Wand“, „Brav sein ist schwer“ und schließlich „Wir töten Stella“. Von Beginn an war mir klar, dass ihr autobiographischer Kindheitsroman an erster Stelle sein würde, schon allein der chronologischen Abfolge wegen, aber auch um einen Eindruck von der Kindheit der Autorin zu vermitteln, die ja prägend war für Marlen Haushofer. Bei der Wahl für Platz zwei gab es für mich zwei Möglichkeiten, entweder „Die Wand“ oder „Wir töten Stella“. Sicher war ich mir nur, dass ich zwischen den beiden komplexen Werken „Brav sein ist schwer“ als kleine Auflockerung stellen möchte, und so „siegte“ „Die Wand“ schließlich der größeren Bekanntheit wegen. Den Abschluss bildet ein kurzes Kapitel über Gemeinsamkeiten in den vier Werken, sozusagen als kleines Resümee.
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„Dieses ’Sich-nicht-wehren-Können’ ist das Leben“, so charakterisiert Marlen Haushofer, deren Schaffen diese Fachbereichsar-Doch wer ist sie, die großteils Unbekannte aus dem hintersten Winkel Österreichs? Sicher nicht ist sie eine hinterweltliche Landpomeranze, deren künstlerische Fähigkeiten höchstens für Kinderbücher reichen. Auch keine vergrämte Einzelgängerin ist sie, die keinen Wert auf Beziehungen legt und die sich aus Arroganz selbst genug ist und schon gar keine Vorreiterin der Feministinnen und primitiven Emanzen, die blind ihrem völlig berechtigten Lebensfrust in ihren Büchern Ausdruck verleiht und einfach generell
Nein, Marlen Haushofer, sie ist eine der besten Schriftstellerinnen der österreichischen Nachkriegszeit, mit einem Talent, das zu ihren Lebzeiten leider nie ausreichend gewürdigt wurde. Sie hatte sprachliche Fähigkeiten, die über jedem Durchschnitt liegen und die Fähigkeit sich in ihre Figuren hineinzudenken. So schaffte sie es, komplexe Werke zu verfassen und dabei nicht in Steifheit zu erstarren, Kinderbücher zu schreiben für die Kinder selbst und in ihren Werken genau das zu erreichen, was sie wollte, ob das nun Betroffenheit, Erstaunen, Schrecken oder einfach Nachdenken ist. Die Anzahl ihrer Werke ist nicht erstaunlich oder umwerfend, doch
Es ist sicher richtig, dass man Marlen Haushofer mit Thomas Bernhard oder Ingeborg Bachmann auf eine Stufe stellen kann, aber der Vergleich sollte dort enden, wo die Unterschiede beginnen. Denn wohl ist das Können ähnlich, nicht aber die Schaffensweise und Intentionen; vor allem ihre Einfühlsamkeit und ihre Selbstkritik unterscheiden sie von anderen Autoren und lassen sie so einzigartig sein, sowohl als Mensch als auch als Schriftstellerin. Eine Frau, die Zeit ihres Lebens von einem Schicksalsschlag in den nächsten geworfen wurde: von einer Kindheit ohne Mutterliebe über die zerstörte Jugend im Internat und die Tragödie der ersten Liebe bis hin zur unglücklichen Ehe, aus der sie sich nie befreien konnte. In Anbetracht dieser Umstände sieht man Marlen Haushofer bald anders, und ich hoffe mit dieser Fachbereichsarbeit wird ein Bild ihrer selbst gezeichnet, das ein wenig deutlicher macht,
Diese Kurzbiographie habe ich in starker Anlehnung an „Marlen Haushofer - Die Biographie“ von Daniela Strigl, erschienen im Claassen Verlag, München, 2000 verfasst und einen Schwerpunkt auf die Kindheit der Autorin gelegt, da diese Zeit sehr prägend für
Geboren wird Marlen Haushofer als Marie Helen am 11. April 1920 in Frauenstein, Oberösterreich, als erste Tochter des Försterehepaares Heinrich und Maria Frauendorfer. Die Eltern, die erst ein Jahr zuvor geheiratet haben, kommen beide aus dem Gebiet um Steyr; Haushofers Vater hat noch zu Zeiten der Donaumonarchie eine berühmte Forstschule in Böhmen absolviert und nach siebenjährigem Dienst in der k.u.k. Armee - davon vier Jahre an Weltkriegsfronten in Russland und Südtirol - die Stelle als Förster im Effertsbachtal angetreten. Maria Frauendorfer, geborene Leitner, soll, nach dem Willen ihres Vaters, der ebenfalls Förster war, nach Besuch einer Hauswirtschaftsschule auf dem elterlichen Hof den Haushalt führen. Sie tritt jedoch, anstatt ihm zu gehorchen, als Kammerzofe in den Dienst der Gräfin Colloredo. Mit Kriegsausbruch im Jahr 1914 beginnt sie in der „Steyr“-Waffenfabrik zu arbeiten. Maria Frauendorfer hat den Ruf einer strengen Frau, vor allem ihre scharfe Zunge fürchtet man im Dorf. Wahrscheinlich hat der langjährige Befreiungskampf aus den Händen des gewaltsamen Vaters Marlens Mutter diese Härte und Strenge verliehen, die sie auch bei der Erziehung ihrer Kinder anwendet. Schläge, mit Maß und Ziel eingesetzt, hält sie, zum Beispiel, für ein durchaus taugliches
Das Forsthaus, in dem Marlen Haushofer den größten Teil ihrer Kindheit verbringt, liegt im Effertsbachtal, ein enges Tal, in das von November bis März kein Sonnenstrahl fällt. Reichtum erlangte dieses Gebiet - neben der Eisenverarbeitung - durch riesige Wälder, wodurch auch der jeweilige Förster hohes Ansehen bei der Bevölkerung genoss. Marlens Vater erhält den Posten wohl durch ver-wandtschaftliche Beziehungen, aber er verdankt ihn auch dem Chaos der Nachkriegszeit. Die Jahre des Krieges haben den försterlosen Wald zu einem Paradies für Wilderer gemacht, es gilt nun also, diese anarchistischen Zustände so schnell wie möglich zu beseitigen. Allgemein sieht man Heinrich Frauendorfer als ruhigen, ausgeglichenen und vor allem humorvollen Mann, der bei der gesamten Dorfbevölkerung äußerst beliebt ist. In seinem Heimatdorf gilt der Förster auch noch in den Jahren der Ersten Republik als Statthalter der Obrigkeit, doch er nützt diese Autorität in keiner Weise
Obwohl das äußerst lebhafte, quirlige Kind in ständigem Kon- flikt mit der Mutter steht, die kein Verständnis für Marlens Wesen
aufbringen kann, ist Marlen Haushofers Kindheit die glücklichste Zeit ihres Lebens; nicht ohne Grund nennt sie ihren autobiographischen Kindheitsroman „Himmel, der nirgendwo endet“. Schließlich wird das gespannte Verhältnis noch belastet, als der kleine Bruder Rudolf geboren wird, der dem Ideal der Mutter entspricht und als „braves“ Kind eine gute Beziehung zu ihr aufbauen kann. Trotz der Eifersucht Marlens auf ihren Bruder ist das Verhältnis der Geschwister stets herzlich, vor allem genießt es die ältere Schwester endlich einen Spielgefährten zu haben. Tief verletzt ist sie dennoch und wendet sich von der Mutter, deren gesamtes Interesse dem kleinen Rudolf gilt, ab, dem Vater zu. Mit ihm verbindet sie ein ausgesprochen inniges Verhältnis; doch der gutmütige und nach-
für sie, Bücher gehören zum Alltag der Familie. Für Marlen ist es
ein regelrechter Kampf um die Erlaubnis, diese zu lesen, denn vor allem ihre Mutter ist strikt dagegen, dem Kind das Lesen von Klassikern zu gestatten. „Erst“ vom achten Geburtstag an steht die Welt der Klassiker für Marlen offen, und sie verschlingt alles,
Trotz der exponierten Lage des Forsthauses kommen immer wieder Leute, die die Welt mitbringen: Neben Hausierern, herumziehenden Jägern und Fellhändlern verbringen auch viele erholungssuchende Gäste die Sommermonate in diesem gastfreundlichen Haus. Sicher ist, dass Haushofer schon in diesem Alter abgeschreckt wird vom typisch weiblichen Rollenbild, denn das Kind sieht jeden Sommer, wie sich die Mutter von früh bis spät im Haushalt verausgabt, nur um den Gästen zu dienen, dafür aber weder Lohn noch Dank erhält, während ihr Vater sich mit ihnen erholt. Marlen versteht ihre Mutter schon damals nicht, es ist daher anzunehmen, dass zu dieser Zeit schon Weichen gestellt werden für die Haltung der erwachsenen Haushofer gegen das vorherrschende patriarchalische System.
1.2. Die Jugend und deren Untergang im Internat
Als die zehnjährige Marlen 1930 in ein streng katholisches Internat in Linz eintritt, endet für sie ihre geliebte Kindheit abrupt und schmerzvoll. Von einem Tag auf den anderen ist das Mädchen getrennt von der Heimat, der Freiheit und hineingezwängt in die „Etikette“ des Schulklosters. Es hätte natürlich auch die Möglichkeit gegeben, die Ausbildung an einem Gymnasium in Steyr fortzusetzen, doch wahrscheinlich ist es Maria Frauendorfer ein Anlie- gen, das Kind in ihrem Sinne katholisch erziehen zu lassen. Marlen
fühlt sich alleingelassen, selbst die zuhause verbrachten Ferien können ihr nicht mehr das Gefühl der Geborgenheit zurückgeben. Mit dem Verlust ihrer Kindheit verändert sich Haushofer zu einem ruhigeren, weiblicheren Mädchen, obwohl es sicher nicht ihr Wunsch ist, bleibt ihr in den strengen, kargen Internatsjahren nichts, als sich still zu verabschieden von den wilden, schönsten Jahren ihres Lebens. So bleibt das Internat für Haushofer ihr ganzes Leben die Hölle auf Erden, ein Platz der Kälte und Härte. Doch dieses einseitig gezeichnete Bild wird von ihren Schulkolleginnen nicht bestätigt. Nach deren Angaben war Marlen Haushofer zwar ruhig und etwas verschlossen, doch in der Schule äußerst beliebt, niemand will von ihrem Heimweh und Unglück etwas gewusst haben. Sicher ist, dass die Schriftstellerin, die sich in ihrem späteren Leben stets als Atheistin sieht, mit dieser Gesinnung, wie so viele andere, im Nachhinein gegen die ultrakatholische Erziehung im Internat protestiert. Auch die ohnehin schwierige Zeit der Pubertät verlebt die junge Marlen in den Zwängen der Klosterschule; neben dem Problem nicht im Einklang mit dem eigenen Körper zu stehen, wird im Internat auch noch ein drastisch schlechtes Bild der Sexualität gezeichnet, die einer Sünde gleichgestellt wird. Ein so vernachlässigter Körper rächt sich nur allzu bald und beginnt Schwierigkeiten zu machen. Marlen, die ja neben diesem Problem auch noch an starkem Heimweh leidet, ist häufig krank, den traurigen Höhepunkt bildet eine Tuberkuloseerkrankung im Jahr 1933; damit erreicht Marlen, zwar wohl nicht direkt beabsichtigt, was sie will. Sie wird aus dem Internat genommen und setzt für ein Jahr aus. Im Frühjahr 1934, also kurz vor dem geplanten Neueintritt ins Internat, bekommt sie eine lebensbedrohliche Lungenentzündung,
kann aber dennoch im Herbst des selben Jahres die unterbrochene Schullaufbahn fortsetzen. Doch trotz des langen Aufenthalts im alten Zuhause haben die Jahre der Krankheit an ihrer Substanz gezehrt. Die letzten Jahre im Internat bringen wenig Aufregendes, Marlen beginnt sich Freiheiten, die ihr nicht gegönnt werden, zu nehmen. Sie schleicht samstags oft heimlich aus dem Kloster, zusammen mit einigen Schulkolleginnen. Daneben besucht sie Vorstellungen im Theater und liebt Spaziergänge an der Donau. Mit dem Einmarsch Hitlers in Österreich 1938 und den damit verbundenen Veränderungen ändert sich auch Haushofers Leben. Neben der Schließung ihres Internats und dem Wechsel in das Gymnasium der Kreuzschwestern, das als weniger konservativ gilt, geben die neuen Machthaber der jungen Marlen auch indirekt mehr Freiheit, zum Beispiel im ungezwungeneren Umgang der Geschlechter; war es Mädchen etwa bisher nur gestattet mit Röcken Skizufahren, so ist es nun kein Problem mehr, dabei auch Hosen zu tragen. Im Haus Frauendorfer steht man dem Nazi-Regime aber von Anfang an negativ gegenüber. Die christlich-soziale Einstellung, vor allem aber der gesunde Menschenverstand verbieten es Marlens Eltern sich einer solchen Politik unterzuordnen. Obwohl der nun im Staatsdienst stehende Vater sich nach außen hin anpassen muss, steht er von Beginn
Ihr letztes Schuljahr bringt wenig Neues, die Matura besteht Marlen Haushofer mit glänzenden Leistungen, abgesehen von Mathema-
tik. Sofort nach Ende ihrer Schulausbildung lässt sie sich zum Arbeitsdienst verpflichten. Wie bei den Burschen ist es im Dritten Reich auch für Mädchen Pflicht, einen sechsmonatigen Zivildienst zu leisten. Dabei sollen junge Frauen, vorzugsweise am Land, bei den anfallenden Arbeiten helfen und so schon in ihrer Jugend zum „Wohl des Volksganzen“ beitragen. Obwohl Marlen sicher Aufschub oder Pflichtentzug erwirken könnte, etwa unter dem Vorwand, am elterlichen Hof helfen zu müssen, ist sie eine der ersten Freiwilligen. Die Tage des Stubenhockens nach acht Jahren Internat sind gezählt. Sie sieht den Arbeitsdienst im fernen Ostpreußen als kleine Abenteuerreise. Neben der Haus- und Feldarbeit wird dort natürlich nicht auf ideologische Beeinflussung vergessen, doch darüber äußert sich Marlen wenig in ihren Briefen an die Eltern, zum einen wahrscheinlich deswegen, weil sie deren Gesinnung kennt, zum anderen auch, weil sie diese „Lehrstunden“ nie allzu ernst nimmt. Vor allem die tolerante Haltung des Vaters spiegelt sich hier bei Marlen wider, die den Antisemitismus nie versteht. Was klar sein muss, Haushofer ist sicher nie im entferntesten nationalsozialistisch angehaucht; der Dienst im Arbeitslager ist nicht aus Überzeugung für das Regime abgeleistet worden, sondern, wie schon oben beschrieben, als kleines Abenteuer nach den strengen Jahren im Kloster. Neben all der Freiheit hat Marlen Haushofer während dieser Zeit eine Begegnung, die ihr Leben noch entscheidend verändern wird. Sie verliebt sich in einen Studenten aus Dortmund, der ebenfalls Arbeitsdienst ableistet. Obwohl sie in ihren Briefen ständig nur von einem Flirt spricht, scheint sie sich doch mehr zu erwarten, da die beiden beschließen nach Beendigung des Dienstes in brieflichem Kontakt zu bleiben. Als sie zu Beginn des Krieges 1939 wieder nach Hause kommt, erwartet sie eine Zeit des Ausspannens - sie wird von allen verwöhnt. Doch je mehr sie sich entspannt, desto träger wird sie, in den Nächten liegt sie oft wach und kann nicht schlafen, bei Tag jedoch ist sie so ermattet, dass sie nur vor sich hin dösen kann. Diese Symptome weisen ganz klar auf eine klinische Depression hin, die sie mehrere Wochen gefangen hält. Erst mit Beginn des Herbst findet sie ihre Energie wieder und beschließt, sobald als möglich ein Studium zu beginnen, um nicht neuerlich diesen depressiven Zuständen zu erliegen.
