1. Einführung:
Knapp 40 Jahre nach der Erstausstrahlung der Tagesschau haben sich Format und Erscheinungsbild von Fernsehnachrichten sichtbar verändert. Dabei scheint die Tagesschau, als die viel zitierte „Regierungserklärung der Wirklichkeit“ (Der Spiegel 20/1996: 135), noch immer der Nachricht den Vorzug vor einer möglichst dramatischen Inszenierung zu geben. Beispiele wie die RTL 2 News belegen, daß es auch anders geht. Und dennoch, auch bei der Urform des Genres sind zunehmende Visualisierung und Personifizierung Merkmale der täglichen Berichterstattung. In wie weit ist die Verfügbarkeit von Bildmaterial ausschlaggebend für die Aufnahme eines Ereignisses in die Sendung? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
War es in den 50‘er Jahren problematisch überhaupt an Informationen voneinander unabhängiger Quellen zu gelangen, läuft man heute mehr denn je Gefahr dem Irrglauben zu erliegen, alle Informationen zu kennen. So haben sich auch die Aufgaben des Journalismus verändert. Die Menschen brauchen mehr als Fakten. Sie wollen von deren Authentizität überzeugt werden und verlangen Erklärungen, was hinter den Fakten steht. Genau hierin besteht die Aufgabe der Medien: Dem Zuschauer in dem täglich neu anfallenden Sammelsurium von Ereignissen ein Stück weit Orientierung zu bieten. Es scheint also interessant einmal zu betrachten, was der Zuschauer von Fernsehnachrichten erwartet, welche Fragen er beant-wortet haben will.
TV-Nachrichten kommt seit jeher ein besonders großer Glaubwürdigkeitsvorsprung zu Gute, erzeugen die Bilder doch die Illusion der Teilhabe an einer ande- i Kanndas Fernsehen wirklich für sich beanspruchen die ren Wirklichkeit. Realität 1:1 abzubilden?
Das Fernsehen ist noch immer ein Medium, das vorrangig zur Unterhaltung genutzt wird. Das allabendliche niederlassen auf dem Sessel vor der Flimmerkiste erhöht unter Umständen nicht gerade die Aufmerksamkeit des Zuschauers. Welchen Einfluß haben, unabhängig von der Aufnahmebereitschaft, aber auchfähigkeit des Rezipienten, die angewandten Darstellungsformen auf die Rezeptionsleistung? Vor allem die Korrespondenz zwischen gesprochenem
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Text und gezeigtem Bild gilt es in diesem Zusammenhang einmal genauer zu betrachten. Soll der Sprecher beschreiben was der Zuschauer sieht oder Hin-tergrundinformationen liefern? Oder ist es Mediumsbedingt überhaupt nicht möglich aus Text und Bild eine Einheit zu formen?
2. Wie wird ein Ereignis zur Nachricht?
Rund eine Million Wörter verbreiten allein deutsche Nachrichtenagenturen Tag für ii . Vergleicht man diese Informationsflut mit der zur Verfügung stehenden Sen-Tag
delänge einer Nachrichtensendung, wird die Notwendigkeit zur Selektion offensichtlich. Ein Ereignis muß also, um schließlich als Nachricht in einer Sendung plaziert zu werden, aus der Gesamtheit aller Geschehnisse ausgewählt werden. Oder wie Ted Turner, Besitzer von CNN, es ausdrückt: „What is news? News is what you iii Im allgenews directors interpret it as. News is what we at CNN interpret it as.“ iv meinen geschieht dieser Auswahlprozeß nach journalistischen Routineverfahren. Spezifisch für Fernsehnachrichten ist, daß neben den medienübergreifenden v und dem je nach Parteibindung und -nähe un-Nachrichtenfaktoren und -werten
terschiedlichem Rollenverständnis von Journalisten, der Visualisierbarkeit eines Ereignisses zentrale Bedeutung zukommt.
Die Initiative Nachrichtenaufklärungen weist, von den genannten Faktoren unabhängig, immer wieder auf nahezu tabuisierte Themenbereiche hin. Hierzu zählen neben technologischen Entwicklungen auch die Arbeit militärischer Geheimdienste. An diesem öffentliche Verschweigen beteiligen sich nach Nieland auch die Journalisten. Die taz-Reporterin Betina Gaus sprach jüngst vom Ende der demokratischen Streitkultur.
