Univer sit ät Essen im Sommer semest er 2002 im Fachber eich 2 - Er ziehungswissenschaf t
Ver anst alt ung: Haupt st uf enseminar mit dem Tit el „Sanf t und ver schleier t ist die Gewalt “ (Bour dieu)
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1
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Die Arbeit „Formen verschleierter Gewalt im nationalsozialistischen Sprachgebrauch“ gründet in ihrer linguistischen Forschungsliteratur zum einen auf einige Aufsatzpublikationen, die im Zuge einer regen Forschungsdiskussion in den 80er-Jahren in den Publikationsorganen „Diskussion
Deutsch“ und „Muttersprache“ erschienen sind und zum anderen auf 9LFWRU.OHPSHUHUXQG'ROI 6WHUQEHUJHU, welche für das Forschungsgebiet der Sprache im nationalsozialistischen Kontext
anerkannter Pionierstatus zugesprochen werden kann. Neben der Verdichtung einiger Ergebnisse der sprachwissenschaftlich-sprachkritischen Analysen zum nationalsozialistischen Sprachgebrauch erfolgt eine Prüfung dieser Forschungsergebnisse auf ihre Belegkraft für Formen „verschleierter Gewalt“. Dabei wird der diskursanalytischen Zugang gesucht, dass heißt die anwendungsbezogene Untersuchung von Bedeutung und Wirkung des Sprachgebrauchs im sozialgeschichtlichen
Kontext, wobei im Rahmen der thesenhaft argumentierenden Ausführungen die Begriffe Prägung und Funktionalisierung eine große Rolle spielen.
Darauf hingewiesen sei, dass der Prägungsbegriff synonym für einen über Reproduktion gesteuerten sozialen Lernprozess von Verhalten verwendet wird, der Funktionalisierungsbegriff im Kontext der und synonym für die Erfüllung der Gewalt verschleierungswirksamen Aufgabe, während der Gewaltbegriff im situativen wie generellen, personalen wie strukturellen, psychischen wie physischen, verschleierten wie unverschleierten Unterdrückungs- und Unterwerfungszusammenhang im nationalsozialistischen Gesellschaftssystem Anwendung findet.
Die Hausarbeit unterlässt wegen Prioritätensetzung die Eruierung der Forschungsentwicklung zum nationalsozialistischen Sprachgebrauch und ist als ein kleiner Einblick in Verschleierungsstrategien auf verschiedenen Diskursebenen der Gesellschaft im Nationalsozialismus aufzufassen.
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Bekannter Vertreter der auf 0LFKHO)RXFDXOW 1 zurückgehenden Diskursanalyse für den Bereich des Nationalsozialismus ist 6LHJIULHG -lJHU 2 , Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Duisburg. Auch 'RULV *RUU 3 nutzt die Diskursanalyse in ihrer Dissertation für die Untersuchung
nationalsozialistischer Sprachwirklichkeit, um Sprache im propagandistischen
Funktionalisierungskontext auf folgender Definitionsbasis zu eruieren:
1 Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt 1974.
2 Jäger, Siegfried: Text- und Diskursanalyse. Eine Anleitung zur Analyse politischer Texte. 5. Auflage. Duisburg 1994. (=DISS-Texte, 16).
3 Gorr, Doris: Nationalsozialistische Sprachwirklichkeit als Gesellschaftsreligion. Eine sprachsoziologische Untersuchung zum Verhältnis von Propaganda und
Wirklichkeit im Nationalsozialismus.
Aachen 2000. (teilw. zugl. Duisburg Universitätsdissertation, 1999.)
2
Handeln in einer bestimmten Gesellschaft“ 4 verweist auf Machtverhältnisse zwischen Sprache, Denken und Handeln, die von -UJHQ 6FKLHZH in einer auch von *RUU zitierten Definition mit
ihren sozial eingebetteten Prägungseigenschaften definiert werden:
6FKLHZHV Schlussfolgerung, der Macht der Sprache durch ihre Prägungseigenschaften über Reflexion
entgegenwirkend zu begegnen, indem man Wörter auf ihren Bedeutungsgehalt hinterfragt und die Wörter auf ihre Passung mit den von ihnen besetzten Objekten überprüft, veranlasst ihn zur Frage nach den Reflexionsmöglichkeiten und dem Reflexionspotential zur Zeit des Nationalsozialismus. Er argumentiert in diesem Zusammenhang mit dem Faschismuskonzept Adornos vom „ autoritären Charakter“ . Die durch Gewalt gestützte Macht der Autoritäten sei für die Lenkung der Menschen über Sprache funktionalisiert worden, ihr Machtfundament nicht unbedingt auf „ Überzeugung“ , sondern auf „ Angst, Bequemlichkeit und Unwissen“ basierend und bauend. 6
Ebenso wie .OHPSHUHU 1946 7 , 6FKLHZH 1998 und -lJHU 2000 8 gebraucht als diskursanalytisches begriffliches Instrumentarium auch *HUKDUG%DXHU 1988 den Begriff der Prägung, wobei er unter
Beachtung gegebener Voraussetzungen die Prägung des gesamtgesellschaftlichen Diskurses auf den Faschismus über das Führerprinzip verdeutlicht:
4 Gorr, Doris (2000): S. 44.
5 Schiewe, Jürgen: Die Macht der Sprache: eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart. München 1998. S. 219.