1.3. Wiener Jahre, eine Tragödie und die scheinba-
Sieinskribiert also im Jänner 1940 an der Universität Wien Germanistik und Kunstgeschichte, daneben besucht sie auch Vorlesungen in Geschichte, Philosophie und Psychologie. All diese Fächer sind natürlich ideologisch überfrachtet. Nationalsozialistisches Gedankengut wird praktisch in die Lehrmeinung jedes Stoffgebietes integriert; doch auch hier bewahrt Haushofer ihre Neutralität. Neben dem Studium bleibt ihr genügend Zeit, neue Freundschaften zu schließen oder alte Schulkolleginnen, die ebenfalls in Wien studieren, zu treffen. Außerdem kommt aus heiterem Himmel der Stu- dent aus Dortmund zu Besuch, den sie im Lager in Ostpreußen ken-
nengelernt hat. War es damals nicht mehr als ein Flirt, so funkt es jetzt so richtig. Dass Gert Mörth es mit der um vier Jahre jüngeren Marlen ernst meint, kann man daran erkennen, dass er schon im Oktober 1940 sein Studium in Wien fortsetzt - nur wenig später folgt die Verlobung. Im Dezember merkt die junge Frau, dass sie schwanger ist, doch nun folgt nicht die rasche Hochzeit, nein, im Gegenteil, die Beziehung geht in Brüche. Über die wahren Gründe kann man nur spekulieren, fest steht, dass die Beendigung von Marlen ausgeht. So endet also Haushofers erste große Liebe in einem Trauma. Das streng katholisch erzogene Mädchen als unehelich Schwangere, das wäre für Haushofers Mutter nicht zu ertragen gewesen. Außerdem wäre das Image der Familie in ihrem Heimatort beträchtlich gesunken, weswegen die werdende Mutter beschließt, die Schwangerschaft zu verheimlichen. Zur gleichen Zeit macht sie eine neue, glückliche Begegnung; zufällig lernt sie den bildhübschen Medizinstudenten Manfred Haushofer kennen, und die beiden verlieben sich Hals über Kopf ineinander. Doch je tiefer Marlen in diese Beziehung schlittert, desto schwerer bedrückt sie ihr Geheimnis. Schließlich eröffnet eine Freundin Marlens Manfred Haushofer, wie es um jene bestellt ist; dieser fällt natürlich aus allen Wolken, beendet jedoch nicht die Beziehung, sondern steht voll und ganz zu Marlen. Da die werdende Mutter ihren Eltern noch immer nichts von ihrer Schwangerschaft gesagt hat, fasst sie den Beschluss, bis zur Geburt des Kindes nach Bayern, zur Mutter einer guten Freundin zu gehen. Dort erblickt am 30. Juli 1941 der kleine Christian Georg Heinrich das Licht der Welt. Erst nach der Hochzeit im November 1941 offenbart Haushofer ihren Eltern, dass sie schon einen Sohn hat, lässt sie jedoch im Glauben, er sei Manfreds leibliches Kind. Anfang 1942 nehmen beide ihr Studium in Wien wieder auf; im selben Jahr zieht sich Manfred Haushofer ein Leiden zu, das ihn sein Leben lang beeinträchtigen wird. Aus einer verschleppten Angina entwickelt sich eine lebensgefährliche Herzmuskelentzündung, die bleibende Schäden hinterlässt. Neben allen Widrigkeiten hat diese Krankheit jedoch auch ihre guten Seiten; der junge Student wird für untauglich erklärt, muss so also den verpflichtenden Frontdienst nicht mehr ableisten. Nach einem Umzug nach Graz wird im März 1943 der zweite Sohn, Manfred, geboren, kurze Zeit später flüchtet die junge Familie, da die Gefahr von Bombenangriffen immer größer wird, ins Forsthaus im Effertsbachtal. Dort verleben die drei glückliche Monate, bevor Manfred, der noch im Krieg promoviert hat, eine Stelle in Graz annimmt. Jetzt erst beginnt Marlen sich ernsthaft mit der Schriftstellerei zu beschäftigen, wobei sie anfangs fast ausschließlich für Wettbewerbe schreibt. Ihre erste Publikation in einem Grazer Wochenblatt ist eine Erzählung mit dem Titel „Die blutigen Tränen“. Schon in dieser Arbeit beschäftigt sie sich mit Themen, die sie ihr ganzes Leben begleiten werden, wie die Weigerung gegen das typische „Hausfrauendasein“, auch strickt sie schon autobiographische Inhalte in den Text ein.
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Erst 1947, als die Haushofers, nachdem dem jungen Arzt eine Facharztstelle angeboten wird, nach Steyr umziehen, holen sie den jetzt sechsjährigen Christian aus Bayern zu sich. Ein traumatisches Erlebnis für das Kind, das dadurch nicht nur die geliebte Ziehmutter verliert, sondern nun auch in eine Familie hineingezwängt wird, die Christian nie als seine eigene akzeptieren kann. Oft gibt es zwischen den Söhnen Streit, meist aus Eifersucht, und fast immer zieht Christian dabei den Kürzeren; auch der Stiefvater wird die beiden nie als gleichwertig betrachten. Kurz nach dem Umzug werden Risse in der Ehe deutlich, man hat sich auseinander gelebt; der äußerst attraktive Arzt gleicht dieses Vakuum durch Affären aus. Marlen Haushofer ihrerseits sucht Ersatz in der Wiener Literaturszene, zwar gibt es wenige, die den jungen Autoren Gehör verschaffen wollen, doch vor allem zwei, die man durchaus als Rivalen sehen kann, haben auf diesem Gebiet große Ambitionen: Hermann Hakel und Hans Weigel. Hakel gründet 1948 unter der Schirmherrschaft des PEN-Clubs eine Aktion zur Förderung junger Autoren; er veranstaltet Leseabende und vermittelt junge Schriftsteller, meist an Zeitungen, weiter. Unter anderem spricht auch Haushofer bei ihm vor, wodurch sie begrenzten Zugang zum Literaturmarkt erhält; durch ihn gelingen ihr einige Publikationen in Zeitungen und Magazinen, wie zum Beispiel „Das Morgenrot“ oder „Der Staatsfeind“. Die sichtlich vernachlässigte Haushofer, glücklich über die kleinen Erfolge, findet nicht nur einen Vermittler, sondern auch einen Liebhaber in Hakel; zwar lockert sich die Beziehung bald wieder, aber eine Freundschaft reicht noch lange über die Af-
Im Jahr 1950 kommt es schließlich zu einem ersten, ernsthaften Versuch aus ihrem Eheleben auszubrechen. Ohne das Wissens anderer, lassen sich die Eheleute im Juni 1950 scheiden - durch Verschulden von Manfred Haushofer, wie es heißt - seine Affären sind inzwischen stadtbekannt. Doch den nächsten Schritt, nämlich auch eine räumliche Trennung vorzunehmen, verabsäumt Haushofer. Zwar wird sie von ihrem Bruder immer wieder dazu aufgefordert, endlich nach Wien zu ziehen, doch sie zögert diesen Umzug immer wieder hinaus, bis er völlig vergessen ist. Trotz aller Widrigkeiten lässt sich die Autorin nicht davon abbringen weiterzuschreiben. Eine entscheidende Wende bringt eine Einladung Hans Weigels, ihm Texte zu schicken. Er hat enormen Einfluss auf das damalige kulturelle Leben Österreichs, es heißt, ohne ihn geht wenig, gegen ihn aber gar nichts; mit seiner Hilfe gelingt es Haushofer ihr erstes Buch „Das fünfte Jahr“ zu veröffentlichen. So erscheint 1952 endlich ihr erstes Werk in Österreich, ein Jahr darauf erhält sie dafür sogar den „Kleinen Österreichischen Staatspreis“. Trotz aller Erfolge beginnt sie wieder, vor allem durch die private Belastung, an schweren Depressionen zu leiden; auf Weigels Drängen lässt sie sich auf eine Behandlung bei einem der bekanntesten Psychologen Österreichs, Viktor Frankl, ein. Ob er seine Logotherapie jedoch auch bei ihr eingesetzt hat, kann nicht beantwortet werden.
Mitte der Fünfziger sendet die Schriftstellerin Manuskripte ihres dritten Romans - die ersten beiden hat sie vernichtet, nachdem Weigels Urteil darüber negativ ausgefallen war - an mehrere Verlage, offenbar will sie sich nicht mehr der Meinung eines Einzelnen unterwerfen. So erscheint im September 1956 endlich ihr erster Roman mit dem Titel „Eine Handvoll Leben“. Das Echo auf das Erstlingswerk ist beträchtlich, neben zahlreichen kleineren Blättern besprechen auch einige gewichtige Zeitungen ihr Werk, wobei das Urteil durchwegs positiv ausfällt. Zu etwa der gleichen Zeit beginnt die Autorin eine neue Affäre mit dem österreichischen Schriftsteller Reinhard Federmann. Auch er leidet unter einer unglücklichen Ehe, kann sich jedoch nie zu einer Scheidung durchringen, deswegen wird auch diese Beziehung nach kurzer Zeit beendet. Vor allem ihre hausfraulichen Tätigkeiten und die Kinder sind für Marlen Haushofer ein ständiges Hindernis am Schreiben; zu einer Freundin soll sie einmal bemerkt haben, dass sie, hätte sie gewusst, dass sie Autorin werden würde, nie Kinder bekommen hätte. Trotzdem ändert sie nichts an ihrer Lage, fährt sogar mit der Familie auf Urlaub, die Scheidung scheint längst vergessen. Vermut-
lich im November 1955 beginnt sie an einem ihrer Meisterwerke, der Novelle „Wir morden Stella“ - auf sie wird im weiteren Verlauf der Fachbereichsarbeit noch eingegangen - zu arbeiten; 1958 wird das Werk unter dem etwas abgeschwächten Titel „Wir töten Stella“ erscheinen. Schon ein Jahr zuvor widmet sie sich einem neuen Roman („Die Tapetentür“), in dem sie, in Gestalt der Hauptfigur, einen Fluchtversuch aus dem bürgerlichen Leben unternimmt. Pressestimmen spenden ihr meist Beifall, doch findet sich auch einige Kritik am Werk, viele meinen eine gewisse Banalität zu finden. Anfang 1958 setzt sie einen Schritt, der bei Eingeweihten auf
größtes Unverständnis stößt; Marlen Haushofer heiratet ihren Exmann Manfred ein zweites Mal, vielleicht auch veranlasst durch die endgültige Beendigung ihrer Beziehung zu Federmann. Zwei Jahre später beginnt sie den Roman zu schreiben, der sie endlich aus der Mittelmäßigkeit heben wird: „Die Wand“, ihr absolutes Meisterwerk, das 1963 erscheint und neben stürmischer Begeisterung auch viel harte Kritik einstecken muss. Trotz der Perfektion dieses Romans, der in meiner Fachbereichsarbeit später noch behandelt wird, bleibt er zu Lebzeiten ein mäßiger Erfolg. Danach erscheinen einige Kinderbücher, wie „Bartels Abenteuer“ oder „Brav sein ist schwer“, aber auch ein neuer Roman ist im Entstehen, die Kindheitsbiographie „Himmel, der nirgendwo endet“. Gerade an diesem Werk merkt man deutlich, dass aus der lauten, trotzigen Marlen eine stille, innerlich protestierende Haushofer geworden ist.
Im Frühling 1967 unternimmt Haushofer gemeinsam mit einigen Freunden aus ihrer Kindheit und Schulzeit eine Reise nach Rom; dieses große Erlebnis, das sie selbst als eines der schönsten ihres Lebens beschreibt, stellt vielleicht die letzte unbeschwerte Zeit für sie dar, denn im gleichen Jahr befallen sie starke
Schmerzen in der Hüftgegend, die lange auf Rheuma behandelt werden.
1968 erscheint ein von der Presse äußerst gelobter Geschich-tenband unter dem Titel „Schreckliche Treue“, dafür erhält die Schriftstellerin auch zum zweiten Mal den „Kleinen Österreichischen Staatspreis“. Außerdem liest ihre langjährige Freundin Elfriede Ott im ORF Radio „Die Wand“; das Echo ist überwältigend, für die „Fanpost“ muss der ORF sogar eine eigene Sekretärin einstellen. Doch da die kleine, erste Auflage des Romans schon vergriffen ist, kann trotz riesiger Nachfrage kein einziges Buch verkauft werden.
Als die Schmerzen nicht abklingen, unterzieht sich Haushofer einer neuerlichen Untersuchung, die nun die Wahrheit ans Licht bringt: Die Autorin hat eine apfelgroße Geschwulst am rechten Hüftgelenk. Sofort reist sie nach Wien zur weiteren Behandlung, eine Operation verläuft nicht erfolgreich, da der bösartige Tumor an einer unzugänglichen Stelle liegt. Mit bewundernswerter Gefasstheit und Beherrschung lässt sie Chemotherapie und Strahlenbe-handlung über sich ergehen, daneben stellt sie sogar noch ihr letztes Werk „Die Mansarde“ fertig. Anfang März 1970 wird sie neuerlich mit unerträglichen Schmerzen in eine Wiener Privatklinik eingeliefert und fällt bald in ein Koma, aus dem sie nicht wieder erwacht.
So stirbt eine der besten Schriftstellerinnen Österreichs am 21. März 1970 und wird damit erlöst, nicht nur vom körperlichen Leiden, auch ihre ständig an der Welt leidende Seele, die zu Lebzeiten nie verstanden worden ist, kann nun ruhen.
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zeigt sich davon sehr angetan. In der Folge entspinnt sich eine Diskussion um den Titel. Marlen Haushofers Vorschlag „Ausgrabungen“ ist dem Verleger zu düster, und „Der große Sture Mure ist tot“ enthält für seinen Geschmack zuviel Stifter. 1
So erscheint schließlich im Frühjahr 1966 ihr autobiographischer Kindheitsroman „Himmel, der nirgendwo endet“ mit der Widmung „Für meinen Bruder“; warum sie das Buch ihrem Bruder widmet, ist nicht klar ersichtlich. Es gibt auch keine Aussagen ihrerseits zu diesem Thema. So kann ich nur mutmaßen, und selbst das fällt mir schwer, da ihr Bruder beziehungsweise seine Existenz für die klei-
ne Marlen wenig Positives bringt. Vielleicht ist es aber genau deswegen, nämlich um zu zeigen, wie sehr sie ihren Bruder schätzt, und so das negative Bild, das im Roman gezeichnet wird, etwas zu
Reaktionen auf das Werk sind durchwegs positiver Natur. Die Kritik spricht dem Werk Poesie zu, vor allem aber besitze es eine
Die Autorin selbst hat ein besonderes Verhältnis zu diesem Werk aufgebaut. In einem Gespräch mit ihrer Freundin und Kollegin Dora Dunkel antwortet Haushofer auf Dunkels Frage, welches ihr
„Meine Bücher sind alle verstoßene Kinder.(...) Die einzige Ausnahme ist der Roman ´Himmel, der nirgendwo endet´, eine Autobiographie meiner Kindheit. Auch dieses Buch lese ich nicht wieder, es genügt mir, in ihm ein Stück Vergangenheit eingefangen zu ha- DieGründe dafür liegen, meiner Meinung nach auf der Hand. Mit diesem Buch holt sich Marlen Haushofer ihre eigene Kindheit zurück, einer der schönsten, wenn nicht überhaupt der glücklichste Abschnitt ihres Lebens. Frei und ungebunden kann sie damals leben, ohne allzu schwere Sorgen und gesellschaftliche Zwänge. Außer diesem haben alle ihre Werke eine Problematik zum Inhalt; sie schreibt, so denke ich auch um sich selbst zu therapieren und Lösungen für ihr unglückliches Leben zu finden. Einmal geschrieben ist der Wert für sie, wie sie ja selbst sagt, verloren, nur eben
Der Inhalt lässt sich unschwer zusammenfassen. Die Protagonistin, Meta, zu Beginn des Buches ein etwa zweieinhalbjähriges Mädchen, zeigt dem Rezipienten ihre Welt. Es gibt keinen roten Faden der sich durch den Roman zieht, kein Leitmotiv; viel mehr ist es eine stimmige, fließende Aneinanderreihung einzelner Episoden. Deutlich wird ein Bild der Beziehung des Kindes zu Vater und Mutter gezeichnet, und durch immer wiederkehrende Beschreibungen von Metas Gedanken kann der Leser ihre Entwicklung mitverfolgen, mit-
1 Daniela Strigl: Marlen Haushofer - Die Biographie, Claassen Verlag, München, 2000; S. 281
erleben, vom Stadium des Kleinkinds über die glücklichen Jahre der unbeschwerten Kindheit bis hin zum „Ernst des Lebens“ mit Beginn der Schule. Primär wird die Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonistin hervorgehoben, man lernt ihre Ängste, Sorgen sowie auch ihre Einstellungen und Weltanschauungen kennen. Trotz der für uns Erwachsene oft naiv wirkenden Ideen scheint Meta nie lächerlich, nein, die Autorin schützt sie durch ihre Sprache davor. Daneben erhält man Einblicke in das damalige Leben der Menschen, in ihre Traditionen und Vorurteile. Soweit also die äußere Handlung, die nicht sehr ergiebig ist, taucht man jedoch ein in die Tiefe des Romans, so findet man ein Paradies vor sich, eine unerschöpfliche Quelle zum Nachdenken.