2.1 Strukturelle Probleme:
Die Kürze eines einzelnen Fernsehbeitrages, aber auch der Nachrichtensendung insgesamt, kann als das strukturell größte Problem von Fernsehnachrichten be- vi Dargestelltwird strukturbedingt nicht die politische Grundströzeichnet werden.
mung, sondern die tagesaktuellen Wellenbewegungen. Ein Sprecher der Tages-
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schau verliest im Schnitt in etwa 15.000 Zeichen, das entspricht grob geschätzt dem Umfang der Titelseite einer überregionalen Tageszeitung. Dies zwingt zur Komprimierung auf das Wesentliche, zur Selektion, aber auch zur Standardisierung von Nachrichtenfilmen. Letzteres äußerst sich in einem immer wiederkehrenden Bildteppich, dessen Grundmuster beibehalten wird und in dem lediglich die handelnden Köpfe ausgetauscht werden. Bestes Beispiel sind die visuellen Stereotypisierungen von Ankunfts- und Abfahrtsszenen bei Staatsbesuchen und Gipfeltreffen. Die Bilder enthalten keine näheren Informationen über Ursache oder Ausgang des Treffens, signalisieren aber in hohem Maße Aktualität. „Funktional dienen sie als Wiedererkennungs-Topoi.“ (Kamps 1998)
2.2 Erwartungshaltung der Zuschauer:
„Was gibt es Neues, Herr Köpke? Werden ihm [dem Zuschauer] interessante Bilder oder relevante Meldungen angeboten, so wird er seine Aufmerksamkeit fokussieren; oft jedoch ist schon nach der ersten Meldung klar, daß es in der Welt wenig Neuigkeiten gegeben hat“ Peter Winterhoff-Spurk
Die Erwartungshaltung des Zuschauers beschränkt sich nicht dahingehend über die wichtigsten Geschehnisse informiert zu werden. Vielmehr verlangt er relevante und aktuelle Informationen aus den Bereichen Innenpolitik, Außenpolitik, Wirtschaft, aus Sport und Kultur. Durch den immer gleichen Aufbau einer Nachrichtensendung erwirbt sich der Zuschauer nicht nur faktisches Wissen, sondern auch vii Diese erworbene Me-Kenntnisse über den Aufbau und Ablauf einer Sendung. dienkompetenz führt dazu, daß Stilbrüche wahrgenommen werden und umgekehrt, daß das Ablaufschema in der Regel beibehalten wird. Ereignisse müssen also innerhalb ihrer Themenblöcke konkurrieren. So ist es denkbar, daß an ereignisreichen Tagen Geschehnisse nicht in der Nachrichtensendung plaziert werden, die am Folgetag eventuell sogar als „Aufmacher“ hätten laufen können. Ebenfalls ist undenkbar, daß eine Sendung aufgrund mangelnder Ereignisse ausfällt. Dadurch, daß der Zuschauer erwartet über die wichtigsten Meldungen eines Tages informiert zu werden, werden auch sogenannte Füllmeldungen als wichtig betrachtet und von Seiten der Nachrichtenmacher dramatisiert. Die Sensibilität könnte langfristig auf der Strecke bleiben.
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Nach dem Fernsehnachrichtenproduzent Av Westin müssen die Beiträge einer Nachrichtensendung drei Fragen beantworten: 1. Ist meine Welt sicher? 2. Sind meine Stadt und mein Heim sicher? 3. Wenn meine Frau und meine Kinder sicher sind, was ist in den letzten vierundzwanzig Stunden passiert, was sie schockieren oder amüsieren könnte?
Fernsehnachrichten werden demzufolge primär nicht unbedingt geschaut, um sich über politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Entwicklungen zu informieren, sondern in erster Linie, um sich zu vergewissern, daß nichts geschehen ist, was die eigene unmittelbare Umwelt in irgendeiner Form bedroht. Nach der von Noelle-Neumann aufgestellten Schweigespirale verfolgt der Mensch als soziales Lebewesen die politische und gesellschaftliche Berichterstattung aus Furcht vor Isolation. Er orientiert sich bei seinen Meinungsäußerungen an der vorherrschen- viii den Grundstimmung oder schweigt.
