atzlichen Jahr Ausbildung einen gewaltigen Einkommensschub bewirkt; dieses Ph¨ anomen wird mit dem Begriff Pergament-Effekt 10 beschrieben, da Schulabschlußzeugnisse in den USA teilweise auf solchem Papier ausgeh¨ andigt werden. In [Weiss88] wird nun am Beispiel von Fabrikarbeitern untersucht, worauf diese Einkommenssteigerung zur¨ uckzuf¨ uhren ist; erstaunlicherweise erh¨ ohte ein Mittelschulabschluß die Produktivit¨ at kaum. Warum erhalten die Arbeiter aber trotzdem mehr Geld? Weitere Nachforschungen ergaben, daß bei Arbeitern mit einem Schulabschluß die K¨ undigungs- und Abwesenheitsquoten signifikant niedriger sind, was den Firmen viel Aufwand erspart. Eine Ausbildung hat f¨ ur den potentiellen Arbeitgeber also nicht nur die Funktion der Vermittelung n¨ utzlicher F¨ ahigkeiten f¨ ur die entsprechende T¨ atigkeit, sondern sie zeigt auch, daß der Bewerber sich ausdauernd und zuverl¨ assig einer Sache widmen kann.
2.3 Beispiele
Die folgenden Beispiele sollen eine die vielf¨ altigen Erscheinungsformen von adverser Selektion und passenden Signalen in der Praxis aufzeigen.
2.3.1 Markenzeichen als Signal
Auch ein Markenzeichen kann als Signal f¨ ur die Qualit¨ at einer Ware aufgefaßt werden (siehe [Akerlof70]): der Konsument verbindet mit einem bestimmten Namen eine erh¨ ohte Qualit¨ at und ist entsprechend bereit, zum Teil deutlich mehr als den Durchschnitts-Preis f¨ ur das No-Name-Produkt zu bezahlen. Ein einmal entt¨ auschter Kunde wird n¨ amlich von der Firma X nicht zum zweiten Mal ein Produkt erstehen, davon gehen beide Seiten aus. Auch bei Produktinnovationen kann ein Markenname von Vorteil sein, man glaubt in gewisser Weise aus seinen bisherigen Erfahrungen einen Schluß auf die Qualit¨ at der neuen Ware ableiten zu k¨ onnen.
2.3.2 Die Grameen-Bank
Bei der Vergabe von Kleinkrediten (sog. Microfinance) in Entwicklungsl¨ andern stellen die gegebenen Informationsasymmetrien ein besonderes Problem dar, sie werden auch in [Akerlof70] behandelt: Dem außenstehenden Geldgeber
10 In englischer Literatur: Sheepskin-Effect
Adverse Selektion und Moral Hazard 14
ist nicht bekannt, wer innerhalb der Dorfgemeinschaft ein hohes Kreditrisiko darstellt und wer nicht. Trotzdem sind gerade kleine Investitionen wichtig f¨ ur die Weiterentwicklung in solchen L¨ andern. Die 1983 von M. Yunas in Bangladesh gegr¨ undete Grameen-Bank 11 verwendet deshalb ein sehr einfallsreiches Verfahren: Die Antragssteller m¨ ussen sich selbst zu Kleingruppen zusammenfinden, bevor sie die Kredite beantragen k¨ onnen. Bei prinzipieller Gew¨ ahrung der Antr¨ age werden per Losentscheid zwei Personen aus der Gruppe ausgew¨ ahlt, die das Geld ausbezahlt bekommen und mit ihrer Investition beginnen. Erst wenn diese den Kredit erfolgreich zur¨ uckgezahlt haben, erhalten die n¨ achsten beiden Gruppenmitglieder ihr Geld, usw.
Da der eigene Kredit von der Zuverl¨ assigkeit und F¨ ahigkeit der anderen Gruppenmitglieder abh¨ angt (oder zumindestens abh¨ angen k¨ onnte), werden die einzelnen sich ihre Mitinvestoren sehr sorgf¨ altig aussuchen; da sie diese sehr gut kennen ist das keine schwierige Aufgabe f¨ ur sie; somit nutzt die Bank Informationen aus, die ihr normalerweise nicht zur Verf¨ ugung stehen w¨ urden.
Das Projekt ist sehr erfolgreich; die R¨ uckzahlungssumme liegt bei ¨ uber
90%, w¨ ahrend konventionelle Kreditinstitute bei vergleichbaren Bedingungen nur auf knapp 40% kommen.
