Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 1
Einleitung 2
1. Varieties of Capitalism 3
1.1. Die Notwenigkeit der Organisation 4
1.2. Verschiedene Marktwirtschaften: CME und LME 5
1.2.1. Unternehmen - Angestellte 6
1.2.2. Unternehmen - Zulieferer und andere Unternehmen 6
1.2.3. Corporate Governance und Sicht auf Unternehmen 7
1.2.4. Produktions- und Innovationsstrategien 8
2. Institutionelle Wettbewerbsvorteile 9
2.1. Wettbewerbsvorteile durch Institutionen in CME 10
2.1.1. Institutionen, Unternehmen und der Arbeitsmarkt 11
2.1.2. Institutionen, Unternehmensstruktur und der Kapitalmarkt 12
2.2. Wettbewerbsvorteile durch Institutionen in LME 12
3. Konvergenz 14
4. Divergenz 17
4.1. Institutionelle Komplementarität 18
4.2. Institutionelle Pfadabhängigkeit 19
5. Resümee - Konvergenz vs. Divergenz 21
5.1. Ausblick: Wirtschaftspolitik und Varieties of Capitalism 22
6. Literaturverzeichnis 24
1
Die einzige Konstante ist die Gewissheit der Veränderung.
Das Forschungsfeld der „Varieties of Capitalism“, das Unterschiede in der Verfasstheit kapitalistischer Wirtschaftsysteme zum Gegenstand hat, erfreut sich reger Beachtung. Dies lässt sich nicht nur dadurch erklären, dass mit dem Zusammenbruch planwirtschaftlicher Wirtschaftsysteme der Gesellschaftsforschung ein dankenswertes Theoriegebiet abhanden gekommen ist und somit Unterschiede zwischen den verbleibenden und neu entstandenen Marktwirtschaften vermehrt in das Blickfeld rückten, sondern insbesondere dadurch, dass sich in der „Varieties of Capitalism“ - Forschung eine Reihe wohletablierter Erklärungsansätze verschiedener Disziplinen fruchtbar anwenden ließen und lassen.
So befindet sich die theoretische Auseinandersetzung mit dem Feld „Varieties of Capitalism“ im Schnittpunkt zwischen den Wirtschaftswissenschaften, die etwa mikro- und makroökonomische Begriffe wie Pfadabhängigkeit, Komplementarität und komparative Vorteile einbringen und den Sozial- und Politikwissenschaften, die die Wichtigkeit von Institutionen in der Forschung betonen.
In dieser Arbeit werden zunächst unter 1. die Unterschiede verschiedener kapitalistischer Wirtschaftsysteme beschrieben und eine Klassifizierung dieser in homogene Gruppen, „Liberal Market Economies“ und „Coordinated Market Economies“ nach Hall und Soskice (2001) dargestellt. Anschließend werden unter 2. Ansätz(e?) wie komparative Vorteile zur Erklärung dieser Differenzen betrachtet. Im folgenden Hauptteil der Arbeit werden unter 3. und 4. Argumente, die für oder gegen eine Persistenz dieser Unterschiede zwischen kapitalistischen Wirtschaftsystemen sprechen, kritisch gegenüber gestellt.
Es wird also schwerpunktmäßig die Debatte um Konvergenz oder Divergenz kapitalistischer Systeme in der Globalisierung betrachtet, wobei genauer auf die Begriffe Pfadabhängigkeit und Komplementarität von und zwischen Institutionen einzugehen sein wird. Abschließend wird in einem Resümee versucht, neben einer Wertung die Debatte Konvergenz vs. Divergenz in einen breiteren politischen Kontext zu stellen.
2
1. Varieties of Capitalism
Literatur zur Thematik der „Varieties of Capitalism” beginnt meistens mit der Feststellung, dass gewichtige Unterschiede zwischen Marktwirtschaften verschiedener Staaten existieren. So sollen hier zunächst einige dieser Unterschiede exemplarisch vorgestellt werden. Es geht dabei weniger darum, eine vollständige Aufzählung der Differenzen zu geben, sondern darum, eine Annäherung an die Thematik „Varieties of Capitalism“ bei gleichzeitiger Vorbereitung der Darstellung der Konvergenz vs. Divergenz Debatte. Ohne dieser unnötig vorzugreifen, kann doch schon gesagt werden, dass die stärksten Anzeichen einer Konvergenz zwischen marktwirtschaftlichen Systemen im Bereich der Unternehmen zu beobachten war.