3. Modelle des Nachrichtenjournalismus:
„Auf jeden Fall aber muß man in der „Mediengesellschaft“ anderen Leuten Vertrauen schenken -und das sind Rechnungen mit Unbekannten: Journalisten“ Siegfried Weischenberg
Es gibt unterschiedliche Interpretationsansätze über die Funktion und Authentizität ix von Fernsehnachrichten.
1. Nach dem Spiegelmodell gelten Nachrichten als objektives Abbild der Realität.
2. Nach dem professionellen Modell bieten Journalisten einen interessanten und für den Zuschauer attraktiven Realitätsausschnitt.
3. Das organisatorische Modell betont die journalistischen Zwänge (u.a. Visualisierbarkeit) der Nachrichtenberichterstattung.
4. Das politische Modell sieht Nachrichten als Produkt gesellschaftlicher und individueller Ideologien.
Der Vergleich von Nachrichtensendungen verschiedener Anstalten eines einzelnen Tages macht deutlich, daß es sich bei den Beiträgen nicht um ein 1:1 Abbild der Realität handeln kann. Anders sind die unterschiedlichen Darstellungsformen und
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Intentionen nicht erklärbar. Nach Hickethier drängt sich vielmehr die Frage nach der Existenz einer ungestellten Realität auf, die durch die Medien wahr oder falsch dargestellt werden kann. Weischenberg zu folge, muß der Zuschauer letzten Endes entscheiden, welcher der konkurrierenden Wahrheitsbehauptungen am meisten zutrauen ist.
4. Zur Aktualität von Fernsehnachrichten:
Fernsehnachrichten sollen am Abend bereits das berichten, was der Rezipient am nächsten Morgen in der Tageszeitung nachlesen kann. Dabei täuscht das gewählte Tempus darüber hinweg, daß nahezu alle Ereignisse, über die berichtet wird, bereits vergangen sind.
Es sind vor allem tagesaktuelle Ereignisse die dem Zuschauer in den verschiedenen Nachrichtenformaten präsentiert werden. Dabei sind die Meldungen teilweise so kurzlebig, daß sie im Laufe eines Tages durch aktuellere Meldungen ersetzt werden. „Die Stimme der Aktualität verbietet das Innehalten“ (Kamps 1998) Kurzlebige Ereignisse haben aber vor allem dem Vorteil, keiner langatmigen Erklärungen zu bedürfen.
Dennoch, es gibt Ausnahmen, eben jene Fälle die den Zuschauer nicht nur persönlich berühren, ihn womöglich auch finanziell oder gesundheitlich gefährden. Jüngste Beispiele hierzu sind die Skandalmeldungen aus der Landwirtschaft. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Erkenntnisse gepuscht werden, getreu dem Motto: „Wenn nichts geht, geht was mit BSE!“ Diese sogenannten „Dauerbrenner“ werden durch aktuelle Meldungen immer wieder in die Erinnerung der Zuschauer zurückgeholt und schließlich dort verankert.
„Stunting“ beschreibt das Aufnehmen einer Meldung in die Nachrichtensendung, einzig und allein deswegen, weil im folgenden Programm über das Thema ausführlich berichtet wird.
Die sogenannte „self-fullfilling-prohecy“ beschreibt jenes „Phänomen“, daß über eine Nachricht nur aufgrund des im Vorfeld betriebenen Aufwandes berichtet wird. Ein Ereignis ist wichtig, weil es im Vorfeld als wichtig beurteilt wurde.
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5. Zur Bedeutung des Bildes:
„ Aufgrund der [...] Prämisse - Bilder illustrieren den gesprochenen Text von Nachrichten - ergibt sich die wichtigste Funktion der Bilder: Sie sollen die Verarbeitung des Nachrichtentextes fördern.“ Hans-Bernd Brosius
Fernsehnachrichten, die im Gegensatz zu konkurrierenden Nachrichtengenres (Print, Hörfunk) mit bewegten Bildern arbeiten und damit den Eindruck einer unge- x ,gilt es im Besondebrochenen Augenzeugenschaft eines Ereignisses vermitteln ren auch dahingehend zu untersuchen, in wie weit die Visualisierbarkeit eines Ereignisses Einfluß auf die Berichterstattung hat.
