Antiamerikanismus. Aber zunächst muss sich Europa so organisieren, dass seine Stimme in der Weltpolitik Gewicht
bekommt. Amerika ist auch deshalb so übermächtig, weil Europa und Asien noch so schwach sind. Amerika
bezeichnet sich als "Führer der freien Welt". Im 21. Jahrhundert wird Amerika anerkennen müssen, dass es auch noch
eine Welt ausserhalb seiner Grenzen gibt, deren Meinungen zur Kenntnis genommen werden muß. Huntington stellt
auf der Seite 35 die Machtkonstellation der Unipolarität in Frage: "Es gibt jetzt nur eine einzige Supermacht. Aber dies
bedeutet nicht, dass die Welt unipolar ist. Ein unipolares System hätte eine einzige Supermacht, keine bedeutsamen
größeren Mächte und viele kleinere Mächte." Es gibt aber eine Reihe solcher "bedeutsamen größeren Mächte", zu
denen sich neben den Mitgliedern der G8-Gruppe immer hörbarer China, Indien und Brasilien gesellen. Er bezeichnet
das derzeitige Übergangsstadium von einem bipolaren zu einem multipolaren System nach einem nur kurzen
"unipolaren Moment" im Gefolge des Zusammenbruchs der Sowjetunion als "uni-multipolar". Lehrreich sind die
Schlussfolgerungen, die Huntington aus der Analyse der weltpolitischen Mächtekonstellation zieht. Er hält das
derzeitige Streben der politischen Entscheidungsträger und ihrer wissenschaftlichen Beraterstäbe nach einem
"globalen Unilateralismus" im Eigeninteresse für kontraproduktiv. Die kooperationsfeindliche Supermacht laufe
Gefahr, zur "einsamen Supermacht" zu werden, die als solche mehr verlieren als gewinnen könne. Er meint, dass
imperiales Gehabe immer Gegenkräfte mobilisiert. Seine zentrale These und Antithese zum Unilateralisten Zbigniew
Brzezinski lautet: Die "einzige Supermacht" brauche jetzt - und nicht erst nach Jahrzehnten - die internationale
Kooperation, um nicht zu vereinsamen. Die USA sollten aufhören, so zu reden und zu handeln, als seien sie eine
unipolare Supermacht. Sie sollten sich von der Illusion verabschieden, ein "gutmütiger Hegemon" zu sein, dessen
Interessen und Werte mit denen der übrigen Welt übereinstimmen. Sie sollten stattdessen ihre Stellung als einzige
Supermacht dazu nutzen, bei der Lösung globaler Probleme die Kooperation anderer Staaten zu gewinnen, um
"selbstbewußten Multilateralismus" auszuüben. Huntington scheut sich nicht, die Selbst- und Fremdeinschätzung
der USA als "gutmütiger Hegemon" in Frage zu stellen. Er zeigt auch Verständnis für die in der übrigen Welt weit
verbreitete Kritik am weltpolitischen Hegemonieanspruch der "unipolaren Superma cht". Er belegt seine Zweifel am
"gutmütigen Hegemon" mit einer Vielzahl von Beispielen einer Hegemonialpolitik, die ihre Interessen gegenüber der
übrigen Welt mit gelegentlich rüder Machtpolitik durchzusetzen versucht, und gebraucht dabei berechtigt harte
Worte. Vom Seerecht bis zum Kyoto-Protokoll, von der Konvention über Artenvielfalt bis zum Handelsembargo
gegen Kuba, von den rabiaten Reformforderungen an die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds bis zum
Internationalen Strafgerichtshof: Amerikanischer Unilateralismus ist allgegenwärtig. Die Verbündeten innerhalb der
"OECD-Welt" und der NATO akzeptierten und forderten die Führungsrolle der USA, die ihnen Sicherheit versprach
und nicht in imperialistischer Manier ausgeübt wurde. Deshalb erhielten die USA auch den guten Ruf der "ersten
nicht-imperialistischen Supermacht", allerdings nicht überall in der Welt. Während sie gegenüber den Partnern in der
G7 und in der NATO eine sanfte Hegemonie pflegten, kann ihr Politikstil gegenüber Lateinamerika durchaus als
imperial bezeichnet werden. Das schlechte Vorbild macht Schule: Warum sollten sich die abgestiegene Großmacht
Russland und die aufsteigenden Großmächte China und Indien anders verhalten? Die Supermacht ist unfähig, überall
in der Welt den Frieden zu erhalten oder zu schaffen. Viele globale Konflikte entziehen sich militärischen Lösungen.