2.3.3 Krankenversicherungen
Auch auf dem Markt f¨ ur Krankenversicherungen kann es zu adverser Selektion kommen, weshalb dieses Thema auch bei [Akerlof70] behandelt wird. Eine Versicherungsgesellschaft m¨ ochte eine Krankenversicherung f¨ ur eine bestimmte Bev¨ olkerungsgruppe anbieten: sie errechnet die durchschnittlichen Krankheitskosten dieser Gruppe und leitet davon die H¨ ohe der Versicherungspr¨ amie ab. Mit dieser Taktik wird dieser Anbieter leider sehr schnell den Konkurs anmelden k¨ onnen: je h¨ oher eine Person ihren Bedarf an medizinischer Versorgung in der n¨ aheren Zukunft einsch¨ atzt (vielleicht ist sogar eine chronische Erkrankung bekannt), umso eher wird sie diese Versicherung abschließen wollen: das Angebot zieht zuviele Lemons an, egal welche H¨ ohe die Pr¨ amie hat.
Als Signal k¨ onnten sich die Versicherungswilligen jetzt bereiterkl¨ aren, in den ersten beiden Jahren der Versicherungszeit nur sehr bedingte Leistungen zu akzeptieren: Personen, die in naher Zukunft mit einer aufwendigen medizinischen Behandlung rechnen m¨ ussen, werden nicht bereit sein, die zu akzeptieren.
In der Praxis kann man dieses Problem auch mit einer allgemeinen Versicherungspflicht umgehen: jetzt haben wir nicht nur schwerkranke Versi- 11 zudeutsch etwa: Dorfbank, das Projekt wird auch von der deutschen Entwicklungshilfe unterst¨ utzt
Adverse Selektion und Moral Hazard 15
cherungsteilnehmer, so daß die Police auch f¨ ur junge und gesunde Versicherungswillige erschwinglich und sinnvoll ist.
2.3.4 Das Gresham’sche Gesetz
Im Zusamenhang mit dem Begriff der Adversen Selektion findet man in der Literatur (z.B. [Kreps90] oder sogar [Akerlof70]) h¨ aufig als einf¨ uhrendes Beispiel das Gresham’sche Gesetz (nach Sir Thomas Gresham, 1519-1579, Berater der engl. K¨ onigin), dessen vereinfachte Aussage ” Gutes Geld wird
von schlechtem Geld verdr¨ angt “ auf den ersten Blick dem Akerlofschen Automarkt zu entsprechen scheint; einer genauerer Betrachtung h¨ alt dies doch nicht stand (vgl. hierzu auch [Woll93]):
Das Gresham-Gesetz bezog sich historisch auf verschiedenartige Zahlungsmittel, die nebeneinander eingesetzt wurden, gleichzeitig aber auch noch eine nichtmonet¨ are Verwendungsm¨ oglichkeit boten, wie z.B. Gold- und Silberm¨ unzen (Bimetallismus). Ist hierbei ein staatlich festgelegtes Austauschverh¨ altnis gegeben (z.B. in den den USA 1792 bis 1834 f¨ ur Goldzu Silberm¨ unzen von 1:15), welches von dem am Markt gebildeten Tauschverh¨ altnis abweicht (im vorliegenden Fall war dies 1:15,5), so ist Silber im Vergleich zum Markttauschverh¨ altnis als Zahlungsmittel gegen¨ uber Gold uberbewertet. Hieraus resultierte eine Bevorzugung von Silber gegen¨ uber ¨
Gold als Zahlungsmittel, denn f¨ ur einen Schuldner war es g¨ unstiger, mit Silberm¨ unzen zu bezahlen; beim Besitz von Goldm¨ unzen war es sinnvoller, diese f¨ ur nichtmonet¨ are Zwecke zu verwenden (z.B. Einschmelzen zur Herstellung von Schmuck).
Diese Art der negativen Selektion hat aber nichts mit asymmetrischer Information zu tun, da allen Beteiligten der Sachverhalt bekannt war.
Kapitel 3
Moral Hazard
Das Problem des Moral Hazard wurde zuerst in der Versicherungswirtschaft erkannt. Wie in der Einleitung am Beispiel der Fahrradversicherung schon anschaulich erkl¨ art, kann eine Versicherung im Modell keinen 100%igen Ersatz des Verlustes anbieten, weil sonst die n¨ otigen Anreize fehlen, mit entsprechender Sorgfalt zu handeln.
Im weiteren soll ein weiteres Gebiet betrachtet werden, auf dem diese Form der asymmetrischen Information ebenfalls eine Rolle spielt:
3.1 Agent-Prinzipal-Beziehung
Moral Hazard ist nicht nur bei Versicherungen ein Probelm, es spielt auch beim sog. Prinzipal-Agent-Beziehungen eine Rolle: Der Prinzipal 1 hat eine Ressource, die er nicht selbst bewirtschaften kann oder will, weshalb er einen Agenten 2 bestimmten m¨ ochte, der dies in seinem Interesse ¨ ubernimmt. Allerdings ist die tats¨ achliche Arbeit des Agenten nicht vollst¨ andig ¨ uberwachbar.
