EINSATZ VON PFERDEN BEI KINDERN UND JUGENDLICHEN IM
AUßERSCHULISCHEN LERNORT
Inhaltsverzeichnis..................................................................................................3
Vorwort..................................................................................................................4
Einleitung...............................................................................................................4
1. Pferdestall als Lernort 5
1.1 Die Bedeutung des Tieres für den Menschen 6
1.2 Das Pferd als Symbol und Mythos 7
1.3 Die Entwicklung des Pferds in der Evolution 9
1.4 Die Geschichte des Reitsports 10
1.5 Lebenssituation der Kinder u Jugendlichen in der Gesellschaft 13
1.6 Kind- Tier- Beziehung 14
1.7 Die Geschlechterrolle im Reitsport 15
1.8 Kinder und Jugendliche im Breitensport 17
1.9 Kinder und Jugendliche im Turniersport 18
2. Grundregeln bei der Arbeit mit dem Pferd 19
2.1 Zur Entwicklung des Bewegungsgefühls 21
2.2 Koordinative Grundlagen 23
2.2.1 Gleichgewicht 23
2.2.2 Muskuläre Unterscheidungsfähigkeit 24
2.2.3 Rhythmus 24
2.3 Grundtechnik des Sitzes auf dem Pferderücken 25
2.3.1 Grund- oder Dressursitz 27
2.3.2 Leichter Sitz 28
2.3.3 Rennsitz 28
2.4 Zügel- Schenkel- und Gewichtshilfen 29
2.5 Körperhaltung 33
2.6 Gymnastik ohne Pferd 37
2
3. Reitausrüstung 39
3.1 Reitweisen im Überblick 39
3.2 Turnierklassen im Überblick 41
3.3 Grundausbildung im Reiten bei Kindern und Jugendlichen 42
3.4 Entwicklungsphasen des Kindes 43
3.5 Lernstufen beim Voltigieren und Reiten 46
3.6 Umsetzung des richtigen Sitzens auf dem Pferd 48
3.6.1 Übungen am Führzügel 48
3.6.2 Übungen an der Longe 49
3.6.3 Reiten im Gelände 49
3.7 Funktionsgymnastik mit dem Pferd 49
3.8 Das richtige Pferd als Lehrpferd 51
3.9 Die Rolle des Reitlehrers 52
3.10 Reiten als Therapie 53
4. Resümee 53
5. Anhang 54
6. Literaturverzeichnis 55
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Vorwort
Die Entscheidung, mich im Rahmen meiner Examensarbeit mit der Thematik des Reitsports speziell bei Kindern und Jugendlichen zu befassen, ist aus meinem persönlichen Erfahrungen entsprungen.
Durch das Aufwachsen auf dem seit Generationen betriebenen Pferdezuchtbetrieb meiner Eltern hatte ich schon von Kindesbeinen an engsten Kontakt zu Ponys und Pferden, ich habe somit das Reiten automatisch erlernt. Seit vielen Jahren bin ich auf diesem Hof auch tätig und unterrichte dort Kinder und Jugendliche. Dies brachte mich dazu, mich auch wissenschaftlich damit auseinanderzusetzen, auf welche Weise Kindern, die ohne diesen selbstverständlichen Kontakt zu Tieren aufwachsen, das Reiten nahegebracht werden kann.
Nach Abschluß des Studiums plane ich, auf dem elterlichen Hof einen Reiterhof aufzubauen. Mein Ziel dabei ist, behinderten und nicht behinderten Kindern die Möglichkeit zum Reiten anzubieten und Kindern wieder einen natürlichen Umgang mit Tieren zu ermöglichen.
Einleitung
Zwischen Mensch und Pferd besteht von je her eine ganz besondere Beziehung. Gerade auf Kinder, insbesondere Mädchen, üben Pferde und Ponys eine nahezu magische Anziehungskraft aus. Doch anders als in früheren Zeiten, in denen Mensch und Tier in einer symbiotischen Gemeinschaft lebten und so die Fähigkeit besaßen, sich miteinander zu verständigen und gestische Signale oder Lautäußerungen wechselseitig spontan zu verstehen, ist durch die zunehmende Industrialisierung und Urbanisierung eine Entfremdung entstanden. Die heutigen Stadtkinder wissen z.B. das Signal der angelegten Ohren oder das Schnauben des Pferdes nicht mehr zu deuten. Regelmäßiger Umgang mit Pferden vom Stallsäubern bis hin zum Waldritt kann dazu beitragen, wieder einen Bezug zur Natur herzustellen und dabei die Instinkte wieder zu schärfen, Verantwortung für ein Lebewesen zu erlernen und somit zur Persönlichkeitsentwicklung beizutragen. Auch die Schulung der Bewegungs- und Körpererfahrung ist ein wichtiger Beitrag, den der Reitsport leisten kann. Wichtig ist aber dabei, den Kontakt zwischen den Kindern und den Pferden in pädagogisch sachgemäßer Weise herzustellen, sie nicht zu überfordern und in erster Linie Freude am Kontakt zu den Tieren, zu anderen Kindern und Jugendlichen und an der Bewegung zu vermitteln.