2.4. Autobiographische Spuren
Schon der Titel „Himmel, der nirgendwo endet“ kann zweifach ausgelegt werden. Auf der einen Seite steht er natürlich für die Kindheit, doch andererseits ist er auch das einzige, das Meta zu
Beginn des Romans sieht. „[Sie]
sitzt auf dem Grund des alten Regen-
Sehrbald schon finden sich Andeutungen auf Metas/Marlens quirliges und lebendiges Wesen. Die Zeit im Regenfass ist eine Strafe für ständiges Stören bei der Heuernte gewesen, als sie aus ihrem Gefängnis befreit wird, sagen die „Großen“: „(...) jetzt ist sie endlich brav. Man darf ihr einfach nicht alles hingehen lassen.“ 4 Deutlichere Anzeichen dafür finden sich in großer Zahl quer durch den gesamten Roman. „Meta mag kein braves Kind sein; eine stille tiefe Abneigung gegen alles, was brav ist, wächst in ihr (...).“ 5 Dieses Selbstbekenntnis ist wohl nicht ganz wörtlich zu nehmen. Meta/Marlen sträubt sich nicht gegen das Bravsein an sich, sondern vielmehr gegen das Verhalten, das ihre Mutter Bravsein nennt. Denn nur ein Stück weiter unten erfährt der Leser die radikale Einstellung von Metas Mutter. „Freche Antworten nennt Mama es, wenn Meta sagt, was sie denkt.“ 6 Dadurch gibt es zwischen Mutter und Tochter fast ständig Spannungen - wie Haushofer es ausdrückt: „(...) langsam wächst eine Wand zwischen Mutter und Tochter.“ 7 Hier verwendet die Autorin schon ein Symbol, das den Mittelpunkt ihres großen Meisterwerks dar-Doch nicht nur ihre Lebendigkeit ist auffallend, auch ihre burschikose Art, die Abneigung gegen „typisch“ weibliche Aufgaben. Als sie zum Beispiel nach einer verunglückten Klettertour auf einen Baum ihren Kittel zerreißt, muss Meta ihn zur Strafe stopfen. „Das ist die härteste Buße, die Mama je verhängt hat. Wie gern ließe Me-
Marlen Haushofer: Himmel, der nirgendwo endet, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, Mün-
ta sich durchhauen, sogar auf Scheitern möchte sie lieber knien.“ 8 Zugleich versteht Meta das ständige Kochen und Backen ihrer Mutter nicht. Zur Weihnachtszeit etwa bäckt jene mehr als dreißig verschiedene Sorten von Keksen. Für Meta ist sie eine, wie sie es ausdrückt, „Märtyrerin der Küche“; oft verspricht das Kind sich, nie dem Beispiel der Mutter zu folgen. Dem gespannten Verhältnis zwischen Mutter und Tochter steht der Vater in krassem Gegensatz als guter Freund gegenüber. Trotzdem sucht das Kind natürlich den Kontakt zu seiner Mutter, wenn es auf dem Weg der Harmonie nicht funktioniert, hat Meta/Marlen durchaus auch andere Tricks. Sie „bohrt (...) die Knie in die Erde, damit (...) die Strümpfe schmutzig werden. (...) Es kommt alles wie gewünscht. Mama wird zornig (...) [und] muss sich nun doch um sie kümmern, sie waschen und frisch anziehen (...).“ 9 Verständlicherweise sehnt sie sich dennoch nach Harmonie und wirklicher Zuneigung von Seite der Mutter, die sie jedoch im gesamten Roman nicht erhält. Es finden sich nur einzelne kurze Passagen der glücklichen Mutter-Kind-Beziehung. Meta/Marlen schafft sich Abhilfe, indem sie sich manchmal in Träume flüchtet, Träume von einer perfekten Welt. „Sie [Meta] (...) wird mit Vater in einem Gartenhaus im Park wohnen (...). Nandi [ihr kleiner Bruder] wird wohl besser bei Mama bleiben.(...) Es wird auf diese Weise niemals Streit geben. Alle werden glücklich sein.“ 10 Nicht nur der heimliche Wunsch nach Harmonie wird hier deutlich, nein, ebenso die starke Zuneigung zum Vater. Immer wieder finden sich Textstellen, wo Meta ihn als ihren Partner beschreibt, die Mutter steht als Hindernis zwischen den beiden, und oft könnte man meinen, das Kind wäre mit dem Vater liiert, während seine eigentliche Gattin nur
eine Nebenbuhlerin darstellt. Dieses ödipale Prinzip zeigt sich in der Familie Frauendorfer scheinbar extrem deutlich. Ein traumatisches Erlebnis ist für Meta als schließlich ihr kleiner Bruder geboren wird. Nicht das Ereignis als solches erschüttert das Kind, nein, vielmehr die Folgen. Denn die ohnehin von der Mutter vernachlässigte Meta verliert nun jeglichen zwischenmenschlichen Kontakt zu ihr. Ohne Zweifel und berechtigterweise fühlt sich das Kind zurückgesetzt, doch schlägt die Wut darüber durch ein fast übersinnlich beschriebenes Erlebnis in Verständnis und Resignation um.
In der Küche ist es wunderbar warm. Mama (...) hält Nandi auf dem Schoß. Sie merkt gar nicht, dass Meta ins Zimmer gekommen ist. Sie sieht nur Nandi. Meta (...) setzt sich still in einen Winkel. (...) Meta weiß, es wäre besser für sie (...) zu gehen. Aber sie kann nicht aufstehen. (...) Etwas tut sehr weh, so weh, dass sie fast nicht atmen kann. Es ist ganz innen, fast wie
Bauchweh, nur viel schlimmer. Sie kann die Augen nicht abwenden. (...) Wer ist Nandi überhaupt? Wie kommt er dazu, dort zu sitzen, wo einmal Metas Platz gewesen ist? Der Schmerz in ihrem Bauch will sich in Wut verwandeln. Davor hat Meta Angst. Plötz- lich spürt sie weder Schmerz noch Wut. Sie ist nicht mehr Meta,
sondern Mama. (...) jetzt weiß sie, was mit Mama geschieht. Sie kann gar nicht anders, sie muss Nandi gern haben (...). 11
Ob dieses Ereignis wirklich so stattgefunden hat, ist zu bezweifeln, aber dass Marlen so ähnlich versucht hat eine Erklärung zu finden, ist durchaus möglich. Überhaupt hilft ihre Fantasie Meta/Marlen in vielen Situationen, prägt ihr Leben sehr deutlich. Nicht nur beim gemeinsamen Spiel mit ihrem kleinen Bruder oder beim Zuhören von Vaters spannenden Kriegsgeschichten, auch „privat“, also ganz für sich bedient sie sich ihrer wunderbaren Gabe. Als Meta einmal alleine ist, „denkt [sie] sich eine schöne traurige Geschichte aus (...). Plötzlich überfällt Meta das Verlangen, diese Geschichte aufzuschreiben.“ 12 So erlebt der Leser die ersten Versuche der späteren Schriftstellerin sich literarisch zu betätigen mit. Wahrscheinlich ist diese Begebenheit nicht ganz und gar wörtlich zu nehmen, doch scheint es plausibel, dass die ja zugleich in der Schule für ihre Aufsätze oft gelobte Meta/Marlen schon früh zu „üben“ begonnen hat. Gleichzeitig erkennt sie ein Hauptproblem vieler Autoren, nämlich der Glaube, die Sprache sei ein ungeeignetes Mittel Intentionen richtig zu übermitteln. Denn als Meta dann Stunden später die Geschichte wirklich niederschreibt, muss sie feststellen, dass der Text „sich beim Schreiben schrecklich verändert [hat]. (...). Alles, was in ihrem Kopf so lebendig und leuchtend gewesen ist, wird matt und grau.“ 13 Für mich ist es fraglich, ob diese Krise, die wohl jeden Schriftsteller einmal heimsucht, wirklich schon in diesem Alter stattgefunden hat. Ohne Zweifel, Marlen ist ein äußerst intelligentes Mädchen, dessen Entwicklung weit über dem Durchschnitt liegt, doch diese abstrakte, wenn auch anschaulich formulierte Überlegung über Aussagevermächtnis der Sprache in die Gedanken einer nicht einmal Fünfjährigen zu legen, scheint, mir zumindest, nicht ganz glaubhaft. Literarisch engagiert ist Meta nicht nur durch das Schaffen eigener Werke; daneben hat sie auch eine - fast möchte man sagen - Lesesucht. Alles was ihr in die Hände fällt, liest sie, ohne jede Ausnahme. Wenn das Mädchen im Arbeitszimmer ihres Vaters ist, sieht sie die sogenannten Klassiker. „Da stehen sie, die Unerreichbaren. In roten Leinendeckeln und mit Golddruck, die Klassiker, die ´Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens´, und alle sind sie streng verboten. Vater hätte sie ihr bestimmt längst gegeben, aber Mama ist nicht dazu zu bewegen.“ 14 Zu aller erst ist zu bemerken, dass mit den „Klassikern“ nicht unbedingt nur die Klassik der Literaturgeschichte gemeint ist. Sicher waren auch Werke von klassischen Autoren enthalten, doch da ich selbst einen Band dieser „Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens“ besitze, weiß ich, dass sich der Inhalt unter anderem aus Trivialem, Unterhaltsamem zusammensetzt. Wahrscheinlich ist der Begriff „Klassiker“ ein Sammelbegriff für alle Werke in der Kanzlei von Marlens Vater. Daneben erkennt man in dieser Textstelle wieder den Gegensatz zwischen gutmütigem, freigiebigem Vater und strenger, sozusagen Spaß verderbender Mutter.
11 Haushofer: Himmel, der nirgendwo endet; S. 40
12 ebda; S. 59f
13 ebda; S. 60
14 ebda; S. 91
16
Himmel, der nirge
Da Metas/Marlens Familie zu einem großen Teil selbstversorgend ist, gehört das Schlachten zum Alltag. Für das Kind sind diese Tage immer eine schwer zu ertragende Qual, vor allem das erbärmliche Geschrei der Tiere kann sie nicht ertragen. In diesem Zusammenhang hat Meta/Marlen die ersten Erfahrungen mit dem Tod, aber natürlich nicht nur damit, sondern auch mit Fragen, die im logischen Zusammenhang mit der Vergänglichkeit stehen. Wer hat das Recht zu richten über Leben und Tod? Ist es nicht ein Verrat, Tiere, die noch vor kurzem Spielgefährten waren, dem Schlächter auszuliefern und sie danach auch noch zu essen? Wie kann ein Richter urteilen, ohne selbst je verurteilt zu werden? Vor allem aber das Mysterium Tod gibt Meta Rätsel auf. „Wohin ist das Leben aus dem Schwein gegangen?“ 15 Für das Mädchen ist der Vorgang unfassbar, wie kann dieses lebendige Tier plötzlich nicht mehr sein als Fett- und Fleischstücke? Das Gewissen meldet sich, Meta sieht das Schlachten als Verrat an, darum braucht sie immer einige Zeit um sich nach solchen Bestialitäten zu erholen. Als Folge kommen aber natürlich Fragen auf, die sich auf die christliche Lehre der Auferstehung beziehen. Denn für Meta ist klar, „das ist eine Lüge; auf dieses Todesröcheln kann kein Himmel folgen. Das ist etwas ganz und gar Endgültiges.“ 16 Daneben stellt Meta/Marlen die Rolle Gottes in Frage, denn wenn sie an die geschlachteten Schweine denkt oder an die steif und blutig im Schnee liegenden Rehe, dann zweifelt sie, ob der liebe Gott tatsächlich allgütig, allwissend und allmächtig ist. „Entweder er ist allgütig und allmächtig, aber nicht allwissend oder allgütig und allwissend, aber nicht allmächtig. Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, aber die will Meta gar nicht in Erwägung ziehen.“ 17 Diese dritte Möglichkeit ist wohl nicht, dass Gott gar nicht existiert - das wäre für ein Kind mit dieser Erziehung nicht vorstellbar gewesen - sondern, dass Gott eben allwissend und allmächtig ist, nicht aber allgütig. Dann nämlich wäre der Herrscher über Himmel und Erde ein Wesen, das trotz des Wissens um Tod und Leiden, trotz der Fähigkeit den Zu-stand zu verändern, nichts tut. Wie könnte man einen solchen Gott verehren oder gar zu ihm beten? Mit diesen Ansichten stellt sie ein Dogma der Kirche eindeutig in Frage. Zeigt sich hier etwa schon ein Charakterzug der erwachsenen Marlen Haushofer? Sie wird in ihrem Leben ständig an Lehren und Traditionen - nicht nur der Kirche - rütteln und nach deren Wahrheitsgehalt fragen. Warum sollte eine solche Facette der Persönlichkeit nicht schon damals gebildet worden sein?
Neben Tod und Leben wird sich Meta ihrer selbst bewusst, ihres Körpers. Denn als sie den Gestank eines toten Schweins riecht, bedenkt sie, „dass sie innen genauso aussieht, wie das Schwein und wohl auch nicht besser riecht.“ 18 Nicht nur dass sie damit eine Wahrheit ausspricht, nein, daneben stellt sie sich auf eine Stufe mit dem Schwein, sie sieht sich nicht als höheres Wesen, denn, wie sie richtig bemerkt, im Grunde oder im Tode sind wir alle gleich. Die-
15 Haushofer:Himmel, der nirgendwo endet; S. 100
16 ebda; S. 101
17 ebda; S. 173
18 ebda; S. 101
17
se Sichtweise, Tiere als gleichgestellt anzusehen, findet sich auch in anderen Texten Marlen Haushofers - oft stellt sie Tiere als ihre wahren Freunde dar.
Exkurs: Die Zeit im Internat
Nach der glücklichen Zeit im Forsthaus folgt als kompletter Gegensatz der Eintritt in ein strengst katholisches Internat in Linz. Diese plötzliche Veränderung wird nicht nur in Form von Gefühlsbeschreibungen erklärt, auch im Stil des Romans erkennt der Leser die jähe Änderung. Ohne jede Vorankündigung findet sich der Rezipient und ebenso Meta/Marlen im Internat wieder, von einer Zeile auf die nächste ist der Vorgang abgeschlossen. So ist es wohl der Schriftstellerin ergangen; obwohl sie sicher gewusst hat, was auf sie zu kommt, will sie es vielleicht nicht wahrhaben, ist plötzlich doch mit der Realität konfrontiert. Vor allem starkes Heimweh trübt Metas/Marlens Tage im Internat, daneben erfasst sie ein Gefühl der Panik, als sie merkt, dass sie nirgends wirklich daheim ist. Klar scheint, dass die neue Schule ihr kein wärmendes Zuhause geben kann, doch auch das Forst-
haus, diese wundervolle Stätte der Kindheit ist nicht mehr das, was es einmal war. Das alles verändert sie innerlich. Aus dem trotzigen, lebendigen Kind wird eine ruhige, verschlossene Schülerin. Das äußerst sich zum Beispiel in ihrer Frisur, die nun streng gekämmt ist; so bleibt die Änderung natürlich nicht unbemerkt. Als ihre Mutter sie nach längerem wiedersieht, bemerkt sie:„’Jetzt siehst du nicht mehr aus wie ein junger Löwe’, und scheint es sogar zu bedauern.“ 19 Gerade die strenge Mutter, deren Wunsch es immer war, Meta/Marlen zu sänftigen, zu einem wohlfunktionierenden Zahnrad der Gesellschaft zu machen, gibt dies von sich. Sie bedauert die Veränderung ihres Kindes, denn trotz aller Kritik kennt sie Meta doch anders, und die fehlende Lebendigkeit bedauert wahrscheinlich
Trotz all dieser Veränderungen, die Metas Leben sicher nicht positiver machen, erhält sie eine neue Sicht der Dinge. Das Forsthaus mit seinen Bewohnern, das zwar, was ihr schmerzhaft bewusst ist, nicht mehr ihr Zuhause ist, sieht Meta nun mit anderen Augen. Sie gewinnt eine gewisse Distanz. So wirkt das Ende des Buches wie ein Resümee, das einstige Kind ist erwachsen geworden, das wird Meta klar, und nicht ohne Wehmut nimmt sie Abschied von der Kind-
Meta, die sich durch das gesamte Buch hindurch verändert, wird natürlich nicht nur durch sich selbst geprägt, nein, einen beträchtlichen Anteil an ihrer Entwicklung haben äußere Einflüsse. Als eines Tages eine Bekannte ihrer Mutter zu Besuch kommt und mit Meta über das Handarbeiten spricht, verneint das Kind fast stolz, als sie gefragt wird, ob sie häkeln könne. Ihr Gegenüber jedoch antwortet darauf mit „flache[r] böse[r] Stimme: ´Kleine Mäd- chen, die nicht häkeln lernen, werden nie gute Frauen[.]´“ 20 Meta be-
kommt es mit der Angst zu tun und läuft daraufhin aus dem Zimmer. Insgeheim glaubt wohl das Kind den Worten der Besucherin, doch man könnte denken, Meta wolle sowieso keine gute Frau werden. Das jedoch ist nicht korrekt, das Kind sträubt sich dagegen eine Sklavin zu werden, die ist wie ihre Mutter; gegen die Weiblichkeit an sich wehrt sie sich nicht. So bedroht eine Meinung, wie die der Besucherin das Kind natürlich, das einfach keine Freude an der Handarbeit findet.
