Schon im 18. Jahrhundert ist die Bevölkerung schneller als die Zahl der Arbeitsplätze
und der Ernährungsmöglichkeit gewachsen. Die Not war dadurch eine
Massenerscheinung geworden.
Langfristig schuf die Industrielle Revolution neue Arbeitsplätze und
Verdienstmöglichkeiten, aber kurzfristig verschärfte sie die Not für viele. Viele
Handwerker und Heimarbeiter litten unter der Konkurrenz der Fabrik. Erst im Laufe des
19. Jahrhunderts verbesserte sich die soziale Lage der meisten Menschen durch den
Ausbau der Industrie und auch durch Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft. Um
1910 konnten sich die Arbeiter und ihre Familien einigermaßen ernähren und kleiden.
Um 1850 hatten viele Menschen in der Industrie noch ein Teufelswerk gesehen, fünfzig
Jahre später war sie die Verkörperung von Wohlstand und Fortschritt. Jedoch nahmen
die Unterschiede zwischen den Reicheren und den Ärmeren zu.
Verfassung, Nationalstaatsbildung, Industrialisierung - diese drei ineinander
verschränkten Prozesse bestimmten das 19. Jahrhundert. Seit 1880 kam der
Imperialismus hinzu.
Der Kampf der großen europäischen Nationalstaaten um die Aufteilung der Welt wurde
härter.
Im Zusammenprall der sich immer schneller entwickelnden Zivilisationen Europas und
Nordamerikas mit den ganz anderen Kulturen Afrikas und Asiens entstand jedes Gefälle
der Ungleichheit, das noch heute unsere Welt bestimmt. Gleichzeitig kam es zu einem
Konkurenzkampf der großen europäischen Nationalstaaten untereinander. England und
Frankreich hatten einen klaren Vorsprung. Umso gebieterischer verlangten jetzt
Deutschland und Italien ihren „Platz an der Sonne“, einen Anteil an der Aufteilung der
Welt. Russland und Österreich- Ungarn versuchten ihren Einfluss auf Asien bzw.
Südosteuropa und das alte Osmanische Reich auszudehnen. Dieser imperialistische
Machtwettbewerb führte 1914 in den Ersten Weltkrieg. Sein Ende leitete den
Niedergang der europäischen Vorherrschaft in der Welt ein.
Verfassung, Nationalstaatsbildung, Industialisierung, Imperialismus - das waren die
grundlegenden Entwicklungen und Veränderungen im 19. Jahrhundert. Welche davon
die wichtigste war ist nicht eindeutig zu beantworten. Es kommt dabei auf den
Standpunkt des Betrachters von heute an. Wer den Fortschritt für wichtig hält, wird die
Industrialisierung als wichtigste Veränderung bezeichnen. Wer die Geltung von
Menschenrechten als sehr bedeutsam erachtet, wird den Verfassungskämpfen und den
Emanzipationsbewegungen besonders Aufmerksamkeit schenken. Hier gibt es kein
Richtig oder Falsch.
Wir dürfen aber die Geschichte nicht nur von heute aus beurteilen. Wir müssen dabei
auch bedenken, was die Menschen des 19. Jahrhunderts für wichtig und richtig hielten.
Wenn wir das 19. Jahrhundert beurteilen, müssen wir also immer beides tun: die
Menschen in ihrer Zeit verstehen und die Zeit von heute aus erklären und beurteilen.
Arbeit zitieren:
Katrin Faber, 1999, Rückblick auf das 19.Jhrdt. in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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