Klassisches Beispiel ist hier ein Landbesitzer, der sein Grundst¨ uck nicht selbst bestellen kann, und deshalb daf¨ ur einen Arbeiter einstellen will. Der landwirtschaftliche Ertrag h¨ angt nicht ganz unwesentlich von den Anstrengungen des Arbeiters ab, diese kann der Eigent¨ umer aber nur sehr bedingt uberwachen. Der Grad der Anstrengung des Arbeiters (der informierten Sei¨
te) ist eine endogene, von diesem beeinflußbare Gr¨ oße, weshalb hier ein Moral Hazard-Problem vorliegt.
Nun k¨ onnte man auf die Idee kommen, einfach eine Person einzustellen, die den Agenten ¨ uberwacht; dies ist aber erstens einmal mit erheblichen Kosten verbunden, und zweitens k¨ onnte sich dieser Aufpasser einfach mit dem/den Agenten verb¨ unden, so daß dies wohl kaum eine passable L¨ osung ist.
1 veraltet f. Gesch¨ aftsinhaber
2 veraltet f. Gesch¨ aftsvermittler, Vertreter, Handelnder
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Adverse Selektion und Moral Hazard 17
In der Literatur gibt es leider einheitliche Meinung dar¨ uber, wie exakt eine Prinzipal/Agent-Beziehung zu definieren ist; es gibt aber wenigstens einige Gemeinsamkeiten der verschiedenen Definitionen (vgl. [Wohlschiess96], Seite 119):
• Es gibt zwei Parteien (n¨ amlich Prinzipal und Agent), die auch aus mehreren Personen bestehen k¨ onnen
• Der Agent w¨ ahlt eine Handlung, durch deren Folgen die Wohlfahrt beider Parteien beeinflußt wird
• Beide Parteien handeln konsequent in ihrem eigenen Interesse
Von Bedeutung ist vor allem, daß das Fehlverhalten eines Agenten vom Prinzipal nicht ohne weiteres nachweisbar ist.
Die L¨ osung des Problems sind Anreize 3 , weshalb im n¨ achsten Abschnitt grundlegende Formen von Anreizsystemen vorgestellt werden (vgl. [Varian95] und [Kreps90]):
3.1.1 Anreizsysteme
Wir gehen von einem Prinzipal (P) aus, der durch den Agenten (A) eine Ressource - z.B. das oben erw¨ ahnte St¨ uck Ackerland - bewirtschaften l¨ aßt. Die erbrachte Leistung (oder Anstrengung) des Arbeiters sei a, hiervon h¨ angt auch der Output y ab: y = f (a).
Selbstverst¨ andlich senkt jede Anstrengung den Nutzen von A, so daß wir einen Nutzenentgang 4 (disutility) haben: d(a). Der Nutzen des Agenten h¨ angt (nur) von seinem Einkommen w(y) und seiner Anstrengung a ab, also: u(w, a), wobei die Entlohnung vom Output abh¨ angig ist. F¨ ur diese Funktion soll gelten:
Der Nutzen soll sich also mit zunehmenden Einkommen erh¨ ohen, zunehmende Anstrengungen jedoch vermindern ihn. Im folgenden gehen wir also von folgender Nutzenfunktion f¨ ur den Agenten aus:
u(w, a) = w(f (a)) − d(a) (3.2)
Weiter beachten m¨ ussen wir den sog. Vorbehaltsnutzen ¯ u, den der Agent
durch die Wahrnehmung anderer bestehender Alternativen hat 5 . Der Nutzen
3 engl.: incentives
4 als kardinale Gr¨ oße
5 z.B. der Nutzen, wenn er einfach zuhause bleibt und nicht arbeitet, evtl. dabei auch staatliche Sozialleistungen in Anspruch nimmt.
Adverse Selektion und Moral Hazard 18
aus der T¨ atigkeit im Dienste des Prinzipals muß mindestens genauso hoch sein wie dieser, wir haben also die Partizipationsbeschr¨ ankung:
w(f (a)) − d(a) ≥ ¯ u (3.3)
Mit diesen Vorarbeiten kann nun das Gewinnmaximierungsproblem des Prizinpals angegeben werden:
max f (a) − w(f (a)) (3.4)
Als Nebenbedingung ist hier die Partizipationsbeschr¨ ankung (3.3) einzuhalten.