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In der vorliegenden Arbeit wird zunächst die Bedeutung des Pferdes für den Menschen allgemein dargestellt, wobei sowohl auf seine mythische Rolle wie auch auf die Entwicklungsgeschichte des Pferdes und des Reitsports eingegangen wird. Es werden Grundlagen des Reitens dargestellt, um danach deren Umsetzung im Reitunterricht zu beschreiben.
1. Pferdestall als Lernort
Kinder bewegen sich überwiegend in vorgeschrieben Räumen und Plätzen, wo es erlaubt ist zu spielen. Diese Spielräume sind auf die Kinder direkt zugeschnitten und lassen kaum Möglichkeiten für Phantasie. Die moderne Architektur zeigt sich in Form von Siedlungen und geballten Hochhäusern. Heutige Kinder aus Städten leben in einer Form der Verinselung. So erleben sie ihren Lebensraum nicht mehr als ganzes, sondern als Teil voneinander getrennter Bereiche 1 und können ihre Lebensbereiche nicht miteinander verbinden.
Welche gewinnbringende Bedeutung Pferde und Reitställe als außerschulischer Lernort, für die heutige Kindheit und deren Lebensräume haben, soll in den folgenden Kapiteln gezeigt werden.
Die Schule ermöglicht vielen Schülern das Kennenlernen einer oder mehrerer Natursportarten, wie z.B. den Reitsport. In den meisten Fällen handelt es sich um Einsteigerkurse, Arbeitsgemeinschaften oder Klassenfahrten, bei denen eine Natursportart geboten wird.
Auf einer Reitanlage gibt es viele Möglichkeiten etwas zu lernen. Es wird vor allem die Verantwortung gegenüber dem Tier gelernt. Fütterung, Reiten, Pferde pflegen und misten, sind nur einige Beispiele der täglichen Arbeit vor und nach dem Reiten. Insbesondere für Mädchen steht weniger das Reiten, sondern eher die Umsorgung des Pferdes im Vordergrund. Nicht immer ist die Wahl der Ställe möglich, da es oft nur einen Stall in der Nähe gibt. Trotzdem müssen Grundvoraussetzungen vorhanden sein, die eine richtige Reitschule als außerschulischen Lernort erfüllen sollte 2 . Die Reitanlage sollte eine große helle Halle mit
ordentlich eingezäunten Außenplätzen besitzen. Ideal wäre ein gutes Ausreitgelände. Im Stall 1 LUTZ; MANUELA; IMKE BEHNKEN; JÜRGEN ZINNECKER 1997n: B. FRIEBERTSHÄÜSER, A. Prengel (Hrsg.): Weinheim. S. 414-435.
2 GUHL;CHRISTIANE. Pferde und Kinder. S.30.
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sollte eine gute Pferdehaltung erkennbar sein. Geräumige, helle Ställe und vor allem nicht nur Sauberkeit auf den Stallgassen, sondern auch gepflegte Boxen. Die Schulpferde müssen ein ruhiges, ausgeglichenes und sicheres Erscheinen haben. Dieses wird durch einen guten Futterzustand, lebhaftes Ohrenspiel bei den Tieren sichtbar. Eine Vereinsanbindung ist ebenfalls von wichtiger Bedeutung. Hier können zusätzlich Jugendarbeit, Veranstaltungen wie Reiterfeste, Abzeichenprüfungen, kleine Turniere und Ausflüge geplant werden. Kinder und Jugendliche finden durch einen passenden Reitstall viele Möglichkeiten sich körperlich „auszutoben“ und anderen Pferdefreunden anzuschließen.
1.1 Die Bedeutung der Tiere für den Menschen
Die historisch gewachsene Vertrautheit von Mensch und Tier bewirkt auf beiden Seiten bis heute eine spontane Fähigkeit, sich miteinander zu verständigen oder auch eine enge Beziehung miteinander einzugehen.
