Von Beginn an von Eurykleia geleitet, gelangt Penelope, gewollt oder aufgezwungen, in die Figur der immer einstecken müssenden Ehefrau. Ob sich ihr Verhalten über die ganze Ehe hinweg als günstig für sie erweist, wage ich zu bezweifeln. In den zwanzig Jahren der Einsamkeit macht Penelope einen langen Entwicklungsprozess durch, so dass sie sich später aus eigenem Willen zu ihren Handlungen entschließt. Sie lässt Odysseus viel Spielraum, ich möchte fast sagen, seine Grenzen sind gar unbegrenzt, da er sich alles erlauben kann. Er betrügt Penelope in seiner Abwesenheit mehrmals und sie zeigt Verständnis, tröstet ihn über seine schlimmen Erfahrungen hinweg, frei nach dem Motto: Wer versteht, ist nicht sauer und kennt keine Eifersucht.
Die Frage nach der Rollenverteilung, wird dann auf Seite 264 ausführlich im Gespräch zwischen Odysseus und Penelope geklärt: „Du denkst wie eine Frau“, ereiferte sich Odysseus „...Mann im Bett, Kinder gemacht und aufgezogen...Wir Männer jedoch, wenn wir im Haufen sind, da denken wir anders.“
Bis zum Schluss der Ehe bleibt für Penelope die Frage offen: Hat Odysseus sie wirklich geliebt? Diese Antwort blieb ihr verwehrt. Dies könnte zwei Gründe haben, einerseits, da er sie wirklich nicht liebte, andererseits, weil er seine Liebe nicht in Worte fassen wollte, da es ihm zu allgemein geklungen hätte. Wie in einer ganz normale Ehe?
Außer der Diskussion um den Titel und die Rollenverteilung, gewehrt Inge Merkel dem Leser Einblick in die Geschehnisse, die Odysseus während seiner Abwesenheit von Ithaka wiederfahren sind, und dass aus Sicht des erzählenden Odysseus zu seiner Ehefrau selbst. Trotzdem der Leser durch die überwiegenden Erzählungen über Penelope und ihrem Schicksal von ihrer Rolle gefasst und mitgenommen wird, lässt die Autorin dem Leser doch noch eine Chance, die Figur Odysseus sympathisch zu finden oder wenigstens etwas Sympathie im Leser zu wecken.
Merkel schafft es, den Mythos in unsere Gegenwart zu bringen, indem sie auch die heute vorhandenen Probleme in einer Beziehung anspricht. So gelingt es ihr, die altbekannte Geschichte für die heutige Gesellschaft interessant und wieder „aufwirbeln“ zu lassen.
Arbeit zitieren:
Ina Zimmermann, 2001, Leseart über Inge Merkel "Eine ganz gewöhnliche Ehe", München, GRIN Verlag GmbH
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