Der Prinzipal will aber nicht mehr als unbedingt notwenig drauflegen, weshalb wir in der Partizipationsbeschr¨ ankung anstelle der kleiner-gleich-Relation auch eine ist-gleich-Relation annehmen k¨ onnen:
w(f (a)) − d(a) = ¯ u (3.5)
Damit ist der Agent indifferent zwischen dem Nichtstun und der Besch¨ aftigung in den Diensten des Prinzipals; der Prinzipal m¨ ußte also den Lohn noch um ε vers¨ ußen, damit aus dieser Indifferenz eine strikte Bevorzugung wird 6 ; dies ε werden wir im weiteren vernachl¨ assigen, um die Berechnungen nicht unn¨ otig aufwendig zu gestalten.
Wir setzen diese entsch¨ arfte Partizipationsbedingung in unsere Optimierungsaufgabe (3.4) ein, und erhalten so:
max F (a) = f (a) − d(a) − ¯ u (3.6)
Zur Herleitung des Maximums differenzieren wir F (a) nach a (wobei der konstante ¯ u-Term wegf¨ allt) und setzen das Ergebnis gleich Null; unser Optimum a ∗ muß also folgende Bedingung erf¨ ullen:
f (a ∗ ) = d (a ∗ ) (3.7)
Das Grenzprodukt muß f¨ ur a ∗ gleich den Grenzkosten (in Form des Nutzenentgangs) sein.
Um jetzt den Agenten dazu zu bringen, auch tats¨ achlich aus eigenem Antrieb heraus a ∗ zuw¨ ahlen, muß f¨ ur ihn der Nutzen in diesem Punkt mindestens so hoch wie f¨ ur alle anderen m¨ oglichen Werte von a sein; dies dr¨ uckt man in der Anreizkompatibilit¨ atsbedingung aus:
w(f (a ∗ )) − d(a ∗ ) ≥ w(f (a)) − d(a) ∀a ∈ A (3.8)
Unter diesen Voraussetzungen betrachten wir jetzt einige g¨ angige Anreizsysteme, was im Prinzip auf die Gestaltung verschiedener Entlohnungfunktionen w(a) hinausl¨ auft.
6 unter der Annahme einer streng monoton wachsenden Nutzenfunktion: ˜ x ⇒ x > ¯ u(˜ x) > u(¯ x)
Adverse Selektion und Moral Hazard 19
Pacht
Die Ressource wird zum (fixen) Preis R an den Agenten verpachtet, er darf daf¨ ur alle Gewinne aus der Bewirtschaftung behalten, es ist also
w(f (a)) = f (a) − R (3.9)
Der Agent maximiert seinen Nutzen, es ergibt sich so:
max w(f (a)) − d(a) − R (3.10)
Bei der Bildung der ersten Ableitung und dem Gleichsetzen mit Null f¨ allt die konstante Pacht R weg, es gilt wieder: Grenzkosten = Grenzertrag, was unsere Bedingung f¨ ur ein Optimum erf¨ ullt. Um die Pacht zu errechnen bem¨ uhen wir wieder der Partizipationsbedingung, so ergibt sich:
R = f (a ∗ ) − d(a ∗ ) − ¯ u (3.11)
Lohnarbeit
Bei Lohnarbeit werde A wie folgt entlohnt:
w(a) = β · a + K β > 0 (3.12)
Hierbei ist K eine erfolgunabh¨ angige Pauschale (Grundlohn). Der Agent wird folgendes Optimum anstreben:
max β · a + K − d(a) (3.13)
Auch dies f¨ uhrt wieder zum Ergebnis: Grenzertrag=Grenzkosten. Achtung: diese Anreizschema entspricht nicht dem der Akkordarbeit: bei Ak-kordarbeit wird der nur der tats¨ achliche erzeugte Output bewertet, nicht die Anstrengung; f¨ uhrt eine Anstrengung beim Akkord nicht zum Erfolg, so erh¨ alt der Akkordarbeiter hierf¨ ur auch kein Geld.
Alles-oder-nichts
Eine etwas extreme Form der Entlohnung ist Alles-oder-Nichts: wenn der Agent a = a ∗ leistet, erh¨ alt er den Bertrag B ∗ = ¯ u + d(a ∗ ), ansonsten erh¨ alt er nichts:
Verfehlt der Agent das Ziel (a = a ∗ ), so hat er sogar einen negativen Nutzen von −d(a), denn er hat den Aufwand a, erh¨ alt aber ¨ uberhaupt keinen Lohn
daf¨ ur. Aus theoretischer Sicht ist diese Entlohnungsform f¨ ur den Prinzipal dennoch optimal.