Infolge der Domestikation und Zuchtauswahl wurden die Tiere vom Menschen so verändert, daß sie sich ihrem Umfeld und dem Verhalten des Menschen in ihrer Eigenart angepaßt wurden. Die Zähmung der Tiere stellte für den Menschen neue Aufgaben dar. Versorgung und Verantwortungstätigkeiten gegenüber den Haustieren veränderten die Rolle und das Selbstverständnis in seinem Umfeld. Die Tiere schienen nicht mehr nur als Fleischlieferant zu dienen, sondern brachten durch Zähmung Nutzen für den Menschen. So sind am Beispiel Pferd, die Menschen spontan in der Lage, die gestischen Signale des Tieres (angelegte Ohren) oder Lautäußerungen (Schnauben) zu deuten, ebenso wie Tiere auf unsere Stimme und Körperhaltung reagieren.
Andererseits wird auch ein Ungleichgewicht zwischen Mensch und Tier deutlich. Massentierproduktion und Massentierhaltung stehen in der Industriegesellschaft im Vordergrund. Mensch und Tier sind nicht mehr in einer Symbiose zu sehen, sondern das Tier steht in einseitiger Abhängigkeit von dem Menschen 3 .
Im Reitsport finden Menschen noch ein Stück des besonderen, außerordentlich differenzierten Mensch- Natur- Verhältnisses. Der Reitsport und der Umgang mit dem Pferd vermittelt einen Ausgleich zum Alltäglichen. Hier steht das Wohlergehen des Tieres in dem Vordergrund. 3 Agrarmarkt. 8/99. S.33
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1.2 Das Pferd als Symbol und Mythos
Pferde dienten immer wieder als religiöse Symbole und wurden sehr verehrt. In den frühgeschichtlichen Kulturen schätzte man sie mehr als alle anderen Tiere. Die ersten Völker die Pferde zähmten und nutzen lernten, waren plötzlich viel schneller und stärker, als sie es sich je vorgestellt hatten. Pferde wurden zum Symbol von Macht und Reichtum. Sie waren die Reittiere der Könige und Krieger. Auch die Götter hatten Pferde, daher spielen in den Sagen übernatürliche Pferde und pferdeähnliche Wesen eine so große Rolle. Die symbolische Bedeutung des Pferdes ist so alt wie die Beziehung des Menschen zu diesem Tier. Gerade der Mythos und der Archetypus Pferd sind in der heutigen Zeit immer wieder aufzufinden und scheinen somit nie an Bedeutung zu verlieren.
Hier einige Beispiele:
- Pegasus war ein herrlicher weißer Hengst mit Flügeln. Der Legende nach wurde er von Bellerophon mit Hilfe der Göttin Athene gezähmt. Pegasus half ihm, ein feuerspeiendes Ungeheuer zu bezwingen. Doch der Besitz des unsterblichen Pferdes hatte Bellerophon übermütig gemacht. Er wollte sich in das Reich der Götter emporschwingen. Das "göttliche" Pferd aber widersetzte sich und schleuderte den irdischen Reiter zu Boden, welchen von da an den Göttern verhaßt war.
- Zentauren sind Wesen der griechischen Sagenwelt mit dem Oberkörper eines Menschen und dem Unterteil und Beinen eines Pferdes. Sie liebten nicht nur das Kämpfen, sondern auch das Trinken. Der berühmteste von ihnen hieß Chiron. Im Gegensatz zu den meisten anderen war er weise und gerecht. Er lehrte Achilles und andere griechische Helden das Jagen, Medizin und Musik. Der Legende nach heißt es, daß der Göttervater Zeus, Chiron nach dessen Tod im Sternbild Zentaurus – zusammen mit dem Zentauren Sagitarius verewigte
- Das Einhorn ist ein Phantasie Pferd – mit einem gedrehten Horn auf der Stirn. Der Legende nach konnte es nur von einer Jungfrau gezähmt werden.
- Odin war der König und höchste Gott in der Mythologie der Wikinger. Er soll die Erde erschaffen und den Göttern und Menschen Furcht eingejagt haben. Der Sage nach galoppierte er mit seinem Pferd Sleipnir auch über die Meere und durch die Luft.