Der Wert einer Meldung, und damit die Wahrscheinlichkeit, daß ein Beitrag über ein bestimmtes Ereignis abgedreht wird, steigt mit der Verfügbarkeit von Bildma- xi Dieshat zur Folge, daß vor allem Parteien, deren programmatischen Inhalterial.
te sich fast ausschließlich über die Medien vermitteln lassen, den Fernsehanstal- xii Ereignissenehmen dabei durch die Meten reizvolles Bildmaterial anbieten.
dienberichterstattung nicht bloß einen anderen Charakter an, sondern sie dienen einzig der Berichterstattung (pseudo-events).
Die Notwenigkeit von Bildmaterial kann aber auch ins entgegengesetzte Extrem umschlagen. Seit der Einführung des dualen Systems und der daraus resultierenden Konkurrenzsituation zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk, scheint die Jagd nach aktuellen und möglichst spektakulären Bildern für die all- xiii Undletztlich abendlichen Nachrichtensendungen noch weiter pervertiert zu sein. kann die Notwendigkeit bewegter Bilder auch dazu führen, daß sich Fernsehanstalten, zum Beispiel in Kriegszeiten, mit zensiertem Bildmaterial zufrieden geben, xiv aus Angst andernfalls leer ausgehen zu können.
6. Zur Rezeption von Fernsehnachrichten:
„Erklärtes Ziel der Nachrichtenredakteure ist es, die Bevölkerung über die herausragenden Ereignisse des Tages zu informieren und ihr dadurch ein Wissensniveau zu ermöglichen, das es erlaubt, sich gesellschaftlich und politisch zu orientieren.“ Klaus Kamps
Den hohen Anspruch, den sich die Redakteure nach Kamps selber setzen, scheinen Zuschaueranalysen nicht zu bestätigen. Schnelles Vergessen und falsches
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Verstehen sind demnach die signifikantesten Rezeptionsmerkmale von Fernseh- xv Verbessertwird der Effekt nach dem Uses-and-Gratifications- nachrichten. xvi Modell je stärker der Zuschauer zur Informationsaufnahme motiviert ist. Ganz allgemein gilt: Schlechte Nachrichten werden besser Behalten als Erfreuliche. „Only bad news are good news.“ Nach längerer Zeit können sich Zuschauer, wenn überhaupt, nur noch an sehr emotionelle und visualiserte Nachrichten, wie zum Beispiel Flugzeugabstürze, erinnern. Dabei fällt die Behaltensleistung beim ersten (primacy effect) und letzten (recency effect) Beitrag einer Nachrichtensendung noch am besten aus.
Der Informationstransfer bei Fernsehnachrichten erfolgt simultan über die Komponenten Bild und Ton. Nach Brosius kann die Beziehung des visuellen und auditiven Kanals extrem unterschiedlich ausfallen. Von absolut gegensätzlichen Aussagen über eine fehlende Beziehung des Textes zum Bild bis hin zur vollständigen Re-dundanz.
Standardisierte Nachrichtenformen (sie 2.1) führen zu einem formalisierten Charakter der Beiträge. Die Korrespondenz zwischen formalisierten Bildern und dem mit tagesaktuellen Informationen gefülltem Text ist zwangsläufig eher gering. Die visuelle Komponente scheint stets einen pseudo-aktuellen Charakter zu besitzen. Dennoch, vor allem Emotionen werden durch das Fernsehen wesentlich direkter übertragen. In diesem Fall gilt sprichwörtlich: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.
Die Rezeption von Fernsehnachrichten ist relativ fremdbestimmt. Obwohl dem Zuschauer der Eindruck vermittelt wird, er könne sich am Ort des Geschehens umschauen und sich ein eigenes Urteil bilden, wird das Auge gezielt von der Kamera xvii Allein Redakteur, Kameramann und Cutter bestimmen, was der Zugeführt.
schauer zu sehen bekommt und wichtiger, was er nicht zu Gesicht bekommt. Das gezeigte Bild ist für den Zuschauer kaum als journalistisches Produkt erkenn- xviii Dabeischeint die Mischung aus Authentizität (vermittelt durch die Wiederbar. xix gabe scheinbar nachprüfbarer Bilder ) und Aktualität (vermittelt durch den Text) den Glaubwürdigkeitsvorsprung von Fernsehnachrichten zu bedingen.