Adverse Selektion und Moral Hazard 20
Gewinnbeteiligung
Bei diesem Verfahren (auch als Sharecropping bekannt) erh¨ alt der Agent einen bestimmten Anteil α ∈]0, 1[ zuz¨ uglich eines fixen Betrages F > 0
w(a) = α · f (a) + F (3.15)
L¨ osen wir die Maximierungsaufgabe des Agenten, so kommen wir jedoch zu folgendem Ergebnis:
α · f (a) = d (a) (3.16)
Wegen dem Faktor α kann unsere oben hergeleitet Bedingung Grenzprodukt = Grenzkosten nicht zutreffen, dieses System ist also theoretisch nicht optimal.
3.1.2 Beurteilung der Anreizsysteme unter asymmetrischer Information
Die vorgestellten Anreizsysteme sehen voraus, daß die Anstrengung a des Agenten direkt zu ¨ uberwachen ist, was aber leider in der Praxis wohl kaum der Fall sein wird. Der Prinzipal wird oft nur den Output y beobachten k¨ onnen um von dieser Gr¨ oße auf die Anstrengung schließen. Allerdings wird y wohl nicht immer nur von aabh¨ angen, sondern auch von weiteren, zum Teil zuf¨ allig verteilten Gr¨ oßen γ i , also: y = f (a, γ 1 , γ 2 , . . .), Output und Anstrengung sind dann nicht perfekt korreliert. Wie sind unter diesen Bedingung die vorgestellten Anreizsysteme zu beurteilen?
Pacht
H¨ angt der Output noch von Zufallsgr¨ oßen ab (in dem Landwirtbeispiel h¨ angt der Ertrag nicht nur von der Anstrengung des Agenten ab, sondern auch vom Wetter und evtl. Sch¨ adlingsbefall), so tr¨ agt der Agent das gesamte Risiko. I.d.R. wird der Agent aber risikoaverser sein als der Prinzipal (dieser ist schließlich Unternehmer). Der Agent wird entsprechend den Ertrag niedriger als seinen monet¨ aren Betrag bewerten (Erwartungsnutzen), der P. wird ihm also nocht etwas drauflegen m¨ ussen. Im allgemeinen gilt (vgl. [Kreps90], Seite 584): Treffen risikoaverse- und neutrale Parteien zusammen, so ist es effizienter, wenn die risikoneutrale Partei das ganze Risiko tr¨ agt.
Lohnarbeit
Hier besteht die Notwendigkeit der Bestimmung von a; ist dies wegen irgendwelchen St¨ oreinfl¨ ussen nicht m¨ oglich, so kann dieses Anreizschema nicht angewendet werden.
Adverse Selektion und Moral Hazard 21
Alles-oder-Nichts
Auf diese extreme Form der Entlohnung wird sich der Agent wohl kaum einlassen, denn er tr¨ agt das komplette Risiko. Geht etwas schief, so erh¨ alt er f¨ ur seine M¨ uhen ¨ uberhaupt nichts.
Gewinnbeteiligung
In der Praxis h¨ aufig verwendet (z.B. in der Landwirtschaft, Akkordarbeit). Auch wenn dieses Schema lt. 3.16 nicht optimal ist, so ist es bei asymmetrischer Information noch der beste Kompromiss, da der Output y wohl halbwegs bestimmbar sein sollte.
3.2 Beispiele
Das wohl gr¨ oßte Problem innerhalb des Sozialismus sind die mangelnden Leistungsanreize, weshalb die n¨ achsten beiden Beispiele sich mit Problemen in solchen Volkswirtschaften besch¨ aftigen.
3.2.1 Reform des Agra-Systems in China
Zwischen 1978 und 1984 stieg die Agra-Produktion in China um ¨ uber 60%
an (vgl. [McMillanWhalleyZhu89]). Dieses außergew¨ ohnliche Wachstum wird auf die entsprechenden Regierungsreformen zu Beginn dieses Zeitraum zur¨ uckgef¨ uhrt, die unter dem Namen Production Responsibility System erhebliche Leistungsanreize f¨ ur den einzelnen Bauern schufen: wurden zuvor diese nur gruppenweise entlohnt, so stand auf einmal die Leistung des Einzelnen im Mittelpunkt; bei der ¨ Ubererf¨ ullung der vorgegebenen Produkti-
onsquote durften die mehrerzeugten Produkte privatwirtschaftlich gehandelt werden, was zuvor untersagt war. Zus¨ atzlich wurden weitere Landfl¨ achen f¨ ur die private Bewirtschaftung freigegeben.