Während sich die vermittelnde Funktion des Pferdes hinsichtlich der Erklärung von Naturereignissen und kosmischen Erscheinungen fast verloren hat, ist seine Bedeutung als Symbol für innerpsychische Ereignisse weitgehend lebendig geblieben. Viele Symbole sind in Vergessenheit geraten, weil sie erklärbar geworden sind, wie z.B. die Blitzsymbolik des Pferdes, in dem das Pferd als Wetterroß erscheint. Das Pferd erscheint in Mythen als
7
Wetterroß und ist für Wind-, Wasser- und Sonne zuständig. In den armenischen Mythen wird der Vergleich von Pferd und Wetter besonders deutlich: „Die Gewitter- und Blitzdämonin Covinar tanzt auf einem feurigen Roß , der Blitz ist ihre Peitsche, der Donner das Getrampel ihres Rosses... Der Winddämon Surb-Sargis reitet auf seinem Schimmel. Sein Roß schnaubt Nebel und Wolken. Von dem Hufschlag (...)erbebt die Erde...“ 4 Der Blitz als Pferd wurde als reinigende Kraft zur Abwehr des Bösen und der Feinde gesehen. So steckten die Germanen Pferdeköpfe als Erinnerung an die blendende Kraft der Sonne und Blitze auf lange Holzstangen. Die sogenannten Neidstangen, die auch in Verbindung mit dem Roßopfer zu sehen sind, waren manchmal Grenzmakierungen und sollten Feinde und böse Geister abschrecken. Heute sind an Fachwerkhäusern noch gekreuzte Pferdeköpfe als Schutzsymbole an Dachgiebeln in zu finden.
BAUM beschreibt das Pferd als ein Tier, daß die Überwindung von Raum und Zeit, der Bewegung sowie Leidenschaft und Angst in sich verbunden hat. Nach BAUM symbolisiert das Pferd gerade in der griechischen Mythologie das Leben. Mit dem Beginn des Reitens konkretisieren sich die mythischen Bilder bezüglich der Auseinandersetzung zwischen Mutterrecht und Patriarchat, da die Roß- Reiter- Symbiose von weit größerer Ausdruckskraft ist als das Streitwagenfahren. Der Mann wird mit dem Pferd zum Reiter und zwingt nach BAUM so die Libido unter sich. Er erhebt sich über die mütterliche Erde und löst sich damit von der Übermacht des Unbewußten. Für die Auseinandersetzungen zwischen Mutterrecht und aufsteigendem Patriarchat gibt e s nach BAUM vor allem drei Mythen die diese Schlüsselfunktion zukommt. Es handelt sich um die Mythen von den Zentauren, von Pegasos und Bellerophon und vom trojanischen Pferd. Sie weisen laut BAUM auf den Übergang von matriachalen zu patriachalen Herrschaftsformen hin: „(...) und alle drei stellen Grundmuster bereit für die Beziehung des Menschen zur Natur, deren Stellvertreter das Pferd ist.“ 5 Im europäischen Kulturkreis gibt es wohl kein anderes Symbol, das seit magisch- mytischen Zeiten bis in die Gegenwart hinein mit solcher Kontinuität tragfähig geblieben ist.
4
SCHACHMEYER, Fritz. München 1950, Seite 89.
5 BAUM, Marlene 1993.S.63
8
1.3 Entwicklung des Pferdes in der Evolution
Geschichtlich betrachtet geht man davon aus, daß die Biographie des Pferdes schon vor 60-70 Mill. Jahre begann 6 . Die Evolution des Pferdes ist besonders interessant, weil das Pferd
Jahrmillionen überdauern konnte, obwohl es weder Hörner noch scharfe Zähne oder Krallen besaß. Das Pferd lebte ausschließlich in der Flucht und im Herdenverband. Ungefähr 1 Mill. Jahre v. Chr. entwickelten sich vier verschiedene Wildformen von Pferden 7 .
Nach der Eiszeit, ab 10.000 Jahre v. Chr. ergaben sich daraus wieder neue Mischformen. Ca. 5.000 Jahren später wurde das Pferd in unterschiedlicher Wildform des Equus caballus domestiziert.