Ihre Abneigung gegen Hausarbeit generell ist wohl eher eine Furcht vor dem, was sie bei ihrer Mutter sieht. Immerfort muss Mama kochen. „(...) Der Schweiß steht ihr auf der Stirn (...). Aber nie hat Mama rote Wangen. Ihr Gesicht ist immer blass.“ 21 Die täglich anfallenden Dinge im Haus zehren also an der Gesundheit ihrer Mutter, das Kochen ist da nur ein Beispiel von vielen. Doch Metas/Marlens ablehnende Haltung gegen die Aufgaben der Hausfrau, vor allem die damit verbundene verweigerte Mithilfe schafft neue Spannungen zwischen Mutter und Tochter. Oft fallen dann Bemerkungen von Seite
ihrer Mutter wie: „’Du hast spitze Knie (...). Wirst wohl nie einen Mann bekommen.’“ 22 Obwohl Meta/Marlen selbst weiß, dass das eine Drohung ohne haltbare Argumente ist, macht sie sich darüber Gedanken, hat Angst vor ihrer Zukunft als Alleingelassene. Eine ganz andere Einstellung, die Meta sehr zu gute kommt, ist die Toleranz ihres Vaters. Vor allem ein Ereignis ist besonders hervorzuheben; ein herumziehender Händler ist ein Jude. Bei einem Besuch erzählt der Mann über das schikanöse Verhalten der Dorfbewohner und deren böse Rede über ihn. Nachdem er das Forsthaus verlassen hat, spricht Meta voll Neugier über den sonderbaren Besucher. „Meta hat gehört, die Juden haben Christus gekreuzigt, sie müssen also böse sein. Aber Vater sagt, die Christen hätten sich auch nicht immer fein benommen, und der kleine Herr Schwartz habe bestimmt mit der Kreuzigung nichts zu tun gehabt (...).“ 23 Gerade zur Zeit von Metas Kindheit erlebt der Antisemitismus seine grausamsten Auswüchse, gipfelnd in den Schrecken des Dritten Reichs. Juden zu verachten, sie zu schikanieren ist eigentlich Gang und Gebe, wer sich mit ihnen solidarisiert, macht sich eher suspekt. Doch Haushofers Vater hat hier eine Einstellung, die er glücklicherweise Meta/Marlen mit
Neben den Übereinstimmungen in Bezug auf Marlens Leben und Denken decken sich natürlich auch Sekundärfaktoren. Wirft man einen Blick auf die engste Familie Metas, so ergibt sich die Struktur: Vater, Mutter, jüngerer Bruder, Meta. Genauso ist es in Marlens Leben gewesen, nur Namen sind verändert worden. Über Metas/Marlens Mutter und ihre Beziehung zur Tochter bin ich im Verlauf der Analyse ja schon eingegangen. Darum möchte ich nur noch einige Aspekte herausgreifen, die ihr Bild verdeutlichen. Vor allem ein Charakterzug fällt stark ins Auge; die Strenge, mit der sie ihre Tochter behandelt. Erziehung ist im Haus Frauendorfer Aufgabe der Mutter, so mischt sich der Vater selten und dann nur
indirekt ein. Höchstens wenn Meta wieder einmal etwas angestellt hat, soll der Mann im Haus die Bestrafung vornehmen. Doch dagegen sträubt er sich. Selbst Meta ist das fast unheimlich. „Wenn er sie nur ein einziges Mal bestrafen wollte. Aber der Vater denkt nicht daran.“ 24 So hofft Metas Mutter jedes Mal vergeblich auf eine Tracht Prügel für ihre Tochter. Ein zweiter Wesenszug, der deutlich wird, ist ihr übertriebenes Pflichtbewusstsein, das ihre Lebensqualität entscheidend einschränkt. Meta beschreibt sie einmal als klein, bleich und überanstrengt, aber sie weiß auch, dass ihr niemand helfen kann. Sie ist ein Pflichtmensch, wie er im Buche steht. Ihre Tochter kann das nicht verstehen, klar ist ihr nur, dass sie niemals so werden wird.
Eine Verbitterung lässt sich aus der Lebensart der Mutter erkennen. Schon in jungen Jahren hat sie all ihre Kraft aufbringen müssen, um aus den Händen ihres Vaters zu entkommen. Selbst Meta weiß, „er
[ist] ein schrecklicher Tyrann. (...) Er hat ihre [Mamas] Kindheit zerstört und die arme kleine Großmutter gequält. (...) Seine Kinder hat er nur bis zum sechsten Jahr gemocht, nachher hat er sie nur noch wie Sklaven behandelt. (...) Und oft hat er sie mit seinem Ledergürtel verprügelt.“
25
Ein drastisches Bild wird hier gezeichnet, und einen Teil ihrer Härte und Strenge hat Metas Mutter sicher noch aus dieser Zeit. Nach ihrer Befreiung aus der Tyrannei steht sie im Dienst einer Gräfin, mit der sie oft Reisen nach Italien unternimmt.
Mama erzählt oft von den Reisen, „die sie als junges Mädchen gemacht hat, nach Rom. (...) Bald merkt Meta, dass Mama viel lieber in Rom wäre als hier in diesem engen Tal.“
26
Selbst das Kind sieht die Unzufriedenheit seiner Mutter. Einer langen Zeit des Kampfes um Freiheit sind Jahre der Selbstverwirklichung gefolgt. Doch nun hat sie nur mehr Erinnerungen, wehmütige Gedanken an eine schöne Vergan-
genheit. Wie trostlos muss dagegen die Realität für diese Frau aussehen, deren einzige Aufgabe darin besteht, einen Haushalt zu managen. Vor diesem Hintergrund sind ihr Wesen, ihre Einstellung vielleicht besser verständlich und ihre Fehler verzeihlich. Auch die Unterschiede zwischen den beiden Elternteilen habe ich schon behandelt, doch möchte ich noch eine Stelle im Roman anführen, die auf das Deutlichste die Differenzen zwischen den Charakteren Mutter und Vater aufzeigen. Meta darf mit ihrem Vater ein Kreuzworträtsel auflösen.
Er [der Vater] ist ein miserabler Rätsellöser. Wenn er ein Wort nicht weiß, erfindet er einfach ein neues (...). Das Rätsel stimmt hinten und vorne nicht und muss abgeändert werden. Ein indischer Gott heißt plötzlich Zakki und ein Fluss in Portugal Pipibo. Eine fremde, geheimnisvolle Welt entsteht unter Vaters (...) Händen, ein utopisches Gebilde, das Mama später empört mit dem Radiergummi bearbeitet und in mühevoller Arbeit in ein ge-
Demist nicht viel hinzuzufügen, aber ich glaube, nicht nur Unter- schiede sollen hier aufgezeichnet werden, sondern auch wie wunder-
bar sich beide Teile ergänzen, wird hier deutlich. Die Liebe und Zuneigung, die Meta von ihrem Vater erhält, habe ich schon angesprochen, doch in dieser Textstelle findet sich ein Ausdruck, der wiederholt mit ihm verwendet wird: geheimnisvoll, unheimlich. Diese beiden Attribute stehen in auffallender Häufigkeit in Verbindung mit dem Vater. Meta sieht, dass er für alle Menschen sehr anziehend ist, doch es gibt eine Zone durch die dringt niemand hindurch, er baut eine Distanz auf, die nicht einmal die geliebte Tochter zu überschreiten vermag. Auffällig ist auch, dass über den Vater fast nur Positives berichtet wird, von seinen wunderbaren Erzählungen über die Kriegsjahre in Russland, von seiner Zuneigung und Toleranz, doch dass er eine andere, dunkle Seite hat, das wird nur einmal erwähnt: Er ist jähzornig. Dieses Laster wird anhand folgender Begebenheit geschildert: Sein Jagdhund, Schlankl, unternimmt manchmal unerlaubte Ausflüge allein in den Wald. Das kann der Förster nicht ausstehen, so geschieht jedes Mal nach der Rückkehr des Hundes dasselbe. Vater holt seinen ledernen Riemen, die ganze Familie zittert um das Tier; doch er ist unbarmherzig. So sehr das Kind diese Ereignisse mitnehmen, es ergreift dennoch Partei für den Vater. Nach der grausamen Beschreibung der Misshandlung des Hundes, findet Meta keine andere Erklärung als ein läppisches, „Vater ist eben jähzornig.“ 28 Trotz der Liebe zum Hund ist die Loyalität zum Erzieher noch größer, und sie gibt sich selbst die Schuld am Verhalten des Försters, um ihn ja unbefleckt zu erhalten.
Neben der engsten Familie werden sämtliche Tanten und Onkeln beschrieben, die in den Sommermonaten auf Erholung ins Forsthaus kommen. Auch diese Personen sind authentisch mit realen Figuren, doch auf sie genauer einzugehen, ist mir, um im vorgeschriebenen Umfang der FBA zu bleiben, nicht möglich.
2.5. Stil und Sprache
Untersucht man den Stil des Werks, so fällt wohl zuerst auf, dass die Geschichte im Präsens erzählt wird; da der Roman autobiographische Züge enthält und somit auf Erinnerungen aufgebaut ist, die ständig anwesend sind, ist die Wahl der Zeit verständlich. Daneben ist auch die Perspektive interessant gewählt. Durch die Augen eines kleinen Mädchens, Meta, das zu Beginn nicht älter als
zweieinhalb Jahre ist, sieht der Leser die Welt. Mit ihm entwickelt sich der Rezipient durch die Kindheit, von Anfang an ist
Es gibt Hunde, die im Haus herumlaufen, und Hunde, die in Bilderbüchern wohnen. Auch Menschen gibt es in Büchern, Katzen, Kühe und Hähne. (...) Meta möchte wissen, was mit diesen Figuren geschieht, wenn Mama das Buch zuschlägt. Ganz heimlich schleicht sie sich an und klappt das Buch wieder auf. Da stehen sie noch
Die Sprache beschränkt sich im weitesten Sinn auf den kindlichen Wortschatz, was klarer Weise Naivität vortäuschen soll, künstliche Einfalt wird erzeugt.
Da ist Mama: sie besteht aus vielen Teilen; aus einem dunklen Zopf (...) Ob die blaue Schürze ganz zu Mama gehört, ist ungewiss, denn sie ist nicht immer da. (...) alles zusammen ist Mama (...) 30
Doch ist das Kind nicht beschränkt, nein, die Autorin ergreift durch die Wahl der Sprache eindeutig Partei für Meta, jedoch nicht nur für sie, für alle Kinder gegen die Welt der Erwachsenen. So übt Haushofer auch Kritik und stellt durch das Staunen des Kindes die angeblich einzige Vernunft in Frage.
30 ebda; S. 12
22
„Die Wand“ - Marlen Haushofers absolutes Meisterwerk - ist für mich zu einem Lieblingsroman geworden; besonders die Sprache hat mich verzaubert, eine einfache und doch schöne Ausdrucksweise, die für mich bis jetzt einzigartig geblieben ist; weder aufdringlich, noch zu passiv führt die Autorin dem Leser das nahe, was ihr wich-
Vor allem die Beziehung zu den Tieren und der Umwelt, die die Protagonistin im Laufe der Zeit aufbaut, zeigt für mich einen Traum jedes Menschen, nämlich im Einklang zu stehen mit dem, was uns umgibt. Bei der Lektüre fühle ich mich immer wieder mit einge-bunden in das Leben der Romanheldin, und es ergibt sich ein klares, realistisches Bild ihrer Welt; trotz der Beschreibungen lässt die Autorin dem Leser aber den Freiraum selbst Fantasie walten zu
„Die Wand“ ist eines der wenigen, wenn nicht das einzige Buch bis jetzt, das auch nach viermaliger Lektüre nichts von seiner Spannung und Schönheit verloren hat, immer wieder kann man tiefer gehen und mehr erkunden, und so wird es sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich dieses Buch zur Hand genommen habe.
Um späteren Ausführungen über die Entstehung des Romans folgen zu können, ist es wichtig zuerst mit dem Inhalt vertraut zu sein,
Eine Frau fährt zusammen mit ihrer Cousine und deren Mann für ein Wochenende in ein Jagdhaus. Das Ehepaar begibt sich abends auf einen Spaziergang ins Dorf, von dem es am nächsten Morgen noch immer nicht zurück ist. Auf der Suche nach ihnen stößt die Protagonistin auf eine durchsichtige Wand, hinter der es anscheinend kein Leben mehr gibt. So beginnt für die Frau ein Kampf ums Überleben, vom Rest der Welt abgeschnitten. Die einzigen, die mit ihr diese Katastrophe überstehen, sind ein Jagdhund, eine trächtige Kuh, die ein Stierkalb gebären wird, und eine Katze. Eines Tages taucht ein weiterer menschlicher Überlebender auf, der den Stier und ihren
Über den Titel an sich gibt es wenig zu diskutieren. „Die Wand“ sagt eigentlich alles, aber auch nichts über das Werk aus, denn um diese besagte Mauer dreht sich wohl die Handlung, über deren Ablauf die Betitelung jedoch nichts verrät. Schlicht, einfach und zurückhaltend wie die Schriftstellerin selbst gibt sich der Titel, doch Marlen Haushofer gleich liegt die wahre Größe verbor-
Ende 1960 beginnt Marlen Haushofer an ihrem größten Werk zu arbeiten. Durch einen neuerlichen Umzug der Familie hat sich ihre Arbeitssituation deutlich verbessert, die Kinder sind alt genug um nicht ständige Betreuung zu benötigen, und so findet sie wohl die nötige Zeit und Ruhe um einen Stoff, der, wie sie selbst sagt, schon immer dagewesen sein muss 31 , zu formen. Schließlich wird aus ihm der meisterhafte Roman „Die Wand“. Unter dem Arbeitstitel „Die gläserne Wand“ entsteht das Werk, dessen Idee die Autorin einem sogenannten „Schundheft“ entnommen hat. Marlen Haushofer hat eine
Schwäche für Groschenromane, vor allem für Science Fiction. So besitzt sie zum Beispiel eine große Sammlung der Reihen Utopia und Terra. Darunter befindet sich auch eine Geschichte mit dem Titel „Die gläserne Kuppel“, wodurch klar ersichtlich ist, woher die ur-Die wissenschaftliche Grundlage für ihre Robinsonade verdankt die Autorin ihrem Bruder, der ihr genaue Auskünfte über Namen von Tieren und Pflanzen, über die verschiedenen Vegetationszyklen bestimmter Gemüsesorten oder die Tragezeiten verschiedener Tiere er-
So erscheint der Roman mit dem Titel „Die Wand“ im Herbst 1963. Obwohl er von den Medien einiges an Beachtung erhält, bleibt er zu Lebzeiten ein mäßiger Verkaufserfolg. Trotzdem ist es das Buch, das damals die meisten Leser gefunden hat. Großen Andrang gibt es erst 1968, als, wie schon in der Kurzbiographie angeschnitten, Elfriede Ott „Die Wand“ vollständig im ORF-Radio liest; dass dennoch kein einziges Buch über den Ladentisch geht, liegt an der schon längst vergriffenen ersten Auflage. 32
Wie jedes Werk der Autorin weist auch dieses eine extreme Vielschichtigkeit auf. Der Leser findet in dieser eher etwas trivial erscheinenden äußeren Handlung immer wieder Möglichkeit tiefer zu gehen und so existieren die unterschiedlichsten Interpretationen. Natürlich ist der Roman auf der einen Seite Kulturkritik. Die Zeit der Entstehung des Romans ist eine der heißesten, oder besser kältesten Phasen des Kalten Kriegs. Jeden Tag ist der Beginn eines Atomkriegs zu befürchten, und auch die Gedanken der Protagonistin kreisen um einen listigen Schlag einer der Großmächte. Doch anders als erwartet wollen sich keine Sieger einstellen, die das Land in Besitz nehmen und mit Feierlichkeiten ihren Triumph würdigen. So stellt sich wohl die Frage, ob es in solchen Konflikten überhaupt Gewinner geben kann. Auch die Technologie wird von der Schriftstellerin zu Zeiten des Wirtschaftswunders angegriffen. Denn nach der Katastrophe kann die Protagonistin keine Hilfe mehr von den „neuen Göttern“ erwarten, weder Automobil noch elektrische Geräte können ihr Überleben sichern. Die Frau ist auf sich allein gestellt, muss also vielleicht das erste Mal in ihrem Leben nachdenken und sich einsetzen um am Leben zu bleiben.
Leben nachdenken und sich einsetzen um am Leben zu bleiben. Den weit größeren Teil der Interpretationsmöglichkeiten findet man jedoch im biographischen Bereich, auf den ich in weiterer Folge eingehen werde.
Zuerst aber noch zum Außergewöhnlichen dieses Werks, nämlich die für Marlen Haushofer einmalig bleibende Idee, eine realistisch recherchierte Geschichte in utopischem Raum darzustellen. Sie selbst hat das als ein großes Problem beschrieben, doch ist ihr durch das Science-Fiction-Vorbild die „Realität“ schon vorgegeben gewesen.
