Nietzsche wird nicht müde auf die Gefahren des Historismus und besonders des Übermaßes an Historie hinzuweisen, gerade weil er Leben ohne Historie für genauso gefährlich und unmöglich hält.
Er beschreibt außerdem die Beziehung bzw. die Wechselwirkung zwischen Historie und Leben - das Leben ohne die Geschichte ist nicht möglich, aber zuviel Historie macht das Leben kaputt. „Was man am Christentum lernen kann, dass es unter der Wirkung einer historisierenden Behandlung blasiert und unnatürlich geworden ist, bis endlich eine vollkommen historische, das heißt gerechte B ehandlung es in reines Wissen um das Christentum auflöst und dadurch vernichtet, das kann man an allem, was Leben hat, studieren: das es aufhört zu leben, wenn man anfängt, an ihm die historischen Sezierübungen zu machen.“ (2, Seite 38). „Alles Lebendige b raucht um sich eine Atmosphäre, einen geheimnisvollen Dunstkreis; wenn man ihm diese Hülle nimmt, wenn man eine Religion, eine Kunst, ein Genie verurteilt, als Gestirn ohne Atmosphäre zu kreisen: so soll man sich über das schnelle Verdorren, ..., nicht mehr wundern.“ (2, Seite 39). Hier ist meiner Meinung nach der Gedanke enthalten, dass historische Analyse, d.h. das Durchdringen und Verstehen der Welt mittels Verstand allein nicht ausreicht, sondern, dass das Fühlen des Augenblicks, also das gefühlsmäßige Erfassen der Welt hinzukommen muß. Nietzsche leitet daraus auch Gefahren für den „modernen Menschen“ und die Jugend ab, die hochaktuell erscheinen. Bezogen auf die derzeit geführten Diskussionen um einen Werteverfall in der gesamten Gesellschaft und um die Ursachen zunehmender Gewalt und Aggressivität z.B. unter Jugendlichen. Nietzsche spricht beispielsweise von einer „Schwäche der modernen Persönlichkeit“ (2, Seite 22), die er auch mit der damaligen Bildung in Zusammenhang bringt. Er schreibt: „Unsere moderne Bildung ist eben nichts Lebendiges, weil sie ohne jenen Gegensatz sich gar nicht begreifen lässt, d.h.: sie ist gar keine wirkliche Bildung sondern nur eine Art Wissen um die Bildung, es bleibt in ihr bei dem Bildungs-Gedanken, bei dem Bildungs-Gefühl, es wird kein Bildungs-Entschluss daraus.“ (2, Seite 22). Meint Nietzsche hier vielleicht, dass Aneignen von Wissen und Fakten zum Handeln noch nicht ausreicht, sondern eine Verinnerlichung im Sinne einer Verbindung mit der „unhistorischen“, immer an den Augenblick gebundenen, Gefühlswelt notwendig ist? In der modernen Persönlichkeits - Psychologie wird dies als emotionale Verankerung von Wissen, Normen und Wertvorstellungen bezeichnet, welche eine bedeutende Rolle in der Persönlichkeitsreifung und den sozialen Beziehungen des Menschen spielt. Nietzsche kritisiert, dass übermäßiges Historisieren zwangsläufig zu schädlicher Oberflächlichkeit bei der Wissensaneignung führen könne. „Daraus entsteht eine Gewöhnung, die wirklichen Dinge nicht mehr ernst zu nehmen, daraus entsteht die ‚schwache Persönlichkeit’, ...“ (2, Seite 23). Nietzsche sieht hier Gefahren insbesondere für die Jugend, die die „Masse des Einströmenden“ noch schlechter als der Erwachsene verarbeiten könne und aus diesem Grund entweder „mit einem vorsätzlichen Stumpfsinn“ oder „Ekel“ reagieren könne. „Der junge Mensch ist so heimatlos geworden und zweifelt an allen Sitten und Begriffen.“ (2, Seite 40).
Ich denke, diese Auffassungen Nietzsches haben schon etwas Geniales, wenn man bedenkt das sie vor mehr als einhundert Jahren geäußert wurden.
Trotz oder gerade wegen dieser Genialität hat Nietzsche aber meiner Meinung nach auch etwas von einem irren „Übermenschen“. Ich denke aus seiner Biographie geht hervor, dass er in seinem eigenen Leben und in seiner Gesundheit letzten Endes scheiterte: Vielleicht an seinem eigenen Übermaß an historischer Betrachtung und seiner Getriebenheit zu philosophischen Gedanken, zum Erkennen der Welt und in dem Wunsch, selbst ein Übermensch und immer nur tiefgründig und stark zu sein.
Die Tragik dieses „irren Übermenschen“ bestand wohl darin, dass der „geniale Philosoph“ nicht dazu kam, zu leben, den Augenblick zu genießen und aus der Ruhe einer „unhistorischen“ Lebensart Kraft und eigene Lebendigkeit zu schöpfen. Quellenverzeichnis: 1) Walter Schulz: Philosophie in der veränderten Welt. Neske, Pfullingen 1972, S. 573 - 575
2) Friedrich W. Nietzsche: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben Klett Schulbuchverlag 1995
Arbeit zitieren:
Frank Herzer, 2000, Nietzsche, Friedrich W. - Genialer Philosoph und Irrer Übermensch, München, GRIN Verlag GmbH
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15 Punkte für diese Abhandlung?.
Wohl kaum. Hoffentlich zumindest.
Nietzsches letztendliche Scheitern in Leben und Gesundheit an einem "Übermaß an historischer Betrachtung" festzumachen ist nicht nur wenig überdacht, sondern schlichtweg falsch.
Überhaupt ist der Begriff "Scheitern in seiner Gesundheit" absurd und das "Scheitern im Leben" ist ebenso bestenfalls eine oberflächliche Betrachtungsweise, da Nietzsche sich nach Eigenaussage ("manche werden posthum geboren" aus "Der Antichrist") ja nicht auf seine Gegenwart, sondern auf die Geschichte der nächsten "zwei Jahrhunderte" bezog und seine wachsende Bedeutung in ebendiesen Jahrhunderten heraufkommen sah, was teilweise durchaus der Fall gewesen ist, bzw. noch heute ist.
Es gäbe noch einiges Falsche zu berichtigen, lasst euch jedoch noch eines gesagt sein:
Hört nicht auf die im (allerhöchsten Maße) subjektive Einschätzung des Autors im Schlusssatz über die "Tragik des irren Übermenschen".
Diese nämlich entspricht zweifelsohne nicht den historischen Tatsachen. Die Historie beschäftigte Nietzsche vornehmlich nur in seiner ersten Schaffensphase, ab "Menschliches, Allzumenschliches" (Beginn der zweiten Schaffensphase) beschäftigte er sich vornehmlich mit den Problemen und Schlechtigkeiten seiner Gegenwart, während er in seiner eigentlichen Schaffensphase (ab "Also sprach Zarathustra", d.h. ab der Entwicklung seiner eigenen Philosophie), die Zukunft als eigentliches Thema hatte, weniger jedoch die Historie, welche er schließlich schon zuvor (vornehmlich in Schaffensphase zwei) für überwunden erklärt hatte.
am Thursday, December 13, 2001-
Tobi
Kritik.
Das waren aber keine 15 Punkte!!!
Ein kleiner Tip von mir, sag nicht so oft: ich denke,Ich meine,u.s.w.. Dass kommt nicht an.
am Thursday, December 27, 2001-
Sponti127
So nicht!.
Was für eine dämlich altertümelnde Sprache! so macht man Nietzsche und die ganze Philosophie platt.
am Monday, March 17, 2003-