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6.1 Text-Bild-Beziehung:
xx . Selbst Der Zuschauer konzentriert sich nicht zu gleichen Teilen auf Text und Bild im Idealfall, also einem Filmbeitrag dessen Bilder den gesprochenen Nachrichtentext 1:1 umsetzen, richtet sich die Aufmerksamkeit des Rezipienten stärker auf die xxi Der Effekt vergrößert sich signifikant, je weiter sich Bilder visuelle Komponente.
und Text voneinander entfernen. Da der Nachrichtentext in der Regel Hintergrund-informationen vermittelt, die nur schwerlich visuell umgesetzt werden können, folgt der Zuschauer den bewegten und zugleich zugänglicheren Bildern. Es scheint als wecke allein die Abfolge von bewegten Bildern die verstärkte Aufmerksamkeit des Zuschauers. Diese These findet sich in einer Wirkungsanalyse von Brosius wieder. Hierbei wird zwischen dem „gedächtnisorientierten Ansatz“, wonach die Bebilderung einer Nachricht die Wahrscheinlichkeit der Erinnerung erhöht und dem „aufmerksamkeitsorientierten Ansatz“, wonach die Lebhaftigkeit des Bildes das Interesse und in Folge dessen ebenfalls die Erinnerungsquote erhöht, unterschieden. Die beiden Ansätze setzen aber eine Bereitschaft des Zuschauers voraus, sich von Moderatoren und Journalisten unterrichten zu lassen. Ungeachtet der Einstellung des Rezipienten wird außerdem die Beziehung zwischen Text und Bild, sowie der Bildschnitt außer Betracht gelassen. Diese beiden Kritikpunkte sind in der Hemmungs- und der Überschätzungsthese formuliert wurden. Die Hemmungsthese beschreibt die hemmende Wirkung, die prompte und unvorhersehbare Perspektivwechsel und Kamerafahrten auf die Bildverarbeitung der Rezipienten haben. Die Überschätzungsthese greift das Phänomen auf, das der Zuschauer davon überzeugt ist, Fernsehen erleichtere ihm die Informationsaufnahme.
6.2 Auswirkung der Text-Bild-Schere auf die Rezeptionsleistung:
„Denn man gewöhnt sich daran, daß ein genaues, aktives Zuschauen kaum möglich ist. Man gewöhnt sich daran, daß ein verstehendes, aktives Zuhören kaum möglich ist. Man gewöhnt sich daran, daß genaues Mitdenken kaum möglich ist.“ Bernward Wember
1. Beziehung von Text und Bild ist ohne Einfluß auf den Informationstransfer:
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Nach Winterhoff-Spurk behindert eine eventuell klaffende Lücke zwischen auditivem und visuellem Kanal nicht die Informationsvermittlungsleistung, da dem Zuschauer die textferne Bebilderung bekannt ist. Eventuelle unpassende visuelle Informationen werden nicht wahrgenommen. Die stetige Wiederholung von formalisierten und standardisierten Bildern ist dem Rezipienten bekannt und lenkt die Aufmerksamkeit des Zuschauers nicht vom gesprochenen Text ab. xxii Der Zu-Die Oberflächlichkeit der Bilder fördert gerade die Textrezeption. schauer hat sich an die stereotype Visualisierung gewöhnt und findet sie in jedem Fall motivierender als gar keine Bilder. Nach Winterhoff-Spurk ist die Rezeptionsleistung vor allem von den Störbedingungen (Straßenlärm, Kindergeschrei, Musik) und intervenierenden Tätigkeiten (Kommentieren, Essen, Lesen) abhängig.
2. Die Text-Bild-Beziehung ist für den Informationstransfer relevant: Nach Wember und Brosius wird das gemeinsame Sehen und Hören beim auseinanderklaffen von Text und Bild unmöglich. Schwierigkeiten treten genau dann auf, wenn ein Kanal die gesamte Aufmerksamkeit erfordert und somit die Aufnahmekapazität des Rezipienten überfordert wird. „Entweder man hört zu, dann verkommt das Sehen zum Glotzen. Oder man ist von den Bildern gefesselt, dann verkommt der Text zur plätschernden Geräuschkulisse.“ (Wember 1976) Bilder besitzen demzufolge einen positiven Einfluß auf die Informations- xxiii vermittlung, wenn bildliche Informationen durch den Text unterstützt werden.