Auch die Friedenssicherung muss multilateral organisiert werden, weil der militärisch übermächtige Hegemon weder
fähig noch willens ist, überall zu intervenieren, wo sich die Anarchie ausbreitet. Dies liegt wohl auch an der Angst,
wieder ein Debakel zu erleiden, wie etwa in Somalia, das wirtschaftlich und politisch für die USA kaum von Bedeutung
ist. Terrorismus bereitet den Regierungen der Vereinigten Staaten und anderer Länder nicht zu Unrecht
Kopfzerbrechen. Das rechtfertigt die enormen Mittel, die der Polizei und den Streitkräften für die Bekämpfung
terroristischer Aktivitäten zur Verfügung stehen. Doch wo immer auf der Welt eine Widerstandsbewegung auftritt, die
womöglich mit gewalttätigen und blutigen Mitteln agiert, wird das der amerikanischen Öffentlichkeit als "Terrorismus"
verkauft, zumal wenn die Unterdrücker, gegen die sich der Widerstand richtet, Freunde oder Vasallen Washingtons
sind. In den neunziger Jahren wurden auf diese Weise die Kämpfe der Libyer, Palästinenser, Kurden und vieler
anderer Völker in Misskredit gebracht. Im Laufe der letzten fünfzig Jahre haben die US-Streitkräfte und ihre Mithelfer
in Korea, Vietnam, Nicaragua, Irak und vielen anderen Ländern "Terroristen" mit Napalmbomben eingedeckt und
massakriert. Die Amerikaner kennen nur schwarz oder weiss. Entweder gelingt es, die massgebenden Staaten der Welt
an seiner Seite zu haben, Staaten, von denen selbstverständlich erwartet wird, dass sie Sitten und Gebräuche
Amerikas übernehmen, oder aber es bestehen schwerwiegende Differenzen, bei denen mit Bedauern festgestellt wird,
dass man diesen Staaten mit Misstrauen, also unfreundlich entgegentreten muss. Eine Anpassung Amerikas kommt
nicht in Frage: Bekanntlich vertreten die USA ja den besten Zustand einer Gesellschaft, die weltweit ein Ideal
darstellen soll. Entwicklung soll stattfinden, aber selbstverständlich nur bei den andern im Sinne einer Angleichung
an das amerikanische Ideal. "America first"-Chauvinismus zeigt sich auch in der Energiepolitik der USA. Sie sind der
größte Energieverschwender, verweigern sich aber allen Erkenntnissen über die Ursachen der drohenden
Klimakatastrophe und der Einsicht, dass der American way of life eine ökologisch fatale Lebensweise ist. Die
Gefahren eines imperialistischen, missionarischen und verständnislosen Amerika für die Welt und für Amerika selbst
sollte vermehrter von so kompetenter Seite wie von Samuel P. Huntington kommen. Warum sollten Europäer nicht
ohne vorauseilenden Gehorsam und ohne Angst, des Antiamerikanismus bezichtigt zu werden, kritisieren, was
Intellektuelle wie Huntington ohne Scheu, das eigene Nest zu beschmutzen, kritisieren? Sind Österreicher dazu
verpflichtet, Kritik am "großen Bruder" zu unterdrücken? Was soll damit bezweckt werden? Wird unsere
Untertänigkeit denn "belohnt"? Sofern Österreich von den USA überhaupt wahrgenommen wird, dann doch ohnehin
mit Arroganz, was ein aktuelles Beispiel zeigt: Es bleibt weiter unklar, ob und wann Kurt Waldheim von der
"Watchlist" gestrichen wird. Amerika wird nicht nur zunehmend und auf gefährliche Weise anmassend, sondern es
bürdet seinen Bürgern und denjenigen anderer Nationen auch unerträgliche Kosten auf . Es bleibt abzuwarten, wie
lange die Welt noch von den USA "regiert" wird.
Arbeit zitieren:
Martin Pelz, 2001, Rezension: Samuel P. Huntington "The lonely Superpower", München, GRIN Verlag GmbH
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