3.4. Autobiographische Spuren
Wie so oft greift die Autorin auch in diesem Werk bei der Wahl des Ortes auf ihre Kindheit zurück. Das Jagdhaus, in dem die Protagonistin, die übrigens im gesamten Roman namenlos bleibt, ihr Überleben zu sichern versucht, ist das fiktive Ebenbild einer Hütte, die in der Gegend des Forsthauses, in dem Marlen Haushofer ihre Kindheit verbracht hat, steht. Die sogenannte Lackenhütte ist
1924 für den Förster und diverse Jagdpächter erbaut worden; die kleine Marlen hat zusammen mit dem Vater oft kleine Wanderungen dorthin unternommen. Doch nicht nur Orte sind bis ins Detail realistisch beschrieben, auch die „Charaktere“ der Tiere haben Vorbilder, die dem wirklichen Leben entsprungen sind: von der Kuh Bella, über den geliebten Hund Luchs, bis hin zur Katze. 33
Neben den „Äußerlichkeiten“ ist der Roman die radikalste Flucht der Schriftstellerin aus ihrem Leben. Die Romanheldin wird aus dem monotonen Hausfrauenalltag „befreit“, durch eine Katastrophe, die den Rest der Menschheit auslöscht. Endlich kann sich die Protagonistin entfalten, und so ist die Wand nicht nur als Gefängnis zu sehen - jedenfalls wird sie nicht einseitig negativ beschrieben - sondern auch als Chance, nach Jahren der Normalität und Gebundenheit, endlich frei zu sein, auf eigenen Beinen zu stehen. Nicht resignieren lässt Marlen Haushofer ihre Heldin, nein, erst im scheinbaren „Gefängnis“ wird sie aktiv, beginnt sie das Leben selbst in die Hand zu nehmen; vielleicht auch deshalb, weil sie erst jetzt die Möglichkeit dazu hat. So ähnlich ergeht es auch der Schriftstellerin, denn auch sie ist eingesperrt in ihrem provinziellen „Hausfrauendasein“, auch sie ist unzufrieden, unbefriedigt mit ihrem Leben als Zahnarztgattin. So flüchtet Haushofer mit ihrer Protagonistin hinter eine Wand um sich zu schützen und ent-
Gleich zu Beginn erklärt die Protagonistin die Gründe, warum sie den Bericht zu schreiben begonnen hat. „Ich schreibe nicht aus Freude am Schreiben; es hat sich eben für mich ergeben, dass ich schreiben muss, wenn ich nicht den Verstand verlieren will. (...) Ich bin ganz allein, und ich muss versuchen, die langen dunklen Wintermonate zu über-
stehen.“ 34 Hier, so denke ich, spricht Marlen Haushofer aus ihrem Herzen; natürlich ist es nicht so, dass sie keine Freude an der Schriftstellerei finden kann, jedoch schreibt auch sie um „nicht den Verstand zu verlieren“. Obwohl in „Die Wand“ der wirkliche Menschenverstand gemeint sein wird, die Gesundheit des Geistes also, kann man den Verstand in Bezug auf die Autorin auch als ihre Individualität auslegen. Denn es ist das Schreiben, das Marlen Haushofer in den Status der Unabhängigkeit gehoben hat, von der sie leider nie Gebrauch gemacht hat. Auch die langen dunklen Wintermonate haben eine tiefere Bedeutung, denke ich. Sie sind Synonym für ihr Hausfrauenleben in Steyr, für ihr Leben als vom Ehemann Betrogene, und Schreiben ist für Marlen Haushofer eine Art von Therapie, bei der sie ihren Gedanken und damit ihrem Zorn Luft machen kann.
Wie schon bemerkt, flüchtet Marlen Haushofer mit diesem Roman aus ihrem erstickenden Dasein. Sie lässt alles hinter sich, und obwohl das auch in anderen Werken geschieht, ist es in diesem am deutlichsten zu erkennen. „Ich war damals seit zwei Jahren verwitwet, meine beiden Töchter waren fast erwachsen, (...).“ 35 Die Schriftstellerin lässt ihren Gatten hier einfach tot sein und befreit sich von den Kindern, indem sie erwachsen sind. So erhält sie ihre Freiheit, von der sie allerdings wenig Gebrauch macht: „Ich war immer schon eine sesshafte Natur gewesen und fühlte mich zu Hause am wohlsten.“ 36 Auch das entspricht eindeutig der Wahrheit, denn Marlen, die oft eine Chance hätte, nach Wien zu ziehen, zieht es immer vor in Steyr, also im weiteren Sinn in ihrer Heimat zu bleiben. Auch das Forsthaus ist stets ein Ort, an dem sie sich wohlfühlt, sie liebt ihr Zuhause.
Aber nicht nur über ihre Familie denkt die hinter der Wand Gefangene nach, auch über sich selbst. Sie bemerkt, wie sehr sie sich verändert hat und versteht ihr eigenes Ich der Vergangenheit nicht mehr. Sieht man auf Haushofers Leben, so wird klar, dass es wahrscheinlich auch ihr nicht anders ergangen ist. Das Mädchen
Marlen voll Lebensfreude und Energie, voll Mut zum Widerstand wird zur introvertierten, depressiven Hausfrau. Eine radikale Änderung hat sich hier vollzogen, und doch kann sie nichts ändern an der
Da ja die Wand auch symbolisch auf Marlen Haushofers Leben übertragbar ist, geben einige Aussagen der Protagonistin zu denken. In der ersten Woche nach dem Auftauchen der Wand überfällt sie plötzlich Angst und Panik, vor allem auch vor dem Alleinsein. Während sie über ihre Zukunft nachgrübelt, kommen ihr Gedanken wie: „Vielleicht wäre es klüger gewesen, mit Hugo und Luise ins Dorf zu gehen.“ 37 Sie zieht also in Erwägung, dass der Tod besser wäre, als diese Abschirmung von der Außenwelt. So wird es manchmal auch der Autorin selbst ergangen sein. Die Wand, die Haushofer gegen ihre Welt aufstellt, lässt die Schriftstellerin wohl manchmal auch sehr einsam sein; es ist also gut möglich, dass auch Haushofer diese
Mauer oft als Hindernis gesehen hat, doch selbst nicht gewusst hat, wie sie diese überwinden könnte. Immer wieder finden sich Andeutungen auf eines der Leiden, die Marlen Haushofer seit ihrer Schulzeit begleitet: ihre Depressionen. Schon in den ersten Jahren des Internats hat sie Anfälle von Mutlosigkeit, die sicher verbunden sind mit starkem Heimweh. So fühlt sich auch ihre Protagonistin niedergeschlagen, kann nächtens nicht schlafen und ist am Tag zu nichts zu gebrauchen. Nur allzu oft lassen sich Bemerkungen finden, die auf Haushofers Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Leben hindeuten. Als die Protagonistin einmal über ihr früheres Leben, also ihr Dasein vor der Wand nachdenkt, merkt sie: „Ich hatte wenig erreicht von allem, was ich gewollt hatte, und alles, was ich erreicht hatte, hatte ich nicht mehr gewollt.“ 38
Das Bild, das Marlen Haushofer von ihrer Protagonistin - also auch von sich selbst - zeichnet, ist kein unbedingt positives, schon gar kein überhebliches. Ein einziges Mal findet die Hauptfigur einen deutlichen Unterschied zu ihren Mitmenschen. Sie hat einen Drang zu lieben. „(...) solang es im Wald ein Geschöpf gibt, das ich lieben könnte, werde ich es tun; und wenn es einmal wirklich nichts mehr gibt, werde ich aufhören zu leben. Wären alle Menschen von meiner Art gewesen, hätte es nie eine Wand gegeben (...).“ 39 Das Bild von der herzlos kalten Welt, das die Autorin im gesamten Buch zeichnet, wird bei dieser Szene noch verstärkt, vor allem aber der Großteil der Menschheit als lieblos deklariert. Doch entschuldigt die Autorin sogar dieses Verhalten, denn „[l]ieben und für ein anderes Wesen sorgen ist ein sehr mühsames Geschäft und viel schwerer, als zu töten und zu zerstören. Ein Kind aufzuziehen dauert zwanzig Jahre, es zu töten zehn Sekunden.“ 40
Ein Aspekt, den Marlen Haushofer auch schon in „Himmel, der nirgendwo endet“ anspricht, ist ihre Abscheu vor dem Töten, vor dem Morden, nicht nur von Menschen, sondern auch von Tieren. Diese Ansicht bringt sie ganz deutlich zum Ausdruck, als ihre Protagonistin über das Jagen nachdenkt; denn um für sich, vor allem aber für ihren Jagdhund genug Frischfleisch zu bekommen, muss sie regelmäßig jagen gehen. Sie tut dies aus reinem Zwang um überleben zu können, denn, „es [war] mir einfach zuwider (...). Auch jetzt möchte ich nicht darüber schreiben (...), fast wie ein Verrat“ 41 kommt es ihr vor, sie schreibt von Verwerflichkeit. Marlen Haushofer pendelt einen Großteil ihres Lebens ständig zwischen Wien und Steyr hin und her. Steyr als Wohnsitz ihrer Familie und ihre eigentliche Heimat hat stets einen hohen Stellenwert, Wien jedoch ist die Stätte ihrer Freundschaften und ihres intellektuellen Lebens. Zeit ihres Lebens trennt Marlen Haushofer diese beiden Orte, und ebenso ergeht es ihrer Protagonistin. Sie lebt mit ihren Tieren im Tal in der Jagdhütte. Im Sommer aber zieht sie vor allem wegen der besseren Weidemöglichkeit auf eine Alm. Während sie sich im Tal nie vorstellen könnte auf der Alm
38 ebda; S. 54
39 ebda; S. 161
40 ebda; S. 161
41 ebda; S. 54
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glücklich zu sein, ergeht es ihr oben genau umgekehrt. „Es war, als bestünde ich aus zwei ganz verschiedenen Menschen, von denen der eine nur im Tal leben konnte und der andere anfing, auf der Alm aufzublühen.“ 42 Genauso fühlt sich wahrscheinlich auch die Autorin, hin- und hergerissen zwischen zwei Welten, Wien und Steyr.
Naturgemäß spielt auch der Tod im Roman eine bedeutende Rolle. Oft wägt die Protagonistin ab, was besser sei, ein einsames Leben hinter der Wand oder der Tod; dabei siegt immer wieder die Vernunft, vor allem aber auch der Gedanke an ihre Tiere. In Bezug auf den Tod findet Marlen Haushofers Heldin auch Positives an der Wand, denn „[i]ch habe es nicht nötig, mich vor meinem Tod in eine Höhle zurückzuziehen. Keiner wird bei mir sein, wenn ich sterbe. Niemand wird mich betasten, anstarren und seine heißen lebendigen Finger auf meine erkaltenden Lider pressen.“ 43 Sicher hört man auch hier die Einstellung der Autorin heraus, die Zeit ihres Lebens das „Sterbesystem“ in der kalten Umgebung von Krankenhäusern kritisiert hat. Aber nicht einmal ihr selbst wird das Glück allein, zurückgezogen dem Tod entgegenzutreten zuteil, auch sie stirbt in steriler Küh-Im Laufe der Zeit kommt die Protagonistin zu dem Schluss, dass „nur das Gras auf den Wiesen lebte, das Gras und die Bäume.“ 44 Hier wird wieder die Abrechnung der Autorin mit der Menschheit deutlich. Fast klingt es wie in der biblischen Apokalypse, alles muss sterben um danach neu und rein wiedererschaffen zu werden; nur die Natur, die friedlich existiert, darf bleiben. Das Bild, das die Au-torin vom Menschen zeichnet, ist also kein gutes. Immer wieder finden sich Andeutungen über dessen Grausamkeit, doch am deutlichsten spricht wohl folgender Gedanke, den Marlen Haushofer ihrer Protagonistin durch den Kopf gehen lässt. „Der einzige Feind, den ich in meinem bisherigen Leben gekannt hatte, war der Mensch gewesen.“ 45 So negativ der Satz klingt, er beinhaltet doch Wahrheit. Vielleicht ist er etwas überspitzt formuliert, doch wirft man einen Blick auf Haushofers Leben und ihre Enttäuschungen, die sie erlebt hat, so versteht man ihre Aussage vielleicht besser.