Will man ein sich dem Phänomen der Unterschiedlichkeit verschiedener Wirtschaftssysteme nähern, und versuchen, Erklärungen dieser Differenzen oder gar Prognosen über z ukünftige Konvergenz oder Divergenz geben, so ist es notwendig, einzelne Akteure sowie ihr Zusammenspiel zu betrachten 1 . Denn die Eigenschaften wie auch Besonderheiten eines kapitalistischen Wirtschaftssystem ergeben sich aus dem als rational und eigennutzmaximierenden Verhalten einzelner Subjekte dieses Systems 2 . So auch Hall; Soskice (2001: 6): ”We see the political economy as a terrain populated by multiple actors, each of whom seeks to advance his interests in a rational way in a strategic interaction with others.” Oder auch Whitley (1999: 25) “Firms are by no means the same sorts of economic actors in different economies. This means that the ways in which private ownership is organized and connected to authority hierarchies - as well as how these latter are structured , of course - are central to any comparative analysis of economic organisation.”
Insofern erklärt sich, dass hier ein unternehmenszentrierter Ansatz gewählt wurde, einerseits dadurch, dass es notwendig ist, verschiedene Akteure innerhalb eines komplexen Systems auszumachen, um an Beschreibungsschärfe zu gewinnen, und andererseits dadurch, dass U nternehmen die Einheiten sind, an denen sich Globalisierung am stärksten zeigt 3 . Dies dürfte einer der Gründe dafür sein, dass in der Betrachtung der „Varieties of Capitalism“ der Ansatz zur Einteilung verschiedener Marktwirtschaften nach der Art ihrer Organisation von Firmen-
1 Insofernwird hier ein analytisch-kompositorischer Ansatz verwendet.
2 Diese Annahmen des methodischen Individualismus werden implizit in der Literatur zu den „Varieties of Capi-
talism“ gemacht, jedoch nur selten explizit als solche gekennzeichnet.
3 Vgl. Hall; Soskice (2001: 6): “This is a firm-centered political economy that regards companies as the crucial
actors in a capitalist economy. They are the key agents of adjustment in the face of technological change or in-
ternational competition whose activities aggregate into overall levels of economic performance.”
3
beziehungen richtungsweisend geworden ist: Innerhalb eines solchen Ansatzes lassen sich Argumente für Konvergenz oder Divergenz darstellen und nachvollziehen 4 .
Stellt man also Unterschiede zwischen verschiedenen Marktwirtschaften fest und konzentriert sich dabei auf die Rolle der Firmen, so stellt sich die Frage: Haben Unternehmen verschiedener Standorte systematische Unterschiede in ihren Strategien oder ihren Ausrichtungen? Wenn ja, warum und welche 5 ? Die Frage nach dem Warum soll u nter 2. genauer beleuchtet werden - hierbei wird genauer auf die Rolle von Institutionen einzugehen sein -, im Folgenden werden zunächst eine einige Unterschiede zwischen marktwirtschaftlichen Systemen u nter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Unternehmen dargestellt.
Diese Arbeit wird sich dabei an der in Soskice; Hall (2001: 8ff) 6 vorgestellten Einteilung verschiedener Formen marktwirtschaftlicher Systeme in „Liberal Market Economies“ (LME) und „Coordinated Market Economies“ (CME) orientieren 7 .
1.1. Die Notwenigkeit der Organisation
Unternehmungen, so wie sie in Soskice; Hall (2001) dargestellt werden, haben in allen kapitalistischen Wirtschaftsystemen zunächst die selben Probleme. So produzieren alle Unternehmen mithilfe eingesetzter Produktionsfaktoren - wie Arbeit und Vorprodukte - bestimmte Dienstleistungen oder Güter und verkaufen an ihre Abnehmer. Neben der Versorgung mit den Produktionsfaktoren und der Organisation des Verkauf, treten die aus den Wirtschaftswissenschaften bekannten Größen der Organisation des Verhältnisses von Management und Eigentümer, bzw. Finanzierer, der Unternehmen in Form eines Prinzipal - Agent Verhältnisses als grundlegende Problemfelder von Unternehmungen hinzu 8 .