6.3 Ursachen differierender Rezeptionsleistungen:
Die unterschiedliche Rezeptionsleistungen von Nachrichten bei den Zuschauern xxiv kann auf die unterschiedlichsten Ursachen zurückzuführen sein :
1. Die Abfolge von Nachrichtenfilmen unterschiedlichster Themenfelder führt zwangsläufig zu einer Zusammensetzung von Meldungen, die nur selten inhaltlich aufeinander Bezug nehmen. Der rote Faden, der den Zuschauer durch die Sen- xxv dung führt ist nicht ein Themenstrang, sondern der Moderator.
2. Nachrichtenredakteure können über das bereits vorhandene Vorwissen und die Erwartungshaltung der Rezipienten nur spekulieren. Enthält er ihnen eventuell unbekannte Hintergrundinformationen vor, könnte der Zuschauer überfordert sein und
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die Meldung falsch oder gar nicht verstehen. Holt er zu weit aus, könnte der Zuschauer gelangweilt reagieren, was mangelnde Aufmerksamkeit zur Folge hätte. 3. Gegenstand eines Berichtes sind zumeist Personen und Institutionen, mit denen der Rezipient noch nicht in Kontakt getreten ist, sie also lediglich aus dem Fernsehen kennt.
4. Die Akzeptanz und die daraus resultierende Glaubwürdigkeit einer Nachrichten ist abhängig ihrer formalen Gestaltung. Bewegte Bilder, zum Beispiel, erwecken mehr Aufmerksamkeit als Sprechermeldungen.
7. Wirkungsanalyse:
Analog zu der Erkenntnis, daß das Ergebnis einer Umfrage abhängig von der gewählten Frageform ist, scheint auch die Nachrichtenwirkung eines Fernsehbeitra- xxvi ges abhängig zu sein von der Darstellungsform.
Werden Informationen anhand personengebundener Beispiele vermittelt (thema- tischerStil) überträgt der Zuschauer dem Betroffenen selbst die Verantwortung für seine Situation. Abstrakte Darstellungen, Grafiken und Statistiken (episodi- scherStil) hingegen verleiten den Zuschauer eher dazu, politischen Mandatsträgern oder der Gesellschaft als Ganzes die Verantwortung zu übertragen. Der beschriebene Effekt wird als Priming bezeichnet.
Hinzu kommt, daß Zuschauer eine Meldung häufig vor dem emotionalen und in-formativen Hintergrund des zuvor gesehenen Beitrages beurteilen. Dieses beschriebene Verschmelzen der Bedeutungsinhalte zweier Beiträge wird als Meltdown-Effekt bezeichnet. Beeinflußt der vorangegangene Beitrag den folgenden positiv, so spricht man von der proaktiven Bahnung, im Umgekehrten Fall von der proaktiven Inferenz.
8. Unterhaltungscharakter:
„Für mich sind Nachrichten Unterhaltung. Alle Welt unterhält sich doch über Nachrichten. Diese Trennung ist typisch deutsch: Hier der hehre Journalismus, dort die billige Unterhaltung. Ich kann das nicht mehr hören.“ Hans Meiser im taz-Gespräch vom 2.März 2001
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Fernsehnachrichten vermitteln im Gegensatz zu gedruckten Artikeln nicht bloß In-formationen, sondern auch das Gefühl dabeigewesen zu sein. Dabei scheint die Motivation Fernsehnachrichten anderen Nachrichtenformaten vorzuziehen vor allem auf die als unterhaltend und attraktiv empfundene Visualisierung der Bericht- xxvii Daskomplizierte Weltgeschehen wird sozuerstattung zurückzuführen zu sein.
sagen in ein Bündel personenbezogener Ereignishäppchen zerlegt. Es ist vor allem für das Privatfernsehen signifikant, daß die Nachrichtenauswahl nicht nur von dem Ziel der Zuschauermaximierung beeinflußt ist, sondern daß innerhalb eines solchen Formates die Moderatoren sich von Thema zu Thema kalauern. Dabei baut der Zuschauer eine emotionale Bindung zu den Moderatoren auf. Der An-chorman stellt „zudem durch den Blick in die Kamera (und damit zum Zuschauer) einen direkten, oft appellativ genutzten Bezug zum Betrachter her, [sorgt] durch sprachliche Prägnanz, stilsicheres Auftreten und perfektes Outfit für eine Aura der Unangreifbarkeit.“ (Hickethier 1996) Er bringt durch Gestik und Mimik während der Anmoderationen Zweifel oder Glaubwürdigkeit zum Ausdruck. Der Moderator strahlt im Idealfall Präzision und Distanz zugleich aus und erweckt dennoch den Eindruck als wäre zwischen ihm und dem Zuschauer nichts als der Schreibtisch. Er scheint dem Zuschauer das kritische Hinterfragen eines Berichtes abzunehmen.
