befriedigt wird und schmerzlichster Genuss ihn immer weiter treibt. Die
Erfindung des Papiergeldes (Faust II, Lustgarten), die Erschaffung des
Homunculus’ (Faust II, Rittersaal) sowie der Gedanke an die Landgewinnung
aus dem Meer (Faust II, Hochgebirg) sind Beispiele für den zur Tat drängenden
Geist Fausts.
Auf seiner „Weltreise“ wendet sich Faust ebenso angeekelt von der bornierten
Studentenrunde in „Auerbachs Keller“ wie vom Spuk der „Hexenküche“ ab und
duldet nur widerwillig die Verjüngung durch den Hexentrank. Doch ihn reizt die
Möglichkeit der Überschreitung von Grenzen durch den Gebrauch der Magie.
Die Harmonie von Geist und Natur, die ein weiteres Merkmal des klassischen
Menschenbildes ist, wird vor allem in den Szenen „Vor dem Tor“ (Faust I),
„Wald und Höhle“ (Faust I) und „Anmutige Gegend“ (Faust II) deutlich. Faust
heilt seine seelische Erschütterung, in dem er die Schönheit der Natur
bewundert, die ihn zu neuem Handeln anregt: „Schon tut das Meer sich mit
erwärmten Buchten vor den erstaunten Augen auf. Doch scheint die Göttin
endlich wegzusinken; allein der neue Trieb erwacht, ich eile fort, ihr ew’ges
Licht zu trinken“ (Z. 1082-1086).
Die „Anmutige Gegend“ stellt den Beginn des zweiten Teils des Faustdramas
dar. Faust erwacht an einem Frühlingsmorgen nach dem Heilschlaf des
Vergessens zu neuem Leben und badet „in Lethes Flut“ (Z. 4604). Die Einigkeit
mit der Natur ermuntert ihn erneut zu höchstem Daseinsstreben.
Die Szene „Wald und Höhle“ zeigt außerdem die Hin- und Hergerissenheit
Fausts zwischen seinem maßlosen Unendlichkeitsdrang und der Liebe zu
Gretchen: „So tauml’ ich von Begierde zu Genuss, und im Genuss verschmacht
ich nach Begierde“ (Z. 3249/3250). Sie stellt den Widerstreit zwischen
Vernunftgebot und Gefühl, ein weiteres Merkmal des Menschenbildes, dar. Dies
wird auch im Arkadienglück des traumhaften Bundes mit Helena in der
klassisch - romantischen Phantasmagorie des dritten Aktes deutlich. Auf
wolkenumgebenen Gipfel wendet sich Faust von der tieferfahrenden
Sinnenschönheit zu der aus der Erinnerung als höchstes Gut aufsteigenden
Seelenschönheit Gretchens.
Der Pakt mit dem Teufel lässt den Antagonismus zwischen Sittengesetz und
Antrieben erkennen. Dieses Kennzeichen des klassischen Menschenbildes
veranschaulicht Goethe außerdem noch im Wunsch Fausts nach einem
Zaubermantel (Z. 1122) und dem vorehelichen Geschlechtsverkehr mit dem
14jährigen Gretchen, die daraufhin ein Kind bekommt.
Pflichtgefühl und Neigungen lassen Faust den Versuch unternehmen, Gretchen
aus dem Kerker zu retten, denn er ist sich seiner Schuld bewusst.
Goethe stellt den Bezug zur A ntike, der die Epoche der Klassik ebenfalls
kennzeichnet, in der Selbstdarstellung der Helena im dritten Akt durch die
Verwendung antiker Versmaße (Trimeter) her.
Faust steigert sich vom geld - und besitzlosen Doktor zum angesehenen
Menschen in würdigeren Verhältnissen.
Der gute Wille und die sittliche Gesinnung der Faustfigur wird vor allem in der
Todesszene (Großer Vorhof des Palastes) deutlich. Er löst sich von aller
titanischen Selbstverwirklichung, erhebt sich vom Tatengenuss nach außen zum
Schöpfungsgenuss nach innen und bekennt sich zum Glück der
Gemeinschaftsverantwortung auf neu geschaffenem freiem Land. „Im Vorgefühl
solchen hohen Glücks“ genießt er „den höchsten Augenblick“ (Z. 11585/11586)
und schreitet somit innerlich weiter.
Fausts Zwienatur wandelt sich zu fortwirkender Geisteskraft, und sein irrendes
Streben hebt sich als Gleichnis konfliktreicher Menschheitsentwicklung in den
ätherischen Dimensionen des schöpferischen Urquells auf.
Das Menschheitsdrama verkörpert das Verhältnis von Kunst, Politik und
Gesellschaft, welches zur Herstellung menschenwürdigerer Zustände führt, und
regt die Bevölkerung zur Revolution an.
Arbeit zitieren:
Angelika Gutsch, 2001, Goethe, Johann Wolfgang von - Faust - Menschbild in Faust, München, GRIN Verlag GmbH
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