Eine relationale Sicht auf Unternehmen fokussiert so die Untersuchung der Unterschiede zwischen verschiedenen Firmen auf die U ntersuchung der Unterschiede in der Interaktion der Unternehmen mit anderen Akteuren. Diese anderen Akteure sind Arbeiter und Angestellte,
4 Siehe Soskice (1999, 2000), Hall; Soskice (2001), Whitley (1999), Streeck (1992, 2001) Casper (2001),
Bebchuk; Roe (1999)
5 Vgl. Hall; Soskice (2001: 1)
6 Die Unterscheidung CME und LME ist bereits in früheren Aufsätzen von Soskice vorgestellt worden. In der
o.g. Quelle findet sich eine übersichtliche und umfangreiche Darstellung dieser Klassifizierung.
7 Andere Ansätze zur Klassifizierung verschiedener Formen des Kapitalismus finden sich z.B. entlang der
Trennlinie der Stärke der Gewerkschaften oder nach Ausprägung des Wohlfahrtstaates. Vgl. z.B. Esping -
Andersen, G.(1998): Die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus, in: Lessenich, S.; Ostner, I. [Hrsg]: Welten
des Wohlfahrtskapitalismus, Frankfurt/M: Campus, S.19-58. Für die in dieser Arbeit angestrebte Darstellung der
Konvergenz vs. Divergenz Debatte sind diese Ansätze jedoch weniger hilfreich.
8 Hall; Soskice (2001: 6) und Whitley (1999: 25)
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Zulieferer, Kunden, Finanzierer, Eigentümer, Gewerkschaften, andere Firmen, Wirtschaftsverbände sowie die Regierung.
Beispiele für Interaktionen zwischen diesen und einer Firma wären z.B. Verhandlungen mit Gewerkschaften oder Arbeitskräften über Lohn und Arbeitsbedingungen, die Ausbildung der Arbeitskräfte, die Einflussnahme auf und Kontrolle des Managements durch E igentümer und Finanzierer des Unternehmens, die Informationsweitergabe vom Management an Eigentümer und Finanzierer, die Kapitalaufnahme des Unternehmens, die Etablierung von Standards i nnerhalb einer Branche, die Preis- und Produktstrategie des Unternehmens und die An- oder Abwesenheit gemeinsamer Forschung und Entwicklung mit anderen Firmen 9 . Für jeder dieser Interaktionen lässt sich untersuchen, ob sich die Art des Umgangs mit diesen anderen Akteuren systematisch zwischen Staaten unterscheidet.
1.2. Verschiedene Marktwirtschaften: CME und LME
Hall; Soskice (2001: 8ff) unterscheiden Volkswirtschaften danach, wie in ihnen diese Interaktionsprobleme der Firmen gelöst sind. Idealtypisch sind dabei zwei Typen von Organisationen von Unternehmensbeziehungen. Auf der einen Seite die „Liberal Market Economies“ (LME), in denen o.g. Interaktionen der Unternehmen vornehmend über einen von Wettbewerb g eprägten Markt organisiert und bestimmt werden, und auf der anderen Seite „Coordinated Market Economies“ (CME) zu denen es in Hall; Soskice (2001: 8) heißt: “Firms depend heavily on non market relationships to coordinate their endeavors with other actors and to construct their core competencies. These non-market modes of coordination generally entail more extensive relational of incomplete contracting, network monitoring based on the e xchange of private information inside networks, and more reliance on collaborative, as opposed to competitive, relationships to build the competencies of the firm. 10 ” Dieser Gegensatz in der unterschiedlichen Organisation der Interaktionen lässt sich anhand einiger Beispiele deutlich zeigen 11 :
9 Hall; Soskice (2001: 6)
10 Als nahe am Idealtypus der CME stehend werden Deutschland und Schweden genannt. Die USA und Großbri-
tannien hingegen werden als LME beschrieben. (vgl. Gourevitch (1992: 240), Soskice (1999: 120ff) und Hall;
Soskice (2001: 21ff, 27ff)
11 Dem ordnungspolitisch sensibilisiertem Leser mag beim Lesen der folgenen Beispiele zu recht auffallen, dass
u.g. Unterschiede durch Tarifrecht, Arbeitsrecht, Kartellrecht, Aktienrecht, Kartellrecht, Gewerberecht uvm.
