Stefan George: „Das Jahr der Seele”, Nach der Lese
Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade ⋅ Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb ⋅ das weiche grau Von birken und von buchs ⋅ der wind ist lau ⋅ Die späten rosen welkten noch nicht ganz ⋅ Erlese küsse sie und flicht den kranz ⋅
Vergiss auch diese letzten astern nicht ⋅ Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.
A) Vom Symbol zum Symbolismus
Stefan George in seinen Blättern für die Kunst; Zweite Folge. Erstes Heft. 1884 : „DAS SINNBILD (symbol) ist so alt wie sprache und dichtung selbst. Es gibt sinnbild der einzelnen worte der einzelnen teile und des gesamt-inhalts einer kunst-schöpfung. Das letzte nennt man auch tiefere meinung die jedem bedeutendem werk innewohnt. Sinnbildliches sehen ist die natürliche folge geistiger reife und tiefe.” Unter Symbolismus versteht man eine literarische Bewegung, die in den achtziger Jahren in Paris ihren Ausgang nahm und sich von dort nach Europa und Amerika ausbreitete. Er setzt neue Massstäbe und gibt Impulse an die Lyrik. Schafft eine erneuerte Lyrik.Von dort aus erfasst die Bewegung die anderen literarischen Gattungen. ( Roman, Drama ) Er ist einerseits eine Epoche, die ihre Initiierung und Klassizität, ihre historisch grundlegende Manifestation im ausgehenden 19`ten Jahrhundert hat.
Andererseits ein typologischer Begriff - ein epochenübergreifendes, variables Ensemble formaler Merkmale, das bis heute Gültigkeit besitzt. Das im 20`ten Jahrhundert fortwirkt. B) Der Symbolismus als Gegenströmung zum Naturalismus in der Literatur der Jahrhundertwende
In einer Literaturbeilage des „Figaro” vom 18.9.1886 erscheint ein Artikel von Jean Moréas, ein Manifest; der Symbolismus wird damit terminologisch fassbar.
Leitvorstellungen sind: Individualistische Exklusivität. Esoterische Kunstlehre. Durch Sprache erzwungene Abgrenzung.
Im Gegensatz zum Naturalismus verzichtet der Symbolismus auf Zweckhaftigkeit oder Wirkabsichten in politisch-moralischer, weltanschaulicher oder sozialer Hinsicht. ( „alles staatliche und gesellschaftliche ausscheiden” ) I) Entstehung und Entwicklung in großen Linien
Der deutsche Symbolismus hat seinen geschichtlichen Ort der Begründung in der symbolistischen Poesie in Frankreich, dies ist sein geistes- und gesellschaftlicher Hintergrund, sein literarisches Umfeld. Andererseits beeinflusste die deutsche Romantik den französischen Symbolismus. Die kreative Eigenart der deutschen symbolistischen Dichtung steht im Rückbezug auf die französischen Vorbilder und im gesamteuropäischen Kontext.
Die Begriffsbestimmung ist in der germanistischen Literaturwissenschaft uneindeutig. Symbolismus ist in einer seiner Haupttendenzen sublimierter Impressionismus ( impressionistische Errungenschaften sind in den Symbolismus eingegangen )
Der Jugendstil hat die Impulse der symbolistischen Poetik in sich aufgenommen, ist eigentlich eine Modifikation des Symbolismus.
II) Grundsätze des symbolistischen Stiltypus: 1.) Abkehr von der Wirklichkeit
- zieht sich bewußt in einen Elfenbeinturm zurück vor der gesellschaftsbezogenen Wirklichkeit, von Imperialismus, Kapitalismus, Positivismus.
- Kunst ist „reine Schöpfung”, durch nichts bedingt und zu nichts verpflichtet, außer zum Dienst an sich selbst. ( „l`art pour l`art” )
- traumhafte Bilder
- verrätselte Metaphern
- Vertauschung realer und imaginierter Sinneseindrücke
- bewusst dunkle, hermetische Aussage
- Tendenz der Entdinglichung, der Abstraktion, der Tilgung von Assoziationen an reale Gegenstände. ( also keine Abbildungsfunktion der Realität, wie beim Naturalismus. ) Diese wird erreicht durch Verabsolutierung der Kunstmittel, durch reine Wortkunst.
- verzichtet auf Wirklichkeitswiedergabe, auf konkrete Inhalte, die Vorstellung objektiver Gegenstände, persönliche Empfindungen, oder äußere Stimmungseindrücke. 2.) Evokation einer eigenständigen Welt der Bilder und Worte
- Die dichterische Phantasie transformiert die Elemente der realen Welt in Bildzeichen und Symbole. „nach Gesetzen, die im tiefsten Seeleninneren entspringen, sammelt und gliedert sie die(se) Teile neu und erzeugt daraus eine neue Welt.” ( Baudelaire )
- Intention des dichterischen Wortes ist nicht Mimesis ( Nachahmung ) des Tatsächlichen, sondern Evokation eines „état d`âme” ( Stimmung der Seele )
- auf die inneren Beziehungen der Textstruktur gerichtetes, poetisches Kalkül.