Dass Tiere als Figuren in ihren Werken oft erscheinen, habe ich schon erwähnt. Die Autorin, die ja selbst große Tierliebhaberin gewesen ist, sieht Tiere als „die besseren Menschen“, und in ihren Büchern entstehen oft innige Freundschaften zwischen Tier und Protagonist. Dieses Motiv zeigt sich besonders deutlich im Roman „Die Wand“. Radikal lässt Marlen Haushofer alle Menschen auslöschen, die Protagonistin hat keine andere Wahl, muss also förmlich mit den letzten überlebenden Wesen in engem Kontakt stehen um nicht total zu vereinsamen. So entsteht eine eigenartige Familie; da ist die namenlose Protagonistin, die sich aber nie als einziges Oberhaupt des Verbandes sieht, sondern, einer Mutter gleich, Sorge trägt für die Tiere, die als „Menschenersatz“ angesehen werden
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können. Luchs, der Jagdhund, wird im Laufe der Zeit ihr engster Vertrauter, eine platonische Liebe entsteht, und beide scheinen voneinander zu profitieren. Die Katze, die namenlos bleibt, ist der mystische Teil der Beziehung. Durch ihre klare Distanz, ihre seltenen aber intensiven Liebesbeweise und ihre Selbständigkeit erhält sie Respekt, doch die Protagonistin weiß nicht recht umzugehen mit ihrem Wesen. Schließlich ist da noch die Kuh, Bella, der ruhende Pol. Ihre Anwesenheit ist nicht immer spürbar, doch hat sie eine beruhigende Wirkung auf die Protagonistin. Oft gibt es
Gespräche mit den Tieren, die Hauptfigur glaubt fest an deren Intelligenz, sieht diese daher als gleichberechtigte Partner. In diesem Beziehungsverhältnis lassen sich einige Parallelen zum Leben und Wesen der Autorin feststellen. Bekannt ist, dass Haushofer nur mit wenigen Menschen umzugehen gewusst hat und ihr die Anwesenheit von Menschen oft unangenehm gewesen ist. Sie liebt es, Fürsorge zu spenden; solange ihr Gatte zum Beispiel noch jung ist, ein unreifer Mann, den sie wie eine Mutter umsorgen kann, bleibt ihr Interesse an ihm aufrecht, als er jedoch selbständig wird, gerät die Beziehung ins Wanken. Sie respektiert ihn zwar, kann aber wenig für ihn empfinden, und die Kluft zwischen ihnen wächst ständig. Genauso ergeht es der Protagonistin, sie hat eine innige Beziehung zu Luchs, dem Jagdhund, der verspielt und anhänglich ihrem Ideal entspricht, die Katze dagegen, das genaue Gegenteil von Luchs wird zwar respektiert, aber ein Verhältnis, das dem
In ihrer Gefangenschaft fürchtet die Protagonistin oft, als Mensch zu verkommen und zu einer kulturlosen Kreatur zu mutieren. „Nicht dass ich fürchte, ein Tier zu werden, das wäre nicht sehr schlimm, aber ein Mensch kann niemals ein Tier werden, er stürzt am Tier vorüber in einen Abgrund.“ 46 Wieder erhöht die Schriftstellerin hier die Stellung der Tiere und ergreift somit Partei für sie. Außerdem kritisiert sie, wie so oft, die Menschheit und deren Arroganz zu glauben, überlegen zu sein; als die Protagonistin nämlich weiterdenkt, erkennt sie, dass sie genauso gut in diesen Abgrund stürzen kann, da es ja schon „so vielen Menschen vor mir geschehen ist.“ 47 Selbst das, was uns angeblich von der Tierwelt unterscheidet, nämlich unser freier Wille und unsere innere Freiheit, sei nur Einbildung. Denn, „ich [die Protagonistin] habe auch nie einen Menschen gekannt, der innerlich frei gewesen wäre. (...) Auch die Erfinder der Wand haben nicht nach einem freien Willensentschluss gehandelt, sondern sind einfach ihrer triebhaften Wissbegier gefolgt.“ 48 Laut Marlen Haushofer ist der Mensch also nicht mehr als ein von Trieben gesteuertes Wesen, wodurch sie das starke Argument umwirft, der Mensch un-Im Verlauf des Romans erfährt der Leser, dass die Protagonistin Kinder hat. Sie denkt über ihre beiden Töchter nach und bemerkt, dass „die beiden eher unangenehmen, lieblosen und streitsüchti- gen Halberwachsenen (...) plötzlich ganz unwirklich geworden [waren]. Ich
trauerte nie um sie, immer nur um die Kinder, die sie vor vielen Jahren gewesen waren.“ 49 Nicht nur, dass auch Marlen Haushofer zwei Kinder hat (in ihrem Fall waren es Söhne), nein, auch sie spricht oft von Problemen mit den beiden, zwischen denen es häufig Zwistigkeiten gibt. Die Autorin kümmert sich nicht mehr wirklich um sie, nachdem sie ein gewisses Alter erreicht haben und steckt sie in ein Internat. Auch sie trauert wohl eher der Kindheit der beiden nach und hat wenig Kontakt zu ihnen. Indirekt kommt die Autorin auch auf ihren Gatten zu sprechen, der als Zahnarzt einen gefürchteten Ruf hat. Er ist äußerst cholerisch, und vor allem bei der Behandlung von Familienmitgliedern kennt er kein Erbarmen. Besonders Marlen Haushofer beschimpft er oft während der Behandlung als wehleidig und hysterisch 50 . Im Buch beschreibt die Schriftstellerin ein Ereignis, das sicher auch in Bezug zu ihrem Ehemann steht. Die Protagonistin bekommt plötzlich aufgrund einer wegen des Auftauchens der Wand nicht zuende geführten Zahnbehandlung eine Entzündung. Nach fünf Tagen voller Schmerzen, „schnitt ich mir den Kiefer mit Hugos Rasiermesser auf. Der Schmerz des Schneidens war fast angenehm, weil er für einen Augenblick den anderen Schmerz auslöschte.“ 51 Das ist vielleicht nicht nur banal als
Kritik an der Brutalität ihres Gatten bei der Behandlung zu verstehen, sondern soll auch zeigen, wie stark eine Frau sein kann, nicht nur im Ertragen von psychischen Problemen, auch auf körperlicher Ebene. Da diese Begebenheit unmittelbar nach einigen Gedanken über die schlechtesten Eigenschaften des Mannes folgt, bildet sie einen herrlichen Kontrast und lässt beides, sowohl die Heldentat der Protagonistin, als auch die Charakterlosigkeit der Männer-Oft finden sich zwischen den Zeilen auch deutliche gesellschaftskritische Aspekte, die die Einstellung der Schriftstellerin deutlich werden lassen. Die Gedanken von Haushofers Heldin schweifen und bleiben plötzlich bei dem Ausdruck „Illustrierte“ hängen:
Unvorstellbar, dass es irgendwo auf der Welt noch Illustrierte geben sollte. Aber warum eigentlich nicht? Hätte sich die Katastrophe in Belutschistan abgespielt, säßen wir völlig ungerührt in den Kaffeehäusern und läsen darüber in der Zeitung. Heute sind wir Belutschistan, ein sehr entferntes, fremdes Land (...) in dem Menschen wohnen, die vermutlich gar keine richtigen Menschen sind, unterentwickelt und unempfindlich gegen Schmer-
Nichtnur die Welt der Medien wird hier angekreidet, die alles ohne jedes Gewissen vermarkten, auch wir, die das finanzieren und
Wie in fast jedem Buch der Autorin fällt ihre Kritik über „den Mann“ äußerst schlecht aus. Dieser rote Faden, der bezeichnend ist für das Werk Marlen Haushofers, liegt auch in den Gedankengängen der Protagonistin. Vor allem die innere Schwäche der Männlichkeit
kreidet sie in diesem Buch an. Denn natürlich wünscht sich ihre Heldin in „Die Wand“ manchmal einen starken Begleiter, der ihr einsames Leben teilt. Doch größer als der Wunsch ist die Furcht, denn wer „weiß, was die Gefangenschaft aus diesem unauffälligen Mann gemacht hätte (...) ich wäre von ihm abhängig gewesen. Vielleicht würde er heute faul in der Hütte herumliegen (...). Die Möglichkeit, Arbeit von sich abzuwälzen, muss für jeden Mann eine große Versuchung sein. Und warum sollte ein Mann, der keine Kritik zu befürchten hat, überhaupt noch arbeiten.“ 53 Dieses Urteil ist für mich schwer zu verdauen, doch möchte ich ihr nicht widersprechen. Marlen Haushofer weiß wohl wovon sie spricht, es ist dies kein blindes Ausrufen irgendwelcher fanatisch feministischer Floskeln, es ist ein Sprechenlassen ihres Herzens und ihrer persönlichen Meinung, die ich unter keinen Umständen und schon gar nicht posthum verreißen möchte. Das Ende des Romans schließlich bringt den negativen Höhepunkt. Im zweiten Sommer auf der Alm taucht plötzlich ein Mann auf, der eher wie ein Tier beschrieben wird und grausam zwei ihrer geliebten Tiere tötet: Luchs und Stier. Dafür wird er von der Protagonistin erschossen. So nüchtern das Ereignis auch geschildert wird, dies ist wohl die härteste Kritik am Mann. Er zerstört in einer einzigen Minute fast alles, was der Frau lieb und teuer ist, ohne jeden Grund. Tod und Verderben sind die einzigen Dinge, die das Männliche in diesem Roman bringt; das beschreibt Marlen Haushofers Einstellung deutlich und klar.
53 ebda; S. 66
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genen Kindheit. Wie oft musste meine Mutter mir diese Geschichte und natürlich auch die Fortsetzung „Schlimm sein ist auch kein Vergnügen“ vorlesen? Vielleicht war es sogar mein erstes selbstgelesenes Buch; nun, ich weiß es nicht, doch eines kann ich mit Gewissheit sagen, ich war schon damals begeistert von Marlen Haushofer, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Natürlich betrachte ich das Werk jetzt mit anderen Augen, von der Faszination ist aber kein bisschen verschwunden. Ganz allgemein möchte ich das Buch überhaupt als Kinderversion von „Himmel, der nirgendwo endet“ beschreiben. Es finden sich erstaunliche Parallelen zwischen diesem Werk und „Brav sein ist schwer“, daneben weist es Ähnlichkeiten mit „Die Wand“ auf, die nicht zu übersehen sind. Dieses Kinderbuch beweist, dass es möglich ist, auch ohne Action und Science-Fiction Abenteuer im All, Spannung für die Jüngsten zu erzeugen, sie zu fesseln, zum Lesen zu animieren. Erkennbar wird daneben, wie vielseitig Marlen Haushofer wirklich war; neben ihrem intellektuellen, komplexen Denkvermögen hatte sie auch die Fähigkeit sich hineinzudenken in ein Kind, dadurch also zu schreiben
4.1. Der Weg zum Buch und Besonderheiten in Stil
len Haushofer zahlreiche Kinderbücher, von denen eines den Titel „Brav sein ist schwer“ trägt. Einerseits sieht die Autorin im Schreiben dieser Werke einen herrlichen Ausgleich zu ihrem „ernsten“ Schaffen, andererseits ist das Kinderbuch ein Genre, mit dem sich Geld verdienen lässt. „Das Schreiben ging ihr leicht von der Hand und bereitete ihr Vergnügen. Sie brauchte meist nicht mehr als ein, zwei Wochen für ein Buch. `Da setz´ ich mich an den Küchentisch, versetz´ mich in einen achtjährigen Buben, und es geht schon´, sagte sie einmal, als
mit dem Titel „Schlimm sein ist auch kein Vergnügen“. In ihm wird über neue Ferienerlebnisse berichtet, die Figuren sind dieselben, jedoch erkennt man einen gewissen Entwicklungsschritt, schließlich
Mittel, Fredi, den älteren Buben zum Erzähler zu machen. Damit macht die Autorin es den potentiellen Lesern - also Kindern - leicht, sich mit der Geschichte zu identifizieren, zugleich ist es
4.2. Der Inhalt und autobiographische Spuren
„Brav sein ist schwer“, so lautet also der Titel, der nicht nur zum Lesen animieren soll, sondern zusätzlich schon deutlich gefärbt ist. Die Autorin ergreift, wie schon in „Himmel, der nirgendwo endet“ Partei für die Kinder und gibt zu, was wahrscheinlich auch sie einmal am eigenen Leib verspürt hat. Denn „brav“ ist Marlen als Kind sicher nicht, jedenfalls nicht in den Augen ihrer
Schreibtisch steht und der Bücherkasten“ 56 stellt hier ebenfalls eine Art Heiligtum dar, es ist eine Ehre auf Großvaters Schoss dort sitzen zu dürfen. Wie Fredi selbst zugibt, könnte er stundenlang beim Großvater in der Kanzlei sitzen um jenem zuzuhören. Im Zusammenhang mit der Vaterfigur findet man eine weitere Parallele zu Marlens Kindheit. Es geht um die Wundbehandlung. „Wenn wir uns auf dem Land weh tun, wird die Wunde mit Jod bestrichen, und das macht immer der Großvater (...) man [darf] keinen Muckser machen, weil der Großvater das nicht ausstehen kann.“ 57 Diese Stelle deckt sich aufs Haar mit einer Begebenheit in „Himmel, der nirgendwo endet“, mit dem bekannten Unterschied, dass diese Aufgabe dort dem Vater zukommt.
Nicht nur menschliche Figuren sind der Realität entnommen, auch Tiere haben Vorlagen in der Realität. Auffällig dabei scheint der Hund der Großeltern. „Wix-Wax ist ein langhaariger Jagdhund (...). Er hat rehbraunes Fell und feuchte braune Augen und ist immer freundlich und würdevoll.“ 58 Beschrieben wird er wie der Hund Luchs in „Die Wand“, und er verhält sich sogar so wie jener Vierbeiner. Zwar ist er hier nicht Eigentum des Protagonisten, trotzdem wird eine ähnliche Beziehung aufgebaut, das Tier hat die Stellung eines ständigen Begleiters, eines Freundes. Auch ihm wird Intelligenz zugesprochen, daneben macht seine Anwesenheit allein Fredi immer glücklich. Neben Wix-Wax existiert noch eine Katze, Milli, die ebenfalls verblüffende Ähnlichkeiten zu der in „Die Wand“ aufweist.
„Milli (...) regt sich niemals auf. (...) Von mir lässt sie sich lieber streicheln, weil ich nicht so wild bin, aber auch nur solange es ihr Spaß macht. Ich glaube, sie hängt nicht so an uns wie Wix-Wax (...). Immer schaut sie aus, als wüsste sie alles besser als wir. Manchmal glaube ich, sie hält uns für Dummköpfe.“ 59 Marlen Haushofer gibt Milli in diesem Buch genau dieselben Eigenschaften und Charakterzüge, die auch die Katze in ihrem Meisterwerk besitzt. Das Tier wird als stoisches Wesen beschrieben, das genau das tut, was es will und nicht mehr. Außerdem scheint es viel intelligenter zu sein als alle anderen und zeigt das deutlich. Sogar eine gewisse Arroganz hört man aus der Beschreibung heraus, eine Arroganz, die jene sich leisten kann. Die Katze als Kreatur mit übersinnlichen, ja unheimlichen Fähigkeiten, das ist es, was Marlen Haushofer in vielen ihrer Bü-Selbst gewisse Ereignisse decken sich mit denen, die in „Die Wand“ dargestellt werden. Auch hier wirft die stolze Katze, und bis ins Detail, zum Teil sogar wortwörtlich gleicht die Beschreibung, der, die im oben genannten Roman auftaucht.
Marlen Haushofer selbst erscheint sogar im Buch, ganz zu Beginn, wenn erklärt wird, wie das Werk eigentlich zustande gekommen ist. In der Gestalt von „Tante Susi“, die Hobbyautorin ist, tritt Haushofer auf, wobei sie sich charakterisiert, wie sie sich ihr
ganzes Leben gesehen hat:„Leider ist Tante Susi nicht sehr mutig.“ 60 Diese Tante hat vor ein Kinderbuch zu schreiben, „und weil sie schon vieles vergessen hatte, was Kinder erleben“ 61 soll ihr Manfred über seine Ferienerlebnisse erzählen. An dieser Stelle lässt sich doch eine gewisse Wehmut heraushören, Wehmut über eine längst vergangene Kindheit, die die Autorin so geliebt hat. Diese Kindheit lebt noch einmal auf in diesem Buch, und mit ihr Marlen Haushofers Wesen als Kind. Die Autorin stellt sich selbst gern als „schlimmes“ Kind dar, dieses wird wieder lebendig mit den Kindern des Buches. So lustig die Beschreibungen der Probleme auch sind, die Folgen scheinen oft traurig. Fredi zum Beispiel ergeht es wie Marlen als Mädchen. „Die Mutter streichelte mich viel seltener als früher, und wenn sie es tat, benahm ich mich so widerborstig, dass sie mich seufzend wieder losließ.“ 62 Die Zuneigung fehlt Fredi, so wie der kleinen Marlen.
Doch nicht nur Fredi ähnelt der Autorin als Kind, eigentlich trägt jeder der Protagonisten einen Teil des Charakters der Autorin in sich. Buz’ Wesen zum Beispiel zeichnet die Fantasie aus, mit der er durchs Leben geht. Wie Marlen erfindet auch er immer wieder neue, spannende Spiele für seine Spielgefährtin Lise; die wiederum hat eine ungewöhnlich große Liebe zu Tieren, küsst Schweine heimlich zwischen die Ohren, baut immer wieder Behausungen für ihre Lieblinge. Micky, die ältere Schwester von Lise, ist die Denkerin und Redegewandte. Sie schreibt für ihr Leben gern, daneben hat sie diese Lebensfreude, die für Marlens Kindheit typisch ist. Addiert man die Eigenschaften aller Protagonisten, so zeigt sich das breite Spektrum, das die Autorin in Bezug auf ihre Persönlichkeit aufweist.
Manfred, also Fredi, kommt aber noch eine weitere Aufgabe in diesem Buch zu. Er trägt den Namen von Haushofers Gatten. Wahrscheinlich wünscht sich die Schriftstellerin Zeit ihres Lebens ein solch kindliches Gemüt zum Mann. Es ist also kein Zufall, dass der wilde, ungestüme, aber doch liebesbedürftige und vor allem unselbständige Bub den Namen Manfred trägt. Ganz ohne Zweifel beschreibt
Marlen Haushofer an dieser Stelle ihren „Traummann“, den sie je-Ausnahmslos jedes Werk der Autorin prägt Themen rund um die Frau, sogar ihre Kinderbücher sind nicht frei davon. In „Brav sein ist schwer“ dreht sich alles um die Stärke des „schwächeren Geschlechts“, Marlen Haushofer will schon bei den Jüngsten Vorurteilsbildung vermeiden und zeigt in einigen Passagen, was Mädchen wirklich leisten können.
„(...) Micky schnaufte beim Steineschleppen wie eine kleine Lokomotive. Bei der Arbeit war sie wirklich prima, nicht einmal Peter oder Karli hätten mir so fleißig geholfen. Überhaupt (...) fällt mir auf, dass kein Bub, den ich kenne, so fleißig ist wie Micky.“
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Das weibliche Geschlecht als wahres Kraftpaket darzustellen, ist in dieser Zeit wohl noch Rarität; in den 50er und den beginnenden
60er Jahren wird das Mädchen als stille, tugendbegabte Jungfrau dargestellt, die nicht im Traum an körperliche Arbeit denkt. Nicht nur die körperliche Stärke wird in diesem Werk gezeigt, auch sonstige „Männerhochburgen“ stürmt Micky. Als Beispiel sei die Abenteuerlust angeführt; Micky erzählt Fredi von einer Hütte im Wald, in der es nachts spuken soll; genau dorthin möchte sie einen Ausflug im Dunklen machen. „Micky war sehr aufgeregt, und ihre braunen Augen glänzten vor Begeisterung (...) Micky war, wie der Großvater immer sagte, ärger als zwei Buben.“ 64 Die Protagonistin wird hier als Anführerin beschrieben. Sie entwirft Pläne und drängt zum Durchführen dieser. Das spricht völlig gegen das Klischee, daneben zeigt es deutlich eine weitere Facette von Marlens Persönlichkeit als Kind.
Auch die Schule macht einen geringen Teil des Inhalts aus. Wie Marlen Haushofer hat Fredi ebenfalls die ersten Volksschuljahre beim „liebe[n] Fräulein Huber“ 65 genossen, während nach einem Lehrerwechsel die Schule zu einer Plage für ihn wird. Obwohl die Autorin ihre Ausbildungszeit nie als Plage angesehen hat, ist es doch so, dass auch sie die Volksschulzeit zuhause geliebt hat, während sie nach dem Übertritt ins konservative Internat in Linz fast nur noch negative Gefühle mit der Ausbildung verbindet.