6 Vgl. Schiewe, Jürgen (1998): S. 219.
7 Vgl. Klemperer, Victor: LTI. Die unbewältigte Sprache. Aus dem Notizbuch eines Philologen. 3. Auflage. München 1969. S. 90 bis S. 92; S. 115; S. 129; S. 135; S.
190; S. 238.
Anmerkung: Klemperer gebraucht den Begriff der Prägung in der Regel zur Charakterisierung der Wirkung von Wörtern, Phrasen, Versen und Spruchbändern auf
das Denken, indem er diese als
„einprägsam“ kennzeichnet, da sie sich leicht in das Gedächnis „einprägen“.
Vgl. Jäger, Siegfried: Unveröffentlichtes Manuskript des Vortrags vom 04.07.2000 an der Universität Bonn zur Veranstaltungsreihe ‚Wissenschaft im 8
Nationalsozialismus’. Duisburg 2000. S. 1 bis S. 22.
3
Ebenso wie 6FKLHZH führt %DXHU ein so genanntes einfaches, unwissendes, geducktes
(Mitläufer-)Gemüt als Bedingung für die Prägung des gesellschaftlichen Diskurses auf den deutschen Faschismus an, wobei er zusätzlich die wirtschaftliche Notsituation kombinierend integriert - weil der Faschismus diese für eindimensionale Erklärungen („ Dolchstoßlegende“ , „ Versailler Diktat“ , „ Verschwörung des internationalen Judentums“ ) bei eindimensionalen Lösungen („ Heil [für und
durch] Hitler“ , „ Volksgemeinschaft“ , „ großdeutsches Reich“ ) zum Zweck der emotionalen Vereinnahmung der wirtschaftlich in Not geratenen Menschenmassen über das Prinzip Hoffnung auf
Erlösung durch einen starken Führer funktionalisiert. %DXHU verdeutlicht über das Führerprinzip
zum einen die Durchsetzung nahezu aller Diskursebenen, zum anderen den permanenten Wiederholungscharakter von in Sprache gefasster nationalsozialistischer Ideologie über die Begrüßungsformel ‚Heil Hitler’ . Diese Permanenz der Transportierung des Führerprinzips
rechtfertigt den Begriff der intendierten Prägung des gesellschaftlichen Diskurses und damit des menschlichen Verhaltens auf den faschistischen Diskurs, wie über etliche weitere Beispiele aus dem Alltag im Nationalsozialismus noch aufgezeigt wird.
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In dieser Arbeit werden im „ sprachlichen Kontext“ Formen nationalsozialistischen Sprachgebrauchs herauskristallisiert und als Diskurse verstanden, das heißt „ im nicht-sprachlichen Kontext“ 10 - in den nationalsozialistischen gesellschaftlichen Rahmen verortet. Über diese Kontextverknüpfung wird versucht, Formen nationalsozialistischen Sprachgebrauchs funktional als Formen verschleierter
9 Bauer, Gerhard: Sprache und Sprachlosigkeit im „Dritten Reich“. Köln 1988. S. 58 bis S. 59.
Vgl. auch Klemperer, Victor (1969) in Kapitel 33 zur „instinktbegabten Hammelherde“: Gefolgschaft. S. 239 bis S. 247.
10 Vgl. Jäger, Siegfried: Text- und Diskursanalyse. Eine Anleitung zur Analyse politischer Texte. 5. Auflage. Duisburg 1994. (=DISS-Texte, 16). S. 35.
