Vorstellungen passen schlecht zum Radikalismus von Konstruktivisten und Suprematisten. Aber trotzdem nimmt er wichtige Positionen in der künstlerischen und kulturellen Verwaltung des neuen sowjetischen Staates ein. Seine Arbeit in verschiedenen Institutionen führt zur Schaffung von Museen in ganz Russland sowie zu Programmen zur Kunsterziehung. 1917 heiratet er Nina Andreewsky, und vier Jahre danach kommt er auf einer Arbeitsreise erneut nach Deutschland, von wo er nicht zurückkehrt.
1922 tritt er dem Bauhaus bei, wo er bis 1933 die Werkstatt für Wandmalerei, verschiedene Grundlagenkurse und ab 1927 eine freie Malklasse leitet. Hier trifft er seinen Freund Klee wieder, und zusammen mit ihm, Jawlensky und Feininger gründet er »Die Blauen Vier«. Während dieser Jahre diszipliniert sich Kandinskys Werk. An die Stelle malerisch und frei verteilter Farben treten nun geometrische Kompositionen, wobei Kandinsky ein raffiniertes Kalkül aufeinander abgestimmter Wechselwirkungen bestimmter Farben und Formen entwickelt - im Einklang mit der künstlerischen Grundlagenforschung am Bauhaus.
Kandinsky wird von seiner neuen Verantwortung in der aus der Oktoberrevolution hervorgegangenen Kunst- und Kulturverwaltung sehr in Anspruch genommen. Die Bilder aus dieser Zeit weisen jedoch bedeutende Veränderungen auf. Obwohl er sich von den grossen Strömungen der revolutionären russischen Avantgarde unterscheidet, zeigt sich ihr Echo eindeutig in dem Prozess einer analytischen Systematisierung, dem er die Farben aus der Zeit des Blauen Reiters unterwirft. Es ist, als würde Kandinsky die Farbmassen durch die Form bändigen, disziplinieren wollen. Es gibt stets ein Element - ein Oval, einen Kreis -, das den Mittelpunkt der Komposition bildet, und häufig greift er auf Trapeze oder andere geometrische Formen zurück, die der mittleren diagonal aufgesetzt werden, um die an der Bildoberfläche treibenden Formen zu schichten und in Spannung zu versetzen. Mit dem gleichen Mittel erzeugen auch Malewitsch und die anderen Suprematisten eine schwebende Räumlichkeit auf der Fläche.
Seine Lehrtätigkeit am Bauhaus zwingt ihn, seine malerische Sprache in ein System zu fassen, was er vor allem in dem 1926 veröffentlichten Buch "Punkt und Linie zur Fläche" tut. Der in der Abhandlung "Über das Geistige in der Kunst" dargelegte Gedanke von den musikalischen und emotionalen Entsprechungen der Farben bildet weiterhin die Grundlage seiner Malerei, wird nun jedoch mit den Wechselwirkungen der Form kombiniert. Kandinskys Farbtheorie nennt vier Gegensätze: Kalt und Warm, Dunkel und Hell und die Komplementärkontraste Rot und Grün sowie Orange und Violett. Daraus ergeben sich komplexe Kombinationen. Jeder der drei Grundfarben (Blau, Gelb, Rot) entspricht einer Grundform (Kreis, Dreieck und Quadrat). Bei unterschiedlichen Kombinationen verstärken die geometrischen Formen den Charakter einer jeden Farbe oder nehmen ihn zurück und bestimmen so die Richtungen und Spannungszentren auf der Bildfläche. Kandinsky versteht es jedoch, die Theorie in den erforderlichen Grenzen zu halten, indem er sie frei und nicht als Formel für eine mechanische Anwendung benutzt.
1937 wurden 57 seiner Werke als "entartet" aus den Museen in Deutschland beschlagnahmt. Als die Deutschen 1940 in Frankreich einmarschierten, musste sich Kandinsky sogar dort für einige Zeit verstecken, und seine Ausstellungsmöglichkeiten waren durch die politischen und militärischen Ereignisse sehr eingeschränkt. Im Frühjahr 1944 erkrankte Kandinsky zunächst an einer Grippe. Bis Juli arbeitete er noch weiter, starb jedoch am 13. Dezember 1944 an einem Hirnschlag.
Quellen: Ulrike Becks-Malorny, Wassily Kandinsky 1866-1944, Benedikt Taschen Verlag, Vivian Endicott Barnett, Helmut Friedel, Wassily Kandinsky im Lenbachhaus, Dumond Wolfgang-Michael Auer, An den Quellen der Kunst - Paul Klee und Wassily Kandinsky -
Arbeit zitieren:
Carsten Busch, 2001, Kandinsky, Wassily, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Geschehnisse im Sowjetstaat (Russland) von 1917 bis 1922
Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege
Referat / Aufsatz (Schule), 3 Seiten
Der Künstlerhabitus des Kasimir Malewitsch - dargestellt anhand seines...
Kunst - Allgemeines, Kunsttheorie
Hausarbeit, 27 Seiten
Carsten Busch hat den Text Kandinsky, Wassily veröffentlicht
Carsten Busch hat einen neuen Text hochgeladen
Wassily Kandinsky. Gesammelte Werke 1889-1916
Farbensprache, Kompositionsleh...
Helmut Friedel
Monet Kandinsky Mondrian und die Folgen
Wege der abstrakten Malerei
Ingried Brugger, Florian Steininger
0 Kommentare