bedingt und beeinflusst werden. In diesem Abschnitt sollen zunächst Unterschiede dargestellt werden um unter
2. auch auf die Rolle von Recht und Institutionen genauer einzugehen.
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1.2.1. Unternehmen - Angestellte
Im Bereich der Verbindung von Unternehmen zu Angestellten wird in der Literatur besonders auf zwei Differenzen zwischen LME und CME hingewiesen: die Art des Ausbildungssystem und die Festigkeit des Angestelltenverhältnisses. So ist in CME eine eher kostenintensive Ausbildung zu breiten industrie-/ branchenspezifischen Fähigkeiten g ekoppelt mit einer eher längerzeitlichen Anstellung zu beobachten 12 während in LME e her eine weniger kostenintensive Ausbildung von Firmenseite sowie eine schwächere Bindung zwischen Unternehmen und Angestellten anzutreffen sind 13 . Des weiteren lässt sich in CME eine höhere Rigidität der Löhne insgesamt und eine geringere Hierarchisierung der Angestelltenstruktur einzelner U nternehmen beobachten. Dieser Umstand, der auf starke und etablierte Gewerkschaften in CME zurückgeführt werden kann 14 , geht in CME einher mit geringeren Lohnunterschieden als in LME, in denen die Unternehmen mit höheren Löhnen Anreize schaffen können 15 .
1.2.2. Unternehmen - Zulieferer und andere Unternehmen
Auch im Bereich der Verbindung zwischen Unternehmen und ihren Zulieferern bzw. anderen Firmen kann zwischen CME und LME eine deutliche Unterscheidung getroffen werden. S o sind die Verbindungen mit Zulieferern von Unternehmen in CME längerfristig angelegt, während solche Verbindungen in LME häufiger wechseln und hierbei stärkerer Wettbewerb unter Zulieferern zu verzeichnen ist 16 . Hierbei sind in CME vielfältige Verbindungen von Unternehmen einerseits über Kreuzbeteiligungen, gegenseitig oder einseitig eingeräumte Aufsichtsratposten 17 und gemeinsame Mitgliedschaft in Wirtschaftsverbänden anzutreffen 18 . In der Literatur wird auch auf die Unterschiedlichkeit der Normsetzung hingewiesen, die in LME weniger über Absprachen, als über den Markt zustande kommen 19 , während in CME ein wesentlicher Teil der Norm-/ Standardsetzung in Zusammenarbeit von Unternehmen und/ in Wirtschaftsverbänden geleistet wird 20 .
12 Streek (1992: 16 und 32), Hall; Soskice (2001: 44), Soskice (1999: 115) und Gourevitch (1992: 243)
13 Gourevitch (1992: 243) und Soskice (1999: 118)
14 Streek (1992: 32)
15 Soskice (1999: 124)
16 Gourevitch (1992: 243) und Soskice (1999: 116)
17 Zur Rolle der Banken, die dieses Mittel der Informationsbeschaffung besonders nutzen: s. u. .
18 Hall; Soskice (2001: 44) Soskice (1999: 116)
19 Hierbei bestimmt der erfolgreiche first-mover den Branchen-Standard, an dem sich aus Kompatibilitätsgrün-
den Wettbewerber halten. Dies ist in z.B. den USA zu einem guten Teil durch das starke Kartellrecht bedingt.
Soskice (2000: 88) und Hall; Soskice (2001: 31)
20 Tate (2001: 454f )
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Arbeit zitieren:
Malte C. Daniels, 2002, Konvergenz oder Divergenz - Die Zukunft der Varieties of Capitalism, München, GRIN Verlag GmbH
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