Die Wörter ”Nichts”, “entführen” (Vers 13) und “vergehen” (Vers 14) verstärken den Drift ins Negative. Durch das Wort “Nichts” wird ebenso wie die Herkunft das Ziel der Liebenden verschleiert. Diese Unbestimmtheit l ässt den Leser wiederum auf ein ebenfalls negatives Umfeld schlie ßen. Das “so lange” in der fünfzehnten und sechzehnten Zeile deutet auf den baldigen Zerfall der Liebe. Der Satz “so lange kann man sie von jedem Ort vertreiben/Wo Regen drohen oder Schüsse hallen” zeigt noch einmal den harmonischen Zustand des Beisammenseins auf, der aber kurz darauf durch das Wort “verfallen” (Zeile 21) ganz zunichte gemacht wird. In Zeile 18 wechselt der fünfhebige Jambus zu einem Sechshebigen. Der Wechsel der Stimmung des Gedichtes schlägt s ich auch in seine r äußeren Form nieder.
Das Gespräch des Dichters mit Wolke und Kranich wirkt durch die vielen Wortauslassungen abgehackt. Diese Eile verdeutlicht die zeitliche Begrenzung des Liebesgl ücks der Wolke und des Kranichs. Die direkte Ansprache in Vers einundzwanzig “ihr fragt ” bildet mit dem “sieh” der ersten Zeile einen Rahmen. Der Dichter kommt auf seine Ursprüngliche Forderung, den Kranichen zuzusehen zurück. Doch er geht noch weiter, er v erlangt vom Lese r sich mit dem Schicksal der beiden Liebenden auseinanderzusetzen und zeigt offen auf, dass das Liebesgl ück nicht ewig hält, sonder einer kurzen zeitlichen Begrenzung unterliegt: “und wann werden sie sich trennen? - Bald.”
Der Dichter zweifelt an der Fähigkeit der Liebe ein “Halt” zu sein, in dem er in Vers dreiundzwanzig das Verb “scheinen” verwendet. Die Liebe ist ihm ke in Trost, sie ist ihm zu unsicher. Während der Beschreibung des Zusammenseins der beiden Liebenden, gerät der Leser mit ihnen in eine Traumwelt. Zurückgeholt wird er durch den jähen Bruch von Harmonie und Bedrohung und durch den deutlichen Hinweis auf den nur kurzen Zeitraum, den Glück und Liebe währen. Die Liebenden jedoch verharren in ihrer sorglosen, vergessen lassenden Stimmung. Sie genießen den Zustand der völligen Hingabe und möchten nicht zurück in ihre Wirklichkeit. Der schäbige Zustand dieser wird umso deutlicher, wenn man bedenkt, dass das Gedicht ursprünglich der Text eines Liedes der Oper “Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny” ist, dass inmitten eines Bordells gesungen wird.
Der Dichter schildert somit den “Ausbruchsversuch” zweier Menschen aus ihrer Umgebung. Das es ihnen in der Realität nicht gelingt, geben sie sich Ihrer Phantasien hin.
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Simone-Ella Fohr, 2001, Brecht, Bert - Die Liebenden - Interpretation #, München, GRIN Verlag GmbH
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