Allerdings ist nicht der komplette Erfolg diesen neuen Regelungen zuzuschreiben, da zeitgleich noch erstmals chemische D¨ unger eingesetzt wurden und die Preise f¨ ur landwirtschaftliche Produkte stiegen. Trotzdem kommt die oben genannte Arbeit zu dem Schluß, daß ¨ uber drei Viertel des Erfolgs den neu geschaffenen Anreizen zuzuordnen sind. Die Preiserh¨ ohung allein spielt dabei anscheinend eine eher untergeordnete Rolle, da bei einer solchen in den fr¨ uhen 1980er Jahren in Rußland beobachteten keinerlei Auswirkungen auf den landwirtschaftlichen Output festgestellt wurden. Die chinesische Regierung plant dieses System entsprechend abge¨ andert auch f¨ ur andere Wirtschaftszweige einzuf¨ uhren.
Adverse Selektion und Moral Hazard 22
3.2.2 Photolabors in Budapest
Besondere Schwierigkeiten bereit die ¨ Uberwachung der Arbeitsleistung in
kleinen Gesch¨ aften f¨ ur Endverbraucher: wegen der geringen Anzahl von Besch¨ aftigten (oft nur einige wenige) ist fast jede Art der ¨ Uberwachung
zu teuer. Kann vielleicht manuelle Arbeit noch ann¨ ahernd beurteilt werden (z.B. ob neue Waren ordentlich in die Regale einger¨ aumt wurden), so ist dies mit dem Verhalten der Angestellten gegen¨ uber den Kunden wohl kaum m¨ oglich, obwohl gerade dies f¨ ur den Verkaufserfolg im Einzelhandel besonders wichtig ist.
Auch der ungarische Unternehmer G. Varszegi hatte dieses Problem mit seiner 1985 gegr¨ undeten Kette von Photogesch¨ aften, die die Entwicklung eines Filmes innerhalb einer Stunde versprachen. Er l¨ oste es auf außergew¨ ohnliche Weise: er zahlte seinen Besch¨ aftigten einfach das 4-fache (sic!) des g¨ angigen Lohnes. Ist bei einer normalen Entlohnung f¨ ur den einzelnen Angestellten eine K¨ undigung noch halbwegs verschmerzbar, so stellt sie in diesem Fall einen ungeheuren Verlust dar; entsprechend motiviert arbeiteten die Leute, das Unternehmen warf hohe Gewinne ab. Leider ist diese frappierende Anreizmaßnahme wohl nur unter den sehr speziellen Bedingungen im Budapest der damaligen Zeit m¨ oglich: der einzige (wohl kaum ernstzunehmende) Konkurrent war eine staatliche Agentur mit mehrmonatigem Bearbeitungszeitraum.
3.2.3 Feuerversicherung
Neben dem eingangs erw¨ ahnten Bespiel der Fahrradversicherung findet man auch h¨ aufig dieses Beispiel abgewandelt unter Verwendung einer Feuerversicherung: bei einer 100%igen Schadens¨ ubernahme im Brandfall ist eine mangelnde Sorgfalt (keine Feuerl¨ oscher, unn¨ otiges offenes Feuer) des Geb¨ audebesitzers zu bef¨ urchten, was die Eintrittwahrscheinlichkeit des Schadenfalls erh¨ ohen w¨ urde.
Das Beispiel hinkt jedoch in einem Punkt: ein Feuer schließt meist auch die Gefahr personeller Sch¨ aden ein, den Besitzer nicht unbedingt ausgeschlossen, ganz abgesehen von unersetzbaren materiellen Werten, die ein Feuer vernichtet, so daß dieser wohl ganz ohne Anreize von Seiten der Ver- sicherung entsprechende Sorgfalt walten lassen wird.
Kapitel 4
Asymmetrische Information
in der
Betriebswirtschaftslehre
Die theoretischen Vorleistungen der Informations¨ okonomik finden nat¨ urlich auch Anwendung in der Betriebswirtschaftslehre, besonders im Bereich der Unternehmensfinanzierung, da sich die Aussgaben von Modellen wie z.B. dem Capital Asset Pricing-Model (CAPM) oder der Arbitrage-Pricing-Theorie (APT) nicht mit der Empirie in Einklang bringen lassen; diese Modelle gehen auch von symmetrischer Information aus und kommen damit zu der Aussage, der Verschuldungsgrad/die Kapitalstruktur sei irrelevant f¨ ur den Wert einer Unternehmung - diese Aussage wird in der Praxis nat¨ urlich nicht akzeptiert, auch wenn die obigen Modelle zumindest aus theoretischer Sicht inzwischen unangefochten sind.