Relativ zeitgleich entdeckte man sowohl in Europa (1838-39) als auch in Nordamerika (1871- 72) Skelettreste eines Wirbeltieres, das Wissenschaftler als den Vorläufer unseren heutigen Pferdes erkannten 8 . In Europa nannte man diesen Fund Hyracotherium, das etwa
„schlieferartiges“ Tier bedeutet. (Schliefer sind in Afrika und Vorderasien verbreitete Säugetiere, die Ähnlichkeit mit Murmeltieren haben und zu der Gruppe der „Fast-Huftiere“, den Paenungulata, gehören). In Nordamerika gefundene fossile Skelettreste wurden Eohippus „Pferd der Morgenröte“ genannt. Untersuchungen fanden heraus, daß beide Funde starke Ähnlichkeiten aufweisen. Während die Hyracotherien in Europa im Zeitalter des Oligozäns (vor ca. 40 Millionen Jahren) vollständig ausstarben, entwickelte sich der Eohippus zu verschiedenen Gattungen weiter. Der Eohippus war nur fuchsgroß und hatte einen nach oben aufgewölbten Rücken, schlanke Beine und mehrzehige Pfoten. Durch Klimawandlungen, Ernährungsprobleme und Umwelteinflüsse entwickelte sich das Pferd zu einem grasfressenden Steppeneinhufer. Während der Eohippus und der sich daraus entwickelnde Orohippus (Sie lebten vor 40-60 Millionen Jahren) ihr relativ geringes Körpergewicht noch leicht durch das weiche, federnde Buschland tragen konnten, brauchten die nachfolgenden Formen des Epihippus und Mesohippus (Sie lebten vor 25-40 Millionen Jahren) schon sehr viel stärkere Beine, um ihren größer und damit schwerer werden Körper tragen zu können. Die jeweils äußeren Zehen bildeten sich zugunsten der mittleren drei zurück, wobei sich diese besonders kräftig entwickelten.
Die Entwicklung des in Europa und Asien angesiedelten Pferdes kann über sehr lange Zeitstrecken hinweg überhaupt nicht verfolgt werden, weil bis heute keine Knochenfunde 6 WERNER H.: 1997, S.6 7 SCHEMEL: 1996, S.33.
8 WERNER H.: 1997. S.6-7.
9
verfügbar sind. So ist man deshalb immer noch auf Vermutungen angewiesen. Aufgrund der Vielzahl der Hauptpferderassen bildeten sich verschiedene Theorien über ihre Entstehung heraus. Anfang des 20 Jahrhunderts teilte man die vorhandenen Hauspferderassen in drei Gruppen Steppenpferde, Waldpferde und Plateaupferde mit je einem Wildpferdevorfahren ein. DARWIN stellt die Hypothese von nur einem Wildpferd (equus ferus) auf, das in mehreren Unterarten von Europa bis Asien vorkam. SPEED (Veterinäranatom) und EBHARDT (Pferdezüchter) stellten die Behauptung auf, daß sich die heutigen Pferderassen aus vier klar unterschiedlichen Urformen Urpony, Tundrenpony, Ramskopfpferd und Steppenpferd, der letzten Eiszeit ableiten 9 . Diese Theorie wird auf
röntgenologische Untersuchungen gestützt.
1.4 Geschichte des Reitsports
Der Anfang der Reiterei kann nur vermutet werden. Wahrscheinlich hat man zuerst ein Kind als Last auf den Rücken des Pferdes gesetzt. Dieses Kind empfand die Bewegung dann vielleicht als angenehm und lustig, so daß auch ausgewachsene Menschen sich auf den Pferderücken wagten. Es existieren keine Angaben über den Zeitpunkt, wann das Pferd zum erstenmal geritten wurde. Es ist nicht einmal sicher, ob das Pferd erst geritten und dann zum ziehen diente.
Möglicherweise kam es auch in Mittel- und Westeuropa zuerst als Reitpferd und später als Zugtier zum Einsatz, weil es hier erst Wagen gab, nachdem die Römer Straßen gebaut hatten. In Asien und Osteuropa aber war dies umgekehrt.
Die ältesten Unterlagen zu Reitkünsten findet man in XENOPHONS Schriften (434 - 355 v. Chr.). 10 Die Reitlehre des Griechen ist der Grundstein der heutigen Reitwissenschaft. Die
Leitlinien seiner Werke „Über die Reitkunst“ und „Der Reitoberst“ haben bis heute ihre Wichtigkeit in der Praxis behalten. XENOPHONS Reitlehre betont vor allem einen unabhängigen, geschmeidigen Sitz des Reiters auf dem Pferd. Wie aus Darstellungen antiker bildender Künstler zu entnehmen ist, waren die Pferde der Athener und Spartaner von mittlerer Größe. Sie stammten aus dem orientalisch - thessalischen Zuchtgebiet und bedurften einer besonderen einfühlsamen Behandlung. Dieses Einfühlungsvermögen, welches die klassische Reitkunst der Griechen auszeichnete, fehlte den Römern. Sie ahmten zwar die
9 FALKEN. 1997 S. 8-9.
10
Reitweisen nach, aber ihre Reitlehre besaß keinen Inhalt. Sie hielten sich die Pferde zur Schaulust für die Masse im Circus Maximus.