Exkurs: Parallelen zu „Die Wand“
Ähnlichkeiten zu diesem Werk finden sich in „Brav sein ist schwer“ viele, die teilweise bis ins Wortwörtliche reichen. Vor allem bei den Tieren erkennt man das sehr deutlich; als Milli, die Katze der Großeltern, wirft, wird sie dafür natürlich von der Großmutter sofort gebührend gelobt. Daraufhin „stieß [sie] kleine Freudenschreie aus.“ 66 Genauso wird der Vorfall auch in „Die Wand“ beschrieben, und der zitierte Teil deckt sich vollkommen mit diesem Roman. Daran lässt sich erkennen, wie stark die Bindung der Autorin zu Tieren ist, daneben sieht man, wie sehr die einzelnen Werke, beziehungsweise deren Thematik miteinander verwoben sind. Auch der Hund Wix-Wax „liegt am liebsten im Ofenloch“ 67 , die Stelle, an der auch Luchs in „Die Wand“ sein Plätzchen hat. Neben den Parallelen bei der Beschreibung der Tiere, wird auch ein Ereignis deutlich in Bezug zu „Die Wand“ erzählt. Es ist dies ein Ausflug zu einer Jagdhütte. Micky und Fredi dürfen ihren Großvater das erste Mal dorthin begleiten und sind natürlich aufgeregt. Diese Wanderung ähnelt sowohl in der Beschreibung als auch in der Wahl der Sprache zum Verwechseln der in „Die Wand“. Nach einer Übernachtung in besagter Hütte, brechen sie auf zur Alm, wie auch die Protagonistin im apokalyptischen Roman. „Er [der Großvater] wollte uns eine Alm und einen Himbeerschlag zeigen.“ 68 Die Alm wäre schon Zeichen genug, dass hier Ähnlichkeiten zu einem anderen Werk
64 ebda; S. 82
65 ebda; S. 8
66 ebda; S. 75
67 ebda; S. 77
68 Haushofer: Brav sein ist schwer; S. 131
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bestehen, mit der Erwähnung des Himbeerschlags ist die Sache jedoch völlig klar. Dorthin begibt sich die Protagonistin in „Die Wand“ regelmäßig, um ihren Hunger nach Süßem zu stillen. Kennt man nun beide Bücher, so erwartet man fast, dass die Kinder mit dem Großvater diese Einsiedlerin dort treffen. Natürlich ist dem nicht so, dafür ereignet sich etwas anderes, das wieder an den Roman der Autorin erinnert. Auf der Alm begegnet die „Wandergruppe“ einer Kuhherde. „Einmal kam eine braune Kuh herbeigetrottet, sah uns lange zu und schleckte mir dann das Gesicht ab.“ 69 Diese Aussage Fredis steht in klarem Zusammenhang mit den Erfahrungen der einsamen Protagonistin. Auch ihre Kuh Bella macht ihr so oft Liebesbeweise. Doch warum bestehen hier so deutliche Parallelen zwischen zwei eigentlich grundverschiedenen Werken? Meiner Meinung nach liegt der Hauptgrund im aufeinanderfolgenden Schreiben beider Bücher. Nur kurz nach Beendigung von „Die Wand“ gibt es Hinweise, dass Marlen Haushofer mit dem Schreiben zu eben diesem Kinderbuch begonnen hat. Ob die Ähnlichkeiten aber beabsichtigt sind - und wenn, welchen Grund sie haben - oder nicht, darüber konnte ich mir selbst kein klares Bild machen. Es spricht aber für das Wesen der Autorin, dass dies mehr aus Zufall geschehen ist; möglicherweise ist sie, während sie „Brav sein ist schwer“ zu schreiben beginnt noch mit Korrekturarbeiten von „Die Wand“ beschäftigt und bringt so Inhalte in das Kinderbuch ein.
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Für mich ist dieses Werk von Marlen Haushofer - wenn ich eine Wertung von den von mir gelesenen aufstellen müsste - das pessimistischste. Obwohl auch „Die Wand“ ein eher negatives Thema zum Inhalt hat, ist es doch so, dass die Protagonistin dort mehr oder weniger glücklich ist in ihrem Gefängnis. Hier aber zeigt sich für mich eine völlig ausweglose Situation, der die Hauptfigur nicht entrinnen kann; gerade deswegen habe ich mich gewundert, war fast enttäuscht, dass Marlen Haushofer eine Novelle über das Scheitern einer Frau schreibt, doch erst bei genauerer Betrachtung habe ich bemerkt, wie „kämpferisch“ das Buch eigentlich ist, denn jede Zeile enthält, wenn auch nicht wörtlich formuliert, eine Warnung vor dem Mangel an Zivilcourage beim Verhindern von Verbrechen, die tagtäglich unter sogenannten „anständigen“ Menschen geschehen. Vor allem die extrem schmucklose Sprache bewirkt bei mir ein Gefühl des Entsetzens, ein Eindruck, der durch seltene, aber passende Verwendung von Ironie („Stella liebte Rot und Gelb, und sie lief in dem roten Kleid (...) in einen gelblackierten Lastwagen.“ 70 ) noch verstärkt wird. Die Schärfe, mit der Marlen Haushofer Schritt für Schritt, langsam, aber unbarmherzig jedes Detail dieses grausamen Spiels aufdeckt, lässt den Leser nur zwei Lösungsmöglichkeiten erkennen: nämlich entweder den Freitod zu wählen, wie Stella es getan hat, oder gute Miene zum bösen Spiel zu machen, wie Anna, die Protagonistin, es tut. Doch dann entscheidet man sich automatisch
- wie Marlen Haushofer selbst - für lebenslange Gefangenschaft.
Die Novelle spielt in kleinbürgerlicher Atmosphäre, die sehr an die Lebensumstände der Autorin erinnern; Rahmenhandlung bildet
- wie in „Die Wand“ - eine Schreibsituation: Anna, die Ich-Erzählerin, ist allein zu Hause, während ihr Gatte Richard mit den beiden Kindern, Wolfgang und Annette, das Wochenende bei seiner Mutter verbringt. In dieser Zeit schreibt Anna die tragische Geschichte von Stella nieder: Jene Stella hat sich vor ein Lastauto geworfen; die neunzehnjährige Tochter einer egoistischen Freundin von Anna war vorher für einige Monate bei der Familie zu Gast, wobei sie im Haushalt der Erzählerin immer als Eindringling gesehen wurde. Richard, untreuer Gatte sowie attraktiver Liebhaber, hat ein Auge auf Stella geworfen, verführt sie, schwängert sie, veranlasst eine Abtreibung und beendet dann das Verhältnis, worauf Stellas Selbstmord folgt. Die Schuld Annas besteht nicht nur in ihren Aktivitäten - denn sie war es, die Stella verführenswert attraktiv gemacht hat - sondern auch in ihrer Untätigkeit. Aus Furcht vor einem Zugrunde-Gehen der Familie nimmt sie sogar den Tod eines Menschen in Kauf, fühlt sich aber als Verräterin. Einen
zweiten Verlust erleidet die Protagonistin durch ihren Sohn, mit dem sie ein inniges, fast ödipales Verhältnis pflegt. Denn gerade weil sie um jeden Preis diese Beziehung aufrecht erhalten will, distanziert sich Wolfgang und meldet sich heimlich in einem Internat an.
Das Werk, das als eines ihrer besten gilt, entsteht wahrscheinlich 1955. In diesem Jahr nimmt die Autorin an einem Preisausschreiben eines Verlags teil, für das sie diesen Text verfasst. Ursprünglich will Marlen Haushofer die Novelle mit dem Titel „Wir morden Stella“ veröffentlichen lassen, doch als sie dann 1958 er-
scheint, ist die Betitelung leicht abgeschwächt und lautet: „Wir
Nach dem Behandeln der Bücher „Himmel, der nirgendwo endet“ und „Brav sein ist schwer“, die beide einen hohen Anteil an Kindheitserinnerungen beinhalten, sowie „Die Wand“, in der der Hinter-grund etwas über die Härte von Marlen Haushofers Aussagen hinwegtäuscht, ist „Wir töten Stella“ wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Denn durch die schon oben erwähnte schmucklose Sprache, sowie eine Umgebung, die kälter nicht sein könnte, muss jeder Leser deutlich die tieferen Inhalte des Werks erkennen. Neben der Brutalität, mit der dem Rezipienten die Wahrheit an den Kopf geworfen wird, habe ich hier zum ersten Mal deutliche Selbstkritik der Au-Obwohl die Autorin auch schon in anderen Werken sehr viel über ihre eigene Person eingebracht hat, findet diese Methode der Selbsttherapie in „Wir töten Stella“ - meiner Meinung nach - ihren Höhepunkt. Von der eigenen, erdrückenden Familiensituation über ihr Trauma als junge, unehelich schwangere Frau bis hin zur Selbstkritik in puncto Passivität, alles findet Platz in diesem relativ kurzen Text. Schon die ersten drei Worte „Ich bin allein (...)“ 72 sind bezeichnend für Marlen Haushofer; nicht dass diese Phrase Selbstmitleid ausdrücken soll, nein, die Autorin beschwert sich nie über zu wenig soziale Kontakte und genießt das Alleinsein, aber so sieht sich die Schriftstellerin, als alleinige Kämpferin gegen ihr eigenes unausgefülltes Leben; ein Leben, das sie durchaus nicht zufrieden stellt und sie oft in depressive Zustände wirft. Marlen Haushofer drückt in diesem Buch einmal aus, wie sie ihr Dasein wirklich sieht. Als sie über die tote Stella nachdenkt, erkennt sie:„Stella, noch in der feuchten Erde geliebt (...), um wie viel endgültiger bin ich tot als du!“ 73 Natürlich wird es der Autorin nicht ständig so gegangen sein wie hier beschrieben, doch oft wird sie das Gefühl gehabt haben, ein Leben zu führen, das sie nie wirklich glücklich machen wird. Doch dass das nicht immer so war,
erkennt man beim Lesen auch. Im Nachdenken über ihre Vergangenheit schreibt sie:„Vor Jahren war mir etwas geschehen, das mich in einem reduzierten Zustand zurückgelassen hatte, als einen Automaten, der seine Arbeit verrichtet, kaum noch leidet und nur für Sekunden zurückverwandelt wird in die lebendige junge Frau, die er einmal war.“ 74 Das, was schon bekannt ist, nämlich, dass Marlen Haushofer einmal glücklich war und lebendig, wird hier gezeigt. Doch von welchem Erlebnis spricht die Autorin, was hat sie so stark verändert? Beim Nachforschen sind mir dabei einige Möglichkeiten untergekommen; es könnte ihre Zeit im Internat sein, die Jahre, die sie körperlich stark geschwächt haben; wie in „Himmel, der nirgendwo endet“ beschrieben, haben die Krankheiten an ihrer Vitalität gezehrt. Möglicherweise ist es aber auch ihre Ehe mit Manfred Haushofer, der sie schon nach wenigen Jahren ständig betrügt und den sie trotz immer wieder kommender Chancen nicht verlässt. Was für mich aber am wahrscheinlichsten erscheint, ist eine Begebenheit während des Studiums, nämlich als sie nach einer kurzen Affäre mit einem Studenten aus Deutschland schwanger wird und ihn daraufhin verlässt. Gründe, warum ich gerade das als den Wendepunkt in ihrem Leben sehe, liegen klar auf der Hand. Ich glaube für jede junge Frau ist es eine Tragödie ungewollt schwanger zu werden, bei Marlen Haushofer kommt erschwerend noch ihre erzkatholische Mutter hinzu; die seelische Belastung muss unbeschreiblich gewesen sein, und über Jahre hinweg
werden die Folgen dieser Affäre für die Schriftstellerin spürbar bleiben. Dieses Trauma verarbeitet sie in dieser Novelle zum Teil
Ein Bild, das sich durch das gesamte Buch zieht und immer wieder auftaucht, scheint - für mich zumindest - ein klarer Verweis auf oben angesprochenes Trauma. Vor dem Fenster entdeckt die Protagonistin einen kleinen Vogel, der offensichtlich von seiner Mutter zurückgelassen wurde. „Zunächst dachte ich, seine Mutter werde sogleich kommen und ihn ins Nest zurückbringen, aber sie kommt nicht.“ 75 Ein von der Mutter verlassenes Kind, so wie es auch Marlen Haushofer getan hat. Nach der heimlichen Geburt ihres Kindes in Bayern bleibt es dort und wird erst einige Jahre später zur Familie geholt, in die es sich nie integrieren kann. Vom Stiefvater wird Christian nur oberflächlich akzeptiert, und er leidet ständig unter der Benachteiligung gegenüber seinem Bruder. Nie hat die Autorin zu Christian eine gute Mutter-Kind-Beziehung aufgebaut, und, obwohl sie es nicht zugibt, diese Problematik lässt Marlen Haushofer ihr ganzes Leben nicht los. Vielleicht ist es ihr wirklich so ergangen wie Anna in „Wir töten Stella“:„Annette hätte ebenso gut das Kind einer Bekannten sein können, das zu Besuch bei mir war (...).“ 76 Am deutlichsten jedoch erkennt man ein anderes Problem, das im Zusammenhang mit dem unehelichen Kind steht. Nach einem Gespräch über ihren Sohn Wolfgang mit ihrem Gatten denkt nämlich Anna:„Mein Lieber, du musst mich nicht daran erinnern, dass du mich mit Wolfgang erpressen kannst .Ich weiß schon, wie sehr ich dir ausgeliefert bin.“ 77
Ausgeliefert, das ist auch Marlen Haushofer ihrem Gatten Manfred; denn durch die Heirat bewahrt er die Autorin vor dem ruftötenden Bekenntnis über den unehelichen Sohn. So denkt Marlen Haushofer Zeit ihres Lebens in Manfreds Schuld zu stehen, was wahrscheinlich mit ein Grund ist, warum sie sich nie von ihm trennt. Sie hat ein schlechtes Gewissen und straft sich selbst mit dem Verharren in einem für sie unglücklichen Leben; denn sie sehnt sich nach Liebe und Geborgenheit, beides hat sie in ihrer Ehe nie gefunden. Die Autorin schreibt außerdem über ihre gescheiterten Ausbruchversuche aus ihrer Beziehung zu Manfred Haushofer; nur zu deutlich sieht der Leser, wie sehr sie aus ihrer Erfahrung spricht, wenn sie sagt:„Wir ahnen, dass wir auf verlorenem Posten stehen, und unternehmen verzweifelte kleine Ausbruchversuche. Wenn der erste dieser Versuche misslingt, und er tut es in der Regel, ergeben wir uns bis zum nächsten, der schon schwächer ist und uns noch elender und geschlagener zurückwirft.“ 78 So trist diese Aussage klingt, so trist ist die Realität, jedenfalls für Marlen. Denn kennt man ihre Biographie, so sieht man, dass sie genau weiß, was jene „verzweifelten kleinen Ausbruchversuche“ bedeuten. Auch sie, und gerade sie, hat es erlebt; nach der Scheidung zum Beispiel verabsäumt sie, sich gänzlich, nämlich zusätzlich räumlich von ihrem Exmann zu trennen, scheitert darin also kläglich. Sowie die Autorin überfällt die Protagonistin der Gedanke, „meine Koffer zu packen und mit Wolfgang zu verreisen. Ich könnte in einer anderen Stadt zwei Zimmer mieten, für mich und meine Kinder, und noch einmal von vorne anfangen. Aber ich wusste natürlich, dass es unmöglich war.“ 79 Dieser Gedanke klingt so erdrückend resignativ, dass der Leser erahnen kann, unter welchem Leidensdruck der Mensch Marlen Haushofer oft gestanden ist, ein Mensch, der manchmal als einzigen Ausweg die Flucht zurück in die Kindheit sieht.
So beschreibt Marlen Haushofer mit der wehmütigen Suche der
Protagonistin nach ihrer Kindheit auch ihre eigene Trauer über diesen Verlust. „Wo sind die glühenden Sommer meiner Kindheit, die schneereichen Winter und der zögernde, sich ganz langsam entfaltende Frühling?“ 80 Mit dieser Frage wird klar, wie sehr die Autorin ihre eigene Kindheit vermisst; sie fragt, wo die Idylle der Vergangenheit geblieben ist. Vielleicht verbindet sie mit den ausgeprägten Jahreszeiten, mit diesen Gegensätzen ihre eigene Persönlichkeit als Kind, nämlich die Differenziertheit der Charakterzüge; es existierte ein Teil, der Vitalität beinhaltet, ein anderer, der für Phantasie steht, jetzt hingegen ist das alles verkrüppelt zu einem „Einheitsbrei“, der sie nicht unterscheidbar macht von ihren Mitmenschen. Wieder beschreibt Marlen Haushofer mit grausamer Deutlichkeit, was wahr ist:„Das kleine Mädchen von damals war tot, erwürgt und verscharrt von großen geschickten Händen. Es war nicht schade darum, denn es hatte sich kaum gewehrt, und um Dinge und Menschen, die sich nicht wehren, braucht man nicht zu trauern.“ 81 „Das kleine Mädchen“ ist natürlich nicht wirklich gestorben, aber wie oben beschrieben, ih-
re Wesenszüge sind abhanden gekommen, eben gestohlen von diesen „großen geschickten Händen“. Doch lässt sich die Autorin keine Zeit für Selbstmitleid, sie gibt zu sich nicht gewehrt zu haben und schließt daraus, dass das Mädchen keiner Trauer wert ist. Daneben erkennt man einen Schwerpunkt, den Marlen Haushofer in diesem Buch setzt. Sie kritisiert die eigene Passivität und die vieler Menschen, durch die Alltagsverbrechen, wie im Buch geschildert erst möglich werden. Das heißt, die Schriftstellerin gibt nicht nur anderen die Schuld für jene Ereignisse, sondern kehrt daneben vor ihrer eigenen Tür.