4
Gewalt begründend zu identifizieren. Untersucht man Wörter in ihrem Bedeutungsgehalt auf
Gewalt, fallen folgende von +*$GOHUgetroffene Unterscheidungen an:
Analysegegenstand dieser Arbeit ist nicht nur die zweite Gattung, wie man voreilig annehmen kann. Da die Arbeit den diskursanalytischen und damit nicht den primär semantischen Zugang sucht, sind insbesondere auch Wörter der ersten Gattung in ihren diskursiven Wirkzusammenhängen als Formen verschleierter Gewalt fixierbar, was zunächst irritieren mag, aber im Laufe dieser Arbeit begründend dargestellt wird. Nun ist die Frage berechtigt, warum die Verhüllungsfunktion mit dem
nationalsozialistischen Sprachgebrauch in Bezug gebracht wird. +HGGD +HUZLJ schreibt dieser in
ihrer Publikation „ Sanft und verschleiert ist die Gewalt...“ von 1992 keinen großen Raum zu:
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Es ist meines Erachtens - [...] der Nationalsozialismus in seinen Anfängen und Höhepunkten der Machtergreifung und des
+HUZLJ spielt in ihrem Begründungsansatz auf die Wahl von unverhüllten Wörtern der Gewalt zur
Polarisierung von „ Ariern“ und „ Juden“ , einem „ großdeutschen Reich“ und der „ Ausmerzung des
internationalen Judentums“ an. Doch +HUZLJV Schlussfolgerung, dass der nationalsozialistische
Sprachgebrauch wegen seiner Fülle von Wörtern der Gewalt erster Gattung geringe
verschleierungsstrategische Funktion hat, weil die Nationalsozialisten diese Funktion auch wegen des unverhüllten, akzeptiert und gefeierten diktatorischen Staatscharakters als Ausweichmanöver nicht benötigten, wie dies in „ zivilisierten Demokratien“ notwendig ist, weil dort die „ direkte und brutale Ausbeutung unmöglich ist“ 13 , kann - wie diese Arbeit belegen wird, als eine leicht widerlegbare Schlussfolgerung gewertet werden, da ihr auf die nationalsozialistischen Redefiguren beschränkter Begründungszusammenhang Perspektiven auf den Alltagsdiskurs ausschließt. Der Titel Ihres Buches „ Sanft und verschleiert ist die Gewalt...“
11 Adler, H.G.: Wörter der Gewalt. In Muttersprache. 1965. Vol. 75. Heft 7-8. S. 214 bis S. 215.
12 Herwig, Hedda, J.: „Sanft und verschleiert ist die Gewalt...“ Ausbeutungsstrategien in unserer Gesellschaft. Reinbek bei Hamburg 1992. S. 291.
13 Herwig, Hedda, J.: (1992): S. 9.
5
+HUZLJ nimmt %RXUGLHXV „ Entwurf einer Theorie der Praxis“ als Grundlage für die Verhaltensanalyse von Personen ihres sozialen Umfeldes, wobei sie die auch von %RXUGLHX
identifizierte Rolle der Höflichkeitsnormen für die Schaffung und Stabilisierung von Ausbeutungsverhältnissen betont. Über den Begriff der Kompetenz wird im folgenden grob der Begründungszusammenhang zwischen Ausbeutung und Höflichkeit erläutert, da über ihn beispielhaft der Verschleierungsaspekt von Gewalt verdeutlicht werden kann. So identifiziert Herwig über die Höflichkeitsnormen des in-den-Mantel-Helfens und Feuergebens
Verhaltensstrategien, die eine Entwertung der Kompetenz der Frau bei gleichzeitiger Unterordnung unter den Mann erreichen, da dieser - indem er über eine scheinbare Achtbarkeitserweisung der Frau die Rolle des Gebers einnimmt, sein Kompetenzpotential aufwertet, ein Schuldnerverhältnis erstellt und damit das Patriarchat stabilisiert. Dieser den Höflichkeitsregeln inhärente Herrschafts- und damit Ausbeutungscharakter mit der psychischen Folge der kontinuierlichen
Selbstwertgefühlminderung der Frau, demaskiert die Gesten als Formen verschleierter Gewalt. Dass der Mensch sich der Demaskierung von Verschleierungsstrategien widersetzt, weil er „ narzistisch“ geleitet sein „ illusionär gesetztes Ich-Ideal“ aufrechterhalten will und daher die
Perspektive als Opfer und/oder Täter von Verschleierungsstrategien abwehrt, bewertet +HUZLJ als
ein die Durchschaubarkeit dieser Gewaltmechanismen verhinderndes „ Problem“ . Das Bedürfnis des Menschen nach sozialer Zugehörigkeit und sein auf Verpflichtungsgefühlen
aufgebautes schlechtes Gewissen verhindern zudem - so +HUZLJ, auch wenn die Gesten als
unangenehm empfunden werden, tendenziell den laut ausgesprochenen Widerspruch, fördern Anpassung und kappen damit die Möglichkeit für ein auch öffentliches Hinterfragen. 15 Das Verständnis von verschleierter Gewalt nach +HUZLJ wird nun für die argumentative Unterstützung meiner Gegenthese zu +HUZLJ zunächst auf zwei Beispiele aus dem
nationalsozialistischen Alltag übertragen und auf die Rechtfertigung dessen überprüft. Prüfgegenstände sind die Begrüßungsformel „ Heil Hitler“ und die Rolle der Frau.
14 Herwig, Hedda, J.: (1992): S. 9 bis S. 10.
Vgl. Bourdieu, Pierre: Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt am Main 1976.
15 Herwig, Hedda, J.: (1992): S. 22 bis S. 29.
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Arbeit zitieren:
Isabel Ebber, 2002, Formen verschleierter Gewalt im nationalsozialistischen Sprachgebrauch, München, GRIN Verlag GmbH
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