- Dichtung ist Dichten - im Bewusstsein des Lesers kann das Produkt beliebige Vorstellungen hervorrufen, das Gedicht hat - nach symbolistischer Auffassung, jene Bedeutung, die ihm der Leser gibt.
- Die Intention des Symbolismus richtet sich auf die Sprache selbst:
- Andeutungen statt Nennungen, die Technik des suggestiven Aussparens. 3.) Sprachmagie
-
Sprachmagie, die bewusst und oft mit mathematischem Kalkül alle klanglichen und rhythmischen Mittel einsetzt:
⋅
Reim
- Gesang / magische Beschwörung
- Dichte der Form in einem umfassenden Netz von Lauten und Bedeutungen, durch Kalkül gesteigerte Klangwirkung.
4.) Ästhetische Kategorien
- Idee der „poesie pure”, Eliminierung aller Fremdzwecke wie Beschreibung, Belehrung, Polemik usw.
- extreme Ausprägung des Ästhetizismus - Poesie als reine Ausdruckskraft.
- Der Gebrauchswert der Literatur wird verdrängt - Luxuswert der Literatur ( kostspielige Aufmachung; kleine Auflagen )
- die Idee des Schönen - eine autonome Welt der Schönheit, die symbolhaft die geheimnissvollen, magisch - mystischen Zusammenhänge zwischen den Dingen, die hinter allem Sein liegende Idee erahnbar machen soll.
- Vorbild: die Musik: „Poesie als eine Komposition vergleichsweise abstrakter Zeichen”
- ästhetischer Reiz von Farbe ( a = noir, e = blanc, i = rouge, u = vert, o = bleu )
III) Wichtigste Dichter und Werke
1.) Stefan George Leben:
- geb. am 12.7.1868 in Büdesheim bei Bingen als Nachkomme eines altfränkischen, in Lothringen ansässig gewesenen Weinbauerngeschlechts.
- Gymnasium in Darmstadt, Studium der Philologie und Kunstgeschichte in Paris, Berlin und München.
- lebte als weltferner Dichter und Prophet auf Reisen, die ihn durch Deutschland und Frankreich, nach Italien, in die Schweiz und nach England führten.
- Freundschaft mit Dichtern u. Künstlern wie Saint-Paul, Mallarmé, Verlaine, Villiers, Auguste Rodin.
- verlässt 1933 das nationalsozialistische Deutschland, das seine symbolistisch dichterischen Aussagen und Visionen, seinen nationalen Ethos und Pathos missdeutet.
- gest. am 4.12.1933 in Minusio bei Locarno Werk:
- vornehmlich auf die Form des lyrischen u. heroischen Gedichtes beschränktes Werk, in entschlossener Abkehr vom Naturalismus. „nicht der Sinn, sondern die Form” ist entscheidend.
- Mitbegründer der „Blätter für die Kunst” (1882) „gegen das flache und alte sowohl wie gegen das derbe und niedere des zeitgenössischen schreibewesens”
- Gedichthefte: z.B.: „Hymnen” oder „Pilgerfahrten”
- Gedichtband: „Algabal”
- viele weitere Bücher u. Gedichtbände ( „Das Jahr der Seele”, „Der siebente Ring” ), Umdichtungen ( Dante: „Die göttliche Komödie” ), Übertragungen ( z.B.: Shakespeare: „Sonette” )
- ein Prosaband: „Tage und Taten”
- Gesamtausgeabe der Werke umfasst 18 Bände.
Stefan George: „Das Jahr der Seele”, Nach der Lese Komm in den totgesagten park und schau: Der schimmer ferner lächelnder gestade ⋅ Der reinen wolken unverhofftes blau Erhellt die weiher und die bunten pfade. Dort nimm das tiefe gelb ⋅ das weiche grau Von birken und von buchs ⋅ der wind ist lau ⋅ Die späten rosen welkten noch nicht ganz ⋅ Erlese küsse sie und flicht den kranz ⋅ Vergiss auch diese letzten astern nicht ⋅ Den purpur um die ranken wilder reben Und auch was übrig blieb von grünem leben Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.
2.) Hugo von Hoffmannsthal
Leben:
- geb. am 1.2.1874 als Sohn eines bankdirektors in Wien
- früreifes lyrisches Wunderkind - veröffentlicht als 16-jähriger („frühgereift und zart und traurig”) unter Pseudonym Gedichte und Essays, später lyrische Dramen.