Die folgenden Abschnitte sollen einen kurzen ¨ Uberblick ohne explizite Herleitungen ¨ uber die Ergebnisse der Bem¨ uhungen geben, wirklichkeitsgetreuere Theorien unter Beachtung evtl. Informationsasymmetrien zu entwickeln.
4.1 Adverse Selektion bei der Unternehmensfinan-
zierung
Auf das Finanzierungsproblem von Kapitalgesellschaften angewendet bedeutet adverse Selektion: das Management einer Firma weiß wohl ziemlich genau ¨ uber die Qualit¨ at der Unternehmung bescheid (stille Reserven, Marktchancen, Know-How, Wert der Patente, Qualit¨ at und Motivation der Mitarbeiter, . . . ), jedoch ist es f¨ ur den potentiellen Anleger am Kapitalmarkt ziemlich schwer, gute Aktien von schlechten Aktien zu unterscheiden; wie auf
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Adverse Selektion und Moral Hazard 24
dem Akerlof’schen Gebrauchtwagenmarkt wird deshalb ein Durchschnittswert gebildet, was zur Benachteiligung der guten Firmen f¨ uhrt: Ihre Aktien sind zu niedrig bewertet, entsprechend sind die Kapitalkosten - die ja eigentlich das Risiko wiederspiegeln sollten - zu hoch, im schlimmsten Fall f¨ uhrt dies dazu, daß erfolgsversprechende Projekte 1 nicht durchgef¨ uhrt werden k¨ onnen.
Das Management solcher unterbewerteter Firmen wird also bestrebt sein mittels von Signalen den tats¨ achlichen inneren Wert der Unternehmung nach außen darzustellen. Als solches Signal kann z.B. die Fremdkapitalh¨ ohe herangezogen werden, vgl. hierzu [Wohlschiess96]: spieltheoretisch wird hier hergeleitet, daß Unternehmen mit einem h¨ oherem Wert einen h¨ oheren Verschuldungsanteil w¨ ahlen; damit die Unternehmensf¨ uhrung nicht mit einem k¨ unstlich erh¨ ohtem Fremdkapitalanteil die Anleger t¨ auschen kann, muß es in irgendeiner Form Strafkosten geben, z.B. Konkurskostenbeteiligung f¨ ur die verantwortlichen Personen.
Im Zusammenhang mit diesem Unterfinanzierungsproblem ist auch die Pecking-Order 2 -Hypothese zu nennen: es wird die Anwendung einer Mischfinanzierung bei neuen Investitionen vorgeschlagen. Zuerst sind vorhandene liquide Mittel heranzuziehen, dann wird zu Fremdkapital gegriffen, erst als letztes sollte Eigenkapital verwendet werden.
4.2 Moral Hazard bei der Unternehmensfinanzie-
rung
Auch das Moral-Hazard-Problem taucht bei einigen Aspekten der Unternehmensfinanzierung auf. Als Prinzipal/Agent-Konstellation k¨ onnen hier z.B. Aktion¨ are/Management oder Management u. Eigent¨ umer/Gl¨ aubiger 3 genannt werden.
Beim ersten Problem werden die Aktion¨ are als eigentliche Eigent¨ umer der Unternehmung Interessen wie hohe Rendite oder Sicherheit des angelegten Kapitals haben, die Verwirklichung dieser Ziele wird aber erheblich vom Arbeitseinsatz der Manager abh¨ angen, welchen die (Klein-)Aktion¨ are aber wohl schwerlich kontrollieren k¨ onnen. Die Manager selbst werden ihre eigenen Ziele verfolgen, die wahrscheinlich aber eher weniger mit hohem Arbeitseinsatz in Einklang zu bringen sind; vielmehr werden sie auch nach nicht-geldlichen Vorteilen 4 wie z.B. luxuri¨ os ausgestatte B¨ uror¨ aume, große Dienstwagen, attraktive Sekret¨ arinnen und dergleichen streben. Evtl. ver-
1 z.B.solche mit positiven Kapitalwert C0 > 0
2 engl. f. Hackordnung
3 als Fremdkapitalgeber
4 fringe benefits
Adverse Selektion und Moral Hazard 25
suchen einzelne Vorstandmitglieder auch ihr pers¨ onliches Ansehen durch unrentable und risikobehaftete, aber prestigetr¨ achtige Investitionen und Diversifikationen zu erh¨ ohen. Je breiter die Aktien gestreut sind (ein eigentlich erw¨ unschter Zustand), desto mehr entzieht sich dieses Verhalten der Kontrolle der (Klein-)Aktion¨ are.