Bei den Chinesen waren schon in der vorchristlichen Zeit sogenannte Reitausrüstungen bekannt. Im Laufe der Zeit wurden dann Sättel, Bügel und Eisen allmählich Gemeingut der europäischen Welt. Trotzdem entstand ein Bruch in der Weiterentwicklung in der Reitkunst. Stürme der Völkerwanderung mit ihrer Vernichtung edler Pferdezuchten zerstörten ebenfalls jegliche reiterliche Überlieferung. Das Pferd wurde in dieser Zeit vor allem als Fortbewegungsmittel und Kriegsmaschine genutzt.
Die Jahre des Überganges vom 19. in das 20. Jahrhundert und die Jahrzehnte danach bis in die achtziger Jahre sind in der Reitkunst stark bewegt. 11
Dem Ersten und Zweiten Weltkrieg fielen ebenfalls viele Pferde zum Opfer. Noch weit mehr wurden nach dem Krieg geschlachtet, weil sie nutzlos und unrentabel wurden. Der Zusammenbruch Deutschlands zum Ende des zweiten Weltkrieges 1945 schien auch der Zusammenbruch der deutschen Reitkunst zu sein. 12
Zum Erstaunen aller Beteiligten zeigten sich aber nach relativ kurzer Zeit des wirtschaftlichen Aufbaus wieder neue Ansätze in der deutschen Reitkunst. Der ehemalige „Reichsverband für Zucht und Prüfung deutscher Pferde“ entwickelte sich im Laufe der Jahre durch Zusammenschluß aller am Pferd interessierten Kreise zur „Deutschen Reiterlichen Vereinigung“ (FN). Alle in dieser Vereinigung zusammengeschlossenen Verbände und Personen sehen es als ihre große Verpflichtung an, die traditonsreiche deutsche Reitkultur weiter zu pflegen und ihren Bestand zu sichern.
Für die Jahre 1935 bis 1938 verzeichnete das Statistische Jahrbuch über Ernährung, Landwirtschaft und Forsten der Bundesrepublik Deutschland noch einen Gesamtbestand von durchschnittlich 1.542.000 Pferden, 1962 war ihre Zahl bereits auf 559.000 Pferde gesunken. Den Tiefstand bezifferte die deutsche Reiterliche Vereinigung 1970 mit 252500 Pferden und Ponys; mit der letzten Zählung 1995 konnten bereits wieder 595.848 Pferde und 155.573 Ponys registriert werden.
Obwohl kein Wirtschaftszweig mehr das Pferd als Arbeitskraft nutzt und es keine Kavallerie mehr gibt, wird das Pferd in zunehmenden Maße als Freizeitpartner des Menschen entdeckt. Was früher ausschließlich den Privilegierten vorbehalten war, hat sich mit der Zeit zum 10 FN- (1994).S 12 11 ARNOLD, DIETBERT: Gespräche mit einem Pferdemann: Dr. Rudolf Lessing.1995. S.24 12 AGRARWIRTSCHAFT. BLV Verlagsgesellschaft München Landwirtschaftsverlag Münster – Hiltrup1997. S 249
11
Breitensport entwickelt. Neue Erkenntnisse und grundlegende Änderungen entwickeln die
Reitweisen im Rennsport und im Reiten über Hindernisse in der Jahrhundertwende. Vor allem
das Springen mit dem Pferd erhält einen erhöhten Leistungsstand.
Der Reitsport zeigt immer noch eine aufsteigende Tendenz. Die Pferdezucht hat sich völlig
auf den neuen Trend eingestellt und liefert das gewünschte leichtrittige Reitpferd in fast
idealer Form. 13 Die Tabelle zeigt noch mal den Entwicklungsverlauf des Pferdebestandes von
1950 bis 2000 auf.
Tabelle: Entwicklung des Pferdebestandes in Deutschland. Aus: Agrarwirtschaft, Fachstufe
Landwirt. BLV Verlagsgesellschaft München Landwirtschaftsverlag Münster - Hiltrup1997.
Entwicklung des Pferdebestandes in der Bundesrepublik Deutschland
13 FN- (1992) S. 11
12
Quote paper:
Susanne Blanken, 2000, Interaktion von Kindern und Jugendlichen mit Pferden im außerschulischen Lernort, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Therapeutisches Reiten - Das Pferd in Medizin, Pädagogik und Sport
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Katholischer Kirchenkampf 1933-1945
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