Alles bis jetzt Gesagte lässt sich eigentlich zusammenfassen in einer Szene, bei der die Protagonistin zufällig einen alten Schulaufsatz findet. „Ich konnte mich nicht entsinnen, ihn geschrieben zu haben. Aber es war die wohlbekannte Kinderschrift, die Schrift einer gläubigen, ungebrochenen Persönlichkeit von vierzehn Jahren. Wo war sie in den folgenden Jahren hingekommen? Ich weiß es nicht, voll Neid und Bewunderung starrte ich, eine vierzigjährige Frau, auf das Blatt Papier nieder mit der Gewissheit eines großen Verlustes im Herzen.“ 82 Ohne Frage, hier erkennt man wie schwer Marlen Haushofer ihr Leben belastet. Das Hintersichlassen der Kindheit ist ein „großer Verlust im Herzen“, und sie gibt zu, dass ihre Persönlichkeit in jungen Jahren noch „ungebrochen“ war.
So endet das Werk auch mit einem kurzen, aber intensiven Tagtraum, der wohl Marlen Haushofers Erfahrung entsprungen ist; der vorletzte Satz, er klingt wie ein stummer Schrei nach Geborgenheit:„Für einen Herzschlag lang, bin ich verwandelt in das kleine Mädchen, in einer Welt der süßen heiteren Wärme, an der Hand eines allmächtigen und gütigen Vaters.“ 83 Geborgenheit wird hier - wie so oft bei Marlen - in einem Atemzug genannt mit der Vorstellung einer starken, leitenden Vaterfigur.
Mehr als in jedem anderen Werk legt die Autorin in „Wir töten Stella“ Wert darauf, ein möglichst realistisches, also gezwungenermaßen auch negatives Bild ihres Gatten, stellvertretend für so viele Männer zu zeichnen. Er ist der Verbrecher, der die Hauptschuld am Selbstmord von Stella trägt, ist also die Charakterlosigkeit in Person und dazu ein perverser, sadistischer und egoistischer Mensch.
Schon sehr bald in der Novelle wird Annas Gatte, Richard, der sein Vorbild in Haushofers Ehemann Manfred hat, grundsätzlich charakterisiert. „(...) Richard [trinkt] regelmäßig seinen Rotwein, ist hinter Frauen und Geld her,(...)“ 84 Eine nüchterne Feststellung wird hier gemacht, der Mann, wie er leibt und lebt eben. Das Rotwein-Trinken sowie das Geld-Scheffeln scheint noch nichts Außergewöhnliches zu sein, doch dass ein angetrauter Ehemann zusätzlich hinter Frauen her ist, verwundert doch, oder schockiert sogar. Trotzdem ist die Aussage noch harmlos und äußerst objektiv. Doch das ändert sich mit dem Verlauf der Geschehnisse, denn je mehr über Richards „Verbrechen“ an Stella bekannt wird, desto schärfer wird
82 ebda; S. 42
83 ebda; S. 94
84 ebda; S. 10
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der Ton. „Richard ist der geborene Verräter. (...) Richard ist ein Ungeheuer; fürsorglicher Familienvater, geschätzter Anwalt, leidenschaftlicher Liebhaber, Verräter, Lügner und Mörder.“ 85 Passend zum Stil der Novelle wird der Gatte unverblümt, realistisch gezeichnet, und Parallelen zu Manfred Haushofer finden sich zur Genüge. Wie Annas Ehemann hat Manfred ebenfalls einen „ehrbaren“ Beruf als Arzt und gibt sich als Vater sicherlich alle Mühe. Doch das ist nur ein Teil seines Charakters, auch er betrügt Marlen immer wieder. Sie ist sich dessen voll bewusst; doch aus Angst die Familie zu zerstören, sicher aber erschwert durch den Umstand ihrem Gatten auf-grund der Heirat und der damit verbundenen Rettung vor dem Sturz in das Klischee der unehelich Schwangeren ewig dankbar sein zu müssen, schweigt sie still und lässt das alles über sich ergehen, wie eine gerechte Strafe. Dass sie sehr wohl weiß, was ihr Gatte treibt, wenn er zu spät nach Hause kommt, erkennt man in einer Szene der Novelle sehr deutlich:„So klug er ist, gibt es doch eine Menge Kleinigkeiten, die ihn immer verraten. Diese blendende Laune und Aufgeräumtheit bedeutet bei ihm, dass er getrunken hat oder von einer
Interessant ist daneben, wie der Verlauf der Äußerungen gegen den betrügenden, mordenden Gatten aussieht. Zu Beginn finden sich nur einzelne, nüchterne Aussagen, doch je weiter die Novelle fortschreitet, desto härter werden die Worte. Für mich stellt das auch die Chronologie von Marlen Haushofers Ehe dar; anfangs scheint auch bei den Haushofers alles in Ordnung zu sein, glückliche Nachkriegsfamilie et cetera, et cetera. Doch irgendwann beginnt die Beziehung zu wanken und stürzt nur durch das ständige Stützen von Marlen Haushofer nicht ein. Obwohl rundherum Unverständnis gezeigt wird für ihr Tun, schreitet sie beharrlich den Weg der Selbstzerstörung fort, staut dadurch aber Zorn auf, der sich in diesem Buch
Neben all den Charakterähnlichkeiten geben ganz banale Dinge klare Auskünfte über die Ähnlichkeiten zwischen Manfred Haushofer und Richard. Urlaube des Ehepaars Haushofer sind für beide - vor allem aber für Marlen - immer eine Qual, denn ihr Gatte liebt das „Intensivkulturprogramm“ im Urlaub, währenddessen die Autorin sich nach Erholung sehnt. Richards Vorstellungen decken sich da auf das Haar mit Manfreds Einstellung, denn er „liebt es, im Auto zu rasen, an einem Tag fünf Städte zu ’machen’ und am Abend noch auszugehen.“ 87 So schafft sich die Schriftstellerin mit dieser Novelle auch eine Leidenskollegin, die ihr trotz ihrer scheinbar gleichen Passivität Kraft gibt, die Qualen der unglücklichen Beziehung zu ertragen.
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Vier Werke einer Autorin habe ich in meiner FBA behandelt, vier Werke, die bei oberflächlicher Betrachtung nur eben die Verfasserin gemeinsam haben; wirft man jedoch einen genaueren Blick auf die Texte, so erkennt man bald erstaunliche Parallelen und Übereinstimmungen, die bis ins Wortwörtliche hineinreichen. Grund für diese Gemeinsamkeiten ist, dass Marlen Haushofer, wie sie einmal selbst sagt, über nichts anderes als über Erfahrungen schreibt. Jedes Werk von ihr enthält also mehr oder weniger auto-
Vor allem ein Thema beschäftigt Marlen Haushofer in jedem ihrer von mir analysierten Werke: der Mann und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft. Aufgrund ihrer eigenen Lebenssituation und ihrer Erfahrungen mit „dem Mann“ fällt ihr Urteil klarerweise nicht immer positiv aus; in zwei der analysierten Texte ist zumindest eine männliche Figur Unruhestifter, Verbrecher. Zum einen in „Die Wand“, wo ein zweiter Überlebender in wenigen Sekunden zwei ihrer besten Freunde, nämlich den Stier und Luchs umbringt und so die Protagonistin als seelisch zerrüttetes Wesen zurücklässt, ohne einen Grund für seine Taten darzulegen. Zum anderen in „Wir töten Stella“, wo der Mann, der zugleich der Gatte der Protagonistin ist, als Gesellschaftsverbrecher dargestellt wird, der seine Grausamkeiten verüben kann, ohne je dafür bestraft zu werden. „Himmel, der nirgendwo endet“ bildet eine Ausnahme, da es ein autobiographisches Buch ist, doch auch hier wird ein Verwandter deutlich negativ beschrieben; es ist der Vater ihrer Mutter, ein grausamer, unterdrückender Mensch, der beide, Marlens Mutter und deren Großmutter jahrelang mit eiserner Hand führt. Beim Kinderbuch „Brav sein ist schwer“ konnte und wollte Marlen Haushofer wohl nicht zu sehr negativ färbend über das Männliche schreiben. So greift sie zu einem Trick; sie kritisiert zwar nicht die Männerwelt, stellt aber die Cousine des Protagonisten, Micky, als zu jeder Arbeit fä-Ein zweites Thema das, so denke ich, in allen ihren Werken Platz gefunden hat, ist die Tierwelt. Die Tierfreundin Haushofer hat sich stets bemüht Tiere aus der Versenkung der unintelligenten Kreaturen heraufzuholen und ihr wahres Wesen zu zeigen. Am deutlichsten erkennbar ist die Wichtigkeit des Themas in „Die Wand“, das Werk, das sie selbst einmal als ein „Katzenbuch“ beschreibt. In der Einsamkeit, in der sich die Protagonistin befindet, baut sie langsam immer engeren Kontakt zu ihren Tieren auf, und so charakterisieren sich diese Wesen fast selbst mit dem Verlauf des Romans. Immer wird die Katze der mystische, selbstständige Teil des Beziehungsgefüges sein, während der Hund den treuen, anhänglichen Gefährten darstellt, nicht nur in „Die Wand“, nein, auch bei „Brav sein ist schwer“ und „Himmel, der nirgendwo endet“ finden sich diese Inhaltsschwerpunkte. Einzig die Novelle „Wir töten Stella“ scheint auf den ersten Blick eine Ausnahme zu sein, weder Hund noch Katze werden erwähnt; nun, meiner Meinung nach hat dies einen verständlichen Grund. Die Atmosphäre, die in diesem Buch aufgebaut
wird, eine Kälte nämlich, würde durch Einsetzen von Geschöpfen wie oben beschrieben zur Stimmung nicht passen, sondern eine Wärme erzeugen, die dem Inhalt nicht entsprechen würde. Doch ganz ohne Tiere muss auch dieses Werk nicht auskommen, ein kleiner Vogel zieht sich als Nebenmotiv durch das ganze Büchlein, erhält so die „Tradition“ Marlen Haushofers aufrecht. Oft bildet auch der Ort der Handlung eine Klammer zwischen Realität und Fiktion. In „Die Wand“ versucht die Protagonistin ihr Leben in alpinem Gelände zu meistern, als Unterschlupf steht eine Jagdhütte zur Verfügung. Ohne Zweifel entstammt diese Hütte ihren Kindheitserinnerungen, denn ihr Ebenbild kann man noch heute nahe ihrem Geburtsort besichtigen. „Himmel, der nirgendwo endet“ hat selbstverständlich die Umgebung ihrer Kindheit zum Ort der Handlung, aber auch in „Brav sein ist schwer“ erkennt man eine ähnliche Beschreibung mit ländlicher Idylle. Die erdrückenden, klein-
bürgerlichen Umstände des Wohnens werden in „Wir töten Stella“ beschrieben; doch obwohl diese negative Situation eine Ausnahme innerhalb der vier Werke bildet, ist es keineswegs reine Fiktion, sondern die Lebenslage der erwachsenen Marlen Haushofer. Ein weiterer wichtiger Aspekt, der nicht zu übergehen ist, sind die Charaktereigenschaften der Protagonisten und überhaupt aller Figuren in Haushofers Werken. Jede Ich-Erzählerin erinnert an das Wesen der Autorin, während sehr häufig andere Personen, aber auch Tiere ihre Vorbilder in der Wirklichkeit haben. Bei „Himmel, der nirgendwo endet“ versteht sich von selbst, dass alle Figuren auch in der Realität existieren, und so möchte ich nicht näher darauf eingehen. Die namenlose Protagonistin in „Die Wand“ zeichnet vor allem ihre Naturverbundenheit aus, aber auch ihre Unzufriedenheit mit ihrem Leben vor dem Auftauchen der Wand. Zwei Dinge, die auch Marlen Haushofer kennzeichnen, außerdem schreibt die Namenlose genauso aus „therapeutischen“ Zwecken heraus wie die Autorin des Buchs. Im Kinderbuch „Brav sein ist schwer“ spaltet sich das Wesen der jungen Marlen auf in die vier Kinder, da ich darauf aber schon in der Analyse des Werkes genauer eingegangen bin, möchte ich mich hier nicht noch einmal darüber verbreitern. Klare Vorbilder haben bei diesem Buch jedoch nicht nur die Hauptfiguren, sondern auch der Großvater, der sehr stark an Marlens Vater erinnert oder die Großmutter, die ähnlich wie die der Autorin beschrieben wird. Das engere Familienverhältnis der Schriftstellerin wird in „Wir töten Stella“ erklärt. Anna, die Protagonistin ist ein kongruentes Abbild von Marlen Haushofer, ebenso stimmt ihr
Natürlich sind die hier aufgezeigten Gemeinsamkeiten sehr überblicksmäßig zusammengefasst und verlangen sicherlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, jedoch ist es mir nicht möglich in diesem Kapitel detaillierter zu analysieren, da ich ohnehin an der oberen Grenze in Bezug auf die Länge der Arbeit angelangt bin und dieses Thema leicht Stoff für eine eigene Fachbereichsarbeit liefern kann. Allein will ich hier zeigen, wie komplex Marlen Haushofers Werke und nicht nur ihre Werke, nein auch ihr Leben mit ihren Büchern verwoben sind, aber auch, wie groß das Spektrum ihrer Per-
„Dieses ’Sich-nicht-wehren-Können’ ist das Leben“. Vielleicht ist dieser Satz der Autorin jetzt ein wenig klarer geworden. Sicherlich, die sehr begrenzte Anzahl von Menschen, die diese FBA je zu Gesicht bekommen werden, wird keine Berge versetzen oder Welten bewegen. Doch vor allem für mich ist ihre wahre Größe sichtbar ge-worden und ihr literarisches Können ins richtige Licht gerückt
Ich möchte noch die Möglichkeit nutzen und einigen Menschen meinen Dank aussprechen, Menschen, ohne die diese FBA nicht zu-stande gekommen wäre; dies sind vor allem meine Eltern, die mir diese Ausbildung ermöglicht und mich durch all die Jahre hindurch immer wieder tatkräftig unterstützt haben. Auch meinem geistigen Mentor für diese Arbeit, Frau Prof. Mag. Susanne Hofbaur, die für mich immer ein offenes Ohr hatte, wenn es um die Fachbereichsarbeit ging und deren kritische Hinweise und konstruktive Verbesse-rungsvorschläge mich - nach manch verzweifeltem Blick - doch immer näher ans Ziel gebracht haben. Mein großer Dank gebührt auch all jenen, die Zeit und Geduld aufgebracht haben, meine FBA mit kriti- schem Auge zu betrachten; ohne sie würde wohl so mancher Tippfeh-
Hier ist nun also das Ende einer langen Reise durch das Leben einer Frau und wunderbaren Schriftstellerin. Oft war es für mich nicht einfach genug Energie aufzubringen um mit Begeisterung an dieser FBA zu schreiben, und ich habe wahrlich erkannt, dass zu einer längeren Bearbeitung eines Themas viel mehr dazugehört als nur eine Idee; auch Wille und Ausdauer müssen vorhanden sein. Doch soviel Mühe mich die Arbeit gekostet haben mag, sie hat mich gelehrt vor Autoren und deren Arbeit Respekt zu haben, und - was noch viel wichtiger ist - sie hat mir die Bekanntschaft mit einer
− Daniela Strigl: Marlen Haushofer - Die Biographie, Claassen Ver- − MarlenHaushofer: Brav sein ist schwer, Jugend und Volk, Wien,
− Marlen Haushofer: Die Wand, Claassen Verlag, Hildesheim, 1997
− Marlen Haushofer: Himmel, der nirgendwo endet, Deutscher Ta- − MarlenHaushofer: Wir töten Stella, Verlag Jungbrunnen, Wien,
− Marlene Krisper: Vom Anschreiben gegen den Tod, Oberösterreichi-
− Daniela Strigl: Lösung aus provinziellen Verstrickungen, Der
Arbeit zitieren:
Hofko Bernhard, 2000, Haushofer, Marlen - Autobiographische Spuren(suche) in ausgewählten Werken von Marlen Haushofer, München, GRIN Verlag GmbH
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Alfred Kubins Roman "Die andere Seite" betrachtet in der Gat...
Hausarbeit, 17 Seiten
Hofko Bernhard hat den Text Haushofer, Marlen - Autobiographische Spuren(suche) in ausgewählten Werken von Marlen Haushofer veröffentlicht
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