Auch hier kann der Fremdkapitalanteil am Unternehmensverm¨ ogen als Heilmittel herangezogen werden: das eben beschriebene Verhalten wird n¨ amlich wesentlich durch hohe freie liquide Mittel beg¨ unstigt, ¨ uber die das Management relativ frei verf¨ ugen kann; je h¨ oher aber der FK-Anteil, desto mehr ist das Management auf ein solides Wirtschaften angewiesen, m¨ ussen doch regelm¨ aßig Gelder f¨ ur die anstehenden Zins- und Tilgungszahlungen zur Verf¨ ugung stehen. Zudem werden die als Gl¨ aubiger autretenden Kreditinstitute die Unternehmen als Schuldner im eigenen Interesse wirkungsvoll kontrollieren.
Beim zweiten Problem treten Gl¨ aubiger und Management/Besitzer als Gegenspieler auf: die Gl¨ aubiger erhalten f¨ ur die Engagement nur einen gewinnunabh¨ angigen Zins, die Dividende der Aktion¨ are ist jedoch vom Ergebnis abh¨ angig und im Prinzip nach oben nicht beschr¨ ankt, ¨ ahnlich verh¨ alt es sich mit den Erfolgsbeteiligungen der Manager. Die Haftung der Aktion¨ are beschr¨ ankt sich auf ihr Eigenkapital. Das Management k¨ onnte nun mit Unterst¨ utzung der Aktion¨ are auf die Idee kommen, besonders gewinnversprechende, aber auch risikotr¨ achtige Investitionen durchzuf¨ uhren; im Erfolgsfall w¨ urden Management und Aktion¨ are hiervon profitieren, nicht aber die Gl¨ aubiger, sie erhalten weiterhin ihren festen Zins, obwohl sie einen nicht unerheblichen Teil des Risikos tragen. Eine Beschr¨ ankung der Dividendenh¨ ohe bzw. Gewinnbeteiligungen kann hier Abhilfe schaffen.
Eine weitere m¨ ogliche Gefahr droht den Gl¨ aubigern durch die sog. Milking-The-Firm-Taktik: hierbei werden ansich f¨ ur den weiteren Unternehmenserfolg relevante Verm¨ ogensgegenst¨ ande liquidiert, die Erl¨ ose werden (zumindestens teilweise) an die Aktion¨ are bzw. Managementmitglieder ausgesch¨ uttet. Die Fremdkapitlgeber gehen hier wieder leer aus, obwohl ein solches Verhalten ihr Risiko betr¨ achtlich erh¨ ohen kann.
4.3 Das Stakeholder-Problem
Neben den bereits erw¨ ahnten Risiken der Aktion¨ are (Stockholder) und Fremdkapitalgeber (Bondholder) sind von der Problematik der asymmetrischen Information innerhalb von Unternehmen auch die Stakeholder 5 betroffen: diese haben - wie die beiden ersten Gruppen - auch Anspr¨ uche an die Unternehmung, allerdings sind diese nicht vertraglich/schriftlich fixiert. Beispiele
5 at the stake, engl. f. etwas auf ’s Spiel setzen
Adverse Selektion und Moral Hazard 26
hierf¨ ur sind z.B. den Mitarbeitern zugesicherte Karrierechancen oder Versprechungen an Kunden bzgl. des zuk¨ unftigen Services oder Produktangebots. Diese meist vagen Versprechen sind ihrer Natur nach kaum einklagbar. Trotzdem kann das Unternehmensergebnis hiervon beeinflußt werden, z.B. wenn durch solche Zusagen die Mitarbeiter motiviert werden k¨ onnen oder die Nachfrage steigt. Ger¨ at eine Firma aber in Schwierigkeiten, wird sie zuerst an dieser Stelle sparen, da kaum rechtliche Konsequenzen zu bef¨ urchten sind.
Kapitel 5
Schlußbetrachtung
Es zeigt sich, daß die Aspekte der asymmetrischen Information in vielen Bereichen der ¨ Okonomik ihren Niederschlag finden. Da die grundlegende Behandlung dieser Thematik keine sonderlich hohen Anspr¨ uche an die mathematischen Werkzeuge stellt, ist es verwunderlich, daß das Thema erst so sp¨ at Beachtung in der einschl¨ agigen Literatur gefunden hat.
Auch wenn wir zur Zeit Zeugen einer ungeheuerlichen Fortentwicklung auf dem Gebiet der Informationstechnik werden (Internet, Mobilfunktelefone, Glasfasertechnik, . . . ), so wird dies an den in der realen Umwelt bestehenden Informationsasymmetrien nur wenig ¨ andern.
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Literaturverzeichnis
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Decker Michael, 2000, Adverse Selektion und Moral Hazard, München, GRIN Verlag GmbH
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