- studierte Jura u. romanische Philologie, promovierte mit einer Arbeit über Victor Hugo
- Reisen, und Leben in Rodaun bei Wien.
- stirbt am 15.7.1929 an einem Gehirnschlag, nachdem sein Sohn Selbstmord verübt hatte. Werk:
- Briefe 1890-1901 und Briefe 1900-1909 spiegeln sein Wesen
- Steht in der Frühzeit im Banne der Dichtungen Stefan Georges und d`Annunzios.
- „Terzinen über die Vergänglichkeit”, „Ballade des äußeren Lebens”, „Der Tor und der Tod”, „Tod des Tizian”
- viele Bühnenwerke, die nachschaffend die Stilgeschichte des Dramas von der Antike bis zu Shakespeare und Maeterlinck, von der italienischen Maskenkomödie über das christliche Volksspiel des Mittelalters und des Barock, bis zum modernen romanischen Drama durchmessen.
- zahlreiche unvollendete Werke aller Dichtungsarten.
Hugo von Hoffmannsthal: „Reiselied” Wasser stürzt uns zu verschlingen, Rollt der Fels, uns zu erschlagen. Kommen schon auf starken Schwingen Vögel her, uns fortzutragen. Aber unten liegt ein Land, Früchte spiegeln ohne Ende In den alterslosen Seen. Marmorstirn und Brunnenrand Steigt aus blumigem Gelände, Und die leichten Winde wehn.
3.) Rainer Maria Rilke
Leben und Werk:
- geb. am 4.12.1875 in Prag als Sohn einer väterlicherseits alten deutschen Bauernfamilie aus Türmitz bei Aussig ( Böhmisches Mittelgebirge, heute tschechische Republik )
- Militärerziehungsanstalt St. Pölten (1886-1890), Militäroberrealschule in Mährisch-Weißkirchen (1890-1891) Rilke empfindet den Internatszwang als Vergewaltigung: anklagende Skizze: „Turnstunde”
- Studienzeit 91/92 an der Linzer Handelsakademie, erste Gedichte werden gedruckt
- Studium der Kunst, Literatur- und Rechtsgeschichte in Prag (95-97), Rilke lässt im Selbstverlag seine Liederhefte erscheinen, die er verschenkt.
- 1897 Bekanntschaft mit Lou-Andreas Salomé.
- Leben als freier Schriftsteller in München und berlin, zeitweilig in Florenz (96-99)
- Rußlandreisen: Mai`99 und im Sommer` 1900: Begegnung mit dem todkranken Leo Tolstoi.
- 1901 Heirat mit der Bildhauerin Clara Westhoff, Wohnsitz in Worpswerde, Aufenthalt in Paris (1902-1906) unterbrochen durch Reisen nach Italien und Skandinavien.
- „endgültige Läuterung” durch Kontakt mit dem Bildhauer Auguste Rodin. Rilke wird dessen „Privatsekretär” (1905-1906)
- 1910/11 Reise nach Ägypten und Nordafrika, 1912/13 nach Spanien
- Während des ersten Weltkrieges zeitweilig im Wiener Kriegsarchiv tätig.
- Nach Kriegsende in der Schweiz.
- Rainer Maria Rilke stirbt am 29.12.1926 in Valmont bei Montreux an Leukämie.
Rainer Maria Rilke: Wie hab ich das gefühlt was Abschied heißt. Wie fühl ichs noch: ein dunkles unverwundnes grausames Etwas, das ein Schönverbundnes noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt. Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen, das, da es mich, mich rufend, gehen ließ, zurückblieb, so als wärens alle Frauen und dennoch klein und weiß und nichts als dies: Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen, ein leise Weiterwinkendes -, schon kaum erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum, von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.
Arbeit zitieren:
Eric-Niels Suratny, 1999, Vom Symbol zum Symbolismus - Gegenströmungen zum Naturalismus in der deutschen Literatur der Jahrhundertwende, München, GRIN Verlag GmbH
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Steffi
Interpretation.
Hi!
Dein Aufsatz ist wirklich sehr gut, allerdings fehlt mir die
Gedichtsinterpretation von Stefan George, die du in der
Gliederung angekündigt hast. Schade!
am Tuesday, May 21, 2002-
Ursula Heinze
Symbolismus.
Leider hatte ich erwartet, dass du mir ein Beispiel für die Textinterpretation sendest. Du hast uns mich enttäuscht.
am Monday, March 03, 2003-
Eric Niels Suratny
no comment.
Tut mir leid - wenn ihr schon abschreibt, dann lasst doch die dummen, unsachgemäßen Kommentare!
am Wednesday, July 19, 2006-
Karine Forster
ich finds super- du hast perfekt die wesentlichen merkmale des symbolismus herausgefiltert, außerdem großartige lebensläufe und gedichte von rilke &co. merci bp xD
am Monday, November 28, 2011-