Die Dramatisierung und Emotionalisierung von Ereignissen, und davon sind auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht frei, mag Sachverhalte vereinfachen, muß aber nicht immer als schlechtere Nachricht empfunden werden. Das Bild-Zeitungs-Phänomen verdeutlicht, daß ein geringes Glaubwürdigkeitsimage eine hohe Rezipientenzuwendung nicht ausschließt.
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9. Resümee:
1. Obwohl die Beiträge national ausgestrahlter Fernsehnachrichten nur selten über Veränderungen des persönlichen und unmittelbaren Umfeldes der Zuschauer berichten, ist die Motivation Fernsehnachrichten anderen Informationsquellen vorzuziehen sehr hoch.
2. Die Visualisierung bei Fernsehnachrichten ist weit vorangeschritten. Nicht nur der Anteil von Nachrichtenfilmen hat im Laufe der Jahre permanent zugenommen, auch Sprechermeldungen sind ohne visuelle Hintergrundmerkmale (Blue-Box-Verfahren) kaum noch vorstellbar. Somit scheint die Verfügbarkeit von Bildmaterial von zentraler Bedeutung für die Aufnahme einer Agenturmeldung in die Sendung.
3. Über die Bedeutung des Bildes hinsichtlich der Rezeptionsleistung gibt es in der Literatur unterschiedliche Auffassungen. Dennoch, die viel beschworene Text-Bild-Schere scheint unmittelbaren Einfluß auf die Informationsvermittlung und Behaltensleistung zu haben.
4. Die formalisierten Standardbilder sind für viele Zuschauer Anzeichen dafür, daß nichts Neues passiert ist, über das man sich näher informieren müßte (surveillance-Funktion).
5. Erläuterungen über Hintergründe und Ursachen von Ereignissen fallen, wenn xxviii . Zu groß ist die Palette der abzuhanüberhaupt, oftmals phrasenhaft aus delnden Themenblöcke.
6. Die Möglichkeit zur Manipulation von Fernsehbildern scheint weitgehend unterschätzt. Kaum ein Zuschauer zweifelt daran, daß der Applaus nach einem Redeausschnitt tatsächlich dem zuvor gezeigten Redner galt. Die Medienkompetenz, die sich der Zuschauer im Laufe der Jahre durch permanente Nutzung des Mediums Fernsehen erworben hat, scheint bei weitem noch nicht ausgeprägt genug, um das Bild als journalistisches Produkt zu erkennen.
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10. Endnoten:
i Hickethier, Knut: Film- und Fernsehanalyse. Verlag J.B. Metzler 1996 S.88 ii Vgl. Kamps, Klaus: Politik in Fernsehnachrichten. Nomos Verlagsgesellschaft 1999 iii zitiert nach Kamps 1999 a.a.O. S.94
iv Vgl. Kamps, Klaus: Fernsehnachrichten. Westdt. Verl. 1998 S.181 v Siehe Staab, Joachim Friedrich: Faktoren aktueller Berichterstattung. In: Kamps, Klaus: Fernsehnach richten. Westdt. Verl. 1998 S. 49-64 vi Vgl. Kamps 1998 a.a.O. S.182 vii Vgl. Kamps 1998 a.a.O. S.203
viii Vgl. Noelle-Neumann, Elisabeth: Die Schweigespirale. R. Piper & Co. Verlag 1980 ix Vgl. Kamps 1999 a.a.O. S.95
x Vgl. Hickethier, Knut: Film- und Fernsehanalyse. J.B. Metzler Verlag 1996 xi Vgl. Brosius, Hans-Bernd: Visualisierung von Fernsehnachrichten. In: Kamps,Klaus: Fernsehnachrichten. Westdt. Verl. 1998 S.214-217
xii Vgl. Hickethier, Knut: Narrative Navigation durchs Weltgeschehen. In: Kamps, Klaus: Fernsehnachrichten. Westdt. Verl. 1995 S.190 xiii Vgl. Brosius 1998 ebenda S.215
xiv Vgl. Weischenberg, Siegfried / Armin Stoll: Die Wahr-Sager. In: Kamps, Klaus: Fernsehnachrichten. Westdt. Verl. 1998 xv Vgl. Kamps 1998 a.a.O. S.193
xvi Vgl. Schönbach, Klaus / Wolfgang Eichhorn: Medienwirkung und ihre Ursachen. Universitätsverlag Konstanz 1992 xvii Vgl. Brosius 1998 a.a.O. S.218 xviii Vgl. Brosius 1998 a.a.O. S.213
xix Vgl. Hickethier, Knut: Narrative Navigation durchs Weltgeschehen. In: Kamps, Klaus: Fernsehnachrichten. Westdt. Verl. 1998 xx Hickethier 1996 a.a.O. S.90 xxi Kamps 1998 a.a.O. S.198 xxii Vgl. Birk 1993 a.a.O. xxiii Vgl. Birk 1993 a.a.O.
