alles das auf die Argumente hinlenken; aber nun sollen sie sich an deren Stelle setzen. Man soll nicht das Argument, sondern den Redner akzeptieren.
Der Redner trägt nicht nur eine These von vielen vor, er trägt die einzige These vor, die richtig ist. Es gibt keine andere. Die Rede ist nicht mehr wie früher Bestandteil einer Diskussion, der Vortragende ist sich vielmehr bewusst, dass er nicht unterbrochen werden wird. Goebbels zum Beispiel inszenierte im Wahlkampf vor der Machtergreifung gegen den damaligen Reichskanzler Dr. Brüning eine politische Diskussion, indem er Schallplatten einer Brüning-Rede vorspielen ließ, und dazu seine Antworten gab. Das war aber nur ein scheinbarer Dialog, wobei durch die Abwesenheit des Kanzlers bewiesen werden sollte, dass es nicht einmal den Funken einer Partnerschaft gab. Selbstredend zu erwähnen, dass es sich ergab, dass der Abwesende unrecht hatte.
Erwähnenswert ist auch die Theaterform der heutigen politischen Propaganda. Früher stand der Redner allein mit seiner Person, Sprache und seinen Gedanken. Der moderne Redner soll jedoch schon wirken, bevor er überhaupt den Mund aufmacht (man braucht sich nur die Wahlkampfveranstaltungen der FPÖ anzusehen). Die Rede ist nur noch ein Bestandteil des großen Schauspiels, und genaugenommen sogar entbehrlich. Man verzichtet auf irgendwelche Zweifel, es gibt nur noch standfest vorgetragene Behauptungen, oder harte Ablehnung. Es existieren keine Zwischentöne mehr zwischen ja und nein, die Sprache wird von Superlativen beherrscht. Die Pose des Redners hat sich dem anzupassen. Er ist stets der Überlegene, und was auf der Gegenseite passiert, ist indiskutabel. Die Redner des Dritten Reiches zum Beispiel wollten nicht einmal Wahrheit vermitteln, sie s pielten lediglich mit einem Zustand der Bejahung und Verneinung jenseits aller Argumente.
Eine besondere Rolle kommt dabei dem Gelächter zu. Während der klassische Redner auf das Lächeln des Verständnisses wartete, strebt man heutzutage an, die Gegner durch lautes Gelächter lächerlich zu machen. Lachende Menschen finden sich ja auch schneller zu einer Gemeinschaft zusammen (Viele Leute beginnen ihren Vortrag zum Beispiel mit einem „Einleitungswitz“.) Das Ziel der Propaganda ist, die Seelen und Gemütszustände der Zuhörer zu manipulieren. Der Hörer ist nur ein Bestandteil einer Masse, und wird als solcher behandelt. Der Vortragende schätzt sein Publikum auch entsprechend niedrig ein. Der wahre Feind ist der Intellektuelle, also derjenigen, der in Verdacht steht zuviel oder überhaupt zu denken, insbesondere in einem totalitären Regime.
Die Redner sind oft betörende Volksaufwiegler und Agitatoren. Diese von Bismarck vorgetragene These im Kampf gegen die Sozialdemokratie definiert Rhetorik als eine Kunst, die affektiv ans Unbewusste appelliert. Kant sagte, dass Rednerkunst die Kunst ist, sich der Schwächen der Menschen zu bedienen, sie ist laut ihm gar keiner Achtung würdig. Nach Goethe ist sie die Hohe Schule des „Verstellens“, eine Disziplin, die, wie Kant behauptete, aufs „Überschleichen“ abzielt, eine Beförderin des „Aufwieglertums“. Sie stellt eine trickreiche Technik dar, mit deren Hilfe man sich gewisse Vorteile im bürgerlichen Leben erarbeiten kann. Ein Vorwurf, den man immer wieder an die
Rhetorik richtet, ist der, dass sie mit Hilfe der Schönrednerei und der Eloquenz im Dienst der Agitation steht, und aufs Argument verzichtet.
Dieser Vorwurf ist falsch. Er beruht auf zwei Irrtümern: Auf der Meinung, Rhetorik sei nur eine Anleitung zum guten Reden, und auf dem Glauben, dass sie sich nur auf die Stil-Kunst beschränkt. Rhetorik ist vielmehr eine Wissenschaft deren Vertreter analysieren, wie Vernunft sprachmächtig und Denken praktisch wird.
So betrachtet ist Rhetorik eine Disziplin, deren Hauptaugenmerk auf der parteilichen Verdeutlichung von Tatbeständen, die am Beginn vage, in einem langen, von Rede und Gegenrede, von Einwurf und Widerspruch geprägten Disput langsam anschaulich werden. Nicht die Ästhetik, sondern die Wirkung ist wichtig. Man muss auch darauf achten, wo was angebracht ist. (So kann man zum Beispiel unter Bauern nicht genauso reden wie unter Akademikern.) Rhetorik ist des weiteren eine Disziplin, deren Macht identisch mit der Verfügbarkeit ist: Früher von der Jurisprudenz und der Theologie in den Dienst genommen, gewinnt sie heute nach langer Zeit erneut an Bedeutung (New Rhetoric). Diese weist auf, dass es keine neutrale Sprache gibt, sondern dass jede Aussage rhetorisch strukturiert ist. Die Wirkungsintentionalität macht ihr Wesen aus und das auf eine Art und Weise, die einer Wissenschaft adäquat ist. Die Rhetorik ist ungeschützt vor Instrumentalisierung und Verkürzung, sowie vor der Verfolgung unmoralischer Ziele. Aber es ist ihr verpflichtender Auftrag, Seelenführung im Horizont der Vernunft zu betreiben, um als Sozialisations- Instrument Kunst und Wissenschaft in gesellschaftlicher Praxis zu realisieren.
Quote paper:
Udo Seelhofer, 2001, Rhetorik und Propaganda, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 35 Pages
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 15 Pages
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 20 Pages
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Termpaper, 14 Pages
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Script, 46 Pages
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 39 Pages
Udo Seelhofer has published the text Rhetorik und Propaganda
Udo Seelhofer has uploaded a new text
Readings in Propaganda and Persuasion: New and Classic Essays
Garth S. Jowett, Victoria O'Donnell
0 comments