xxiv Vgl. Brosius 1998 a.a.O.; vgl. auch: Kamps 1998 a.a.O. xxv Vgl. Hickethier 1998 a.a.O. S.188 xxvi vgl. Kamps 1999 a.a.O. S.187 xxvii Vgl. Kamps 1998 a.a.O. S.205
xxviii Dialogführung eines heute-Gesprächs: Die Redakteurin im Studio: „Dietmar Ossenberg in Kairo! Könnte man sagen, dass das Eis gebrochen ist?“ Der Korrespondent in Kairo: „Also zumindest ist Tauwetter in Sicht.“ Zitiert nach SZ Nr. 52
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11. Quellenverzeichnis:
§ Birk, Monika I.: Wirkung textunterstützender Bilder auf Erinnerung und Verständnis von Fernsehnachrichten. Magisterarbeit Johannes Gutenberg-Universität Mainz 1993
§ Brosius, Hans-Bernd: Visualisierung von Fernsehnachrichten. In: Kamps, Klaus: Fernsehnachrichten. Westdt. Verl. 1998 S. 213-218
§ Henrichs, Benjamin: Harte Zeiten, weiche Zeiten - Das Rohe und das Gekochte: Eine Winterreise durch die Nachrichtensendungen des deutschen Fernsehens. In: Süddeutsche Zeitung Nr.52 (3./4.März 2001) S.22
§ Hickethier, Knut: Film- und Fernsehanalyse. J.B. Metzler Verlag 1996
§ Hickethier, Knut: Narrative Navigation durchs Weltgeschehen. In: Kamps, Klaus: Fernsehnachrichten. Westdt. Verl. 1998 S. 185-202
§ Kamps, Klaus: Fernsehnachrichten. Westdt. Verl. 1998 S.181-208
§ Kamps, Klaus: Politik in Fernsehnachrichten : Struktur und Präsentation internationaler Ereignisse - Ein Vergleich. Nomos Verlagsgesellschaft 1999
§ Nieland, Jörg-Uwe: Die Initiative Nachrichtenaufklärung - Aktuelle Bezüge und Aufgabenstellungen. In: Fiedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Markt, Macht, Macher
- Wohin treibt das Programm? 2000 S.185-189
§ Noelle-Neumann, Elisabeth: Die Schweigespirale. R. Piper & Co. Verlag 1980
§ Schönbach, Klaus / Wolfgang Eichhorn: Medienwirkung und ihre Ursachen. Universitätsverlag Konstanz 1992
§ Staab, Joachim Friedrich: Faktoren aktueller Berichterstattung. In: Kamps, Klaus: Fernsehnachrichten. Westdt. Verl. 1998 S. 49-64
§ Weischenberg, Siegfried / Armin Scholl: Die Wahr-Sager. In: Kamps, Klaus: Fernsehnachrichten. Westdt. Verl. 1998 S. 137-146
§ Weischenberg, Siegfried: Neues vom Tage - Die Schreinemakerisierung unserer Medienwelt. Rasch und Röhring Verlag 1997 S. 176-185
§ Wember, Bernward: Wie informiert das Fernsehen? Paul List Verlag 1976
§ Winterhoff-Spurk, Peter: Fiktionen der Fernsehnachrichtenforschung - Von der Text-Bild-Schere, der Überlegenheit des Fernsehens und vom ungestörten Zuschauer. In: Media Perspektiven 10/83 S.722-727
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Marco Kreuter, 2001, Fernsehnachrichten - Darstellungsformen und Rezeptionsleistung, München, GRIN Verlag GmbH
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